Wählen Sie Ihre gewünschte Schriftgröße



Lesungen 11.09.2016


1. Lesung vom 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Ex 32,7-11. 13-14

Lesung aus dem Buch Exodus:

In jenen Tagen sprach der Herr zu Mose:
Geh, steig hinunter,
denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast,
läuft ins Verderben.
Schnell sind sie von dem Weg abgewichen,
den ich ihnen vorgeschrieben habe.
Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen
und werfen sich vor ihm zu Boden.
Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen:
Das sind deine Götter, Israel,
die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.
Weiter sprach der Herr zu Mose:
Ich habe dieses Volk durchschaut:
Ein störrisches Volk ist es.
Jetzt laß mich,
damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt.
Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.
Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen,
und sagte:
Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt?
Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.
Denk an deine Knechte,
an Abraham, Isaak und Israel,
denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen
zugesichert und gesagt hast:
Ich will eure Nachkommen zahlreich machen
wie die Sterne am Himmel,
und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe,
will ich euren Nachkommen geben,
und sie sollen es für immer besitzen.
Da ließ sich der Herr das Böse reuen,
das er seinem Volk angedroht hatte.



Während Mose auf dem Berg Sinai ist, um die konkrete Ausgestaltung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk zu empfangen, wird dieser frische Bund schon wieder gebrochen. Im Goldenen Kalb kehrt das Volk nicht nur Gott dem Rücken, sondern nutzt einen Fruchtbarkeitskult, der in Israel später noch eine zerstörerische Rolle spielt. In der heutigen Lesung geht es um die Fürbitte, die Mose für das Volk bei Gott vorbringt. Gott wird sich umstimmen lassen und Mose wird mit der Zerstörung des Goldenen Kalbs und einer Strafaktion reagieren. In der Lesung fordert Mose Gott noch zur Barmherzigkeit auf, im Evangelium wird die Barmherzigkeit als Prinzip Gottes beschrieben.


Das Volk Israel wird in dieser Lesung als ein "durchschautes" charakterisiert, aber was es mit dem "störrisch" auf sich hat, bleibt hier offen. Klar ist nur, dass die Menschen "schnell" von dem Weg abgewichen sind, der ihnen "vorgeschrieben" war. Aktuell für Konfliktstoff sorgt das Stierbild, das sich die Menschen unter Einsatz ihrer letzten Wertgegenstände gemacht haben. Das sogenannte "Goldene Kalb", das sprichwörtlich geworden ist, sollte aber nur die Nähe und Kraft Gottes auf dem Weg durch die Wüste symbolisieren. Ein Missverständnis der Menschen? Ein Missverständnis Gottes? Spannend ist, dass Jahwe seine Verheißungen, die er Abraham, Isaak und Jakob (= Israel) gegeben hat, nicht zurücknehmen oder an neue Bedingungen knüpfen kann: Sein Wort ist gegeben! Noch spannender ist, dass Mose, der eigentlich von der Situation profitieren könnte, die prophetische Aufgabe wahrnimmt, Jahwe zu "besänftigen" - in dem er ihn an die Geschichte, die er mit seinem Volk hat, erinnert. Was in der alttestamentlichen Überlieferung zum Urbekenntnis gehört ("Du hat es mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt"), macht dann auch die sichtbaren Gottesbilder überflüssig: Die Treue und Verlässlichkeit Gottes, einmal geschehen und immer neu erzählt, trägt auch in Zukunft. Die Geschichte hat am Ende ihre besondere Pointe: Jahwe wird als ein "durchschauter" charakterisiert. Von seinem Weg kann er nicht abweichen. In unserer Lesung wird die "Bekehrung" Jahwes erzählt.


