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Lesungen 04.09.2016


1. Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Weish 9,13-19

Lesung aus dem Buch der Weisheit:

Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen,
oder wer begreift, was der Herr will?
Unsicher sind die Berechnungen der Sterblichen
und hinfällig unsere Gedanken;
denn der vergängliche Leib beschwert die Seele,
und das irdische Zelt belastet den um vieles besorgten Geist.
Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht,
und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt;
wer kann dann ergründen, was im Himmel ist?
Wer hat je deinen Plan erkannt,
wenn du ihm nicht Weisheit gegeben
und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?
So wurden die Pfade der Erdenbewohner gerade gemacht
und die Menschen lernten, was dir gefällt;
durch die Weisheit wurden sie gerettet.



Wie eine göttliche Instanz wirkt die Weisheit durch das ganze nach ihr benannte Buch. Das Buch der Weisheit gehört zu den jüngsten Schriften des Alten Testamentes und ist um die Zeitenwende ent¬standen. Als Entstehungsort wird die Stadt Alexandria angenommen. Der vorliegende Text ist ein Gebet um Weisheit, das längere Aus¬führungen über ihr Wesen abschließt.


Die - weisheitliche - Lesung stellt sich der Erfahrung menschlicher Grenzen: Nicht nur Gottes Plan ist nicht zu erkennen, selbst die Berechnungen der Sterblichen sind unsicher. Ja, wer nicht einmal erraten kann, was auf der Erde vorgeht, vermag auch nicht zu ergründen, was im Himmel ist. Mit "wir" formuliert, wägt die Lesung ab, was von Menschen als Geschöpfen Gottes gesagt werden kann. Was daraus folgt, gehört in ein Gebet. "Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?" In diesem Gebet ist auch das Vertrauen ausgedrückt, dass Gott seine Wege erkennbar macht, ohne sie Menschen auszuliefern. Diese Zuversicht ist selbst Weisheit, die nicht nur rettet, sondern vor allem geschenkt wird. Trotz der menschlichen Grenzen: die Pfade der Erdenbewohner werden gerade gemacht. Die Menschen lernen, was Gott gefällt. Es ist also nicht nur Skepsis angezeigt, wenn Menschen an ihre Grenzen stoßen - in einem Gebet finden sie zu Gott und zu sich selbst. Sie finden Wege, die ihnen gut tun. Frühchristliche Ausleger haben die Weisheit mit Christus und/oder dem Geist Gottes identifiziert.


Das Buch der Weiheit ist ein im 1. Jhdt. vor Chr. entstandenes Werk eines griechisch sprechenden Diasporajuden. Wegen seines Inhaltes, der dem Salomon in den Mund gelegt wird, hat man diesen König lange als Verfasser angenommen. Jedoch zeigt sich im Ganzen des Buches der Einfluß griechischer Sprache, Sitte und Philosophie, teilweise mit einer Begrifflichkeit, wie sie etwa auch platonischem Denken eigen ist. Aus diesem Grund wurde das Werk nicht in den hebräischen Kanon aufgenommen. Das Gebet Salomons im 9. Kapitel bedeutet einen Wendepunkt im Weisheitsbuch. Es verbindet den ersten Teil (Kap. 1-9), der mehr philosophisch-spekulativ über das Wesen der Weisheit handelt, mit dem zweiten Teil (Kap. 10-17), in dem das Wirken der Weisheit Gottes in der Geschichte des Volkes und des Auszuges gepriesen wird. Es geht also um die Erfahrung Gottes in der Geschichte. Die wahre Weisheit, die Salomon für seine Amtsführung erbittet, ist eine notwendige Vorbedingung für die Regierung des Gottesvolkes, in dem sich die ursprünglich Gotteserfahrung vom Auszug bis zur Landnahme in stets neuer Gestalt fortsetzen soll. Die geschichtliche Gotteserfahrung bleibt Maß und Norm für den Glauben der Gegenwart. Das griechische Menschenbild - mit den Bildern von Leib und Seele, dem Leib als Zelt, der Beschwerlichkeit des Leibes für den Geist - führt zur Erkenntnis der Begrenztheit des menschlichen Erkennens. Irdisches und Überirdisches werden klar voneinander abgehoben. Der Wille Gottes als überirdisches Geheimnis aber bleibt den Menschen verborgen - dieses kann man nur erbitten und als Geschenk annehmen.


