Die biblischen Lesungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Ständigen Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet den Lektionaren 2018 ff entnommen. - © 2024 staeko.net. - vgl. Impressum.
Die Katholischen Bibelwerke in Deutschland, Österreich und Schweiz stellen auf ihren Webseiten ausführliche Kommentare und Anleitungen zum Lesen der biblischen Lesungen für Sonn- und Feiertage zum Download im PDF-Format zur Verfügung. Mit freundlicher Genehmigung der Katholischen Bibelwerke übernehmen wir die Kurzeinleitungen zu den Lesungen.
Lesung aus dem Buch Jesaja.
Um Zions willen werde ich nicht schweigen,
um Jerusalems willen nicht still sein,
bis hervorbricht wie ein helles Licht seine Gerechtigkeit
und sein Heil wie eine brennende Fackel.
Dann sehen die Nationen deine Gerechtigkeit
und alle Könige deine Herrlichkeit.
Man ruft dich mit einem neuen Namen,
den der Mund des HERRN für dich bestimmt.
Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des HERRN,
zu einem königlichen Kopfschmuck in der Hand deines Gottes.
Nicht länger nennt man dich "Verlassene"
und dein Land nicht mehr "Verwüstung",
sondern du wirst heißen: "Ich habe Gefallen an dir"
und dein Land wird Vermählte genannt.
Denn der HERR hat an dir Gefallen
und dein Land wird vermählt.
Wie der junge Mann die Jungfrau in Besitz nimmt,
so nehmen deine Söhne dich in Besitz.
Wie der Bräutigam sich freut über die Braut,
so freut sich dein Gott über dich.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Kv - Von der Huld des HERRN
will ich ewig sinden. - KV
(Oder GL 657,3)
Einst hast du in einer Vision zu deinen Frommen gesprochen: /
Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten
und David, meinem Knecht, geschworen:
Auf ewig gebe ich deinem Haus festen Bestand
und von Geschlecht zu Geschlecht gründe ich deinen Thron. - Kv
Selig das Volk, das den Jubelruf kennt,
HERR, sie gehen im Licht deines Angesichts.
Sie freuen sich allezeit über deinen Namen
und sie jubeln über deine Gerechtigkeit. - Kv
Er wird zu mir rufen: Mein Vater bist du,
mein Gott, der Fels meiner Rettung.
Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren,
mein Bund mit ihm ist verlässlich. - Kv
Lesung aus der Apostelgeschichte.
In der Synagoge von Antiochia in Pisidien stand Paulus auf,
gab mit der Hand ein Zeichen
und sagte:
Ihr Israeliten und ihr Gottesfürchtigen, hört!
Der Gott dieses Volkes Israel hat unsere Väter erwählt
und das Volk in der Fremde erhöht, im Land Ägypten;
er hat sie mit hoch erhobenem Arm von dort herausgeführt.
Dann erhob er David zu ihrem König,
von dem er bezeugte:
Ich habe David, den Sohn des Isai,
als einen Mann nach meinem Herzen gefunden,
der alles, was ich will, vollbringen wird.
Aus seinem Geschlecht
hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß,
Jesus als Retter geschickt.
Vor dessen Auftreten hat Johannes
dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr verkündet.
Als Johannes aber seinen Lauf vollendet hatte,
sagte er: Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet;
aber siehe, nach mir kommt einer,
dem die Sandalen von den Füßen zu lösen ich nicht wert bin.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die Lesungsperikope entstammt dem Bericht der Apostelgeschichte über die erste Missionsreise des Apostels Paulus (Apg 13,4-14,28). Darin wird von großen Missionserfolgen sowohl bei Juden wie auch bei Heiden erzählt. Innerhalb dieses Berichts nimmt die Verkündigung des Apostels in der Synagoge von Pisidien einen herausragenden Platz ein. Sie macht deutlich, dass die Verheißungen, die an das alttestamentliche Gottesvolk ergangen sind, sich in Jesus erfüllten, dass das von Gott zugesagte Heil aber über das Gottesvolk hinaus jedem, also auch den Heiden, gilt. So ist der ganzen Zuhörerschaft in der Synagoge von Pisidien genüge getan, die sich sowohl aus Juden wie aus gottesfürchtigen Heiden zusammensetzt.
Die Predigt beginnt mit dem Gedanken, dass Gott die Väter Israels erwählt hat und dieses Volk durch die Geschichte geführt hat. Dann kommt Paulus aber schnell auf Jesus zu sprechen, den er als von Gott gesandten Retter Israels verkündet, für welchen Johannes der Täufer den Weg bereitet hat. Der Apostel will damit die Hinwendung der Juden zu Jesus und seine Anerkennung als verheißenen Messias bewirken. Indem er auf die Umkehrpredigt Johannes des Täufers verweist, hält er fest, dass niemand den Messias erkennen wird, der nicht bereit ist, ein anderer Mensch zu werden.
Lesung aus der Apostelgeschichte.
In der Synagoge von Antiochia in Pisidien stand Paulus auf,
gab mit der Hand ein Zeichen
und sagte:
Ihr Israeliten und ihr Gottesfürchtigen, hört!
Der Gott dieses Volkes Israel hat unsere Väter erwählt
und das Volk in der Fremde erhöht, im Land Ägypten;
er hat sie mit hoch erhobenem Arm von dort herausgeführt
und etwa vierzig Jahre durch die Wüste getragen.
Sieben Völker hat er im Land Kanaan vernichtet
und ihr Land ihnen zum Besitz gegeben,
für etwa vierhundertfünfzig Jahre.
Danach hat er ihnen Richter gegeben
bis zum Propheten Samuel.
Dann verlangten sie einen König
und Gott gab ihnen Saul, den Sohn des Kisch,
einen Mann aus dem Stamm Benjamin,
für vierzig Jahre.
Nachdem er ihn verworfen hatte,
erhob er David zu ihrem König,
von dem er bezeugte:
Ich habe David, den Sohn des Isai,
als einen Mann nach meinem Herzen gefunden,
der alles, was ich will, vollbringen wird.
Aus seinem Geschlecht
hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß,
Jesus als Retter geschickt.
Vor dessen Auftreten hat Johannes
dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr verkündet.
Als Johannes aber seinen Lauf vollendet hatte,
sagte er: Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet;
aber siehe, nach mir kommt einer,
dem die Sandalen von den Füßen zu lösen ich nicht wert bin.
Die Lesungsperikope entstammt dem Bericht der Apostelgeschichte über die erste Missionsreise des Apostels Paulus (Apg 13,4-14,28). Darin wird von großen Missionserfolgen sowohl bei Juden wie auch bei Heiden erzählt. Innerhalb dieses Berichts nimmt die Verkündigung des Apostels in der Synagoge von Pisidien einen herausragenden Platz ein. Sie macht deutlich, dass die Verheißungen, die an das alttestamentliche Gottesvolk ergangen sind, sich in Jesus erfüllten, dass das von Gott zugesagte Heil aber über das Gottesvolk hinaus jedem, also auch den Heiden, gilt. So ist der ganzen Zuhörerschaft in der Synagoge von Pisidien genüge getan, die sich sowohl aus Juden wie aus gottesfürchtigen Heiden zusammensetzt.
Die Predigt beginnt mit dem Gedanken, dass Gott die Väter Israels erwählt hat und dieses Volk durch die Geschichte geführt hat. Dann kommt Paulus aber schnell auf Jesus zu sprechen, den er als von Gott gesandten Retter Israels verkündet, für welchen Johannes der Täufer den Weg bereitet hat. Der Apostel will damit die Hinwendung der Juden zu Jesus und seine Anerkennung als verheißenen Messias bewirken. Indem er auf die Umkehrpredigt Johannes des Täufers verweist, hält er fest, dass niemand den Messias erkennen wird, der nicht bereit ist, ein anderer Mensch zu werden.
Halleluja. Halleluja.
Morgen wird die Sünde der Erde getilgt,
und über uns herrscht der Retter der Welt.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
Buch des Ursprungs Jesu Christi,
des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams:
Abraham zeugte den Isaak,
Isaak zeugte den Jakob,
Jakob zeugte den Juda und seine Brüder.
Juda zeugte den Perez und den Serach
mit der Tamar.
Perez zeugte den Hezron,
Hezron zeugte den Aram,
Aram zeugte den Amminadab,
Amminadab zeugte den Nachschon,
Nachschon zeugte den Salmon.
Salmon zeugte den Boas
mit der Rahab.
Boas zeugte den Obed
mit der Rut.
Obed zeugte den Isai,
Isai zeugte David, den König.
David zeugte den Salomo
mit der Frau des Urija.
Salomo zeugte den Rehabeam,
Rehabeam zeugte den Abija,
Abija zeugte den Asa,
Asa zeugte den Joschafat,
Joschafat zeugte den Joram,
Joram zeugte den Usija.
Usija zeugte den Jotam,
Jotam zeugte den Ahas,
Ahas zeugte den Hiskija,
Hiskija zeugte den Manasse,
Manasse zeugte den Amos,
Amos zeugte den Joschija.
Joschija zeugte den Jojachin und seine Brüder;
das war zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft.
Nach der Babylonischen Gefangenschaft
zeugte Jojachin den Schealtiël,
Schealtiël zeugte den Serubbabel,
Serubbabel zeugte den Abihud,
Abihud zeugte den Eljakim,
Eljakim zeugte den Azor.
Azor zeugte den Zadok,
Zadok zeugte den Achim,
Achim zeugte den Eliud,
Eliud zeugte den Eleasar,
Eleasar zeugte den Mattan,
Mattan zeugte den Jakob.
Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias;
von ihr wurde Jesus geboren,
der der Christus genannt wird.
Im Ganzen sind es also von Abraham bis David
vierzehn Generationen,
von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft
vierzehn Generationen
und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus
vierzehn Generationen.
Mit der Geburt Jesu Christi war es so:
Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt;
noch bevor sie zusammengekommen waren,
zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete -
durch das Wirken des Heiligen Geistes.
Josef, ihr Mann,
der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte,
beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
Während er noch darüber nachdachte,
siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum
und sagte: Josef, Sohn Davids,
fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen;
denn das Kind, das sie erwartet,
ist vom Heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn gebären;
ihm sollst du den Namen Jesus geben;
denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
Dies alles ist geschehen,
damit sich erfüllte,
was der Herr durch den Propheten gesagt hat:
Siehe: Die Jungfrau wird empfangen
und einen Sohn gebären
und sie werden ihm den Namen Immanuel geben,
das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als Josef erwachte,
tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte,
und nahm seine Frau zu sich.
Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.
Und er gab ihm den Namen Jesus.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die als "erweiterte Fußnote" zu Mt 1,16 angefügte Darstellung, wie die Erzeugung Jesu durch den Heiligen Geist Josef offenbart wurde, ist eine in Erzählform gebotene christliche Erklärung des Geheimnisses der Herkunft Jesu. Die Matthäus aus der Glaubensüberzeugung urchristlicher Kreise gewisse Tatsache, daß nicht Josef, sondern der Heilige Geist der wahre Erzeuger Jesu ist, wird schon in Vers 18 ausgesprochen. Die Bedenken des "gerechten" Josef werden vom Offenbarungsengel durch die Enthüllung zerstreut, daß das Kind im Schoße Marias vom Heiligen Geist gezeugt ist. Ein weiteres Wort offenbart ihm, daß es ein Knabe ist, dem er den Namen Jesus geben soll. Daran schließt Matthäus ein Erfüllungszitat (Verse 22-23): Es ist ein prophetisch vorhergesagtes Geschehen, das die jungfäuliche Empfängis einschließt und im Zusammenhang der Erlösung steht.
Offenbarungen durch Träume sind in der antiken Welt verbreitet. Engel sind für das Judentum häufig Offenbarungsvermittler und auch dem Urchristentum als Boten Gottes vertraut. Es sind Darstellungsweisen für ein sonst unfaßbares Offenbarungsgeschehen.
Die Überlegungen Josefs setzen die Verhältnisse jüdischer Eheschließung und jüdische Anschauungen voraus. Schon mit der Verlobung (Heiratsvertrag) ist Josef rechtlich der Ehegatte Marias, doch mit der Überführung in sein Haus beginnt die eheliche Gemeinschaft. Wenn sich eine Braut mit einem anderen Mann einließ, galt das als Ehebruch. Josef, der die Schwangerschaft Marias erkennt, will sie nicht "bloßstellen", nicht in Verruf bringen, sondern ihr im Stillen den Scheidebrief ausstellen, damit sie nicht beschämt oder gar als Ehebrecherin bestraft wird.
Hauptpunkt der Offenbarung ist die Herkunft des Kindes vom Heiligen Geist. Trotz des Ausdrucks "erzeugt" bleibt (wie bei Lk 1,35) jede geschlechtliche Vorstellung fern, anders als in heidnischen Mythen, wo Götter mit Jungfrauen geschlechtlich verkehrten. Der Gedanke der geisterzeugten jungfräulichen Empfängnis hat eher an jüdisch-hellenistischen Vorstellungen einen Anhalt.
Matthäus will mit der Erzählung zugleich die Bedeutung des göttlichen Kindes den Lesern vor Augen führen. In der Namensgebung, die hier Josef zufällt, wird Jesus, abgeleitet von hebräisch Jehoschua (= Jahwe ist Hilfe), als Retter seines Volkes vorgestellt. Für Matthäus gewinnt der in Jes 7,14 dem Kind beigelegte Name "Immanuel" (= "Gott mit uns") eine hervorragende Bedeutung. Denn in Jesus ist Gott helfend, rettend, schützend mit seinem Volk und im Ausblick auf das neue Gottesvolk diesem nahe und gegenwärtig bis ans Ende der Welt.
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus.
Mit der Geburt Jesu Christi war es so:
Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt;
noch bevor sie zusammengekommen waren,
zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete -
durch das Wirken des Heiligen Geistes.
Josef, ihr Mann,
der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte,
beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
Während er noch darüber nachdachte,
siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum
und sagte: Josef, Sohn Davids,
fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen;
denn das Kind, das sie erwartet,
ist vom Heiligen Geist.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Sie wird einen Sohn gebären;
ihm sollst du den Namen Jesus geben;
denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
Dies alles ist geschehen,
damit sich erfüllte,
was der Herr durch den Propheten gesagt hat:
Siehe: Die Jungfrau wird empfangen
und einen Sohn gebären
und sie werden ihm den Namen Immanuel geben,
das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als Josef erwachte,
tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte,
und nahm seine Frau zu sich.
Er erkannte sie aber nicht, bis sie ihren Sohn gebar.
Und er gab ihm den Namen Jesus.
Die als "erweiterte Fußnote" zu Mt 1,16 angefügte Darstellung, wie die Erzeugung Jesu durch den Heiligen Geist Josef offenbart wurde, ist eine in Erzählform gebotene christliche Erklärung des Geheimnisses der Herkunft Jesu. Die Matthäus aus der Glaubensüberzeugung urchristlicher Kreise gewisse Tatsache, daß nicht Josef, sondern der Heilige Geist der wahre Erzeuger Jesu ist, wird schon in Vers 18 ausgesprochen. Die Bedenken des "gerechten" Josef werden vom Offenbarungsengel durch die Enthüllung zerstreut, daß das Kind im Schoße Marias vom Heiligen Geist gezeugt ist. Ein weiteres Wort offenbart ihm, daß es ein Knabe ist, dem er den Namen Jesus geben soll. Daran schließt Matthäus ein Erfüllungszitat (Verse 22-23): Es ist ein prophetisch vorhergesagtes Geschehen, das die jungfäuliche Empfängis einschließt und im Zusammenhang der Erlösung steht.
Offenbarungen durch Träume sind in der antiken Welt verbreitet. Engel sind für das Judentum häufig Offenbarungsvermittler und auch dem Urchristentum als Boten Gottes vertraut. Es sind Darstellungsweisen für ein sonst unfaßbares Offenbarungsgeschehen.
Die Überlegungen Josefs setzen die Verhältnisse jüdischer Eheschließung und jüdische Anschauungen voraus. Schon mit der Verlobung (Heiratsvertrag) ist Josef rechtlich der Ehegatte Marias, doch mit der Überführung in sein Haus beginnt die eheliche Gemeinschaft. Wenn sich eine Braut mit einem anderen Mann einließ, galt das als Ehebruch. Josef, der die Schwangerschaft Marias erkennt, will sie nicht "bloßstellen", nicht in Verruf bringen, sondern ihr im Stillen den Scheidebrief ausstellen, damit sie nicht beschämt oder gar als Ehebrecherin bestraft wird.
Hauptpunkt der Offenbarung ist die Herkunft des Kindes vom Heiligen Geist. Trotz des Ausdrucks "erzeugt" bleibt (wie bei Lk 1,35) jede geschlechtliche Vorstellung fern, anders als in heidnischen Mythen, wo Götter mit Jungfrauen geschlechtlich verkehrten. Der Gedanke der geisterzeugten jungfräulichen Empfängnis hat eher an jüdisch-hellenistischen Vorstellungen einen Anhalt.
Matthäus will mit der Erzählung zugleich die Bedeutung des göttlichen Kindes den Lesern vor Augen führen. In der Namensgebung, die hier Josef zufällt, wird Jesus, abgeleitet von hebräisch Jehoschua (= Jahwe ist Hilfe), als Retter seines Volkes vorgestellt. Für Matthäus gewinnt der in Jes 7,14 dem Kind beigelegte Name "Immanuel" (= "Gott mit uns") eine hervorragende Bedeutung. Denn in Jesus ist Gott helfend, rettend, schützend mit seinem Volk und im Ausblick auf das neue Gottesvolk diesem nahe und gegenwärtig bis ans Ende der Welt.
Im Rahmen einer Genealogie präsentiert uns der Evangelist Matthäus seinen Glauben an den Messias, der in Jesus in die Welt gekommen ist. Auf ihn lässt er die Ahnenreihe aller, die in Israel Rang und Namen hatten, zulaufen. Er zeigt aber auch, dass der Gott Israels Neues schafft, Krummes gerade werden lässt. Seine Erzählung von der Geburt Jesu ist eine »Ouverture« zu seiner Erzählung von seinem Wirken, Sterben und Auferstehen.
„Was essen wir zu den Weihnachtstagen“? - Früher sagte man bei großen Feierlichkeiten: „Was kredenzen wir?“ und man meinte eine feierliche Form des Auftischens, das Anrichten von Speisen bei Festen. In Küchen oder Esszimmern ist heute noch manchmal eine Kredenz zu finden, die als Möbelstück ihren Ursprung im Mittelalter hat. Die Bezeichnung »Kredenz« für einen Küchen- oder Geschirrschrank und die Bezeichnung »kredenzen« für feierliches Auftischen von Speisen bei Festen, hat mit Glauben, Vertrauen zu tun.
Konkret ging es beim Kredenzen um das Vertrauen, den Glauben, dass man die Speisen und Getränke, die angeboten wurden, ohne Bedenken genießen konnte. Was kredenzt wurde, war nicht vergiftet, was auf der Kredenz stand, war genießbar. Ein Mundschenk (Vorkoster) und verschiedene Gefäße aus Materialien mit magischen Kräften, wie die Natternzungen-Kredenzen, haben für diesen mittelalterlichen Wunderglauben gesorgt. Das Wort „kredenzen“ ist aus dem Italienischen „credenza“ entnommen und dieses wieder wird aus dem lateinischen Verb „credere“- glauben, vertrauen auf abgeleitet.
Matthäus kredenzt uns Hörern und Hörerinnen zum heutigen Fest seinen Glauben an Jesus, den Christus. Gleich im ersten Kapitel, Vers 16 seines Evangeliums gibt er uns Einblick in diesen, seinen Glauben:
Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias;
von ihr wurde Jesus geboren,
der der Christus genannt wird.
Das ist sein Credo, seine Verkündigung: Neues beginnt durch den, der der Christus genannt wird! Er, Jesus, der aus dem Haus Israel hervorgeht, schließt so an die Verheißung Gottes an sein Volk an: 3 mal 14 Generationen sind es, die in Jesus, dem Christus die Erfüllung der Verheißung erfahren. Dazu muss man bedenken, dass ein Gesalbter, griechisch „Christos“ und hebräisch »Maschiach/Messias«, ein Erwählter, eine vom Volk Israel ersehnte Heilsgestalt war.
»Gesalbter« war ein Titel, welcher zu Zeit Jesu mit vielen, auch unterschiedlichen Heilserwartungen verbunden war. Auf jeden Fall wurde ein Herausführen aus der Unterdrückung, Versklavung politisch und religiös durch diese Person, die Christus genannt wurde, erwartet. Und Matthäus verkündet diese Person, diesen Christus: es ist Jesus, der die Liste der Vorfahren im Glauben abschließt und zugleich etwas Neues eröffnet
Um das zu verdeutlichen, kredenzt Matthäus uns Männer wie Abraham, Isaak, Jakob, Juda, Isai, David, Salomo und Josef, um mal die für unsere Ohren bekanntesten unter ihnen zu nennen, zu Weihnachten auf. Dann gibt es noch viele, wie Amminadab und Azor und Zadok usw., von denen wir kaum je gehört haben. Und doch sind diese Namen ganz eng verbunden mit dem Werden, der Geschichte des Volkes Gottes. All diese Namen, Boas, Jotam, Eloid usw. führen uns durch das ganze Alte oder Erste Testament. Eine Rundreise steht jenen bevor, die mit der heutigen Namensliste sich auf die Suche machen, um die Personen ausfindig zu machen, von denen wir hörten.
Was seine Liste jedoch so interessant macht, sind die Frauen, die er mit hineinnimmt!
Das ist eher selten in einer Auflistung vor 2000 Jahren. Aber genau diese 5 Frauen, unter ganz, ganz vielen Männern, sind die Krönung seines tiefverwurzelten Glaubens an die Verheißung Gottes, dass mit Jesus, den sie Christus nennen, eine neue Zeit beginnt. Tamar, Rahab, Rut und Batseba sind Frauen, die alle eine außergewöhnliche Geschichte, Position als Frau in der damaligen Gesellschaft hatten:
Tamar, eine Frau, die ihr Recht auf Nachkommen einfordert, damals ungewöhnlich, unvorstellbar.
Rahab, im Buch Josua als Dirne bezeichnet, verhilft als Kanaaniterin den Israeliten zur Einnahme Jerichos. Ihr Mut bewirkt, dass sie und ihre ganze Familie am Leben bleiben.
Rut, die durch Treue gegenüber ihrer Schwiegermutter Noomi Neues durch die Geburt eines Sohnes in Betlehem erlebt.
Batseba, die Frau des Hetiter Urija, die König David unrechtmäßig zu seiner Frau macht, gebar einen Sohn, Salomo, den Gott, der Ewige liebte.
Durch alle vier Frauen aus für Israel fremden Völkern, die uns Matthäus in seiner Namensliste kredenzt, erfahren wir, wie Gottes Wege auch „auf krummen Zeilen gerade schreiben“, wie das Leben von Frauen eine Richtung vorgibt, die Zukunft bedeutet.
Und Maria, die Mutter Jesu, sie, die es nicht leicht hatte mit ihrer Stellung in der orientalischen Welt, und doch zeigen die Evangelien in wenigen Stellen auf, welche einmalige Bedeutung sie in der Heilsgeschichte des Volkes Gottes hat.
Es geht Matthäus um die Genesis Jesu Christi, die er an den Beginn seiner Frohbotschaft stellt. Genesis bedeutet: Ursprung, Entstehung, Zeugung, Geburt, Eröffnung, Beginn von etwas Neuem. Genesis ist eine Quelle, aus der Erfüllung, neues Leben und die Freude darüber herausfließt.
Das alles trifft auch auf das heutige Evangelium zu, dem Buch der Genesis Jesu Christi!
Es beginnt wie es endet: mit Jesus, der der Christus genannt wird! Was dazwischen angeboten wird hat tiefe theologische Bedeutung und nichts mit Ahnenforschung zu tun! Aber was ist es, das Matthäus damals durch diese lange Liste der Vorfahren Jesu seiner christlichen Gemeinde zumutete?
Er will seiner Gemeinde, seinen Hörern und Hörerinnen, für die er schreibt, Mut machen, in ihrer Gemeinschaft Offenheit für andere zu zulassen: alle sind eingeladen, die Frohbotschaft von Jesus Christus, von dem, der der Gesalbte Gottes genannt wird, zu hören. Ob es nun Judenchristen waren oder Heidenchristen, allen gilt die Verheißung des Glaubens.
Und wie ist es bei uns? - Gibt es diese Offenheit, diese Weite für andere, die auch hören und empfangen wollen? Weihnachten mit Abraham, Jakob, David, Salomo und den anderen Männern aus der Geschichte Israels klingt fremd in unseren Ohren, haben wir sie eingeladen? Auch Frauen wie Tamar, Rahab und die Frau des Urija sind nicht gerade jene Gäste, die wir teilhaben lassen an unserem Weihnachtsfest.
Erst im Vers 16 sind uns die Namen in unseren weihnachtlichen Ohren vertraut, sie haben schon jahrhundertelang Platz an unserer weihnachtlichen Festtafel: Josef, Maria und Jesus, der der Christus genannt wird.
Und mit ihm, hervorgekommen aus dem Glauben und dem Vertrauen an Gottes heilbringender Zuwendung, sind wir eingeladen das Reich Gottes zu verkünden, das bedeutet, seinen Weg zu gehen, mitzugehen. Diese Botschaft wird uns zu Weihnachten zugemutet, kredenzt!
Frohe Weihnachten! (und guten Appetit bei all dem, was zu Weihnachten aufgetischt, kredenzt wird.)
Weihnachten 2021 ist überschattet von weltweiten Krisen. Krisen können aber auch die Lebenspläne jedes einzelnen Menschen durchkreuzen. An Maria und Josef sehen wir, was gläubigen Menschen in dunklen Zeiten Kraft und Halt geben kann.
Im zu Ende gehenden Jahr musste ich mehrmals meine persönlichen Pläne ändern. Corona und auch andere unvorhergesehene Ereignisse machten dies notwendig. Solange dies nur nebensächliche Dinge betrifft, haben die meisten Menschen schon Übung darin, alternative Lösungen zu finden. Eine große Herausforderung kann es aber sein, wenn es tief in die Lebensplanung einschneidende Veränderungen gibt, etwa wenn Schicksalsschläge, persönliches Scheitern, oder unüberwindbare Hindernisse die ursprünglichen Pläne durchkreuzen und unmöglich machen. Wenn sich z.B. Berufswünsche nicht verwirklichen lassen, Beziehungen zerbrechen, Krankheit oder Tod einen Strich durch alle Rechnungen machen.
Menschen gehen ganz unterschiedlich mit solchen Situationen um. Die einen resignieren, andere rebellieren, wieder andere versuchen, einfach das Beste daraus zu machen. Für alle aber, die einen derartigen Tiefpunkt durchleben müssen, ist es eine dunkle Zeit, die alle ihre psychischen und physischen Kräfte herausfordert.
Für die Eltern Jesu, Maria und Josef, muss die Zeit rund um die Geburt ihres Kindes eine schlimme Zeit gewesen sein. Zunächst die unerwartete Schwangerschaft, dann die Umstände der Geburt des Kindes und schließlich die ungewisse Zukunft für die ganze Familie.
Wenn wir Weihnachten feiern, kehren wir normalerweise die freudigen Seiten hervor und schauen vor allem auf die heil überstandene Geburt, das gesunde Kind, die Unterstützung durch die Hirten… Die prekäre Situation der Heiligen Familie wurde nachträglich noch übermalt durch einen verklärenden Blick der Christen, die das einstige Jesuskind als Messias und Sohn Gottes gefeiert und verehrt haben. Die Evangelisten Matthäus und Lukas beschreiben die Not seiner Eltern und die damit verbundenen seelischen Konflikte in knappen Worten und liefern mit ihren Berichten gleich auch theologische Erklärungen mit. Immerhin verschweigen und übergehen sie diese Seite der Geburt Jesu nicht.
Wir tun gut daran, wenn wir beim Weihnachtenfeiern die beklemmende Vorgeschichte der Geburt Jesu nicht ausklammern. Denn wenn wir nur auf den Glanz und das Wunderbare oder nur auf das Romantische schauen, übersehen wir einen wichtigen Teil der Frohen Botschaft, der uns gerade in unseren dunklen Stunden des Lebens Halt und Kraft geben kann.
Was hat den Eltern Jesu Halt und Kraft gegeben? Beide standen ganz in der religiösen Überlieferung ihres Volkes. Sie warteten wie viele Generationen vor ihnen auf den Messias, der die Menschen aufrichten, alle ihre Wunden heilen und ihnen ihre verletzte Würde zurückgeben wird. Sie waren überzeugt, "Gott ist mit uns". »Emmanuel«, übersetzt »Gott ist mit uns«, ist für sie zu einem Namen Gottes geworden. In dieser Gewissheit, dass Gott mit ihnen durch alle Not geht, sind sie Wege gegangen, von denen sie noch nicht wissen konnten, wohin sie führen werden. Dieser Gewissheit hat auch Maria und Josef getragen. Für die Christen ist in Jesus dieser »Gott ist mit uns« ein konkreter Mensch geworden.
Alle Jahre wieder feiern wir Weihnachten, um uns gegenseitig in diesem Glauben zu bestärken: "Gott ist mit uns". Er geht mit uns durch alles Dunkle, das unser Leben einhüllen kann. Wir stärken unsere Gewissheit, dass auch heute Gott mit uns gehen und uns aus dem Dunkel heraus in eine gute Zukunft führen wird, wie er damals in der Geburt Jesu Neues hat aufbrechen lassen. Im historischen Blick zurück können wir heute die Geburt Jesu als den Beginn eines neuen Zeitalters erkennen, in dem eine tiefgreifende geistige Erneuerung eingesetzt hat, die bis heute andauert und sich noch in die Zukunft hinein fortsetzen wird.
Im vergangenen Jahr haben unvorhergesehene Ereignisse unser aller Leben überschattet. Wir kämpfen nun schon bald zwei Jahre mit einer Pandemie. Sie hat viele Menschen das Leben gekostet, vielen lang andauernde gesundheitliche Schäden zugefügt, unser Wirtschaftsleben zurückgeworfen, unsere persönlichen Freiheiten eingeschränkt und unserer Gesellschaft schwere Wunden zugefügt. Daneben kämpfen wir noch mit anderen Krisen, die mindestens ebenso gefährlich sind: die klimatischen Veränderungen, Flüchtlingsströme, die unser gewohntes Leben durcheinander bringen, gesellschaftliche Umbrüche u.a.m.
Als Seelsorger begegneten mir auch im vergangenen Jahr viele Menschen, die durch einen persönlichen Schicksalsschlag in eine Situation geraten sind, die bis dahin nicht absehbar war.
Was kann uns in solch dunklen Stunden Hoffnung geben? Es heißt zwar "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Gibt es eine Hoffnung, die über das allgemeine Werden und Vergehen hinausreicht? "Gott ist mit uns" haben sich gläubige Menschen durch die Jahrhunderte hindurch gesagt und daraus Kraft und Hoffnung geschöpft. In Jesus Christus ist diese Hoffnung ein konkreter Mensch geworden.
Am Vorabend des Weihnachtsfestes lesen wir die Erzählung von der Geburt Jesu, wie sie uns der Evangelist Matthäus überliefert hat. Bei ihm steht Josef im Mittelpunkt. Auf ihn hin läuft die ganze Ahnengalerie des Gottesvolkes zu. In einem Traum teilt Gott ihm mit, dass er Maria als Frau annehmen soll, denn das Kind, mit dem sie schwanger ist, ist vom Heiligen Geist. In der Geburt Jesu erfüllt sich der Menschheitstraum, dass Gott mit uns Menschen ist. Diese Zusage und Gewissheit brauchen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns von Gott verlassen fühlen.
Heute, am 24. Dezember, muss es einmal sein: Josef darf eine Hauptrolle spielen. Maria ist – eigentlich – immer dabei. Dann kommen noch die Engel, die Hirten, die Weisen – und, nicht zu vergessen, der Stern. Den kann man nur schwer spielen. Wo doch der Himmel so hoch ist.
Josef soll ein Zimmermann gewesen sein, Handwerker also. Keine große Bildung, keine hohe Stellung, keine Pensionsansprüche. Hier riecht alles nach Holz und Arbeit. Dass Josef Maria kennt und liebt, gibt der Geschichte einen schönen Ton. Solche Geschichten lieben wir. Da sind zwei Menschen, die ihr Leben zusammenlegen wollen. Lukas erzählt, dass die beiden verlobt sind. Das „Ja“ zueinander haben sie schon gesagt. In Nazareth wissen das auch alle.
