Wählen Sie Ihre gewünschte Schriftgröße



Kontexte 03.04.2016


Je religiöser, desto dümmer?

Aus: Manfred Scheuer, Wider den kirchlichen Narzissmus. Ein spirituell-politisches Plädoyer. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2015.


„Je religiöser ein Mensch, desto mehr glaubt er; je mehr er glaubt, desto weniger denkt er; je weniger er denkt, desto dümmer ist er; je dümmer er ist, desto leichter kann er beherrscht werden. Das gilt für Sektenmitglieder ebenso wie für die Anhänger der großen Weltreligionen mit gewalttätig intolerantem ,Wahrheits‘-Anspruch. Dagegen hilft, auf Dauer, nur Aufklärung“ (Adolf Holl, Religionssoziologe).

„Je religiöser, desto weniger gebildet“, unter diesem Titel veröffentlichte „Die Zeit“ in der ersten Ausgabe des Jahres 2015 ein Interview mit dem Bildungsforscher Marcel Helbig186. Dessen Studie hatte das überraschende Ergebnis gebracht, dass Gottesdienstbesucher eine bessere Bildung haben als Menschen, die nicht in die Kirche gehen, und dass eine ganze Reihe von Studien zeigen, dass sich der Kirchgang positiv auf Kompetenzen und Schulabschlüsse auswirkt. In den USA gilt sogar: je häufiger, des­to besser. Das liegt daran, dass Kinder aus sozial benachteiligten Gegenden in den amerikanischen Kirchen auf Menschen treffen, die ihnen Informationen über das Bildungssystem liefern können oder gleich ihr Mentor werden. Es gibt auch Nachhilfe und Unterstützung bei Stipendienanträgen, Die Kinder erhalten Sozialkapital, das sie sonst nicht hätten. Freilich: Für Deutschland und auch für das restliche Europa gilt das nicht. Anders als in den USA kann man hier nicht sagen: Je häufiger ich in die Kirche gehe, umso größer ist mein Bildungserfolg. Regelmäßiger Kirchgang hat in Deutschland keinen Effekt. Dafür aber der Kirchenbesuch an Ostern und Weihnachten. Wer das macht, hat mehr Erfolg in der Schule als Menschen, die nie in die Kirche gehen. Es wurde auch die Religiosität der Kinder gemessen und die Verbindung von Religiosität und Bildung untersucht. „Je religiöser, desto weniger gebildet“, war ein Teilergebnis. Wobei unklar ist, ob jemand religiös wird, weil er weniger gebildet ist, oder ob sich Religiosität negativ auf Lernfortschritte auswirkt. Das heißt aber nicht, dass sich der Katholizismus negativ auf die Bildungschancen auswirke. Bildungserfolg hat nichts mit Konfession zu tun. Die Benachteiligung der Katholiken war durch soziale Herkunft erklärbar. Und in den Städten hätten Katholiken einen überdurchschnittlichen Bildungserfolg.



Wissenschaft und gläubige Weltdeutung

Aus Ägidius Zsifkovics, Von A bis Z. Gott begegnen in der Welt von heute. Hrsg. von Dominik Orieschnig mit Bildern von Heinz Ebner. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2015.


In der wissenschaftlichen Diskussion wird heute glücklicherweise wieder sehr genau unterschieden zwischen der Evolutionstheorie als wissenschaftlicher Hypothese innerhalb eines bestimmten Forschungsgebietes - z. B. in der Physik oder der Biologie - und dem Evolutionismus, also dem Versuch einer Gesamterklärung der Wirklichkeit, wie es der Darwinismus des 19. Jahrhunderts war. Ein solcher Evolutionismus ist heute nicht mehr State-of-the-art. Die gegenwärtige wissenschaftliche Vernunft ist nicht mehr der Meinung, dass die Evolutionstheorie über die naturwissenschaftlichen Fragen hinaus auch alle metaphysischen und religiösen Fragen beantworten kann. Und selbst wenn es so wäre, bliebe immer noch die Frage nach der Herkunft der Evolutionsgesetze. Der Physiker Paul Davies sagt zu Recht, dass Gesetze erst einmal da sein müssen, damit das Universum entstehen kann. Diese „Begegnung mit dem Wunderbaren“ bleibt der Naturwissenschaft also nicht erspart. Führende Physiker des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich zu diesem Transzendenzbezug bekannt: Niels Bohr, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Arthur Eddington, Wolfgang Pauli, Max Planck, Erwin Schrödinger, Carl Friedrich von Weizsäcker, Hans-Peter Dürr und viele andere. Ähnliche Zeugnisse gibt es von renommierten Biologen wie etwa dem Genetiker Carsten Bresch.

