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Kontexte 19.06.2014

19. Jun. 2014
Fronleichnam (A)


Österreichische Bischöfe rufen zu "Tag des Gebets" für Irak auf

Kathpress, 17. 6. 2014. Copyright 2014 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich - (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten.


Mariazell, 17.06.14 (KAP) Die österreichischen Bischöfe rufen die Gläubigen an Fronleichnam zu einem besonderen "Tag des Gebets und des Fastens" im Gedenken an die dramatische Situation der Menschen im Irak auf. Mit "Betroffenheit und dem Gefühl der Ohnmacht" verfolge man das grausame Vorgehen der Terrormiliz ISIS, heißt es in einer "Kathpress" vorliegenden Erklärung der Bischöfe, die derzeit in Mariazell ihre Sommervollversammlung abhalten.

Zugleich rufen die Bischöfe die österreichische Regierung dazu auf, "alle Möglichkeiten innerhalb der Europäischen Union und der Vereinten Nationen zu nutzen, dass die Grundrechte aller Menschen gleich welcher ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit im Irak geachtet werden." Der Friede könne nur bewahrt werden, wenn die internationale Gemeinschaft nachdrücklich auf die Wahrung der Menschenrechte inklusive des Rechts auf Religionsfreiheit für alle Menschen im Irak dränge, so die Bischöfe.

Mit ihrem Gebets- und Fastenappell schließen sich die Bischöfe dem Aufruf des chaldäischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako an. "Neben dem unermesslichen Leid für die vom Krieg geschundene Zivilbevölkerung drohen nun die Reste einer einst vitalen Christenheit im Zweistromland zu verschwinden", so die österreichischen Bischöfe.

"Kathpress" dokumentiert den Wortlaut des Aufrufs der österreichischen Bischöfe im Folgenden im Wortlaut:

Die österreichischen Bischöfe schließen sich dem Aufruf des chaldäisch-katholischen Patriarchen von Babylon-Bagdad, Louis Raphael I. Sako, zu einem "Tag des Gebets und des Fastens" am 18. Juni für die Menschen im Irak an und ersuchen die Gläubigen und alle Menschen guten Willens, sich daran zu beteiligen. Mit Betroffenheit und dem Gefühl der Ohnmacht verfolgen Menschen in Österreich und weltweit das Vordringen der islamistischen Terrormiliz "ISIS", die innerhalb kurzer Zeit ein Drittel des Irak unter ihre Kontrolle gebracht habt. Neben dem unermesslichen Leid für die vom Krieg geschundene Zivilbevölkerung drohen nun die Reste einer einst vitalen Christenheit im Zweistromland zu verschwinden. Diese tragische Realität ist immer mehr eine Folge dessen, wovor schon der heilige Papst Johannes Paul II. eindringlich im Vorfeld der beiden Irakkriege 1991 und 2003 gewarnt hatte.

Die Bischöfe appellieren im Rahmen ihrer gegenwärtigen Vollversammlung in Mariazell an die österreichische Bundesregierung, alle Möglichkeiten innerhalb der Europäischen Union und der Vereinten Nationen zu nutzen, dass die Grundrechte aller Menschen gleich welcher ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit im Irak geachtet werden. Mesopotamien ist nicht nur eine Wiege der menschlichen Zivilisation, auch das Christentum hat dort bis heute inspirierende Wurzeln. Ein umfassender Friede und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich des Rechts auf Religionsfreiheit müssen Ziel der Staatengemeinschaft sein, um das Überleben aller Menschen im Irak zu sichern. Die Bischöfe ersuchen die Gläubigen, dieses Anliegen in die Fürbitten des Fronleichnamsfests am Donnerstag aufzunehmen.



Das Brechen des Brotes

Aus: Huub Oosterhuis, Du bist der Atem und die Glut. Gesammelte Meditationen und Gebete. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1994.


In allen Kirchen und Kapellen steht ein Altar, irgendein Tisch aus Stein, unverrückbar, monumental und meistens kostbar. Vielleicht wäre ein Tisch aus Holz besser: schlicht und klar. Statt der goldenen Ziborien müßten darauf Holzschalen oder kleine Körbe stehen. Darin liegt das Brot, das möglichst viel Ähnlichkeit mit dem Brot hat, das wir daheim auf den Tisch stellen.

