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Lesungen 24.07.2016


1. Lesung vom 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Gen 18,20-32

Lesung aus dem Buch Genesis:

In jenen Tagen sprach der Herr zu Abraham:
Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra,
ja, das ist laut geworden,
und ihre Sünde, ja, die ist schwer.
Ich will hinabgehen und sehen,
ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht,
das zu mir gedrungen ist.
Ich will es wissen.
Die Männer wandten sich von dort ab
und gingen auf Sodom zu.
Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.
Er trat näher und sagte:
Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?
Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt:
Willst du auch sie wegraffen
und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?
Das kannst du doch nicht tun,
die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen.
Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen.
Das kannst du doch nicht tun.
Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?
Da sprach der Herr:
Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde,
werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.
Abraham antwortete und sprach:
Ich habe es nun einmal unternommen,
mit meinem Herrn zu reden,
obwohl ich Staub und Asche bin.
Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf.
Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten?
Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten,
wenn ich dort fünfundvierzig finde.
Er fuhr fort, zu ihm zu reden:
Vielleicht finden sich dort nur vierzig.
Da sprach er:
Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.
Und weiter sagte er:
Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede.
Vielleicht finden sich dort nur dreißig.
Er entgegnete:
Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.
Darauf sagte er:
Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden.
Vielleicht finden sich dort nur zwanzig.
Er antwortete:
Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.
Und nochmals sagte er:
Mein Herr zürne nicht,
wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife.
Vielleicht finden sich dort nur zehn.
Und wiederum sprach er:
Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.



Abraham wird als rettende Gestalt dargestellt. Er verhandelt mit Gott um die Zukunft der gerechten Menschen. Er will das rechte Handeln der wenigen Guten so hoch ansetzen, dass es das schlechte Handeln aller anderen ausgleichen kann. Im Evangelium vom Unkraut im Acker wird es anders sein. Da bleibt das Unkraut zunächst verschont, um die gute Saat nicht zu gefährden, Später aber erlebt Unkraut auch Untergang. Die Geschichte schließt an die Begegnung unter den Eichen von Mamre an, wo Abraham die Verheißung der Geburt Isaaks bekommt. Gott zeigt ihm: Auf dir liegt mein Segen. Den will Abraham nun für die Bevölkerung Sodoms einsetzen. Während der Verhandlung zwischen Jahwe und Abraham sind die Begleiter schon unterwegs, um zu zerstören. Die Bedrohlichkeit der Lage wird sichtbar.


Die Gerechtigkeit, die von Gott kommt leuchtet in diesem Abschnitt auf. Der Mensch, die Menschen, ist und sind es, die Gott ein Herzensanliegen sind. Mit der Frage, die scheinbar uns Menschen schon immer beschäftigt: "Müssen die Guten mit den Bösen leiden?" handelt und redet Abraham mit Gott. Der Sinn für die kollektive Verantwortung im Alten Israel war groß - der Blick galt immer auch der Sippe, nie nur dem Einzelnen. Wenig Gerechte werden genügen, um die Welt zu retten. Letztlich wird diese Stelle wohl schon darauf hinweisen, dass am Ende ein Einziger Gerechter uns Menschen retten wird. - Jesus, der Sohn Gottes. Gott heißt das Böse nicht gut, übersieht es auch nicht, spricht es an. Doch nicht die Vernichtung, sondern die Erlösung, die Los-Lösung von all dem, was Leben vernichten will, steht für Gott an erster Stelle. Darin will er uns Menschen bestärken. Abraham steht für all die, die versuchen gerecht zu leben, die den Mut haben mit Gott zu hadern, die Gott letztlich vertrauen.


