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Lesungen 19.06.2016


1. Lesung vom 12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Sach 12,10-11; 13,1


Lesung aus dem Buch Sacharja:

So spricht der Herr:
Über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems
werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen.
Und sie werden auf den blicken,
den sie durchbohrt haben.
Sie werden um ihn klagen,
wie man um den einzigen Sohn klagt;
sie werden bitter um ihn weinen,
wie man um den Erstgeborenen weint.
An jenem Tag wird die Totenklage in Jerusalem
so laut sein wie die Klage um Hadad-Rimmon
in der Ebene von Megiddo.
An jenem Tag wird für das Haus David
und für die Einwohner Jerusalems
eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit.



Im Buch des Propheten Sacharja wird immer wieder die Sehnsucht nach dem Reich Gottes und die Sammlung der Völker beschrieben. Im 12. und 13. Kapitel wird dies im Bild des leidenden Gottesknechts entfaltet, in dem das Neue beginnt. Damit verbunden ist, dass das Haus David wieder zur Blüte kommt. Auf diese Stellen verweisen oft die christlichen Prediger. Im vorliegenden Text wird die Not dem erwarteten Neubeginn gegenübergestellt. Auf der einen Seite Klagen und Weinen, auf der anderen Seite eine Quelle der Reinigung.


Die Lesung ist dem Prophetenbuch Sacharja entnommen. Sacharja hat um 520 v. Chr. in Jerusalem gelebt. Im vorliegenden Abschnitt geht es jedoch um eine Fortschreibung seines Werkes, die etwa um 300 entstanden sein dürfte. Diese Zeit ist davon geprägt, daß sich die Periode der Propheten dem Ende zuneigt. Die Botschaft ihrer Verkündigung liegt bereits schriftlich vor. Es ist nichts wesentlich Neues mehr zu erwarten. Der Abschnitt unserer Sonntagslesung beschreibt vorausblickend die Ereignisse am Ende der Zeiten, nach dem großen Völkersturm auf Jerusalem (Sach 12,2-8). Jahwe selbst wird den Angriff auf seine heilige Stadt Jerusalem abwehren, über das Geschlecht Davids und die Einwohner Jerusalems seinen Geist ausgießen und für sie eine Quelle der Reinigung fließen lassen. Die Ausgießung des Geistes bewirkt eine tiefgreifende Umkehr und befähigt zu Mitleid - heute könnte man dabei eher an Humanität und Solidarität mit den Leidenden denken - und zu Gebet, d. h. Gottverbundenheit. Die Befähigung zum Mitleid wird konkretisiert im Blick auf denjenigen, "den sie durchbohrt haben". Wer mit dem Durchbohrten gemeint ist, läßt sich nicht exakt bestimmen. Es könnte ein zeitgenössischer Märtyrer des Judentums, eine historische Persönlichkeit oder der ebenso wenig bestimmbare Gottesknecht der Gottesknechtslieder des Jesaja (vgl. Jes 53) gemeint sein. In der weiteren Theologiegeschichte wurde der Durchbohrte meist auf Jesus Christus hin gedeutet. Die zweite Gabe Jahwes, die Reinigungsquelle, läßt an eine Reihe von biblischen Wassermotiven denken: Sie erinnert an den Paradiesesstrom (Gen 2,10), an die Tempelquelle (Ez 47) oder an die Reinigung der Herzen (Ez 36).


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Sach 12,1 - 13,1

Lesung aus dem Buch Sacharja:

