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Kontexte 24.12.2017


Maria — Eine Frau sagt Ja und wird ein Ich

Nina Eggehorn in: Eine Nacht voller Wunder. Gesegnete Weihnachten. Hg. Von Ulrich Sander. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2013.


Es steht ein Ja geschrieben über der jungen Frau, die dem Blick des Engels begegnet auf dem wunderschönen Gemälde von Fra Angelico im Kloster San Marco in Florenz. Noch nicht, doch bald wird sie es sagen. Noch hört sie, konzentriert und voller Erstaunen auf das, was der Engel zu sagen hat: »Du sollst gebären ... das Heilige in dir ... Gottes Sohn.«

Der Engel steht auf einer Wiese, die übersät ist mit Frühlingsblumen. Es scheint früh am Morgen zu sein, der Saum seines Kleides ist nass vom Tau. Seine Flügel sind so farbenprächtig, wie es sich bisher niemand vorzustellen wagte.

Der ganze Augenblick duftet nach neuem Anfang und Hoffnung, als hätte der Wind den Geruch frisch gewaschener Laken, die draußen zum Trocknen hängen, herübergeweht.

Dieser Engel hat rosige Wangen und einen klaren Blick, bodenlos ernst und trotzdem hell, und er beugt sich ein wenig vor, wie in Ehrfurcht vor Maria, oder voller Achtsamkeit, um sie nicht zu erschrecken. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, Fra Angelico. Das Gemälde ist ein Wunder in sich, der Augenblick, bevor Maria Ja sagt.

Sie sagt Ja dazu, die Errettung in sich zu tragen, Jesus zur Welt zu bringen, ihn in seiner Schutzlosigkeit zu verteidigen, ihn aufwachsen sehen - und ihn ziehen lassen, wenn die Zeit für ihn gekommen ist, sie zu verlassen und  seinen eigenen Weg zu gehen. Es ist ein Ja zur Freude, zu dem Unsicheren und Unbekannten. Ein Ja dazu, in die Geschichte einzutreten als verantwortliche Mitspielerin und nicht nur als Zuschauerin. Aber es ist auch ein Ja zur Trauer.

Ein Ja zum Loslassen und zur Ohnmacht der Liebe. Ein Ja zum Schmerz. Und zum Schwersten von allem: zu sehen, wie das eigene Kind einen Weg geht, den sie nicht verstehen und auf dem sie nicht folgen kann. Zu sehen, wie ihr Kind erniedrigt, missverstanden, verspottet und einem grausamen, ungerechten Leiden ausgesetzt wird.

            Zum Tode verurteilt, so trägt er,
            begleitet von Spott und von Hohn,
            noch selber sein Kreuz auf den Hügel.
            Wie grausam, der eigene Sohn!
            Doch über Portale und Mauern,
            grad als der Traum von der Liebe zerbricht,
            fliegt mit gebrochenen Flügeln
            empor ein Vogel ins Licht.

            Lisbeth Smedegaard Andersen

Noch weiß sie das alles nicht, das junge Mädchen Maria, als sie ihr Ja sagt. Sie ist ängstlich und fragt sich, was das alles bedeuten wird — aber sie weiß es nicht. Sie ist stolz, glücklich und triumphierend - »es werden mir die Menschen aller Zeiten gratulieren!«, singt sie -, aber noch kann sie das alles nicht erfassen. Ihr Ja ist ein Ja zum Leben. Und mit ihr nimmt die alte, wohlbekannte Geschichte von Gott, der schutzlos und machtlos wie andere Menschen in die Welt kommt, eine unerwartet konkrete Wendung. Maria aus Nazaret, einem kleinen, abgelegenen Dorf in einer entfernten galiläischen Gegend, knapp erwachsen, hinausgetreten auf die Weltbühne, aus den Familienbanden, den Konventionen und der Zugehörigkeit. Maria sagt Ja und wird ein Ich.



Der kommende Gott

Jochen Rieß in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.


Der kommende Gott wird größer sein
als du und ich ihn gedacht,
der kommende Gott wird größer sein,
als wir ihn zurechtgemacht.

Der kommende Gott wird größer sein
und lebendig, nicht tot und verstaubt;
der kommende Gott wird größer sein
als die Kirche ihn je geglaubt.

