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Lesungen 03.02.2019


1. Lesung am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Jer 1,4-5. 17-19

Lesung aus dem Buch Jeremia.

In den Tagen Joschijas, des Königs von Juda,
   erging das Wort des HERRN an mich:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte,
   habe ich dich ausersehen,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst,
   habe ich dich geheiligt,
zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.

Du aber gürte dich,
tritt vor sie hin
und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage!
Erschrick nicht vor ihnen,
sonst setze ich dich vor ihren Augen in Schrecken!
Siehe, ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt,
zur eisernen Säule
   und zur bronzenen Mauer gegen das ganze Land,
gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda
und gegen die Bürger des Landes.
Mögen sie dich bekämpfen,
   sie werden dich nicht bezwingen;
denn ich bin mit dir, um dich zu retten -
Spruch des HERRN.



Die Lesung, leider nicht glücklich gestückelt, berichtet von der Berufung des Propheten Jeremia und der ihm zugesprochenen Verheißung. Erwählt schon vor Zeugung und Geburt, wird er zur "befestigten Stadt", zur "eisernen Säule" und zur "ehernen Mauer" - aber: beschrieben wird nicht nur die feste Position des von Jahwe berufenen Propheten, auf die er sich selbst nichts einbilden kann und will, sondern auch seine "Gegnerschaft" ("gegen das ganze Land" - wie eine Burg), immerhin Könige, Beamten, Priester, ja, auch die Bürger des Landes. Das Wort Jahwes trägt den Propheten - und der Prophet redet nicht in seinem eigenen Namen. Hervorgehoben ist nicht nur die Beistandszusicherung, sondern auch der Auftrag, Prophet für die Völker zu sein.


Die erste Lesung beschreibt die Berufung des Propheten Jeremia. Er wurde um 645 v. Chr. in einer Priesterfamilie nahe Jerusalem geboren. Sein Leben fiel in eine politisch äußerst spannungsgeladene Epoche. Jeremia wurde 627 v. Chr. zum Propheten berufen. Er erlebte den Aufstieg Judas, die hoffnungsvolle Zeit der religiösen Reformen unter König Joschija, den Wankelmut und die falsche Einschätzung der folgenden Könige bis hin zur Unterwerfung des Reiches durch die Babylonier. Jeremia war von jeher dazu berufen, die Botschaft des Herrn seinem treulosen Volk zu verkünden. "Reiße aus und zerstöre, vernichte und verheere" (Jer 1,10). Jeremias Aufgabe erstreckte sich also über mehr als 40 Jahre, "bis Jerusalem weggeführt wurde" (Vers 3), als Nebukadnezar 586 v. Chr. die Stadt zerstörte. Zwei wesentliche Gedanken beherrschen diesen kurzen Abschnitt der heutigen Lesung: 1. Die Betonung, dass die Einsetzung des Propheten von jeher von Gott geplant war. 2. Der Hinweis, dass das göttliche Wort ausreicht, ihn für jede künftige Lage zu bestärken. Jeremia ist ein Prophet, der stets in Zwiesprache mit Gott ist und der sich immer wieder selbst hinterfragt. Er ist zu Gefühlen fähig und spricht sie Gott gegenüber immer wieder aus. So sehen wir gleich am Beginn seiner Berufung die Bedenken wegen seiner Jugend. Aber sein Einwand wird nicht angenommen, denn die Autorität eines Propheten liegt nicht in seiner Person selbst, sondern in der göttlichen Sendung (Vers 7a), im göttlichen Wort (Vers 7b) und der göttlichen Gegenwart (Vers 8). Zur Verdeutlichung der Botschaft gab Gott Jeremia zwei Visionen. In der ersten bat er den Propheten zu beschreiben, was er sehe. In der Vision vom Mandelzweig ist ein Wortspiel versteckt: Mandel (hebr. schaged) und wachen über (hebr. schoged). Der Mandelbaum ist der erste, der im Frühling erwacht. Ebenso ist Jahwe immer wachsam und sein Wort geht seinem Handeln voraus. In der zweiten Vision sah Jeremia nach Norden hin einen siedenden Kessel, dessen siedender Inhalt sich nach Süden zu ergießen drohte. (Ein Hinweis auf Babylon und die Zerstörung Jerusalems). Ebenso wie Vers 5 die Auserwählung Jeremias, noch ehe er im Mutterschoß geformt war, angibt, ebenso betont nun Vers 17 den notwendigen Gehorsam. Der Herr des Wortes wird Jeremia unbezwingbar machen in allen Auseinandersetzungen mit Juda.