Sodom und Gomorra sind sprichwörtlich geworden für die Um- und Zustände, die dort herrschten. Trotzdem liegt der Akzent dieser Stelle nicht auf der Bestrafung der Sünden, sondern auf der Rettung der Gerechten. Berührend ist, wie Gott seinen Freund Abraham ins Vertrauen zieht. Der Patriarch spricht mit Gott in einem vertraulichen Ton, eindringlich, ja gerade zu aufdringlich. Als "Vertrauter" Gottes kann er Fürsprecher und Heilsvermittler für andere werden. Er trägt Verantwortung für das Heil oder Unheil anderer Menschen, Gott läßt ihn mitreden und entscheidet nicht über die Köpfe hinweg. Rettung oder Strafe Im Alten Testament gilt oft der Grundsatz, daß die Schuld einer Gemeinschaft auch auf dem persönlich Unschuldigen lastet. Abraham versucht diesen Grundsatz umzukehren, dahin gehend, daß die Gerechtigkeit einzelner auch eine schuldig gewordene Gemeinschaft retten kann. Die Gerechtigkeit Gottes ist also so zu verstehen, daß es ihm nicht darum geht, Sünder zu bestrafen, sondern die "Gerechten", d.h. die Unschuldigen, die Rechtschaffenen zu retten und mit ihnen sogar die von der Schuld geprägte Gemeinschaft. Das Argument, warum Gott Abraham ins Vertrauen zieht ist Gen 18,18: "Abraham soll doch zu einem großen mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen." Heil und Segen ist der Grund dafür, daß Gott Abraham provoziert, Fürbitte zu leisten. Das Minimum an Gerechten, für die sich Abraham die Schonung der ganzen Stadt erbitten zu traut, sind zehn, daß heißt, zehn Familienväter samt ihren Familien und Gesinde. Eine Familie kann nur eingebettet in eine größere Gemeinschaft überleben. Retten, was zu retten ist In der folgenden Erzählung erweist sich aber Lot, der Neffe Abrahams als der einzige Gerechte in der Stadt. Obwohl Lot bereit ist, alles zu geben, sogar das Äußerste zu tun, indem er seine Töchter preisgeben würde, wird er von der Gemeinschaft der Stadt ausgeschlossen, weil er Gastfreundschaft geübt hat. An dieser Gemeinschaft ist nichts mehr zu retten, nicht einmal mehr ihre Funktion als Überlebenshilfe, weil sie für Lot sogar zur Bedrohung wird. Lot, seine Frau und seine beiden Töchter werden aus der Stadt hinaus geführt, unter der Bedingung, nicht zurück zu schauen. Lot und seine Töchter klammern sich nicht an Vergangenes sondern suchen nach neuen Überlebensmöglichkeiten für die Zukunft: eine kleine Stadt, die ihnen Schutz und Sicherheit bieten kann. Nur die Frau Lots schaut zurück und erstarrt zu einer Salzsäule. Indem sie zu sehr an Altem hängt, nimmt sie sich die Möglichkeit neuen Lebens.


Antwortpsalm am 17. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 138,1-3. 6-8

R Herr, du hast mich erhört an dem Tag, als ich rief. – R

Ich will dir danken aus ganzem Herzen,
dir vor den Engeln singen und spielen;
ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin
und deinem Namen danken für deine Huld und Treue. - (R)

Denn du hast die Worte meines Mundes gehört,
deinen Namen und dein Wort über alles verherrlicht.
Du hast mich erhört an dem Tag, als ich rief;
du gabst meiner Seele große Kraft. - (R)

Ja, der Herr ist erhaben;
doch er schaut auf die Niedrigen,
und die Stolzen erkennt er von fern.
Gehe ich auch mitten durch große Not:
du erhältst mich am Leben. - (R)

Du streckst die Hand aus gegen meine wütenden Feinde,
und deine Rechte hilft mir.
Der Herr nimmt sich meiner an.
Herr, deine Huld währt ewig.
Lass nicht ab vom Werk deiner Hände! - R


2. Lesung vom 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Kol 2,12-14

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser:

Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben,
mit ihm auch auferweckt,
durch den Glauben an die Kraft Gottes,
der ihn von den Toten auferweckt hat.
Ihr wart tot infolge eurer Sünden,
und euer Leib war unbeschnitten;
Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht
und uns alle Sünden vergeben.
Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen
und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben.
Er hat ihn dadurch getilgt,
daß er ihn an das Kreuz geheftet hat.



Im Kolosserbrief wird die Lehre über Jesus abgesetzt gegen verschiedene Philosophien, Religionen und andere Lehren. Um das leisten zu können, wird in Kol 2,8-15 eine Christologie entwickelt, die den Anspruch des Briefes erklären kann. Christus ist Sündenvergeber, Erlöser, Vorbereiter einer neuen und wahren Zukunft. Wer sich darauf einlassen will, muss sich mit dem Tod Jesu auseinandersetzen. Und er sollte einen persönlichen Zugang zu diesem Ereignis gefunden haben.


