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Kontexte 06.04.2014


Komm! ins Offene, Freund

Aus: Egon Kapellari, Aber Bleibendes stiften die Dichter. Gedanken für den Tag. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2001.


"Komm! ins Offene, Freund!" Mit diesen Worten beginnt die Elegie "Der Gang aufs Land", die Friedrich Hölderlin im Jahr 1800 verfasst und seinem Freund Landauer gewidmet hat, in dessen Haus ihm ein paar glückliche Wochen beschieden waren. Der Anlass zu diesem Ruf war vordergründig ein höchst bescheidener, nämlich die Einladung, sich an einem Feiertag aus der Enge der Stadt hinauszubegeben zu einem Richtfest für ein Landgasthaus. Mit unerhörter Kraft der Sprache öffnet Hölderlin aber den Horizont über den Anlass hinaus. Die Stimmung dieses Sonntagmorgens wird für den Dichter zum Symbol für seine eigene Gestimmtheit und für die Gestimmtheit seiner Epoche, die er als dürftige Zeit bezeichnet hat, weil das Göttliche aus ihr entschwunden schien.

            Trüb ist’s heut, es schlummern die Gäng und die Gassen,
            und fast will
            mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.


sagt er im Fortgang des Gedichtes; und vorher noch heißt es:

            Weder die Berge sind, noch aufgegangen des Waldes
            Gipfel nach Wunsch, und leer ruht vom Gesange die Luft.

Dem Bleigewicht dieser Stimmung setzt der Dichter den Ruf "Komm! ins Offene, Freund!" entgegen. Dieser Ruf will Flügel geben gegen Schwerkraft, will Türen öffnen und einen weiten Raum erschließen, in welchem es keine Atemnot gibt.
"Komm ins Offene!" - dieser Ruf erinnert den mit dem Neuen Testament Vertrauten an einen Ruf Christi im vierten, im Johannesevangelium. Es ist ein Weckruf an einen Toten: Lazarus, komm heraus! Ein Ruf, der auch Hölderlin durch sein Theologiestudium vertraut war.
Komm ins Offene, komm heraus! - das ist ein Ruf, nach dem sich auch heute viele sehnen werden, die sich wie eingesperrt, wie eingemauert, wie lebendig begraben fühlen. Es ist ein Ruf Gottes, ein Ruf Christi, der meist leise Herolde hat.



Trübe Mischung von Leben und Tod

Aus: Karl Rahner-Lesebuch. Herausgegeben von Karl Kardinal Lehmann und Albert Raffelt. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2004 (1982).


Kinder dieser Erde sind wir. Geburt und Tod, Leib und Erde, Brot und Wein ist unser Leben; die Erde ist unsere Heimat. Gewiß muß in all dem, damit es gültig sei und schön, wie eine geheime Essenz der Geist beigemischt sein, der feine, zarte, der sehende Geist, der ins Unendliche schaut, und die Seele, die alles lebendig macht und leicht. Aber der Geist und die Seele müssen da sein. Da, wo wir sind, auf der Erde und im Leib, als der ewige Glanz des Irdischen, nicht wie ein Pilger, der, unverstanden und selber fremd, einmal in einer kurzen Episode, wie ein Gespenst, über die Bühne der Welt wandert. Wir sind zu sehr Kinder dieser Erde, als daß wir aus ihr einmal endgültig auswandern wollten. Und wenn schon der Himmel sich schenken muß, damit die Erde erträglich sei, dann muß er sich schon herniederneigen und als seliges Licht über dieser bleibenden Erde stehen und als Glanz aus dem dunklen Schoß der Erde selber brechen.