Die Berufung des Propheten Jeremia wird in das Jahr 626 vor Christi Geburt datiert. Das Wort JHWHs "geschieht" gleichsam an Jeremia, der verborgene Gott wird durch sein Wort anwesend und tätig. Jeremia hat bei seiner Erwählung keine Vision, da er bereits vor seiner Geburt von Gott als Prophet auserwählt worden ist. Aufgrund dieser Erwählung gehört Jeremia - biblisch gesprochen - nicht mehr sich selbst, sondern Gott und muss der "Mund Gottes" für die Völker werden. Dieser Auftrag wird dem sensiblen und schwachen Jeremia Probleme bereiten und der Gehorsam Gott gegenüber wird ihm schwer fallen (Jer 20,7ff.). Übergroß wird auch der Widerstand gegen die Botschaft des Propheten werden. Gott wird durch ihn gegen den Tempel, den König, die Staatsbeamten, das Volk etc. sprechen. Versuche, Jeremia zu töten, werden da nicht ausbleiben. Niemand wird Jeremia jedoch in diesen Situationen beistehen. Er ist völlig alleine und nur JHWH alleine wird ihm seine Rettung ermöglichen. Jeremias Leben wird eine Teilnahme am Leiden Gottes werden, der die Menschen liebt –aber von diesen allzu oft zurückgewiesen wird.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 4. Sonntag im Jahreskreis,
Lesejahr C: Jer 1,4-19

Lesung aus dem Buch Jeremia.

In den Tagen Joschijas, des Königs von Juda,
   erging das Wort des HERRN an mich:
Noch ehe ich dich im Mutterleib formte,
   habe ich dich ausersehen,
noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst,
   habe ich dich geheiligt,
zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.
Da sagte ich: Ach, Herr und GOTT,
   ich kann doch nicht reden,
   ich bin ja noch so jung.
Aber der HERR erwiderte mir:
   Sag nicht: Ich bin noch so jung.
Wohin ich dich auch sende,
   dahin sollst du gehen,
und was ich dir auftrage,
   das sollst du verkünden.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin mit dir um dich zu retten
   - Spruch des HERRN.
Dann streckte der HERR seine Hand aus,
   berührte meinen Mund
und sagte zu mir:
   Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund.
Sieh her!
Am heutigen Tag setze ich dich über Völker und Reiche;
du sollst ausreißen und niederreißen,
   vernichten und zerstören,
   aufbauen und einpflanzen.
Das Wort des HERRN erging an mich:
   Was siehst du, Jeremia?
Ich antwortete: Einen Mandelzweig sehe ich.
Da sprach der HERR zu mir:
   Du hast richtig gesehen;
denn ich wache über mein Wort
   und führe es aus.
Abermals erging an mich das Wort des HERRN:
   Was siehst du?
Ich antwortete: Einen dampfenden Kessel sehe ich; s
   ein Rand neigt sich von Norden her.
Da sprach der HERR zu mir:
   Von Norden her ergießt sich das Unheil
   über alle Bewohner des Landes.
Ja, ich rufe alle Stämme der Nordreiche
   - Spruch des HERRN - ,
damit sie kommen
   und ihre Richterstühle an den Toreingängen Jerusalems aufstellen,
gegen all seine Mauern ringsum
   und gegen alle Städte von Juda.
Dann werde ich mein Urteil über sie sprechen
   für alles Böse,
weil sie mich verlassen,
   anderen Göttern geopfert
   und das Werk ihrer eigenen Hände angebetet haben.
Du aber gürte dich,
tritt vor sie hin
und verkünde ihnen alles, was ich dir auftrage!
Erschrick nicht vor ihnen,
sonst setze ich dich vor ihren Augen in Schrecken!
Siehe, ich selbst mache dich heute zur befestigten Stadt,
zur eisernen Säule
   und zur bronzenen Mauer gegen das ganze Land,
gegen die Könige, Beamten und Priester von Juda
und gegen die Bürger des Landes.
Mögen sie dich bekämpfen,
   sie werden dich nicht bezwingen;
denn ich bin mit dir, um dich zu retten -
Spruch des HERRN.