Das Schreiben wurde von einem namentlich nicht bekannten Paulusschüler verfasst und ist ca. 61 n. Chr. entstanden. Die damals aufgetretenen Irrlehren und die damit verbundene Weltangst waren wohl der Anlass für das Schreiben. Der Verfasser kämpft gegen zu eigenartige Frömmigkeitspraktiken an und versucht, den Blick auf das Leben des neuen Menschen in Jesus Christus zu richten. Weder verschiedene Philosophien noch so klare und scheinbar fromme Überlieferungen und Gesetzesbräuche können dem Menschen helfen. Durch die Taufe wurden wir hineingenommen in die göttliche Kraft, die Leben verheißt und schenkt. Mit der Taufe wurden wir auch in die Auferstehung Jesu mit hineingenommen. Dieses neue Leben ist wirkkräftig. Gott hat uns angenommen. Alle Schuld ist vergeben. Der Glaube an die rettende Kraft, die von Gott kommt und in Jesus Christus erfahrbar wurde, kann und wird dieses neue Leben bewirken.


Christus ist das Zentralthema in der Verteidigung gegen die Irrlehrer in Kolossä. Schon im Christushymnus wird das deutlich. Im Abschnitt 2,9-15 ("ungekürzte Textfassung") aus dem die Tageslesung genommen ist, wird noch einmal die Stellung und die Funktion Christi herausgestellt. In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit, und zwar leibhaftig, wesentlich, das heißt: Christus ist ganz Gott, nicht Teil eines göttlichen Kosmos. In seiner Person ist Gott wirklich und wesenhaft anwesend. Nicht nur bruchstückhaft oder ansatzweise ist Gott in ihm da, sondern ganz und auch dauerhaft, weil die Fülle Gottes, Gott selbst, in ihm "wohnt". (Kol 2,9) Diese Fülle Gottes erfüllt von Christus her auch die Adressaten. Sie sind nicht angewiesen darauf, das Heil irgendwo anders suchen zu müssen, sie brauchen keine Angst zu haben vor irgendwelchen Mächten und Gewalten, weil Christus das Haupt, der Chef aller Gewalten ist. Angst vor Dämonen, abergläubische Ängste und magische Schutzriten sind deshalb heidnisch, damals schon, aber heute immer noch. (Kol 2,10) Beschneidung war das äußere Zeichen des Bundes Gottes mit Abraham. Im Neuen Bund, den Gott durch seinen Sohn Jesus Christus gestiftet hat, geschieht durch die Taufe eine Art innere "Beschneidung". Der Getaufte, die Getaufte gehört dem Bereich Gottes an, ist ein "neuer" Mensch, der nicht mehr Gefangener der Sünde ist. (Kol 2,11) Erlösung und Heil in Christus allein Die paulinische Tradition versteht die Taufe auf Christus als "Sterben". Das Untergetauchtwerden ist Symbol dafür, daß bei der Taufe Altes stirbt und Neues beginnt. Christen nehmen so teil am Todesschicksal Jesu, werden hineingenommen in sein ganzes Leben und Sterben. So läßt sich Leben und Schicksal des Menschen neu verstehen. Alle Leiden und Schmerzen des Lebens und besonders das physische Sterben ist Gott in Jesus Christus nichts Fremdes. Zugleich bedeutet die Taufe auch eine geheimnisvolle Auferweckung von den Toten zusammen mit Christus. Die Gläubigen nehmen schon seit der Taufe teil an diesem Leben Christi, das mit der biologischen Vorstellung von "Leben" nicht vergleichbar ist (Kol 2,12). Darum ist es so schwierig, etwas über dieses Leben auszusagen. Manche nennen es "Himmel", "Paradies", "Sein bei Gott", "ewige Seligkeit", wobei dieses "Leben" schon vor dem physischen Tod ansatzweise erfahrbar werden kann. Den Zustand des Todes zu beschreiben ist leichter. Der Schreiber des Kolosserbriefes spricht davon, daß die Adressaten tot waren infolge ihrer Sünden (Kol 2,13). Sünde bedeutet Trennung von Gott und von den Lebensmöglichkeiten, die er schenkt. "Sünde" erscheint zwar oft vordergründig als Lebensgewinn, wenn ich mir nehme, was mir nicht zusteht, wenn ich meine Position auf Kosten anderer durchsetze, wenn ich meine Erlösung selber in die Hand nehme, wenn ich Beziehungen, Menschen oder mich selber vernachlässige... Das Gefangensein in solchen Strukturen führt letztlich nicht zu mehr Leben, sondern zerstört das Leben anderer und schließlich auch meine eigenen Lebensmöglichkeiten. Die Chance aus (selbst)zerstörerischen Systemen auszusteigen ist uns geschenkt, weil Christus "den Schuldschein durchgestrichen hat". (Kol 2,14). Neuanfang ist möglich, die Vergangenheit ist nicht eine Fessel, die unser ganzes Leben bestimmen muß. Gerade durch das Kreuz, die Konsequenz der Treue Christi zu seinem göttlichen Auftrag, wissen wir, daß Gott uns unsere Altlasten nicht nachträgt. Gott ist treu in seiner Liebe zu uns und er geht damit bis zum Äußersten. Er stellt sich auf die Seite der Menschen und nimmt damit der Sünde ihre zerstörerische Gewalt: Schuld wächst an wie eine Lawine, wenn sie ungehindert den Hang hinunterrast. Gott hat dem Menschen zugesagt, daß es jederzeit möglich ist, aus der Schuldlawine auszusteigen, daß immer Verzeihung und Neuanfang möglich sind. (Kol 2,15) Paulus selber ist ein deutliches Beispiel dafür, wie Gott mit den Mächten von Schuld und Sünde umgeht. Dieser Paulus, der zahlreiche Christen auf dem Gewissen hat, darf neu anfangen und zwar nicht nur gnadenhalber als einer in den hinteren Reihen, sondern als beeindruckender Vorreiter und Apostel. Die todbringende Macht, hier im wahrsten Sinn des Wortes ist gestoppt, das neue Leben des Paulus wird auch für andere ansteckend und macht die Berufung aller Menschen zum endgültigen "Leben" sichtbar.


