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9.12.2018

Lesungen 08.12.2018


1. Lesung vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Gen 3,9-15. 20
Lesung aus dem Buch Genesis:

Nachdem der Mensch vom Baum gegessen hatte,
   rief  Gott, der HERR, ihm zu
und sprach: : Wo bist du?
Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten;
da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin,
und versteckte mich.
Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?
Hast du von dem Baum gegessen,
von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?
Der Mensch antwortete:
   Die Frau, die du mir beigesellt hast,
   sie hat mir von dem Baum gegeben.
   So habe ich gegessen.
Gott, der HERR, sprach zu der Frau:
   Was hast du getan?
Die Frau antwortete:
   Die Schlange hat mich verführt.
   So habe ich gegessen.
Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange:
Weil du das getan hast, bist du verflucht
   unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes.
Auf dem Bauch wirst du kriechen
und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau,
zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen.
Er trifft dich am Kopf
   und du triffst ihn an der Ferse.
Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva,
Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.



Die Erzählung vom Sündenfall des ersten Menschenpaares gipfelt in der Vertreibung der beiden aus dem wunderbaren Garten, den Gott zunächst als Lebensraum für die Menschen vorgesehen hatte und in dem die Menschen die unmittelbare Nähe und Freundschaft Gottes genießen sollten. Nachdem der Mann und die Frau, durch die Schlange verführt, von der Frucht des Baumes der Erkenntnis gegessen haben, hören sie Gott gegen den Tagwind einherschreiten (vgl. Gen 3:8). Es setzt ein Verhör ein, in dem Gott in erzieherischer Absicht (und nicht wie ein Untersuchungsrichter) den Menschen zum Eingeständnis der ungehorsamen Tat bewegen möchte, um ihn auf den rechten Weg zu führen. Anstelle des Eingeständnisses tritt jedoch ein Entschuldigungsmechanismus seitens des Menschen. Dieser Entschuldigungsmechanismus ist nach der Scham wegen der Nacktheit (vgl. Gen 3:7) die zweite Folge der verloren gegangenen gottgegebenen Ursprünglichkeit. Der Mann schiebt die Schuld auf seine Frau, ja auf Gott selbst, weil er ihm die Frau beigestellt hat. Die Frau schiebt die Schuld auf die Schlange, die zum ungehorsamen Tun verführte. Die Entzweiung der Menschen untereinander und die Entzweiung der Menschen von Gott wird überdeutlich. Durch das Abschieben der Schuld verbaut sich der Mensch zugleich den Weg zur Umkehr und vorerst auch zur Vergebung, die durch das Kommen Gottes grundsätzlich eröffnet wäre. Der von Gott angekündigte Kampf zwischen dem Nachwuchs der Frau und dem Nachwuchs der Schlange beschreibt den von nun andauernden Kampf zwischen den Menschen und den Mächten des Bösen, ein Kampf, in dem es um Leben und Tod geht. Der Fluch, der über die Schlange gesprochen wird, kündigt allerdings indirekt die Überwindung ihrer Macht an. Wenn der Nachwuchs der Frau den Nachwuchs der Schlange auf den Kopf trifft, dann heißt dies letztlich, dass die Schlange den Kürzeren zieht, denn ein Angriff auf die Ferse ist weniger gefährlich als ein Angriff auf den Kopf. Einer wird kommen, um dem Bösen endgültig den Garaus zu bereiten und den Menschen eine neue Zukunft zu weisen: Jesus Christus. Seine Mutter Maria, die von allem Anfang an von der Erbschuld befreit ist, wird die neue Eva sein, über welche das Böse keine Macht mehr haben wird.