Denn der kommende Gott schließt uns alle ein,
ob Jude, ob Muslim, ob Christ;
denn der kommende Gott ist nicht mein oder dein
und er fragt nicht, was du wohl bist.

Denn der kommende Gott ist für alle da,
ein Gott für die ganze Welt.
Denn der kommende Gott ist dem Menschen nah,
der sich fragt, wer die Welt erhält.

Denn der kommende Gott
war schon immer der Gott,
den sie alle, sie alle gemeint.
Denn der kommende Gott ist der einzige Gott,
der uns alle, uns alle vereint.



Segensworte

Herkunft unbekannt


Gott,
die Nahtstellen meines Lebens will ich beachten,
weil du mir nahe kommst.
Gott, die Randerscheinungen meines Lebens will ich würdigen,
weil du dich auch dort zeigst.
Gott, die Engpässe meines Lebens will ich annehmen,
weil ich dann nicht mehr an dir vorüberkomme.
Gott, die Begrenzungen meines Lebens will ich verstehen als Stellen,
an denen du mich berührst.
Gott, sogar die Nullpunkte unseres Lebens werden so zu Wendemarken,
an denen du mit mir Neues beginnst.



Engel

Aus: Ein kleiner Gruß vom Himmel. Humorvolle Engelgeschichten. Bennoverlag, Leipzig 2012.


Es wird ein Engel zu dir gesandt,
um dich durchs Leben zu begleiten.
Er nimmt dich liebend an der Hand
und bleibt bei dir zu allen Zeiten.
Er kennt den Weg, den du zu gehen hast,
und trägt mit dir der Erde Leid und Last.

Es wird ein Engel dir gesandt,
dem sollst du dich anvertrauen.
Auf ihn sollst du stets und unverwandt
das Auge deiner Seele schauen.
Er trägt zu deinem Schutz das Schwert des Herrn
und ist dir nie mit seiner Hilfe fern.

Es wird ein Engel dir gesandt,
dem sollst du niemals widerstreben,
und hast du ihn vielleicht verkannt,
so zwing ihn nicht, dich aufzugeben,
denn bautest du auf deine Kraft allein,
es würde nur zu deinem Unglück sein.



Sag nicht Nein

Aus: Bruno Griemens, online to he@ven. Jugendgebete. Verlag Haus Altenberg / Butzon & Bercker, Kevelaer 2012 (2009).



An einem gewöhnlichen Vormittag

Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias Grünewald Verlag 2006.



Einer wird kommen

Aus: Ilse Pauls, Auf dem Weg. Gedichte und Gebete. Edition Club d' Art. Hrsg. Präsid. Olga Elisabeth Jagoutz, Sonnengasse 16, Klagenfurt, Österreich.



Ruth - oder worauf es im Leben ankommt

Aus: Ilse Pauls, Geschenkte Stunden. Gedichte. Wolfgang Hager Verlag (2007), A-8852 Stolzalpe 70.



Mitten im kalten Winter

Uwe Timm in: Gedichte zur Weihnacht, herausgegeben von Stephan Koranyi und Gabriele Seifert. Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009.



Magnificat: Mein Seel, o Herr, muß loben dich

Erasmus Alber (um 1500-1553), in: EG 309.



Magnificat: Hoch hebt den Herrn mein Herz

Fritz Enderlin 1952, in: EG 309.



Magnificat: Sie kam den Hang herauf

Rainer Maria Rilke, Magnificat (1908), in: ders., Die Gedichte, itb 2246, Frankfurt: Insel 1998, S. 529.



Der Gruß des Engels

Heinrich Heine, Aus der Sammlung "Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo" (1823) in: Ders., Sämtliche Gedichte, hrsg. Klaus Briegleb, Frankfurt: Insel 2005, S. 121.



Später, viel später

Kurt Marti, ohne Quellenangabe.



Das Volk, das noch im Finstern wandelt

Jürgen Henkys (1981) nach dem niederländischen "Het volk dat wandelt in het duister" van Jan Willem Schulte Nordholt 1959, in: EG 20.



Wach auf

Thomas Bernhard, Gesammelte Gedichte, stb 2262, Frankfurt: Suhrkamp 1993, S. 142.