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Kontexte 27.10.2013


Ein schwarzes Schaf

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Frei vor Gott. Glauben in öffentlicher Verantwortung. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.


Bei einem Spaziergang mit meinen Mitbrüdern begegneten wir einer kleinen Schafherde. Unter den zehn oder zwölf Tieren war auch ein schwarzes Schaf. Es graste ganz friedlich mit den anderen auf der Wiese, und es hatte den Anschein, als ob es selbst nicht bemerkte, dass es schwarz war. Auch die anderen Schafe schienen nicht zu wissen, dass sich unter ihnen ein schwarzes Schaf befand. Nur ich habe es bemerkt und habe meine Brüder darauf aufmerksam gemacht: »Schaut euch das an - ein schwarzes Schaf!«

Die meisten Menschen reagieren ganz ähnlich, wenn sie mitten in einer Herde von weißen Scha­fen den Sonderling entdecken: »Schau, ein schwarzes Schaf!«
Wer macht ein Schaf zum schwarzen Schaf?
Die anderen Tiere in der Herde haben es nicht etikettiert, aussortiert und ausgestoßen. Für die weißen Schafe war das schwarze ganz normal. Es war eines von ihnen und hat sich mit ihnen wohlgefühlt.
Wir Menschen denken gerne in Kategorien von schwarz und weiß, von gut und böse, von ange­nehm und unangenehm, von brauchbar und un­brauchbar, von wertvoll und wertlos. Deshalb fin­den wir immer irgendwo ein schwarzes Schaf oder einen schwarzen Fleck, ein Defizit, etwas Negatives. Nur selten sind wir fähig, eine Herde mit ei­nem schwarzen Schaf vorurteilslos anzuschauen — und nicht gleich festzustellen: »Schau, ein schwar­zes Schaß«
Warum verhalten wir uns nicht auch wie die richtigen Schafe, für die es ganz normal ist, dass es unter ihnen ein schwarzes Schaf gibt? Ein guter Hirte achtet nicht darauf, ob seine Schafe schwarz oder weiß sind — er ist für alle im gleichen Maß da. Von ihm können wir lernen, uns selber und andere anzunehmen, wer immer auch das schwarze Schaf ist — ich oder du.
Eine der großen Fallen der Menschen ist unsere Neigung, alles zu beurteilen und zu bewerten. Wir selektieren ständig und legen andere Menschen - entsprechend ihrer Merkmale und Eigenschaften - sofort in symbolische Schubladen. Aber indem du die anderen einteilst, isolierst du dich selber und bringst dich um die Gemeinschaft mit ihnen. Damit beraubst du dich neuer Erfahrungen und lernst nichts mehr hinzu.
Natürlich stellt man bei anderen Menschen de­ren Merkmale fest — sie sind ja real vorhanden. Die Frage ist nur: Wie gehst du damit um?
Gott sortiert nicht aus. Er gerät weder in Entset­zen noch in Entzücken — für ihn sind alle Men­schen gleich. Für Gott haben alle das gleiche Recht zu leben und sich zu entwickeln. Das übergeordne­te Merkmal heißt »Mensch« — nicht schwarze Hautfarbe oder rote, nicht schön oder hässlich, nicht reich oder arm. Diese kleinliche Einteilung ist eine Unterscheidung, die nur wir Menschen vor­nehmen. In der Überbewertung dieser unwichti­gen Eigenschaften machen wir uns das Leben selber schwer.
Gott nimmt dich und mich an, so wie wir sind.
Dagegen behandeln wir Menschen schwarze Schafe oft unmenschlich — wie Ausgestoßene, die nicht zu uns passen. Das Gleichnis vom guten Hir­ten zeigt, dass Gott das (irrende?) schwarze Schaf nicht aussondert, sondern ihm nachgeht, es findet — und auf seinen Schultern zur Herde zurückträgt.
Im Gebet fühlt sich der Mensch oft wie ein schwarzes Schaf, weil er voller Mängel und Fehler steckt. Aber Gott ist keine Krämerseele, die jeden Minuspunkt aufnotiert. Er lässt dich nicht fallen, sondern gibt dir immer und immer wieder die Chance, zu ihm zurückzukehren. Niemand muss Angst haben, dass er wegen seiner Fehler und Un­zulänglichkeiten ausgegrenzt wird — auch wenn er über Jahrzehnte ein Leben ohne Gott und ohne Glauben geführt hat.



gerade den, so eine wie die

Aus: Karlheinz May, Vom Duft der Auferstehung. Bernardus 2009.


die Schmarotzer
die von der thuarstrasse
die von der untersten sohle
das miese gesocks
das ganze pack
der abschaum der gesellschaft
die maden im speck
die schrägen vögel
das ganze gelichter
die ewigen hungerleider
die schweren jungs
die leichten mädchen
die bordsteinschwalben
die schnapsdrosseln
die wermutbrüder
die pharisäer
die ausbeuter
das Strandgut
die Strauchdiebe
das lausige pack
die drückeberger
die totengräber der gesellschaft
die eckensteher
die Schmutzfinken
gerade den
so eine wie die
machte sich Jesus zu freunden



Die Störung

Aus: Erich Fried, Vorübungen für Wunder. Gedichte vom Zorn und von der Liebe. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1987/1995.


Sie sprachen
von ihrem Kampf
um Freiheit
und Liebe
und Menschenwürde

Da kam ihr Kind
ins Zimmer
und wollte sie
etwas fragen

Sie winkten ab:
»Laß uns jetzt
und geh schön spielen!«
Das Kind sah den Vater an
und die Mutter
und ging

Ich konnte
dann nicht mehr
gut hören
Da fragten die beiden
geduldig
und freundlich:
»Hat dich das Kind
gestört?«



Als Zeuge vor Gericht

Aus: August Janisch, Mit weitem Herzen. Gedanken eines Grenzgängers. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.