Während die Anwesenden um den Tisch sitzen, steht besonders das Brot im Mittelpunkt des Vorgangs. Es wird gebrochen und verteilt, weitergereicht) Menschen treten hervor, halten die offene Hand auf, sie empfangen das Brot und sagen "Amen", in moderne Sprache etwa mit "Danke schön" übersetzt.

Man sieht nur einfache Gebärden und hoffentlich keine mechanischen Handgriffe. Was wollen wir durch sie, in diesem Ritus, in diesem Spiel zum Ausdruck bringen? Vielleicht möchten wir durch sie bezeugen, daß wir dem Evangelium, das uns verkündigt wird, zustimmen; wir setzen ein Zeichen, wir beteiligen uns daran, glauben mit unseren Händen. Man kann selbstverständlich auch sitzen bleiben, wenn man meint, eine Antwort sei noch verfrüht, oder wenn man sich nicht für das einsetzen will, was man gehört hat.

Es ist also eine Gebärde der Zustimmung und der Zusammengehörigkeit; wir alle empfangen ein Stückchen desselben Brotes. So tief und weit unsere Zusammengehörigkeit reicht, so tief und weit ist auch diese Geste des Brotbrechens, die uns aus der Frühzeit der Kirche überliefert wurde.

In vielfacher Weise passen Menschen zueinander und in zahllosen Variationen haben sie miteinander teil an dieser Welt, diesem Leben. Auf einem kleinen Grundstück steht ein großes Wohnhaus, in dem jeder Laut hörbar ist; auf einer kurzen Wegstrecke bemühen sich tausende eilende, gehetzte, ziemlich nervöse Menschen, einander zu überholen. Wir teilen miteinander den vorhandenen Raum, die Wohlfahrt, die Worte, die Freude: doppelte Freude, aber auch den Schmerz, halben Schmerz - oder doch doppelten Schmerz? Wie war das doch? Wir teilen miteinander alles mögliche und bekommen ungefragt unseren Teil: Krieg und Frieden und so weiter. Wann ist man jemand, ein Mensch? Wenn man am Leben anderer Menschen teilhat, wenn man funktionieren darf im Glück eines anderen, wenn man sich schenken und etwas empfangen kann, wenn man angenommen und akzeptiert wird. In einem Gedicht sagt Jan Eiburg, was das Leben ist:

Gegessen werden,
um Mann zu sein, Frau zu sein,
vor allem aufs neue Mensch zu sein
und doch sich selbst in Liebe zu sammeln.

Jeder weiß irgendwie, intuitiv, durch Schaden und Schande, daß Geben und Nehmen in jeder Beziehung mit Glück zu tun hat, daß man selbst zerbrechen, sich verschenken muß - daß es sonst kein Leben ist. Wer oder was wären wir, wenn es uns nicht widerfahren wäre, wenn wir nicht empfangen hätten, nicht empfangen wären? Wir wären dann im Keim erstickte Seelen, aber keine Menschen. Man hat uns ernährt, bis wir selbst jemand waren, der die anderen ernähren kann, "jemand", einer der vielen, Durchschnitt.

Adam heißt er in der Bibel: ein Jedermann-Mensch. Ein solcher Durchschnittsmensch heiratet zum Beispiel eines Tages, er hat ein Stück Welt (eine vorhandene Situation), Kinder, einen Freundeskreis. Er arbeitet mit Freude, ambitioniert, mit Widerwillen, weil es sein muß, weil er will. Er arbeitet mit seinem Kopf, seinen Händen und seiner Seele, und diese Arbeit hat einen Wert, einen Geldwert, die Arbeit wird mit Geld beglichen. Dieser Mensch macht sich selbst zu Geld, er verdient für sich selbst und für die anderen, die ihm gegeben wurden, den Lebensunterhalt, Brot, eine Wohnung, Freiheit, Urlaub. Man könnte etwa sagen: Im Brot, das auf den Tisch kommt, liegt er selber auf dem Tisch, er ist selber Brot geworden,
Mundvorrat für seine Kinder. "Das bin ich selbst", könnte er sagen, wenn er das Brot bricht und verteilt: "Das ist mein Leib", und jeder würde verstehen, was er damit meint:

Gegessen werden,
um Mann zu sein, Frau zu sein,
vor allem aufs neue Mensch zu sein
und doch sich selbst in Liebe zu sammeln.