Wir sind von hier. Aber wenn wir der Erde nicht treulos werden können - nicht aus Eigensinn oder Selbstherrlichkeit, die den Söhnen der demütig-ernsten Mutter Erde nicht anständen, sondern weil wir sein müssen, was wir sind -, dann sind wir in einem damit krank an einem geheimen Schmerz, der tödlich im Innersten unseres irdischen Wesens sitzt. Die Erde, unsere große Mutter, ist selbst bekümmert. Sie stöhnt unter der Vergänglichkeit. Ihre fröhlichsten Feste sind plötzlich wie der Beginn einer Totenfeier, und wenn man ihr Lachen hört, zittert man, ob sie nicht im nächsten Augenblick unter einem Gelächter weint. Sie gebiert Kinder, die sterben, die zu schwach sind, um immer zu leben, und zu viel Geist haben, um anspruchslos auf die ewige Freude verzichten zu können, weil sie, anders als die Tiere der Erde, schon das Ende sehen, bevor es da ist, und ihnen die wache Erfahrung des Endes nicht mitleidig erspart wird. Die Erde gebiert Kinder maßlosen Herzens, und ach, was sie ihnen gibt, ist zu schön, um von ihnen verachtet zu werden, und ist zu arm, um sie - die Unersättlichen - reich zu machen. Und weil sie die Stätte dieses unglücklichen Zwiespaltes ist zwischen der großen Verheißung, die nicht losläßt, und der kargen Gabe, die nicht befriedigt, darum wird sie der üppige Acker auch noch der Schuld ihrer Kinder, die ihr mehr zu entreißen suchen, als sie gerecht geben kann. Sie mag klagen, daß sie selber erst so zwiespältig geworden sei durch die Urschuld des ersten Mannes der Erde, den wir Adam nennen. Aber das ändert nichts daran: sie ist jetzt die unglückliche Mutter; zu lebendig und zu schön, um Ihre Kinder von sich wegschicken zu können, damit sie in einer anderen Welt sich selbst eine neue Heimat ewigen Lebens erobern, zu arm, um selbst ihnen als Erfüllung zu geben, was als Sehnsucht sie ihnen mitgegeben hat. Und meistens bringt sie es, weil sie immer beides ist: Leben und Tod, zu keinem von beiden, und die trübe Mischung, die sie uns reicht, von Leben und Tod, Jauchzen und Klage, schöpferischer Tat und immer gleichem Frondienst, nennen wir unseren Alltag. So sind wir hier auf der Erde, der Heimat für ewig; und doch: es reicht nicht. Das Abenteuer, aus dem Irdischen auszuwandern - nein, das geht nicht, nicht aus Feigheit, sondern aus Treue, die uns das eigene Wesen gebietet.



Sterben I

Johann Gottlieb Fichte, Tod wird Leben. In: In meinem Herzen die Trauer. Texte für schwere Stunden. Herausgegeben von Lis Bickel und Daniela Tausch-Flammer. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1998.


Ich werde überhaupt nicht für mich sterben, sondern nur für andere, für die Zurückbleibenden, aus deren Verbindung ich gerissen werde; für mich selber ist die Todesstunde Stunde der Geburt zu einem höheren, neuen, herrlichen Leben.



Sterben II

Werner Sprenger, Überprüfung eines Abschieds. In: In meinem Herzen die Trauer. Texte für schwere Stunden. Herausgegeben von Lis Bickel und Daniela Tausch-Flammer. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1998.


Kein Mensch, der geliebt worden ist, kann sterben. Ein Mensch, den wir geliebt haben, der ist in uns, ist in uns, wie ein Stück Brot, das wir gegessen haben, in uns ist und Fleisch und Blut und Seele wird. So bist Du nun in mir, wirst bleiben, solange ich bin, wirst in allem sein, was ich sein werde, wirst auferstehen und dann bleiben in jedem Satz, der gilt.



Weine nicht!

G. Perico, S.J. In: In meinem Herzen die Trauer. Texte für schwere Stunden. Herausgegeben von Lis Bickel und Daniela Tausch-Flammer. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1998.