Antwortpsalm am 23. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 90,3-6. 12-14. 17

R Herr, du bist unsere Zuflucht
von Geschlecht zu Geschlecht. – R

Du lässt die Menschen zurückkehren zum Staub
und sprichst: „Kommt wieder, ihr Menschen!“
Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag,
der gestern vergangen ist,
wie eine Wache m der Nacht. - (R)

Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus;
sie gleichen dem sprossenden Gras.
Am Morgen grünt es und blüht,
am Abend wird es geschnitten und welkt. - (R)

Unsere Tage zu zählen, lehre uns!
Dann gewinnen wir ein weises Herz.
Herr, wende dich uns doch endlich zu!
Hab Mitleid mit deinen Knechten! - (R)

Sättige uns am Morgen mit deiner Huld!
Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes!
Lass das Werk unsrer Hände gedeihen,
ja, lass gedeihen das Werk unsrer Hände! - R


2. Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Phlm 9b-10. 12-17

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Philemon:

Bruder!
Ich, Paulus, ein alter Mann,
der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt,
ich bitte dich für mein Kind Onesimus,
dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.
Ich schicke ihn zu dir zurück,
ihn, das bedeutet mein eigenes Herz.
Ich würde ihn gern bei mir behalten,
damit er mir an deiner Stelle dient,
solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin.
Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun.
Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.
Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt,
damit du ihn für ewig zurückerhälst,
nicht mehr als Sklaven,
sondern als weit mehr:
als geliebten Bruder.
Das ist er jedenfalls für mich,
um wieviel mehr dann für dich,
als Mensch und auch vor dem Herrn.
Wenn du dich mir verbunden fühlst,
dann nimm ihn also auf wie mich selbst!



Der Brief des Apostels Paulus an Philemon ist eines der wenigen Schreiben, das gleichsam ein persönlicher und privater Brief ist. Entsprechend ist auch die Formulierung weniger offiziell als Briefe an die Gemeinden. Mit nur einem Kapitel und 25 Versen ist dieser Brief das kürzeste Schreiben der Bibel. Der Brief wurde vermutlich im Hausarrest in Ephesos geschrieben und vom Sklaven Onesimus zu Philemon nach Colossae in Phrygien gebracht. Dem Wesen dieses Sklaven - nach römischen Recht Besitz, nach christlichem Verständnis Mitbruder - ist ein Teil des Briefes gewidmet.


Der Brief, den Paulus aus der Gefangenschaft an Philemon schreibt, ist der kürzeste und persönlichste, den er geschrieben hat. Onesimus, ein entlaufener Sklave Philemons, von Paulus bekehrt, getauft und hoch angesehen, soll zurückgehen zu seinem alten Besitzer und den Brief mitnehmen. Paulus verbindet Philemon und Onesimus in dem gemeinsamen Glauben an Christus. Die Grenzziehung - hier Herr, da Sklave - verliert ihre Bedeutung. Wir sehen das Urbild von Kirche vor uns. Onesimus wird als Bruder angesehen, seinem Herrn gleichgestellt. Für Paulus, der mit Philemon freundschaftlich verbunden ist, ist Onesimus sein Kind, Paulus nennt sich sogar Vater. Für Philemon wird Onesimus das Herz Paulus'. Ohne dass Paulus an der antiken Sklavenhalterwirtschaft rüttelt, wird sie von innen ausgehöhlt. In Christus werden die gesellschaftlichen Beziehungen neu beschrieben und geöffnet.


Dieser scheinbar privateste und kürzeste aller Paulusbriefe hat eine Anschrift wie die großen Gemeindebriefe. Er ist also zum Vorlesen in der Gemeinde bestimmt, die sich im Haus des Philemon in Kolossä (vgl. auch Kol 4,17) versammelt. Diesem Haus ist der Sklave Oenesimus entlaufen. Der Entlaufende ist bei Paulus gelandet und hat von ihm die Taufe empfangen. Paulus schickt nun Oenesimus an seinen Herrn mit dem Brief zurück. Paulus geht es nicht um einen Umsturz der sozialen Struktur der römischen Gesellschaft; vielmehr geht es ihm um das Leben aus der christlichen Mitte heraus, wo es letztlich nur mehr Brüder und Schwestern gibt. Konsequenzen daraus sind aber doch große soziale Veränderungen, die sich aus der christlichen Botschaft ergeben. Unter den Christen gibt es nicht mehr ein "unten" und ein "oben", nicht mehr "Freie" und "Sklaven" (vgl. Gal 3,28), alle sind durch den Auferstandenen Herrn in die Nachfolge gerufen und damit Schwestern und Brüder.


Ungekürzte Fassung der
2. Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Phlm 9b-17

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Philemon:

Bruder!
Ich, Paulus, ein alter Mann,
der jetzt für Christus Jesus im Kerker liegt,
ich bitte dich für mein Kind Onesimus,
dem ich im Gefängnis zum Vater geworden bin.
Früher konntest du ihn zu nichts gebrauchen,
doch jetzt ist er dir und mir recht nützlich.
Ich schicke ihn zu dir zurück,
ihn, das bedeutet mein eigenes Herz.
Ich würde ihn gern bei mir behalten,
damit er mir an deiner Stelle dient,
solange ich um des Evangeliums willen im Gefängnis bin.
Aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun.
Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.
Denn vielleicht wurde er nur deshalb eine Weile von dir getrennt,
damit du ihn für ewig zurückerhälst,
nicht mehr als Sklaven,
sondern als weit mehr: als geliebten Bruder.
Das ist er jedenfalls für mich,
um wieviel mehr dann für dich,
als Mensch und auch vor dem Herrn.
Wenn du dich mir verbunden fühlst,
dann nimm ihn also auf wie mich selbst!