Erst wenn man selbst "jemand" geworden ist, kann man realisieren, was man schon längst am eigenen Leib erfahren hat: daß man lebt auf Kosten - ja, aber wessen? Des Lebensopfers anderer? Dieses Wort klingt wohl zu schwer, zu dramatisch. Aber es stimmt: Man lebt auf Kosten der Arbeitskraft und der Treue anderer Menschen. Es ist die Treue, die dieses Geschehen an einem Mann, der zu Geld, Brot, Leben, zum Menschen-für-andere wird, fortsetzt und dauerhaft macht. In dieser Treue findet er sein Glück - und seinen Tod. Denn jeder Tag Arbeit ist ein Stück seiner selbst und jedes Jahr Anstrengung kostet ihn ein Jahr seines Leibes. Wenn man so lebt, beinhaltet das: Verschleiß, älter werden, sich verbrauchen, langsam aber sicher sterben. Er wurde gesät in dieses Stück der Welt, das ihm zugeteilt war, er wurde wie Weizen gemäht, gedroschen, geschlagen, gemahlen, als Brot gesammelt, gegessen, um aufs neue Mensch zu sein. So geht es in der Welt, und es ist eine Selbstverständlichkeit, von der jeder Bauer weiß. Das sterbende Weizenkorn ist Bild und Gleichnis des Menschen, kein tragisches Bild, denn es handelt sich nicht um eine kosmische Katastrophe, eine herabstürzende Sonne, sondern um etwas unsichtbar Geringes; es ergibt sich einfach, sozusagen zwischen den Straßensteinen. Der Schmerz ist daran nicht sichtbar, und wenn es uns widerfährt, wenn wir dieser Mensch, dieses Weizenkorn sind, so ist uns das schon recht.

Im Evangelium ist das Weizenkorn Bild und Gleichnis Jesu von Nazareth, des Menschensohns, der nicht für sich selbst gelebt hat und nicht für sich selbst gestorben ist. Das Evangelium nennt ihn: Brot für das Leben der Welt; es weiß, daß er das Geheimnis seines Lebens in einer vielsagenden Gebärde bildlich ausgedrückt hat: daß er das Brot gebrochen und gegeben hat, um gegessen zu werden und so der neue Mensch zu sein. Die Kirche, die immer aufs neue aus dem Evangelium geboren werden muß, erkennt in dieser Gebärde Jesu das Geheimnis des Lebens selbst, denn niemand lebt für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst.

Brot brechen und untereinander verteilen, die offene Hand ausstrecken, diese kleinen, wehrlosen und immer wieder gleichen Gebärden verstehen wir als Gesten, die sich auf Christus beziehen. Für uns können sie die Bedeutung haben, daß wir ihn im Gedächtnis behalten, sein Leben nachvollziehen, ihm entgegenhoffen wollen; daß wir unser Heil in diesem Menschen sehen, so wie er war, und in Gott, den er seinen Vater nannte, daß wir glauben an Geben und Empfangen, an Zusammengehörigkeit, an unser eigenes Lebensgeheimnis.

Zum Teil ist es auch eine verzweifelte Gebärde, mit der wir bekennen, daß wir es nicht bewältigen können und nicht wissen, wie das auf weltweiter Ebene vor sich gehen soll: dieses Brechen und Austeilen des Brotes. Es ist eine machtlose Gebärde wider den Hunger in der Welt, ein Ausdruck der Kollektivschuld. Bildlich drücken wir uns aus, sind uns bewußt, daß diese Vision noch immer keine Wirklichkeit geworden ist. Zugleich aber bekennen wir uns zu der Zukunftsvision einer Welt in Gerechtigkeit, in der wir einander nicht mehr zerreißen, sondern das tun, was jetzt noch undenkbar und unmöglich ist, in der wir sind, was jetzt noch nicht sein kann: Menschen in Frieden.



Wir bringen dir unser Leben

Aus: Andrea Schwarz, Du Gott des Weges segne uns. Gebete und Meditationen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


Wir bringen dir das Brot unseres Alltags
das nicht immer leicht zu leben ist
manchmal ist es hartes Brot
Leben ist nicht immer einfach
das Brot unseres Alltags
sind auch die Körner die zermahlen werden
das sind die Träume die sterben müssen
und Pläne die durchkreuzt werden
Hoffnungen die nicht erfüllt werden
das ist Mühsal und Arbeit
und das ist unser Hunger und unsere Sehnsucht

Unser Leben ist manchmal so leer wie der Kelch
der jetzt auf dem Altar steht
wir haben den Sinn verloren
wir wissen nicht mehr weiter
wir spüren unsere Einsamkeit
und manchmal ist unser Leben ein Schrei danach
von dir gefüllt zu werden

Und dann sehnen wir uns danach
dass du den Wein des Lebens in uns eingießt
dann sehnen wir uns danach
dass du uns erfüllst
mit Leben und Lebendigkeit
mit Lebensfreude und Lebensfest
und dann wünschen wir uns
das Leben das du uns verheißen hast
den Wein der Freude
das Fest das du uns zugesagt hast



Eucharistie

Aus: Carlo Maria Martini, Mein spirituelles Wörterbuch. Pattloch Verlag, Augsburg 1998.