Antwortpsalm am 4. Sonntag im Jahreskreis (C)
Ps 71, 1-3. 5-6. 15 u. 17

Kv: Mein Mund soll künden von deiner Gerechtigkeit. – Kv
(Oder GL 657,3)


Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen,
lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit!
Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit!
Neige dein Ohr mir zu und hilf mir! - Kv

Sei mir ein schützender Fels,
zu dem ich allzeit kommen darf!
Du hast geboten, mich zu retten,
denn du bist mein Fels und meine Festung. - Kv

Du bist meine Hoffnung,
Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf.
Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, /
aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden,
dir gilt mein Lobpreis allezeit. - Kv

Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, /
den ganzen Tag von deinen rettenden Taten,
denn ich kann sie nicht zählen.
Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf
und bis heute verkünde ich deine Wunder. - Kv


2. Lesung am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
1 Kor 12,31 - 13,13

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus
   an die Gemeinde in Korinth.

Schwestern und Brüder!
Strebt aber nach den höheren Gnadengaben!
Dazu zeige ich euch einen überragenden Weg:
Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete,
   hätte aber die Liebe nicht,
   wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.
Und wenn ich prophetisch reden könnte
   und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte;
   wenn ich alle Glaubenskraft besäße
   und Berge damit versetzen könnte,
   hätte aber die Liebe nicht,
   wäre ich nichts.
Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte
   und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen,
   hätte aber die Liebe nicht,
   nützte es mir nichts.
Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
   sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.
Prophetisches Reden hat ein Ende,
   Zungenrede verstummt,
   Erkenntnis vergeht.
Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
   Stückwerk unser prophetisches Reden;
wenn aber das Vollendete kommt,
   vergeht alles Stückwerk.
Als ich ein Kind war,
   redete ich wie ein Kind,
   dachte wie ein Kind
   und urteilte wie ein Kind.
Als ich ein Mann wurde,
   legte ich ab, was Kind an mir war.
Jetzt schauen wir in einen Spiegel
   und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk,
   dann aber werde ich durch und durch erkennen,
   so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen
   ist die Liebe.



Die Lesung verbindet die Kapitel 12 und 13, knüpft bei den Charismata (=Gnadengaben, die die Gemeinde erbauen) an und lässt sie in der Agape (der Liebe schlechthin) zur Erfüllung kommen. Dabei ist diese Verbindung von Gnadengaben und Liebe gerade für das Bild von Kirche und Gemeinde konstitutiv. Das "Hohelied der Liebe" in 1. Kor 13 eignet sich zwar auch für Trauungen, Silber- und Goldhochzeiten, verliert sich aber, wenn nur persönliche, gar intime Beziehungen, den Rahmen abstecken. Das "Hohelied der Liebe", formal ein Hymnus, ist, dem Thema gemäß, fein gegliedert: Nach drei "Wenns", die Lebensmöglichkeiten beschreiben, wird die Liebe beschrieben und in ihrem Wesen sichtbar. Der erste Höhepunkt wird erreicht: Die Liebe hört niemals auf. Das ist bemerkenswert: denn die sonst so hoch gepriesenen Fähigkeiten und Kenntnisse, seien sie geschenkt oder erworben, vergehen. Genannt werden prophetisches Reden, Glossolalie (Zungenrede) und Erkenntnisse. In seinem Brief an die Korinther hat Paulus diese Gaben gewürdigt, aber auch eingegrenzt und relativiert. Sie werden "Stückwerk" genannt, also als unfertig und nicht vollständig charakterisiert. In zwei Bildern erscheint dann das "Vollkommene": im Bild des Kindes und im Bild des Spiegels. "Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin." "Jetzt" und "dann" markieren den Weg, der im "Hohelied der Liebe" anschaulich wird. Das Lied endet, den ersten Höhepunkt in Vers 8 noch übersteigend, in der Gewissheit, das Glaube, Hoffnung und Liebe bleiben - aber die Liebe wird als die größte unter ihnen bleiben. Insofern führt das "Hohelied der Liebe" zu 12,31 zurück: "Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt". Trotz der - auch - eschatologischen Würde bleibt die Liebe schon jetzt. 1 Kor 13 ist - als Höhepunkt einer breit angelegten Argumentation - das "Grundgesetz", die "Verfassung" der Kirche.