Das Volk Israel hat eine bewundernswerte Fähigkeit besessen, Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander zu verknüpfen, in die eigene Geschichte immer auch die Erfahrung aus dem Heute hineinzulesen. So hat die Erzählung über das goldene Kalb und den Zorn bzw. das Erbarmen Gottes ihre historische Wurzel im Stierkult, der im Nordreich Israel gepflegt wurde. König Jerobeam I. (927 - 907 v. Chr.) erhob die Heiligtümer Bet-El und Dan zu Staatsheiligtümern und ließ in Konkurrenz zur Bundeslade in Jerusalem Stierbilder als Kultobjekte aufstellen. Mit ihnen sollte Jahwe verehrt werden. Freilich war der Stier im alten Orient das Fruchtbarkeitssymbol schlechthin, und so war die Gefahr der Verwechslung zwischen Jahwe und den Fruchtbarkeitsgöttern aus der Umwelt Israels massiv gegeben. "Menschen küssen Kälber!" rief der Prophet Hosea entsetzt aus (Hos 13,2). Vor diesem Hintergrund ist die Erzählung vom Goldenen Kalb sehr wahrscheinlich ein Versuch, den von den Assyrern herbeigeführten Untergang des Nordreichs Israel (722 v. Chr.) theologisch zu reflektieren, unter dem Motto: "Wer solche Bildnisse aufstellt, der kann nur den Zorn Gottes ernten." Man projiziert die Gegenwart in die Vergangenheit. Damals, als das Volk Israel der Knechtschaft Ägyptens entkommen war und sich in das gelobte Land aufmachte, hat sich ihm auf dem Berg Sinai Jahwe geoffenbart, jener Gott, der den Auszug aus Ägypten so machtvoll unterstützte. Es ist zu einem Bundesschluß zwischen Jahwe und dem Volk und zur Mitteilung von Geboten und Gesetzen gekommen. Als wichtigster Grundsatz galt: Dieser Jahwe ist fortan Israels einziger Gott. Und weiter: Israel soll sich von ihm kein Bild machen, denn dieser Gott ist unverfügbar, er läßt sich in kein Schema pressen (vgl. Ex 20,1-7; Dtn 5,6-11). So kann es Jahwe nicht dulden, wenn sein Volk ein goldenes Kalb aufstellt und ihm Opfer darbringt, ja in diesem Kalb sogar die "Götter" verehrt, die es angeblich aus Ägypten herausgeführt haben. Dieses Verdienst kommt allein Jahwe zu. Soweit der geschichtliche Hintergrund der Erzählung vom goldenen Kalb. Für uns heute bleibt an dem ganzen trotzdem ein Haken: die Redeweise vom zornigen Gott, der in glühendem Eifer alles ihm Widrige zu vernichten bereit scheint. Mit dem "strengen Richter aller Sünder", wie es in einem alten Lied heißt, hat man heute so seine Probleme. Im Alten Testament ist eine solche Redeweise jedenfalls der Versuch, Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit sowie seinen Herrschaftsanspruch auszusagen. Der Zorn Gottes ist sein Widerwille gegen alles Böse und richtet sich gegen diejenigen, die den Bund mit ihm verletzen. Ein blindwütiges Dreinschlagen ist damit ebenso ausgeschlossen wie die Vorstellung von einer dämonischen Unheilsmacht. Letztlich bezieht sich die Redeweise vom zornigen Gott sogar mehr auf die Menschen als auf Gott selbst. Die sündige Menschheit bringt sich selber in einen gottfernen Zustand, so daß von ihrer Seite her Gott nur als zornig erfahren werden kann. In der theologischen und kirchlichen Tradition hat man damit zudem das Bild eines leidenschaftslosen Gottes konterkariert, wie es etwa vom Stoizismus oder Deismus gezeichnet wurde. Schließlich gilt: Der Zorn Gottes ist - zumal in unserer Erzählung - aufs engste mit der Reue Gottes verbunden. Und daran, an der Reue Gottes, an seinen Herzensbewegungen zugunsten des Menschen, wärmt sich wohl auch heutiges Glaubensbewußtsein gerne.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C: 
Ex 32,7-14

Lesung aus dem Buch Exodus:

In jenen Tagen sprach der Herr zu Mose:
Geh, steig hinunter,
denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast,
läuft ins Verderben.
Schnell sind sie von dem Weg abgewichen,
den ich ihnen vorgeschrieben habe.
Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen
und werfen sich vor ihm zu Boden.
Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen:
Das sind deine Götter, Israel,
die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.
Weiter sprach der Herr zu Mose:
Ich habe dieses Volk durchschaut:
Ein störrisches Volk ist es.
Jetzt laß mich,
damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt.
Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.
Da versuchte Mose,
den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte:
Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt?
Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.
Sollen etwa die Ägypter sagen können:
In böser Absicht hat er sie herausgeführt,
um sie im Gebirge umzubringen
und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen?
Laß ab von deinem glühenden Zorn,
und laß dich das Böse reuen,
das du deinem Volk antun wolltest.
Denk an deine Knechte,
an Abraham, Isaak und Israel,
denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen
zugesichert und gesagt hast:
Ich will eure Nachkommen zahlreich machen
wie die Sterne am Himmel, und:
Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe,
will ich euren Nachkommen geben,
und sie sollen es für immer besitzen.
Da ließ sich der Herr das Böse reuen,
das er seinem Volk angedroht hatte.