Aber ihre Liebesgeschichte verändert sich quasi über Nacht. Maria ist schwanger. Nicht von Josef. Diskret will er sich zurückziehen, einem neuen Glück wohl nicht im Wege stehen. Aber ganz ohne Frage? Ohne Gespräch? Ohne Streit? Was alles durch seinen Kopf geht? Sein ganzes Leben durcheinander bringt? Wir wollten doch heiraten, wir lieben uns doch! Matthäus erzählt, dass Josef gerecht ist – ein Gerechter. Ein Mann nach dem Herzen Gottes. Nur dafür kann sich auch der frömmste Mensch nichts kaufen.
In einem Traum bekommt Josef Besuch. Es ist ein Engel.
„Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht,
Maria als deine Frau zu dir zu nehmen;
denn das Kind, das sie erwartet,
ist vom Heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn gebären;
ihm sollst du den Namen Jesus geben;
denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“
Es ist eine aufregende Szene, die immer schon Kopfschütteln, aber auch Verwunderung ausgelöst hat. Ein Kind vom Heiligen Geist? Den Schlüssel liefert Matthäus, der Evangelist, aber eben auch: Eine Verheißung geht in Erfüllung:
„Siehe: Die Jungfrau wird empfangen
und einen Sohn gebären
und sie werden ihm den Namen Immanuel geben,
das heißt übersetzt: Gott mit uns.“
Tatsächlich: der Engel zitiert. Er zitiert eine Stelle aus dem Propheten Jesaja (7,14). Ob Josef diese Stelle kannte? Ob er sie je vergessen wird?
„Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben:
Siehe, die Jungfrau hat empfangen,
sie gebiert einen Sohn
und wird ihm den Namen Immanuel geben."
Damals, als die Menschen zum ersten Mal von diesem „Zeichen“ hörten, begann eine Hoffnungsgeschichte in harten und schwierigen Zeiten. Dafür spricht schon der Name „Immanuel“ – er entfaltet die zärtliche und liebevolle Seite Gottes, die er uns Menschen zuwendet. Von Anfang an, von ihm selbst offenbart: ich gehe mit euch. Ich halte euch die Treue. Auffällig nur, dass von einem Kind die Rede ist – ist ein Kind nicht immer wehr- und hilflos? Aber auch Anfang, Beginn einer neuen Geschichte? Ist ein Kind nicht immer Aufbruch aus dem Vergangenen? Ein Traum und mehr. Ein Traum für Maria, nein, ein Traum für die beiden, für Josef und Maria. Ein Traum von einem Kind …
Dass Gott mit uns ist, ist oft verraten worden. Für Kriegsglück wurde er in Anspruch genommen, für Kriegsunglück verflucht. Sogar für Verbrechen und Terroranschläge muss er herhalten. Bis heute. Es gibt auch Träume von Gewalt und Tod. Sie sind längst zu Albträumen geworden.
Aber die Sehnsucht nach Liebe ist größer, die Sehnsucht, nicht alleine zu sein, nicht alleine gelassen zu werden. Wenn Gott doch mit uns gehen würde…, wenn er doch mit uns Angst aushalten würde…, wenn er uns doch in seiner Liebe halten würde…
Paul Gerhardt – 1653 – hat ein Lied gedichtet:
Wir singen dir, Immanuel,
du Lebensfürst und Gnadenquell,
du Himmelsblum und Morgenstern,
der Jungfraunsohn, Herr aller Herrn.
Von Anfang, da die Welt gemacht,
hat so manch Herz nach dir gewacht,
dich hat gehofft so lange Jahr
der Väter und Propheten Schar:
„Ach, dass der Herr aus Zion käm
Und unsre Bande von uns nähm!
Ach, dass die Hilfe bräch herein,
so würde Jakob fröhlich sein!“
Lebensfürst und Gnadenquell, Himmelsblum und Morgenstern, Jungfrausohn, Herr aller Herrn… Eine Liebeserklärung!
Es beginnt mit einem Traum, der ein Geheimnis enthüllt. Ein Traum, der Bilder schenkt, die sich Worten entziehen dürfen. Ein Traum, der selbst zu einem Zeichen wird. Träume sind doch offen, jedem Kalkül entzogen - sie verschwimmen und entschwinden – in ihnen wird Unmögliches wahr und Mögliches fremd. Ein Kind wird geboren. Dieses Kind wird geboren. Ihm wird der Name Immanuel gegeben. Gott mit uns. Es könnte der Traum Josefs sein? Ein Traum eines Verliebten. Doch dann: Gott kommt zur Welt. Mutig bringt der Engel den Heiligen Geist mit. Er, der die ganze Welt erfüllt, ist auf einmal in einem Herzen, in einem Kopf, in einem Bauch. Josef hätte das nie zu träumen gewagt. Handfest, wie er war. Jetzt begegnet es ihm. Im Traum. Schon im Traum. Vor allem anderen – im Traum. Was Josef zu sehen bekommt, hat vor ihm noch keiner gesehen.
Ich träume mit. Ich lasse mich fallen. Ich bin glücklich. Gott selbst - Vater. Josef wacht auf. Was alles in diesem Aufwachen steckt! War es ein Traum in der Nacht? Ein Traum am Tag? Josef nimmt Maria in den Arm. Er nimmt sie zu sich. Sein Traum geht in Erfüllung. Der Traum der beiden. Von Maria übrigens hört man jetzt eigentlich - nichts. Nur, dass sie geliebt und angenommen ist. Und als das Kind geboren wird, nennt Josef es: Jesus. Wie ein Vater, der seinem Kind den Namen gibt. Ich sehe das Kind. Ich staune. Gott ist mit uns? Immanuel? Ein Kind!
Merkwürdig. Die meisten Menschen haben Angst davor, von der Jungfrauengeburt zu reden. So viele Missverständnisse haben sich im Lauf der Jahrhunderte angehäuft. Werden erst einmal Diskussionen geführt, ist es auch mit der Unbefangenheit schnell vorbei.
Verstehe ich Matthäus richtig? Wer nicht träumt, kann nicht glauben!
In diesem Jahr erleben und beobachten wir Einschränkungen, Befürchtungen und Sorgen. Sie liegen wie Schatten über unserer kleinen und großen Welt. Ein Traum wird zu einem Geschenk. Der Traum von einer Welt, die erlöst wird. Die nicht aufgegeben wird. Die nicht in Schuldverstrickungen erstickt. Wo mir die Worte ausgehen, meine Zweifel überwiegen, meine Vernunft stockt, kommt ein Engel. Auf ihn habe ich schon lange gewartet.
Der Traum ist mit einer Sehnsucht verbunden, die wir seit Kindertagen mit uns herumtragen. Wir suchen einen Glanz in der Welt, den wir sonst schon längst verloren haben. Wir suchen ein Geheimnis, das uns aus Kinderaugen anlächelt. Ansonsten funktionieren wir in einem Takt, der über uns gekommen ist – und nennen das sogar noch Freiheit. Was kann es Schöneres geben als einen Traum? Nein, wir fliehen in keine andere Welt, wir sehen aber einen neuen Glanz. Eine neue Hoffnung. Es sind die Träume, die die Welt verwandeln. Darf ich jetzt einfach auf Josef verweisen?
Heute, am 24. Dezember, muss es einmal sein: Ich darf eine Hauptrolle spielen. Es ist schön, dass Maria dabei ist. Josef, die Engel, die Hirten, die Weisen – und, nicht zu vergessen, der Stern. Den kann man nur schwer spielen. Wo doch der Himmel so hoch ist.
Paul Gerhardt hat das so in Worte gefasst – wie ein Schmuckstück:
Nun du bist hier, da liegest du,
hältst in dem Kripplein deine Ruh,
bist klein und machst doch alles groß,
bekleidst die Welt und kommst doch bloß.
Fröhliche Weihnachten!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Die ungewöhnlichen Umstände, unter denen wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, werden wir kaum vergessen. Diese passen besser zu den biblischen Weihnachtserzählungen als das Glitzern und der Nervenkitzel, den wir rund um dieses Fest gelegt haben. Sie können auch eine Chance sein, dass wir dem eigentlichen Inhalt des Festes näher kommen.
Viele Menschen feiern in diesem Jahr Weihnachten an ungewöhnlichen Orten unter ungewöhnlichen Umständen. In diesem Erleben sind sie den Akteuren der Weihnachtserzählungen, Maria, Josef, den Engeln und Hirten näher als in anderen Jahren. Wenn Gott in das Leben eines Menschen eintritt, geschieht das meist auf ungewöhnliche Weise.
"Wann ist Weihnachten?" fragen Kinder in einem Werbespot des Fernsehens. 2020 müssen wir diese Frage abwandeln. Viele fragen sich: Wo ist Weihnachten? Wo können wir in diesem Jahr Weihnachten feiern? Die Reisebeschränkungen hindern nicht wenige daran, Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern. Besucherbeschränkungen hindern viele daran, ihre Lieben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen zu besuchen und mit ihnen zu feiern. Manche sind positiv getestet worden oder mussten sich als Kontaktpersonen in Quarantäne begeben und können bestenfalls im Fernsehen etwas vom Weihnachtsfest mitbekommen. Manchen bleibt nichts anderes übrig, als den Weihnachtsgottesdienst über das Fernsehen mitzufeiern.
Wo feiern Sie Weihnachten? Wie feiern Sie Weihnachten? Ist das noch Weihnachten? Was kann ich von einem solchen Weihnachtsfest erwarten?
In dieser ungewöhnlichen Situation sind wir gar nicht so fern vom Ur-Weihnachten, von dem uns die Evangelisten Lukas oder auch Matthäus erzählen. Maria und Josef werden sich ihren Aufenthalt in Betlehem auch anders vorgestellt haben. Dass sie zur Geburt ihres Kindes mit einem Stall vorliebnehmen müssen, werden sie sich nicht einmal in Albträumen vorgestellt haben.
Rund um Weihnachten werden in den Gottesdiensten viele alte biblische Erzählungen in Erinnerung gerufen, die berichten, dass Gott für Menschen unerwartet und ganz anders, als sie sich das gewünscht haben, in ihre Leben getreten ist. Wenn Gott zu Menschen kommt, ist das für Menschen auf jeden Fall ungewöhnlich. All diesen Erzählungen ist gemeinsam: Die Begegnung mit Gott kann man nicht machen. Sie geschieht oder geschieht nicht. Sie ist diesen Menschen passiert, widerfahren, geschenkt worden.
Mehr als in anderen Jahren haben wir 2020 zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir nicht alles machen oder erzwingen können, was wir gerne hätten und wie wir es gerne hätten. Uns ist die Pandemie widerfahren und wir haben uns in die Gegebenheiten fügen müssen. Auch Weihnachten können wir nicht machen und erzwingen. Das erleben wir dieses Jahr besonders eindringlich. Leicht verfestigt sich der Eindruck, wenn wir alles richtig machen, alles gut vorbereiten, dann bekommen wir gute Weihnachten. So viel wir für das Weihnachtsfest auch vorbereitet haben, das Eigentliche des Weihnachtsfestes kann niemand erzwingen. Es widerfährt einem, es geschieht, es wird uns geschenkt: Die Begegnung mit lieben Menschen, dass wir sie glücklich erleben oder selbst glücklich sind, die Freude in ihren Augen und in den Augen der Kinder werden uns geschenkt. Auch die Begegnung mit dem Göttlichen, dass Gott uns nahe kommt, in unser Leben tritt, dass wir erfahren, dass Gott da ist, können wir nicht herbeizwingen, es wird uns geschenkt.
In der Weihnachtserzählung wurden uns Josef und Maria vorgestellt: sie mussten in all den Ereignissen rund um die Geburt ihres Kindes annehmen lernen, dass Gott sehr ungewöhnliche Wege geht, um seine Pläne mit den Menschen zu verwirklichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Wut, Enttäuschung, Verzweiflung erlebt haben, sich am Rand ihrer Kräfte gefühlt haben. Dennoch ist in der Geburt ihres Kindes nicht nur der Retter der Welt, der Erlöser der Menschheit zur Welt gekommen, sondern vor allem Gott in ihr Leben getreten. Im neugeborenen Kind sind sie mit Gott und dem Geheimnis des Lebens in Berührung gekommen.
Erzählt wird uns auch von Engeln. Sie verkünden die Frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Sie geben den einfachen menschlichen Ereignissen eine religiöse Deutung. Nur wenige hören ihre Stimmen und nur bei wenigen kommt ihre Frohe Botschaft an. Was die Engel den Hirten über das Kind ausrichten, gilt in gleicher Weise auch uns.
Schließlich wird uns auch noch von Hirten erzählt. Wir wundern uns, wie schnell sie all diese geheimnisvollen Zusammenhänge begreifen. Uns haben sie voraus, dass sie in so einfachen Verhältnissen leben, dass sie den Wahrheiten der grundlegenden Lebenswirklichkeiten näher sind als wir in unseren komplexen Wahrnehmungen. Sie sind einfach offen für die religiöse Dimension dessen, was sie sehen und wahrnehmen, und erleben so eine Gottesbegegnung, die ihnen widerfährt, passiert, geschenkt wird.
Weihnachten 2020 kann für uns trotz aller Widrigkeiten auch eine Chance sein. Die meisten von uns erleben es in ungewöhnlichen Umständen, viele auch an ungewöhnlichen Orten. Wo immer wir sind, Gott kann hier und heute in unser Leben eintreten. Wir können ihm begegnen in der Gestalt des Kindes in der Krippe oder auch in der Begegnung mit Menschen, durch die uns Gott berührt und sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin da, mitten in deinem Leben, wo auch immer ich dich antreffe.
Für die Vorabendmesse des Weihnachtsfestes ist als Evangelium der Stammbaum Jesu nach Matthäus vorgesehen. Was können wir mit den vielen Namen anfangen? Wir könnten sie als neue Krippenfiguren zur Krippe stellen und so Jesus als den von vielen Generationen ersehnten Heilbringer entdecken.
Der Stammbaum Jesu, mit dem Matthäus sein Evangelium beginnt, enthält eine Reihe von Irritationen. Diese bereiten auf das Geheimnis des Weihnachtsfestes vor: Das Kind, mit dem Maria schwanger ist, ist vom Heiligen Geist. Das Wirken des Heiligen Geistes ist der Schlüssel zum Weihnachtsfest; nicht nur für Josef und Maria sondern auch für uns.
Matthäus erzählt uns eine ganz andere Geschichte von der Geburt Jesu. Er versucht aufzuzeigen, dass Gott mit uns ist und dass er auf unerwartete Weise ins Weltgeschehen und ins Leben der Menschen eingreift.
Weihnachten ist ein total verkehrtes Fest: Plötzlich stehen Kinder im Vordergrund. Es gibt in der öffentlichen Aufmerksamkeit viel Platz für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Die starken Männer machen Pause mit ihren starken und die Welt bewegenden Ansagen. Einige stellen sich sogar für den Telefondienst bei »Licht ins Dunkel« zur Verfügung. Einen Tag lang eine total verkehrte Welt.
Das Evangelium vom Vorabend des Weihnachtsfestes, präsentiert uns eine lange Liste von großen und im Volk Israel einflussreichen Männern als Stammbaum Jesu. Dieser ist geschickt arrangiert. Er enthält nicht nur große Namen, sondern auch ein wenig Zahlensymbolik. Das Ziel, auf das er zusteuert, ist Josef, der Mann Marias. Dann heißt es aber überraschend: "Von IHR wurde Jesus geboren, der der Christus – der Messias – genannt wird." Gott geht seine eigenen Wege und durchkreuzt die Pläne der Menschen. Ohne Zutun der großen Akteure der Geschichte schreibt Gott selbst Geschichte. Er braucht die großen Männer nicht.
In einer berührenden Geschichte wird dann dargelegt, welche Rolle Josef in dieser Geschichte des Volkes Israel gespielt hat: Er legitimiert Jesus, obwohl er nicht sein leiblicher Sohn ist, gibt ihm den Namen, hält schützend die Hand über das Kind und seine Mutter. Er erweist sich in einem ganz anderen Sinn als gerecht, als wir es gewohnt sind, wenn Männer sich als rechtschaffen präsentieren oder Menschen ihre Rechte einfordern. Die Größe des Josef besteht darin, dass er das Wirken Gottes gläubig annimmt.
Was der Evangelist hier von Josef, dem Mann Marias erzählt, ist in erster Linie nicht ein moralischer Akt, der uns gegebenenfalls zur Nachahmung empfohlen wird. Worauf der Evangelist hinzielt und was diesen Mann auszeichnet, ist vielmehr ein religiöser Akt. Josef sagt Ja zum Tun Gottes. Das Ja des Josef hat für den Evangelisten Matthäus eine ähnliche Bedeutung wie für den Evangelisten Lukas das Ja Marias, das uns geläufiger ist. Beide Evangelisten zeigen uns, dass es darauf ankommt, dass wir Jesus, den Retter der Welt, den Gott uns zur Heilung unserer menschlichen Nöte gibt, gläubig annehmen.
In der Volksfrömmigkeit hat sich vielerorts der Brauch des Herbergsuchens erhalten. Er erinnert daran, dass Maria und Josef in den Herbergen Betlehems keinen Platz gefunden haben. Der Brauch mahnt uns, dass wir heute mit den Heimat- und Herbergsuchenden nicht in gleicher Weise verfahren. Er hat 2000 Jahre nach der biblischen Herbergsuche mehr denn je politische und soziale Brisanz. Vor unseren Türen stehen politisch Verfolgte, wirtschaftlich Aussichtslose aus anderen Ländern und Verarmte aus unserer eigenen Umgebung. Sie klopfen an unser soziales Gewissen und erinnern uns daran, dass in unserem Wohlstandsgefüge einiges verkehrt läuft, das wir nicht an diesem einen Abend lösen können.
Bei aller Aktualität des Herbergesuchens darf dabei nicht untergehen, dass es darüber hinaus noch um eine religiöse Dimension geht. Es geht um nicht weniger als um die Frage, ob wir den von Gott gesandten Retter Jesus Christus in unser Leben hereinlassen. Ob wir zu Jesus und zum mit ihm verbundenen Programm Gottes ja sagen wie Josef. Ob wir uns dieses Geschenk Gottes aneignen, wie Josef Jesus als seinen Sohn angenommen hat, oder ob wir dieses Geschenk heimlich umtauschen oder irgendwann zu einem Flohmarkt bringen, wie wir das mit Geschenken machen, die uns nicht gefallen.
Weihnachten ist für uns eine doppelte Herausforderung. Wir sollen unser Herz in zweifacher Weise öffnen: einerseits indem wir uns die Not der Menschen, die es heute in der gleichen Vielfalt gibt wie damals, zu Herzen gehen lassen; andererseits indem wir uns für den Messias Gottes, den Retter der Menschen, öffnen.
Wenn ein Kind in das Leben seiner Eltern tritt, ist das meist ein freudiger Anlass. Es ist aber erst der Anfang einer langen gemeinsamen Geschichte. Wenn das Kind heranwächst mit allen seinen Bedürfnissen und zu einer eigenständigen Person wird, bleiben die Eltern mit ihm verbunden. Ihr Leben lang werden sie damit beschäftigt sein, die Eigenart ihres Kindes zu verstehen und zu begreifen.
Uns Jesus als unseren Messias uns "anzueignen", unsere Lebensgeschichte mit seiner zu verbinden, ihn in seiner Eigenart immer tiefer zu verstehen und zu erkennen, ist die große Zumutung Gottes, die uns in gleicher Weise trifft wie Josef und Maria.
Endlich! Weihnachten! Aber so vieles ist in diesem Jahr anders, dass wir mit gemischten Gefühlen feiern. Aber wir feiern – Weihnachten. Vielleicht auch ein wenig trotzig. Voller Vertrauen. Ist Gott nicht in einer Nacht erschienen? In einer Krippe? Wir hören die Engel singen. Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden. Die Freude darüber kann uns auch Corona nicht nehmen.
Ein besonderer Ehrengast heute ist Josef. Was er erlebte, wird zwar in einer kurzen Geschichte erzählt, füllt aber Träume – und Bände. Es ist schön, mit ihm zu träumen.
Bevor wir das Evangelium hören, bitten wir unseren Herrn um Erbarmen.
Herr,
heute jagen uns so viele Gedanken durch den Kopf,
dass wir gar nicht zur Ruhe kommen.
Die letzten Tage liegen uns auf der Seele.
Herr, erbarme dich.
Christus,
heute feiern wir, dass du einer von uns geworden bist.
Unsere Hilflosigkeit, aber auch unsere Hoffnung kennst du.
Christus, erbarme dich.
Herr,
heute freuen wir uns, Weihnachten zu feiern.
Viele Wünsche können wir nicht erfüllen,
viele Menschen nicht sehen.
Herr, erbarme dich.
Wir werden nicht schweigen,
wir werden nicht stille sein,
„bis hervorbricht wie ein helles Licht Gottes Gerechtigkeit
und sein Heil wie eine brennende Fackel.“ (Jes. 62,1)
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer,
das Gott lobte
und sprach:
„Ehre sei Gott in der Höhe“
Gütiger Gott,
Jahr für Jahr erwarten wir voll Freude
das Fest unserer Erlösung.
Gib, dass wir deinen Sohn von ganzem Herzen
als unseren Retter und Heiland aufnehmen,
damit wir ihm voll Zuversicht entgegengehen können,
wenn er am Ende der Zeiten als Richter wiederkommt.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten am Vorabend
Auf diesen Tagen haben wir uns schon lange gefreut,
Gott, der du unsere Hoffnung bist.
Wir haben Geschenke gesucht und gefunden,
wir haben ein Fest vorbereitet.
Wir möchten einander eine Freude machen.
Einfach nur zusammensitzen,
uns an dem Licht freuen,
uns austauschen,
Geschichten erzählen und
Zusammen träumen.
Du kommst zu uns und schenkst uns
deinen Sohn,
du vertraust uns deine Hoffnung an,
in einem Kind beginnt deine Zukunft
mit uns.
Für das Wunder danken wir dir,
dass wir geliebt sind,
dass du die Welt nicht aufgibst,
dass es hell wird auf Erden.
In Jesus Christus,
dein Gesicht, dein Leben für uns.
In der Kraft des Heiligen Geistes
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Mit der Geburt Jesu beginnt eine neue Ära. Gott schenkt sich uns in einem kleinen Kind. In diesem kleinen Kind wird für uns Himmlisches erfahrbar. Lassen wir uns von seiner Liebe zu einem Leben bewegen, das durch sein Licht alles Dunkle in unserer Welt erhellt:
Um das Licht deiner Liebe für alle, die in und mit deiner Kirche leben;
für alle, die sich in ihrer jeweiligen Religion der absoluten Wahrheit verpflichtet fühlen;
aber auch für alle, die ihre subjektive Wahrheit zum Maß aller Dinge machen.
Um das Licht deiner Liebe für alle, denen es am Lebensnotwendigem mangelt;
für alle, die nicht in Frieden und Freiheit leben können;
für alle, die in ihrer Gesundheit beeinträchtigt sind, weil es an Pflege, Medizin und Hygiene mangelt;
aber auch für alle, die im Überfluss leben und dies gar nicht zu schätzen wissen.
Um das Licht deiner Liebe für alle, die in Beziehungen leben, die sie tragen und ihnen Geborgenheit vermitteln;
aber auch für alle, die unter Einsamkeit leiden
und für die Kinder und Jugendlichen, die in ihrer Entwicklung unter den Gegebenheiten der Pandemie leiden.
Um das Licht deiner Liebe für uns, wenn wir jetzt in einem Moment der Stille unsere persönlichen Bitten dem Kind in der Krippe anvertrauen.
Um das Licht deiner Liebe für alle Sterbenden und alle unsere Lieben, von denen wir uns schon verabschieden mussten.
Weil du in der Geburt Jesu in unsere Welt trittst, feiern wir heute ein frohes Fest. Dafür danken wir dir und stimmen ein in den himmlischen Lobgesang aller Engel und Heiligen. - Amen.
Wir gehen einen Krippenweg. Es ist schön, es tut gut, hier an der Krippe abzulegen, was uns bewegt, bedrückt und erfreut.
Dich, Gott, habe ich mir immer schon so groß vorgestellt und mich so klein. Und du überraschst mich: Du machst dich klein und mich groß.
Dafür danke ich dir, wenn mir wieder die Zweifel einholen und ich angeblich nichts mehr tun kann.
Bei dir lege ich ab, dir schenke ich:
Die Hoffnung, dass mit einer Impfung die schlimmen Folgen von Corona bekämpft werden können, die Wirtschaft sich erholt und wir uns alle wieder frei und unbesorgt bewegen.
Stille…
Die Ahnung, dass wir mit Habsucht und Gier die Welt immer weiter zerstören, Lebensräume anderer Menschen kaputt machen und unseren Kindern und Enkel nur noch unseren Schrott hinterlassen.
Stille…
Die Gewissheit, dass mit Liebe Menschen zu einander finden, Ausländer willkommen sind und auch die Fremden eine Heimat bei uns bekommen.
Stille…
Den Traum, dass die mächtigen Menschen in der Gemeinschaft der Völker ihre Machtkämpfe und Machtspiele einfach lassen, ihren Bevölkerungen Zukunftsperspektiven ohne Angst vor einander geben und die globalen Herausforderungen mit Respekt aufgreifen.
Stille…
Den Glauben, dass deine Kirche nicht verloren ist, die Ökumene größere Fortschritte braucht und die weltweite Gemeinschaft deiner Kinder eine Heimat sein kann für entrechtete, ausgegrenzte und verfolgte Menschen.
Stille…
Du nimmst in deine Hand, was wir dir anvertrauen:
Unsere Sorgen und Ängste, aber auch unseren Mut.
Die Menschen, die wir lieben,
aber auch die, die uns fremd bleiben.
In dem Kind, das die Namen trägt:
Friedefürst, Licht, Heiland, Erlöser.
Herr, unser Gott,
mit der Menschwerdung deines Sohnes
hat unsere Rettung begonnen.
Nimm diese Gaben an
und mache uns durch diese Opferfeier bereit
für das Geheimnis der Heiligen Nacht,
in der wir den Ursprung unserer Erlösung festlich begehen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten - Am Vorabend
Dir, Herr, bringen wir unsere Gaben.
Die Kraft, sie schön zu machen, hatten wir nicht.
Du kennst unsere Zerrissenheit,
unsere Zweifel und Fragen.
Aber du teilst mit uns Brot und Wein,
die Gaben deines Reiches.
Du schenkst uns dich,
Leib und Blut unseres Herrn.
Mit leeren Händen kommen wir,
du füllst sie uns mit großer Liebe.
In Jesus Christus.
(für Wortgottesdienstfeiern)
Kehrvers:
Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn. (GL 633,8)
Großer, unbegreifbarer Gott,
wir wollen dir unsere Freude und unseren Dank zum Ausdruck bringen,
denn in Jesus von Nazareth ist dein ewiges Wort Fleisch geworden
und hat mitten unter uns gewohnt.
Kehrvers
Er ist das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen.
in ihm kam das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt.
Kehrvers
Allen die ihn aufnahmen, gabst du die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade.
Kehrvers
Alle Enden der Erde sehen nun das Heil unseres Gottes.
Darum jubelt heute der ganze Erdkreis
und stimmt mit den Engeln und Heiligen ein in den Lobpreis der Schöpfung:
Danklied: z. B.: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich (GL 247)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Möge das Licht der heiligen Nacht
unser Leben erleuchten
Möge der Stern am Himmel
unsere Gedanken lenken
Möge die Demut der Hirten
unseren Glauben stärken
Möge die Botschaft der Engel
unsere Ohren erreichen
Möge der himmlische Frieden
unsere Tage erfüllen
Möge das Kind in der Krippe
unser Herz berühren
Kind in der Krippe
Sei du die Botschaft
die uns beglückt
Sei du die Freude
die uns erfüllt
Sei du die Kraft
die uns antreibt
Sei du die Ruhe
die uns erfrischt
Sei du der Mut
der uns beflügelt
Sei du die Hoffnung
die uns belebt
Sei du das Vertrauen
das uns erfüllt
Sei du die Liebe
die uns begeistert
Sei du der Segen
der uns begleitet
Allmächtiger Gott,
gib uns Anteil am göttlichen Leben
durch die Menschwerdung deines Sohnes,
dessen Fleisch und Blut wir im Sakrament empfangen haben.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten - Am Vorabend
Die Lieder sind so schön, Gott:
Stille Nacht, heilige Nacht.
O du fröhliche, o du selige.
Wir könnten es nicht besser sagen,
nicht besser singen.
Für die alten Weisen danken wir dir,
(auch wenn wir sie heute nicht gemeinsam singen dürfen)
Hilf uns, die Weihnachtsbotschaft
in unseren Herzen zu bewahren,
fröhlich und voller Vertrauen zu leben
und alle Angst, alle Fremdheit zu überwinden.
Um den Frieden bitten wir dich.
Für uns und für alle Menschen.
Dann können Kinder glücklich sein,
ihre Familien eine Zukunft haben
und wir uns alle freuen.
In Jesus Christus,
der für uns das Gesicht des Vaters ist.
Von einem Ende der Welt zum anderen.
Text: Heiko Kuschel, Musik: Reinhard Burchhardt
Text: Hildegard Wohlgemuth, Musik: Reinhard Burchhardt
Weihnachten ist das große „Trotzdem“ Gottes
angesichts der Ignoranz des Menschen:
„Er kam in sein Eigentum - doch die Seinen
nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11)
Weihnachten trotzt der Macht
und setzt ihr die Ohnmacht des Kindes
entgegen.
Weihnachten trotzt den Konventionen
und ermöglicht Unerwartetes:
Eine unverheiratete Jungfrau wird zur
Gottesgebärerin,
Heu und Stroh sind das Lager des Königs,
einfache Hirtenmusik ersetzt
Posaunenklang.
Trotzig sein ist also manchmal
die göttliche Reaktion
auf menschliches Unverständnis:
Trotz der Fehler des Menschen - Mensch
werden.
Trotz ihrer Ablehnung - die Menschen
lieben.
Trotz des Todes am Kreuz - die
Menschen retten.
Gott ist ganz schön trotzig
- das ist unser Glück.
Johann Pock, Weihnachten 2019.
Märchen vom Auszug aller Ausländer
(nach Helmut Wöllenstein)
Es war einmal, etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über dem Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer die Worte "Ausländer raus" und "Deutschland den Deutschen". Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Fenstern der Bürgerhäuser waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen.
"Los kommt, wir gehen." "Wo denkst Du hin! Was sollen wir denn da unten im Süden?" "Da unten? Da ist doch immerhin unsere Heimat. Hier wird es schlimmer. Wir tun, was an der Wand steht: 'Ausländer raus'!"
Tatsächlich: Mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf. Zuerst kamen die Kakaopäckchen, die Schokoladen und Pralinen in ihrer Weihnachtsverkleidung. Sie wollten nach Ghana und Westafrika, denn da waren sie zu Hause. Dann der Kaffee, palettenweise, der Deutschen Lieblingsgetränk: Uganda, Kenia und Lateinamerika waren seine Heimat. Ananas und Bananen räumten ihre Kisten, auch die Trauben und Erdbeeren aus Südafrika.
Fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf. Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne, die Gewürze aus ihrem Inneren zog es nach Indien. Der Dresdner Christstollen zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinenaugen, als er zugab: Mischlingen wie mir geht's besonders an den Kragen. Mit ihm kamen das Lübecker Marzipan und der Nürnberger Lebkuchen. Nicht Qualität, nur Herkunft zählte jetzt. Es war schon in der Morgendämmerung, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen in teuren Chartermaschinen in alle Welt starteten. Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen ... Lange Schlangen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten. Am Himmel sah man die Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von den Seidenhemden und den Teppichen des fernen Asiens. Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten ins Amazonasbecken. Man musste sich vorsehen, um nicht auszurutschen, denn von überall her quoll Öl und Benzin hervor, floss in Rinnsalen und Bächen zusammen in Richtung Naher Osten. Aber man hatte ja Vorsorge getroffen.
Stolz holten die deutschen Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der Holzvergaser war ganz neu aufgelegt worden. Wozu ausländisches Öl?! - Aber die VWs und BMWs, Audis und Mercedes begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Zaire. Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt auch immer ein besseres Bild abgegeben als heute.
Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft, gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse. Und "Fröhliche Weihnacht" durfte gesungen werden - allerdings nur mit Ausnahmegenehmigung, das Lied kam immerhin aus England.
Nur eines wollte nicht ins Bild passen: Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden. Ausgerechnet.
Hinrich Schorling, Pastor in Witten und Jugendpastor in Rheinland-Westfalen.
Für den Vorabendgottesdienst ist als Evangelium der Stammbaum Jesu nach Matthäus vorgesehen. Er zeigt die Verwurzelung Jesu in der ihm vorausgehenden Geschichte (Mt 1,1-25).
In Kirchen aus dem Mittelalter sieht man den Stammbaum Jesu oft bildlich dargestellt: den Baum aus der Wurzel Jesse. Unten Jesse oder Isai, der Vater Davids, und dann geht es hinauf in die Äste und Zweige, bis hin zu Maria mit dem Jesuskind.
Es gibt Leute, die viel Zeit und Geld investieren in Ahnenforschung. Auch wenn man selbst nicht so weit geht: Es ist schon interessant zu sehen, woher man kommt; wer die Vorfahren waren, die uns ihr Erbe hinterlassen haben. Wir wissen meist kaum noch etwas über sie, sobald es über die Großeltern oder die Urgroßeltern hinausgeht. Und doch haben sie alle etwas an uns weitergegeben: nicht nur biologisches Leben; ihr Leben als Ganzes hat Wirkungen hinterlassen.
Der Stammbaum Jesu ist ein ziemlich trockener, eintöniger Text: eine Vielzahl von Namen, die fremd klingen. Diese kargen Angaben bekommen Farbe und Leben, wenn man die dazu gehörigen Geschichten aus dem Alten Testament liest. Es hat jedenfalls viel zu bedeuten, dass Jesus in eine menschliche Herkunftslinie hineingestellt wird.
Leben mit positiven und negativen Vorgaben
Jesus, der wie kein anderer Mensch von Gott her zu uns gekommen ist, ist gleichzeitig tief verwurzelt in der Geschichte Israels und der ganzen Menschheit. Im Lukasevangelium wird der Stammbaum Jesu bis auf Adam zurückgeführt (Lk 3,23-38).
Jesus Christus ist nicht wie ein Meteor vom Himmel gefallen, quer zu allen Verbindungslinien und Entwicklungen der Menschheitsgeschichte. Er steht im Zusammenhang einer langen Vorgeschichte. Es war bei Jesus wie bei uns allen. Wir sind Nachkommen und Erben. Und das prägt uns: helfend und gefährdend.
Jesus konnte auf guten Grundlagen aufbauen. Er konnte in die Spur einer großen religiösen Tradition eintreten. Er konnte anknüpfen an lang erprobte, bewährte Formen der Frömmigkeit und der ethischen Lebensführung. Sein Beten war vorbereitet und getragen durch die Gebetserfahrung und -sprache seines jüdischen Volkes. Man denke an die Psalmen! Bedeutende religiöse Persönlichkeiten konnten ihm Anreger und Vorbild sein: Abraham, Mose, die Propheten. Diese positiven Vorgaben wurden Jesus zunächst durch seine Familie vermittelt: durch Maria und Josef. Durch diese beiden ist dem menschlichen Bewusstsein Jesu auch sein himmlischer Vater in den Blick gekommen.
Jesus musste aber auch mit negativen Einflüssen fertigwerden, mit Hypotheken, die sich unter seinen Vorfahren angesammelt hatten und die ihm zur Versuchung werden konnten. In der Geschichte Israels gab es ja auch Abwege und Irrwege, Spuren ins Unheil. Von manchen der Männer, die im Stammbaum genannt werden, berichten die Bücher des Alten Testaments, dass sie gegen die Bundesordnung Gottes handelten und das Volk in eine falsche Richtung mitrissen. Das wird öfter von Königen Israels gesagt. Es gab Ungerechtigkeiten und Verbrechen; falsche Vorstellungen von dem, was zum Heile dient; Verehrung von „Götzen".
Mit solchen negativen Einflüssen musste sich Jesus auseinandersetzen, um seinen Weg zu gehen und dem Auftrag des Vaters zu entsprechen. Davon handeln zum Beispiel die „Versuchungen" in der Wüste, die Jesus vor Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit bestehen musste (Mt 4,1-11; Mk 1,12f; Lk 4,1.13).
Ähnliches gilt von uns. Unsere Vorgeschichte wird positive Impulse enthalten; Hilfen, Ermutigung; zum Guten lockende Gestalten. Aber es gibt wahrscheinlich auch erschwerende oder gefährliche Elemente, zumindest, wenn man an die Geschichte des Volkes denkt, zu dem wir gehören. Es kommt darauf an, der Lichtspur in unserer Geschichte zu folgen.
Aus: Augustin Schmied, Für uns gekommen. Biblische Betrachtungen zur Advents- und Weihnachtszeit. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 2016.
Ehrlich gesagt, wenn Sie diesen Text am 19. Dezember lesen und bis heute noch keinen Weihnachtsbaum haben, dann haben Sie ziemlich schlechte Karten. Nicht, dass die Händler keine Tannen oder Fichten mehr hätten, aber die Prachtexemplare sind garantiert schon lange ausverkauft. Das, was jetzt noch auf den Christbaummärkten zu finden ist, das sind die Bäume, die keiner wollte: Ein bisschen krumm gewachsen, an einer Stelle fehlt eindeutig ein Ast, und die Nadeln könnten ja auch ein bisschen dichter sein. Und ob er wirklich noch so ganz frisch ist?
Vor einigen Jahren verbrachte ich mit einer Gruppe ein Adventswochenende. Und dabei wurde uns der Gedanke wichtig, dass Gott sich in einem Kind klein macht, um zu uns Menschen zu kommen, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern, all unseren Unzulänglichkeiten, mit all dem, was an uns schief und krumm ist. Und gerade das ist ja das Befreiende unseres Glaubens - dass wir eben nicht perfekt sein müssen, damit unser Gott zu uns kommt. »Ja«, sagte da plötzlich eine Teilnehmerin nachdenklich, »Gott kommt zu uns in unsere Unvollkommenheit - und was machen wir? Wir suchen den perfekten Weihnachtsbaum!« Wir anderen schwiegen einen Moment völlig verblüfft ob dieser kühnen Gedankenverbindung - aber da sprach sie auch schon weiter: »Und was ist mit den Bäumen, die ein bisschen schief sind oder ein wenig ungleichmäßig? Oder denen ein Ast fehlt? Oder ...? Dürfen die denn nie Weihnachtsbaum sein?«
Kurz und gut — wir erklärten uns kurzerhand solidarisch mit all den Weihnachtsbäumen, die niemand wollte und vereinbarten, in dem Jahr einen Baum »mit Macke« zu kaufen. Entschlossen ging ich einige Tage später zu einem Christbaummarkt in Alzey. Der Händler kam schon auf mich zu und fragte eifrig: »Was für einen Baum hätten Sie denn gerne?« Ich überlegte nicht lange und sagte: »Einen Baum mit Macke!« - »Wie bitte?«, fragte der Händler ungläubig zurück. »Na ja, einen Baum mit irgendeinem Fehler halt!« Er machte vorsichtshalber einen Schritt zurück - man konnte ja nie wissen. Ich sah mich jetzt doch etwas im Erklärungsnotstand, erzählte von unserem Kurs und der Idee - mit dem Ergebnis, dass der Händler noch einen Schritt zurücktrat, mich nachsichtig ansah, mir einen Christbaummarkt nannte, vielleicht fahren Sie da mal hin - die haben eine größere Auswahl!«
Etwas belämmert zog ich ohne Baum ab, aber man ist ja lernfähig. Beim nächsten Händler ging ich vorsichtiger vor. Als er mich nach meinen Wünschen fragte, sagte ich, vollkommen den Regeln gemäß: »Eine Nordmanntanne!« Er zeigte mir mehrere Bäume, und als er beim vierten schließlich sagte: »Aber dem fehlt ein Ast, den können Sie nur in eine Ecke stellen!«, stand meine Entscheidung fest: Das war mein Baum! Und mit dem zog ich auch ganz zufrieden nach Hause.
Seit der Zeit habe ich sehr bewusst jedes Jahr einen Weihnachtsbaum »mit Macke«. Mal ist er ein bisschen krumm, mal fehlt ein Ast — oder er hat sogar zwei Spitzen. Ich finde gerade das apart - und es macht mir diesen Baum jeweils sehr sympathisch. Einen perfekten Baum kann schließlich jeder haben, der sich früh genug auf den Weg macht — aber diese perfekten Bäume finde ich inzwischen genauso langweilig wie perfekte Menschen.
Und manchmal, am ersten Weihnachtsfeiertag zum Beispiel, abends nach der Vesper, da mag es sein, dass ich in meinem Wohnzimmer bei einem Glas Rotwein sitze, mir meinen »unperfekten« Weihnachtsbaum anschaue und denke: Ja, gerade Weihnachten ist die Botschaft, dass wir nicht perfekt sein müssen. Gott kommt uns mitten in unsere Unvollkommenheit entgegen, ja kommt sogar in einem Stall zur Welt, wird Kind - und er liebt uns trotzdem. Oder manchmal vielleicht sogar gerade deswegen?
Und wenn mich mein Weihnachtsbaum »mit Macke« ab und an daran erinnert, dann ist mir das wichtiger als Schönheit und Vollkommenheit.
Andrea Schwarz in: Für jeden leuchtet ein Stern. Weihnachtliche Texte. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.
Die Geburt Jesu wird seit dem 4. Jahrhundert am Jahresende, in der Zeit der Wintersonnenwende, gefeiert. Seit 400 Jahren prägen zwei ganz unterschiedliche Zeichen dieses Fest: Christbaum und Krippe. Der Christbaum ist zuerst im Elsaß nachgewiesen, in Bürgerhäusern in Schlettstadt und Straßburg, die Krippe in Jesuitenkirchen von Coimbra, Prag und Altötting.
Die ersten Christbäume waren mit Äpfeln, Hostien und Kerzen geschmückt. Sie wurden am 24. Dezember aufgestellt, nach dem alten kirchlichen Kalender der Gedenktag von Adam und Eva. Das Grün erinnerte an das Paradies, die Äpfel an den Sündenfall, die Hostien an die Erlösung, die Kerzen an Christus, „das wahre Licht, das in die Finsternis kam" (Joh 1,4-9). Der ganze Baum war Licht in der Finsternis der längsten Winternacht und Zeichen der Erlösung. Der Brauch, ihn im Wohnraum aufzustellen, wurde später durch die Hugenotten vom Elsaß aus nach Frankreich, in die Pfalz, nach Baden und andere evangelisch gewordene Landschaften verbreitet. In Bayern führte ihn Karoline von Baden, die erste Königin von Bayern, zum Weihnachtsfest 1800 ein.
In der Biedermeierzeit wurde der Christbaum zum Inbegriff der „Deutschen Weihnacht". [Unser Bild zeigt eine Darstellung zum Märchen vom Tannenbaum von Hans Christian Andersen.] Als die Nationalsozialisten ihn zum Zeichen eines heidnisch-germanischen Julfestes machen wollten, wurde er als Antwort darauf auch in katholische Kirchen übernommen. Seither umrahmen symmetrische Fichtenwälder viele Altarräume in der Weihnachtszeit. Aber der ursprüngliche Sinn, der sich im Grün, im Apfel, der Hostie und dem Licht konkretisiert, wird kaum irgendwo gesucht. Außerhalb der Kirchen wurden Christbäume, überreich beladen, zum Symbol des Konsums.
Wenn wir seine christliche Botschaft wieder entdecken wollen, sollten wir in der Kirche nur einen Baum aufstellen, ihn mit Äpfeln, Hostien und Wachs(!)kerzen schmücken und die Texte vom Paradies, vom Licht, vom Abendmahl lesen.
Das Figurentheater der Weihnachtskrippe haben die Jesuiten vielleicht nicht erfunden. Aber als Medium der Verkündigung haben sie es überall auf der Welt verbreitet, in Portugal, Böhmen und Bayern, in ihren Missionsgebieten in Amerika und Asien. Die Figuren aus Holz, Wachs oder Terrakotta wurden so aufgestellt und beleuchtet, daß sie zu sprechen und zu handeln scheinen. Das Geschehen wurde sowohl als Erzählung aus alter Zeit und einem fernen Land historisiert, als auch im Hier und Heute vergegenwärtigt. Das neue Bildmedium wurde zu einem Welterfolg. Bald wurden Weihnachtskrippen auch an Fürstenhöfen, in Bischofs- und Klosterkirchen nachgebaut, im 19. Jahrhundert dann auch in Privathäusern.
Mit den Krippen wurden zunächst das Weihnachtsevangelium des Lukas und die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus illustriert. Bald aber überlagerten andere weihnachtliche Legenden, Privatoffenbarungen und Dichtungen die knappen Berichte der Evangelisten. Um 1900 bemühte man sich darum, in den Figuren und Landschaften Palästina realistisch darzustellen. Seit 1930 setzten sich Heimatkrippen mit blonden Frauen und Kindern in Trachtenkleidung durch.
Heute sollte sich eine Kirchenkrippe neu mit den Texten des Evangeliums auseinandersetzen. Sie sollte fremde Motive aus Privatoffenbarungen, Apokryphen und Weihnachtsmärchen reduzieren und sich entweder um Authentizität bemühen oder um Modernität. Entweder man entscheidet sich, Palästina zur Zeit Jesu nachzustellen, also Jesus und seine Mutter als orientalische Juden zu entdecken, oder man überträgt das Geschehen in unsere Gegenwart: Wo würde heute eine überall abgewiesene junge Schwangere ihr Kind bekommen können? In einer Tankstelle? Einem Gewerbepark? Und wen würden die Engel in der Nähe wach finden? Obdachlose, Polizisten, Müllmänner?
Die Geburt Jesu mit Figuren und Kulissen in eine angeblich „gute, alte Zeit", beispielsweise ein Bergdorf des 18. Jahrhunderts, zu versetzen, ist verlogen. Krippen sollten nicht gemütlich sein, sondern aufregend wie die Geburt und das Leben Jesu.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Gott sagt uns in der Menschwerdung seines Sohnes nicht nur, wer er ist; er sagt uns auch, wer wir Menschen sind. Auch das ist heute nötig. Denn viele haben die Orientierung verloren. Sie wissen nicht mehr, warum und wozu sie da sind. Sie kommen sich wertlos vor. Im vergangenen Jahrhundert sind Wert und Würde des Menschen oft auf der Strecke geblieben. Mord und Totschlag hat es zwar von Anfang an, seit Kain und Abel, gegeben. Aber hat es jemals zwei so schreckliche Weltkriege, so schlimme Massenvernichtungswaffen, so brutalen, Menschen verachtenden Terrorismus gegeben?
Wie banal wir oft über den Menschen denken zeigt sich daran, dass wir von Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Treulosigkeit, Eitelkeit, Lüge und vielem anderen oft einfach sagen: »Das ist menschlich.« Müssten wir nicht umgekehrt sagen: Treue, Anstand, Fairness, Gerechtigkeit und Erbarmen sind die wahre Größe des Menschen und Zeichen einer wahrhaft menschlichen Kultur?
Gott hat durch die Menschwerdung eine eindeutige und endgültige Antwort auf die Frage gegeben: Was ist der Mensch? Die Antwort lautet: Der Mensch, jeder Mensch, ist ein erbarmungswürdiges und zugleich ein liebenswürdiges Wesen. Wir sind erbarmenswürdig, weil wir uns nicht aus eigener Kraft aus unserer Not und unserem Elend befreien können. Wir sind in unserem Elend auf Gottes Erbarmen angewiesen. Unsere Größe ist, dass wir - und zwar jeder Einzelne von uns - für Gott liebenswürdige Wesen sind, so liebenswürdig, dass Gott selbst Mensch geworden ist. Er wollte uns ganz nahe sein. So hat jeder Mensch einen unendlichen Wert, ganz unabhängig davon, ob er Einheimischer oder Fremder, gesund oder krank, alt, behindert ist, unabhängig davon, ob er reich oder arm ist. Jeder ist für Gott liebenswert; jeder ist unendlich wertvoll. Gott wollte Mensch werden, damit wir an seinem göttlichen Leben Anteil haben.
Sind wir uns dieser Würde immer bewusst? Sind wir nach dem Vorbild Gottes barmherzige Menschen, die Erbarmen haben mit den anderen, oder sind wir gleichgültig gegenüber dem Leid anderer? Ist es bei uns im zwischenmenschlichen Bereich nicht recht kalt geworden? Droht die Humantemperatur unserer Welt nicht oft unter den Gefrierpunkt zu fallen? Weihnachten eröffnet uns eine neue Kultur wahrer Menschlichkeit und menschlicher Solidarität.
Gott teilt unser schwaches Menschsein, um uns sein göttliches Leben mitteilen zu können. Wer schon einmal in Betlehem war und dort die Geburtskirche besucht hat, der weiß, dass man sie nur durch ein sehr niedriges Tor betreten kann; man muss sich also bücken, um hineinzukommen. Das scheint mir symbolisch zu sein. Gott selbst hat sich klein gemacht, als er in diese Welt kam. Da dürfen auch wir uns nicht groß machen. Wir müssen uns klein machen, wenn wir zum Kind in der Krippe kommen wollen, und wir müssen uns herunterbücken zu unseren Mitmenschen. Wenn wir niederknien und beten, dann sind wir am größten.
Aus: Walter Kardinal Kasper, Bedenke dein Geheimnis. Meditationen zu Advent und Weihnachten. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2015.
In dieser Nacht öffnet sich der Himmel
um für immer offen zu bleiben.
In dieser Nacht berührt der Himmel die Erde,
um sie für immer zu verwandeln.
In dieser Nacht ist Gott Mensch geworden,
um sich auf ewig mit uns zu verbinden.
In dieser Nacht ist alles anders.
Für einen Augenblick
hält die Welt den Atem an.
Einsame und Verzweifelte,
Enttäuschte und Unzufriedene,
Starke und Selbstsichere,
Erfolgreiche und Glückliche
staunen über das Kind in der Krippe.
Gott wird Mensch.
Udo Hahn
Die in diesem Artikel versammelten Worte und Wortfelder bezeichnen die einander erwiesene freundliche, gütige, herzliche Zuwendung. chesed ist zunächst die familiäre und nachbarschaftliche Hilfe, das Maß an gegenseitiger Unterstützung, zu dem man sich verpflichtet fühlen kann, ohne dazu formal-rechtlich verpflichtet zu sein. Diese Zuwendung, die Familie, Nachbarschaft und (vor allem in Gesellschaften ohne zentrale staatliche Herrschaft) das soziale Leben aufrechterhält, gehört zum Recht und überschreitet es zugleich als freiwillig gewährte freundliche Gabe. chesed ist eine Haltung und ein Tun. Das Lieben, d. h. das freudige Tun von chesed gehört zum Kern biblischer Ethik (Mi 6,8). Rut und ihre Schwägerin Orpa haben ihren verstorbenen Männern und ihrer Schwiegermutter Noomi chesed erwiesen, und so wünscht ihnen Noomi, Gott möge ihnen ebenso chesed erweisen (Rut 1,8). Ein zweites von vielen möglichen biblischen Beispielen: Der greise Jakob bittet seinen Sohn Josef, ihn nicht in Ägypten zu begraben. Den Vater zu begraben gehört zur Sohnespflicht. Die Gewährung der weiter gehenden Bitte, ihn nicht in Ägypten zu begraben, geht über die Pflicht hinaus und ist chesed (Gen 47,29). Jakobs Bitte gründet darin, dass er in Josefs Augen chen gefunden habe. chen ist der Liebreiz, die Anmut, die eine Person ausstrahlt und die in den Augen einer anderen, oft höhergestellten, Person Anerkennung, Wohlgefallen, Wohlwollen und dann auch Wohltaten hervorruft. So findet Rut chen in den Augen des Boas (Rut 2,10). Lot hat in den Augen des Gottesboten Zuneigung (chen) gefunden, die sich als Freundlichkeit (chesed), in diesem Fall als Lebensrettung verwirklicht (Gen 19,19). Josef findet chen, Anerkennung, in den Augen Potifars und des Gefängnischefs (Gen 39,4.21). Ästhetik und Ethik kommen in diesen Wortfeldern zusammen. Für chesed konstitutiv und auch für chen zu berücksichtigen ist die Wechselseitigkeit der Beziehung. Darin liegt ein Problem der in vielen Bibelübersetzungen üblichen Wiedergabe beider Worte mit »Gnade«. Richtig daran ist die Betonung des Nicht-Herstellbaren, jedes Verdienst Überschreitenden; die ebenso grundlegende Gegenseitigkeit kommt im Wort »Gnade« dagegen nicht zum Ausdruck.
Auch da, wo von Gottes chesed-Erweisen die Rede ist oder Gott chanun genannt wird, geht es um eine Beziehung, so etwa in der Gottesrede »Ein mitfühlender, gnädiger (chanun) Gott bin ich, langmütig, treu und wahrhaftig« (Ex 34,7; Ps 78,38, vgl. auch Ex 20,5f). Gottes chesed und chen stehen für die liebevolle, umsichtige und nachsichtige Treue zu Menschen und zum Volk Israel. Diese Freundlichkeit Gottes ist von Dauer (so der immer wiederkehrende Leitsatz in Ps 136).
Das griech. Wort charis (von dem »Charme« abgeleitet ist) nimmt im NT das Wortfeld chesed und vor allem chen und die darin ausgedrückten wechselseitigen Beziehungen auf. Es steht für Anmut (Kol 3,16), für die Zuwendung Gottes (Röm 3,21; 5,2; 6,23), die sich bei denen, denen sie zuteil wird, in der Gabe verwirklichen kann, im Namen Jesu zu wirken (Röm 1,5). Es bezeichnet aber auch den Dank (Röm 6,17) als Reaktion auf Gottes Zuwendung. Besonders deutlich wird das Beziehungsgeflecht, das sich im Wort Charts ausdrückt, in 2 Kor. Hier verbindet der eine Begriff alle Beziehungsebenen: die gegenseitigen zwischen Gott und Menschen und die der Menschen untereinander, was das deutsche Wort »Zuwendung« besser ausdrücken kann als das übliche »Gnade«. Der Zuwendung Gottes (1,2) und Jesu (8,9) entspricht die des Paulus zur Gemeinde (1,15). Daraus folgt die materielle Zuwendung als Hilfe für die armen Gemeinden in Jerusalem (8,4.6.7; 9,8). Alles mündet in die Zuwendung zu Gott im Dank aller Beteiligten (8,16; 9,15).
Aus: Glossar. Bibel in gerechter Sprache. Herausgegeben von Ulrike Bail u.v.a. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007 (2006).
Für den Vorabendgottesdienst ist als Evangelium der Stammbaum Jesu nach Matthäus vorgesehen. Er zeigt die Verwurzelung Jesu in der ihm vorausgehenden Geschichte (Mt 1,1-25).
In Kirchen aus dem Mittelalter sieht man den Stammbaum Jesu oft bildlich dargestellt: den Baum aus der Wurzel Jesse. Unten, die Wurzel: Jesse oder Isai, der Vater Davids, und dann geht es hinauf in die Äste und Zweige, bis hin zu Maria mit dem Kinde Jesus.
Es gibt Leute, die viel Zeit und Geld investieren in Ahnenforschung. Auch wenn man selbst nicht so weit geht: es ist schon interessant zu sehen, woher man kommt; wer die Vorfahren waren, die uns ihr Erbe hinterlassen haben. Wir kennen sie kaum noch, wenn es über die Großeltern oder die Urgroßeltern hinausgeht. Und doch haben sie alle etwas an uns weitergegeben: nicht nur biologisches Leben; ihr Leben als Ganzes, ihre Person, haben Wirkungen hinterlassen.
Kommen wir zurück zum Stammbaum Jesu! Es ist ein ziemlich trockener, eintöniger Text: ständig Namen, die fremd klingen. Diese kargen Angaben bekämen Farbe und Leben, wenn man die dazu gehörigen Geschichten aus dem Alten Testament läse. Es hat jedenfalls viel zu bedeuten, dass Jesus in eine menschliche Herkunftslinie hineingestellt wird.
Leben mit positiven und negativen Vorgaben
Jesus, der wie kein anderer Mensch, von Gott her zu uns gekommen ist, ist gleichzeitig tief verwurzelt in der vorausgehenden Geschichte Israels und der ganzen Menschheit. Im Lukasevangelium wird der Stammbaum Jesu bis auf Adam zurückgeführt (Lk 3,23-38).
Christus ist nicht wie ein Meteor vom Himmel gefallen, quer zu allen Verbindungslinien und Entwicklungen der Menschheitsgeschichte. Er steht im Zusammenhang einer langen Vorgeschichte. Es war bei Jesus wie bei uns allen. Wir sind Nachkommen und Erben. Und das prägt uns: helfend und gefährdend.
Jesus konnte auf guten Grundlagen aufbauen. Er konnte in die Spur einer großen religiösen Tradition eintreten. Er konnte anknüpfen an lang erprobte und bewährte Formen der Frömmigkeit und der ethischen Lebensführung. Sein Beten war vorbereitet und getragen durch die Gebetserfahrung und -sprache seines jüdischen Volkes. Man denke an die Psalmen! Bedeutende religiöse Persönlichkeiten konnten ihm Anreger und Vorbild sein: Abraham, Mose, die Propheten.
Diese positiven Vorgaben wurden Jesus näherhin und zunächst durch seine Familie vermittelt: durch Maria und Josef. Durch diese Beiden ist dem menschlichen Bewusstsein Jesu auch sein himmlischer Vater in den Blick gekommen.
Jesus musste aber auch mit negativen Einflüssen fertig werden, mit Hypotheken, die sich unter seinen Vorfahren angesammelt hatten; die ihm zur Versuchung werden konnten.
In der Geschichte Israels gab es auch Abwege und Irrwege, Spuren ins Unheil. Von manchen der Männer, die im Stammbaum genannt werden, berichten die Bücher des Alten Testaments, dass sie gegen die Bundesordnung Gottes handelten und das Volk in eine falsche Richtung mitrissen. Das wird öfter von Königen Israels gesagt. Es gab Ungerechtigkeiten und Verbrechen; falsche Vorstellungen von dem, was zum Heile dient; Verehrung von "Götzen".
Mit solchen negativen Einflüssen musste sich Jesus auseinandersetzen, um seinen Weg zu gehen und dem Auftrag des Vaters zu entsprechen.
Ähnliches gilt auch von uns. Unsere Vorgeschichte wird positive Impulse enthalten; Hilfen, Ermutigung; zum Guten lockende Gestalten. Aber es gibt wahrscheinlich auch erschwerende oder gefährliche Elemente, zumindest, wenn man auch an die Geschichte des Volkes denkt, zu dem wir gehören. Es kommt darauf an, der Lichtspur in unserer Geschichte zu folgen.
Grenzen, die kein Unheil sind
Der Stammbaum Jesu zeigt, dass zum menschlichen Leben Jesu konstitutive Begrenzungen gehörten; Grenzen, die trotzdem seinen Raum und Zeit umspannenden Einfluss nicht gemindert haben.
Jesus wurde in eine ganz bestimmte Menschheitslinie hineingeboren, in ein ganz bestimmtes Volk. Er war Jude; die Christen haben das oft vergessen. Er hat nicht alle Sprachen gesprochen und verstanden. Er ist in vielen Punkten "Kind seiner Zeit" gewesen.
In den Grenzen seines Lebens hat Jesus aber eine universale Ausstrahlung entfaltet. Er hat als Person und mit seiner Botschaft Menschen aller Völker ansprechen können. Die neutestamentliche Bibel, die seine Geschichte und seine Worte weitergibt, ist in alle Sprachen übersetzt; sie ist wohl das am meisten verbreitete Buch überhaupt geworden. Jesus hat die menschlichen Grunderfahrungen miterlebt - den Weg vom Kindsein bis zum Tode; er war mit den elementaren Situationen der Menschen vertraut. Deshalb kann er allen nahe kommen.
Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Interview, das der jüdische Schriftsteller und Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer (1904-1991) gegeben hat. Er sprach davon, dass öfter junge Leute, Studenten, zu ihm kommen und fragen, wie sie es machen sollten, um es zu einem guten Schriftsteller zu bringen. Singer meinte, er sage ihnen, dass sie sich nicht mit Gewalt und nicht zu weit weg von ihrem menschlichen Wurzelboden entfernen sollten. Möglichst Kontakt halten zu den eigenen Ursprüngen ("stay with it" -"bleib dran"!). Singer selbst hat den Nobelpreis in Literatur 1978 für Werke erhalten, die er zunächst in seiner Muttersprache, in Jiddisch, verfasst hatte, in einem (leider) nur noch von Wenigen gesprochenen Dialekt des Ostjudentums. Aber in dieser an sich begrenzten Ausdrucksform war er er selbst, konnte er Originelles und weltweit Bedeutendes schaffen.
Stammbaum Jesu Christi: Jesus eingesenkt in das Wurzelgeflecht der Menschheit! So ist er der Erlöser geworden. Aus dem Inneren der Menschheitsgeschichte her hat er uns einen Weg gebahnt: den Weg zu Gott, dem Vater, und den Weg zu den Mitmenschen. Auf diesen Weg können wir uns mitnehmen lassen.
Aus:
Augustin Schmied, Lichter, die uns begleiten. Gedanken zu den christlichen Festen, veröffentlicht im Dezember 2012 hier im Downloadbereich des Predigtforums.
Was würde sein, wenn es Jesus wirklich gibt...
https://www.youtube.com/watch?v=cr-2KSOg-v0
(Bettina Wegener Cover)
"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht": Das ist und bleibt eine wunderbare Verheißung. Auch für den Glauben. Können wir uns wirklich auf Gott verlassen? Das fragen viele, die Dunkelheit empfinden in ihrem Leben... Glaube bleibt ein Ringen mit dem Zweifel, mit dem Leiden, mit der Frage nach Gott. Auch im 21. Jahrhundert. Wer aber fragt und ringt und zweifelt, steht schon mitten in einer Beziehungsgeschichte zu Gott.
Wir sollten ja nicht so tun, als hätten wir unser Leben, unsere Welt, ja die Schöpfung "im Griff" ... Glaubenshoffnung meint etwas anderes. Sie sagt: Was auch kommen mag, Gott wird mir zur Seite stehen. Gott ist bei denen, die einsam sind, die leiden. Gott steht denen bei, die sterben. Ja, unsere Hoffnung geht über den Tod hinaus. Gottvertrauen ist eine Lebenshaltung ...
Was uns bedrückt und was uns freut, was enttäuscht und wofür wir dankbar sind, wird hell bestrahlt von dem Licht der Wahrheit. Gott ist in die Welt gekommen. Gottes Lebenszusage reicht weit über das hinaus, was wir erkennen und sehen. Sie erhebt Anspruch auf eine Friedensherrschaft, die Recht und Gerechtigkeit bringt. Als Hoffnung über alle Zeiten hinweg. In Menschen, die an Gott glauben, bleibt die Hoffnung wach, dass alles sich ändern kann.
Wir haben die Gewissheit, dass wir gehalten sind, weil im Dunkel Licht scheint.
Margot Käßmann in: Unterwegs zum Licht, Weihnachtliche Worte und Weisen, Weihnachtssonderband, Herausgegeben von Ulrich Sander, Freiburg.
Es war einmal ein hartherziger Hirte, der sich und anderen nichts Gutes gönnte. Eines Nachts kam ein Mann zu ihm und bat um Feuer. Doch der hartherzige Hirte hetzte seine Schäferhunde auf den Fremden. Diese bissen ihm ins Bein und in seine Hand, und einer hängte sich sogar an seine Kehle. Aber zum großen Erstaunen des Hirten zeigten die Bisse keinerlei Wirkung. Der Fremde blieb völlig unverletzt.
Nun war der Fremde ganz nahe gekommen und sagte zu dem Hirten: "Guter Freund, hilf mir, leih mir ein wenig von deinem Feuer. Meine Frau hat soeben ein Kind geboren, und ich muss ein Feuer machen, um den Kleinen zu wärmen."
Da erwachte in dem Hirten wieder der alte Menschenhass. Da er wusste, dass weit und breit kein Eimer und keine Schaufel zu finden waren, um die glühenden Kohlen fortzutragen, sagte er zu dem Fremden: "Nimm von den glühenden Kohlen, so viel du brauchst." Und seine Schadenfreude begann zu wachsen.