Die für den Gottesdienst getroffene Auswahl bietet leider nicht die Dramatik des vollständigen Textes Gen 3,1-24 (vgl. Ungekürzte Fassung). Könnte man nicht doch der Gemeinde den Gesamttext vorstellen, um die Tragweite menschlichen Handelns zu verdeutlichen, die Folge der "Ursünde", aber auch die Verheißung und die Treue Gottes? "Die Schlange" steht nicht für eine (weibliche) Verführungskunst, sondern ist Symbol für Baal, den syrisch-kanaanäischen Fruchtbarkeitsgott, eigentlich ein "Schlangerich". Gott tritt mit den Menschen ins Gespräch. In Folge der Übertretung fühlt sich der Mensch "bloßgestellt". Nicht die erwartete Herrschaft erwächst dem Menschen aus seiner Tat, sondern die Erkenntnis der Erbärmlichkeit. Nun tritt an Stelle des Eingeständnisses der Entschuldigungsmechanismus. Anderen, bis Gott selbst, wird die Ursache zugeschrieben (Vers 12). Was in der liebenden Schöpfung und Erhaltung, was als Gemeinschaftsraum und umsorgter Lebensraum gedacht war (Paradies), wird zum Raum der Einsamkeit, der Angst, der Verschleierung und Beschuldigung (Verse 12 und 13). Gott lässt sich auf keinen Dialog mit der Schlange ein, der fremde Götze ist kein Gesprächspartner Gottes. Ihn/sie trifft das Urteil zuerst. Dann wird das Strafurteil Gottes (im ausgelassenen Text Verse 16 bis 19) über die Menschen fortgesetzt: Lasten bei der Mutterschaft, Erfolglosigkeit der Arbeit... Vers 20 verdeutlicht schon eine Verheißung: Gott lässt Erbarmen walten, Er ist ein Gott des Lebens, Eva wird Mutter allen Lebens. Auch dem Zorn Gottes sind Grenzen gesetzt, wo es um Leben geht. Die (ausgelassenen) folgenden Verse würden des Weiteren zeigen: Gott bekleidet den Menschen, stellt ihn nicht weiter bloß, umsorgt ihn auch in den Folgen des Falles.


Die Lesung ist aus dem Zusammenhang von Gen 3,1-24 genommen, der Erzählung von der Versuchung des Menschen, seinem Fall und seiner Vertreibung aus dem Paradies. Der Einsatz mit Vers 9 läßt die Ursache für den psychologisch hervorragenden Dialog zwischen Gott und dem Menschen vermissen und ist für diesen Festtag nur wegen Vers 15 gewählt: die Frau, die (die Schlange) zertritt - sie ist somit auf Maria gedeutet, die "neue Eva". Die Stelle erzählt von der "ersten Sünde", der "Erbsünde" - insofern paßt sie zum Festgeheimnis, in dem es um die ohne diese Erbsünde empfangene Maria geht. Trotz der auf dieses Thema verkürzten Theologie aufgrund des Ausschnitts würde die Lesung des ganzen Kapitels 3,1-24 wohl zu weit führen.


Die Lesung erzählt vom Sündenfall des ersten Menschenpaares. Der Text versteht sich nicht als historischer Bericht. Vielmehr möchten die ersten Kapitel des Alten Testaments den Menschen charakterisieren, wie er von Anfang an ist. Er ist von Gott darauf angelegt, gut zu sein, wendet sich jedoch gegen diese von Gott erdachte Ordnung. Zugleich beinhaltet die Erzählung eine Beschreibung dessen, was Sünde ist, ohne daß dieses Wort darin vorkommt. Gott zieht die Menschen zur Rechenschaft. Wie in einem Gerichtsverfahren verhört er sie und spricht das Urteil. Theologisch gesehen besteht die Sünde darin, daß der Mensch sich gegen die Ordnung Gottes wendet. Er bewirkt damit die Umkehrung der Schöpfung. Gott hat den Menschen aus Staub geschaffen. Die Folge der Sünde ist, daß er zum Staub zurückkehren wird. Psychologisch gesehen bewirkt die Sünde das Bewußtwerden seiner Nacktheit und die damit verbundene Scham. Weiteres führt die Sünde zur Entzweiung der Menschen: Der Mann belastet die Frau, die Frau redet sich auf die Schlange aus. Ökologisch gesehen bewirkt die Sünde die Entzweiung der ganzen Schöpfung. Was Gott für den Menschen geschaffen hat, wendet sich gegen den Menschen.


