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Lesungen 23.10.2016


1. Lesung vom 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Sir 35,15b-17. 20-22a

Lesung aus dem Buch Jesus Sirach:

Der Herr ist der Gott des Rechts,
bei ihm gibt es keine Begünstigung.
Er ist nicht parteiisch gegen den Armen,
das Flehen des Bedrängten hört er.
Er mißachtet nicht das Schreien der Waise
und der Witwe, die viel zu klagen hat.
Wer Gott wohlgefällig dient, der wird angenommen,
und sein Bittruf erreicht die Wolken.
Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken,
es ruht nicht, bis es am Ziel ist.
Es weicht nicht, bis Gott eingreift
und Recht schafft als gerechter Richter.



Die erste Lesung stammt aus dem alttestamentlichen Weisheitsbuch Jesus Sirach, welches vermutlich im 2. Jhdt. v. Chr. Verfasst wurde. Der Text steht dort innerhalb eines längeren Buchteils, der sich mit Fragen nach den richtigen Weisen der Gottesverehrung und den Reaktionen Gottes darauf beschäftigt. Im Hintergrund des Textes steht aber auch die Erfahrung, dass "die Armen" häufig von "den Reichen" ausgebeutet und unterdrückt werden - nicht selten mit Hilfe korrupter Richter. Die prophetischen Anklagen sozialer Ungerechtigkeit (etwa bei Jesaja oder Amos) werden hier aufgenommen und weitergeführt. Jesus Sirach betont, dass Gott sich gerade auf die Seite der Armen stellt, dass er ihr Anwalt ist, ja dass Gott sogar eingreift und Recht schafft als gerechter Richter. Die einzige Forderung an den Menschen ist: Gott wohlgefällig zu dienen


Das Buch Jesus Sirach gehört der Gattung nach zur Klasse der Weisheitsbücher und umfasst Mahnungen und Verheißungen, Erfahrungssätze und Lebensregeln, die in bunter Reihenfolge zusammengestellt sind. Es dürfte im 2. Jahrhundert vor Christus geschrieben worden sein. Arme und Bedrängte, Waisen und Witwen hatten in der Gesellschaft oft niemanden, der Partei für sie ergriff und sie waren hilflos den Mächtigen gegenüber ausgeliefert. Jesus Sirach betont, dass Gott sich gerade auf die Seite dieser Menschen stellt, dass er ihr Anwalt ist, ja dass Gott sogar eingreift und Recht schafft als gerechter Richter. Die einzige Forderung an den Menschen ist: Gott wohlgefällig zu dienen.


Die Lesung aus dem Alten Testament ist im Hinblick auf das Evangelium ausgewählt worden und entstammt dem Buch Jesus Sirach. Dieses Werk ist am Beginn des 2. vorchristlichen Jahrhunderts entstanden und steht in der Tradition der Spruchweisheiten. Die für die Lesung ausgewählten Verse betonen, dass Gott ein Gott des Rechtes ist und die Rechte der Armen verteidigt. Aufgezählt werden die Waisen und Witwen. Sie hatten niemand, der sich für ihre Rechte stark machen konnte, und waren daher der Willkür der Reichen und Mächtigen ausgesetzt. Bemerkenswert ist, dass im Buch Jesus Sirach die Rechte der Armen unabhängig von deren Gottesfürchtigkeit eingefordert werden. Die propheteischen Anklagen sozialer Ungerechtigkeit (etwa bei Jesaja oder Amos) werden hier aufgenommen und weitergeführt.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C: 
Sir 35, 15b-22a

Lesung aus dem Buch Jesus Sirach:

Der Herr ist der Gott des Rechts,
bei ihm gibt es keine Begünstigung.
Er ist nicht parteiisch gegen den Armen,
das Flehen des Bedrängten hört er.
Er mißachtet nicht das Schreien der Waise
und der Witwe, die viel zu klagen hat.
Rinnt nicht die Träne über die Wange,
und klagt nicht Seufzen gegen den, der sie verursacht?
Denn von der Wange steigt sie zum Himmel empor;
der Herr achtet darauf, und es mißfällt ihm.
Die Nöte des Unterdrückten nehmen ein Ende,
das Schreien des Elenden verstummt.
Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken,
es ruht nicht, bis es am Ziel ist.
Es weicht nicht, bis Gott eingreift
und Recht schafft als gerechter Richter.