Da hob der Fremde die glühenden Kohlen mit bloßen Händen auf und legte sie in seinen Mantel, und weder seine Hände noch sein Mantel wurden verbrannt. Der hartherzige Hirte wunderte sich zutiefst und fragte den Fremden: "Was ist das für eine seltsame Nacht heute?"
Da gab der Fremde zur Antwort:
"Mit Worten kann ich dir das nicht beschreiben. Komm mit und sieh!"
Der Hirte ging mit. Und sie kamen zu einem Viehstall. Im Stall kniete die Mutter neben ihrem Kind, das in einem Futtertrog lag. Etwas weiter hinten standen ein Ochse und ein Esel.
Da wurde die verhärtete Seele des Hirten weich. Das eiskalte Herz begann zu schmelzen, als der das frierende und zitternde Kind sah.
Und er nahm seinen dicken Mantel und deckte das Kind damit zu. Tränen standen in seinen Augen, und er fiel auf die Knie - vor diesem Kind.
Ein Kind kann eisige Herzen auftauen. Die Heilige Nacht ist jedes Jahr eine einmalige Chance, das Kind aus der Krippe in dein Herz zu legen. Und du wirst dich wundern, wie dieses Kind dich verändert und wie das Eis in deinem Herzen zu schmelzen beginnt.
Selma Lagerlöf in: Bardeler Adventsmeditationen, Osnabrück.
Guter Vater,
schau in Güte auf deine Diener,
die durch die Auflegung der Hände
die Gabe des Geistes empfangen haben.
Lass sie auf allen Straßen der Erde
voller Freude und Mut
das Evangelium weiter tragen.
Gib ihnen das Herz eines Hirten
voller Wärme und Mitgefühl
in den Spuren Jesus, des Guten Hirten.
Du hast sie ausgesondert,
aber nicht getrennt von deinem Volk,
damit in ihnen ganz leise,
aber im Takt der Ewigkeit,
das Herz dieser Welt schlagen kann.
Amen.
Aus: Jacques Gaillot, Folgt seiner Liebe, Verlag Herder, Freiburg, 1992.
Gott wird Mensch
das hat Folgen
das bringt alles in Bewegung
das eröffnet Möglichkeiten
das macht betroffen
Gott wird Mensch
damit wird man
sich auseinander setzen müssen
damit wird man leben dürfen
damit sieht alles anders aus
Gott wird Mensch
für die Verlorenen
für die Verfolgten
für die Verachteten
Gott wird Mensch
und alle Welt
könnte sich freuen
und jedermann könnte aufatmen
und niemand müsste abseits stehen
Gott wird Mensch
in unseren Zeiten
in der heutigen Situation
in der Welt die nur eines braucht:
Gott wird Mensch und der Mensch wird Mensch.
Aus: Werner Schaube, Weihnachts-Puzzle. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1983.
Maria und Josef sind auf ihrem Weg nach Betlehem
am Ende ihrer Kräfte und Möglichkeiten.
Erschöpft kehren sie im Stall ein.
Alle Kraft fließt in das Leben-Geben
für das Gottes-Kind.
Sie stellen ihr Leben für seines zur Verfügung.
Indem ihr Ruhe gegönnt wird,
wird die Er-Schöpfung
zur Teilhabe an der Neu-Schöpfung
durch den Schöpfer-Gott.
Zu Weihnachten können wir
die eigenen Er-Schöpfungen
dem Schöpfer anvertrauen.
Und hoffen, dass daraus
Neu-Schöpfung werden möge.
Johann Pock, Weihnachten 2025.
Gott hat sich klein gemacht für uns. Gott kommt nicht mit äußerer Macht, sondern er kommt in der Ohnmacht seiner Liebe, die seine Macht ist. Er gibt sich in unsere Hände. Er bittet um unsere Liebe. Er lädt uns ein, selbst klein zu werden, von unseren hohen Thronen herunterzusteigen und das Kindsein vor Gott zu erlernen. Er bietet uns das Du an. Er bittet, daß wir ihm vertrauen und so das Sein in der Wahrheit und in der Liebe erlernen. Das Kind Jesus erinnert uns natürlich auch an alle Kinder dieser Welt, in denen er auf uns zugehen will. An die Kinder, die in der Armut leben; als Soldaten mißbraucht werden; die nie die Liebe der Eltern erfahren durften; an die kranken und leidenden, aber auch an die fröhlichen und gesunden Kinder. Europa ist arm an Kindern geworden: Wir brauchen alles für uns selber, und wir trauen wohl der Zukunft nicht recht. Aber zukunftslos wird die Erde erst sein, wenn die Kräfte des menschlichen Herzens und der vom Herzen erleuchteten Vernunft erlöschen - wenn das Antlitz Gottes nicht mehr über der Erde leuchtet. Wo Gott ist, da ist Zukunft.
Aus: Papst Benedikt XVI., Predigt am 8. September 2007 in Mariazell: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2007/documents/hf_ben-xvi_hom_20070908_mariazell_ge.html
Das Weihnachtsgeheimnis ist zuletzt ein Geheimnis der übergroßen Liebe Gottes, wie es der heilige Paulus im Titusbrief ausdrückt, wenn er sagt: "Erschienen ist die Güte und Menschenliebe Gottes." Dabei steht im Hintergrund das Bewusstsein von der unvergleichlichen Größe Gottes und von der Geringheit, von der Armut, geradezu von der Nichtigkeit des menschlichen Geschöpfes. Aber Gott hat diese unendliche Differenz nicht gescheut. Er wollte und konnte diese Distanz kraft seiner Menschenliebe, die er schon in der Schöpfung und in der Begnadung bewies, überwinden. Dabei wollte Gott das Menschliche gleichsam an seinem tiefsten Punkt ergreifen, nämlich in der Schwäche und Bedürftigkeit eines Kindes. Vor allem der Bericht des Matthäus zeigt eine deutliche Neigung zum Armen, zum Bedrängten, zum Gefährdeten, dem Jesus vor allem verpflichtet sein wollte. Damit aber hat der Herr zugleich dem Armsein und Kindsein eine einzigartige Würde und Bedeutsamkeit zuerkannt, die wir heute, im Zeitalter der Zivilisation des Todes, als ernste Mahnung verstehen sollten.
Aus: Leo Kardinal Scheffczyk, Interview für "Kirche in Not", 2004.
Gibt es im Evangelium Dinge, die das Leben schön machen? Ja, es gibt sie. Zu ihnen gehört die Hoffnung. Mit ihr kann man Entmutigungen hinter sich lassen, gar den Geschmack am Leben wiederfinden. Wo liegt ihre Quelle? Sie liegt in der Kühnheit eines Lebens der Gemeinschaft in Gott. Aber wie ist solche Gemeinschaft möglich? Gott hat uns als Erster geliebt. Gott sucht uns unablässig, selbst wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Vertrauen, Hoffnung und Herzensfrieden entspringen einer geheimnisvollen Gegenwart, der Gegenwart Christi. Durch den Heiligen Geist bleibt er von Herzen demütig in jedem Menschen. Ruhig lässt sich seine Stimme vernehmen: Erkennst du den Weg der Hoffnung, der dir offen steht? Wie sollte es einen da nicht drängen, zu Christus zu sagen: Ich möchte dir ein Leben lang auf diesem Weg nachfolgen, aber kennst du meine Unzulänglichkeit? Durch das Evangelium antwortet er: "Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut ... Du meinst, dass du nichts oder fast nichts hast, um ein Leben lang die Treue zu halten. Und doch bist du erfüllt. Wovon erfüllt? Von der Gegenwart des Heiligen Geistes. Sein Erbarmen leuchtet bis in die Schatten deiner Seele."
Die Unendlichkeit der Zeit und des Raumes trennen uns von Gott. Wie sollten wir ihn suchen gehen? Wie sollten wir zu ihm gelangen? Selbst wenn wir alle Zeiten hindurch wanderten, wir täten doch nichts anderes, als die Erde umkreisen. Selbst im Flugzeug könnten wir nichts anderes tun. Wir sind außerstande, uns senkrecht aufwärts zu heben. Wir können nicht einen Schritt gegen den Himmel hinauf tun. Gott durchquert das All und kommt bis zu uns. Über die Unendlichkeit von Raum und Zeit hinweg kommt die unendlich viel unendlichere Liebe Gottes, uns zu ergreifen. Sie kommt zu ihrer Stunde. Wir haben die Macht, sie willig in uns zu empfangen oder sie abzuweisen. Verschließen wir ihr unsere Ohren, kommt sie wie ein Bettler wieder und wieder, doch ebenso wie ein Bettler bleibt sie eines Tages aus. Öffnen wir uns ihr in Willigkeit, dann legt Gott ein kleines Samenkorn in uns nieder und geht davon. Von diesem Augenblick an hat Gott nichts weiter zu tun, und auch wir nichts, als zu warten. Nur darf es uns nicht gereuen, daß wir unsere Einwilligung, das bräutliche Jawort, gegeben haben.
Aus: Simone Weil, Die Gottesliebe und das Unglück. Zeugnis für das Gute. Traktate, Briefe und Aufzeichnungen, Düsseldorf / Zürich: Patmos Verlag / Walter Verlag 1979.
Die biblischen Lesungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Ständigen Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet den Lektionaren 2018 ff entnommen. - © 2024 staeko.net. - vgl. Impressum.
Die Katholischen Bibelwerke in Deutschland, Österreich und Schweiz stellen auf ihren Webseiten ausführliche Kommentare und Anleitungen zum Lesen der biblischen Lesungen für Sonn- und Feiertage zum Download im PDF-Format zur Verfügung. Mit freundlicher Genehmigung der Katholischen Bibelwerke übernehmen wir die Kurzeinleitungen zu den Lesungen.
Lesung aus dem Buch Jesaja.
Das Volk, das in der Finsternis ging,
sah ein helles Licht;
über denen, die im Land des Todesschattens wohnten,
strahlte ein Licht auf.
Du mehrtest die Nation,
schenktest ihr große Freude.
Man freute sich vor deinem Angesicht,
wie man sich freut bei der Ernte,
wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
Denn sein drückendes Joch
und den Stab auf seiner Schulter,
den Stock seines Antreibers zerbrachst du
wie am Tag von Midian.
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft,
jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt,
wird ein Fraß des Feuers.
Denn ein Kind wurde uns geboren,
ein Sohn wurde uns geschenkt.
Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt.
Man rief seinen Namen aus:
Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott,
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Die große Herrschaft
und der Frieden sind ohne Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit,
von jetzt an bis in Ewigkeit.
Der Eifer des HERRN der Heerscharen
wird das vollbringen.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die vorliegenden Verse des Jesajabuches sind wohl im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts v. Chr. verfasst worden unter dem Eindruck des Syrisch‑Ephraimitischen Krieges. Neben vielen anderen Kleinstaaten wurden auch die beiden Reiche Judas der Herrschaft des assyrischen Königs unterstellt. Kurzum: Es herrschte politisches und kulturelles Chaos. In dieser Zeit verkündet der Prophet Jesaja eine neue Hoffnung: Ein Retter wird kommen und bessere Zeiten brechen heran.
Israel war vor 722 v. Chr. in zwei kleine Königreiche aufgespalten, in ein Nord- und ein Südreich. Wie die anderen kleinen Königtümer, z. B. Syrien, wurden es von den Großmachtgelüsten der Assyrer bedrängt.
Der Prophet Jesaja trat im Südreich auf und forderte, dass sein Volk und der König ihr Vertrauen allein auf Gott setzen sollen und sich jeglichen Bündnisses mit anderen Völkern enthalten sollen. Die Abhängigkeit von der assyrischen Herrschaft und die kriegerischen Auseinandersetzungen, in welche die beide Reiche geraten sind, sieht Jesaja als Folge des mangelnden Gottvertrauens. Jahwe hat sein Volk im Stich gelassen und ist ihm ferne.
Der vorliegende Text läßt ich in drei Abschnitte gliedern. Zunächst wird in eine Zeit der Bedrängnis hinein Licht und Freude angekündigt. Offenbar wurde die Situation des Volkes als dunkel und niederdrückend empfunden. Dann wird das Zerbrechen der assyrischen Zwangsherrschaft und das Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen verheißen. Der Prophet erinnert an den Tag von Midian, als Gideon mit nur 300 Mann ein zahlenmäßig weit überlegenes Heer der Philister schlug und sich Unabhängigkeit und Respekt verschaffte. Der damalige Sieg wurde dem bedingungslosen Vertrauen auf Jahwe zugeschrieben.
Schließlich wir die Geburt eines Kindes angesagt. Auf dieses Kind soll das Volk sein Vertauen setzen. Das Kind trägt große und verheißungsvolle Namen: "Wunderbarer Ratgeber", "starker Gott", "Vater in Ewigkeit" und "Fürst des Friedens". Diese Namen sind das Regierungsprogramm des erwarteten Messias: Er wird mit Klugheit ausgestattet und von Gott selbst eingesetzt sein, wie ein Vater für sein Volk sorgen und eine Friedenszeit heraufführen, in der die Menschen sich entfalten können.
Der Text führt vom Dunkel ins Licht und lädt zu einem großen Jubel ein, vergleichbar nur dem Jubel bei guter Ernte und reicher Beute. "Volle" Bilder also für die angesagte neue Zeit.
Zweimal wird mit einem "denn" die Begründung formuliert: Jahwe zerbricht das Joch - und es wird ein Kind geboren, das auf seinen Schultern Rat, Stärke, Ewigkeit und Heil trägt. In beiden Sätzen, die die Zuverlässigkeit der Verheißung unterstreichen, geht es um einen Schulter-Wechsel: Die Schultern der Menschen, die die Geschichte ihres Lebens und ihres Volkes tragen müssen, werden frei - und Jahwe bürdet einem Kind auf, was Leben und Zukunft verspricht. Die Namen, die das Kind trägt, geben ihm göttliche Würde. In diesem Kontext fällt die Nähe zum ägyptischen Krönungsritual kaum noch auf.
Dass die Worte um 730 v.Chr. geschrieben werden, ist zwar nicht unwichtig zu wissen, aber die mit ihnen verbundenen Erfahrungen und Hoffnungen sind bis heute vielen Menschen vertraut. Jesaja führt aus der Klage heraus. Er sieht schon das Licht, das aufgeht, er hört schon den Jubel, der mitreißt. Jahwe wird die Geschichte wenden. Nicht mit militärischer Intervention, sondern mit einem Kind. Jesaja sieht eine Zeit ewigen Friedens anbrechen mit Recht und Gerechtigkeit als Stützen der Herrschaft.
Kv - Heute ist uns der Heiland geboren:
Christus, der Herr. – Kv
(Oder GL 635,3)
Singt dem HERRN ein neues Lied,
singt dem HERRN, alle Lande,
singt dem HERRN, preist seinen Namen!
Verkündet sein Heil von Tag zu Tag! - Kv
Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit,
bei allen Völkern von seinen Wundern!
Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke,
es brause das Meer und seine Fülle. - Kv
Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst.
Jubeln sollen alle Bäume des Waldes
vor dem HERRN, denn er kommt,
denn er kommt, um die Erde zu richten. - Kv
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus.
Denn die Gnade Gottes ist erschienen,
um alle Menschen zu retten.
Sie erzieht uns dazu,
uns von der Gottlosigkeit
und den irdischen Begierden loszusagen
und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,
während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten:
auf das Erscheinen der Herrlichkeit
unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.
Er hat sich für uns hingegeben,
damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse
und für sich ein auserlesenes Volk schaffe,
das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Mit dem Brief des Völkerapostels an seinen Freund Titus will Paulus das Leben der Christengemeinde auf Kreta ordnen. In der vorliegenden Perikope entfaltet Paulus weitere Ausführungen seiner Theologie der Gnade. Im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest wird deutlich: Diese Gnade Gottes wird anschaubar, wenn Gott Mensch wird in einer Krippe.
Mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Retter und Heilbringer, begründet der Verfasser des Titusbriefes die Forderung nach einem gerechten, frommen und besonnenen Leben der Gläubigen.
Zwischen dem ersten und zweiten "Erscheinen" Gottes in Jesus Christus, soll die Kirche als Gemeinschaft erfahrbar werden, die ihr Leben nach den Tugenden gestaltet und so entsprechend Zeugnis von der Heilstat Gottes gibt. Das Vorbild des Titusbriefes ist das hellenistische Ideal eines ordentlichen, frommen und verantwortungsbewußten Lebens. Die Gnade Gottes hat hier eine erzieherische Wirkung, deren Effekt die Lebenshaltung der Gläubigen von den Abgefallenen unterscheidet. In der Entscheidung für den Glauben geschieht ein Abwendung von der Gottlosigkeit und von den irdischen Begierden, die hier aber nicht genauer definiert werden.
Der Blick auf die Erfüllung der Hoffnung nach der Wiederkunft Jesu Christi gehört eng zusammen mit der Forderung nach der Bewährung des Glaubens im gegenwärtigen Leben. Leben und Hingabe Jesu ist für die Kirche Voraussetzung ihrer Existenz, daraus erwächst die Einladung, ja die Verpflichtung für die Gläubigen, das Gute zu tun. Glaube und Handeln sind nicht zu trennen.
Uns begegnet in diesem kurzen Abschnitt eines ohnehin nur kleinen Briefes das Weihnachtsevangelium in handlicher Form. Der Spitzensatz ist: Gottes Gnade ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Was daraus folgt, ist in wenigen Sätzen zu sagen: Besonnen, gerecht und fromm können wir in dieser Welt leben - während wir auf das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes sowie des Retters Christus warten. Prägnant wird auch zum Ausdruck gebracht, dass Gottes Gnade erschienen ist - während wir auf die "selige Erfüllung unserer Hoffnung“ warten. Was wie ein Gegensatz wirkt, der sich einer zeitlichen Ordnung zu entziehen scheint, ist perspektivisch zusammengeführt. Im "wir" sind die Leser nicht mehr unbeteiligte Zuschauer.
Der Schlusssatz hält fest, was er - Christus - schon getan hat: er hat sich (1.) hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und (2.) sich ein Volk zu schaffen, das ihm gehört und das Gute tut. Wir betreten mit diesen Worten die "Weihnachtsstube", das "Wartezimmer der Hoffnung".
Halleluja. Halleluja.
Ich verkünde euch eine große Freude:
Heute ist uns der Retter geboren;
er ist der Messias, der Herr.
Halleluja.
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas.
Es geschah aber in jenen Tagen,
dass Kaiser Augustus den Befehl erließ,
den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.
Diese Aufzeichnung war die erste;
damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef
von der Stadt Nazaret in Galiläa
hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt;
denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen
mit Maria, seiner Verlobten,
die ein Kind erwartete.
Es geschah, als sie dort waren,
da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte,
und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.
Sie wickelte ihn in Windeln
und legte ihn in eine Krippe,
weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld
und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen
und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie
und sie fürchteten sich sehr.
Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht,
denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude,
die dem ganzen Volk zuteilwerden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren;
er ist der Christus, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen:
Ihr werdet ein Kind finden,
das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer,
das Gott lobte
und sprach:
Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
den Menschen seines Wohlgefallens.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Geburt und Kindheit
Im Gegensatz zum Markusevangelium enthält das Lukasevangelium auch eine Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu, so wie das Matthäusevangelium.
Es fällt auf, daß danach im 3. Kapitel ein eigenständiger Anfang steht, der die vorangehenden Kapitel nicht brauchen würde. Die beiden Kapitel der Kindheitsgeschichte sind stärker vom semitischen Denken und Sprechen geprägt, aber trotzdem finden sich die typischen Stilelemente des Lukas. Auch sind hier schon fast alle theologischen Themen formuliert, die im weiteren Evangelium aufgegriffen und entfaltet werden.
Zeitlich ist die Abfassung des Lukas nach dem Jahr 70 n. Chr. (Zerstörung des Jerusalemer Tempels) anzusetzen. Die Trennung zwischen Judentum und Christentum ist noch nicht endgültig, die lukanischen Gemeinden rechnen sich noch zum Judentum. Gerade die Personen, die in der Kindheitsgeschichte vorkommen, sollen die Verbindung zum sogenannten Alten Testament deutlich machen. Als gläubige Juden verstehen sie die Geburt Jesu als Kommen des Messias, den Anbruch der Heilszeit Gottes. Ihr Handeln setzt Maßstäbe für Nachfolge Jesu.
Nicht irgendwann
So sorgfältig, wie er das ganze Evangelium gestaltet und formuliert, arbeitet er auch hier. Es liegt ihm sehr viel daran, die Geburt Jesu in die konkreten geschichtlichen Umstände hineinzustellen und auf die Weltgeschichte zu beziehen, Ähnliches tut er auch bei der Erzählung von der Auferstehung.
Trotzdem sind die historischen Fakten nur der Rahmen, es geht ihm nicht um Geschichtsschreibung, sondern um die Verkündigung der frohen Botschaft.
Die Hoffnungen des jüdischen Volkes auf einen königlichen Messias dachten teils an einen neuen König aus dem Stamm Davids, der sein Volk zur alten Blüte zurück führen sollte, teils daß Gott selbst als König kommen sollte um die Schöpfung unter seiner Herrschaft zur Vollendung zu führen. Für Lukas ist Jesus von Anfang an der Sohn Gottes und gehört zugleich zum Stamm Davids. Deshalb muß er in Bethlehem geboren werden, was er mit der Volkszählung begründet, die Kaiser Augustus (31 v. Chr.- 14. n. Chr.) zur Steuererhebung im ganzen Reich durchführen ließ.
Geboren im Stall
Die Geburt Jesu geschieht im Verborgenen, der Kern der Erzählung liegt in den einfachen und nüchternen Worten der Verse 6-7. Maria bringt ihren Sohn zur Welt, von Elisabeth wurde gesagt: „Sie gebar einen Sohn“ (Lk 1,57). Sie tut, was eine Mutter mit ihrem Kind tut, sie wickelt es und sucht einen Platz wo es geschützt liegen kann.
Die Hirten erfahren von der Geburt des Kindes, als gesellschaftliche Außenseiter stehen sie für die Kleinen, Verachteten, Ausgestoßenen, denen als ersten die frohe Botschaft verkündet wird. Sie sind auch diejenigen, die hören, zuhören, beobachten und sich auch auf den Weg machen. Sie brechen auf und finden das Zeichen, von dem ihnen erzählt wird. Auch wenn Furcht die erste Reaktion des Menschen auf die Nähe Gottes ist, lassen sich die Hirten von der Freudenbotschaft, der Frohen Botschaft aus ihrem Gewohnten herausreißen. Zur Botschaft gehört auch ein Lobgesang: die Engel preisen Gottes Herrlichkeit und verheißen den Frieden für die Menschen auf der Erde, Friede im umfassenden Sinn, weil Gott sich den Menschen zuwendet, die offen für seine Gnade sind.
Die Hirten möchten sich überzeugen von dem, was ihnen gesagt wird, und sie lassen sich überzeugen von dem, was sie sehen. Sie bleiben nicht beim freudigen Staunen, sondern werden zu Verkündern und stimmen ein in den Lobpreis Gottes.
Maria erhält durch die Hirten die Botschaft über ihren Sohn, was sie durch den Engel Gabriel und durch Elisabeth gehört hatte, wird durch die Hirten vertieft. Maria nimmt das Wort in sich auf, die einzelnen Botschaften, wollen zusammengefügt, bedacht und verstanden werden, es ist keine Kleinigkeit was über ihr Kind gesagt wird.
Hören, sich auf den Weg machen, über das Gefundene staunen, zum Glauben kommen und in den Lobpreis Gottes einstimmen sind die Schritte der ersten Zeugen der Botschaft, daß Gottesheilszeit begonnen hat, weil er Mensch geworden ist.
Von der Geburt Jesu erzählen nur das Matthäus- und das Lukasevangelium. In beiden Evangelien bilden die sogenannten Kindheitsgeschichten eine in sich geschlossene Einheit, die sich von den Erzählungen über das Wirken Jesu und seine Passion deutlich abheben.
Lukas bietet eine kunstvolle Komposition, in der die Ankündigung und die Geburt Johannes des Täufers und Jesu gegenübergestellt werden. Grundtenor ist die Schilderung menschlich betrachtet unmöglicher Ereignisse, die nur als von Gott gewirkt verstanden werden können. Ist die Geburt Johannes' des Täufers schon wundervoll genug, wird sie von der Jesu noch bei weitem übertroffen. Die ursprüngliche Darstellung der Geburt Jesu dürfte vom Evangelisten Lukas selbst noch weiter ausgestaltet worden sein. Bevorzugte Motive seiner Theologie (z. B. die Liebe zu den Armen und Kleinen) treten auch in dieser Erzählung hervor.
Der erste Abschnitt erzählt von der Geburt Jesu als einem ganz alltäglichen Ereignis und gibt ihr einen historischen und theologischen Rahmen. Dass es sich dabei nicht um Geschichtsschreibung in unserem heutigen Verständnis handelt, zeigt die Tatsache, daß sich die Volkszählung und die damit in Verbindung gebrachten Namen nicht verifizieren lassen. Vielmehr spricht aus den ersten fünf Versen der Theologe: Die Geburt Jesu fällt in eine Zeit, in der Augustus als unumstrittener Herrscher von messianischem Format Anerkennung genießt. Das Land und Volk, aus dem der Messias hervorgehen soll, wird von Statthaltern dieses großen Regenten beherrscht. Wie tief dieses Volk gesunken ist, zeigt sich in der Tatsache, dass Nachkommen Davids sich der Fremdherrschaft zu unterwerfen haben, indem sie sich in deren Steuerlisten eintragen lassen müssen. In diesen historischen Tiefpunkt des Gottesvolkes fällt die Zeit der Niederkunft. Diese verläuft unspektakulär in einfachen ärmlichen Verhältnissen. Bis hin zu den Windeln nichts Außergewöhnliches.
Was sich sichtbarerweise ereignet hat, ist so alltäglich, dass die Bedeutung dieses Geschehens erst durch einen Engel von Gott selbst offenbar gemacht werden muß. Er offenbart die Größe des Ereignisses einfachen Hirten. Diese wurden von der feinen und gelehrten jüdischen Gesellschaft verachtet und galten als von den Heilserwartungen ausgeschlossen, da sie weder den Sabbat noch die Reinheitsvorschriften halten konnten.
In diesem zweiten Abschnitt spiegelt sich die ganze Jesusgeschichte wider: Jesus, der als Mensch in Erscheinung trat und wirkte, wurde in seiner Göttlichkeit nur von den Einfachen und Schlichten erkannt. Diese betrachten ihr Erkennen als Offenbarung Gottes. Alles, was nach außen hin wahrgenommen und als Zeichen gesehen werden kann, ist so unscheinbar und alltäglich wie ein neugeborenes Kind.
Mit dem Evangelium der Weihnachtsnacht vernehmen wir einen der bekanntesten Texte der Heiligen Schrift, der unsere Traditionen rund um das Fest geprägt hat - wie etwa die Krippenlandschaft oder das Krippenspiel, das der Hl. Franz von Assisi im Jahr 1223 erstmalig begangen hat.
Die Geburtsgeschichte bei Lukas ist von jener Ambivalenz durchzogen, die sich bis zum Tod Jesu durchzieht. Zum einen wird Jesus Sohn Davids genannt, von Engeln verkündet, auf der anderen Seite geschieht seine Geburt unter einfachsten Umständen: beinahe auf der Straße, schließlich in einem Stall.
Das ist die entscheidende Heilserfahrung von Weihnachten: Der große Gott, der uns sein Heilsversprechen gibt, tritt ein in menschliche Begrenztheit. Er wird schließlich leiden und gekreuzigt werden - und auferstehen. Auf genau diesen Weg zum Heil will er die Menschheit mitnehmen. Eine Einladung für alle.
Wir suchen Weihnachtsfrieden und -freude, indem wir die harte politische Realität ausblenden. Was bleibt dann von der Weihnachtsbotschaft übrig?
Vor einigen Jahren gab es eine öffentliche Diskussion, ob nicht Weihnachtspredigten vielfach lediglich ein Forum für politische Aussagen seien. Dabei müsse es doch vielmehr darum gehen, an einem Fest, wo Menschen sich nach Frieden und Ruhe sehnen, eine nachdenkliche Predigt zu halten, welche den Glauben in Schwingung bringt. Diese Ansicht wiegt in einem Jahr, in dem Ukrainekrieg, Inflation, Energiekrise und Corona wohl jeden von uns beunruhigen, in einem besonderem Maße schwer. So machen wir uns auf die Suche nach besinnlichen Themen im Weihnachtsevangelium, das wir eben gehört haben.
Es beginnt mit: "Kaiser August erließ den Befehl, alle Menschen in Steuerlisten einzutragen." - Wir hören: Israel ist besetztes Land, eine Besatzungsmacht und ihr Führer treten Freiheit mit Füßen, beuten Menschen aus. Ist dies ein Umfeld für Besinnliches? Müsste man sich hier nicht politisch äußern? Darf man einfach schweigen?
Und es geht weiter: "Josef zog nach Judäa, weil er aus dem Haus und Geschlecht Davids war. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete". - Ein Paar gemeinsam auf dem Weg, die junge Frau, Maria, hochschwanger, aber nicht verheiratet. Undenkbar eigentlich nach damaligen Moralvorschriften, und die Älteren unter uns werden sich auch noch daran erinnern, wie unbarmherzig manche Kirchengemeinden hier bei uns mit Frauen umgegangen sind, die unverheiratet schwanger wurden. Viele Pfarrer haben sich weniger mitfühlend verhalten als Josef, der immerhin seine Frau nicht verstoßen hat, sondern zu sich nahm. Und stehlen sich nicht auch heute noch immer wieder Männer aus der Verantwortung und lassen ihre Frauen im Stich? Schon wieder sind wir in politischen Diskussionen gelandet.
Kommen wir zum nächsten Punkt: "Sie legten es in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war". – Auch das kennen wir: Wohnungsmangel, zu wenig bezahlbarer Wohnraum... Dies spüren besonders Menschen mit niedrigen Einkommen, Menschen, die hier fremd sind. Und dann noch (bald) mit Kleinkind, Kindergeschrei, Lärm... Auch dieses Thema hat wenig mit weihnachtlicher Besinnlichkeit zu tun.
Aber es bleiben ja noch die Hirten, die Nachtwache bei ihren Herden halten. - Blos: Bei den Hirten kommt schnell die Frage auf nach prekären Arbeitsverhältnissen, nach Menschen, die, so wie die Mitarbeitenden in der Pflege, Tag und Nacht im Einsatz sind, aber nicht besonders üppig entlohnt werden. Und dann bin ich sogar ganz schnell bei all den prekären Beschäftigungsverhältnissen und den daraus resultierenden sozialen Spannungen in unserem Land, den Mitarbeitern in Fleischfabriken und in der Obst- oder Spargelernte, deren Lebens- und Arbeitsverhältnisse weit entfernt sind von dem, was wir unter Sozialverträglichkeit verstehen. - Vertreibt ein tieferer Einstieg in die Thematik uns nicht die Weihnachtsstimmung?
Immerhin, da ist noch die Botschaft der Engel: "Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch große Freude. Heute ist euch der Retter geboren." Und dann der Engelchor: "Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede den Menschen seines Wohlgefallens". - Wir hören es: Gott bricht in das Leben der Hirten, aber auch in unser Leben ein. Eine großartige Zukunft liegt vor uns, wenn wir uns auf diese Botschaft einlassen. Wenn wir uns nicht fürchten über die Botschaft der Engel, wenn wir bereit sind, unser Leben grundlegend zu ändern. Wenn wir umkehren, unserem Leben neue Perspektiven geben. Diese freudige Botschaft wird heute verkündet. Sie kann unsere Herzen frohmachen und Weihnachtsstimmung aufkommen lassen.
Aber vielleicht wundern Sie sich, warum trotz dieser weihnachtlichen Klänge von diesem Frieden so wenig zu spüren ist? Ich kann mir vorstellen, dass dies eben das Ergebnis ist, wenn man von der Weihnachtsbotschaft alles wegstreicht, was einem an Weihnachten nicht wirklich passt. Dann bleibt am Ende nur eine hohle Phrase, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein hat. Vielleicht ist dies auch das Ergebnis, wenn wir den ganzen politischen Sprengstoff, den die Botschaft des Jesus von Nazareth enthält, auf dem Altar einer rührseligen Weihnachtsduselei opfern.
Möge die Botschaft der Weihnacht bei uns hörbar bleiben!