An Dich, der Du Deine Toten beweinst

Wenn Du mich liebst, weine nicht!
Wenn Du das große Geheimnis des Himmels kennen würdest, wo ich mich jetzt befinde, wenn Du das sehen und wahrnehmen könntest, was ich in diesen grenzenlosen Horizonten und in diesem Licht, das alles erleuchtet und durchdringt, wahrnehme, würdest Du nicht weinen, wenn Du mich hebst.
Hier wird man nun mehr von Gottes Zauber, von Seinem Ausdruck unendlicher Güte und von dem Widerschein Seiner unendlichen Schönheit durchdrungen. Die Dinge von damals sind im Vergleich dazu so klein und so flüchtig.
Die Liebe zu Dir ist mir geblieben: Eine Zärtlichkeit, wie ich sie nie kannte. Ich bin glücklich, Dir in der Zeit begegnet zu sein, auch wenn damals alles so flüchtig und so begrenzt war. Jetzt ist die Liebe, die mich an Dich bindet, reine Freude ohne Ende.
Während ich in der glücklichen und überschwenglichen Erwartung Deiner Ankunft lebe, mußt Du Dir mich so vorstellen.
In Deinen Kämpfen, Augenblicken der Trostlosigkeit und Einsamkeit denk an dieses wunderbare Haus, wo es keinen Tod gibt und wo wir gemeinsam unseren Durst im regen Austausch an der unversiegbaren Quelle der Liebe und des Glücks stillen.
Weine nicht mehr, wenn Du mich wirklich hebst.



Was auf dem frei gewordenen Platz auftaucht

Aus: Tomás Halik, Berühre die Wunden. Über Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung. Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2013.


Es ist schon einige Jahre her, dass ein Ehepaar in einer deutschen Stadt den Antrag stellte, dass von der Wand eines Klassezimmers das Kruzifix zu entfernen sei, denn ihr Kind könne nicht einen derart hässlichen Gegenstand anschauen. Daraus wurde allmählich eine Affäre, die schließlich in einen Beschluss des Verfassungsgerichts in Karlsruhe mündete, dass Kreuze aus öffentlichen Schulen zu entfernen seien. Einige Jahre später kam wiederum der französische Gesetzgeber nach langer Debatte über die Verschleierung muslimischer Schülerinnen, über welche die Medien ausführlich berichteten, zu dem Beschluss, dass in französischen Schulen sowohl der Schleier von Muslimas als auch (»auffällige«) Kreuze an christlichen Hälsen und Kippas auf jüdischen Köpfen zum Tabu werden sollten. (Wenn schon, denn schon ...) Schade, dass die Gesetzgeber nicht mehr so gebildet in der Phänomenologie der Religion sind. Sonst würden sie wissen, dass diese Symbole eine völlig unterschiedliche Rolle in diesen religiösen Systemen spielen, dass ein Kreuz für einen Christen wirklich nicht das Gleiche ist wie der Schleier für eine Muslima - aber sei es, wie es sei: Wenn ein Wald gefällt wird, sagte Väterchen Stalin immer, dann fallen Späne! Zur selben Zeit stimmten die Repräsentanten des vereinten Europas dagegen, das »Christentum« ausdrücklich in die Präambel des Entwurfs für den europäischen Verfassungsvertrag aufzunehmen.

Sei es, wie es sei! Europa wird sicher nicht mehr oder weniger christlich sein, wenn dieses Wort in der Verfassung steht oder nicht, und der Geist, den Christus zugesprochen hat, weht, wo er will, und sicher werden ihn weder amtliche Vorschriften noch eifrige Schulmeister vor den Türen französischer oder deutscher Schulen aufhalten. Zur Demonstration der bayrischen Katholiken, die vor dem Gerichtsgebäude in Karlsruhe mit dem Kreuz winkten, wäre ich wahrscheinlich nicht gegangen, auch wenn ich die Gefühle dieser Generation von Deutschen verstehe, die schon einmal das Abnehmen der Kreuze von den Schulwänden erlebten; tags darauf hing dann an deren Stelle ein amtliches Foto des Mannes mit dem Schnurrbärtchen und dem Seitenscheitel. Das Abnehmen der Kreuze ist an sich nicht so interessant - schließlich sind wir Katholiken daran gewöhnt, dass jedes Jahr in der Fastenzeit die Kreuze in den Kirchen verhüllt werden; manchmal ist es sogar notwendig, Symbole zu verdecken oder zu entfernen, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass wir aufhören, sie wahrzunehmen. Erst durch ihre Abwesenheit gelingt es uns dann wieder, ihren Sinn zu entdecken, vielleicht sogar tiefer als zuvor. Viel interessanter ist es hingegen zu fragen, was auf dem frei gewordenen Platz auftaucht. Welche Festmahle bereiten uns die, die uns zum »Christentum-Fasten« auffordern? Vielleicht lernen wir die Werte unseres Glaubens erst im Vergleich mit dem schätzen, was umgehend ihren Platz einnimmt.