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Kontexte 24.04.2016


Keine reine Freude

Süddeutsche Zeitung - 10. April 2016, 18:54 Uhr http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholiken-keine-reine-freude-1.2943142


Das Papst-Schreiben "Freude der Liebe" stößt in München auf zwiespältige Resonanz. Homosexuelle in der Kirche sprechen von "Stagnation auf niedrigem Niveau".

Von Christian Krügel und Jakob Wetzel



Das Wort Gottes als ein Reisegefährte auch für die Familien

Aus: Amoris Laetitia, Nachsynodales Apostolisches Schreiben des Heiligen Vaters Papst Franziskus über die Liebe in der Familie.


19. Die Idylle, die der Psalm 128 besingt, bestreitet nicht eine bittere Wirklichkeit, welche die ganze Heilige Schrift kennzeichnet. Es ist die Gegenwart des Schmerzes, des Bösen und der Gewalt, die das Leben der Familie und ihre innige Lebens- und Liebesgemeinschaft auseinander brechen lassen. Aus gutem Grund steht die Rede Christi über die Ehe (vgl. Mt 19,3-9) im Kontext eines Disputs über die Scheidung. Das Wort Gottes ist ständiger Zeuge dieser dunklen
Dimension, die sich schon in den Anfängen auftut, als sich mit der Sünde die Beziehung der Liebe und der Reinheit zwischen Mann und Frau in eine Herrschaft verwandelt: »Du hast Verlangen nach deinem Mann, er aber wird über dich herrschen« (Gen 3,16).

20. Es ist ein blutbefleckter Weg des Leidens, der viele Seiten der Bibel durchzieht. Ausgehend von der brudermörderischen Gewalt Kains gegen Abel und den verschiedenen Streitigkeiten zwischen den Söhnen und zwischen den Frauen der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob gelangt dieser Weg später zu den Tragödien, die das Haus Davids mit Blut überströmen, und geht bis zu den vielfältigen familiären Schwierigkeiten, welche die Erzählung des Tobias durchdringen oder das bittere Bekenntnis des verlassenen Ijob: »Meine Brüder hat er von mir entfernt, meine Bekannten sind mir entfremdet [...] Mein Atem ist meiner Frau zuwider; die Söhne meiner Mutter ekelt es vor mir« (Ijob 19,13.17).

21. Jesus selbst wird in einer einfachen Familie geboren, die alsbald in ein fremdes Land fliehen muss. Er tritt in das Haus des Petrus ein, wo dessen Schwiegermutter krank ist (vgl. Mk 1,30-31), lässt sich in das Drama des Todes im Haus des Jairus (vgl. Mk 5,24.36-43; Lk 8,41-42.49-55) oder in der Familie des Lazarus (vgl. Joh 11,1-44) einbeziehen, hört den verzweifelten Aufschrei der Witwe von Nain angesichts ihres verstorbe­nen Sohnes (vgl. Lk 7,11-15) und beachtet die Klage des Vaters des Epileptikers in einem klei­nen ländlichen Dorf (vgl. Mk 9,17-27). Er trifft sich mit Zöllnern wie Matthäus (vgl. Mt 9,9-13; Lk 5,27-32) und Zachäus (vgl. Lk 19,5-10) in deren Häusern und sogar mit Sünderinnen wie der Frau, die in das Haus des Pharisäers eindringt (vgl. Lk 7,36-50). Er weiß um die Ängste und die Spannungen der Familien und greift sie in seinen Gleichnissen auf: von den Söhnen, die ihr Elternhaus verlassen, um sich in ein Abenteuer zu stürzen (vgl. Lk 15,11-32), bis zu den schwierigen Söhnen mit unerklärlichen Verhaltensweisen (vgl. Mt 21,28-31) oder zu Opfern von Gewalt (vgl. Mk 12,1-9). Er interessiert sich auch für die Hochzeiten, die Gefahr laufen, einen beschämenden Eindruck zu hinterlassen, weil der Wein fehlt (vgl. Joh 2,1-10) oder dadurch, dass die eingeladenen Gäste ausbleiben (vgl. Mt 22,1-10). Und ebenso kennt er den Alptraum, den der Verlust einer Münze in einer armen Familie auslöst (Lk 15,8-10).

22. In diesem kurzen Überblick können wir feststellen, dass das Wort Gottes sich nicht als eine Folge abstrakter Thesen erweist, sondern als ein Reisegefährte auch für die Familien, die sich in einer Krise oder inmitten irgendeines Leides befinden. Es zeigt ihnen das Ziel des Weges, wenn Gott »alle Tränen von ihren Augen abwischen [wird]: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal« (Offb 21,4).