Gesegnete Weihnachten!
Das Weihnachtsfest meditiert die Bedeutung der Menschwerdung Jesu für unsere Welt. Es steht im Kontrast zu weltlichen Initiativen und Feiern. Gott zeigt seine Größe, indem er sich zu uns herabneigt. Er rettet die Welt nicht durch das Zeigen seiner Stärke, sondern durch einen neuen Umgang mit den Menschen.
In einer Legende fragt ein Schüler seinen geistlichen Lehrer: „Warum haben früher Menschen Gott gesehen, und warum sehen sie ihn heute nicht mehr?“ Der Meister antwortete: „Weil sich heute keiner mehr tief bücken kann.“
Die Heilige Schrift fasst den Inhalt des Weihnachtsfestes an verschiedenen Stellen so zusammen: „Ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt.“ (Jes 9,5). Oder ganz kurz: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14). Dieses Johannesevangelium ist so wichtig, dass es während der Weihnachtszeit mit diesem letztgenannten Satz dreimal verkündet wird.
Erste Lesung und Evangelium geben Einblick in die jeweilige Zeitgeschichte, Jesaja selbstverständlich wesentlich früher als das Evangelium. Die Umstände und die politischen Zustände hingegen sind ziemlich gleich geblieben. Im Buch Jesaja (ausgehendes 8. Jhdt. v. Chr.), Zeit der assyrischen Bedrohung Israels von außen, Korruption in der Oberschicht und Gottvergessenheit von innen. Die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen werden im Textbild so dargestellt: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel im Blut gewälzt, wird verbrannt.“ (Jes 9,4). Mantel und Fußbekleidung wärmen in diesem Fall nicht. Der Stiefel ist Zeichen brutaler Machtergreifung, „wie man jubelt, wenn die Beute verteilt wird.“ (Jes 9,2). Das kann man heute sogar in den Medien sehen, dazu auch die vielen unschuldigen Menschen, die im Dunklen leben, nicht nur deswegen, weil ihnen das Licht abgedreht wird durch Zerstörung der Infrastruktur, sondern auch durch die Dunkelheit des Elends und der Hoffnungslosigkeit. Das alles macht krank.
Lukas berichtet im Evangelium von einer Volkszählung zur Zeit des Kaisers Augustus. Das stimmt historisch vermutlich nicht ganz. Mit der Volkszählung ist die Demütigung des Volkes Israels durch die römischen Behörden gemeint. Dieses Volk ist nicht mehr Herr über sein eigenes Vermögen. Die Steuerlisten dienen dazu, um zu sehen, was man an Geld und anderem Vermögen aus dem Volk dieser Provinz noch herauspressen kann. Man wollte auch feststellen, wer von den Männern als Soldat (Realsymbol Stiefel) für den Wehrdienst noch geeignet ist. Das Militär kommt hier ganz schlecht weg. Zur Ehre des Militärs muss man sagen, dass es in einigermaßen zivilisierten Staaten heute auch viele friedensstiftende Aufgaben übernommen hat, etwa Hilfe bei Naturkatastrophen oder in kriegsgefährdeten Gebieten weitere Eskalationen zu verhindern sucht.
Gott wird Mensch unter schlechtesten Bedingungen. Welches Königskind würde heute in einer Höhle oder armseligem Stall zur Welt kommen? Wärme vielleicht durch Windeln, Decke oder die natürliche Wärme der Tiere, Stroh, das nicht unbedingt eine weiche Unterlage bildet. Gott kam als Mensch in die Welt, „aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11). Das geschieht leider heute auch in weiten Kreisen durch Ablehnung, Gleichgültigkeit, Unwissenheit, Ignoranz und Intoleranz. Auf diese Weise kann er in den Herzen dieser Menschen keine Aufnahme finden. Gott ist auch heute bei vielen Menschen auf Herbergssuche. Bedenken wir: Gott kommt in der Verkleidung unseres Lebens und die ist extrem unterschiedlich. So können wir bei der Geburt Jesu von einer „Karriere nach unten“ sprechen.
Unter Kaiser Augustus - er wird ja im Evangelium genannt - erlebte das römische Imperium die längste Friedensperiode seines Bestehens und auch die Geburt Jesu. Möglich, dass Augustus von der Geburt Jesu überhaupt nichts erfahren hat, nur die Herrscher in den Provinzen zitterten um ihre Macht. Worauf stützt sich diese Macht und die lange Friedenszeit des Augustus? Es ist die PAX ROMANA, die auf Angst, Militär und Gewalt aufbaut, dagegen die PAX CHRISTIANA, die ohne Militär, ohne Angst uns „befreien will von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden“ (Titus 2,12), die uns frei macht, was uns an schlechten Eigenschaften besetzt hält. Jesus ist gekommen, um zu retten und nicht zu richten. Deswegen begibt er sich auf eine „Karriere nach unten“. „Ehre sei Gott in der Tiefe!“ Papst Franziskus erinnert uns fast täglich an die „Option für die Armen“, damit wir nicht nur kurzfristig bei den verschiedenen Spendenaktionen, im Besonderen „Licht ins Dunkel“ Licht in die Welt tragen, sondern möglichst lange denen helfen, die vor Sorgen nicht mehr schlafen können.
Das Evangelium dieser Nacht ist nicht nur gute Nachricht, sondern auch Frohe Botschaft.
Zu Weihnachten steht das Bild vom Kind in der Krippe im Mittelpunkt. Es ist zum Symbol geworden für das Leben, das Gott schenkt. Wer sich von diesem Kind berühren lässt, wird mit Zuversicht und Hoffnung beschenkt.
"Mein" Weihnachtserlebnis hatte ich dieses Jahr genau eine Woche vor dem großen Fest. Mit vereinten Kräften reinigten wir unsere Kirche und bereiteten sie auf Weihnachten vor. Das hat mich ganz schön angestrengt. Zum Abschluss bekamen wir Besuch von einer Familie unserer Gottesdienstgemeinde. Zusammen mit ihren Patenkindern "inspizierten" sie unsere Arbeit. Der kleine Elias durfte von den Schultern des Patenonkels aus erhöhter Position das Ganze betrachten. Er war "happy" und begrüßte mich mit einem strahlend frohen Gesicht, obwohl wir uns zuvor noch nicht gesehen hatten. Vergessen waren die zurückliegenden Mühen und ich wusste nun spontan, dass ich mich nicht umsonst angestrengt hatte und dass es im Leben noch eine andere Dimension gibt, die ich im Alltag leicht vergesse.
Ein paar Stunden später erlebte ich Ähnliches, als ich von einer Gottesdienstaushilfe in einer anderen Pfarrgemeinde nach Hause ging. Den Kopf hatte ich voll mit schweren Gedanken und Sorgen, die mir auf dem Weg bewusst geworden sind. Wenige Meter vor unserem Haus begegnete mir eine Gruppe von Menschen, sie waren offensichtlich auf dem Heimweg nach einem Spaziergang durch Wiener Weihnachtsmärkte. Ein Bub in einem ähnlichen Alter wie Elias saß auf den Schultern eines großgewachsenen Mannes. Er grüßte mich von weitem mit einem fröhlichen Lachen und fragte mich, wie ich heiße und wo ich wohne. Auch ich fragte ihn nach seinem Namen und wo er wohne. Er erzählte mir, dass er Michael heiße, bezüglich der Wohnung konnte er nur vage die Richtung andeuten…
Diese Begegnungen haben mich aus meinen manchmal trüben Gedanken über die gegenwärtige Situation der Kirche und die Zustände in unserer Welt mit ihren Kriegen, Krisen und Konflikten herausgeholt und weckten in mir Freude und tief gefühlte Hoffnung.
Heute steht, bzw. liegt ein neugeborenes Kind im Mittelpunkt unseres Feierns. Die Umstände, unter denen es zur Welt kam, lösen in vielen Menschen Mitgefühl und Sorgen aus: Der Stall, die winterliche Kälte, die nahe Stadt, in der kein Platz für sie war, das Gefühl des politischen und religiösen Niedergangs im ganzen Lande. Es brauchte wohl eine besondere Gabe, in dieser Situation Engel singen zu hören…
Und dennoch hielt in diesem Moment die Welt den Atem an und einige wenige Menschen waren ergriffen vom Geheimnis des Lebens, das stärker ist als alle Mächte, die das Leben bedrohen.
Der Glaube an einen Gott, der Leben schenkt und Neues entstehen und wachsen lässt, lässt uns einen Moment den Atem anhalten, ehrfürchtig staunen, Leben wertschätzen und dafür dankbar zu sein. Gläubige Menschen sehen in diesem Kind das Göttliche des Lebens und schöpfen daraus Hoffnung und Zuversicht für unsere Welt samt all ihren Krisen. Weihnachten spricht sogar Menschen an, die mit Kirche und Religion nicht viel anzufangen wissen.
Gläubige Christen sehen darüber hinaus in diesem Neugeborenen "das Göttliche Kind", den menschgewordenen Messias, den fleischgewordenen Gott. Für sie hat dieses Kind einen Namen: Jesus, "Gott rettet", Emmanuel, "Gott ist mit uns".
In den Tagen vor Weihnachten haben wir uns darauf vorbereitet, dass wir fähig sind, das Geheimnis dieses Festes im ursprünglichen Sinn des Wortes wahr-nehmen zu können, die hinter dem Weihnachtstreiben stehende Wahrheit zu entdecken.
In den nun folgenden Tagen werden wir nicht genug darüber nachdenken können, welche Konsequenzen dieses Fest für uns im Umgang mit dem Geschenk des Lebens und des Glaubens an seinen göttlichen Ursprung mit sich bringt.
Für heute genügt es, wenn wir vor diesem Geheimnis des Lebens und des Glaubens innehalten, uns davon berühren lassen, dankbar staunen und den Schöpfer loben. Mehr als alle von uns gemachten "Weihnachtszutaten", mehr als alle Gedankenkonstruktionen wird uns das Berührtsein vom Geheimnis des göttlichen Kindes Hoffnung und Zuversicht für unser Leben schenken.
Es ist nichts anders. In dieser Nacht.
An der Grenze frieren Flüchtlinge. An einer anderen marschieren Soldaten auf. Auf vollen Intensivstationen ringen Menschen mit dem Tod. In den von der Flut im Sommer betroffenen Regionen haben viele ihr Zuhause verloren. Irgendwo in der Einöde wird ein Kind geboren. Es ist nichts anders. In dieser Nacht.
Doch wie viele Menschen in dieser Nacht miteinander verbunden sind! Der Kaiser Augustus und sein Statthalter Quirinius … Maria und Josef mit ihrem ersten Kind, gerade geboren … der König David, Ururururgroßvater … Hirten und … Engel. Nun ja, eigentlich sind Engel keine Menschen – ein großes himmlisches Heer. Aber da wir noch in der Reihe fehlen, kommen wir dazu. Zuschauer, Pilger und Fremde – Neugierige, Enttäuschte und Menschen voller Hoffnung.
Dann bauen wir die Krippe auf. Mit den Figuren, die schon so lange darauf warten, wieder dabei zu sein. Es entstehen zauberhafte Landschaften. Oder auch karge Wüsten. Oder ein Mehrfamilienhaus. Oder ein Flüchtlingslager. Oder ein Gefängnis. Oder eine zerbombte Stadt. Mitten drin – die Krippe. Manchmal muss man sie suchen. Sie wirkt wie verloren. Vielleicht ist sie auch nur versteckt. Damit wir sie finden.
Wie viele Menschen doch in dieser Nacht miteinander verbunden sind! Nur Augustus und sein Statthalter fehlen. An der Krippe. Sie fehlen wirklich! Hier gehörten sie hin! Ochs und Esel können sie nicht vertreten - und tuen es doch.
Es zeichnet sich etwas ab. In dieser Nacht.
Zu Weihnachten gehört doch die Nacht. Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft. Einsam wacht…. Viele Geschichten ranken sich um die Nacht, um die Kälte, um eisige Nächte. Um eisige Herzen.
Im Evangelium erzählt Lukas nichts von einer Nacht. Auffälligerweise. Nur, dass die Herrlichkeit, der Glanz Gottes auf die Erde kommt. Die Spur in die Nacht aber hat ein anderer gelegt. Jesaja. Prophet Israels:
Das Volk, das in der Finsternis ging,
sah ein helles Licht;
über denen, die im Land des Todesschattens wohnten,
strahlte ein Licht auf.
Finsternis ist mehr als Nacht. Es fehlen die Sterne. Es fehlt der Mond.
Finsternis ist die Welt im Dunkeln - das Leben der Menschen verliert sich.
Finsternis ist das Warten ohne Lichtschimmer - die Nacht ist ohne Tag.
Finsternis ist der Tod – er spukt und versteckt sich zwischen allen Zeilen.
Wir kennen die widerstrebenden Gefühle und die verängstigten Blicke,
Wir sind hilflos bei den vielen Schuldzuweisungen und der blinden Aggressivität,
Wir sind überfordert mit Trauer und Verzweiflung vieler Menschen.
Staunend, verwundert hören wir die Engel mit ihrem Lobgesang.
Gibt es noch etwas zu singen? Und zu lachen? Wenn Gott kommt,
wird der Himmel hell und die Erde von Glanz schön.
Denn ein Kind wurde uns geboren,
ein Sohn wurde uns geschenkt.
Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt.
Man rief seinen Namen aus:
Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott,
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Es gibt etwas zu sehen. In dieser Nacht.
Ein Kind hat das Licht der Welt erblickt. Gerade. Eine kleine Notiz im Evangelium. Mehr nicht. Einen Namen hat das Kind auch noch nicht. Da müssen wir noch etwas warten. Es wird nur von einem Kind erzählt. Von einem Kind unter vielen. Nichts Besonderes. Nichts Heiliges. Wenn da nicht die Engel wären, nicht die Worte, nicht der Glanz – ich wüsste nichts. Von Gott auch nicht. Die Windeln soll ich aber sehen. Und die Krippe. Riechen soll ich das Stroh. Es riecht nach Sommer:
Sie – Maria - wickelte ihn in Windeln
und legte ihr Kind in eine Krippe,
weil in der Herberge kein Platz für sie war.
Einfach so: sie legte ihn in eine Krippe.
Ein Kind träumt. Man kann ihm dabei zusehen. Stunde um Stunde. Man kann sich nicht sattsehen.
Ein Kind fängt an. Mit den ersten kleinen Schritten. Vergangenheit hat es noch nicht. Nur Zukunft.
Ein Kind wächst. Es wächst in das Leben hinein. Es erobert sich die Welt.
Ein Kind weint. Warum weint es, fragen die Eltern. Unerfahren. Manchmal verängstigt. Warum?
Ein Kind bockt. Es lernt seine Stimme kennen, es entwickelt einen eigenen Willen, es trotzt.
Ein Kind schmiegt sich an. Es sucht Nähe, Haut, Atem, Liebe.
In der Herberge war kein Platz! Was ist, wenn es in der Welt keinen Platz mehr gibt. Für Menschen? Für ein Kind?
Es wird etwas anders. In dieser Nacht.
Dass Gott selbst einer von uns Menschen wird, feiern wir. Im ältesten Hymnus – Paulus überliefert ihn – besingen Menschen, dass Gott sich seiner Herrlichkeit, seiner Göttlichkeit, seiner Allmacht entäußert – und den Menschen gleich wird, gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum Tod am Kreuz (Phil. 2,5ff)..
Die ersehnte Allmacht Gottes hat Menschen immer schon verführt.
Sie brauchen ihn als Feigenblatt für ihre eigenen Allmachtsphantasien.
Sie nutzen ihn aus für Dummheit und Bequemlichkeit.
Sie verstecken sich hinter ihm, um Geschichte zu schreiben und Geschäfte zu machen – Unterdrückung, Hass und Angst inclusive.
Sie schieben in vor, wenn sie einen Schuldigen brauchen für die von ihnen verkorkste Welt.
Sie können ihn auch gut für ihre Frömmigkeit gebrauchen. Die steht sogar Tyrannen gut.
Gott aber lässt sich nicht länger missbrauchen. Er verlässt den Thron, auf den man ihn bannen wollte! Er wird nicht einfach Mensch – er wird Kind. Er träumt. Er fängt an. Er wächst. - Er weint. Er bockt. Er schmiegt sich an. Die Engel kommen zu ihm. Ihm singen sie das Lied von seiner Ehre. Uns singen sie das Lied vom Frieden.
Die große Herrschaft
und der Frieden sind ohne Ende
auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
es zu festigen und zu stützen
durch Recht und Gerechtigkeit,
von jetzt an bis in Ewigkeit.
So schon Jesaja. Schon wieder. Die Engel.
Was die Herren dieser Welt vergeigen (es können auch Frauen sein), wird im Himmel neu gesungen: Ein Kind trägt die Welt.
Allmächtig ist die Liebe. Nur die Liebe. Sie fängt einfach klein an, sie braucht keine Vergangenheit – nur Zukunft. Manchmal ist sie ganz trotzig. Nähe gewährt sie immer. Sie erobert die Welt.
Es ist alles ganz anders. In dieser Nacht.
Suchen wir Gott, finden wir ihn in einer Krippe.
Sehnen wir uns nach ihm, führt er uns zu Menschen.
Lieben wir ihn, wachsen unter uns Recht und Gerechtigkeit.
Es wird alles ganz anders. In dieser Nacht.
In meinem Kopf, in meinem Herzen, in meiner Welt.
Ich werde anders. In dieser Nacht.
Und der Friede Gottes,
der Nächte hell macht,
der gebe unserem Leben Klarheit.
In Christus Jesus,
unserem Herrn.
Was können wir den Dunkelheiten des Lebens, die immer wieder über die Menschheit hereinbrechen, entgegensetzen? Das Licht, das Gott aufleuchten lässt, erschien in der Gestalt eines Kindes. Diese bringt uns Heilung, Rettung und Erlösung.
„Ich steh´ an deiner Krippe hier
und kann mich satt mich sehen“,
so beginnt das Lied des reformatorischen Predigers, Pfarrers und Liedermachers Paul Gerhardt (1607-1676) und so möchte auch ich meine Betrachtungen in dieser hochheiligen Nacht einleiten und dazu aber auch einen Blick auf die Texte, die wir soeben gehört haben, werfen.
Bei der Meditation vor der Krippe kommt mir auch ein Liedtext des Jesuiten Friedrich Spee (1591-1635) in den Sinn. Er hat in der Zeit schwerer Religionskriege gelebt. Sie haben Europa viele Todesopfer gekostet, und es war eine Zeit, in der viele Frauen unschuldig den Tod fanden, weil sie für Hexen, für Unglücksbringer gehalten wurden. Es war eine Zeit voll Leid, Finsternis und Dunkelheit.
„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt,
worauf sie all ihr Hoffen stellt?“,
so fragt Friedrich Spee in der 4. Strophe des Liedes „O Heiland reiß die Himmel auf“. Heute überflutet eine Coronawelle nach der anderen den Erdball, Millionen Menschen sind davon betroffen durch Quarantäne, Einsamkeit, Existenzsorgen und Not. Dazu kommen noch Flüchtlingsprobleme. Auch heute viel Dunkelheit und Finsternis. Sie steht nicht nur für das Böse, sondern auch für Unkenntnis, Unsicherheit und Dummheit.
Gottesfinsternis auch bei uns. Sie wird ausgeblendet, indem sehr oft Äußerlichkeiten dieses Festes den Blick auf den Inhalt verstellen. Das süße Weihnachtsbaby in der Krippe, keine Spur von der Beschwerlichkeit irdischen Lebens, das Kind nicht auf weichen Polstern, sondern auf Stroh gebettet, die Armut der Hirten, die sich schon in der Darstellung der Krippenfiguren zeigt.
„Wo bleibst du Trost der ganzen Welt,
worauf sie all ihr Hoffen stellt?“
Im Innersten hält doch jeder Mensch Ausschau nach dem wahren Licht, dem Seelentrost, nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit.
Lehrt nicht auch die Krippe Bescheidenheit, dass wir uns noch mehr darum kümmern sollten, menschliche Grundbedürfnisse wie Wohnung, Kleidung, Nahrung ausreichend zur Verfügung zu stellen, sodass niemand im Elend versinken muss?
Auch die 1. Lesung spricht zunächst von Dunkelheit im Sinn von politischen Gewaltmaßnahmen: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt“, aber dann der Wendepunkt: „Das Volk Israel sieht ein helles Licht, das Freude schenkt.“ Dieses helle Licht ist auch in der Krippe zu sehen, friedvoll, erwärmend, beruhigend.
Ein hilfloses Kind wird gefeiert mit den Grenzerfahrungen dieser Welt. Dieses Kind liefert sich aus mit dem Widerstand von allen Seiten und endet kläglich am Karfreitag, im Tod. Und doch wird Jesus das Böse und den Tod besiegen nicht durch Waffengewalt oder irdische Machtspiele sondern mit der Ohnmacht der Liebe.
Ein weiterer Gedanke an der Krippe kommt aus dem Lukasevangelium: „Und das soll euch ein Zeichen sein: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Der evangelische Theologe und Kirchenhistoriker Franz Overbeck (1837- 1905) schreibt: „Das Christentum liegt in jüdischen Windeln.“ Das haben wir lange Zeit vergessen mit allen Auswirkungen des Antijudaismus bzw. Antisemitismus. „Nicht du trägst die Wurzel [Jesse], sondern die Wurzel trägt dich.“ (Röm 11,17-20).
Gott besucht die Menschen. Wenn Gott in Jesus zu Besuch kommt, bringt er Geschenke. Diese können wir allen Evangelien, so auch Lukas entnehmen: Heilung, Rettung, Erlösung, damals und heute. Heute geschieht dies vielfach durch rettende Engel in Menschengestalt. Im Evangelium heißt es: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren.“ Dieser Gedanke wird weitergeführt beim greisen Simeon: „Denn meine Augen sahen dein Heil, das du allen Völkern bereitet hast.“ (Lk 2,30).
Nochmals soll Paul Gerhardt zu Wort kommen mit der letzten Strophe seines Liedes:
„Ich sehe dich mit Freuden an
und kann nicht satt mich sehen
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O, dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen.“
Gott und Mensch stehen so im Mittelpunkt einer unendlichen Heils- und Liebesgeschichte. – Gnadenreiche Weihnachten, Ihnen allen!
Die ungewöhnlichen Umstände, unter denen wir in diesem Jahr Weihnachten feiern, werden wir kaum vergessen. Diese passen besser zu den biblischen Weihnachtserzählungen als das Glitzern und der Nervenkitzel, den wir rund um dieses Fest gelegt haben. Sie können auch eine Chance sein, dass wir dem eigentlichen Inhalt des Festes näher kommen.
Viele Menschen feiern in diesem Jahr Weihnachten an ungewöhnlichen Orten unter ungewöhnlichen Umständen. In diesem Erleben sind sie den Akteuren der Weihnachtserzählungen, Maria, Josef, den Engeln und Hirten näher als in anderen Jahren. Wenn Gott in das Leben eines Menschen eintritt, geschieht das meist auf ungewöhnliche Weise.
"Wann ist Weihnachten?" fragen Kinder in einem Werbespot des Fernsehens. 2020 müssen wir diese Frage abwandeln. Viele fragen sich: Wo ist Weihnachten? Wo können wir in diesem Jahr Weihnachten feiern? Die Reisebeschränkungen hindern nicht wenige daran, Weihnachten mit ihrer Familie zu feiern. Besucherbeschränkungen hindern viele daran, ihre Lieben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen zu besuchen und mit ihnen zu feiern. Manche sind positiv getestet worden oder mussten sich als Kontaktpersonen in Quarantäne begeben und können bestenfalls im Fernsehen etwas vom Weihnachtsfest mitbekommen. Manchen bleibt nichts anderes übrig, als den Weihnachtsgottesdienst über das Fernsehen mitzufeiern.
Wo feiern Sie Weihnachten? Wie feiern Sie Weihnachten? Ist das noch Weihnachten? Was kann ich von einem solchen Weihnachtsfest erwarten?
In dieser ungewöhnlichen Situation sind wir gar nicht so fern vom Ur-Weihnachten, von dem uns die Evangelisten Lukas oder auch Matthäus erzählen. Maria und Josef werden sich ihren Aufenthalt in Betlehem auch anders vorgestellt haben. Dass sie zur Geburt ihres Kindes mit einem Stall vorliebnehmen müssen, werden sie sich nicht einmal in Albträumen vorgestellt haben.
Rund um Weihnachten werden in den Gottesdiensten viele alte biblische Erzählungen in Erinnerung gerufen, die berichten, dass Gott für Menschen unerwartet und ganz anders, als sie sich das gewünscht haben, in ihre Leben getreten ist. Wenn Gott zu Menschen kommt, ist das für Menschen auf jeden Fall ungewöhnlich. All diesen Erzählungen ist gemeinsam: Die Begegnung mit Gott kann man nicht machen. Sie geschieht oder geschieht nicht. Sie ist diesen Menschen passiert, widerfahren, geschenkt worden.
Mehr als in anderen Jahren haben wir 2020 zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir nicht alles machen oder erzwingen können, was wir gerne hätten und wie wir es gerne hätten. Uns ist die Pandemie widerfahren und wir haben uns in die Gegebenheiten fügen müssen. Auch Weihnachten können wir nicht machen und erzwingen. Das erleben wir dieses Jahr besonders eindringlich. Leicht verfestigt sich der Eindruck, wenn wir alles richtig machen, alles gut vorbereiten, dann bekommen wir gute Weihnachten. So viel wir für das Weihnachtsfest auch vorbereitet haben, das Eigentliche des Weihnachtsfestes kann niemand erzwingen. Es widerfährt einem, es geschieht, es wird uns geschenkt: Die Begegnung mit lieben Menschen, dass wir sie glücklich erleben oder selbst glücklich sind, die Freude in ihren Augen und in den Augen der Kinder werden uns geschenkt. Auch die Begegnung mit dem Göttlichen, dass Gott uns nahe kommt, in unser Leben tritt, dass wir erfahren, dass Gott da ist, können wir nicht herbeizwingen, es wird uns geschenkt.
In der Weihnachtserzählung wurden uns Josef und Maria vorgestellt: sie mussten in all den Ereignissen rund um die Geburt ihres Kindes annehmen lernen, dass Gott sehr ungewöhnliche Wege geht, um seine Pläne mit den Menschen zu verwirklichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie Wut, Enttäuschung, Verzweiflung erlebt haben, sich am Rand ihrer Kräfte gefühlt haben. Dennoch ist in der Geburt ihres Kindes nicht nur der Retter der Welt, der Erlöser der Menschheit zur Welt gekommen, sondern vor allem Gott in ihr Leben getreten. Im neugeborenen Kind sind sie mit Gott und dem Geheimnis des Lebens in Berührung gekommen.
Erzählt wird uns auch von Engeln. Sie verkünden die Frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Sie geben den einfachen menschlichen Ereignissen eine religiöse Deutung. Nur wenige hören ihre Stimmen und nur bei wenigen kommt ihre Frohe Botschaft an. Was die Engel den Hirten über das Kind ausrichten, gilt in gleicher Weise auch uns.
Schließlich wird uns auch noch von Hirten erzählt. Wir wundern uns, wie schnell sie all diese geheimnisvollen Zusammenhänge begreifen. Uns haben sie voraus, dass sie in so einfachen Verhältnissen leben, dass sie den Wahrheiten der grundlegenden Lebenswirklichkeiten näher sind als wir in unseren komplexen Wahrnehmungen. Sie sind einfach offen für die religiöse Dimension dessen, was sie sehen und wahrnehmen, und erleben so eine Gottesbegegnung, die ihnen widerfährt, passiert, geschenkt wird.
Weihnachten 2020 kann für uns trotz aller Widrigkeiten auch eine Chance sein. Die meisten von uns erleben es in ungewöhnlichen Umständen, viele auch an ungewöhnlichen Orten. Wo immer wir sind, Gott kann hier und heute in unser Leben eintreten. Wir können ihm begegnen in der Gestalt des Kindes in der Krippe oder auch in der Begegnung mit Menschen, durch die uns Gott berührt und sagt: Fürchte dich nicht! Ich bin da, mitten in deinem Leben, wo auch immer ich dich antreffe.
Gerade in den schwierigen Umständen, unter denen wir 2020 Weihnachten feiern, kommt zum Tragen, dass Gott ein Gott ist, der mit uns durch alle Höhen und Tiefen des Lebens geht.
Diese Zeiten sind nicht wahrlich einfach, überhaupt nicht einfach. Sehr herausfordernd. Und es ist deutlich zu merken: Es wird jeden Tag schlimmer. Wo soll das alles noch hinführen? Wie soll das enden? Aber dann geht's doch noch irgendwie: Am Ende finden Maria und Josef auf ihrem Weg von Galiläa nach Judäa kurz vor der Geburt ihres Sohnes einen Platz für die Niederkunft ihres ersten Kindes. Es kommt schließlich zur Welt, unter Umständen, die man heutzutage eigentlich niemanden mehr zumuten möchte. Eigentlich. Die Welt sieht an vielen Stellen dahingehend leider anders aus, als wir das gerne hätten.
Da liegt er also nun, der neue König der Menschheit, der den König von Israel, Herodes, so erzittern lässt. Auf Stroh, in einem Stall, die Eltern derzeit noch völlig mittellos - die berufliche Karriere Josefs kam erst später ins Rollen -, und die erste Gesellschaft Jesu: Ochs und Esel. Unter einem dramatischen und alles verändernden Heilsereignis, in dem der Messias, der Retter, in die Welt eintritt, haben sich vermutlich alle, die damals drauf gewartet haben, etwas Anderes vorgestellt. Später trudeln statt überschwenglichen Glückwunschadressen Hirten mit ihrer Herde ein. Ein wenig danach ausländische Kaufleute einer anderen Kultur. Die Wirkmächtigkeit dieses Heilsereignisses ließ sich hier nicht einmal erahnen. Wie soll das gehen, was soll da kommen?
Und so geht es weiter: Später wird der Messias ein Wanderprediger, voll von guten Taten und Worten wohl, aber sterben muss er am Kreuz wie ein Verbrecher, weil die Politik was gegen ihn hatte. Ein Kommen und Wirken mit Macht und in Pracht und Herrlichkeit sieht definitiv anders aus.
Der Apostel Paulus hat das einmal seinen Gemeindemitgliedern in Philippi so erklärt: "Jesus entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen."
Und das feiern wir jetzt in dieser unserer Zeit, in der wir auch immer wieder feststellen: Es ist wahrlich nicht einfach, überhaupt nicht einfach. Sehr herausfordernd. Und es ist deutlich zu merken: Es wird jeden Tag schlimmer. Und immer wieder fragen wir uns: Wo soll das alles noch hinführen? Wie soll das enden? In dieser Zeit feiern wir die Menschwerdung Gottes. In dieser Not. Klar, wir nehmen diese Zeit unterschiedlich wahr - je nach Intensität der Betroffenheit. Aber selten fühlte sich die Menschheit als Ganze so bedroht wie gerade jetzt während dieser Pandemie.
Und unser Erlöser erscheint mitten darinnen nicht in Herrlichkeit, sondern in einer Krippe.
Wer so von außen betrachtend an unser Fest herangeht, wer so dem Kind in der Krippe begegnet, hat zunächst einmal Recht mit seinen Gedanken und Reflexionen. Nach logischen und menschlichen Maßstäben machen solche Bedenken absolut Sinn. Ein mächtiger König und Erlöser in einer Krippe - da stimmt was nicht. Nur: Gott funktioniert weder logisch noch nach menschlichen Maßstäben. Gott ist barmherzig und gnädig, er ist empathisch, er orientiert sich am Wesen des Menschen und dazu gehört auch menschliches Leiden, die Niederungen menschlicher Existenz.
Im alttestamentlichen Buch Exodus spricht Gott noch zu Mose: "Ich bin der Herr, dein Arzt." In der Geburt Jesu ändert sich diese Situation schließlich. Aus dem Arzt, der dem Menschen gegenübersteht, in sein Leben eingreift und der hoffentlich gesünder, weitsichtiger und weiterschauend ist als der Patient Mensch, wird der Gott des Lebens, der nicht mehr nur von außen eingreift sondern mitträgt. Was kein Arzt und kein Therapeut machen darf, nämlich die Krankheiten und Beschwerden seines Patienten annehmen - Gott tut es: Gott kommt in die Not, in das Elend und in die Begrenztheit unserer Existenz und lässt in Christus, unserem Erlöser, wahr werden, was der alttestamentliche Psalmbeter hoffend und glaubend gesprochen hat: "Er führt mich hinaus ins Weite, er befreit mich, denn er hat an mir Gefallen." All die Not, die äußere und die dem Menschen innewohnende, alles, was in die Enge treibt und Ängste bewirkt, wird unter der Herrschaft Gottes wohl nicht einfach so zunichte gemacht und löst sich in Luft auf, aber wird in einen größeren und weiteren Horizont unserer Existenz gestellt und kann so in gläubiger Annahme einen neuen Sinn bekommen.
