Machtpolitik
Das Evangelium bekommt Konturen und Gestalt durch Personennamen, Fakten, Zeitangaben. Das passt gut zu Lukas, dem angeblichen Verfasser dieses Evangeliums. Er wird auch als Historiker unter den Evangelisten bezeichnet. Das Evangelium hat viel zu verkünden in einer Zeit, in der die Mächtigen schamlos ihr Spiel mit der Not des Volkes trieben, es unter anderem auch steuerlich auspresste und sich die Familienmitglieder der lokalen Behörden die besten Pfründen zuschanzten.
Zwei dieser Persönlichkeiten, die Unheilsgeschichte geschrieben haben, bzw., die sich sehr schillernd gaben, sind uns besonders gut bekannt: Herodes, Teilfürst von Galiläa, und Pontius Pilatus, Statthalter, somit Repräsentant des Römischen Reichs im Heiligen Land. Die Familie des Herodes schaffte es immer wieder, sehr fragwürdige Koalitionen mit der römisch kaiserlichen Familie einzugehen, um den lokalen Machtbereich für ihre Sippe gut abzusichern. Das ist Machtausübung auf Kosten anderer, im schlechtesten Sinne des Wortes.
Johannes der Täufer, der es wagte, das Verhalten des Herodes Antipas anzuprangern, bezahlte seine Kritik mit der Enthauptung. Auch die Hohenpriester schufen sich aus dem Tempel heraus eine Machtposition. Sie verwalteten den gewaltigen Goldschatz, hatten somit nicht nur religiösen, sondern auch starken wirtschaftlichen Einfluss, eine Art Fort Knox der damaligen Zeit. Pontius Pilatus wiederum führte einen wahren Eiertanz auf, um Ruhe in Jerusalem und Judäa herzustellen und dem Kaiser in Rom zu zeigen, dass er sein unruhiges Machtgebiet fest im Griff habe und für religiöse Unruhen, die das Gebiet destabilisieren könnten, kein Verständnis aufbringt. Schließlich lebte ja auch er von den Einnahmen, die er durch die Zöllner aus dem Volk herauspressen ließ.
Johannes – Ein Prophet der Gesinnungsänderung
In diese Zeit hinein lässt Lukas Johannes d. Täufer, seine Frohbotschaft verkünden. Über Johannes d. Täufer brauche ich Ihnen nicht viel zu sagen, einiges ist aber für das heutige Evangelium doch bemerkenswert, was Augustinus (354 - 430) in seiner Predigt über Johannes d. Täufer schreibt: "Johannes wird geboren von einer unfruchtbaren Greisin (Elisabet), Christus von einer Jungfrau im Jugendalter. Der Vater (Zacharias) glaubt nicht an die Geburt des Johannes und wird stumm. Maria glaubt an Christus und empfängt ihn im Glauben. . . Johannes scheint so etwas wie eine Grenzlinie zwischen den beiden Testamenten, dem Alten und dem Neuen zu sein. . . Johannes stellt in der Person das Alte dar und verkündet doch das Neue. Weil er das Alte darstellen sollte, wurde er von einer Greisin geboren; weil er das Neue vertritt, wird er noch im Schoß der Mutter zum Propheten erklärt. . . Wessen Vorläufer er sein sollte, wurde angezeigt. . . Schließlich kommt Johannes zur Welt, erhält den Namen, und die Zunge des Vaters (Zacharias) wird gelöst. . . Verkündete Johannes sich selbst, könnte er den Mund des Zacharias nicht öffnen. Denn als Johannes den Herrn voraus verkündigte, wurde er gefragt: 'Wer bist du?' Er antwortete: 'Ich bin die Stimme des Rufers in der Wüste.' Johannes ist die Stimme, der Herr aber ist 'im Anfang das Wort.'" (siehe Augustinus Sermo 324: In Natali Joannis Baptistae III, 288)
Was verkündet Johannes? "Bereitet dem Herrn den Weg!" (Lk.3,4). Es ist eine Botschaft der Umkehr, eine Botschaft der Gesinnungsänderung. Alles, was es an Gewalt, Machtgehabe in Familie, Politik, Beruf gibt, soll eingeebnet werden. Das würde heißen, Straßen und Brücken zueinander bauen. Ein geduldiger Dialog, ein gegenseitiges Hinhören führt zum Heil.
"Jede Schlucht soll aufgefüllt…werden"(Lk. 3,5), ein Bild für Enge und Dunkelheit. Eine Dunkelheit ist die Sinnlosigkeit und Resignation. Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz, ihre Wohnung, Beziehungen zerbrechen, mühsam Erspartes ist dahin, aus welchen Gründen immer. Dann taucht die Frage auf: Wozu das alles? Wozu bin ich noch nütze? Das ist die Wüste des Lebens. Das ist ein Problem, das auch an Institutionen nicht vorbeigeht. Wie ernst werden Staat, Kirche und ihre Repräsentanten noch genommen? Sind sie glaubwürdig?
Säkularismus
Ein anderes gewaltiges Problem ist der schleichende Säkularismus, also die Lebensgestaltung ohne Gott. Wenn Sie den zeitgeschichtlichen Hintergrund dieses Evangeliums nochmals überlegen, finden wir dieses Problem schon in der Bibel. Die Hohenpriester setzen genauso wie die weltlichen Institutionen auf Machterhalt, reibungsloses Funktionieren des Tagesablaufs ohne Widerspruch, formal muss alles seine Richtigkeit haben, der Mensch selbst mit seinen Sorgen und Nöten bleibt auf der Strecke. Finden wir nicht Ähnliches in Staat und Kirche auch heute? Wer bin ich als Mensch, was geben mir Partei, Kirche, Brauchtum? Was hat Religion heute noch für einen Sinn? Bringt sie nicht eher Gewalt und Krieg? Der schleichende Säkularismus hat uns weltweit im Griff. Gar nicht wenige, leider auch Christen, feiern kirchliche Feste, ohne die Inhalte zu kennen und diese mitunter durch magisch-esoterische Rituale abzuändern. Vielleicht steckt heute auch große Angst vor der Übermacht der Institutionen dahinter. Manchmal sieht es aus, als wäre der kämpferische Atheismus im Vormarsch. - Los von Gott!
Johannes d. Täufer ist mit seiner Botschaft sehr aktuell: "Bereitet dem Herrn den Weg!" gilt auch für uns heute. Gott hat mit uns eine große Zukunft vor. Die Wege und Straßen mögen so eben sein, dass Gott und Mensch einander begegnen können, auch wenn wir im Leben manchen Umweg machen müssen.