Paulus hält seiner innerlich zerrissenen Gemeinde entgegen, dass sich der Geistbesitz nicht zuerst im Außergewöhnlichen erweist, sondern in der Gabe der Liebe, die den innersten Personkern des Menschen bestimmt. Im berühmten "Hohelied der Liebe" geht Paulus auf diese Liebe genau ein. Es ist in wundervoller dichterischer Schönheit verfasst. Das Wort agape wurde im Griechischen selten gebraucht, bis es die Christen zu ihrem wichtigsten Wort für Liebe machten. Bis dahin kannte man Liebe als eros (sexuelle Liebe) und philia (allgemeine Zuneigung). In diesen beiden Formen spielt auch der Gedanke mit, dass diese Liebe verdient ist und dass eine gewisse Form von Besitzenwollen anklingt. Bei der Agape handelt es sich um unverdiente, geschenkte Liebe. Der Hymnus auf die Liebe umfasst drei Abschnitte: Verse 1-3: Gnadengaben ohne Liebe nützen dem nicht, der sie hat; Verse 4-7: wie Liebe ist (Hier wird auch ein Bild Christi gezeichnet); Verse 8-13: die Liebe bleibt ewig.


Das sogenannte "Hohe Lied der Liebe" ist ein in sich geschlossener Text in rhythmischer Prosa, unterteilt in drei Strophen. Paulus kommt in diesem Text auf die Mitte aller Charismen (Gnadengaben) zu sprechen. Das zentrale Wort ist "agape" (Liebe) - ein in der damaligen Umgangssprache selten benutztes Wort. Es wird in der Septuaginta (der griechischen Übersetung des AT) jedoch gegenüber den Wörtern "eros" ("erotische Liebe") und "philia" (Freundschaftsliebe) bevorzugt. Die "agape" ist aber auch nicht mit der Liebe den Eltern gegenüber gleichzusetzen. Sie ist nüchterner und weniger affektiv besetzt. Die Formulierung "Liebe haben" statt "lieben" zeigt, dass es nicht nur um ein Tun der Liebe geht - sie ist hier fast personifiziert. Sie ist gleichsam alles und ohne sie erscheint alles andere als tot. "Agape" ist für Paulus letztlich auch die Liebe Gottes: der Vater schenkt sich dem Sohn und der Sohn dem Vater im Heiligen Geist, beide schenken sich in diesem Geist den Menschen. Diese Liebe ist nach Paulus Gnade, die Quelle alles Lebens, Betens und Tuns. Die Getauften haben diese Liebe empfangen, und geben diese weiter.


Kurzfassung der
2. Lesung am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
1 Kor 13,4-13

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus
   an die Gemeinde in Korinth.

Schwestern und Brüder!
Die Liebe ist langmütig,
die Liebe ist gütig.
Sie ereifert sich nicht,
sie prahlt nicht,
sie bläht sich nicht auf.
Sie handelt nicht ungehörig,
sucht nicht ihren Vorteil,
lässt sich nicht zum Zorn reizen,
trägt das Böse nicht nach.
Sie freut sich nicht über das Unrecht,
   sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.
Prophetisches Reden hat ein Ende,
   Zungenrede verstummt,
   Erkenntnis vergeht.
Denn Stückwerk ist unser Erkennen,
   Stückwerk unser prophetisches Reden;
wenn aber das Vollendete kommt,
   vergeht alles Stückwerk.
Als ich ein Kind war,
   redete ich wie ein Kind,
   dachte wie ein Kind
   und urteilte wie ein Kind.
Als ich ein Mann wurde,
   legte ich ab, was Kind an mir war.
Jetzt schauen wir in einen Spiegel
   und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk,
   dann aber werde ich durch und durch erkennen,
   so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
doch am größten unter ihnen
   ist die Liebe.


Ruf vor dem Evangelium am 4. Sonntag im Jahreskreis (C)
Jes 61,1

Halleluja. Halleluja.
Der Herr hat mich gesandt,
den Armen die Frohe Botschaft zu bringen
und den Gefangenen die Freiheit zu verkünden.
Halleluja.