So geht Königsherrschaft auf Gottes Weise. Der Prophet Jesaja bringt diese nach menschlichem Ermessen widersprüchliche Situation in klingende Worte, wenn er die Leute wissen lässt: "Ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt." Damit ist die Menschwerdung Gottes in einem Stall, mit Ochs und Esel als erste Zeugen, gefolgt von Verfolgung und schließlich von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten nur konsequent gemäß der Heilslogik Gottes.
Damit werden unsere Zeiten nicht einfacher, nicht weniger herausfordernd. Überhaupt nicht. Und vielleicht müssen wir in diesen Tagen der Weihnachtsfeierlichkeiten resigniert feststellen, dass sie den Frust über die Pandemie und ihre üblen Folgen nicht einfach so wegwischen - vor allem dann, wenn wir erleben müssen, dass Vertrautes und sehr Liebgewonnenes wie Begegnungen mit unseren Liebsten nicht möglich sind. Aber die Menschwerdung Gottes in einem Stall lässt uns auch wissen: Gott geht mit durch Hochzeiten des Leben und alle Enttäuschungen, er geht mit durch Berg und Tal - denn er ist: Immanuel - Gott mit uns.
In den fest verwurzelten Weisen, Weihnachten zu feiern drückt sich der tiefere Sinn des Festes aus. Wir feiern das Wohlwollen und die Liebe Gottes. Es ist aber wichtig, dass wir uns diesen tieferen Sinn bewusst machen, damit er uns nicht entgleitet.
Die Christmette erlebe ich jedes Jahr als ein großes Aufatmen. Zu Ende ist die anstrengende Zeit der Weihnachtsvorbereitungen. Die Geschenke sind gekauft und meistens auch schon übergeben. Das Festessen befindet sich zum Teil schon in Verdauung oder ist zumindest schon vorbereitet. Jetzt haben die meisten Menschen Zeit, sich einander zuzuwenden.
Wozu tun wir uns das jedes Jahr an? Was hat das mit Weihnachten zu tun? Oft wird kritisiert, dass viele, die Weihnachten feiern, gar nicht mehr wissen, warum wir feiern. Meist wird als Grund für das Fest der Geburtstag Jesu angegeben, obwohl wir genau genommen den Termin seiner Geburt gar nicht wissen. Und was feiern jene, die mit Jesus nichts am Hut haben und sich vom Christentum distanzieren?
Wir Christen verbinden mit diesem Fest mehr als eine Geburtstagsparty für Jesus. Wir lesen die großen Erzählungen von seiner Geburt, weil sich darin das zentrale Glaubensgut des Christentums ausdrückt: Das Wohlwollen Gottes gegenüber den Menschen und gegenüber der ganzen Schöpfung ist so groß, dass er selbst Mensch geworden ist und die Lebensrealität der Menschen geteilt hat. Das Kind in der Krippe, seine Geborgenheit bei seinen Eltern, der Willkommensgruß der Hirten sind zum Bild des Wohlwollens und der Liebe Gottes zu uns Menschen geworden. Dieses Motiv hat Jahrhunderte hindurch Dichter, Sänger und bildende Künstler inspiriert und reiches Kunstschaffen hervorgebracht. Die Theologie hat dieses Glaubensgut unter dem Begriff Gnade zusammengefasst. In der Lesung aus dem Brief an Titus haben wir gehört: Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Doch was hat diese theologische Formulierung konkret mit unserem Feiern zu tun?
Unter dem Blickwinkel »Weihnachten als Feier des Wohlwollens Gottes« bekommen unsere weihnachtlichen Feiergepflogenheiten ihren tieferen Sinn.
Mit Geschenken bringen wir auch untereinander unser Wohlwollen zum Ausdruck. Die Kinder, Familienangehörige und Freunde sollen wissen und spüren, dass wir sie gernhaben und dass sie sich auf unser Wohlwollen verlassen können. Und es ist gut, wenn wir dies von Zeit zu Zeit zum Ausdruck bringen und einander spüren lassen. Wir geben an sie das Wohlwollen, das wir von Gott her empfangen haben, weiter.
Liebe geht durch den Magen, heißt es. Auch das zeigen wir uns rund um dieses Fest; Manchmal in einem Ausmaß, dass der Magen überfordert ist. Auch der Brauch, dass wir rund um das Fest Arme, Obdachlose usw. unterstützen, hat damit zu tun. Auch sie sollen spüren können, dass sie nicht abgeschrieben sind.
Das Wertvollste und für viele auch das Schwierigste, das wir uns schenken können, ist Zeit füreinander. Die Weihnachtsfeiertage sind traditionellerweise arbeits- und geschäftsfrei. Der tiefere Sinn liegt darin, dass wir uns in diesen Tagen Zeit füreinander nehmen und so unser gegenseitiges Wohlwollen ausdrücken.
Der Umgang mit diesen symbolischen Akten und Zeichen hat aber auch seine Tücken. Sie sind nicht automatisch Zeichen des Wohlwollens und der Liebe; auch nicht Zeichen des Wohlwollens und der Liebe Gottes. Symbolische Handlungen können leicht unbemerkt andere Bedeutungen bekommen, wenn wir uns nicht immer wieder die Bedeutung bewusstmachen, die wir mit ihnen verbinden.
Geschenke werden leicht ein Konsumgut, wenn wir nicht bewusst darauf achten, dass wir damit Liebe und Wohlwollen ausdrücken wollen. Die Wirtschaft versteht es geschickt, dies für sich zu nützen.
Wenn das Weihnachtsessen nicht auch in einer liebevollen Gemeinschaft eingenommen wird, in der die Liebe, mit der gekocht und zubereitet worden ist, erkannt und an-erkannt wird, bleibt es uns nicht nur im Magen liegen, sondern auch als unverdauter Frust derer, die sich verausgabt haben, in der Seele.
Und wenn die Zeit, die man miteinander verbringt, nicht als Zuwendung und Aufmerksamkeit füreinander gestaltet wird, kann sie zum Gegenteil dessen werden, was wir mit Weihnachten zum Ausdruck bringen wollen. Wir wundern uns dann, dass alte Konflikte gerade zu Weihnachten aufbrechen.
Im Bild der Krippe mit dem Kind, in der aufopfernden Liebe seiner Eltern und in der Zuneigung der Hirten leuchtet uns die Liebe und das Wohlwollen Gottes auf, das ein jeder von uns in persönlicher Weise in seinem Leben erfahren hat. Dieses Wohlwollen Gottes feiern wir heute mit allen Ausdrucksmöglichkeiten, die uns in den Familien, in unserer Gottesdienstgemeinde und in der Gesellschaft zur Verfügung stehen.
Das Wohlwollen Gottes ist die Basis unseres Glaubens. Es ist auch der Grund unserer Freude, die wir heute einander zeigen und wünschen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe und gnadenreiche Weihnachten!
Gott kommt in schlichter Weise auf die Welt und macht so allen Menschen, vor allem auch den einfachen wie z.B. den Hirten Gottes Liebe kund. Seine Liebe möchte auch uns verwandeln.
Die Botschaft von Weihnachten, von der Geburt unseres Erlösers mit all den Ereignissen im Umfeld, ist immer wieder bewegend. Was hat sich Gott in seiner Liebe da nur ausgedacht!
Durch die Propheten war Israel im Auftrage Gottes die Ankunft eines Messias verheißen worden. Sehnsüchtig wurde dieser vom Volk erwartet und sein Kommen erfleht. In Jahwe setzten die Israeliten ihr Vertrauen. Denn oft und immer wieder hatte er sie in der Vergangenheit beschützt, vor Bösem und dem Untergang bewahrt.
Womit die Israeliten allerding nicht gerechnet hatten, war die schlichte Art und Weise der Ankunft des Messias. Noch weniger erahnten sie, dass Gottes Sohn in menschlicher Gestalt als Messias die Erde betreten würde. Aus ihrer menschlichen Sicht stellten sie sich vielmehr vor: Einer aus ihren Reihen würde von Jahwe berufen und mit gewaltiger Macht ausgestattet, um als Triumphator, König oder Kaiser, in jedem Fall aber als Weltenherrscher aufzutreten. Mit der Geburt Jesu stellt Gott das menschliche Denken vollkommen auf den Kopf.
Zugleich gibt er von Anfang an zu erkennen: Niemand wird von seiner göttlichen Liebe ausgeschlossen. Die Hirten gehörten damals zur untersten Schicht im Volk. Sie waren als Diebe verschrien. Alles Mögliche an Bösem traute man ihnen zu. In diesem Milieu, in einem Stall kommt Christus zu Welt.
Mit Staunen soll uns die Reaktion der Hirten erfüllen. Sie, die Einfachen und Kleinen im Volk, lassen sich bewegen, die Botschaft des Himmels an sie ernst zu nehmen. Sie brechen auf zum Kind in der Krippe. Dort erfahren sie, dass alles wahr ist, was ihnen vom Engel gesagt und verkündet wurde. Staunen und tiefe innere Betroffenheit erfüllt sie. Mit großer Freude, Ergriffenheit und Ehrfurcht schauen sie auf Christus, der sich auch ihnen kundtut.
Zu dieser inneren Haltung der Hirten, Betroffenheit und Ehrfurcht, will uns Weihnachten anregen. Da wir das weitere Leben Jesu kennen, sein Wirken in uneingeschränkter Liebe und seine Auferstehung – beide ein Beweis seiner Messianität – ist auch uns bekannt, wer im Menschen Jesus von Nazareth zur Welt kam. Weihnachten ausgiebig und in froher Stimmung den Geburtstag unseres Heilands Jesu Christus feiern, ist goldrichtig. Dabei soll uns gleichzeitig bewusst werden: Dieses Kind in der Krippe möchte wahrhaft und echt geliebt werden, so wie es uns innig liebt. Das Fest Weihnachten geht immer wieder schnell vorüber; aber die Liebe zu Jesus soll in uns gegenwärtig bleiben. Denn sie wird uns befähigen und stärken, bewusst weitherzig zu lieben und alle Tage Gutes neu und vielfältig anzustreben. Wenn das Begehen des Weihnachtsfestes dazu beiträgt, dann feiern wir gelungene und gute Weihnachten.
Dass Jesu Geburt ausgerechnet den Kleinen und Verachteten verkündet wird, kann und soll uns wahrscheinlich noch zu folgender Überlegung herausfordern. Der Satz, dass sich alle Menschen nach Geliebt-Werden sehen, wird wohl von niemanden bestritten – auch von uns nicht. Aber dann erwischen wir uns immer wieder einmal, dass wir gering über jemanden denken, ihn wegen seines Versagens ablehnen, Nähe und Wohlwollen zu ihm nicht mehr aufkommen lassen. Jesus geht in seiner Liebe als Erstes auf die Verachteten und Abgelehnten zu. Heilige waren die Hirten sicher nicht, aber Hungernde nach Wertschätzung und Anerkennung.
Wie schön wäre es, wenn uns Weihnachten dazu anregen würde, uns neu in unserem Verhalten zu überprüfen. Wie sehr sehnt sich so mancher, seines Versagens wegen oder aufgrund seiner inneren Einstellung und seines Verhaltens nicht abgeschrieben oder gar verachtet zu werden. Welche Hilfe würde ihm gewährt, wenn er durch uns spüren könnte: Wir möchten trotz allem einen gemeinsamen Weg mit ihm gehen. Welch wunderbare Botschaft ginge da von uns aus.
Bert Brecht hat einmal sinngemäß gesagt: Berichte mir nicht lang und breit, was du glaubst und welch hehre Normen du vertrittst; erzähl mir lieber, was durch deinen Glauben und dein Verhalten an Gutem bewirkt wird.
Machen wir aus Weihnachten kein gewöhnliches, eben nur ein alle Jahre wiederkehrendes Fest. Lassen wir uns von Weihnachten und der Geburt Jesu verwandeln zu Menschen, die sich von der Liebe Gottes erfassen lassen, um selbst immer wieder Liebende zu sein – und das nicht nur in den Weihnachtstagen.
Weihnachten führt uns vor die Krippe und lässt uns Gott, der in einem Kind zu uns gekommen ist, betrachten. Weihnachten führt uns auch hin zum Kind in uns selbst, lässt es uns bejahen und wenn nötig, das verwundete Kind in uns heilen.
In der Vorbereitung auf das Weihnachtsfest spüren wir immer wieder die Sehnsucht nach einem anderen Leben; einem Leben, das sich nicht in Geben und Nehmen erschöpft. Wir möchten im Tiefsten unseres Herzens vom anderen vorbehaltlos angenommen werden, so wie wir sind. In der Geburt Jesu kommt uns Gott klein und ohnmächtig in der Gestalt eines Kindes entgegen und offenbart sich uns in der Ohnmacht der Liebe.
Die Weihnachtsbotschaft trifft auf uns mitten in der Dunkelheit der Welt und macht ein Stück Paradies sichtbar. Hoffnungsträger ist ein armes Kind armer Leute. Mit ihm beginnt alles neu.
Die Geburt Jesu in Betlehem war global gesehen ein Randereignis. Dennoch brach mit Jesus eine neue Zeit an. Das ist Grund zu großer Freude aber auch Auftrag an uns Sorge zu tragen, dass die Menschen das große Licht erkennen.
Um die Geburt Jesu werden uns Geschichten erzählt, die zunächst unglaublich klingen. Was können wir davon glauben? Bei einem Geburtstagsfest feiern wir die ganze Persönlichkeit, wie sie vor uns steht, nicht das Baby, das er oder sie einmal war. Zu Weihnachten zeigen wir unsere Dankbarkeit, dass Gott uns diesen Jesus gegeben hat, indem wir unseren Retter, Messias und Sohn Gottes erkennen.
Wir sind gewohnt, Weihnachten als idyllisches Fest zu feiern. Die aktuelle Realität ist aber anders. Das weihnachtliche Friedenslicht ist ein Zeichen, dass wir trotzdem hoffen dürfen.
Weihnachten ist für viele Kreise unserer Gesellschaft zu einem Fest geworden, das praktisch nichts mehr mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Man mag es beklagen, aber das hat auch einen Vorteil. Es kann auf neue, sozusagen unverbrauchte Weise ans Licht treten, was die Botschaft von Weihnachten im christlichen Sinne bedeutet. Und ich scheue mich nicht, zu behaupten: es ist eine provozierende, ja eigentlich eine total verrückte Botschaft.
Überlegen wir nur kurz Folgendes: wir Menschen leben auf dem Planeten Erde. Dieser Planet ist ein kleiner Teil unseres Sonnensystems, das seinerseits eher am Rand einer Galaxie angesiedelt ist, die wir Milchstraße nennen. Aber auch diese Milchstraße ist gleichsam nur ein Stäubchen, wenn sie verglichen wird mit der unzählbaren Größe und Menge von Sternensystemen die es sonst im Weltall gibt. Und zwischen diesen Sternensystemen gähnen Abstände und Abgründe scheinbar ohne Ende.
Unser Weltall ist so groß, dass auch die Instrumente modernster Wissenschaft es nicht auszumessen vermögen. Es ist so gewaltig, dass wir es mit unserer ganzen Vorstellungskraft nicht einholen können. In diesem ungeheuren Weltall leben wir nun auf einem winzigen Planeten und wenn wir uns das vor Augen halten, müssen wir uns dann nicht selber als Winzlinge einstufen? Und gerade auf diesen Planeten, gerade zu uns Winzlingen soll Gott kommen, jener Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der also noch gewaltiger, noch unvorstellbarer sein muss als das ganze Weltall. Ist das nicht wirklich ver-rückt?
Ja, so verrückt ist die Botschaft vom christlichen Weihnachten. Sie besagt: Gott, der Ursprung und Schöpfer ist von allem, der selber aber ohne Anfang und Ende, sondern einfach von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, dieser Gott kommt als ein kleines, unscheinbares Kind in unsere Welt.
Das verändert nun unsere Lebenssituation total. Wir Menschen sind keine erbärmlichen Winzlinge. Wir sind kein verlorener Haufe, der ziellos im Universum herumirrt und einem blinden Schicksal ausgeliefert ist - nein: wir Menschen sind geschaffen und gehalten von dem, den wir Gott nennen.
Und dieser Gott ist uns nicht fern. Er ist nicht irgendwo verborgen hinter den Lichtjahren der Sternbilder, sondern er ist uns ganz nahe. Er ist selber Mensch geworden. Er hat sich ganz klein gemacht. Er wurde ein Kind, um eben ganz so zu sein, wie wir Menschen sind.
Wenn aber der unendliche Gott so den Weg zu uns endlichen Menschen geht und selber alles durchlebt was zum Menschsein gehört, von der Geburt bis zum Tod und bis zum Tod am Kreuz, dann bedeutet das: jeder Mensch ist nun ebenfalls von der Geburt bis zum Tod von Gott angenommen und gehalten. Und allen Menschen, wann und wo immer sie auf dieser Welt gelebt haben mögen, will Gott seine Gemeinschaft und eine Vollendung schenken, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen können. Deshalb kann das Evangelium dieser Nacht verkünden: "Fürchtet euch nicht; ich bringe euch große Freude; heute ist euch der Retter geboren".
Eigentlich kennen wir diese Botschaft. Sie klingt vertraut, denn wir hören sie alle Jahre wieder an Weihnachten. Und dennoch enthält sie etwas so Großes, dass wir sie niemals ganz zu fassen vermögen, sondern uns immer wieder neu auf sie einlassen müssen. Erst wenn wir diese Botschaft in unseren Herzen ankommen lassen und in Glauben umwandeln, wird sie in uns selber drin aufstrahlen als ein Licht, das alles verändert und unserem Leben unzerstörbaren Sinn und Halt gibt. Glaube, das bedeutet, dass das Kind, dessen Geburt wir heute Nacht feiern, dass dieser Jesus Christus für uns zum Leitstern wird, auf den hin wir das Leben ausrichten und dem wir es ganz anvertrauen.
Wir leben auf dem winzigen Planeten Erde als Menschen, die vergänglich sind. Und die Wissenschaftler sagen uns, dass das Weltall, in dem wir leben, mit rasender Geschwindigkeit immer weiter auseinander fliegt, dass also die Abstände und Abgründe immer unendlicher werden, die Löcher immer tiefer, die Finsternis immer gähnender. Aber wir dürfen fest glauben, dass da Einer ist, der das alles zusammenhält, dass in seiner Hand das ganze große Weltall und jedes kleine Menschenleben geborgen sind. Wir dürfen ihm jetzt begegnen als einem neu geborenen Kind und ihn in der Eucharistie empfangen als das Brot, das uns winzigen Menschen ewiges Leben verheißt. Deshalb ist diese Nacht für uns Christen heilige Nacht, Weihnacht.
"Ich verkünde euch eine große Freude:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren,
Christus, der Herr." –
Mit diesen Worten des Engels heiße ich Sie herzlich zum Weihnachtsgottesdienst willkommen.
Im Mittelpunkt aller weihnachtlichen Bilder steht das neugeborene Kind in der Krippe. Wir verneigen uns vor dem Geheimnis Lebens, das von diesem Bild repräsentiert wird. Wer sich davon berühren lässt, kann daraus für sein eigenes Leben und für das Leben der ganzen Welt Hoffnung schöpfen.
Am Beginn dieser Feier treten vor den neugeborenen König der Welt hin und huldigen ihm:
Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft. Einsam wacht …
Jetzt legen wir einfach alles ab.
Den Stress vor Weihnachten.
Die Diskussionen um Corona und Omikron.
Die politischen Unsicherheiten.
Die eigenen Ängste.
Durch der Engel Halleluja,
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da!
Normalerweise freuen wir uns über Abwechslung. Die Abwechslung, die uns das Weihnachtsfest 2020 abverlangt, stimmt uns eher nachdenklich.
Der Blick auf das Kind in der Krippe und den Stall von Bethlehem macht uns mehr als in anderen Jahren bewusst: Jesus wurde nicht in eine heile Welt hineingeboren. Im Gegenteil: die Welt um Maria, Josef und Jesus war in einem noch viel größeren Ausmaß unheil als unsere.
Jesus ist Mensch geworden, um unsere unheile Welt zu heilen. Am Beginn unserer Feier treten wir mit unserer Not an ihn heran und bitten ihn, dass er uns daraus erlöse.
Zu Weihnachten sind wir eingeladen, den schönsten und würdigsten Geburtstag zu feiern, den es gibt. Gottes Sohn tritt in unsere Welt und bekundet damit, wie sehr Gott jeden von uns liebt.
Wer dies Geschehen mit Innerlichkeit betrachtet, wird Christus voller Dankbarkeit sein Herz öffnen mit dem Wunsch, selbst ein wirklich Liebender zu sein.
Allen unseren Versuchen in dieser Richtung wird Christus seine Unterstützung schenken. Wenden wir uns ihm zu.
Herr, Jesus, Christus,
du bist als Licht für alle, die in Finsternis leben, in die Welt gekommen.
Herr, erbarme dich.
Du bist der Fürst des Friedens
und bringst der Welt Recht und Gerechtigkeit.
Christus, erbarme dich.
Dein Name ist "Wunderbarer Ratgeber" und "Starker Gott",
du zerbrichst das drückende Joch der Antreiber.
Herr, erbarme dich.
Herr, Jesus Christus, dem Wort deines Vaters folgend,
hast du dich in die Welt senden lassen.
Herr, erbarme dich.
Du bist gekommen als Licht für die Welt.
Christus, erbarme dich.
Du hast unsere Licht- und Schattenseiten durchlebt
und bist durch Leid und Tod in die Auferstehung gegangen.
Herr, erbarme dich.
Ich steh' an deiner Krippe hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring' und schenke dir,
was auf der Seel mir liegt.
Herr, erbarme dich.
Ich lag in tiefer Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud’ und Wonne
Christus, erbarme dich.
Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib’ ich anbetend stehen.
Herr, erbarme dich.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär’
und meine Seel’ ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen.
Gloria in excelsis…
Herr, Jesus Christus,
du bist in eine Welt eingetreten, die unter politischer Fremdherrschaft und sozialer Ungerechtigkeit litt.
Herr, erbarme dich.
Du bist in eine Welt hineingeboren worden, die einen guten Hirten herbeigesehnt hat.
Christus, erbarme dich.
Du bist Mensch geworden in einer Welt, in der die Würde der Menschen mit Füßen getreten worden ist.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
die Liebe zu uns Menschen drängte dich zur Erde.
Herr, erbarme dich.
Du hast dich erniedrigt und nahmst menschliche Gestalt an.
Christus, erbarme dich.
Zur Vollendung unseres Lebens werden wir teilhaben an deiner Herrlichkeit.
Herr, erbarme dich.
GL 159: Licht, das uns erschien...
GL 163,3
Oder:
Herr Jesus Christus,
geboren im Stall von Bethlehem, in tiefster Armut.
Herr, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du Retter der Welt aus tiefster Dunkelheit.
Christus, erbarme dich.
Herr Jesus Christus,
du Erlöser aus tiefster Schul:
Herr, erbarme dich.
Herr, unser Gott,
in dieser hochheiligen Nacht
ist uns das wahre Licht aufgestrahlt.
Laß uns dieses Geheimnis
im Glauben erfassen und bewahren,
bis wir im Himmel
den unverhüllten Glanz deiner Herrlichkeit schauen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Weihnachten in der Nacht
Vater im Himmel,
in die Schrecken unserer Weltenzeit hinein
willst (hast) du dein Wort Menschen werden lassen,
in deinem Sohn Jesus Christus.
Heute dürfen wir ihm als Kind in der Krippe begegnen.
Selbst noch hilflos, wird er zum Retter der Welt.
Durch IHN gilt deine Zusage,
dass wir uns nicht fürchten sollen.
Lass uns darauf vertrauen,
wo das Dunkel unserer Zeit uns noch gefangen hält
und lass uns auch in unserem Leben sein Licht aufgehen.
Das erbitten wir mit ihm, der uns Bruder ist – für alle Zeit.
Kommt und lasst uns Christum ehren
Herz und Sinnen zu ihm kehren!
Singet fröhlich, lasst euch hören,
wertes Volk der Christenheit!
Gott,
wir sind glücklich,
dass du Mensch geworden bist.
Einer von uns.
Du hast dich auf unsere Fragen eingelassen,
die Bitterkeit geschmeckt
und die Enttäuschungen angenommen.
Du sprichst mit uns wie ein Bruder,
du hörst uns zu wie eine Schwester,
du schenkst uns deinen Frieden.
Wir danken dir für die Nacht,
die in hellem Licht aufbricht.
Schönstes Kindlein in dem Stalle,
sei uns freundlich, bring uns alle
dahin, da mit süßem Schalle
dich der Engel Heer erhöht.
Das auf menschliche Hilfe angewiesene Kind in der Krippe ist der lang erwartete "Starke Gott".
Ihm tragen wir unsere Bitten vor:
Wir beten für alle Kinder der ganzen Welt.
Lass sie ihre göttliche Herkunft bewusst werden
und gib ihnen, was sie zum Leben in Würde brauchen.
Wir beten für alle Kinder, die mitten im Krieg das Licht der Welt erblicken
und von menschlicher Grausamkeit bedroht sind.
Lass sie Wohlwollen und Herzlichkeit erleben.
Wir beten für alle Kinder und Jugendlichen, die als Soldaten, Arbeitskräfte oder für persönliche Bedürfnisse missbraucht und ausgebeutet werden.
Befreie sie aus der Gewalt ihrer Peiniger.
Wir beten für alle Familien, die in wirtschaftliche Not geraten sind
und auf Hilfe anderer angewiesen sind.
Gib ihnen, was sie zum Leben brauchen.
Wir beten für alle Menschen, die auf der Flucht sind
und nach besseren Lebensmöglichkeiten suchen.
Lass sie Orte finden, an denen sie willkommen sind.
Wir beten für unsere verstorbenen Angehörigen und Freunde.
Führe sie aus dem "Schatten des Todes" in dein himmlisches Licht.
Du, Herr, bist als Retter in die Welt gekommen.
Du kannst uns Frieden und Leben in Fülle schenken. – Amen.
Wir sehnen uns danach, dass das neugeborene Kind in der Krippe unsere oft so verworrene Welt heil macht.
Zu ihm, unseren Heiland und Retter, tragen wir unsere Bitten:
Für eine Kirche, in und mit der wir so gerne die Botschaft deiner göttlichen Liebe glaubwürdig verkündigen würden, die aber aufgrund menschlicher Schwachheit oft auf Unverständnis stoßt.
Für eine Menschheit, in der alle in Freiheit, Würde und Rechte leben dürfen, in der aber Gewalt, Krieg, Intoleranz, Gier nach Macht und Geld eine zufriedene Existenz vieler verunmöglicht.
Für alle, die heute anderen Liebe schenken dürfen oder von ihnen beschenkt werden, und für die, die unter ihrem Mangel an Heil an Seele oder Körper besonders leiden.
Für unsere ganz persönlichen Bitten und all das, was wir im Innersten spüren und gerne tun würden und doch nicht zusammenbringen.
Für alle Verstorbenen, dass in deiner Nähe ihre Sehnsucht nach Heil und Vollkommenheit erfüllt ist.
Jedes Neugeborene ist ein Zeichen der Hoffnung. Du, Kind in der Krippe, bist es aber ganz besonders, weil du die Verheißung nach Heil in der Welt erfüllst. Du bist wahrhaft unser Retter, der uns am Weg vom Holz in der Krippe zum Holz am Kreuz die Botschaft von der unermesslichen Liebe Gottes gebracht hat. Vor die knien wir nieder und danken dir jetzt und bis in Ewigkeit. - Amen.
Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit;
das Kind dem alle Engel dienen,
bringt Licht in meine Dunkelheit;
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hunderttausend Sonnen nicht.
Wir sehen den Kaiser Augustus.
Er hat mit seinem Gebot der Welt einen neuen Lauf beschert.
Wir bitten dich für alle, die Macht haben:
Dass sie dem Wohl und dem Glück aller Menschen dienen.
Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!
Wir sehen Quirinius, den Statthalter von Syrien.
Er vertritt seinen Herrn in der Provinz.
Wir bitten dich für alle, die einen großen Einfluss haben.
Dass sie sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen.
Wir sehen Maria und Josef
Sie haben sich auf den Weg gemacht,
um alte Verheißungen zu erfüllen.
Wir bitten dich für alle, die Kinder bekommen, erziehen und pflegen.
Dass wir ihnen eine Welt überlassen, die lebenswert ist.
Wir hören die Engel
Sie haben himmlischen Lobpreis angestimmt
und der Erde Glanz verliehen.
Wir bitten dich für die vielen Engel,
die in schweren Stunden einfach kommen.
Dass wir ihnen danken und unter die Arme greifen.
Wir gehen zur Krippe.
Ein Kind wurde in einem Stall auf Stroh gebettet,
Gott ist klein und schwach.
Wir bitten dich um Augen und Ohren, ein Wunder zu finden.
Dass in menschlichen Gesichtern Gott selbst zu sehen ist.
Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.
Mit der Geburt Jesu beginnt eine neue Ära. Gott schenkt sich uns in einem kleinen Kind. In diesem kleinen Kind wird für uns Himmlisches erfahrbar. Lassen wir uns von seiner Liebe zu einem Leben bewegen, das durch sein Licht alles Dunkle in unserer Welt erhellt:
Um das Licht deiner Liebe für alle, die in und mit deiner Kirche leben;
für alle, die sich in ihrer jeweiligen Religion der absoluten Wahrheit verpflichtet fühlen;
aber auch für alle, die ihre subjektive Wahrheit zum Maß aller Dinge machen.
Um das Licht deiner Liebe für alle, denen es am Lebensnotwendigem mangelt;
für alle, die nicht in Frieden und Freiheit leben können;
für alle, die in ihrer Gesundheit beeinträchtigt sind, weil es an Pflege, Medizin und Hygiene mangelt;
aber auch für alle, die im Überfluss leben und dies gar nicht zu schätzen wissen.
Um das Licht deiner Liebe für alle, die in Beziehungen leben, die sie tragen und ihnen Geborgenheit vermitteln;
aber auch für alle, die unter Einsamkeit leiden
und für die Kinder und Jugendlichen, die in ihrer Entwicklung unter den Gegebenheiten der Pandemie leiden.
Um das Licht deiner Liebe für uns, wenn wir jetzt in einem Moment der Stille unsere persönlichen Bitten dem Kind in der Krippe anvertrauen.
Um das Licht deiner Liebe für alle Sterbenden und alle unsere Lieben, von denen wir uns schon verabschieden mussten.
Weil du in der Geburt Jesu in unsere Welt trittst, feiern wir heute ein frohes Fest. Dafür danken wir dir und stimmen ein in den himmlischen Lobgesang aller Engel und Heiligen. - Amen.
Guter Gott,
zu Weihnachten überhäufen wir uns gegenseitig mit Geschenken und erfüllen wir uns viele Wünsche. Zugleich spüren wir, dass unsere tiefsten Sehnsüchte unbefriedigt bleiben.
Wir kommen mit unseren Bitten und unerfüllten Wünschen zu dir.
Wir bitten dich für alle, die unter der gegenwärtigen Pandemie zu leiden haben;
besonders für die vielen Erkrankten und für alle, die durch die Schutzmaßnahmen in existentielle Not geraten sind.
Wir bitten dich für alle, die in der allgemeinen Aufregung die Orientierung verloren haben
und für alle, die in Angst und Unsicherheit geraten sind.
Wir bitten dich für alle, die in dieser Krise Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen haben und dafür oft viel Kritik einstecken müssen.
Wir bitten dich für unsere Kinder und Heranwachsenden, die in ihrer Ausbildung und persönlichen Entfaltung beeinträchtigt werden.
Wir bitten dich für die älteren und mit Vorerkrankungen belasteten Menschen, die sich durch die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen isoliert und einsam fühlen.
Wir bitten dich für unsere Verstorbenen;
besonders für jene, die Opfer der Pandemie geworden sind.