Wer als Zeuge vor Gericht geladen ist, kann dazu beitragen, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen. Uns Menschen soll schon auf dieser Welt Gerechtigkeit zuteil werden. Leider ist das oft nicht der Fall; und manche sagen deshalb bedrückt, „dass es auf dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt". Und trotzdem bin ich froh, dass ein Staat sich Mühe gibt, zugefügtes Unrecht aufzuklären, ein gerechtes Ur­teil zu fällen und auch die entsprechende Strafe zu vollstrecken. Gerade die Demokratie zeichnet sich durch richterliche Urteile aus, die frei und unbeeinflusst von Regierungsgewalt oder anderen Machtgruppierungen zustande kommen.
Es darf nicht Recht durch neues Unrecht entstehen. Jedem Staats­bürger sind in einem Rechtsstaat Schutz und Sicherheit garantiert. Deshalb darf sich niemand zum Richter und Vollstrecker über den anderen machen. Mein Recht hört dort auf, wo das Recht des ande­ren beginnt. Meine Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit des ande­ren anfängt. Ein demokratischer Staat kommt ins Schleudern, wenn er von Kräften unterhöhlt wird, die sich über diese Prinzipien hin­wegsetzen und wenn es ihm nicht gelingt, z. B. Terroristen einem Richter zuzuführen.
In der Demokratie ist es gut, wenn ich als Zeuge vor einem rechtmä­ßigen Gericht erscheinen kann, bei dem über Schuld und Unschuld geurteilt werden soll. Geschworene und Richter werden ihre Urteile sprechen in Gerechtigkeit; davon bin ich überzeugt. Gott allein aber wird sein letztes Urteil über uns fällen, in Gerechtigkeit und Barm­herzigkeit.



Das Umschlagen von Verantwortung in Schuld

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Frei vor Gott. Glauben in öffentlicher Verantwortung. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.


Wie können wir aus dieser Vergessenheit von Schuld aufwachen? Dies kann auf vielfache Weise geschehen. Viele Künstler zum Beispiel ren­nen durch Worte und Bilder gegen unsere schlafwandlerische Sicher­heit und eingebildete Unschuld an und rütteln an unserer Gleichgül­tigkeit. Aber entscheidend ist eine Änderung im eigenen Dasein. Nur wenn man den Trott des gewohnten Lebens unterbricht, wird der Mensch nachdenklich: Er sieht plötzlich, dass Fehler und Versagen nicht zufällige Ereignisse sind, die fast wie Naturkatastrophen von au­ßen über ihn hereinbrechen, sondern in hohem Maße auf ihn selbst zurückgehen. Es braucht viel Mut des Einzelnen, im Dschungel der An­gebote und Verführungen z\ir eigenen Zuständigkeit zu stehen. Die Annahme von Schuld ist nur möglich, wenn der Mensch sich zu seiner Würde bekennt, nämlich zu Freiheit, Verantwortung und Gewissen. Wir sind so frei, dass wir uns auch selbst verfehlen und unsere Freiheit aufheben können. Die Verantwortung bindet uns an uns selbst, damit der Ort, wo wir aus der Scheinwelt ständiger Entschuldigungen her­ausgerissen werden, das eigene Versagen erkennen, vom Antlitz des Nächsten und einer unerbittlichen Stimme angeklagt werden und un­sere Schuld eingestehen. Ohne Abkehr vom eigenen Versagen gelingt keine Umkehr. Darum tut das Eingestehen von Schuld immer auch weh. Zu Schuld und Sünde gehört seit alters her das entschiedene Be­kenntnis (vgl. Ps 32,1-5; Ps 51,3-7; Ps 130).

Wir entdecken heute mit Recht unsere Verstrickung in einen wei­ten, über unsere Köpfe reichenden Unheilszusammenhang. Wenn ich eine Banane zu einem billigen Preis esse, verhindere ich damit mögli­cherweise, dass lateinamerikanische Plantagenarbeiter gerecht ent­lohnt werden. Man entrinnt seiner weltweiten Verantwortung nicht leicht. Umweltschäden, Verzerrungen in der Weltwirtschaftsordnung zuungunsten der ärmsten Länder, Missachtung der Menschenrechte und absurdes Wettrüsten sind weitere Beispiele dafür. Besonders jun­ge Menschen fühlen sich darum oft an eine ausweg- und heillose Ohn­macht ausgeliefert und in einer objektiven Schuldsituation mitgefan­gen, die sie leiden lässt. Schulderfahrung und auch Versöhnung haben für uns eine spürbare leibliche und soziale Dimension. Dennoch darf man nicht vergessen, dass Anerkennung von Schuld und Versöhnung nur durch das Sprengen und Aufdecken des in sich verschlossenen Ichs Wirklichkeit werden kann. Der Mensch wird aus jeder anonymen Mas­se herausgerufen, in der er sich verbirgt. Dieser Abschied von der na­menlosen Menge bedeutet keinen Rückzug bloß ins Private, sondern eine Neuentdeckung sozialer Verantwortung. Der Mensch, der durch die Übernahme von Verantwortung aus seiner verhängnisvollen Ich- Bezogenheit herausfindet und diese überwindet, kann sich wieder ganz bewusst der menschlichen Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Die Annahme von Schuld bekehrt auch zur Gemeinschaft.