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Kontexte 29.09.2013


Armsein in alter Zeit ...

Basilius von Cäsarea, 4. Jhdt.


„Dem Hungrigen gehört das Brot, das du zurück hältst, dem Nackten das Kleidungsstück, das du im Schrank verwahrst, dem Barfüßigen der Schuh, der bei dir verfault, dem Bedürftigen das Silber, das du vergraben hast. Aber du bist mürrisch und unzugänglich, du gehst jeder Begegnung mit einem Armen aus dem Weg, damit du nicht genötigt wirst, auch nur ein Weniges abzugeben. Du kennst nur die eine Rede: Ich habe nichts und kann nichts geben, denn ich bin arm. Ja, arm bist du wirklich: arm an Liebe, arm an Gottesglauben, arm an ewiger Hoffnung.“



Armsein heute …

Homepage Armutskonferenz Österreich - www.armutskonferenz.at, abgerufen am 17.7.2013.


Arm ist nicht nur, wer in Pappschachteln am Bahnhof übernachten oder die Tage auf Parkbänken verbringen muss, sondern arm ist, wer am Alltagsleben nicht teilnehmen kann.

Die Statistik spricht von Armut und sozialer Ausgrenzung, wenn geringes Einkommen auch mit Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen verbunden ist.
Als Einkommensarmutsschwelle werden 60% des Median-Pro-Kopf-Haushaltseinkommens definiert: das sind derzeit 1.031 Euro für einen Einpersonenhaushalt (Stand 2012). Die meisten Einkommen armer Menschen liegen allerdings weit unter dieser Schwelle, so haben 300.000 Menschen nicht mehr als 600 Euro zur Verfügung.

Einschränkung in zentralen Lebensbereichen heißt: Die Betroffenen können abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht angemessen warm halten, geschweige denn unerwartete Ausgaben tätigen. Außerdem sind arme Menschen häufiger krank und leben oft in überbelegten, feuchten, schimmligen Wohnungen, weil beispielsweise das Geld für eine Wohnraumsanierung fehlt.

Armsein ...

… heißt zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend, working poor
511 000 Menschen (ca. 6% der Wohnbevölkerung) in Österreich sind von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen (Stand 2012) – Sie sind manifest arm, haben neben einem niedrigen Einkommen auch Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen (z.B. Bildung, Wohnung, Begleitung). Frauen sind dabei stärker als Männer betroffen. Ein Viertel der Armutsbetroffenen sind Kinder. Ihre Eltern sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Ein Drittel der Betroffenen schafft es nicht, den Teufelskreis von Armut und sozialer Ausgrenzung zu durchbrechen. Die Hälfte aller manifest armen Personen ist dieser Situation länger als ein Jahr ausgesetzt.

… kann jede/n von uns treffen

Das Risiko durch soziale Netze zu fallen ist gestiegen und wird auch vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise weiterhin ansteigen – Armut kann somit jede/n von uns treffen. Knapp 1.000.000 Menschen (12%) haben ein Einkommen unter der Armutsgrenze.

… macht krank

Menschen, die in Armut leben, sind doppelt so oft krank wie Nicht-Arme. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen. Von Armut betroffene Menschen können sich in vielen Fällen nicht dieselbe medizinische Versorgung leisten, wie Personen, die nicht in Armut leben.

... macht Stress

Die Miete nicht pünktlich zahlen zu können, nicht zu wissen wie das Geld für den Schulausflug der Kinder aufgetrieben werden kann, keinen oder einen schlecht bezahlten Job zu haben, macht Stress und führt auf die Dauer zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen wie Magenbeschwerden, Herzproblemen, Bluthochdruck, Schlafstörungen, Kopfschmerzen etc.

… macht einsam

Wer arm ist, hat weniger freundschaftliche und nachbarschaftliche Kontakte. Arme Menschen leben oft in Isolation. Beispielsweise kann fast jede/r zehnte ÖsterreicherIn es sich nicht leisten, Freunde oder Verwandte einmal im Monat nach Hause zum Essen einzuladen.

… nimmt Zukunft

Menschen, die am Limit leben, haben geringere Aufstiegschancen. Ihre Zukunft wird von der sozialen Herkunft bestimmt. In Österreich haben Kinder armer Menschen eine schlechtere Chance auf eine gute Ausbildung – der soziale Status der Eltern beeinflusst in den meisten Fällen die Bildungs- und damit die Einkommenschancen der Kinder.

Konkret bedeutet Armut: kaum Möglichkeiten, in zentralen gesellschaftlichen Bereichen – wie Wohnen, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Sozialkontakte, kulturelles Leben, Bildung – zumindest in einem Mindestmaß teilhaben zu können. Arme Menschen haben weniger Chancen im Leben.



