23.05.2018

Kontexte 11.01.2015


»... wie neu geboren«

Aus: Franz Kamphaus, Den Glauben erden. Zwischenrufe. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2001.


Wir kennen die Taufe als Sakrament der Wiedergeburt. Wiedergeburt - danach fragen und suchen heute viele Menschen. Sie möchten noch einmal von vorn beginnen, anders, bewusster, wahrer, ohne den ganzen Ballast ihrer Lebensgeschichte. Manche reisen dafür in Gedanken oder auch tatsächlich bis nach Indien. Gibt das nicht zu denken? Während die Wiedergeburt bei vielen Menschen hoch im Kurs steht, sinkt die Wertschätzung unseres Sakramentes der Wiedergeburt. Warum bringen die Menschen ihre großen Lebenshoffnungen und Sehnsüchte nicht mehr mit dem christlichen Glauben zusammen? Hat unsere Taufe den Bezug zum Leben verloren?

Noch einmal von vorne beginnen, wie neu geboren... Wir glauben, dass das in unserer Taufe geschehen ist. Nur erfahren wir das kaum noch, es kommt uns gar nicht mehr in den Sinn. Das ist unser Problem. Dabei haben wir doch alle schon Augenblicke erlebt, da »fühlten wir uns wie neu geboren«. Es war, »als wären wir ein anderer Mensch geworden«. War das nicht so, als uns jemand begegnet ist »fürs Leben«? Oder als uns in dunkler Stunde »ein Licht aufging«? Oder als wir uns entschieden haben zu einem Weg ohne Wenn und Aber?

Oder wir haben Einbrüche erlebt, den drohenden Untergang - und sind doch wieder aufgetaucht, haben den Kopf über Wasser bekommen und Boden unter die Füße. Solche Erfahrungen prägen uns, manchmal für’s ganze Leben. Wir kommen heraus wie neu geboren, wie ein anderer Mensch.

Wie neu geboren! Wie deuten wir solche Erfahrungen, wie verarbeiten wir sie? Wes Geistes Kind sind wir, wenn wir wie neu geboren sind? Am Anfang des Christenlebens steht die Taufe aus dem Wasser und dem Heiligen Geist. Der Geist Jesu eröffnet uns einen neuen, ungeahnten Lebensraum, er eröffnet uns Gott. Er ist der Schlüssel für unsere Erfahrungen, das Ziel unserer Sehnsüchte. Kann man merken, wes Geistes Kind wir sind? Wenn wir selbst entdecken, dass die Taufe uns eine einzigartige Chance schenkt, wie neu geboren zu leben, wird dieses Tor der Taufe für andere wieder auffindbar und lädt zum Eintreten ein.



Heiliger Geist

Aus: Ilse Pauls, Auf dem Weg. Gedichte und Gebete. Edition Club d'Art - international. Klagenfurt, Sonnengasse 16.


Feuer, das brennt,
Wasser, das kühlt,
Wind, der belebt,
unbekannter,
unbenannter,
sanfter,
ausdauernder Rufer,
immerwährender Mahner,
beharrlicher Begleiter,
verständnisvoller Zuhörer:
Bleibe bei uns,
rufe uns zu,
entzünde uns,
sei uns nah,
unsichtbar,
unhörbar,
unspürbar -
aber immer da.



Symphonie für eine Stimme ohne Orchester

Aus: Hans-Joachim Eckstein, Du liebst mich - also bin ich. Gedanken Gebete Meditationen. Hänseler Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1989.


Wenn wir beginnen, Christus zu erkennen,
und anfangen, zu anderen
über seine Erkenntnis zu sprechen,
dann kommen wir uns oft vor wie einer,
der über Kopfhörer eine Symphonie hört
und die Umstehenden durch sein Summen
am Genuß teilhaben lassen will.

Es muß an Gottes Geist liegen,
daß einige bei unseren unzulänglichen Versuchen
tatsächlich das ganze Orchester hören.



Culture Clash

© DiePresse.com 29.06.2013 | 18:05 | von Michael Prüller (Die Presse)


Du sollst! (Teil zwei). Im Idealfall sind kirchliche Gebote ein Paradoxon: Sie verpflichten nur dann, wenn man sie freiwillig befolgt. Das war in Europa leider nicht immer so.