Antwortpsalm am 24. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 51,3-4.1 2-13. 17.19

R Ich will zu meinem Vater gehen
und meine Schuld bekennen. – R

Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, VII. Ton
tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
Wasch meine Schuld von mir ab,
und mach mich rein von meiner Sünde! - (R)

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist!
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! - (R)

Herr, öffne mir die Lippen,
und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden.
Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist,
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. - R


2. Lesung vom 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
1 Tim 1,12-17

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus:

Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat:
Christus Jesus, unserem Herrn.
Er hat mich für treu gehalten
und in seinen Dienst genommen,
obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte.
Aber ich habe Erbarmen gefunden,
denn ich wußte in meinem Unglauben nicht, was ich tat.
So übergroß war die Gnade unseres Herrn,
die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
Das Wort ist glaubwürdig und wert, daß man es beherzigt:
Christus Jesus ist in die Welt gekommen,
um die Sünder zu retten.
Von ihnen bin ich der erste.
Aber ich habe Erbarmen gefunden,
damit Christus Jesus an mir als erstem
seine ganze Langmut beweisen konnte,
zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben,
um das ewige Leben zu erlangen.
Dem König der Ewigkeit,
dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott,
sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.



Der 1. Timotheusbrief zählt mit dem 2. Timotheusbrief und dem Titusbrief zu den so genannten Pastoralbriefen. Unter dem Anschein eines Paulusbriefes werden wichtige Akzente seiner Theologie neu aufgegriffen und auf die Fragen der damaligen Zeit übertragen. Im heutigen Lesungsabschnitt wird versucht, die Berufungsgeschichte des Paulus soteriologisch zu deuten. Christus zeigte in der Errettung und Befähigung des Saulus seine Erlösungsliebe. Was mit Paulus geschehen konnte, soll auch möglich sein für die Menschen in der Gemeinde. Darin kommt es auch zur Nähe zum Evangelium, das die Liebe Gottes dokumentiert.


Die Lesung ist aus dem Anfangsteil des Briefes an Timotheus - er gehört zu den "Pastoralbriefen" und stellt so etwas wie ein Vermächtnis dar. Paulus kann auf seine eigene Lebenserfahrung zurückgreifen, um die übergroße Gnade "unseres Herrn" zu rühmen. Aus einem, der früher „"lästerte, verfolgte und verhöhnte", wurde einer, der "in Christus" den Glauben und die Liebe geschenkt bekam und in seinen Dienst genommen wurde (passiv!). Noch prägnanter als hier wird die Bekehrungsgeschichte des Saulus von Tarsus wohl nicht erzählt werden können - ein Vorbild für viele andere Bekehrungsgeschichten, die sich mit biografischen Details zurückhalten, aber vom Erbarmen Christi sprechen. Timotheus, der Paulus nicht von Anfang an kennt, soll, wie der Brief es ausweist, das Evangelium weitergeben. Das Evangelium ist: Einmal, "Er ist in die Welt gekommen, die Sünder zu retten", dann, "Ich habe Erbarmen gefunden". Diese Bewegung lässt nichts anderes zu, als mit einem Dank anzufangen und mit einem Lobpreis aufzuhören. Der Abschnitt endet mit dem "Amen", das der Gemeinde erlaubt, in Lebenserfahrungen und Lobpreis einzustimmen. "Christus" ist hier, ganz ursprünglich, kein Eigenname, sondern ein "Titel": Jesus ist der Gesalbte, der Messias Gottes.