Erweiterte Fassung der
2. Lesung vom 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Kol 2,9-15

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser:

Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes.
Durch ihn seid auch ihr davon erfüllt;
denn er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten.
In ihm habt ihr eine Beschneidung empfangen,
die man nicht mit Händen vornimmt,
nämlich die Beschneidung, die Christus gegeben hat.
Wer sie empfängt,
sagt sich los von seinem vergänglichen Körper.

Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben,
mit ihm auch auferweckt,
durch den Glauben an die Kraft Gottes,
der ihn von den Toten auferweckt hat.
Ihr wart tot infolge eurer Sünden,
und euer Leib war unbeschnitten;
Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht
und uns alle Sünden vergeben.
Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen
und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben.
Er hat ihn dadurch getilgt,
daß er ihn an das Kreuz geheftet hat.
Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet
und öffentlich zur Schau gestellt;
durch Christus hat er über sie triumphiert.


Ruf vor dem Evangelium am 17. Sonntag im Jahreskreis (C)
Röm 8,15bc

Halleluja. Halleluja.

Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht,
den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!

Halleluja.


Evangelium vom 17. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 11,1-13

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

Jesus betete einmal an einem Ort;
und als er das Gebet beendet hatte,
sagte einer seiner Jünger zu ihm:
Herr, lehre uns beten,
wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.
Da sagte er zu ihnen:
Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater, dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.
Und erlaß uns unsere Sünden;
denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.
Und führe uns nicht in Versuchung.
Dann sagte er zu ihnen:
Wenn einer von euch einen Freund hat
und um Mitternacht zu ihm geht und sagt:
Freund, leih mir drei Brote;
denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist,
ist zu mir gekommen,
und ich habe ihm nichts anzubieten!,
wird dann etwa der Mann drinnen antworten:
Laß mich in Ruhe,
die Tür ist schon verschlossen,
und meine Kinder schlafen bei mir;
ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?
Ich sage euch:
Wenn er schon nicht deswegen aufsteht
und ihm seine Bitte erfüllt,
weil er sein Freund ist,
so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen
und ihm geben, was er braucht.
Darum sage ich euch:
Bittet, dann wird euch gegeben;
sucht, dann werdet ihr finden;
klopft an, dann wird euch geöffnet.
Denn wer bittet, der empfängt;
wer sucht, der findet;
und wer anklopft, dem wird geöffnet.
Oder ist unter euch ein Vater,
der seinem Sohn eine Schlange gibt,
wenn er um einen Fisch bittet,
oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?
Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gebt, was gut ist,
wieviel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist denen geben,
die ihn bitten.