Antwortpsalm am Fest der Mariä Empfängnis
Ps 98,1-4

Kv: Singet dem Herrn ein neues Lied;
denn er hat wunderbare Taten vollbracht. - Kv
(oder: GL 55,1)


Singt dem HERRN ein neues Lied,
denn er hat wunderbare Taten vollbracht!
Geholfen hat ihm seine Rechte
und sein heiliger Arm.- Kv

Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht
und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
Er gedachte seiner Huld
und seiner Treue zum Haus Israel. - Kv

Alle Enden der Erde
sahen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem HERRN, alle Lande,
freut euch, jubelt und singt! - Kv


2. Lesung vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Eph 1,3-6. 11-12

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Ephesus:

Gepriesen sei Gott,
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
   durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
   seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
   und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.
In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt
nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt,
   wie er es in seinem Willen beschließt;
wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt,
   die wir schon früher in Christus gehofft haben.



Am Beginn des Epheserbriefes steht nach der Angabe des Absenders und der Adressaten und der üblichen Grußformel ein hymnischer Lobpreis auf das Segens-, Erwählungs- und Erlösungshandeln Gottes. Es ist ein dichter Text, in dem die zentrale christliche Heilsbotschaft in komprimierter Form anklingt: Immer schon - d.h. bereits vor der Erschaffung der Welt - hat Gott uns geliebt und wollte unser Heil. Sein rettendes Handeln kulminiert in seinem Sohn Jesus Christus, der den Weg zu Gott neu öffnet. Die Christus angehören, bilden mit ihm eine Gemeinschaft, sind mit Gottes Geist gesegnet und haben Anteil an der Wirklichkeit Gottes. Ihr Erbe - d.h. das, was ihnen sicher ist - ist der Himmel. Der Anspruch für den Menschen aus diesem wunderbaren Geschehen heißt, heilig und untadelig zu leben und damit der Gnade, die ihm zuteil geworden ist, gerecht zu werden.


Es ist zu überlegen, ob es nicht besser ist, den Gesamttext Eph 1,3-14 (vgl. ungekürzte Fassung) zu verlesen. Gerade die ausgelassenen Vers 7-10, 13-14 korrespondieren mit dem Festgeheimnis "Im Hinblick auf den Erlösertod Christi ... hast du ... Maria ... vor jeder Sünde bewahrt" (vgl. Tagesgebet im Messbuch) und dem Wirken des Geistes Gottes in allen Glaubenden beim Wechselspiel von Ungeist (Sündenfall) und Heiligem Geist (Menschwerdung/Erlösung). Auf die Brieferöffnung (Eph 1,1-2) folgt der große Lobpreis (Eulogie) Verse 3-14. Im griechischen Urtext ist das ein einziger Satz, der zwar (sechs) thematische Einheiten erkennen lässt, aber keine Strophen. Die Exegese sieht in diesem Abschnitt auch kein Gottesdienstlied der frühen Kirche, sondern einen ad hoc geschaffenen Text, zwar im hymnischen Stil, doch Kunstprosa. Die thematische Gliederung: - Verse 3-4: Was Gott getan hat, ist zu preisen. - Verse 5-6: „Aus Liebe" sind wir zur Gemeinschaft und zum Lobpreis berufen. - Verse 7-8: Diese Liebe ist uns geschenkt im Geliebten (Sohn), der uns erlöst hat und uns mit dem Reichtum seiner Gnaden beschenkt hat. - Verse 9-10: Diese Gnade bewirkt, dass uns Gottes ewiger Heilswille und sein Heilshandeln bekannt wird und dass "die Fülle der Zeiten" gekommen ist (korrespondierend zu Gal 4,4 – Festlesung am 1. Januar – Hochfest der Gottesmutter) -Verse 11-12: Hier - wie mehrfach vorher - heißt es "nach" oder "gemäß dem Willen, Plan Gottes". Dieser Plan gilt als Heilsplan seit Ewigkeit her (trotz Sündenfall) und trifft uns, die wir auf Christus hoffen. - Verse 13-14: Diese Verse bringen erst die eigentliche Anwendung des Gesagten auf den Leser/Hörer. In diesen Schlussversen (die man nicht auslassen sollte) wird deutlich, dass wir alle Anteil haben am Erlösungshandeln Christi. Es geht beim Fest um mehr als nur die Erwählung Mariens, es geht um die Erwählung aller Glaubenden durch den Kreuzestod Christi und die Geistsendung. Der Verfasser versteht es, heilsgeschichtliche Linien lang auszuziehen.