Das Vaterunser der Armen und der Hunde

Aus: Leonardo Boff, Am Rand des Himmels. Geschichten von Gott und Welt. Patmos Verlag, Düsseldorf 1997.


Es ist früh, wie jeden Morgen,
Kinder streiten sich mit Hunden
um Mülltonnen.
Alles wird durchgewühlt,
’rein und ’raus.
Speisereste aus dem Müll,
sie teilen sich mit Hunden
das verfaulte Brot aus dem Müll.
            Eine Hundewelt
            ohne Herz.
            Das ist die Art und Weise,
            die Gott gefunden hat,
            das Gebet
            dieser armen hungrigen Kinder:
            »Unser tägliches Brot gib uns heute«
            aufzunehmen.
Von diesem Tag an
war das Brot auf unserem Tisch
- ich sage die Wahrheit, ich lüge nicht -
nicht mehr dasselbe.
Dank den Armen
war es bitter geworden,
voller Lästerungen der Armen,
die für Gott Bitten sind.
Und erst dann wurde es süß und gut,
als es geteilt wurde
mit den hungernden
Kindern und Hunden.



Lebensmittel aus dem Müll: Abgelaufen, "riecht aber ganz frisch"

ROMAN DAVID-FREIHSL, 20. September 2013, 18:36 - http://derstandard.at/1379291556346


Eine Gruppe von Waste-Divern war in der Nacht zum Freitag in Ottakring unterwegs, um den ersten konsumkritischen Gratissupermarkt Wiens zu beliefern

Wien - "Heute ist Ananas-Tag!", freut sich David. Zehn, 15 Früchte leuchten uns aus der Biotonne am Wiener Yppenplatz entgegen. Doch die von den Brunnenmarkt-Händlern weggeworfenen Früchte sind tatsächlich zu weich. Also macht David den "dive", klettert in die Tonne und taucht ein. Fischt zunächst leere Maisblätter raus. Dann Paradeiser. Und Frühlingszwiebel: "Das geht in die richtige Richtung."

Aber "jetzt gemma zum Supermarkt", beschließt die Gruppe. Wir sind zu acht im nächtlichen Ottakring unterwegs. Eine von fünf Gruppen, die einen ganzen Supermarkt füllen will - mit weggeworfenen Lebensmitteln.

Auswüche der Wegwerfgesellschaft

Der "wastecooking's free supermarket" wird dieses Wochenende im Rahmen des Kulturprojektes "Wienwoche" aufgesperrt und von der Salzburger konsumkritischen Kochshow "Wastecooking" betrieben. Hier kann sich jeder gratis bedienen - und absolut genießbare Lebensmittel mitnehmen, die Waste-Diver (Mülltaucher) nächtens aus den Mülltonnen fischen. Und sich über die Auswüchse unserer Wegwerfgesellschaft informieren.

Zur Sicherheit liegt im Supermarkt bereits eine Reserve bereit: eine Tonne Erdäpfel und 500 Kilo Karotten. Gemüse aus dem Marchfeld, das für den Abtransport in die Biogasanlage bestimmt war - einfach deshalb, weil es nicht der Norm entsprach. Als das Supermarkt-Team beim Bauern anfragte, meinte der nur: "Wie viel wollt ihr? Eine Tonne? Fünf Tonnen?"

Aber die Regale quellen auch so über. Bereits im ersten Müllraum eines Supermarktes werden wir fündig: Salate, Shrimpssalat (abgelaufen), Wurstsemmeln, Hartkäse - "den probier'n wir auf jeden Fall". Abgelaufener Brimsen -"riecht aber ganz frisch". Beim nächsten Supermarkt findet sich astreiner abgepackter Kürbis - im Restmüll. Trauben, zwei lebendige, zernepfte Rosmarinstauden. Und wieder - Ananas. Diesmal nehmen wir sie mit.

Im nächsten Müllraum stinkt es erbärmlich, aber das täuscht. "Jackpot!", jubelt David: Topfenstrudel, Toastbrot, Trauben, Karfiol, Pfirsiche, Zitronen, drei Blumenbüsche in Töpfen werden aus den Coloniakübeln gefischt.

Nicht alleine unterwegs

Und: Unsere Gruppen sind nicht alleine unterwegs. Als wir gegen 22 Uhr mit vollen Kisten und Säcken bepackt Richtung Supermarkt marschieren, sprechen uns drei junge Männer an: "Tschuldigung. Wart ihr schon beim Billa in der Ottakringer Straße?" - "Ja." - "Ah, gut, dann müssen wir dort nimmer hin." Und die Diver-Kollegen ziehen weiter.