Lebenshingabe

Aus: Tomáš Halík, Ich will, dass du bist. Über den Gott der Liebe. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2015.


»Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt«, sagt Jesus im Evangelium nach Johannes beim letzten Abendmahl. Und am folgenden Tag er­weitert er diesen Satz noch durch sein Opfer am Kreuz: Er gibt sich für alle hin, auch für die Feinde, er bittet um Vergebung auch für diejenigen, die ihn töten. Die Liebe Jesu durchbricht alle Grenzen, ihr Ausdruck ist die Vergebung - die absolute Freiheit vom Geist der Rache und der Feindschaft.

Wenn Christen von der absoluten Liebe sprechen, dann weisen sie häufig gleich auf das Kreuz hin, auf das Opfer des Lebens Jesu - und sicherlich tun sie dies zu Recht und in Übereinstimmung mit der Schrift und mit der gesamten theologischen Tradition. Ich vermute jedoch, dass der Sinn jenes Wortes Jesu über die Hingabe des Lebens sich nicht nur mit dem Hinweis auf das Kreuz erschöpft, beziehungsweise auf die unzähligen Märtyrer für den Glauben. Es existieren auch alltägliche, undramatische und unblutige Opfer der »Lebenshingabe«.

Bei aller Achtung vor den Märtyrern des Blutes sollten wir keinen Akt der Selbsthingabe übersehen. Auch ein nach außen hin völlig alltäglicher Akt der Selbstschenkung kann Ausdruck jener »heroischen Liebe« sein, wenn wir diesen Begriff den Dekreten der päpstlichen Kongregation für die Heiligsprechung entlehnen dürfen, besonders wenn durch diese Taten das menschliche Leben dauerhaft, still und unauffällig (auch ohne die Hoffnung, dass sie bei der erwähnten Kongregation Aufmerksamkeit erregen könn­ten) wie eine Kerze auf dem Altar verzehrt wird. Aus mei­ner langjährigen pastoralen Praxis kenne ich nicht nur die menschlichen Schwächen und Sünden, sondern habe auch das Faktum vor Augen, dass es weitaus mehr solche ver­borgene, nicht vergoldete Altäre gibt, als wir denken, und dass auf ihnen täglich sehr kostbare Opfer dargebracht werden.

Wenn ich von der göttlichen Liebe mit Hochachtung spreche, dann gilt mein tiefer Respekt auch allen, die sie in die Welt hineintragen. Und wenn gerade sie davon zeugen, dass sie diese Liebe und die Kraft zu ihr als Geschenk erleben, dann ist dies nicht nur eine leere Phrase einer vorgespielten Demut. Das Wort »Gott« ist für sie nicht nur ein einfach wegzudenkendes Ornament der Sprache. Bei aller Hochachtung bezeichnen sie damit aus der Tiefe ihrer Erfahrung heraus jenes »woher«, aus dem sie auf dem Weg der selbstvergessenden Liebe die Ausdauer schöpfen. Und uns steht es nicht zu, ihr Zeugnis zu bagatellisieren.



Wo die Liebe anfängt, ist alles bloß Normhafte und Gesetzhafte aufgehoben

Aus: Karl Rahner, Worte gläubiger Erfahrung. Hrsg. von Alice Scherer. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1985.


"Wenn man das durchschnittliche Christenleben anschaut, scheint im normalen sittlichen Bewußtsein eines Christen die Vorstellung vorzuherrschen, man habe den Nächsten geliebt, wenn man ihm nichts Böses angetan und jene Sachforderungen erfüllt habe, die er einem mit Recht stellen kann. In Wahrheit aber gebietet das christliche „Gebot" der Nächstenliebe in seiner Einheit mit der Gottesliebe die Sprengung des eigenen Egoismus, die Überwindung der Vorstellung, die Nächstenliebe sei doch im Grunde genommen nur die vernünftige Regelung gegenseitiger Ansprüche und verlange nur das Geben und Nehmen im Einvernehmen. In Wirklichkeit aber erreicht die christliche Nächstenliebe erst dort ihr wahres Wesen, wo nicht mehr abgerechnet wird, sondern auch die Bereitschaft siegt, unbelohnt zu lieben, wo auch in der Nächstenliebe die Torheit des Kreuzes angenommen wird.
Wenn man die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe wirklich versteht, dann rückt die Nächstenliebe aus ihrer Stellung einer partikulären Forderung nach einer abgegrenzten und kontrollierbaren Leistung in die Position eines totalen Lebensvollzugs, in dem wir als Ganze ganz gefordert und überfordert werden, so aber und nur so die höchste Freiheit erringen, die es gibt, die Freiheit von sich selbst.