Ausspruch.
Das Wort des Herrn über Israel.
Der Spruch des Herrn,
der den Himmel ausgespannt, die Erde gegründet
und den Geist im Innern des Menschen geformt hat:
Seht, ich mache Jerusalem zur Schale voll berauschendem Getränk
für alle Völker ringsum.
An jenem Tag mache ich Jerusalem für alle Völker zum Stein,
den man hochstemmen will:
Jeder, der ihn hebt, wird schwer zerschunden.
Alle Völker der Erde werden sich gegen Jerusalem verbünden.
An jenem Tag - Spruch des Herrn - bringe ich alle Pferde in Verwirrung
und ihre Reiter zur Raserei.
Über dem Haus Juda aber halte ich meine Augen offen,
während ich alle Pferde der Völker mit Blindheit schlage.
Dann werden die Anführer Judas denken:
Die Einwohner Jerusalems sind stark
durch den Herrn der Heere, ihren Gott.
An jenem Tag mache ich Judas Anführer
gleich einem Feuerbecken im Holzhaufen
und gleich brennenden Fackeln in den Garben.
Sie fressen alle Völker ringsum, rechts und links.
Jerusalem aber wird weiterhin an seinem Ort bleiben, in Jerusalem.
Dann wird der Herr zuerst die Zelte Judas retten,
damit der Stolz des Hauses David
und der Stolz der Einwohner Jerusalems
nicht zu groß wird gegenüber Juda.
An jenem Tag beschirmt der Herr die Einwohner Jerusalems,
und dann wird selbst der von ihnen, der strauchelt, wie David sein
und das Haus David an ihrer Spitze wie Gott,
wie der Engel des Herrn.
An jenem Tag werde ich danach trachten, alle Völker zu vernichten,
die gegen Jerusalem anrücken.
Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems
werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen.
Und sie werden auf den blicken,
den sie durchbohrt haben.
Sie werden um ihn klagen,
wie man um den einzigen Sohn klagt;
sie werden bitter um ihn weinen,
wie man um den Erstgeborenen weint.
An jenem Tag wird die Totenklage in Jerusalem
so laut sein wie die Klage um Hadad-Rimmon
in der Ebene von Megiddo.
Das Land wird trauern, jede Sippe für sich:
die Sippe des Hauses David für sich und ihre Frauen für sich;
die Sippe des Hauses Natan für sich und ihre Frauen für sich;
die Sippe des Hauses Levi für sich und ihre Frauen für sich;
die Sippe des Hauses Schimi für sich und ihre Frauen für sich;
alle überlebenden Sippen,
jede Sippe für sich und ihre Frauen für sich.
An jenem Tag wird für das Haus David
und für die Einwohner Jerusalems
eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit.


Antwortpsalm am 12. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 63,2-6. 8-9

R Meine Seele dürstet nach dir, mein Gott. - R

Gott, du mein Gott, dich suche ich,
meine Seele dürstet nach dir.
Nach dir schmachtet mein Leib
wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. - (R)

Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum,
um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Denn deine Huld ist besser als das Leben;
darum preisen dich meine Lippen. - (R)

Ich will dich rühmen mein Leben lang,
in deinem Namen die Hände erheben.
Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele,
mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen. - (R)

Ja, du wurdest meine Hilfe;
jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.
Meine Seele hängt an dir,
deine rechte Hand hält mich fest. - R


2. Lesung vom 12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Gal 3,26-29

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater:

Ihr seid alle durch den Glauben
Söhne Gottes in Christus Jesus.
Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid,
habt Christus (als Gewand) angelegt.
Es gibt nicht mehr Juden und Griechen,
nicht Sklaven und Freie,
nicht Mann und Frau;
denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus.
Wenn ihr aber zu Christus gehört,
dann seid ihr Abrahams Nachkommen,
Erben kraft der Verheißung.



Die Grundfrage des Galaterbriefes ist die Frage danach, was die Verbundenheit mit Christus bewirkt und auf welchem Weg die Gerechtigkeit Gottes zum Zug kommt. Daher die Betonung auf das Neue nach der Taufe. Weder Nation noch Stand zählen, sondern der Neubeginn in Christus.


Im Galaterbrief, dem die Lesung entnommen ist, unternimmt Paulus eine grundlegende Auseinandersetzung mit Christen, die aus der jüdischen Tradition kommen. Ihm geht es um die Gerechtwerdung durch den Glauben. Für das Judentum war die Zugehörigkeit zum auserwählten Gottesvolk das entscheidende Kriterium für da Heil eines Menschen. Durch die Beschneidung wurde man Mitglied dieses Volkes, man wurde ein "Sohn Abrahams". Im Hintergrund steht die dem Judentum geläufige Vorstellung von der "universalen Persönlichkeit", d. h. daß im Stammvater eines Volkes bereits das ganze Volk vorgebildet ist. Damit ergeben sich klare Abgrenzungen: Man kann Unbeschnittene nicht Beschnittenen gleichstellen, Frauen konnten nicht beschnitten werden, Beschnittene konnten nicht Sklaven im eigenen Volk werden etc. Paulus stellt nun Abraham als Prototyp des Glaubenden hin. Er ist der Stammvater im Glauben. Der Glaube ist das entscheidende Kriterium anstelle der Beschneidung. Als neues Motiv kommt die Taufe hinzu. Die Taufe ist jedem zugänglich, der an Jesus Christus glaubt: Unbeschnittenen in gleicher Weise wie Beschnittenen, Frauen wie Männern, Sklaven wie Freien. Jeder Getaufte wird mit Christus zu einer "universalen Persönlichkeit" verschmolzen, "sie alle sind 'einer' in Christus Jesus. Mit Christus und durch Christus ist der Getaufte "Sohn (bzw. Tochter) Gottes". Das Mannsein, Frausein, der gesellschaftliche Stand und die Beschneidung werden theologisch belanglos. Wie schwer dies ins Praktische umzusetzen ist, zeigt die weitere Geschichte. Schon Paulus erlegte den Frauen ein Redeverbot in der Gemeinde auf (vgl. 1 Kor 14), die Überwindung der Sklaverei sollte noch Jahrhunderte dauern, die Gleichstellung der Frauen ist bis heute weder in Gesellschaft und noch weniger in der Kirche befriedigend gelungen.