Beim Supermarkt angekommen, wartet bereits das Hernalser Team, das frühzeitig abgebrochen hatte, weil sie mehr gefunden hatten, als sie schleppen konnten. Bei Durchsicht dieser Beute macht sich endgültig Fassungslosigkeit breit. Massenweise Cola, Eistee, Bier. Ein Zwei-Kilo-Sack Reis, der erst am 1. November abläuft. Aber 2014. Draußen wird bereits Gemüse gewaschen. Und Haltbarvollmilch im Tetrapak, die ebenfalls im Herbst 2014 abläuft.

Ein Drittel aller Lebensmittel vernichtet

Der Supermarkt hat in der Grundsteingasse 68 Freitag und Samstag 12-18 Uhr geöffnet, Sonntag 10-15 Uhr. Die Lebensmittel werden am Samstag ab 14 Uhr bei einer Wastecooking-Session zubereitet. Ab 19 Uhr gibt's gekochte kulinarische Kostproben. Und Sonntag ab 11 Uhr ein Waste-Brunch mit Expertengesprächen über "Supermarktfasten". Anmeldung erbeten.

Die Uno schätzt übrigens, dass mindestens ein Drittel der Lebensmittel weltweit vernichtet wird, bevor sie auch nur in die Nähe von Konsumenten kommen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 21./22.9.2013)



Armutskonferenz veranstaltet "Parlament der Ausgegrenzten"

Copyright 2013 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich - (www.kathpress.at)


Dreitägige Versammlung in Wien kurz vor der Nationalratswahl - "Plattform für marginalisierte und unterrepräsentierte Stimmen in unserer Gesellschaft"

Wien, 20.09.13 (KAP) Kurz vor der Nationalratswahl tagt auf Initiative der Armutskonferenz in Wien das "Parlament der Ausgegrenzten". Von Freitag bis Sonntag wird diese "Plattform für marginalisierte und unterrepräsentierte Stimmen in unserer Gesellschaft" im JUFA-Seminarhaus Simmering eingerichtet. In einem öffentlichen Gespräch mit Politikern sollen Forderungen nach einem guten Leben für alle vorgebracht werden. Zu Wort kommen laut einer Aussendung der Armutskonferenz dabei Menschen, die im österreichischen Nationalrat kaum oder nicht vertreten sind: Von Armut und Ausgrenzung Betroffene, Migranten und Flüchtlinge, Behinderte, Wohnungslose, Alleinerziehende, Mindestpensionisten und andere.

Das "Parlament der Ausgegrenzten" soll Visionen, Forderungen und Strategien für ein gutes Zusammenleben aller diskutieren und gemeinsam weiterentwickeln. In einer öffentlichen "Politischen Matinée" nach der Zusammenkunft wollen Abgeordnete dieses alternativen Parlaments den Vertretern der wahlwerbenden Parteien ihre Überlegungen überreichen. "In Zeiten zunehmender sozialer Ausschlüsse und der Durchsetzung einer Politik der Eliten setzt das Parlament der Ausgegrenzten ein starkes Zeichen für Selbstorganisation und Selbstvertretung, aber auch für die Notwendigkeit neuer Formen demokratischer Mitbestimmung", heißt es in der Ankündigung.

Die Armutskonferenz ist ein Netzwerk sozialer Hilfsorganisationen, die insgesamt etwa 100.000 Hilfesuchende pro Jahr betreuen. Mitglieder sind auch zahlreiche kirchliche Organisationen wie Caritas, Diakonie, Katholische Aktion, Katholischer Familienverband und Katholische Sozialakademie.



Janusköpfig

Aus: Franz Kamphaus, Die Welt zusammenhalten. Reden gegen des Strom. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


Wenn von Globalisierung die Rede ist, denkt man zunächst an den ra­pide gewachsenen wirtschaftlichen Austausch. Das ist eine Seite des vielschichtigen Begriffes. Er hat sehr unterschiedliche Dimensionen (wirtschaftliche, ökologische, soziokulturelle, politische). Die Globali­sierung birgt Chancen und unübersehbare Risiken. Längst nicht alle Globalisierung ist gut. Dass leicht verderbliche Lebensmittel unter ho­hem Energieverbrauch durch die ganze Welt geflogen werden, ist kein Fortschritt, sondern sinnlose Verschwendung. Dass Finanzkapital in gigantischer Größenordnung nahezu unkontrolliert in Sekunden­schnelle von einem Ort der Erde zum anderen transferiert wird und schließlich ganze Volkswirtschaften ins Trudeln bringt, ist kein Ge­winn. Dass die Nationalstaaten immer mehr an Bedeutung verlieren, ohne dass in gleichem Maße Instrumente einer Weltinnenpolitik ent­wickelt werden, dass mit dem schwindenden Einfluss der Nationalstaaten die soziale Kohärenz leidet, ist besorgniserregend.