Paulus stimmt am Beginn seines Briefes an die Gemeinde in Ephesus ein Loblied an (1,3-14). Es bringt einen Aufriß der Erwählungs- und Erlösungsgeschichte des Menschen, die in Christus gipfelt: Vor der Erschaffung der Welt, vor unserer eigenen Schöpfung sind wir zu Söhnen (Kindern) Gottes vorherbestimmt, erwählt. Wir sollten heilig leben; dies ist nicht gelungen - aber das Blut Jesu Christi bringt uns Erlösung. Schließlich bringt Paulus hier auch seine Theologie des "Erbes": Als Söhne (Kinder) Gottes sind wir erbberechtigt - in der Fülle der Zeiten, die Christus bringt. Gewählt ist diese Stelle für den Festtag aufgrund des folgenden Verses "Erwählt, heilig und untadelig vor Gott zu leben" - dies wird wiederum als in Maria erfüllt angesehen.


Die zweite Lesung bringt eine Art Hymnus aus dem Epheserbrief, einen Lobpreis auf die Erwählung der Getauften. Sprachlich lehnt sich die Komposition an im Judentum gepflegte liturgische Textgattungen an. "Alle Gliederungsversuche sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Preislied ist keine thematische Abhandlung, sondern eine Meditation über den Heilsplan Gottes, der in Jesus Christus verwirklicht worden ist. Von verschiedenen Ansätzen her wird dieses zentrales Mysterium beleuchtet, ohne daß es gelingt, den Schleier ganz zu lüften." (J. Ernst). Unsere Hoffnung Gottes Wort, Die neutestamentlichen Lesungen der Sonn- und Festtage, Auslegung und Verkündigung. Herausgegeben von Otto Knoch und Ehrenfried Schulz, Lesejahr B, Seite 446. Knecht Frankfurt a. M. 1993.


Ungekürzter Text zur
2. Lesung vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Eph 1,3-14

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Ephesus:

Gepriesen sei Gott,
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
   durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
   seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
   und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.

In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut,
   die Vergebung der Sünden
   nach dem Reichtum seiner Gnade.
Durch sie hat er uns reich beschenkt,
   in aller Weisheit und Einsicht,
er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,
   wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.
Er hat beschlossen,
   die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
   das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen,
   was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.

In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt
   nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt,
   wie er es in seinem Willen beschließt;
wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt,
die wir schon früher in Christus gehofft haben.


Ruf vor dem Evangelium am Fest der Erwählung Mariens
Lk 1,28

Halleluja. Halleluja.
Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir,
du bist gebenedeit unter den Frauen.
Halleluja.