Wir bitten dich für alle, über deren Not in dieser schwierigen Situation hinweggeschaut wird;
für die Opfer der Kriege und für alle, die aus ihren Heimatländern vertrieben worden sind.
Du, Gott bist gekommen, um die Welt aus ihrer Not zu retten.
Komm und hilf uns! – Amen.
Herr Jesus Christus,
du hast menschliche Natur angenommen und bist vertraut mit den Nöten der Menschen.
An dich richten wir unsere Anliegen und Bitten.
Fülle die Herzen aller Menschen mit der Bereitschaft, einander weitherzig zu lieben.
Christus, höre uns…
Segne und stärke alles Bemühen, auf einander zuzugehen und sich zu versöhnen.
Erbarme dich der Menschen in Not, Leid, Krankheit oder sonstigen Schwierigkeiten.
Sende ihnen gute Helfer.
Führe alle, die Böses planen und vor Unrecht nicht zurückschrecken, zur Einsicht und Umkehr.
Schenke allen Erfolg, die sich für Frieden einsetzen, und segne, die ihren Wohlstand mit Armen teilen.
Stehe den Sterbenden bei und nimm die Verstorbenen auf in die Gemeinschaft mit dir.
Herr Jesus Christus,
du bist uns Menschen in Liebe zugetan und stärkst uns, wo immer wir Gutes anstreben.
Dafür danken wir dir, heute am Weihnachtsfest in besonderer Weise. – Amen.
Da uns die Dunkelheit unseres eigenen Lebens und der Welt bewusst ist, können wir umso klarer sehen, welches Licht durch Jesus Christus, den menschgewordenen Gott, in unsere Welt gekommen ist.
Wir bitten dich, Vater:
Für deine Kirche, die besonders heute nachts allen Menschen die Botschaft von deiner göttlicher Liebe und deinem Frieden verkünden will.
Für eine Welt, die von Naturkatastrophen, Kriegen und Krisen geplagt, sich nach einer gerechten Ordnung für alle sehnt.
Für die verschiedenen Völker und Religionen im Heiligen Land.
Sie glauben alle an dich, den einen Gott.
Führe du sie zu einem friedlichen Miteinander.
Für unsere ganz persönlichen Anliegen, die wir in einem Moment der Stille vor dich tragen.
Für alle Verstorbenen, denen wir uns über ihren Tod hinaus verbunden fühlen.
Beschenke sie mit deinem Erbarmen.
Die Nacht ist vorgerückt.
In Christus, dem Kind in der Krippe, ist uns der Tag der Erlösung nahe gekommen.
Dir, dem Vater ewiger Herrlichkeit, sei Ehre, Lobpreis und Dank. - Amen.
Allmächtiger Gott,
in dieser heiligen Nacht
bringen wir dir unsere Gaben dar.
Nimm sie an
und gib, daß wir durch den wunderbaren Tausch
deinem Sohn gleichgestaltet werden,
in dem unsere menschliche Natur
mit deinem göttlichen Wesen vereint ist.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten in der Nacht
Dass du, Herr,
Brot bist und Wein,
du, der du den Himmel dein eigen nennst,
ist ein Wunder.
Wir suchen deine Größe und Macht –
du wirst klein.
Wir fürchten die Finsternis –
du gehst in sie ein.
Dass du, Herr, alles verwandelst,
Brot und Wein,
Leben und Hoffnung
führt uns in dein Reich,
du, der du uns liebst.
Vor aller Zeit
Bis in Ewigkeit.
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
Gottes Sohn ist in die Welt gekommen,
hat sich damit klein und verletzlich gemacht
und verschenkt sich immer wieder neu in Brot und Wein.
Seht, wie klein er sich gemacht hat in diesem Stückchen Brot,
um uns ganz nahe zu kommen.
Seht, das ist das Lamm Gottes,
das hinwegnimmt alle lastende Schuld dieser Welt.
Wie die Hirten
dürfen wir die Nähe Gottes erfahren
mit freudigem Erschrecken
wahrnehmen
dass Gott nicht an uns vorübergeht
auch wenn wir noch so weit weg sind.
Wie die Hirten
dürfen wir dem Licht trauen
den Boten Gottes zuhören
und uns auf den Weg machen.
Wie die Hirten
dürfen wir hingehen zur Krippe
uns selbst überzeugen
dass ER wirklich da ist
wir dürfen ihn loben
und das Wunder weitersagen.
Wie die Hirten
sollen wir heimkehren in unseren Alltag
Gott nicht mehr aus den Augen verlieren
und Frieden bringen auf Erden.
Möge das Licht dieser Nacht
unser Leben erleuchten.
Möge der Stern am Himmel
unsere Gedanken lenken.
Möge die Demut der Hirten
unseren Glauben stärken.
Möge die Botschaft der Engel
unsere Ohren erreichen.
Möge der himmlische Frieden
unsere Tage erfüllen.
Möge das Kind in der Krippe
unser Herz berühren.
Möge der Segen dieser Nacht
uns in unseren Alltag begleiten.
Herr, unser Gott,
in der Freude über die Geburt unseres Erlösers
bitten wir dich:
Gib uns die Gnade, ihm unser ganzes Leben zu weihen,
damit wir einst Anteil erhalten
an der ewigen Herrlichkeit deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten in der Nacht
Herr, Jesus Christus,
die Gnade deiner Geburt ist uns heute neu geschenkt worden.
Du willst auch unsere Dunkelheiten erhellen.
Lass uns den Zuspruch der Engel empfinden:
Fürchtet euch nicht, wir verkünden euch eine große Freude.
Mache uns bereit, uns von dieser Freude anstecken zu lassen
und deine frohmachende Botschaft in die Welt zu tragen.
Dir sei mit dem Vater und dem Hl. Geist aller Lobgesang in Ewigkeit.
Des lasst uns alle fröhlich sein
Und mit den Hirten gehn hinein,
Zu sehn, was Gott uns hat beschert,
Mit seinem lieben Sohn verehrt.
Du, Gott, hast die Nacht hell gemacht.
Das Lob der Engel führt uns zu dir.
Lass uns einander, wenn es dunkel wird um uns,
deine Freundlichkeit teilen,
und wenn Wege im Finsteren verschwinden,
schenke uns einen weiten Blick.
Du traust uns zu,
Engel zu werden.
Sei mir willkommen, edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast
Und kommst ins Elend her zu mir,
Wie soll ich immer danken dir?
Du aber schenkst uns deinen Segen.
Er trägt uns in Ewigkeit.
Der barmherzige Gott hat durch die Geburt seines Sohnes die Finsternis vertrieben
und (diese Nacht) diesen Tag erleuchtet mit dem Glanz seines Lichtes;
er mache eure herzen hell mit dem Licht seiner Gnade. - Amen.
Den Hirten ließ er durch den Engel die große Freude verkünden;
mit dieser Freude erfülle er euer ganzes Leben. - Amen.
In Christus hat Gott Himmel und Erde verbunden;
durch ihn schenke er allen Menschen guten Willens seinen Frieden,
durch ihn vereine er euch mit der Kirche des Himmels. - Amen.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohne und der Heilige Geist. - Amen.
MB Weihnachten
Friede wird verkündet
„Frieden auf Erden
den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14)
Friede wird zugesagt
„Frieden hinterlasse ich euch,
meinen Frieden gebe ich euch.“ (Joh 14,27)
Friede wird erbeten
„Erbittet für Jerusalem Frieden!“ (Ps 122)
Friede wird getan
„Selig sind, die Frieden stiften!“ (Mt 5,9)
Friede wird verheißen:
„Der Herr wird sein Volk
segnen mit Frieden!“ (Ps 29,11)
Frieden wünschen, zusagen, erbitten, tun und erwarten:
Das ist die Botschaft des Gottessohns,
der für Frieden und Versöhnung alles gegeben hat.
Johann Pock, Weihnachten 2022.
Das Kind
lächelte und strahlte,
so wie jedes Neugeborene strahlt.
Aber sein Strahlen war Licht,
heller als Sonne und Mond,
heller als die Sterne.
Alles fing zu leuchten an,
der Stall, die Tiere,
die Gesichter der Eltern.
Das Strahlen
ging hinaus bis aufs Feld
zu den Hirten,
es erleuchtete die Nacht.
Und das Leuchten blieb
in der Welt,
in den Herzen der Menschen.
Ilse Pauls
mit der Geburt Jesu Christi
verhielt es sich so
die Last seines Volkes
sie drückte hart auf den Seelen
und
es schrie
und flehte
streckte die Hände bittend zum Himmel
und
erbat den Emanuel
den:
GOTT IST MIT UNS
der Heil bringen sollte
und ER kam als Kind in die Welt
klein
unscheinbar
bedürftig
wie jedes Kind
fiel nicht als Retter vom Himmel
mit dem Schwert in der Hand
um die vermeintliche Ordnung Gottes
wieder herzustellen
wurde geboren im Höhlenstall
weil in der „geordneten“ Welt
kein Platz für ihn war
kam in SEINE Welt
bestehend aus dem Notdürftigsten
kam zu den Menschen
die sozial am Rande
standen
„empfing“ auch die „feinen Herren“
die sich nicht zu schade waren
die Mühsal eines weiten Weges
auf sich zu nehmen
um IHN zu sehen
ER kam in kleinster Gestalt
ER kam in die mickerigste Behausung
damit von Anfang an klar war
ICH BIN GEKOMMEN FÜR ALLE
für alle
die mich einlassen
in „ihre innere Behausung“
so haben wir alle
so habe auch ich
eine Chance
an Weihnachten
und an jedem Tag
ich muss nur aufmachen
Tor und Tür
meines SEINS
Christ ist geboren in einem Stall
und will sich „gebären“
bei dir
und
mir –
ja überall
Beatrix Senft 2022.
Er leuchtet still.
Schaut ein Stern leuchtet still.
Der Stern, der etwas sagen will.
Was er uns wohl sagen will?
Gott sendet Licht.
Für uns sendet Gott das Licht?
Fürchte dich nicht.
Hört, wir sollen uns nicht fürchten.
Er leuchtet still.
Schaut, der Stern wird immer heller.
Der Stern, der etwas sagen will.
Meint ihr, auch wir können darauf vertrauen?
Gott sendet Licht.
Ja, ich spüre es deutlich!
Vergisst uns nicht.
Gott hat auch uns nicht vergessen,
heute, hier und jetzt.
© Beatrix Senft nach dem Lied: Er leuchtet still, der Stern, der etwas sagen will. - Text: Wolfgang Longard.
Einer wird kommen,
der die Knoten deines Lebens
auflöst,
der den roten Faden findet,
der aus dem Labyrinth
hinaus führt,
der deine schmerzenden Glieder
berührt,
der deine Verletzungen
heilt.
Und du wirst staunen -
ER kommt nicht als Held.
Als kleines Kind
wird ER kommen,
mit einem Lächeln
voll Wärme,
das alles in dir
zerfließen lässt,
mit einem Strahlen,
das Glanz in dein Leben bringt,
mit einem Lachen,
das dich vergessen lässt,
was einmal war.
Ilse Pauls
Text: Ingo Bartz, Musik: Reinhard Burchhardt.
Text: Heiko Kuschel, Musik: Reinhard Burchhardt
Text: Hildegard Wohlgemuth, Musik: Reinhard Burchhardt
Wunderbares geschah in jener Nacht
als der Unnahbare sich nahbar machte,
als die Grenze von profan und heilig durchbrochen wurde
und Göttliches im Menschlichen,
Menschliches im Göttlichen sich fand.
Das Wunder der Geburt und das Holz der Krippe
führen zu den Wundmalen am Holz des Kreuzes.
Bewunderung, Verwunderung und Verwundung
sind nahe miteinander verwandt.
Der Jubel der Engel und die Verwunderung der Hirten
über einen verletzlichen Heiland
und eine profane Heilige Familie
erzeugen eine neue Form weihnachtlichen Staunens:
die Verwunderbarkeit.
Johann Pock, Weihnachten 2021
Gott ist Mensch geboren
unvorstellbar –
ja - seien wir doch ehrlich –
es ist unvorstellbar
da können doch
die Drei Könige –
Sterndeuter –
oder was immer sie waren
nur in einem Palast
gesucht haben
wo anders
könnte denn
GOTT
geboren werden
Gott ist Mensch geboren
Engel –
Himmlische Heerscharen -
verkünden es
verkünden es doch sicher
den Mächtigen
der Welt
nein –
sie verkünden es
den Hirten
denen
die ganz unten stehen
am Rand der Gesellschaft
Gott ist Mensch geboren
geboren
in einem Stall -
einer Höhle vielleicht
kann man
noch tiefer fallen
aus des Himmels Höhen
dieser
menschgewordene
Gott
er lässt sich
hinein
in unser Leben
in unsere Tiefen
er kommt
in unsere Armut
in unsere Hoffnungslosigkeit
in unser Ausgegrenzt-Sein
in unser „Am-Rande-Stehen“
in unser Vermögen und unser Unvermögen
er kommt
in die kleinste Behausung
in unser SEIN
er kommt
in unser Sein
unsere Herzen aus Stahl und Beton
und
in unsere strohbedeckte Innerlichkeit
ein leichter Windstoß –
und schon stehen wir im Freien
da
mitten hinein
lässt er sich gebären
gebären im Stall bei Ochs und Esel
gebären in die Zeltunterkünfte unserer Zeit
gebären in die Bunker und Keller der Kriege
gebären in die Kranken- und Sterbezimmer
gebären in die „Hütten“* der Gefangenen
gebären in all unsere Bedürftigkeit
lässt sich
gebären
als Gott
um uns
von Mensch zu Mensch
zu begegnen
und
schenkt uns
Raum
Wärme
Aufrichtung und
Hoffnung
damit auch wir fähig werden
Menschen
von
Mensch zu Mensch
zu begegnen
Gott ist Mensch geboren
und
kommt uns immer wieder entgegen
in unserer inneren Armut
und
in unserem inneren Reichtum
Gott ist Mensch geboren
gebiert sich täglich neu
IN UNSER GANZES SEIN
* Hütte - Bezeichnung der Gefangenen für ihre Zelle
Beatrix Senft (2021)
Nun sei es kräftig besungen:
Geschöpf hat den Schöpfer bezwungen,
Der Mensch ist in Gott eingedrungen.
Ich kneife mich froh in Arm und Bein:
Dies Adamsfleisch wuchs mitten hinein
Zwischen Vater und Geist ins dreieinige Sein.
Es wird sich menschlich mühen,
von tödlichen Wunden erglühen,
Doch göttlich in Ewigkeit blühen.
So ängstige, Sünder, dich ferner nicht:
Hält einst ein Mensch das Menschengericht,
Erkennst du dies mildeste Kindesgesicht.
Ein Mensch gebietet den Weiten
Der göttlichen Herrlichkeiten,
Ein ewiges Fest zu bereiten.
Ich Bettler – ach, was kein Bettler mehr!
Zu Bethlehem, da ward ich wer:
Mein Bruder ist Gott und liebt mich sehr.
Heinrich Suso Waldeck
(1873 – 1943)
Es war einmal ein hartherziger Hirte, der sich und anderen nichts Gutes gönnte. Eines Nachts kam ein Mann zu ihm und bat um Feuer. Doch der hartherzige Hirte hetzte seine Schäferhunde auf den Fremden. Diese bissen ihm ins Bein und in seine Hand, und einer hängte sich sogar an seine Kehle. Aber zum großen Erstaunen des Hirten zeigten die Bisse keinerlei Wirkung. Der Fremde blieb völlig unverletzt.
Nun war der Fremde ganz nahe gekommen und sagte zu dem Hirten: "Guter Freund, hilf mir, leih mir ein wenig von deinem Feuer. Meine Frau hat soeben ein Kind geboren, und ich muss ein Feuer machen, um den Kleinen zu wärmen."
Da erwachte in dem Hirten wieder der alte Menschenhass. Da er wusste, dass weit und breit kein Eimer und keine Schaufel zu finden waren, um die glühenden Kohlen fortzutragen, sagte er zu dem Fremden: "Nimm von den glühenden Kohlen, so viel du brauchst." Und seine Schadenfreude begann zu wachsen.
Da hob der Fremde die glühenden Kohlen mit bloßen Händen auf und legte sie in seinen Mantel, und weder seine Hände noch sein Mantel wurden verbrannt. Der hartherzige Hirte wunderte sich zutiefst und fragte den Fremden: "Was ist das für eine seltsame Nacht heute?"
Da gab der Fremde zur Antwort:
"Mit Worten kann ich dir das nicht beschreiben. Komm mit und sieh!"
Der Hirte ging mit. Und sie kamen zu einem Viehstall. Im Stall kniete die Mutter neben ihrem Kind, das in einem Futtertrog lag. Etwas weiter hinten standen ein Ochse und ein Esel.
Da wurde die verhärtete Seele des Hirten weich. Das eiskalte Herz begann zu schmelzen, als der das frierende und zitternde Kind sah.
Und er nahm seinen dicken Mantel und deckte das Kind damit zu. Tränen standen in seinen Augen, und er fiel auf die Knie - vor diesem Kind.
Ein Kind kann eisige Herzen auftauen. Die Heilige Nacht ist jedes Jahr eine einmalige Chance, das Kind aus der Krippe in dein Herz zu legen. Und du wirst dich wundern, wie dieses Kind dich verändert und wie das Eis in deinem Herzen zu schmelzen beginnt.
Selma Lagerlöf in: Bardeler Adventsmeditationen, Osnabrück.
1. Die Hirten besuchen das Jesuskind,
und wen besuchst du?
Der Ochs und der Esel in der Krippe singt,
für wen singst du?
Das Stroh hält das Jesuskindlein warm,
und wen wärmst du?
Maria hält ihr Kind im Arm,
und wen hältst du?
Refrain:
So könnt es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden.
Keiner müsste mehr einsam sein,
keiner wär allein.
So könnt es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden.
Keiner müsste mehr einsam sein,
keiner wär allein.
2. Ein Stern leuchtet den Weisen den Weg,
für wen leuchtest du?
ein Engel spricht, dass es jeder versteht,
mit wem sprichst du?
Könige beschenken den Retter der Welt,
und wen beschenkst du?
Josef lacht, weil s ihm gefällt,
mit wem lachst du?
Refrain: So könnt es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden.
Keiner müsste mehr einsam sein,
keiner wär allein.
So könnt es Weihnachten werden,
Weihnachten auf Erden.
Keiner müsste mehr einsam sein,
keiner wär allein.
Lied: So könnt es Weihnachten werden, Text und Musik: Kurt Mikula
https://www.youtube.com/watch?v=U3fg3KCWNm4
Ein Wort bleibt hart und unbeweglich,
wenn ich es nur mit dem Verstand erfasse;
es kann mich höchstens "informieren".
Erst, wenn ich das Wort "ver-nehme",
es mit dem Herzen höre,
fängt es an zu sprechen.
Damit mich das Wort an-sprechen kann,
muss ich "aufhören",
aufhören mit meinem Reden;
ich muss ent-sagen.
Solange ich geplagt bin von mir selbst,
von meinen oft habgierigen Absichten,
Zielen und Zwecken,
bleibe ich verschlossen
und im Innersten starr und unbeweglich.
Menschen, die sich aus sich selbst bewegen,
gelangen höchstens zur Betriebsamkeit,
die früher oder später mit der Todesstarre endet.
Um in die Bewegung des Lebens zu gelangen,
muss ich mich bewegen lassen
vom Leben selbst, - vom Wort.
Wort ist geronnenes Erleben.
Wenn ich mich dem Wort aus-setze,
es einlasse und bewege
mit den Kräften meines Herzens
(wenn ich es "meditiere"),
fängt das Wort an zu sprechen.
Es taut auf,
und das ganze Leben und Erleben
wird lebendig -
die ganze "Wirk-lichkeit" des Wortes,
die in ihm verborgen ist.
Jedes Wort ist ein Schatz,
ein "Wort-Schatz".
ich bin so arm,
nicht weil mir die Worte fehlen,
sondern weil ich sie nicht "schätze".
Ich missbrauche sie
in meinem "Eigen-Sinn"
und dadurch töte ich
den eigenen Sinn der Worte.
Wenn ich das Wort bewege,
wird es "wahr";
ich "be-wahre" es
und werde es "ge-wahr";
es schenkt mir seine Wahrheit
und macht mich selber wahr.
Das Wort fängt an,
mich zu ergreifen und mich zu bewegen:
Ich "komme zu Wort",
ich kann mich jetzt "zur Sprache bringen"
und im Wort aus mir herausgehen,
mich aus-sprechen
mich mit-teilen.
Das Wort "wird Fleisch",
es gestaltet mich
und nimmt von mir Gestalt an.
Wort ist Gott - Gott ist Wort.
Im Wort kommt Gott zu mir,
seine Gegenwart in mir
bestätigt er durch sein Wort.
Aus: Elmar Gruber, Maria - Weg des Glaubens, Meditationen, München 1998.
... Dieser Jesus verkörpert das unterscheidend Christliche. Alle Weltreligionen kennen einen Gott oder mehrere Götter, die im Himmel oder anderen Sphären wohnen und deshalb unerreichbar sind. Für das Christentum thront Gott nicht unerreichbar im Himmel, er hat vielmehr Interesse an seiner Welt und ist dort gegenwärtig, wo wir Menschen sind. Noch mehr: Er wird Mensch, um unser Leben zu teilen, bis zum Tod am Kreuz, jenem letzten erschütternden Erweis seiner Hingabe und Liebe. Dadurch befreit er uns von der alten religiösen Angst, vor Gott nicht zu genügen und uns deshalb bei ihm beliebt machen zu müssen. Diese Befreiung von der allen anderen Religionen innewohnenden Angst nennen wir - Erlösung. Jesus Christus ist die menschgewordene Liebe des Vaters, er macht leibhaft erfahrbar, wer Gott ist. Durch ihn ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes ein für allemal offenbar geworden. Gott ist nicht unnahbar fern, sondern menschlich nah.
Aus: Stefan Jürgens, Ausgeheuchelt. So geht es aufwärts mit der Kirche, Freiburg 2019.
Weihnachten – Gott ist sichtbar geworden auf Erden in jeder Freundlichkeit und Liebe unter den Menschen.
Gott lässt sich erkennen: Die Einfachen, Kleinen, Armen können ihm begegnen, alle, die von ihrem hohen Ross heruntersteigen und die Maske des Hochmuts absetzen wollen.
Darum, lieber Mensch, lege allen Ballast der Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit ab. Öffne dein Herz und deine Arme, mögen die auch hart sein wie die Krippe – wenn sie nur offen sind – und tritt ein in das Geheimnis der Liebe von Weihnachten.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005
Um in diesen Weihnachtstagen glücklich zu sein, brauchst du Licht und Wärme, kein kaltes Neonflimmern und keine Wärme, die eine Heizung liefert. Du brauchst Licht im Herzen, um den Sinn des Lebens zu sehen, und die Wärme lieber Menschen, die dich gern haben.
In Armut und Kälte ist einer in die Welt zu allen Menschen gekommen, der mit seinem ganzen Leben Licht und Wärme sein wollte. Wenn du offen bist für das Geheimnis des Menschen, offen wie ein Kind, wirst du Licht empfangen und Wärme fühlen.
Phil Bosmans in:: Ludger Hohn–Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag Freiburg – Basel – Wien 2005.
Weihnachten ist das große „Trotzdem“ Gottes
angesichts der Ignoranz des Menschen:
„Er kam in sein Eigentum - doch die Seinen
nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11)
Weihnachten trotzt der Macht
und setzt ihr die Ohnmacht des Kindes
entgegen.
Weihnachten trotzt den Konventionen
und ermöglicht Unerwartetes:
Eine unverheiratete Jungfrau wird zur
Gottesgebärerin,
Heu und Stroh sind das Lager des Königs,
einfache Hirtenmusik ersetzt
Posaunenklang.
Trotzig sein ist also manchmal
die göttliche Reaktion
auf menschliches Unverständnis:
Trotz der Fehler des Menschen - Mensch
werden.
Trotz ihrer Ablehnung - die Menschen
lieben.
Trotz des Todes am Kreuz - die
Menschen retten.
Gott ist ganz schön trotzig
- das ist unser Glück.
Johann Pock, Weihnachten 2019.
Ihre bald 2000 Jahre alte Überlieferung, ihre sprachliche Form und ihre - bei aller Volkstümlichkeit des Inhaltes - theologische Tiefe haben der Weihnachtsgeschichte des Lukas (Lk 2,1-20) einen Glanz verliehen, der auch in unseren Tagen die gesellschaftliche und kommerzielle Überfremdung des Festes immer noch zu überstrahlen vermag.
Doch es gilt, der Entstehung dieser Geschichte nachzugehen. Detlev Block versucht das in seinen liedhaften Zeilen, die wichtige theologische Information weitergeben: Ostern ist Weihnachten vorgeordnet! Das den Auferstandenen umstrahlende Osterlicht ist Ursprung des Lichtes von Weihnachten. Die Ostersonne (Markus 16,2) hinter dem Kopf des Auferstandenen ist, dies wird vor allem in mittelalterlichen Bildern deutlich, identisch mit der Weihnachtssonne hinter dem Kopf des Krippenkindes. Da gibt es keine Differenz. Und darum kann Christian Keimann mit Blick auf Jesus in der Krippe 1646 bekennen:
Wonne, Wonne über Wonne:
Christus ist die Gnadensonne.
aus EG 34,1
Und Friedrich Spee sang schon 1622:
O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern.
O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.
EG 7,5 / GL 231,5
Entstanden etwa 60 Jahre nach dem Tod Jesu, ist die Weihnachtsgeschichte des Lukas Glaubenszeugnis. Niemand um das Jahr 90 wusste noch etwas von der realen Geburt des Kindes Jesus in der Zeit des Kaisers Augustus. Doch der auf Ostern gegründete Glaube an Christus als den Sohn Gottes erfüllte die christliche Gemeinde um 90 zutiefst. Und als die Frage nach der Geburt des Christus Jesus aufkam, konnte sie sich diese nur in Bildern des Alten Testamentes vorstellen. Der Messias konnte nur - zugleich zu den Armen - in Licht und Herrlichkeit Gottes gekommen sein. So entstand die Erzählung von der Armutsgeburt in der Höhle und der Lichtbotschaft gottgesandter Engel zugleich. Lukas schrieb sie auf, eine Geschichte, die das Weihnachtsfest der Christen auf Jahrtausende hin begründen sollte.
Historisch belegen lässt sich das alles nicht. Folgendes aber ist historisch wahrscheinlich: Im Jahr 7 vor Christus wird Jesus als Sohn von Maria und Josef an unbekanntem Ort in Palästina geboren. Der Erwachsene wird von Johannes am Jordan getauft. Von 27 - 30 verkündet er in den Dörfern Galiläas in bildkräftig erzählender Rede den Anbruch der Herrschaft Gottes unter den Menschen. Zugleich heilt er viele. Junge Männer und Frauen folgen ihm. Mit Gesetzeslehrern diskutiert er die sachgemäße Auslegung der Tora. Im Jahr 30 beim Passafest in Jerusalem festgenommen und verurteilt, erleidet er einen elenden Tod am Schandkreuz der römischen Fremdherren. Danach aber als der Lebendige erfahren, wird er von den Seinen als ,Messias', ,Christus' ins Bekenntnis aufgenommen. Bald schon erzählt man wundersame Geschichten von ihm.
Aus: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen, mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Sage, wo ist Bethlehem?
Komm doch mit, ich zeig es dir!
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jetzt und hier.
Sage, wo ist Bethlehem?
Liegt es tausend Jahre weit?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist jederzeit.
Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen,
mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.
Rudolf Otto Wiemer in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
https://youtu.be/_XMLsNmTLjY?si=ac5HCkIQqETcnNBN
plötzlich
unverhofft
mitten im kalten winter
in der nacht
in einem milieu
wo man es nicht vermutete
in einer gegend ...
die ...
ja die gegend
betlehems felder
wissen sie wo das ist
da ganz am rand der welt
da hat der himmel
die erde geküsst
maria
und da
ist ein ros entsprungen
aus einer wurzel zart
mitten im kalten winter
wohl zu der halben nacht
Wir danken dir, verborgener Gott
wir danken dir
verborgener gott
daß du uns deine stimme
hast hören lassen
deine stimme
im geburtsschrei
eines kindes
im geburtsschrei
einer neuen welt
Wir danken dir, weiser Gott
wir danken dir
weiser gott
für das kind
auf stroh
das uns menschen
einfacher
weiser
menschlicher
und göttlicher
macht
Wilhelm Willms in: Dietrich Steinwede (Hg.), Jetzt ist die Zeit der Freude. Weihnachtliche Texte. Verlag Ernst Kaufmann, Lahr 2011.
Du,
der du ein König bist,
hast dich so klein gemacht,
um als Mensch
unter Menschen zu leben.
Du,
der du der Größte bist,
hast dich so arm gemacht,
um im Stall
geboren zu werden.
Du,
der du der Mächtigste bist,
hast dich am Kreuz
menschlicher Gewalt
unterworfen.
Du, der du ein König bist,
bist zu mir gekommen,
klein und bescheiden
im Brot.
Deine Demut, Herr,
ist es,
die wir lernen müssen.
Ilse Pauls
Die Geburt Jesu wird seit dem 4. Jahrhundert am Jahresende, in der Zeit der Wintersonnenwende, gefeiert. Seit 400 Jahren prägen zwei ganz unterschiedliche Zeichen dieses Fest: Christbaum und Krippe. Der Christbaum ist zuerst im Elsaß nachgewiesen, in Bürgerhäusern in Schlettstadt und Straßburg, die Krippe in Jesuitenkirchen von Coimbra, Prag und Altötting.
Die ersten Christbäume waren mit Äpfeln, Hostien und Kerzen geschmückt. Sie wurden am 24. Dezember aufgestellt, nach dem alten kirchlichen Kalender der Gedenktag von Adam und Eva. Das Grün erinnerte an das Paradies, die Äpfel an den Sündenfall, die Hostien an die Erlösung, die Kerzen an Christus, „das wahre Licht, das in die Finsternis kam" (Joh 1,4-9). Der ganze Baum war Licht in der Finsternis der längsten Winternacht und Zeichen der Erlösung. Der Brauch, ihn im Wohnraum aufzustellen, wurde später durch die Hugenotten vom Elsaß aus nach Frankreich, in die Pfalz, nach Baden und andere evangelisch gewordene Landschaften verbreitet. In Bayern führte ihn Karoline von Baden, die erste Königin von Bayern, zum Weihnachtsfest 1800 ein.
In der Biedermeierzeit wurde der Christbaum zum Inbegriff der „Deutschen Weihnacht". [Unser Bild zeigt eine Darstellung zum Märchen vom Tannenbaum von Hans Christian Andersen.] Als die Nationalsozialisten ihn zum Zeichen eines heidnisch-germanischen Julfestes machen wollten, wurde er als Antwort darauf auch in katholische Kirchen übernommen. Seither umrahmen symmetrische Fichtenwälder viele Altarräume in der Weihnachtszeit. Aber der ursprüngliche Sinn, der sich im Grün, im Apfel, der Hostie und dem Licht konkretisiert, wird kaum irgendwo gesucht. Außerhalb der Kirchen wurden Christbäume, überreich beladen, zum Symbol des Konsums.
Wenn wir seine christliche Botschaft wieder entdecken wollen, sollten wir in der Kirche nur einen Baum aufstellen, ihn mit Äpfeln, Hostien und Wachs(!)kerzen schmücken und die Texte vom Paradies, vom Licht, vom Abendmahl lesen.
Das Figurentheater der Weihnachtskrippe haben die Jesuiten vielleicht nicht erfunden. Aber als Medium der Verkündigung haben sie es überall auf der Welt verbreitet, in Portugal, Böhmen und Bayern, in ihren Missionsgebieten in Amerika und Asien. Die Figuren aus Holz, Wachs oder Terrakotta wurden so aufgestellt und beleuchtet, daß sie zu sprechen und zu handeln scheinen. Das Geschehen wurde sowohl als Erzählung aus alter Zeit und einem fernen Land historisiert, als auch im Hier und Heute vergegenwärtigt. Das neue Bildmedium wurde zu einem Welterfolg. Bald wurden Weihnachtskrippen auch an Fürstenhöfen, in Bischofs- und Klosterkirchen nachgebaut, im 19. Jahrhundert dann auch in Privathäusern.