Die Auswirkungen der Globalisierung sind zwiespältig. Es gibt Ge­winner und Verlierer. Das herkömmliche Nord-Süd-Schema löst sich zunehmend auf.

- Das gilt für die Staaten: Ehemalige „Entwicklungsländer“ gewinnen weltweit Marktanteile und konkurrieren mit den Industrieländern. China wird 2008 „Exportweltmeister“ sein. Nicht wenige Staaten Südostasiens, aber auch Länder in Lateinamerika (Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile) erleben einen bemerkenswerten wirtschaft­lichen Aufschwung. Ihre Rolle auf dem Weltmarkt lässt erkennen, wie sehr sich die Handelsbeziehungen und internationalen Ver­flechtungen verändert haben. Dagegen sieht es in den allermeisten afrikanischen Ländern nach wie vor finster aus.

- Innerhalb der einzelnen Staaten gibt es Bevölkerungsgruppen, die von der Globalisierung profitieren und andere, die verlieren. So sind mit dem Aufstieg Chinas und Russlands die internen sozialen Unterschiede enorm gewachsen. Auch in den traditionellen Indus­trieländern wie Deutschland wird die Kluft zwischen Reich und Arm größer. Globalisierungsverlierer und -gewinner leben in un­mittelbarer Nachbarschaft.

Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung werden viele Rohstoffe zu knappen Gütern. Das beeinflusst in erheblichem Maße die internatio­nale Politik. China und der Westen wetteifern um die Gunst bestimm­ter afrikanischer Staaten. Statt als Motor der Entwicklung erweist sich der Rohstoffraubbau in Afrika oft als Fluch der Armen.

Unsere Welt ist durch die Migration gekennzeichnet. Vor allem die westlichen Staaten wetteifern um qualifizierte Zuwanderer, mit denen sie den ökonomischen Wettbewerb bestehen können. Sie wehren zu­gleich nach Kräften den Zuzug der Armen ab. Die Diskrepanz zwi­schen offenen Märkten und eisenharten Abschottungsmaßnahmen gegenüber unliebsamen Migranten ist entlarvend und beschämend zugleich.

Der Zusammenhang zwischen der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, den Regeln und Strukturen der internationalen Arbeitstei­lung und der globalen Armut liegt auf der Hand. Er wird in den Medien kaum analysiert. Sondersendungen im Fernsehen oder Reportagen über den fairen Handel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die weltweite Armut in den modernen Gesellschaften weitgehend verdrängt wird. Reich und Arm sind sich fremd und existieren bezie­hungslos nebeneinander, es gibt keinen Austausch. „Nicht nur Armut, sondern auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein“, sagt das Sozialwort der Kirchen (220). Damit soll nicht der So­zialneid geschürt werden, sondern die soziale Gerechtigkeit Raum ge­winnen. Im Bereich der Wirtschaft hören viele das Wort Umverteilung gar nicht gern. Wie anders soll ein Ausgleich aus der gewaltig gewachsenen Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich in Gang kommen? Eine globalisierte Solidarität ist nicht einfach eine Ergänzung der gängigen ökonomischen, technologischen und politischen Globalisierung. Sie erlaubt sich, diese kritisch zu hinterfragen und sie aus ihrem oft kleinkarierten Eigennutz herauszuholen.



Globaler Marshallplan für die Millennium-Entwicklungsziele

Aus: Heiner Geißler, Ou Topos. Suche nach dem Ort, den es geben müsste. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.


Eine neue Weltpolitik ist unausweichlich. Die Folge der unregulierten Globalisierung sind wachsende Armut, Verteilungskonflikte zwischen Nord und Süd, Flücht­lingsbewegungen, kulturelle Konflikte, eine Zunahme des Terrorismus, Kriege und Umweltkatastrophen. Die negativen Folgen treffen die überwiegende Mehrheit der Menschen, vor allem in der südlichen Erdhälfte mit ihren Megastädten, was aber auf den Norden zurückwirkt. Es gibt daher keine Alternative zu einem verbesserten und für alle Staaten verbindlichen globalen Rahmen für die Weltwirtschaft. In diesem Rahmen müssen die ökonomi­schen Entwicklungen in Einklang gebracht werden mit den Erfordernissen der Umwelt, der humanen Grund­rechte und der kulturellen Vielfalt auf dieser Erde. Die Voraussetzung hierfür ist ein hohes Maß an Toleranz und ein gemeinsamer Lernprozeß von Nord und Süd, der in einem fairen globalen Vertrag münden muß.