Wenn wir selbst in unser Herz hineinschauen, wie schwer tun wir uns da, wie kommen wir nicht von uns weg, wie kehren wir immer wieder zu uns zurück, wie bringen wir es nicht fertig, wirklich das Herz zu verschenken! Und manchmal, wenn wir meinen, wir täten's - ach, es ist dann manchmal auch nicht anders, als daß wir wollen, daß der andere sich uns schenkt, und von einem Weg­schenken an den ändern, so wie er ist, ist wenig die Rede.
Wo aber die Liebe anfängt, wo der Mensch sich mit seiner ganzen göttlichen Unendlichkeit dem ändern gibt oder wenigstens versucht, damit anzufangen, da ist alles bloß Normhafte und Gesetzhafte aufgehoben. Da ist ja nicht mehr er, der etwas leistet; da ist er mehr als der Erfüller einer objektiven, für alle gleich gültigen Norm; da ist er der, der sich vollendet gerade als der, der er einmalig sein soll, ist er gerade der, der sich vollendet, insofern Gott sich ihm in einer ganz einmaligen Weise schenkte. Und weil so hier die Person das Einmalige, Unvertretbare ist, in Frage kommt, sich leistet, sich selbst vollendet, indem sie sich weggibt in Liebe an den ändern, darum ist hier das bloß allgemein Gesetzhafte überboten und überfließend erfüllt.
Darum ist die Liebe die Fülle des bloßen Gesetzes und das Band der Vollkommenheit, dasjenige, was nicht mehr untergeht.



Das größte Geschenk

Henri Nouwen in: Wege zur Mitte. Herder Verlag, Sonderband 2016, Freiburg Basel Wien 2016.


Die wirkliche Frage lautet nicht: »Was können wir einander bieten?«, sondern: »Wer können wir füreinander sein?« Zweifellos, es ist wunderbar, wenn wir einem Nachbarn etwas reparieren, einem Freund einen guten Rat geben, einem Kollegen einen hilfreichen Tipp geben, einem Kranken Linderung verschaffen und einem Pfarrangehörigen die Frohe Botschaft verkünden können. Aber es gibt ein größeres Geschenk als das alles. Das ist das Geschenk unseres eigenen Lebens, das aus allem, was wir tun, hervorleuchtet.
Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich, dass mein größtes Geschenk, das ich anzubieten habe, meine eigene Freude am Leben ist, mein eigener innerer Friede, mein eigenes Schweigen und meine Einsamkeit, mein eigenes Gefühl, mich wohl zu befinden. Wenn ich mich selbst frage: »Wer hilft mir am meisten?«, dann muss ich zur Antwort geben: »Der Mensch, der bereit ist, sein Leben mit mir zu teilen.«



Liebe - das christliche Hauptgebot

Aus: Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.



träumen

Aus: Bruno Griemens, online to he@ven. Jugendgebete. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2009.



Was ich glaube

AutorIn unbekannt. Quelle: Gebetsmappe der Burg Altpernstein (Diözese Linz)



Er führt uns heim

Aus: Nachdenken mit Martin Gutl. Texte, Meditationen, Gebete. Styria Verlag, Graz Wien Köln 1983.



Wer in der Liebe lebt

Aus: Dorothee Sölle, Mut Kämpfe und liebe das leben. HerderVerlag, Freiburg Basel Wien 2008. Und dies.: Es muss doch mehr als alles geben. Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1992.



Elinors geschichte

Aus: dorothee sölle, verrückt nach licht. gedichte. Wolfgang fietkau verlag, Berlin 1984.



unverschämt

Aus: Thomas Weiß, Hörst du mein Schweigen? Gebete der Sehnsucht. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2008.



Lieben: Sehen, was der andere braucht

Aus: Alois Kraxner, In Christus neu werden. Orientierungshilfe für das Christsein in einer Kirche der Auseinandersetzungen. Dom Verlag Wien 1990.



Christliche und menschliche Liebe

Aus: Carlo Maria Martini, Damit Leben stimmig wird. Orientierungen. Verlag Neue Stadt, München 2001.