Evangelium vom Hochfest Mariä Empfängnis:
Lk 1,26-38

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit wurde der Engel Gabriel
   von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
   zu einer Jungfrau gesandt.
Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt,
   der aus dem Haus David stammte.
Der Name der Jungfrau war Maria.
Der Engel trat bei ihr ein
und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete,
   der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede
und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria;
denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
Siehe, du wirst schwanger werden
und einen Sohn wirst du gebären;
   dem sollst du den Namen Jesus geben.
Er wird groß sein
und Sohn des Höchsten genannt werden.
Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen
   und seine Herrschaft wird kein Ende haben.
Maria sagte zu dem Engel:
   Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
Der Engel antwortete ihr:
   Heiliger Geist wird über dich kommen
und Kraft des Höchsten wird dich überschatten.
Deshalb wird auch das Kind heilig
   und Sohn Gottes genannt werden.
Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte,
   hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen;
obwohl sie als unfruchtbar gilt,
   ist sie schon im sechsten Monat.
Denn für Gott ist nichts unmöglich.
Da sagte Maria:
   Siehe, ich bin die Magd des Herrn;
mir geschehe, wie du es gesagt hast.
Danach verließ sie der Engel.



Die Erzählung von der Verkündigung des Engels an die Jungfrau Maria steht im größeren Zusammenhang der Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Während Israel den Willen Gottes immer wieder abgelehnt hat, ist sie bereit, ihn zu erfüllen: "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast". Maria steht damit als Repräsentantin für Israel, ja mehr noch: für das gesamte Menschengeschlecht, denn die Offenheit der Jungfrau aus Nazareth für das Heilsangebot Gottes einzigartig und beispielgebend. Eine andere Möglichkeit, auf den Anruf und die Verheißung Gottes zu reagieren, zeigt das Lukasevangelium unmittelbar vorher: Zacharias reagiert auf die Verkündigung des Engels Gabriel, dass seine Frau Elisabeth einen Sohn empfangen werde, mit Zweifeln (vgl. Lk 1,5-25). Die Erzähltendenz der Verkündigungsszene ist freilich vor jeder mariologischen Aussageabsicht grundlegend christologisch bestimmt. Es soll die Messianität und Gottessohnschaft Jesu theologisch fundieret werden. Das geschieht durch den Hinweis, dass Jesus sein menschliches Dasein der schöpferischen Tat Gottes im Schoß einer Jungfrau verdankt. Aus der Erzählung erfließt als Bekenntnis: Jesus ist der endzeitliche Messias, der den Davidsthron einnehmen wird, er ist der aus einer Jungfrau geborene „Sohn des Höchsten“ bzw. "Sohn Gottes", er ist der "Heilige" Gottes. Im weiteren Verlauf der lukanischen Kindheitsgeschichte, in welche die Verkündigungsszene eingeflochten ist, wird sich die Gottessohnschaft Jesu immer mehr erweisen, sei es beim Besuch Mariens bei Elisabeth, bei der Geburt in Bethlehem oder bei der Darstellung im Tempel. Immer wieder wird die besondere Bedeutung Jesu in prägnanten Worten hervorgehoben. Die Erzählung will nicht zuletzt das wunderbare Handeln Gottes ins Licht setzen. Zum einen: Gott findet Wege, wie er sich Menschen mitteilt. Im Falle Mariens (wie schon vorher bei Zacharias) sendet er den Engel Gabriel, um seinen Anruf und seine Verheißung kundzutun. Zum anderen: Die Empfängnis des Gottessohnes im Schoß Mariens geschieht durch den Heiligen Geist und die "Kraft des Höchsten". Das Kommen Jesu Christi ist ausschließlich Initiative und Werk Gottes. Es ist nicht eine Frucht menschlichen Handelns. Auf menschlicher Seite sind Verfügbarkeit und Bereitschaft die alleinigen Grundbedingungen, dass Gott Großes, Ja Undenkbares vollbringen kann. Im Hinblick auf das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist die erste Anrede Mariens durch den Engel nach seinem Eintritt relevant: "Sei begrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir". Wie außergewöhnlich dieser Gruß ist, zeigt nicht nur das Erschrecken Mariens, sondern auch der Umstand, dass ein ähnlicher Gruß des Engels in der Parallelerzählung von der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers an Zacharias fehlt. Maria ist von Gott in besonderer Weise erwählt, die Mutter Jesu zu werden. Die Kirche feiert diese Erwählung mit dem Blick auf die Freiheit Mariens von der Erbschuld vom ersten Augenblick ihres Daseins an. In dieser grundsätzlichen Freiheit von der Erbschuld ist auch ihre Offenheit gegenüber dem Kommen Gottes begründet.