Die Briefe an Timotheus und Titus werden seit dem 18. Jahrhundert als "Pastoralbriefe" bezeichnet. Sie gelten als geistliches Testament von Paulus und zeigen ein unmittelbares Vertrauensverhältnis zwischen dem Verfasser und der paulinischen Überlieferung. Paulus erinnert sich an seine Auserwählung zum Apostel. Es kommt ihm wie ein Wunder vor, daß der Herr ihn zu seinem Dienst berufen hat, daß er ihn für eine solche Aufgabe für "treu erachtete" und ihm sein Vertrauen schenkte. Für diese unbegreifliche, erbarmende Liebe sagt Paulus aus innerstem Herzen Dank. Um seinen Mitchristen dieses Wunder von Damaskus eindrucksvoll zu schildern, weist er auf den unglaublichen Gegensatz zwischen seinem früheren und seinem jetzigen Leben hin. Ihn, der in seinem Kampf gegen die Anhänger Jesu, des Nazoräers in "maßloser Wut" vorging (Apg 26,10 f.), der "die Gemeinde Gottes verfolgte und zu vernichten suchte" (Gal 1,13), traf jene unbegreifliche, vergebende und erbarmende Liebe des Herrn, die am Kreuz sprach: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Wie sich aber dieses Erbarmen des Herrn im Leben des Paulus auswirkte, so ist es bei jedem Menschen, der glaubt; denn "Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten". Paulus erkennt sich als Werkzeug in Gottes Heilsplan: Er ist das Vorbild dafür, daß alle Menschen, die an Christus glauben, ewiges Leben und Heil erlangen können. Diese Erinnerung an seine gnadenvolle Erwählung zwingt Paulus zum Lobpreis Gottes.


Ruf vor dem Evangelium am 24. Sonntag im Jahreskreis (C)
2 Kor 5,19

Halleluja. Halleluja.

Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und uns das Wort von der Versöhnung anvertraut.

Halleluja.


Evangelium vom 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 15,1-32

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus,
um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber
und sagten:
Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert,
läßt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück
und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
Und wenn er es gefunden hat,
nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
und wenn er nach Hause kommt,
ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen
und sagt zu ihnen:
Freut euch mit mir;
ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
Ich sage euch:
Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen
über einen einzigen Sünder, der umkehrt,
als über neunundneunzig Gerechte,
die es nicht nötig haben umzukehren.
Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat
und eine davon verliert,
zündet sie dann nicht eine Lampe an,
fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich,
bis sie das Geldstück findet?
Und wenn sie es gefunden hat,
ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt:
Freut euch mit mir;
ich habe die Drachme wiedergefunden,
die ich verloren hatte.
Ich sage euch:
Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude
über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
Weiter sagte Jesus:
Ein Mann hatte zwei Söhne.
Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater:
Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht.
Da teilte der Vater das Vermögen auf.
Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen
und zog in ein fernes Land.
Dort führte er ein zügelloses Leben
und verschleuderte sein Vermögen.
Als er alles durchgebracht hatte,
kam eine große Hungersnot über das Land,
und es ging ihm sehr schlecht.
Da ging er zu einem Bürger des Landes
und drängte sich ihm auf;
der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt,
die die Schweine fraßen;
aber niemand gab ihm davon.
Da ging er in sich und sagte:
Wie viele Tagelöhner meines Vaters
haben mehr als genug zu essen,
und ich komme hier vor Hunger um.
Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen
und zu ihm sagen:
Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein;
mach mich zu einem deiner Tagelöhner.
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater.
Der Vater sah ihn schon von weitem kommen,
und er hatte Mitleid mit ihm.
Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn.
Da sagte der Sohn:
Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt;
ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
Der Vater aber sagte zu seinen Knechten:
Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an,
steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.
Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es;
wir wollen essen und fröhlich sein.
Denn mein Sohn war tot und lebt wieder;
er war verloren und ist wiedergefunden worden.
Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.
Sein älterer Sohn war unterdessen auf dem Feld.
Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam,
hörte er Musik und Tanz.
Da rief er einen der Knechte und fragte,
was das bedeuten solle.
Der Knecht antwortete:
Dein Bruder ist gekommen,
und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen,
weil er ihn heil und gesund wiederbekommen hat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen.
Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
Doch er erwiderte dem Vater:
So viele Jahre schon diene ich dir,
und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt;
mir aber hast du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt,
damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
Kaum aber ist der hier gekommen,
dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat,
da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
Der Vater antwortete ihm:
Mein Kind, du bist immer bei mir,
und alles, was mein ist, ist auch dein.
Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern;
denn dein Bruder war tot und lebt wieder;
er war verloren und ist wiedergefunden worden.