Die Eucharistie ist das "Zeichen", das Christus selbst eingesetzt hat (und das von ihm ständig neu gesetzt wird), um eine Brücke zu schlagen zwischen dem endgültigen und unerschöpflichen "Zeichen" der Liebe Gottes, dem Paschageheimnis, und dem Zeichen, das die Kirche darstellt. Diese Kirche ist in der Tat die Gemeinschaft derer, die das Gedächtnis Christi und seines österlichen Geheimnisses begehen. In der Kraft eben dieses Christus, der sich unter ihnen durch die Eucharistie gegenwärtig setzt, lieben sie einander, wie er sie liebt, und in der Bezeugung der Liebe gegenüber allen versuchen sie, alle in diese Gemeinschaft der Liebe, die von Gott kommt, einzufügen.

Mit dieser Sicht wird die etwas unpersönliche und mechanistische Vorstellung des Bezugs von Eucharistie und Kirche überwunden, nach der die Kirche, aus der Eucharistie entstanden, eine für sich bestehende Wirklichkeit darstellt, die losgelöst von der Freiheit und dem gegenseitigen Verständnis der Getauften existiert. Wahre Eucharistie im Vollsinn gibt es nicht ohne die Teilnahme der Person des Gläubigen.

Zum wahren und vollen Verständnis der Eucharistie gehört mehr, als daß in bezug auf sie bestimmte Handlungen vollzogen werden (es findet eine Eucharistiefeier statt, der Leib des Herrn wird angebetet, mit der entsprechenden Disposition empfangen). Es gehört auch mehr dazu als die Handlungen, die aus ihr folgen (Wohlwollen üben, Einsatz für die Gerechtigkeit usw.). Zum vollen Verständnis der Eucharistie gehört auch und vor allem, daß sie zur "Form" wird - zur Quelle und zum wirksamen Vorbild -, die sich dem persönlichen Leben und dem Leben der Gemeinschaft der Gläubigen aufprägt.

In der Eucharistie wird der Christus des österlichen Geheimnisses in der Kirche gegenwärtig und wirksam. Er ist gegenwärtig als der Sohn, der dem Wort des Vaters gegenüber gehorsam ist. Er ist gegenwärtig als der Sohn, der in dem dramatischen und innigen Gebet, mit dem er sich an den "Abba", seinen Vater, wendet, Mut faßt und das Maß gewinnt für seine Haltung gegenüber den Menschen. Deshalb kommt die Eucharistiefeier dann zu ihrem wahren Ziel, wenn sie bewirkt, daß die Gläubigen - wie Christus selbst - "Leib und Blut" für die Brüder hingeben, wenn sie anbetend niederknien und erkennen, daß dies alles Geschenk des Vaters ist.



Sonntäglicher Wortgottesdienst mit oder ohne Kommunionfeier?

Aus: Bischof Kurt Koch, Fenster sein für Gott. Unzeitgemäße Gedanken zum Dienst in der Kirche. Paulusverlag, Freiburg Schweiz 2002.


Von daher stellt sich die weitere schwierige und die Seelsorger wohl intensiv bewegende Frage, ob dort, wo anstelle einer sonntäglichen Eucharistie ein Wortgottesdienst gefeiert wird, dieser mit der Kommunionspendung verbunden werden soll oder nicht. Zunächst ist unumwunden zuzugeben, dass einige Gründe für diese Praxis sprechen. Von der katholischen Glaubensüberzeugung von der fortdauernden Realpräsenz des Leibes Christi im eucharistischen Sakrament her sind erstens keine dogmatischen Bedenken grundsätzlicher Art gegen eine Verbindung von Wortgottesdienst und Kommunionspendung anzumelden. Man kann sich sogar fragen, ob mit dieser Praxis nicht das weithin aus dem Glaubensbewusstsein entschwundene Geheimnis der bleibenden eucharistischen Gegenwart Christi revitalisiert werden könnte, zumal angesichts jenes aktualistischen Eucharistieverständnisses, das auch in unserer Kirche immer mehr heimisch geworden ist.