Die Verkündigungsszene gehört zur "Vorgeschichte" im Lukasevangelium (Lk 1-2). Parallel zu den Erzählungen über die Geburt Johannes des Täufers wird jetzt (in Überbietung) von Verkündigung und Geburt Jesu erzählt. Die Perikope stellt Maria vor: Name, Wohnort, Stand. Dabei legt Lukas Wert auf die messianisch relevanten Angaben: Haus Davids, Galiläa (Lk 4,14). Die Betonung der Jungfernschaft Marias erfolgt zweimal (Vers 27 a.b) - im Hinblick auf die wunderbare Empfängnis Jesu (vgl. den Bezug zu Jes 7,14). Die Verheißung der Geburt eines Sohnes an Maria wird als Erfüllung der alttestamentlichen Messiasverheißungen gedeutet (V. 31: Gabriel zitiert Jes 7,14; der Thron Davids, die Verheißung der "Herrschaft ohne Ende" sind messianische Themen - vgl. Jes 9,6). Der Perikope geht es also primär um Jesus: um den Nachweis, daß er der verheißene Messias ist - der die Verheißungen (vgl. 2 Sam 7) aber bei weitem übertrifft. Mariologisch ist das Bild Marias, das Lk entwirft, interessant. Sie ist von Gott begnadet und erwählt (Verse 28, 30), sie ist Magd des Herrn (Vers 28), jungfräuliche Mutter des Messias (Verse 27, 31), Braut des Heiligen Geistes (Vers 35). Die Wahl dieses Evangeliums für das Fest Mariä Empfängnis kann leicht zum Mißverständnis des Festgeheimnisses führen: Es geht ja nicht um Jesu Empfängnis (von der das Evangelium berichtet). Indirekt ist das Festgeheimnis (das in keiner Bibelstelle direkt erwähnt wird) zu entnehmen: Der Anrede "du Begnadte" (Vers 28) - meint die göttliche Erwählung Marias. Der Engel sagt "der Herr ist mit dir" - und stellt damit eine bereits bestehende Anwesenheit Gottes fest. Erwählung entspricht nach biblischem Verständnis immer schon Gottes Heilsplan - und zeigt sich bereits in einer Erwählung im Mutterleib (vgl. Jer 1,5; Jes 49,1; Gal 1,15).


Die Erzählung von der Verkündigung der Geburt des Herrn gehört in den Zyklus der sog. Vorgeschichte im Lukasevangelium, ein Sammlung von Erzählungen über die Ankündigung, Geburt und Kindheit Jesu und Johannes des Täufers. Die Ankündigung der Geburt Jesu (Lk 1,26-38) steht der Ankündigung der Geburt des Johannes (Lk 1,5-25) gegenüber. Vom parallelen Aufbau und vom Inhalt her gehören beide Texte zusammen. Johannes wird als der Vorläufer angekündigt, Jesus als der Sohn des Höchsten, als Sohn Gottes. Während Zacharias dem Engel nicht glaubte, antwortet Maria dem Engel mit "Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast." Der Verfasser ist bemüht, Jesus als den verheißenen Messias aus dem Haus Davids und zugleich dessen Abstammung aus der Kraft des Höchsten auszuweisen. Es ist müßig zu fragen: "Wie soll das geschehen?" Es geht um den Glauben an das "Für Gott ist kein Ding unmöglich". Maria wird als die große Glaubende gezeichnet.