Im heutigen Evangelienabschnitt werden drei Perikopen zum Thema Gebet zusammengestellt. Es sind das Vater Unser in der Fassung des Lukas (die anders ist als die bekannte Matthäusfassung der Liturgie), das Beispiel des hartnäckigen Freundes und die Ermutigung zur vertrauensvollen Bitte. Die Bitte um das Vater Unser stellen die Jünger, nachdem sie Jesus als Betenden gesehen haben. Sie wollen Anteil an seiner Innerlichkeit haben und betrachten das Gebet als eine Schule der Geborgenheit in Gott. In dem Beispiel des hartnäckigen Bittens und des zum Ende guten Freundes wird die Hoffnung des Vater Unser noch deutlicher. Gott darf ich die Anliegen sagen, ohne sie begründen zu müssen. Alle Leistungen, die ich sonst als Bittsteller erbringen muss, sind ohne Belang. Wie eine Zusammenfassung beginnt daher Lk 11,9 mit dem Darum. Weil es bei Gott leichter ist, soll der Mensch es auch tun. Er soll bitten und hoffen.


Das Vater-Unser wird uns als das Gebet überliefert - sowohl bei Matthäus als auch bei Lukas - , das Jesus selber seine Jünger gelehrt hat. Bis heute beten Christen und Christinnen dieses Gebet. Alle menschlichen Bitten verdichten sich im Vater-Unser-Gebet. Das Vater unser ist das Gebet, dass uns als Christen und Christinnen und als christliche Glaubensgemeinschaften auf der ganzen Welt verbindet und eint. Das, was die Bitten dieses Gebetes, das, was wir Menschen hineinlegen in die Worte des Vater unsers, bekräftigt Jesus selber noch einmal. Er erläutert seinen Jüngern das Beten: Eine Bitte, die von Herzen kommt, von Herz zu Herz, von Mensch zu Mensch geht, wird erfüllt - immer wieder in unseren zwischenmenschlichen Bereichen in kleinen, vielleicht unscheinbaren Dingen. Und Jesus greift diese menschliche Erfahrung auf, um uns zu verdeutlichen, dass Gott selber alles daran setzt, uns das zu geben, was wir zum Leben auch wirklich brauchen - über die kleinen Dinge hinaus. "Bittet, dann wird euch gegeben, sucht, dann werdet ihr finden ... ". Das Vater unser kann die "Schallmauer" eines oft gesprochenen Formelgebetes wieder neu durchbrechen, wenn ich mir bewusst mache, dass sich der Hunger meines Lebens in diesen Worten widerspiegelt und mir noch zugesagt wird, dass Gott noch viel mehr dazugeben will.