Ruf vor dem Evangelium am 23. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 119,135

Halleluja. Halleluja.

Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht,
und lehre mich deine Gesetze.

Halleluja.


Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis C:
Lk 14,25-33

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

Als viele Menschen Jesus begleiteten,
wandte er sich an sie und sagte:
Wenn jemand zu mir kommt
und nicht Vater und Mutter,
Frau und Kinder, Brüder und Schwestern,
ja sogar sein Leben gering achtet,
dann kann er nicht mein Jünger sein.
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt,
der kann nicht mein Jünger sein.
Wenn einer von euch einen Turm bauen will,
setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet,
ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Sonst könnte es geschehen,
daß er das Fundament gelegt hat,
dann aber den Bau nicht fertigstellen kann.
Und alle, die es sehen,
würden ihn verspotten und sagen:
Der da hat einen Bau begonnen
und konnte ihn nicht zu Ende führen.
Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht,
setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt,
ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann,
der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft,
solange der andere noch weit weg ist,
und bittet um Frieden.
Darum kann keiner von euch mein Jünger sein,
wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.



Die Perikope des heutigen Sonntags stammt aus dem Teil des Evangeli¬ums, der auch der »Reisebericht« ("Auf seinem Weg nach Jerusalem zog er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und lehrte." (Lk 13,22)) genan¬nt wird. Auf diesem Weg wird Jesus immer wieder mit Menschen konfrontiert, die er fasziniert und die ihm folgen wollen. An ver¬schiedenen Beispielen und Situationen zeigt Jesus auf, was es dafür braucht. Heute heißt die Forderung: “Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. [...] Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.”


Zwei Geschichten - von einem Bauvorhaben und einem Krieg - sind im Evangelium verbunden. Gemeinsam ist ihnen, nicht nur Kräfte und Möglichkeiten realistisch einzuschätzen, sondern vor allem auch, alles an einem Ziel auszurichten. In beiden Geschichten werden Mittel und Wege abgewogen und gemessen. Auch in der Nachfolge Jesu gilt, nicht nur den Anfang zu wagen, sondern das Ziel zu erreichen. Jesus erzählt beide Geschichten als Nachfolgegeschichten, knüpft dabei aber an menschlichen Erfahrungen an: es gibt unvollendete Bauwerke und davon gejagte Armeen. Beide Geschichten wurden von Lukas mit Nachfolgeworten gerahmt, die er der Jesusüberlieferung entnahm: Wer mit Jesus geht, muss sich von verwandtschaftlichen Bindungen lösen, sein Kreuz tragen und sogar auf seinen ganzen Besitz verzichten. Die lukanische Handschrift ist dabei unverkennbar: Nachfolge ist nicht teilbar, sie ist nur "ganz" und uneingeschränkt möglich. Das spiegelt sich in den Geschichten wider. Sie wagen auch ganz unbefangen den Blick auf die Zuschauer: vom Spott bis zum "Hosen runterlassen". Fromm, erbaulich und privat ist Nachfolge nicht.


Dieser Abschnitt ist eine Fortführung der vorherigen Mahlparabel (Lk 14,15-24). In einer Aneinanderreihung unterschiedlicher Sprüche über den Ernst der Nachfolge sollen Fragen angesprochen werden, die die Gemeinde konkret bedrängt haben. Es gab wohl in der lukanischen Zeit zahlreiche sogenannte "Eifrige", die auf Ehe und Familie und Besitz verzichteten (vgl. 1 Kor 7,8; Apg 4,37), dann aber nicht durchhielten. Wer zu solcher radikaler Bereitschaft entschlossen ist, muss zuerst sorgfältig prüfen, ob er er auch durchhalten kann. Dieser Gedanke ist in den beiden Gleichnissen vom Turmbau und vom königlichen Kriegszug dargestellt. Am Beginn des Abschnitts wird von "vielen Menschen" gesprochen, die durch ihre Begleitung Jesu schon den Willen zur Nachfolge bekunden. Bloßes Kommen zu Jesus genügt aber nicht, um "Jünger" Jesu zu sein. Die genannten Vorbedingungen dazu besagen: Der Jünger darf sich durch familiäre Bindungen nicht von der konsequenten Nachfolge abhalten lassen. Die zweite Vorbedingung für eine Jüngerschaft meint die Bereitschaft zu einem schmachvollen Tod in der Nachfolge Jesu, der sich auf dem Weg nach Jerusalem befindet. Letztlich wollen die Bedingungen nicht vor der Nachfolge abschrecken, wohl aber deren Ernst betonen und vor Enttäuschungen bewahren.