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Kontexte 28.09.2014


Kirche, eine Gegenkultur

Richard Rohr, Das entfesselte Buch. Eine Einführung in die Bibel – Altes und Neues Testament. Herder Verlag, Freiburg 2003.


Durch die Kirche beruft uns der Herr im Leib Christi zu einem neuen Lebensstil, zu einer neuen Art von Beziehung zu Gott, zu anderen und zur Welt. Für viele ist es schwierig, das zu verstehen, weil sie es nie erlebt haben. Sie sehen nicht, inwiefern sie sich als Christen oder Katholiken - abgesehen von einem unterschiedlichen System religiöser Glaubenssätze - von anderen unterscheiden. Sie haben kein anders Lebensgefühl als die Menschen um sie herum. Sie haben keinen Lebensstil, der sich auffällig von dem ihrer Nachbarn unterscheidet, mit denen sie zur Schule oder zur Arbeit gehen und denen sie auf der Straße oder beim Einkauf begegnen.
Und es ist wahr: Die meisten Leute, die zur Kirche gehen, unterscheiden sich kaum von denen, die nicht zur Kirche gehen. Kirchgänger leben in der Welt und gehen sonntags zur Kirche, ähnlich wie sich andere ihre wöchentliche Inspiration holen, indem sie zu Konzerten oder Theateraufführungen gehen. Aber das ist das genaue Gegenteil von der neutestamentlichen Auffassung von Kirche. Das biblische Ideal besteht nicht darin, in der Welt zu leben und zur Kirche zu gehen, sondern darin, in der Kirche zu leben und in die Welt hinaus zu gehen.

Soziologisch ausgedrückt soll die Kirche Gegenkultur sein. Eine Gemeinschaft, deren Lebensstil dem Strom der herrschenden Kultur entgegenläuft. Es ist ein Stil, bei dem es um Kooperation geht, statt um Konkurrenz, um Geben statt Nehmen, um Teilen statt Horten, um Hingabe statt Bequemlichkeit, um Glauben statt Wissen, um Beziehung statt Anonymität, um Liebe statt Feindschaft. Durch die Mitgliedschaft im Leib Christi wird dieser Lebensstil zur Teilhabe am Leben Christi. Die jesuanische Lebensweise bekommt ihre Kraft vom heiligen Geist und vermittelt sich durch eine leibliche Gemeinschaft, die Jesus als den Herrn und Haupt hat.



Die Hose

Willy Hoffsümmer, Kurzgeschichten 1, Mainz 13. Aufl. 1992.


Ein Mann in besten Jahren hatte sich eine Hose gekauft. Sie gefiel ihm sehr gut, wenn auch die Hosenbeine um etwa drei Zentimeter zu lang waren. Er dachte sich: Ich habe in meinem Haushalt drei Frauen; eine von ihnen wird die Kürzung besorgen. Zu Hause hängt er die Hosen an einen Haken und trug seiner Frau sein Anliegen vor. Doch diese war gerade nicht in bester Stimmung und zeigte ihm die kalte Schulter. Auch bei der Schwiegermutter konnte er nicht landen. Sie war in eine Lektüre vertieft und wollte sich nicht stören lassen. Als er ihr Zimmer verließ, stieß er im Hausflur auf seine Tochter. Es sah so aus, als hätten sich die Damen abgesprochen, denn auch die Tochter erklärte, dass ihr die Sache sehr ungelegen käme, da sie gerade ausgehen wolle. Das packte den dreimal Abgewiesenen der Zorn. Lautstark erklärte er, dass mit ihm vor Mitternacht nicht zu rechnen sei, und schlug hinter sich die Haustüre zu.

Es dauerte nicht lange, bis die Ehefrau erkannte, dass jetzt etwas geschehen musste. Unauffällig griff sie nach der Hose, nahm die Kürzung vor und hängte sie an ihren Platz zurück. Auch in der Schwiegermutter wuchs die Reue. Geräuschlos schlich sie nun zur Hose und schnitt drei Zentimeter weg. Als die Tochter gegen 23 Uhr nach Hause kam und die Hose am Haken hängen sah, war auch sie bereit, ihre Gesinnung zu ändern. "Jetzt wird er sich freuen", dachte sie, als sie die Arbeit beendet hatte. Und wie er sich bei seiner Rückkehr freute …



Gebet

Ferdinand Kerstiens, Große Hoffnungen - erste Schritte, Glaubenswege durch das Lesejahr A. Edition Exodus, Luzern 2001 (2).


Gott,
es gibt so viele Machtkämpfe unter den Menschen,
auch zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen,
auch in unserer Kirche, in unseren Gemeinden.
Und es gibt so viele Opfer.

Hilf uns zu einer solidarischen Gemeinschaft zu werden,
die nicht erniedrigt, unterdrückt und demütigt,
in der keiner auf Kosten der anderen lebt,
wo alle, die unten sind, aufgehoben werden,
wo jede und jeder in seiner Würde geachtet wird.

Hilf vor allem uns, deiner Kirche,
zu einer brüderlichen - schwesterlichen Gemeinde zu werden
im Geiste und im Sinne der Gemeinde in Philippi.
Dann können wir uns auch ohne Angst
den Herausforderungen unserer Zeit stellen.



Die Verborgene Mitte im Menschen

"Kirche in der Welt von heute", GS 16 - II. Vatikanisches Konzil.


Der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgene Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinen Innersten zu hören ist.

Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott, und dem Nächsten seine Erfüllung hat. Durch seine Treue zum Gewissen sind alle Menschen miteinander verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Nicht selten jedoch geschieht es, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne dass es dadurch seine Würde verliert.

Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zu wenig darum müht, und dadurch gegenüber dem Wahren und Guten fast blind wird.