Mit den Krippen wurden zunächst das Weihnachtsevangelium des Lukas und die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland nach Matthäus illustriert. Bald aber überlagerten andere weihnachtliche Legenden, Privatoffenbarungen und Dichtungen die knappen Berichte der Evangelisten. Um 1900 bemühte man sich darum, in den Figuren und Landschaften Palästina realistisch darzustellen. Seit 1930 setzten sich Heimatkrippen mit blonden Frauen und Kindern in Trachtenkleidung durch.
Heute sollte sich eine Kirchenkrippe neu mit den Texten des Evangeliums auseinandersetzen. Sie sollte fremde Motive aus Privatoffenbarungen, Apokryphen und Weihnachtsmärchen reduzieren und sich entweder um Authentizität bemühen oder um Modernität. Entweder man entscheidet sich, Palästina zur Zeit Jesu nachzustellen, also Jesus und seine Mutter als orientalische Juden zu entdecken, oder man überträgt das Geschehen in unsere Gegenwart: Wo würde heute eine überall abgewiesene junge Schwangere ihr Kind bekommen können? In einer Tankstelle? Einem Gewerbepark? Und wen würden die Engel in der Nähe wach finden? Obdachlose, Polizisten, Müllmänner?
Die Geburt Jesu mit Figuren und Kulissen in eine angeblich „gute, alte Zeit", beispielsweise ein Bergdorf des 18. Jahrhunderts, zu versetzen, ist verlogen. Krippen sollten nicht gemütlich sein, sondern aufregend wie die Geburt und das Leben Jesu.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Nach 2000 Jahren christlicher Sozialisation geht uns der Satz „Gott ist Mensch geworden" leicht von den Lippen. Schwieriger wird es, wenn wir die heute üblichen Worte für Neugeborene benützen: „Gott ist Baby geworden" oder „Gott ist Säugling geworden". Für das Lukasevangelium war die Geburt Jesu ein natürlicher Vorgang: „Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln" (2, 7). So aber sehen die Weihnachtsbilder in unseren Kirchen und Museen und auf den Weihnachtspostkarten nicht aus. Da liegt ein nacktes Kind mit Goldstrahlen auf dem Boden und wird von einer Frau mit langem offenem Haar kniend angebetet.
Es war eine Frau, die sechs Kinder geboren hatte, und die wußte was für eine harte und schmutzige Arbeit Gebären ist: die heilige Birgitta von Schweden, die seit 1370 alle bei uns verbreiteten Bilder von der Anbetung des neugeborenen Jesus angeregt hat. Zuvor, und in der Ostkirche bis heute, wurde Maria dargestellt, wie sie erschöpft von der Geburt auf einem Lager liegt und sich ihrem gewickelten Kind liebevoll zuwendet.
Distanzierte Anbetung statt tätiger Zuwendung - dieser Wandel in der Bildvorstellung hat mit Reinheitsvorstellungen zu tun. Birgitta wollte sich die Jungfrau Maria nicht mit Blut befleckt vorstellen, das göttliche Kind nicht an einer Nabelschnur hängend. Darum beschrieb sie eine Vision, wie Maria allein mit aufgelöstem Haar im Stall von Betlehem betete und plötzlich das Kind vor ihr lag, ganz rein und leuchtend wie die Sonne. In den entsprechenden Bildern wurde Jesus zum Sternenkind, nicht zum Menschensohn.
Darstellungen einer Geburt gibt es in der europäischen Kunst nicht. Sie sind möglich, wie Beispiele der afrikanischen und altamerikanischen Kunst zeigen, aber nicht in einer Bildwelt, die auf die Griechen zurückgeht. Hier war nur die Sorge um das neugeborene Kind und das Nähren an der Brust bildfähig. Die stillende Gottesmutter war ein beliebtes Andachtsbild der frühen niederländischen Kunst. An diese Tradition knüpfte Rembrandt 1635 an. Er zeigt eine Frau in einer einfachen Tracht, die ein dicht eingewickeltes Kind an ihre Brust hält. Das Kind ist satt und schläft ein; sein Mund und die Brust sind von Milch und Spucke verschmiert. Aber das Kind darf noch nicht schlafen, es kann noch nicht in das Korbbett gelegt werden. Es muß erst aufstoßen, sonst wird es die Milch erbrechen. Alle Eltern und Kinderpfleger wissen das. Nach dem Stillen ist ein schwieriger Moment, das Kind will satt einschlafen, soll schlafen, aber erst muß man es noch ein wenig aufrecht halten, den Schlaf verzögern, bis zum befreienden Aufstoßen. In diesem Moment des gespannten Wartens muß es still sein. Darum hat der Mann im Bild, Josef, sein Werkzeug - Bohrer, Sägen, Beil - beiseite gelegt und beugt sich ganz sanft und aufmerksam über das Kind.
Jeder, der mit kleinen Kindern zu tun hatte, kennt diese Situation und erkennt sie im Bild Rembrandts wieder. [Eine alltägliche, menschliche Situation, die in der nebenstehenden Radierung nochmals - anders - dargestellt ist.]
Nichts weist auf die göttliche Natur des Kindes hin: Gott ist Säugling geworden. Er, der allen Vögeln ihre Nahrung gibt, begnügt sich mit ein paar Tropfen Milch, wie der Dichter Sedulius im 5. Jahrhundert schrieb.
Rembrandt hat die Menschwerdung Gottes ernst genommen, wörtlich verstanden. Katholische Weihnachtsbilder sind „göttlicher". Strahlen, Goldglanz und Engel möblieren unsere Krippen zu Vorsälen des Himmels, so als ob Jesus von Nazareth gar nicht wirklich auf der Erde gelebt hätte. Peter Paul Rubens ist in seiner Hirtenanbetung für Neuburg an der Donau 1620 Rembrandt vorausgegangen in seinem Verzicht auf übernatürliche Lichterscheinungen. Sein weiß gewickeltes Kind liegt auf gelbem Stroh, das von einer Laterne so beleuchtet wird, daß es zu glänzen beginnt. Rembrandt zeigt nicht den Stall von Betlehem sondern die Werkstatt in Nazareth, kein Weihnachtsfest, sondern den Alltag einer jungen Arbeiterfamilie mit unendlicher Zärtlichkeit und Geduld.
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Von einem hellgelben Strohhaufen heben sich ein blauer Esel und ein roter Ochse ab, daneben ganz in blauem Umriss eine Frau mit einem nackten Kleinkind, am Rand der Futtertrog, die Krippe, als notdürftiger Kinderbettersatz. Die Szene ist in eine rechteckige Form eingepasst, die Andeutung eines Stalls. Ihm fehlt die Vorderwand, er ist offen wie ein Puppenhaus. Giotto di Bondone hat um 1300 die biblische Geschichte in solchen Puppenhäusern ausgemalt. Über dem Stalldach befindet sich auf unserem Bild ein nachtblauer Flimmel mit einem Gestirn. Von rechts schreitet ein nackter roter Mann vor blauem Grund auf das Licht des Stalls zu, von links eine Frau mit einem grünen Tuch um die Hüften, begleitet von einem Reh.
Das Gemälde steht in einem Geflecht von Traditionen: Die Geburt im Stall nach der Erzählung des Lukasevangeliums wird seit 320 mit einer Krippe und Tieren dargestellt. Ausgehend von dem Vergleich Adam und Christus bei Paulus (1 Kor), entwickelten die Kirchenväter seit dem 4. Jahrhundert das Gegensatzpaar Eva und Maria, das bald zu einem Thema von Dichtung, Malerei und Skulptur wurde. Eine künstlerische Tradition wurde bereits genannt, die kirchliche Monumental-Malerei der Toskana um 1300. In Florenz und Siena wurden damals die Grundlagen der europäischen Malerei erarbeitet.
Aber der Maler unseres Bildes, Karl Caspar (1879-1956), wählte andere Farben. Weder nackte Männer noch Ochsen sind rot, Esel sind nicht blau. Seine Farben bilden nicht mehr ab. Damit steht er in der Tradition der Malerei des „Blauen Reiter". Die kleine Münchner Künstlergruppe wollte 1912 damit aufhören, einfach Sichtbares wiederzugeben. Statt dessen wollte sie „sichtbar machen", wie es Paul Klee formulierte.
Dieser Ausstieg aus dem überlieferten Aufgabenkreis der Kunst, nämlich Natur nachzuahmen, wie es seit Aristoteles als selbstverständlich galt, ist das einzige Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das je in München stattgefunden hat. Der Aufbruch der modernen Kunst über die Grenzen des Materialismus zum Geistigen - so sagte das Wassilij Kandinski - fiel in die Zeit, als die katholische Kirche den Antimodernisteneid für ihre Priester einführte, um sich auf Dauer in einer defensiven Kräftekonzentration von der modernen Welt abzusetzen. Künstler, die sich der Kirche verpflichtet fühlten, gerieten dadurch in ein Dilemma. Entweder sie verrieten ihre Kunst, um den kirchlichen Auftraggebern zu gefallen, oder sie trennten sich von der Kirche.
Karl Caspar hat sein Leben lang an der Bibel als Quelle seiner Kunst festgehalten. Aber sein Werk entstand seit 1912 außerhalb der Kirchen, verteidigt von mutigen Katholiken wie Konrad Weiß und Carl Muth, aber ohne Chance gegen eine kirchliche Ablehnungsfront. Carl Muth hatte 1898 mit seiner Schrift „Steht die katholische Belletristik auf der Höhe der Zeit?” den Inferioritätsstreit ausgelöst, den Streit darüber, ob Katholiken ihrer Umwelt kulturell unterlegen seien. Karl Caspar, der zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Künstlerbundes gehörte, wollte eine Kunst auf der Höhe ihrer Zeit. Die Kirche konnte ihm bis lange nach seinem Tod nicht folgen, mit Ausnahme des Weihbischofs Senger von Bamberg, der ein Casparfresko für die Ostapsis des dortigen Doms durchsetzte, das 1928 großen Streit auslöste. Im Münchner Dom wurde noch 1953 ein Entwurf Caspars als zu modern abgelehnt und erst 1976 für die Unterkirche das Passionstriptychon von 1917 erworben.
Sollten sechzig Jahre, zwei Generationen, der Abstand bleiben, mit dem die Kirche den Entwicklungen der modernen Welt hinterherhinkt?
Aus: Peter B. Steiner, Glaubensästhetik. Wie sieht unser Glaube aus? 99 Beispiele und einige Regeln. Verlag Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2008.
Die Öffentlichkeit steht im Bann permanenter Krisenberichterstattung. Kriege, Konflikte und Gewalt bestimmen die Schlagzeilen. Doch es gibt auch positive Nachrichten: Die Armut sinkt, der Kampf gegen die schlimmsten Krankheiten zeitigt Erfolge, und die Welt hat endlich ein Klimaabkommen. Ein Überblick.
Tageszeitung Die Presse am 18.12.2015.
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4890660
Alttestamentler Georg Braulik im "Kärntner Sonntag": Altes Testament liefert Impulse für das Engagement im Bereich Asyl
Wien, 17.12.2015 (KAP) Das Alte Testament der Bibel liefert in der vorweihnachtlichen Zeit im Blick auf die Herbergssuche Impulse für das Engagement bei der Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen: "Im Deuteronomium heißt es, »Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung - auch ihr sollt die Fremden lieben«", zitierte der renommierte Wiener Alttestamentler Georg Braulik aus dem 5. Buch Moses in der aktuellen Ausgabe des "Kärntner Sonntag". Fremdenliebe sei in dem Abschnitt also als "Nachahmung Gottes" dargestellt, so Braulik.
Der Text aus dem 10. Kapitel des Buches ist aber nicht die einzige Stelle, die sich auf den Umgang mit "den Fremden" bezieht. Braulik verwies auf das Kapitel 23: "Wenn ein fremder Sklave aus welchen Gründen auch immer seinem Herrn entflieht, dann muss er in Israel aufgenommen werden". Dabei komme ihm das Privileg zu, sich einen Wohnort aussuchen zu können. "Das alles ist einmalig im Alten Orient. Der Fremde und Flüchtling soll in Israel, im Volk Gottes, als gleichberechtigter Bruder behandelt werden."
Grundsätzlich habe "der Fremde" auch im Alten Orient mit den Witwen und Waisen seinen Platz in den sozialen Randgruppen. Der Alttestamentler erklärte dies mit dem Fehlen von Bodenbesitz, "womit ihnen in einer agrarischen Gesellschaft auch die Existenzgrundlage fehlt". Vorschriften, wie jene aus dem Buch Deuteronomium, holten "die Fremden" aus dieser Position am Rand der Gesellschaft in deren Mitte zurück. Mit Almosen habe das aber wenig zu tun. "Es geht hier um Rechtsvorschriften, also um ein Recht, das jenen am Rande der Gesellschaft zukommt."
Beispiel dafür sei etwa die Regelung, "dass der Zehnte, der normalerweise an den Tempel abgeliefert wurde, in jedem dritten Jahr im Wohnort verbleibt und der Ernährung der Fremden, Witwen und Waisen dient", so der Benediktinerpater. Durch diese und andere Maßnahmen konstruiere das Buch Deuteronomium schließlich eine Gesellschaft ohne Arme. "Nicht zuletzt haben Fremde, Witwen und Waisen teil an den Höhepunkten des Lebens, den gemeinsamen Festen im Jerusalemer Heiligtum. Und erst in ihrer Gemeinschaft kommt es zur Freude Gottes."
Ziel der Gebote sei in der Bibel immer das Fortbestehen der Gemeinde. Braulik: "Sie sind als dankbare Antwort auf die Rettung aus der Sklaverei zu verstehen und sind die Voraussetzung, um die gewonnene Freiheit auf allen Gebieten des Lebens bewahren zu können."
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Am Samstag vor dem ersten Advent leitete ich einen Besinnungstag für Religionslehrer in einem Städtchen im Badischen. Wir waren in einer kleinen Kirche mitten am Marktplatz - und um uns herum war der Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Vom Karussell dudelte »Jingle Beils« herüber, man hörte fröhliches Stimmengewirr, drüben sang ein Kinderchor »Leise rieselt der Schnee«. In einer Pause stand ich zufällig mit dem Pfarrer zusammen, dessen Pfarrhaus am Rande des Marktplatzes steht. »Geht das die ganzen vier Wochen so?«, fragte ich mitfühlend. »Ja«, seufzte er, »mit der Stille ist es vorbei, wenn die Blasmusik 'Stille Nacht' spielt ...« Es war seltsam, aber dieser Satz ließ mich die folgenden Tage nicht mehr los: »Mit der Stille ist es vorbei, wenn die Blasmusik 'Stille Nacht' spielt.« Wie ist das denn tatsächlich mit der »Stille der Heiligen Nacht«?
Die Wochen vor dem Fest sind für die meisten wohl alles andere als still. Viele Erwartungen und Hoffnungen werden mit Weihnachten verbunden. Manchmal scheint es fast so, als ob das »schöne Fest« zum Jahresende all das wettmachen soll, was im Laufe des Jahres eben nicht »schön« war. Und dann soll Weihnachten das »perfekte Fest« werden - mit viel Freude und viel Fröhlichkeit! Stille Nacht? Das ist eigentlich eher nicht vorgesehen.
Nichts gegen ein schönes Fest, nichts gegen liebe Fröhlichkeit! Ich genieße den Heiligabend auch mit Freunden, einem guten Essen. Aber dafür bräuchte es nicht unbedingt Weihnachten, das geht auch am Geburtstag oder bei der Feier einer Goldenen Hochzeit.
Ob Weihnachten und Stille vielleicht doch etwas miteinander zu tun haben, wenn es mehr als »nur« ein schönes Fest sein soll? »Stille Nacht, heilige Nacht...«? Könnte das die Spur sein?
Immer dann und dort, wo etwas »Heiliges« ins Spiel kommt, wenn man sich vom Heiligen berühren lässt, da verstummt man, wird man leise. Das ist so, als ob die Seele auf einmal ins Lauschen kommt, ins Lauschen auf nie gehörte Worte, ungesungene Melodien, Klänge und Töne. Um das aber erlauschen zu können, muss es still sein, still um mich herum, aber auch still in mir. Es gibt solche Momente im Leben. Das kann der Augenblick sein, wenn eine Mutter ihr neugeborenes Kind im Arm hält oder Liebende sich einfach anschauen und verstehen. Das kann der Regenbogen sein, der am Himmel steht - oder ein Sonnenuntergang am Meer, Momente, in denen ich ganz still werde und mich vom Heiligen berühren lasse.
Ein »heiliger Abend« ohne solche »heiligen Momente« wäre nicht anders als jedes andere Fest.
Klar - ich kann solche heiligen Momente nicht »machen«, sie sind immer Geschenk. Aber ich kann wenigstens die Voraussetzungen dafür schaffen, indem ich bewusst in diesen Stunden der Freude und der Gemeinschaft auch einmal die Stille suche. Das kann der Moment beim Anzünden einer Kerze sein, der liebevolle Blick auf das schlafende Kind, der kurze Gang vor die Haustür und der Blick in den Sternenhimmel, auch das »Gänsehaut-Gefühl«, wenn der Kirchenchor das »Transeamus« anstimmt - Momente, in denen das Heilige mich vielleicht berühren kann.
Was aber ist mit denen, für die die Heilige Nacht bereits viel zu still ist? Mit denen, die einsam zu Hause sitzen, weil sie keinen Menschen haben? Mit denen, die sich an diesem Abend nicht freuen können, weil sie um einen Partner, ein Kind, einen Freund trauern? Mit denen, die den Heiligen Abend im Krankenhaus verbringen müssen, vielleicht voll Sorge in die Zukunft schauen? Diese Stille ist nicht immer leicht auszuhalten - und sie soll auch nicht billig weggetröstet werden. Aber vielleicht sind diese Menschen dem Geheimnis dieser Nacht näher als so mancher, der »nur« ein schönes Fest feiert: »Alles schläft, einsam wacht nur das traute hochheilige Paar ... Christ, der Retter ist da!« Jesus Christus kann nur dort »ankommen«, wo man ihn braucht, wo man seiner bedarf. Es waren die Hirten, die in der Stille der Nacht bei ihren Herden gewacht haben, die die Botschaft des Engels gehört haben. Die Bevölkerung von Betlehem hat das eigentliche Ereignis dieser Nacht verschlafen.
»Während tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht in ihrem schnellen Lauf bis zur Mitte vorgerückt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel her, vom königlichen Thron« (Buch der Weisheit 18,14-15a) - der Heiligabend braucht die Stille und das Wach-Sein, um für mich zur Heiligen Nacht werden zu können.
Aus: Andrea Schwarz, Gib dem Engel eine Chance. Gedanken und Geschichten zu Weihnachten. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2013.
Du höchstes Licht, du ewger Schein,
du Gott und treuer Herre mein,
von dir der Gnaden Glanz ausgeht
und leuchtet schön so früh wie spät.
Das ist der Herre Jesus Christ,
der ja die göttlich Wahrheit ist,
mit seiner Lehr hell scheint und leucht‘,
bis er die Herzen zu sich zeucht.
Er ist das Licht der ganzen Welt,
das jedem klar vor Augen stellt
den hellen, schönen, lichten Tag,
an dem er selig werden mag.
Den Tag, Herr, deines lieben Sohns
lass stetig leuchten über uns,
damit, die wir geboren blind,
doch werden noch des Tages Kind‘
und wandeln, wie’s dem wohl ansteht,
in dessen Herzen hell aufgeht
der Tag des Heils, die Gnadenzeit,
da fern ist alle Dunkelheit.
Zuletzt hilf uns zur heilgen Stadt,
die weder Nacht noch Tage hat,
da du, Gott strahlst voll Herrlichkeit,
du schönstes Licht in Ewigkeit.
O Sonn der Gnad ohne Niedergang,
nimm von uns an den Lobgesang,
auf dass erklinge diese Weis
zum Guten uns und dir zum Preis.
Johannes Zwick (1545), in: L EG 441
Originaltext:
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab’ im lockigen Haar,
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund’.
Jesus! in deiner Geburt!
Jesus! in deiner Geburt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnade Fülle lässt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!
Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Halleluja!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah:
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“
Gebräuchliche Fasssung:
Stille Nacht, heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute, hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh,
Schlaf in himmlischer Ruh.
Stille Nacht, heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund,
Christ, in deiner Geburt,
Christ, in deiner Geburt.
Stille Nacht, Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht,
Durch der Engel Halleluja.
Tönt es laut von fern und nah:
Christ, der Retter ist da,
Christ, der Retter ist da.
Gotteslob 1975.
Jesus ist die Gabe Gottes, eine unvergleichliche Gabe: empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Das ist der Kern der Botschaft, die auf den ersten Seiten des Evangeliums nach Matthäus und Lukas zum Ausdruck kommt.
In Jesus hat Gott unser Fleisch angenommen: Im Hebräischen bezeichnet das Wort »Fleisch« den ganzen Menschen in seiner Hinfälligkeit, die ganze Person, insofern sie schwach und vergänglich ist. Im Leib seiner Mutter geformt, wurde Jesus nackt geboren; Maria und Josef liebten ihr Kind, da er wie alle Menschenkinder lachte und weinte. In ihm nahm Gott die Augen eines Kindes an, und mit seinen kleinen Füßen musste Jesus lernen, die Wege der Menschen zu gehen.
Unser Glaube, Herder-Verlag,1990.
... Die Menschen träumten Gottes Traum nicht mit. War Gottes Traum ausgeträumt?
Gott wagte noch mehr! Er wagte das Äußerste. Er ging selbst, Mensch unter Menschen, in sein Volk hinein und lebte seinen Traum in einem Menschen, in Jesus von Nazareth. Aller Entwurf Gottes sammelte sich in ihm: Hier war das neue Herz! Die Kraft Gottes ging von ihm aus, wer ihn berührte, wurde heil. Hier war der Keim des Gottesreiches auf Erden. Hier war der Mensch, der ganz Gott vertraute, der ganz mit Gott lebte. An dieser Stelle brach in der düsteren Menschengeschichte der Gewalt das Licht durch, die Dämonen flohen vor ihm.
Die Menschen, besonders die Kleinen, die Armen, spüren es. Sie sammelten sich um ihn am Ufer des galiläischen Meeres. Sie lauschten seinen Worten, in denen er die Grundsätze des Gottesreiches verkündete, den Traum Gottes wie sein Volk mitten unter den Völkern und für die Völker leben sollte: "Selig, die keine Gewalt anwenden; selig, die Frieden stiften, selig, die Barmherzigen..." Wenn ihr von Gott geliebt seid, so verkündete er, unendlich geliebt, habt ihr dann nicht alles? Wenn ihr Söhne und Töchter Gottes seid, seine Geliebten, was kann euch da noch fehlen? Was müsst ihr dann noch krampfhaft festhalten? Wenn ihr den Schatz im Acker gefunden habt, wenn ihr, so würden wir heute sagen, das große Los gezogen habt, dann könnt ihr alles andere loslassen. Wenn euch dann einer den Mantel nimmt, dann lasst ihm auch noch den Rock; wenn euch dann einer auf die rechte Wange schlägt, dann haltet ihm auch die andere hin. Dann könnt ihr sogar den Feind lieben, denn ihr seid doch in der großen Freude, ihr seid doch von Gott unendlich geliebt, von ihm, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse.
Johannes Bours, Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt, Freiburg 1986.
In dieser Nacht öffnet sich der Himmel
um für immer offen zu bleiben.
In dieser Nacht berührt der Himmel die Erde,
um sie für immer zu verwandeln.
In dieser Nacht ist Gott Mensch geworden,
um sich auf ewig mit uns zu verbinden.
In dieser Nacht ist alles anders.
Für einen Augenblick
hält die Welt den Atem an.
Einsame und Verzweifelte,
Enttäuschte und Unzufriedene,
Starke und Selbstsichere,
Erfolgreiche und Glückliche
staunen über das Kind in der Krippe.
Gott wird Mensch.
Udo Hahn
Wie der heilige Franz
an der Krippe
knien
und nur noch eines
sehen
das Kind und das Leben.
Wie Ochs und Esel
an der Krippe
stehen
und nur noch eines
fühlen
das Kind und das Leben
Wie die heilige Maria
an der Krippe liegen
und nur noch eines
gebären
das Kind und das Leben
Wie der heilige Josef
an der Krippe
sitzen
und nur noch von einem
träumen
vom Kind und vom Leben
P. Anton Rotzetter
Suchen und finden,
den Weg durch die Wüste,
über manchen Umweg,
vom Stern geführt,
im Traum bestätigt.
Gesucht und gefunden,
das Haus des Brotes,
das Kind und die Mutter,
die Wiege des Lebens,
das Ziel der Sehnsucht.
Suchen und finden,
den Ort, wo die Kronen abgelegt,
die Knie gebeugt,
die Hände gefaltet,
die Herzen weit geöffnet werden.
Gesucht und gefunden,
die dargebrachten Schätze,
das Gold der Sehnsucht,
den Weihrauch der Hingabe,
die Myrrhe der Schmerzen.
Suchen und finden,
den anderen Heimweg
durch unbekannte Gefilde,
doch mit einer Zuversicht im Herzen,
die unwiderruflich ist für immer.
Gesucht und gefunden,
die wahre Größe,
die sich zeigt in der Zuneigung,
wo die Schenkenden
reich Beschenkte sind.
Paul Weismantel.
Mit den Hirten will ich gehen,
meinen Heiland zu besehen,
meinen lieben heilgen Christ,
der für mich geboren ist.
Mit den Engeln will ich singen,
Gott zur Ehre soll es klingen,
von dem Frieden, den er gibt,
jedem Herzen, das ihn liebt.
Mit den Weisen will ich geben,
was ich Höchstes hab im Leben,
geb zu seligem Gewinn,
ihm das Leben selber hin.
Mit Maria will ich sinnen
ganz verschwiegen und tief innen
über dem Geheimnis zart:
Gott im Fleisch geoffenbart.
Mit dir selber, mein Befreier,
will ich halten Weihnachtsfeier;
komm, ach komm ins Herz hinein,
laß es deine Krippe sein.
Emil Quandt (1880), EG 544 (Ausgabe Rheinland).
Als der Jesusknabe im Stall von Bethlehem geboren wurde und die vielen Leute kamen, um sich mit den Eltern zu freuen, das war der Esel einfach froh, dass er sich mit seinem grauen Fell tief im Schatten verstecken konnte. Er war nicht für den großen Auftritt vor der Welt geschaffen. Seine Ohren waren zu groß geraten und seine Beine zu kurz. Weder war er ein feuriger Rappe noch ein strahlender Schimmel, sondern einfach ein Grautier. Die Welteroberer und Herrscher lieben Rosse und Wagen, die Kaufleute aus dem fernen Saba die hochnäsigen Kamele. Er aber war nur der Lastenträger in den Dörfern und der geduldige Esel für die Fußfaulheit der kleinen Leute. Jetzt ließ er den Kopf hängen und sein Fell wurde noch ein wenig grauer als sonst, da er seinen Alltag und das Leben überhaupt meditierte. Er wurde zwar immer wieder gebraucht, er wurde auch geschätzt, weil er so brauchbar war, aber er wurde nie hofiert. Das Leben war schon seltsam, ... irgendwie ungerecht. Und wenn er müde war und nicht mehr wollte und nicht mehr konnte, dann gab es Schläge, damit er doch weiter trottete. Es war kein fauler Esel, ... er war ein dummer Esel, ... eben ein ... Esel.
Der Gesang der Engel verfolgte ihn bis in seine Träume und auch die Freude der Hirten und Geschenke der weisen Männer, die von einem so besonderen Stern erzählten, der sie bis in seinen Stall geführt hatte. Das muss schon ein besonderes Kind sein, aber er war nicht Besonderes und so passten sie beide kaum zueinander. Es ist nicht gut, sich falsche Träume zu machen, dachte er. Denk daran: du bleibst ein kleiner grauer Esel und wirst nie ein bunter Vogel.
Dann kam der Tag, an dem der Mann ihn so seltsam anschaute und mit der Mutter sprach, dass sie ganz schnell von hier weg mussten. Und sie packten ihre sieben Sachen und der Mann setzte die Mutter und das Kind auf seinen Rücken. Der kleine Esel seufzte, jetzt hat der Alltag wieder begonnen. Als der Knabe beim Trott der vielen Schritte langsam müde wurde, fiel sein kleiner Kopf auf den Nacken seines Reittieres und die Haare dort kitzelten in seiner Nase und er musste niesen. Dem Eselchen sträubten sich vor Schreck die Haare, so dass sie wie eine Bürste senkrecht zu Berge standen. Das gefiel dem Kleinen. Er streichelte die Haare immer wieder und dann legte er seine Arme ganz eng um den Hals und schlief wieder ein.
Als sie am Abend in einem Gehöft am Wege rasteten war der Esel immer noch ganz aufgeregt. Der kleine Knabe hatte Freude an ihm gehabt. Er hatte sich an ihn gekuschelt und ihn umarmt. Das machte den Esel richtig stolz und seine Nackenhaare standen vor Aufregung auch jetzt noch senkrecht. Als er dann in einer Glitzerscheibe sein Spiegelbild sah, wollte er es kaum glauben: Die Nackenhaare waren auf einmal schwarz und da wo der Knabe seine Arme um seine Schultern gelegt hatte, war auch sein Fell schwarz geworden. Der Knabe hatte ihm ein Siegelzeichen eingebrannt.
Dass der kleine Knabe damals so viel Freude und Vertrauen zu ihm hatte, das hat der Esel nie vergessen und bis heute ist er bis in die Schwanzspitze hinein mächtig stolz auf das Kreuz auf seinem Rücken.
Abt Albert Altenähr OSB, Weihnachtsbrief der Abtei Kornelimünster.

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Der Text entstammt dem 3. Teil des Jesaja-Buches. Das babylonische Exil ist vorbei, aber Jerusalem ist besetzt und Teil des persischen Reiches. Dennoch besteht eine große Freiheit für das jüdische Volk - wie übrigens auch schon zur Zeit des Exils selbst. Die Autoren des dritten Jesaja-Buchteils blicken voll Hoffnung und Zuversicht in eine gute Zukunft: Fremde Herrscher sind zwar da, lassen aber viel Gnade walten.
Recht und Gerechtigkeit prägen diesen Abschnitt aus "Tritojesaja", dem dritten Teil des Jesajabuches. Der Prophet spricht mit jener Leidenschaft, die den Propheten des Herrn zueigen ist. Angelpunkt, um den es sich in der Lesungsperikope dreht, ist die Gottesstadt, Jerusalem mit dem Berg des Herrn, dem Zion. An ihr wird die Gerechtigkeit Gottes der Welt offenbar.
Der Begriff der Gerechtigkeit ist im Ersten Testament vielschichtig. Gerecht ist einerseits der, der so handelt, dass das Wohl einer Gemeinschaft gesichert ist. Die göttliche Gerechtigkeit ist im Alten Orient oft mit dem Tun des Menschen verbunden. Der Mensch, der gerecht lebt, darf sich der Gerechtigkeit und der Nähe Gottes sicher sein.
Letztlich aber geht die Gerechtigkeit von Gott aus. Von ihm kommt die Fähigkeit, sich der Gemeinschaft gegenüber treu und loyal zu verhalten. Gottes Gerechtigkeit ist Quelle von Recht und Ordnung und damit von erfülltem Leben in Israel. Diese Sicht von Gerechtigkeit wird auch in unserem Abschnitt deutlich gemacht.
Als Grund dafür, dass in Jerusalem das Licht der Gerechtigkeit erstrahlt, wird genannt: Gott ist mit dieser Stadt. Jerusalem wird Ort der Gegenwart Gottes. Das Verhältnis zwischen dem Herrn und seiner Stadt wird in wunderbaren Worten mit der Beziehung zwischen Bräutigam und Braut verglichen.
Die aus dem babylonischen Exil heimgekehrten Judäer befanden sich in einer schwierigen Situation. Die Menschen hatten den Glauben an Gott und das Vertrauen auf das versprochene Heil verloren. Die Sammlung des Tritojesaja ("Dritter Jesaja") versucht, anhand verschiedenartiger Texte dem Volk Hoffnung zu geben. In den Kapiteln 60 - 62 wird das leuchtende Bild der Gottesstadt Jerusalem aufgezeigt. In der Form der Volksklage, die den Hörern bekannt war, versucht der Prophet aufzuzeigen, daß Gott sein Volk liebt und nur daraus sich Glück und Heil erwarten lassen.
Praktische Tipps zum Vorlesen und Textauslegung der Katholischen Bibelwerke Deutschland, Österreich und Schweiz