Das ganze 15. Kapitel des Lukas ist sein Sondergut. Es setzt in drei - oder vier - Szenen jeweils die Spannung von Verlust und intensiver Suche um. Der Hirt sucht das verlorene Schaf. Die Frau sucht die verlorene Drachme. Der Vater sucht seinen jüngeren Sohn. Der Vater sucht neu die Liebe zum älteren Sohn. Im Finden am Ende des Suchens wird auch wieder vollendet, was einmal heil war. Die Herde ist komplett. Das Geld ist vorhanden. Die Familie ist wieder vereint. Als Gleichnissammlung nach dem Vorwurf an Jesus, mit Zöllnern und Sündern zu essen, geht das 15. Kapitel genau diesen Weg: Sie gehören zum Volk Gottes. Erst das Zugehen Jesu auf sie macht das Volk zu dem, was es sein kann.


Lukas hat in seinem Evangelium drei Gleichnisse zusammengestellt, die alle zur Mitfreude einladen: die Gleichnisse von dem gefunden Schaf, der gefundenen Drachme - und dem gefundenen Bruder. Sprachlich tritt ein Verfremdungseffekt ein, wenn der Blick auf das Gefundene gelenkt wird - in der Regel legen uns alte "Überschriften" die Gleichnisse nahe als Gleichnisse vom verlorenen Schaf, vom der verlorenen Drachme, vom verlorenen Sohn. Dass sich Menschen bevorzugt mit dem "Verlorenen" beschäftigten, zeigt auch die Auslegungsgeschichte. Die Gleichnisse, die hier erzählt werden, finden ihren Höhepunkt im gemeinsamen Feiern. Ob es im menschlichen Alltag üblich war, bei solchen Gelegenheiten gleich die Nachbarschaft einzuladen, mag auch für die Zeit Jesu/die Zeit des Lukas fraglich gewesen sein, aber mit dem Stilmittel der Übertreibung werden die Menschen eingeladen, sich darüber zu freuen, wenn ein Sünder "umgekehrt" ist. Es ist die Mitfreude, auf die alles hinausläuft: "Freut euch mit mir!" Die Menschen haben es auch gleich mitgehört: Es ist Gott, der zur Mitfreude einlädt! Die Alternative? Sich empören! "Die" draußen lassen. In der eigenen guten Gesinnung erstarren. Das ist denn auch die Ausgangslage: "Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen." Auch an diesem Punkt findet sich eine Steigerung ins Unermessliche: Wir sehen schon in den Mahlgemeinschaften Jesu den gedeckten Tisch im Himmel - und die Freude der Engel. Übrigens: die Gleichnisse sind besonders den Frommen gewidmet, die lieber unter sich bleiben, als sich "mitzufreuen", wenn Gott (!) einen Menschen gefunden hat. Dabei sind die Gleichnisse selbst, mit ihrer unbezweifelbaren Plausibilität und Schönheit, Teil der Strategie Gottes, den Blick von den "verlorenen" zu den "gefundenen" Menschen zu - finden.