Evangelium am 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C:
Lk 4,21-30

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit
   begann Jesus in der Synagoge von Nazaret ihnen darzulegen:
Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Alle stimmten ihm zu;
sie staunten über die Worte der Gnade,
   die aus seinem Mund hervorgingen,
und sagten: Ist das nicht Josefs Sohn?
Da entgegnete er ihnen:
   Sicher werdet ihr mir das Sprichwort vorhalten:
   Arzt, heile dich selbst!
Wenn du in Kafarnaum so große Dinge getan hast,
   wie wir gehört haben,
   dann tu sie auch hier in deiner Heimat!
Und er setzte hinzu: Amen, ich sage euch:
Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.
Wahrhaftig, das sage ich euch:
   In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija,
   als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war
   und eine große Hungersnot über das ganze Land kam.
Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt,
   nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon.
Und viele Aussätzige gab es in Israel
   zur Zeit des Propheten Elischa.
Aber keiner von ihnen wurde geheilt,
   nur der Syrer Naaman.
Als die Leute in der Synagoge das hörten,
   gerieten sie alle in Wut.
Sie sprangen auf
und trieben Jesus zur Stadt hinaus;
sie brachten ihn an den Abhang des Berges,
   auf dem ihre Stadt erbaut war,
   und wollten ihn hinabstürzen.
Er aber schritt mitten durch sie hindurch
   und ging weg. 



Das Evangelium gehört zu der sog. Antrittspredigt Jesu, von der in Luk. 4 erzählt wird und die am vergangenen Sonntag vorgelesen wurde. V. 21 verknüpft zwar, kann aber den Spannungsbogen nur bedingt festhalten. Der Sohn Josefs redet begnadet - so sagen die Leute in der Heimatstadt. Josef ist einer von ihnen. Jesus sein Sohn? Was er sagt, mag zwar begnadet sein (was immer das heißen kann), aber sein Anspruch passt nicht zu den Familienverhältnissen und der Herkunft. So schlägt die Ver- und Bewunderung um in einen Disput, der tödlich enden könnte - wenn Jesus nicht durch die Menge einfach hindurch geschritten wäre. Legte Jesus in der Synagoge einen Jesaja-Text aus, dreht sich der Disput "danach“ um Gottes Weite. Die Witwe in Sarepta bei Sidon wie der Syrer Naaman sind Ausländer, denen Hilfe zuteil wird. Elia wie Elischa sind Propheten, die die Grenzen ihres Volkes und ihrer Herkunft im Namen Gottes überschreiten. Obwohl diese Geschichten als bekannt vorausgesetzt werden können, entfalten sie in Verbindung mit den Worten Jesu eine - sichtbare - Sprengkraft: Jesus entzieht sich dem Anspruch, in seiner Heimat den Nachweis zu führen, dass die prophetische Verheißung sich in ihm erfüllt. Weisheitlich formuliert Jesus: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt. Auch dafür sind für Jesus Elia und Elischa Beispiele. Neben der Auseinandersetzung, die schon das Kreuz ahnen lässt, wirft diese Geschichte auch Licht auf menschliche Erwartungen, misslungene Kommunikation und freigesetzte Aggressivität. Jesus hat in seiner Auslegung der prophetischen Verheißung einen Anspruch formuliert, an dem sich die Geister scheiden müssen.


Das heutige Evangelium setzt die "Antrittspredigt Jesu in Nazareth" vom vergangenen Sonntag fort. Im vierten Kapitel des Lukasevangeliums geht es um die Reaktion der Zuhörer auf das Wort, mit dem sich Jesus offenbart hat als Erfüllung der Verheißung aus Jesaja 61,1f. Diese Reaktion ist gekennzeichnet durch einen radikalen Umschwung: Am Beginn steht der Beifall, am Ende der Versuch, Jesus zu lynchen. Herbeigeführt wird der Wandel durch die Rede, die Jesus auf den Beifall hin hält. Damit sagt Lukas nicht, dass Jesus die Ablehnung absichtlich herausgefordert hat; vielmehr bringt Jesus die Gedanken der Menschen ans Licht - wie es Simeon dem Kind einst prophezeit hat (Lk 2,35). So zeichnet sich in dieser Erzählung vom Anfang des öffentlichen Wirkens schon der ganze Weg Jesu ab. Er wird, wie alle Propheten, in seiner Heimat nicht anerkannt (Lk 4,24). Heimat - wörtlich übersetzt "Vaterstadt" - bezieht sich wohl nicht nur auf Nazareth, sondern auch auf das Volk Israel. Denn es schließen sich zwei Beispiele aus der Geschichte Israels an, die sich auf das Wirken der Gottesboten Elija und Elischa "unter Heiden" beziehen (Lk 4,25-27). Damit wird hier zugleich angedeutet, dass die Sendung Jesu über Israel hinausführen wird: Gleichsam die erste Station dieses Weges Jesus ist durch seinen Weggang aus Nazareth erreicht (Lk 4,30).