Ruf vor dem Evangelium am 12. Sonntag im Jahreskreis (C)
Joh 10,27

Halleluja. Halleluja.

(So spricht der Herr:)
Meine Schafe hören auf meine Stimme;
ich kenne sie, und sie folgen mir.

Halleluja.


Evangelium vom 12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 9,18-24

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

Jesus betete einmal in der Einsamkeit,
und die Jünger waren bei ihm.
Da fragte er sie:
Für wen halten mich die Leute?
Sie antworteten:
Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija;
wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
Da sagte er zu ihnen:
Ihr aber, für wen haltet ihr mich?
Petrus antwortete:
Für den Messias Gottes.
Doch er verbot ihnen streng, es jemand weiterzusagen.
Und er fügte hinzu:
Der Menschensohn muß vieles erleiden
und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden;
er wird getötet werden,
aber am dritten Tag wird er auferstehen.
Zu allen sagte er:
Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst,
nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren;
wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
der wird es retten.



Der Zusammenhang zwischen Leiden und Kreuz auf der einen Seite und Befreiung und Heilung auf der anderen Seite bestimmt die Evangelien. So kommen auch hier die unterschiedlichen Erwartungen der Jünger und der Berufung Jesu zum Tragen. Die Frage Jesu nach der Meinung der Jünger, das Bekenntnis zum Messias und die Leidensaussage sind eigentlich drei unterschiedliche Themen, die hier verbunden werden. Am Anfang des Evangeliumsabschnitts steht die Gebetszeit Jesu. Aus der Vertiefung seiner Beziehung zum Vater kann er sich auf die ganz andere Erwartung der Jünger einlassen und doch auf sein Thema der Kreuznachfolge kommen.


Das Evangelium präsentiert die lukanische Fassung des Messiasbekenntnisses der Jünger und Jesu Worte zur Nachfolge. Lukas ist bei der Abfassung seines Evangeliums die Version des Markus vorgelegen. Er hat sie an einigen Punkten geändert, weil die Geschichte, wie sie Mk erzählt, nicht in die Situation seiner Leserschaft paßt und sich auch nicht auf der Linie seines theologischen Konzeptes befand. Jesus fragt seine Jünger, was die Leute von ihm halten. Diese tragen die Auffassungen die Leute vor. Sie reihen ihn unter die Propheten als gottgesandte Heilsverkünder ein. Die Einschätzung der Jünger, die Petrus stellvertretend für alle formuliert, geht einen Schritt weiter. Sie sehen in ihm den von Gott gesandten Messias. Dabei werden sie jedoch von der damals im Judentum üblichen Messiasvorstellung bestimmt. Jesus versucht diese Erwartungen zu korrigieren und weist darauf hin, daß der Weg des Messias unerwartet anders zu verlaufen habe. Was das bedeutet, werden die Jünger erst nach dem Tod, der Auferstehung und der Geistsendung begreifen. Der Evangelist Markus erzählt darüber hinaus, daß Petrus Jesus vom Leidensweg abhalten will, und wie Jesus ihn als Versucher zurückweist. Dieses Motiv läßt Lukas aus, da es nicht zu seinem Petrusbild paßt. Probleme hat Lukas wohl auch mit der Aufforderung zur Leidensnachfolge, wie sie bei Markus vorliegt. Für Markus beinhaltet sie die Annahme von Verfolgung um des Evangeliums willen und die Bereitschaft zum Martyrium. Für die Situation der Lukas-Gemeinden war das nicht aktuell. Was kann Kreuzesnachfolge aber unter diesen Gegebenheiten bedeuten? Der Evangelist betont die tägliche Annahme des Kreuzes. Andere Textstellen (wie z. B. Lk 14,25-33) deuten darauf hin, daß der Evangelist vor allem an die Integration in die Gemeinde und die damit verbundene Selbstaufgabe bis hin zum Verzicht auf eigenen Besitz denkt. Diese Selbstaufgabe ist im Alltag zu vollziehen.