Der christliche Glaube darf trotz dieser „Begegnung mit dem Wunderbaren“ seinerseits nicht den Anspruch stellen, Gott wissenschaftlich erklären zu wollen. Damit würde er nur das Wesen des Glaubens als existentielles Grundvertrauen in größere Zusammenhänge beschädigen und den beschränkten menschlichen Verstand zum Götzen erheben. Was der christliche Glaube jedoch zu leisten vermag, ist eine Weltdeutung, die nicht in beleidigendem Widerspruch zu wissenschaftlicher Erkenntnis steht. Eine Weltdeutung, die eine Weltgestaltung ermöglicht und ebenso kompa­tibel mit dem Schöpfungsbericht des Buches Genesis ist wie mit dem Urknall, der Evolutionstheorie, dem Elektronenmikroskop oder dem Teilchenbeschleuniger. Es ist immerhin ein und derselbe Hirnapparat, der in der Evolution des Menschen die wissenschaftliche Forschung ebenso hervorgebracht hat wie den religiösen Glauben oder die Fähigkeit künstlerischen Schaffens. Warum also nicht allen diesen großartigen menschlichen Erkenntnisweisen ihr Recht lassen?



Der Tod Gottes in den Wissenschaften

Aus: Tomáš Halík, Ich will, dass du bist. Über den Gott der Liebe. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2015.


Der Tod Gottes, den der Narr in der »Fröhlichen Wis­senschaft« Nietzsches verkündet hat, jener unbewusste und bestens geheim gehaltene kollektive Mord, für den die Menschen noch keine Verantwortung übernommen haben, äußerte sich nicht als ein kosmisches Chaos, von dem Nietzsche in jenem Text geschrieben hatte. Eher könnte man von einem stillen Tod Gottes in der Sprache sprechen: Das Wort »Gott« ist zunächst ganz unauffällig aus den na­turwissenschaftlichen Abhandlungen verschwunden (»Wir haben dieser Hypothese nicht bedurft«), dann allmählich auch aus den philosophischen Schriften, aus der akademischen Sprache der Universitäten, aus den Präambeln der Verfassungen, aus den Vereidigungen der Zeugen in den Gerichtssälen, aus den Ansprachen der Politiker, manchmal sogar auch aus den Predigtstühlen - und falls es in der All­tagssprache geblieben ist, dann wahrscheinlich am häufigsten in der Gestalt eines unwillkürlichen Fluches.

»Warum sprechen Sie immer noch von Gott, warum bringen Sie dieses alte, belastete, entleerte, irreführende, unbestimmte Wort wieder in die Sprache hinein, von dessen Vieldeutigkeit und Problematik Sie doch selbst wissen und schreiben?« fragt mich ein Universitätskollege, ein beken­nender Anhänger des säkularen Humanismus. »Wenn Sie behaupten, dass Gott die Liebe ist, würde dann nicht der Begriff »Liebe« ausreichen? Soll ich vielleicht beim Lesen Ihrer Bücher einfach mental das Wort »Gott« streichen und es durch das Wort »Liebe« ersetzen? Dann wären ihre Bücher für mich viel näher und verständlicher. Und was würde sich eigentlich groß ändern? Würden Sie Ihre Philosophie der Liebe dadurch den Lebenserfahrungen nicht sogar noch annähern?«

Im Gegensatz zu dieser Position beabsichtige ich, die »Lebenserfahrungen« ein bisschen zu weiten, sie dadurch zu inspirieren und zu bereichern, dass ich sie auf die Quelle und die Grundlage des Lebens und der Liebe hinweise. Das Wort »Gott« weist für mich nicht irgendwohin hinter die Kulissen der Welt, sondern auf ihre vergessene Tiefe. Nein, ich verkünde keinen »Platonismus für’s Volk«, der diese Welt und unsere geläufige Erfahrung als ein bloßes Trugreich der Schatten abwerten würde, als eine irreale Widerspiegelung irgendeines jenseitigen Reiches der ewigen, unbeweglichen göttlichen Ideen. Der Gott, von dem ich spreche, wohnt nicht irgendwo überhalb unserer Wirklichkeit, sondern direkt in der Bewegung des Lebens und der Liebe. Wir nehmen an ihm teil, insofern wir wirklich voll in das Leben und in das Liebesieben eintauchen; wir neh­men an ihm teil, insofern wir nicht nur auf der Oberfläche des Lebens surfen und die Liebe nicht nur als einen attraktiven Freizeitpark wahrnehmen.



Der blinde Seher

Aus Werner Tiki Küstenmacher, Die neue 3-Minuten-Bibel. Knaur Taschenbuch, München 2015.


Die berühmte Statue vom »blinden Seher« ist vielen Menschen bekannt: Ein alter Mann tastet sich mit der linken Hand vorsichtig in den Raum vor - die typische Geste eines Blinden. Der andere Arm aber deutet nach vorne, auf ein fernes Ziel hin. Auch die leeren Augenhöhlen des Blinden sind dorthin gerichtet. Sein Gesichtsausdruck verrät deutlich: der Blinde sieht.