Antwortpsalm am 30. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 34,2-3. 6-7. 17-23

R Der Herr erhört den Armen,
er hilft ihm aus all seiner Not. - R

Ich will den Herrn allezeit preisen;
immer sei sein Lob in meine Mund.
Meine Seele rühme sich des Herrn;
die Armen sollen es hören und sich freuen. - (R)

Das Antlitz des Herrn richtet sich gegen die Bösen,
um ihr Andenken von der Erde zu tilgen.
Schreien die Gerechten, so hört sie der Herr;
er entreißt sie all ihren Ängsten. - (R)

Nahe ist der Herr den zerbrochenen Herzen,
er hilft denen auf, die zerknirscht sind.
Der Herr erlöst seine Knechte;
straflos bleibt, wer zu ihm sich flüchtet. - R


2. Lesung vom 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
2 Tim 4,6-8. 16-18

Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Timotheus:

Mein Sohn!
Ich werde nunmehr geopfert,
und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe.
Ich habe den guten Kampf gekämpft,
den Lauf vollendet,
die Treue gehalten.
Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit,
den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird,
aber nicht nur mir,
sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.
Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten;
alle haben mich im Stich gelassen.
Möge es ihnen nicht angerechnet werden.
Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft,
damit durch mich die Verkündigung vollendet wird
und alle Heiden sie hören;
und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen.
Der Herr wird mich allem Bösen entreißen,
er wird mich retten und in sein himmlisches Reich führen.
Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen.



Zum vierten und letzten Mal in Folge stammt die neutestamentliche Lesung aus dem Zweiten Brief an Timotheus. Die Verse stehen am Ende des Schreibens, innerhalb eines Zusammenhangs, der sich gewissermaßen als "seelsorgliches Testament" des Paulus darstellt und dies auf dem Hintergrund, dass der Apostel sich aussichtslos in einer Gefangenschaft befindet, ja sogar mit dem Tod rechnen muss. Diese Situation verleiht den Worten besonderes Gewicht. Paulus steht als eifriger Verkündiger Jesu Christi und als treuer Verwalter der ihm anvertrauten Heilsgüter vor den Augen der Leser und Hörer. Er wird als einer dargestellt, der sich seiner himmlischen Anerkennung gewiss ist. Der unbekannte Verfasser der Pastoralbriefe greift hier bereits nach dem Stilmittel der Hagiographie. Aus den echten Paulusbriefen ist durchaus auch das Bekenntnis über das eigene Ungenügen vor dem Herrn bekannt. Mit der ersten Verteidigung, von der die Rede ist, ist vermutlich der Prozeß gegen den Apostel gemeint, in dessen Anfangsstadium niemand aus der römischen Christengemeinde zur Unterstützung bereit war. Demgegenüber wird dann eben zum Schluss des Lesungstextes der Beistand des Herrn gerühmt und am Ende sogar mit einer förmlichen Doxologie bedacht.


Dieser Brief des Paulus ist in der Form eines Testamentes an seinen Schüler und Nachfolger Timotheus geschrieben. Aufgrund des Stiles wird dieser Brief jedoch nicht direkt dem Paulus zugeordnet. In den Versen 6-8 soll das Bild und Vorbild des Paulus die Gemeinde und vor allem die sie führenden Amtsinhaber ermuntern und in ihrer Zuversicht auf Gottes Hilfe stärken. Der bevorstehende Tod gibt dem Paulus die willkommene Gelegenheit, sein Leben und Wirken vor Gott zu verantworten. Diese Verse sind Ausblick in die verheißene Zukunft und gleichzeitig Rückblick auf sein Leben. Im 2. Teil (Verse 16-18) wird durch den Verweis auf das Versagen aller die Standhaftigkeit des Paulus im Leiden und seine Souveränität unterstrichen. Im Kontrast zum Verhalten der Menschen steht das Handeln Gottes - er hat dem Paulus immer die Treue gehalten. Die Rettung aus dem "Rachen des Löwen" greift ein alttestamentliches Bild auf, welches zusammen mit der Bedrohung des frommen Menschen durch gottfeindliche Mächte die rettende Macht Gottes beschreibt. Im Vertrauen auf Gott weiß sich Paulus des Geschenkes der Heilsvollendung sicher.