Im Jahr 2000 haben 189 Staaten einen Entwicklungsplan unterzeichnet, in dem beschlossen worden ist, be­stimmte Ziele, die »Millennium-Entwicklungsziele«, zu erreichen. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer gerech­ten Weltordnung und einer nachhaltigen Entwicklung, aber ein unverzichtbarer großer Schritt auf dem Weg zu einer Weltfriedens- und Weltwirtschaftsordnung, die sich am Menschen und an der Natur orientiert. Die Millen­nium-Entwicklungsziele sind:
            - extreme Armut und Hunger beseitigen,
            - die Grundschulbildung für alle Kinder garantieren,
            - die Gleichstellung der Frauen fördern,
            - die Kindersterblichkeit senken,
            - die Gesundheit der Mütter verbessern,
            - HIV/Aids, Malaria und andere schwere Krankheiten bekämpfen,
            - ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten und
            - eine globale Partnerschaft für Entwicklung aufbauen.

Die Finanzierung
Um diese Ziele zu erreichen, sind mindestens 100 Mil­liarden US-Dollar pro Jahr erforderlich. Dieser Betrag entspricht weniger als 0,3 Prozent des Weltbruttosozial­produkts und weniger als 0,01 Prozent der jährlichen Ka­pitalflüsse um unseren Globus.

100 Milliarden US-Dollar pro Jahr sind aufzubrin­gen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Zunächst einmal müssen alle Industriestaaten endlich 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Entwick­lungszusammenarbeit bereitstellen. Außerdem müssen die USA und die Europäische Union die Subventionen für einheimische Agrarprodukte beenden, soweit diese Produkten in den Entwicklungsländern Konkurrenz ma­chen. Die Entschuldung der ärmsten Länder muß weiter­geführt werden.

Genauso wichtig ist die Schaffung neuer Finanzie­rungsquellen. Unverzichtbar ist die Abgabe auf weltweite Finanztransaktionen, gemeinhin Tobin-Steuer genannt. Eine EU-weite Einführung würde bei einem Steuersatz von 0,01 Prozent etwa 38 Milliarden US-Dollar einbringen, eine weltweite Einführung Erträge von etwa 125 Milliarden US-Dollar, also mehr, als die UNO benötigt, um die Millennium-Entwicklungsziele zu finanzieren. Hinzukommen kann eine Terra-Abgabe auf den grenz­überschreitenden Welthandel, eine Verteuerung der weltweiten Gütertransporte, der Handel mit (pro Kopf gleichen) C02-Emissionsrechten, eine Kerosinsteuer und Sonderziehungsrechte beim IWF für besonders benach­teiligte Entwicklungsländer.

Neue Regeln für die Finanzmärkte
Um eine erneute Finanzmarktkrise zu vermeiden, ist ein geordneter Wettbewerb auf den internationalen Finanz­märkten notwendig mit von den Industrieländern zu beschließenden Regeln für den Geld- und Wertpapier­verkehr. Es ist klar, daß diese Regeln, solange es noch keine Weltregierung gibt, nur multilateral vereinbart werden können. Dazu gehören eine wesentlich strenge­re Kontrolle der Finanzmärkte und ihrer Akteure sowie die staatliche Aufsicht über alle Teile des Finanzsystems, auch über Hedgefonds, Ratingagenturen und den Handel mit komplizierten Finanzprodukten. Außerdem müssen die Finanzprodukte standardisiert und staatliche Ratingagenturen eingerichtet werden. Des weiteren sollten die Managergehälter einer Regelung unterworfen werden, die verhindert, daß die Manager durch Aktienoptionen zu Spekulanten werden. Darüber hinaus müssen steuerfreie Geld- und Warengeschäfte mit den Off-Shore-Centers verboten werden, noch besser wäre deren Schließung. Notwendig wäre schließlich eine Demokratisierung der Weltbank, des IWF und der WTO.

Ohne diese Alternative zum kapitalistischen System ist eine humane Weltwirtschafts- und Weltfriedensordnung nicht möglich. Die Alternative ist Blutvergießen, Wirtschaftskriege und knappe Ressourcen, vor allem bei Energie und Wasser, Überhandnahme des Fundamenta­lismus und ein weltpolitisches Chaos, das auch vor den Toren Europas und der USA nicht haltmachen wird. Diese humane Alternative der Marktwirtschaft durchzusetzen ist also Pflicht und Verantwortung der Politik, das heißt der Regierungen und der Parteien.