Was wir mit den Augen sehen, ist laut. Es drängt sich auf und schiebt sich über unsere anderen Sinne. Wer keine Augen hat, nutzt die anderen Sinne: Er riecht doppelt, fühlt doppelt, schmeckt doppelt. Und er entwickelt Wahrnehmungsorgane, von denen der Sehende nichts ahnt. Er schaut hinter die sichtbare Welt. Darum schätzten die alten Kulturen den »blinden Seher« so hoch. Vielleicht können wir heute noch von den Blinden lernen, wo uns die Bilder umfluten und betäuben wie noch nie.

Jesus spricht ungern von »Gläubigen« und »Ungläubigen« oder von »Bekehrten« und »Unbekehrten« - er unterscheidet einfach zwischen Sehenden und Blinden. Damit macht er deutlich: Glauben erfordert keine besonderen Fähigkeiten oder übermenschlichen Anstrengungen. Alles, was dazu nötig ist, ist Offenheit. So wie man die Augen aufmacht und sieht, was vor einem ist, so soll unser Herz, unsere ganze Person offen sein, es geschehen lassen. Das klingt einfach, aber unser Blick ist getrübt von vielerlei Hindernissen, die uns die Sicht versperren. Getönte Brillen, die uns die Wirklichkeit verzerren. Man nennt das Ideologie, und es gibt kaum etwas, das Jesus so wü­tend macht, wie solche Denkschablonen: Wenn Menschen nicht auf Menschen sehen, sondern auf ein System, eine Idee, irgendetwas, das wichtiger ist als der Mensch, der gerade vor ihm steht.



Die Lebensmacht der Auferstehung

Aus: Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2014.


Der christliche Glaube besagt, dass die Lebensmacht der Auferstehung am Werk ist, wenn Menschen mitten in ihrer Armut tragfähige Zeichen der Hoffnung entdecken. In Erfahrun­gen der Bedrängnis ist der Glaube an die Auferstehung gefragt. Niemand kann hier auf Gott zeigen und sagen: da ist er, da ist sie. Aber Menschen können sich gegenseitig darauf hinweisen, wo sie österliche Spuren ihrer Präsenz wahrnehmen. Gott spricht in den leisen Tönen, die der Auferstehung das Wort reden. Das kann auch dort sein, wo Gott fern und fremd zu sein scheint. »Gott ist Dir wirklich nahe dort, wo Du bist, wenn Du offen bist auf dieses Unendliche hin. Dann nämlich ist die Ferne Gottes zugleich seine unbegreifliche, alles durchdringende Nähe.« (Rahner 1992)

Solche verschwiegenen Spuren der Gottespräsenz zu entziffern und ins Wort zu bringen ist Aufgabe einer Kirche, die dem Evangelium heute eine Stimme geben will. Wenn die Kirche diesen Spuren folgt, hat sie die Chance, selbst »geistreich« zu werden. Dann vermag sie in gesellschaftlichen Herausforderungen etwas zu sagen, das überraschende Perspektiven aufzeigt und Alternativen in eingespurte Handlungsmuster einschreibt. Zwar kann man die Präsenz Gottes hier nicht beweisen. Aber man kann mit Spuren rechnen und gezielt nach ihnen Ausschau halten. Sich von der vielgesichtigen Armut von Menschen bewegen zu lassen, gehört unverzichtbar zum Christentum. Gerade in der heutigen Zeit, wo sich das Christentum in einer unglaublichen Pluralität von religiösen Angeboten und säkularen Heilsversprechen zu bewähren hat, ist es notwendig, dass das kirchliche Denken, Sprechen und Handeln tatsächlich geistreich ist.



Barmherzigkeit - ein sträflich vernachlässigtes Thema

Aus: Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums - Schlüssel christlichen Lebens. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.



Bleib unter uns

Aus: Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988.



Tastender Glaube

Aus: Franz Kamphaus, Hinter Jesus her. Anstöße zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010.



»Ich kann nichts sehen!«

Aus: Johannes Pausch / Gert Böhm, Auch schwarze Schafe können beten. Für alle, die nicht an Gott glauben und dennoch beten wollen. Kösel Verlag, München 2002.



Unter der Hirnschale

Aus: Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1959-2010. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.



Qualen eines gläubigen Wissenschaftlers

Aus: Tomáš Halík, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.



Teilhaber am Vollzug der endzeitlichen Versöhnungs- und Entscheidungsmacht des Menschensohnes

Aus: Franz Zeilinger, Der biblische Auferstehungsglaube. Religionsgeschichtliche Entstehung – heilsgeschichtliche Entfaltung. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart 2008.



Misericordia - Barmherzigkeit

Aus: Franz Kamphaus, Um Gottes willen - Leben. Einsprüche. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2004.



Compassion

Aus: Elisabeth Moltmann-Wendel / Jürgen Moltmann, leidenschaft für Gott. Worauf es uns ankommt. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2006.



Umkehr aus dem Glauben

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Frei vor Gott. Glauben in öffentlicher Verantwortung. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2003.



Natur ist Caritas

Aus: Ernesto Cardenal, Das Gesetz der Liebe. Texte und Meditationen. Kiefel/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996.