Zuletzt ging es hier darum, dass ein Abt kritisiert hat, dass die katholische Kirche den sonntäglichen Messbesuch als Gebot fasst. Mein Einwand dagegen war, dass solche Gebote kein Zwang sind, sondern hilfreiche Antworten auf die Frage eines gläubigen Menschen: Was muss ich tun, um mein Ziel zu erreichen? Dass solche Gebote auch im Codex Iuris Canonici (CIC) stehen, der Zusammenfassung der kirchlichen Rechtsvorschriften, finde ich allerdings seltsam. Das ist ein wenig so, als würden in unseren Gesetzbüchern Sachen stehen wie: "Alle Österreicher sollen sich vernünftig ernähren und zweimal pro Tag die Zähne putzen."

Vielleicht ist das ein spätes Echo auf das, was der Religionssoziologe Rodney Stark mit Blick auf den Wandel des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert so schildert: "Das Christentum, das über Rom triumphiert hatte, war eine Massenbewegung in einem hochkompetitiven Umfeld. Das Christentum danach [?] war eine etablierte, subventionierte Staatskirche, die sich nicht durch Missionierung des Volkes auszubreiten suchte, sondern indem sie Könige taufte."

Das ist übertrieben, aber nicht ganz falsch. Jedenfalls war es über lange Strecken in der europäischen Kirchengeschichte selbstverständlich, dass Menschen nicht aus einem persönlichen Glaubensakt heraus als Christen lebten, sondern aus obrigkeitlichem Zwang oder sozialem Druck.

Christsein ist aber kein Zustand, in den man versetzt wird. Es ist eine Bewegung hin auf ein Ziel, das Heiligkeit heißt. Das ist keine sauertöpfisch-sublime Fadesse auf Wolke 7, sondern laut Papst Franziskus so: "Heiligkeit ist keine Sammlung von Tugenden wie eine Käfersammlung... Heiligkeit heißt, in der Begegnung mit Jesus Christus zu leben." Wenn Gott das Größte ist, dann ist das Leben in engem Kontakt mit ihm das wahre Leben in Fülle. Ohne das Hinwollen zu diesem Ziel verliert das spezifische kirchliche Angebot der Sakramente (darunter der Gottesdienst) seine Logik. Die Messe wird dann zum abstrakten Ritual, und das Gebot ist nicht mehr aus der Weisheit der Kirche geborene Anleitung, sondern bloße Vorschrift.

Wenn einer also fragt, wie er heilig werden kann, und die Kirche sagt ihm: Du schaffst das nur, wenn du dir die direkte Begegnung mit Christus in der Sonntagsmesse zum festen Angelpunkt deiner Woche machst - dann hat sie meiner Erfahrung nach ganz recht. Aber ich verstehe gut, dass jemand, der gar nicht danach fragt, oder der das Gebot nicht als Antwort, sondern als Befehl erfährt, "plötzlichen Verdruss" verspürt wie im Eugen-Roth-Gedicht: "Er fühlt sich aufs Klosett gesperrt, obwohl er gar nicht muss."

Der Autor war stv. Chefredakteur der "Presse" und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.



Ich kann die Welt nicht verwandeln

Aus: Bruno Griemens, online tot he he@ven. Jugendgebete. Butzon & Bercker Verlag / Verlag Haus Altenberg, Kevelaer 2012 (2009).


Ich kann den Hass nicht besiegen,
nicht den Krieg, nicht die Armut,
nicht den Hunger, nicht die Einsamkeit,
nicht die Krankheit und nicht den Tod.
Doch ich kann
die Hand zur Versöhnung ausstrecken,
Vergeltung unterlassen,
von meinem Reichtum etwas abgeben,
auf übermäßigen Konsum verzichten,
unvoreingenommen auf Menschen zugehen,
da sein, wenn ich gebraucht werde.
Das alles hebt die Welt nicht aus den Angeln,
macht sie aber allemal menschlicher.
Ich will nicht aufgeben,
diese kleinen Schritte zu gehen,
weil ich an ihre Wirkung glaube.



Der Holzweg

Aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft. Worte der Hoffnung. Matthias Grünewald Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2007.


Zugegeben,
wir sind auf dem
Holzweg,
wenn wir ihm folgen:

Auf diesem mühsamen Weg
vom Holz der Krippe
im ärmlichen Stall
zum Holz des Kreuzes,
dem Marterpfahl,
an dem er litt.

Dazwischen
der harte Alltag des
Zimmermanns: Holz,
Balken und Latten ringsum.
Bretter, die die Welt
bedeuten. Das war
seine Welt. Holzgeruch
über Jahre hin.

Und nun also ich:
mit dem Brett
vor dem Kopf und dem
Balken im Auge.
Und ich (lacht nur),
ich will ihm nachgehn.