Vorausgesetzt ist dabei freilich zweitens, dass die Herkünftigkeit der Kommunion von der Eucharistiefeier her deutlich bleibt. Deshalb sollte sichtbar zum Ausdruck gebracht werden, dass der Kommunionempfang in der Wortgottesfeier nur möglich ist dank der Eucharistiefeier in anderen Gemeinden. Insofern könnte diese Praxis das Bewusstsein einer größeren eucharistischen Solidarität, beispielsweise mit der Nachbarpfarrei, wecken und fördern.

Hinter dem Wunsch, sonntägliche Wortgottesdienste mit der Kommunionspendung zu verbinden, steht drittens das ehrliche spirituelle Verlangen der Gläubigen, Christus im Kommunionempfang zu begegnen. Dieses Verlangen muss man sehr ernst nehmen, zumal man darin durchaus eine erfreuliche Entwicklung im katholischen Glaubensbewusstsein feststellen und würdigen muss. Sobald man jedoch diesem geistlichen Verlangen näher auf den Grund zu gehen versucht, erheben sich dennoch große theologische Bedenken gegen die Praxis der Verbindung von sonntäglichem Wortgottesdienst und Kommunionspendung:

Es ist erstens zwar äußerst verdienstvoll, dass die frühere Konzentration des katholischen Glaubensbewusstseins auf die Wandlung und die damit geförderte einseitige Wandlungsfrömmigkeit überwunden werden konnten durch die Verlebendigung der Glaubensüberzeugung, dass der Kommunionempfang ein integrales Element der Mitfeier der Eucharistie ist und dass die Kommunion, nämlich die Feier der Communio Christi mit seiner Kirche und deshalb der Communio der Feierenden untereinander, das eigentliche Ziel der Eucharistie ist. In der heutigen Situation aber drängt sich die umgekehrte Rückfrage auf, ob mit der Praxis von sonntäglichen Wortgottesdiensten in der Verbindung mit der Kommunionspendung nun nicht die Kommunion einseitig aus dem ganzen eucharis- tischen Geschehen herausgelöst wird und ob nicht an die Stelle der früheren «Messe ohne Kommunion» nun die «Kommunion ohne Messe» tritt. Die gelegentliche Bezeichnung der Kommunionfeier als «Messe ohne Hochgebet» signalisiert jedenfalls in aller Deutlichkeit die Gefahr einer derart isolierten Kommunionfrömmigkeit. Damit aber steht das seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wiedergewonnene ganzheitliche Verständnis der Eucharistie auf dem Spiel, bei der nicht einzelne Elemente, auch und gerade die Kommunion nicht, aus dem ganzen liturgischen Geschehen herausgelöst werden dürfen. Es stellt sich deshalb die wirklich ernste Frage, ob wir die mühsam erkämpfte Neuerung des Eucharistieverständnisses durchzuhalten vermögen, wenn sich die sonntägliche Kommunionfeier vom Notfall zum Normalfall entwickelt oder wenn sie sogar, was freilich völlig sinnwidrig wäre, als Modellfall einer zukunftsorientierten Pastoral propagiert wird.

Die Folgen einer solchen Praxis dürften unabsehbar sein, und zwar nicht nur für das katholische Glaubensbewusstsein, sondern auch und gerade für das ökumenische Gespräch. Eine Folge ist freilich bereits heute in aller Deutlichkeit absehbar, und dies ist zweitens die gefährliche Verwechslung von sonntäglichen Wortgottesdiensten in der Verbindung mit der Kommunionspendung mit der Eucharistiefeier selbst. Gerade aufgrund der Konzentration des gegenwärtigen Glaubensbewusstseins auf die Kommunion liegt diese Gefahr der Verwechslung besonders nahe. Sie könnte dahin führen, dass in Fernwirkung das geistliche Verlangen nach der Eucharistie erlahmt und überhaupt abstirbt, weil der Gläubige auch in einem Wortgottesdienst mit Kommunionfeier, wie man früher zu sagen pflegte, «seinen» Heiland bekommt. Statt das eucharistische Bewusstsein auch in einer priesterarmen Situation lebendig zu erhalten, könnte diese Praxis ihren Beitrag dazu leisten, dass die eucharistische Frömmigkeit noch mehr verdunstet.