Die 2. Lesung ist dem 2. Timotheusbrief entnommen. Dieser Brief stammt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus der Feder des Apostels Paulus. Er dürfte am Ende des 1. Jahrhunderts, also lange nach Paulus' Tod, von jemand verfaßt worden sein, der die Theologie und die Person des Apostels sehr schätzte. Gerade die ausgewählten Verse lassen vermuten, daß Paulus so nicht von sich redete. Er wird bereits als "Heiliger" betrachtet. In den Versen 6 bis 8 blickt der Paulus des Verfassers angesichts des bevorstehenden Endes mit feierlichem Pathos auf sein Leben zurück. Er beschreibt es als Kampf und vergleicht es mit einem sportlichen Wettstreit (vgl. Phil 3,14). Er erwartet einen Siegeskranz, der ihm vom gerechten Richter verliehen wird. Die Verse 9 bis 15 werden in der liturgischen Perikope ausgelassen. Sie enthalten persönliche Mitteilungen und Aufträge. Der Vers 16 erzählt von einer 1. Verteidigung des Paulus, in der ihn alle im Stich gelassen hätten. Der historische Gehalt dieser Aussagen bleibt unklar, unklar bleibt auch, wen dieser Vorwurf trifft. In Vers 17 tritt der Herr als sein Rechtsbeistand auf, der ihm Kraft gegeben und dem Rachen des Löwen entrissen hat. Er vertraut darauf, daß der Herr ihm bei allem, was ihm noch bevorsteht, beistehen wird.


Ungekürzte Fassung der
2. Lesung vom 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
2 Tim 4,6-18

Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Timotheus:

Mein Sohn!
Ich werde nunmehr geopfert,
und die Zeit meines Aufbruchs ist nahe.
Ich habe den guten Kampf gekämpft,
den Lauf vollendet,
die Treue gehalten.
Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit,
den mir der Herr, der gerechte Richter,
an jenem Tag geben wird,
aber nicht nur mir,
sondern allen, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen warten.
Beeil dich, komm bald zu mir!
Demas hat mich aus Liebe zu dieser Welt verlassen
und ist nach Thessalonich gegangen;
Kreszenz ging nach Galatien, Titus nach Dalmatien.
Nur Lukas ist noch bei mir.
Bring Markus mit, denn er wird mir ein guter Helfer sein.
Tychikus habe ich nach Ephesus geschickt.
Wenn du kommst, bring den Mantel mit,
den ich in Troas bei Karpus gelassen habe,
auch die Bücher, vor allem die Pergamente.
Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses getan;
der Herr wird ihm vergelten, wie es seine Taten verdienen.
Nimm auch du dich vor ihm in acht,
denn er hat unsere Lehre heftig bekämpft.
Bei meiner ersten Verteidigung ist niemand für mich eingetreten;
alle haben mich im Stich gelassen.
Möge es ihnen nicht angerechnet werden.
Aber der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft,
damit durch mich die Verkündigung vollendet wird
und alle Heiden sie hören;
und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen.
Der Herr wird mich allem Bösen entreißen,
er wird mich retten und in sein himmlisches Reich führen.
Ihm sei die Ehre in alle Ewigkeit. Amen.


Ruf vor dem Evangelium am 30. Sonntag im Jahreskreis (C)
2 Kor 5,19

Halleluja. Halleluja.

Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und uns das Wort der Versöhnung anvertraut.
Halleluja.