Die Gebetsbelehrung hat ihren Platz im lukanischen Reisebericht direkt nach der Erzählung über die Begegnung im Haus der Maria und der Marta (Evangelium des 16. Sonntags). Daß die Haltung der Maria, die zu Füßen Jesu sitzt und ihm zu hört, hier so in den Vordergrund gestellt wird, ist sicher auch von Bedeutung für das Gebet. Gebet kann auch tätige Nächstenliebe sein, die sich unermüdlich um den anderen sorgen wie es auch Jesus getan hat, aber Gebet als Gespräch mit Gott ist wesentlich auch zuhören-können, hinhören auf Gott, still halten können, bei Gott zur Ruhe finden. Daran anschließend wird erzählt, daß Jesus sich nach einer Dämonenaustreibung gegen die Behauptung rechtfertigen muß, Dämonen mit Hilfe von Beelzebul, dem Anführer der Dämonen auszutreiben. Das zeigt, daß Gebet nicht etwas Abgehobenes, Weltfernes, sondern in einer sehr konkreten Wirklichkeit angesiedelt ist und dort auch Auswirkungen hat. Vater unser Im Lukasevangelium wird immer wieder erzählt, daß sich Jesus zurückzieht, um zu beten. Hier gibt es weder eine Orts- noch eine Zeitangabe. Jesus betet einfach hier und jetzt. Ein Jünger bittet Jesus für die Jüngerschar um Gebetsunterweisung. Das Gebet beginnt mit der Anrede "Abba", "Papa" oder "Vater". Jesus nimmt damit die Jünger in sein Gottesverhältnis hinein: eine vertraute Beziehung, fast familiär. Schon in dieser Anrede drückt sich die Grundhaltung des Beters Gott gegenüber aus, die uns durch Jesus Christus geschenkt ist: es geht nicht um Angst, Drohung und Unterdrückung, sondern um Geborgenheit, Vertrauen und Achtung aus Liebe. Die Heiligung dieses Namens, der rechte Umgang mit diesem Namen und dieser nahen Beziehung ist die notwendige Voraussetzung dafür, daß Vertrauen und Offenheit wachsen können. Um so näher ich jemandem stehe, um so besser ich jemanden kenne, um so berührbarer und verletzlicher bin ich. Die Bitte um das Reich Gottes zeigt deutlich, daß diese Beziehung nicht machbar ist, sondern nur Geschenk von Gott her sein kann. Was in Jesus schon angebrochen ist, soll immer mehr Wirklichkeit werden, dieses "Reich Gottes" kann weder forciert noch herbeimanipuliert werden, es kann von seiten des Menschen nur erbeten werden. Täglich Brot Täglich das Brot zu bekommen, das wir brauchen, fügt Lukas als nächste Bitte an. Nicht weniger, aber auch nicht mehr, als nötig ist. Nur im Vertrauen auf die Fürsorge Gottes lernt der Mensch Zufriedenheit und läßt sich nicht mehr gefangen nehmen von Angeboten, die mehr und mehr Lebensglück versprechen. Statt dem nachzulaufen, was morgen besser und übermorgen noch besser sein könnte und am Ende des Lebens drauf zu kommen, was man alles versäumt hat, bittet der gläubige Mensch um das tägliches Brot für das Heute im Wissen, daß Gott ihn nicht zu kurz kommen läßt. Vor Gott weiß sich der Gläubige immer als sündiger Mensch, der nie der göttlichen Liebe völlig entsprechen kann, schon aus der Tatsache seines Menschseins heraus. Die immer neu ausgesprochene Bitte um Vergebung zeigt die Angewiesenheit auf das Erbarmen Gottes und dessen Willen zu vergeben. Die Kehrseite davon ist: "denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist." (Lk 11,4). Wenn uns Vergebung geschenkt wird, können auch wir anderen verzeihen, die an uns schuldig geworden sind. Der Gläubige steht in diesem engen Wirkungszusammenhang von Versöhnung mit Gott und Versöhnung mit den Menschen und weiß, daß eigene sittliche Anstrengungen nie ausreichen werden, sondern daß Freisein von Schuld und Sünde immer nur Geschenk Gottes sein kann. Die Bitte darum, nicht in Versuchung geführt zu werden, erwächst aus dem Wissen um die eigene Schwäche und um die Dynamik des Bösen. Der tiefste Vertrauensbeweis ist nicht, selbst gegen seine Schwächen mit allen Mitteln anzukämpfen, sondern sie vor Gott oder vor Menschen offen zu legen und sich helfen zu lassen. In diesen drei Bitten wird die ganze Existenz des Menschen als Dasein in Not vor Gott hingetragen: in der Gegenwart das Nötige für jeden Tag, für die Vergangenheit Vergebung und für die Zukunft nicht in Versuchung geführt zu werden. Bitten können In den folgenden Verdeutlichungen geht es auch um diese Grundhaltung des Offenlegens der eigenen Not, auch auf die Gefahr hin, anderen damit lästig oder unangenehm zu sein. Die meisten Menschen brauchen einen Anstoß, um ihre Bequemlichkeit zu überwinden. Und daß einem Wünsche und Bitten von den Augen abgelesen werden, funktioniert höchstens im Märchen. Wer betet, wird aktiv, er bittet, er sucht, er klopft an und wartet nicht darauf, daß ihm alles von selbst in den Schoß fällt. Gott überrennt niemanden mit dem, was er uns schenken will. Zu bitten heißt auch bereit zu sein, zu empfangen. Es ist "menschlich", bedürftig zu sein, wir sind geschaffen als Wesen, die abhängig sind von Nahrung, von Luft von den verschiedensten Voraussetzungen. Wir dürfen und sollen deshalb bitten. In der Familie erlebt das Kind, daß es Vertrauen haben darf, daß es bekommt was es braucht. Wenn es das nicht erlebt, wenn ihm der Vater "statt eines Fisches eine Schlange" oder "statt eines Ei einen Skorpion gibt" sind seine Überlebenschancen gering. Ein Kind, das genug Urvertrauen entwickeln konnte, weiß, daß es bitten darf, und, daß es bekommt was es braucht, wenn auch nicht unbedingt sofort. Das gleiche Vertrauen und auch der Realitätssinn, daß wir nicht alles, was wir wollen, sofort und genauso bekommen, ist Gott gegenüber notwendig. Die größte Gabe, die Gott schenkt, ist der Heilige Geist. Der Geist ist die Heilsgabe in der Zeit der Kirche. Er ist die Lebenskraft und Lebenshilfe für den Gläubigen.