Abgesehen davon, dass die Praxis sonntäglicher Wortgottesdienste mit Kommunionfeier auch ein theologisch defizitäres Verständnis von Wort Gottes und Wortgottesdienst verrät, gilt es drittens zu betonen, dass eine von der Eucharistiefeier isolierte Kommunionspendung den eucharistischen Tisch des Brotes nicht ersetzt, sondern in der Gefahr steht, ihn zu simulieren und damit einer «simulatio sacramenti» gleichzukommen. Deshalb ist mit dem Limburger Bischof Franz Kamphaus zu raten, «notfalls nur den einen der beiden Tische zu decken, den des Gotteswortes, so reich wie nur eben möglich», und den Tisch des Herrenmahles leer zu lassen, und zwar in der Überzeugung, dass es besser ist, «diese Leere auszuhalten, als sich mit unbefriedigenden Lösungen zu arrangieren». Denn «zwischen der Wort-Gottes-Feier und der Eucharistiefeier gibt es kein eigenständiges Drittes».

Alle diese Bedenken gegen die Verbindung eines sonntäglichen Wortgottesdienstes mit der Kommunionspendung sind theologisch als viel gewichtiger und fundamentaler einzustufen als die Gründe, die für diese neue Praxis auf den ersten Blick zu sprechen scheinen.202 Sonntägliche Wortgottesdienste in der Verbindung mit der Kommunionspendung können folglich nur als ultima ratio der ultima ratio der Ersetzung der Eucharistiefeier durch einen Wortgottesdienst gelten. Als absolute Minimalregel müsste auf jeden Fall beherzigt werden, dass im sonntäglichen Wortgottesdienst dort auf die Kommunionspendung verzichtet wird, wo am Sonntag in derselben Pfarrei eine Eucharistie gefeiert werden kann.



Kirchlicher Notstand

Aus: Franz Kamphaus, Den Glauben erden. Zwischenrufe. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2001.


Die Kirche ist ihrem Wesen nach Eucharistie. Schon jetzt aber ist es für etliche Gemeinden im Bistum nicht mehr möglich, sie jeden Sonntag zu feiern. Es belastet mich sehr, dafür Verantwortung tragen zu müssen. Das ist nicht irgendein Problem neben anderen, hier geht es an den Nerv. Wenn die Eucharistie nicht mehr jeden Sonntag gefeiert werden kann, ist das ein akuter kirchlicher Notstand.

Wir haben zu wenig Priester. Dieser Mangel trifft uns am spürbarsten dort, wo wir am tiefsten katholische Gemeinde sind: in der Feier der Eucharistie. In den Jahren meines Dienstes habe ich mich nach Kräften bemüht, den Priesternachwuchs zu fördern. Ich danke allen, die in den Gemeinden zu einem Klima beitragen, in dem Berufungen wachsen können. Gleichwohl geht die Zahl der Priester von Jahr zu Jahr zurück. Das bedrückt mich und macht mich oft ratlos. Der Glaube sagt mir, dass der Priester für die Eucharistie da ist. Deshalb darf die Feier der Eucharistie nicht der Entscheidung über die Zugangswege zum Priesteramt geopfert werden. Wir dürfen nicht dahin kommen, dass der einzelne Priester für immer mehr Messen verantwortlich ist. Die Eucharistiefeier muss für ihn ein Höhepunkt bleiben. Einmaliges kann er nicht beliebig oft vollziehen. Drängt man ihn dazu, dann wird das »Aller-Heiligste« nur allzu schnell in Zeitdruck und Routine untergehen.

Wir dienen dem besonderen Wert der Eucharistiefeier nicht, wenn wir sie vervielfachen. Seit der Mitte unseres Jahrhunderts ist es mit der Einführung der Vorabendmesse und den vielen »Sondergottesdiensten« üblich geworden, möglichst allen Wünschen entgegenzukommen. Ob diese Angebotsmentalität gut ist? Die Sonntagsmesse ist keine Privatangelegenheit. Die Gemeinschaft der Kirche nimmt uns in die Pflicht. Darum sollte die eine Eucharistie in der Gemeinde möglichst nicht in viele Messen aufgesplittert werden. Dann erkennt man nicht mehr deutlich, dass es um den einen Leib Christi geht. Eine gemeinsame Eucharistiefeier in jeder Gemeinde - das entspricht der theologischen Erkenntnis und der christlichen Tradition.