Evangelium vom 30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 18,9-14

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit erzählte Jesus
einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren
und die anderen verachteten, dieses Beispiel:
Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten;
der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet:
Gott, ich danke dir,
daß ich nicht wie die anderen Menschen bin,
die Räuber, Betrüger, Ehebrecher
oder auch wie dieser Zöllner dort.
Ich faste zweimal in der Woche
und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen
und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben,
sondern schlug sich an die Brust und betete:
Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch:
Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht.
Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt,
wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.



Die Geschichte vom frommen Pharisäer und dem umkehrwilligen Zöllner gehört zum Sondergut des Evangelisten Lukas. Sie ist die erste Einheit nach der Endzeitrede des Evangelisten. Sie ist in sich abgeschlossen und wird zum Ende hin begrenzt durch eine weitere Mahn-Erzählung. Das Gleichnis verweist auf die Beschaffenheit der Menschen, die in das Reich Gottes gelangen können, für dessen Einzug allein demütige Gottesfurcht reicht. Dieses Reich wird in Tod und Auferstehung, die in den Kapiteln 19 ff. beschrieben werden, gegenwärtig und für die Menschen erfahrbar.


Lukas richtet diese Perikope an die Leserinnen und Leser, die ihrerseits, ob jüdischer oder christlicher Religion, von der Gefahr der Sünde des geistlichen Stolzes bedroht sind. Die Parabel gehört zur Gattung des "Vergleichs" von zwei entgegengesetzten Situationen, der in der griechischen Rhetorik beliebt war. Sie ist Teil des Sondergutes, das Lukas übernommen und überarbeitet hat. Die von Lukas anvisierten Gesprächspartner haben die Überzeugung eines guten Gewissens und der richtigen Klassengesinnung. Es ist das Leben, das ihr Gewissen bestimmt und nicht das Gewissen, das ihr Leben bestimmt. Diesen gegenüber stellt Lukas den Zöllner, einen Mann, der sich auf Distanz hält, durch die er seinen Respekt Gott gegenüber und das Wissen um seine Menschlichkeit ausdrückt. Während der Tempel der traditionelle Ort ist, wo man die Augen erhebt, um die göttliche Erhabenheit zu schauen, verwehrt sich der Zöllner diese Freude. Er glaubt, Gott gegenüber nichts geltend machen zu können und richtet sein Augenmerk allein auf Gottes Barmherzigkeit. Lukas will uns sagen: Der Zöllner hat, ohne gute Werke zu tun, genau das gemacht, was Gott von ihm erhofft hat: Er hat bereut!


Die Erzählung vom Gebet des Pharisäers und des Zöllners hat den Charakter einer Beispielgeschichte. Die beiden Personen werden als Typen einer bestimmten religiösen Haltung vorgestellt. Als Leser muss man sich hüten, dem Pharisäer und dem Zöllner vorschnell einen moralisierenden Stempel aufzudrücken. Es geht in dieser Geschichte nicht um die Kategorien gut und schlecht oder scheinheilig und ehrlich. Der Pharisäer verkörpert eine rligiöse Einstellung, nach der Menschen versuchen, ihr Leben gut und im besten Sinn gläubig zu gestalten. Auch der Dank an Gott für die Gunst, in der Lage zu sein, das Gesetz sogar in Übergebühr erfüllen zu können, ist aufrichtig und ehrlich. An Aufrichtigkeit steht er dem Zöllner um nichts nach. Der Zöllner hingegen ist ohne Beschönigung ein Sünder. Er bezeichnet sich selbst so. Über seine falschen Einstellungen besteht kein Zweifel. Was die beiden unterscheidet und Jesus veranlasst, den Bösen als Gerechten weggehen zu lassen und den Guten nicht, ist deren innere Einstellung gegenüber Gott. Der Zöllner ist bereit, sich von Gott Gnade schenken zu lassen, der Pharisäer bedurfte keiner Zuwendung Gottes mehr. Er hat von Gott mehr begriffen als der fromme Pharisäer.