Die in der Evangelienperikope erzählte Gleichnisfolge erhält ihren Anstoß aus jener kurzen Begebenheit, die am Anfang geschildert wird. Die Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Ein Umstand, der die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht wenig empört: Wie kann Jesus mit Leuten umgehen, die sich ihre Hände mit dem Eintreiben von Steuern schmutzig machen und dabei nicht wenig in die eigene Tasche arbeiten? Wie kann er mit Menschen zusammensein, die sich in offensichtlichem Gegensatz zum heiligen Gesetz Gottes befinden? Auffällig ist, daß dieses Murren der Pharisäer und Schriftgelehrten in deutlichem Kontrast zur Aufgeschlossenheit steht, welche die Zöllner und Sünder Jesus erweisen. "Alle", so heißt es sicher ein wenig übertreibend, waren sie gekommen. Die Gleichnisse vom verlorenen und wiedergefundenen Schaf, von der verlorenen und wiedergefundenen Drachme und vom verlorenen und zurückgekehrten Sohn bilden in dieser Situation die Antwort Jesu auf das Unverständnis, welches ihm entgegengebracht wird. Er möchte seinen Umgang mit den Zöllnern und Sündern als Ausdruck der Liebe und Barmherzigkeit Gottes verstanden wissen. Er charakterisiert Gott als einen, der unermüdlich nach dem Menschen sucht, auch wenn er damit viel aufs Spiel setzt, z. B. die neunundneunzig Schafe, die der Herde treu geblieben sind, oder die gute Laune des älteren Sohnes, der bisher so fleißig gearbeitet hat. Wenn man in der Kirche heute gelegentlich von einer "nachgehenden Seelsorge" spricht, so ist das vor diesem Hintergrund keine x-beliebige Strategie pastoralen Handelns, diese Redeweise hat vielmehr ihren Grund in dem von Jesus verkündeten Gottesbild und seinem eigenen Verhalten. Die Frage ist nur: Bemühen wir uns wirklich um die vom Weg Abgeirrten, um jene denen es nicht gelang, die "essentials" christlicher Existenz in ihr Leben, in ihre Partnerschaft zu integrieren? Oder herrscht nicht oft auch - zumindestens untergründig - die Meinung vor: "Lassen wir sie ruhig laufen, mit neunundneunzig anstatt hundert Schafen, mit neun anstatt zehn Drachmen, mit einem anstatt zwei Söhnen läßt es sich doch auch noch ganz gut leben!" Zurück zum Text der Evangelienperikope. Trotz aller Gemeinsamkeit, etwa in den Motiven des Verlorengehens, Findens und der Aufforderung zur Mitfreude, hebt sich das dritte Gleichnis, jenes vom verlorenen und zurückgekehrten Sohn oder - wie man vielleicht besser sagen müßte - vom barmherzigen Vater, auffällig von den ersten beiden ab. Es ist länger, kunstvoller gestaltet und verrät große Einfühlungskraft in zwischenmenschliche Zusammenhänge. Leicht können sich die Hörer oder Leser mit einer der handelnden Personen identifizieren. So wird beispielsweise im älteren Sohn ein Charakterbild der sich empörenden Pharisäer und Schriftgelehrten entworfen. Deren Mißgunst ist damit ziemlich harsch entlarvt. Gegenüber den ersten beiden Gleichnissen spielt auch das Motiv der Umkehr des Sünders eine wichtige Rolle. Der verlorene Sohn entschließt sich, nachdem er das ererbte Vermögen durchgebracht hat und sich im Umgang mit Schweinen, also unreinen Tieren, auch von der väterlichen Religion entfernt hat, in einem Selbstgespräch, zum Vater zurückzukehren und ihm seine Schuld zu bekennen. Auch dieser Aspekt sollte nicht vergessen werden. Das Verhalten des Vaters zeigt freilich eine über die Sünde währende Verbundenheit: Er hält bereits im voraus Ausschau, läuft dem Sohn entgegen, umarmt ihn und küßt ihn. Schließlich läßt er ein Freudenmahl arrangieren. Mit diesem Hinweis führt das Gleichnis wieder zurück zur Ausgangssituation, zum Umgang Jesu mit den Zöllnern und Sündern. Wie sollte die Liebe und Barmherzigkeit sowie die Freude über den zurückgekehrten bzw. wiedergefundenen Sohn besser zum Ausdruck kommen als in einem gemeinsamen Mahl. Einem Mahl, wie es Jesus mit den verlorenen Söhnen und Töchtern Israel nicht bloß einmal gehalten hat.


Kurzfassung des
Evangeliums vom 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 15,1-10

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus,
um ihn zu hören.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber
und sagten:
Er gibt sich mit Sündern ab und ißt sogar mit ihnen.
Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:
Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert,
läßt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück
und geht dem verlorenen nach,
bis er es findet?
Und wenn er es gefunden hat,
nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
und wenn er nach Hause kommt,
ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen
und sagt zu ihnen:
Freut euch mit mir;
ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war.
Ich sage euch:
Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen
über einen einzigen Sünder, der umkehrt,
als über neunundneunzig Gerechte,
die es nicht nötig haben umzukehren.
Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat
und eine davon verliert,
zündet sie dann nicht eine Lampe an,
fegt das ganze Haus und sucht unermüdlich,
bis sie das Geldstück findet?
Und wenn sie es gefunden hat,
ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt:
Freut euch mit mir;
ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte.
Ich sage euch:
Ebenso herrscht auch bei den Engeln Gottes Freude
über einen einzigen Sünder, der umkehrt.