Es geht nicht ohne Vorsorge
"Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?" (Mt 6,25). Diese Worte leiten einen längeren Abschnitt der Bergpredigt über das kleingläubige Sorgen ein (vgl. Lk 12,22-31). Sie könnten widersprüchliche Gefühle in uns hervorrufen. Wie kommen wir zurecht mit der Aufforderung, uns keine Sorgen zu machen? Muten uns die Worte Jesu nicht etwas weltfremd an? Weit ab von der Wirklichkeit unseres Alltagslebens.
Wir alle machen in dieser oder jener Hinsicht die Erfahrung, dass wir nicht frei sein können von Sorgen um uns selber und um Menschen, die unserer Sorge anvertraut sind. Es geht auch nicht ohne Vorsorge über den heutigen Tag hinaus. In der Steinzeit haben die Menschen damit begonnen, Vorräte zu sammeln, um über karge Zeiten hinwegzukommen. Wir können nicht von der Hand in den Mund leben.
Nachdem Franziskus wirklich sozusagen von heute auf morgen gelebt hat, ohne für den morgigen Tag vorzusorgen, haben seine Ordensbrüder der folgenden Generation erkennen müssen, dass man nicht ganz auf eine Vorsorge für die Gemeinschaft verzichten kann. Dieselbe Erfahrung haben auch die Brüder von Taizé gemacht. Auch für die Zeit, in der wir krank und alt werden, gilt es Vorsorge zu treffen durch eine Kranken- und Altersversicherung. Kann Jesus es wirklich gewollt haben, dass wir auf jegliche Vorsorge verzichten sollen?
Jesus weist uns in einem weiteren Wort auf die Sorglosigkeit der Vögel hin: "Sehet euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht und ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen an; euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?" (Mt 6,8-12). Auch hier die Frage: Ist es nicht geboten, zu säen und zu ernten und Vorräte zu sammeln? Nachdem es uns auf den ersten Blick so schien, als wären die Worte Jesu mit unserer Lebenswirklichkeit nur schwer in Einklang zu bringen, wollen wir nun versuchen, dem Sinn seiner Worte auf die Spur zu kommen.
"Sorget nicht um euer Leben!"
Wenn Jesus sagt, wir sollten uns nicht um unser Leben sorgen, dann meint er damit eine unnötige oder gar von Angst besetzte Sorge. Die allermeisten von uns haben keine Sorge, was das Lebensnotwendige angeht, was wir essen oder anziehen sollen (V. 25 und 31). Wir leben ziemlich abgesichert und sind meist gut versorgt. Dafür gibt es anderes, was Angst machen könnte. Die Angst um eine ungewisse Zukunft. Angst vor dem, was uns widerfahren könnte. Und was das Ende unseres Lebens angeht, kann der Gedanke uns zu schaffen machen, dass alles, womit wir uns abgesichert haben, uns zwischen den Händen zerrinnt. "Wer von euch", sagt Jesus, "kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern" (Mt 6,27).
Aufschlussreich ist in dieser Hinsicht das Gleichnis vom reichen Kornbauern, der seine Vorräte in immer größeren Scheunen hortet, damit es für viele Jahre reicht und er es sich wohl sein lassen kann. Bei seiner anscheinenden Weitsicht ist dieser Mann, auf das Ende hin gesehen, kurzsichtig. Gott spricht zu ihm: "Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist" (Lk 12,16-21). Wenn ich auf das Ende meines Lebens schaue, relativiert sich mein Sorgen um das leibliche Wohl, wenn es damit auch nicht überflüssig wird.
Am Anfang des Abschnittes über das kleingläubige Sorgen hat es geheißen, wir sollten uns nicht um unser Leben sorgen. Dies wird variiert am Schluss der Rede Jesu über das Sorgen. "Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen: Jeder Tag hat genug eigene Plage" (Mt 6,34). Wenn ich mich auf das fixiere, was morgen kommen könnte, verliert das Heute an Lebensqualität. Denn dann beschäftige ich mich schon heute mit dem, was vielleicht morgen eintreten könnte. Die Sorge um den morgigen Tag lässt mich den heutigen Tag, der seine eigene Plage, aber auch sein Gutes hat, nicht wirklich wahrnehmen und leben.
Sich Gott anheim geben.
Es wäre sicher heilsam, wenn wir uns ab und zu bewusst machten, was konkret unser ängstliches Sorgen ist und weswegen es uns allzu sehr in Beschlag nimmt. Wenn wir auch nicht sorglos in den Tag hineinleben dürfen, so müssten wir uns doch fragen, ob wir nicht besser einiges getrost der Zukunft überlassen dürfen. Oder aus der Sicht des Glaubens gesprochen, ob wir nicht manches vertrauensvoll Gott anheim geben können.
Von Edith Stein stammen die Worte: "Gott weiß, was er mit mir vorhat, ich brauche mich nicht darum zu sorgen." In diesem Gottvertrauen ist sie ihren schweren Weg bis in die Hölle von Auschwitz gegangen. Gewiss ist es nicht leicht, die innere Balance zu finden zwischen einer berechtigten Sorge, gerade auch im Blick auf andere in leiblicher oder seelischer Not lebende Menschen, und einer letztlich im Vertrauen auf Gott gründenden Gelassenheit.
Jesus spricht von uns Kleingläubigen: "Wenn Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Felde steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen" (Mt 6,30). Jesus stellt uns nicht als Ungläubige hin, sondern als Kleingläubige, die Gott in seinem fürsorglichen Handeln zu wenig zutrauen. Auf den Lernfeldern unseres Lebens könnten wir uns einüben, immer mehr unser Vertrauen auf Gott zu setzen. Besonders dort, wo wir an unsere Grenzen stoßen, wo wir merken, dass wir mit unserem Planen und Sorgen nichts mehr ausrichten und an ein Ende gekommen sind. "Haucht der Mensch sein Leben aus und kehrt zurück zur Erde, dann ist es aus mit all seinen Plänen" (Ps 146,4).
"Schaut auf die Vögel des Himmels, auf die Lilien des Feldes!"
Dies ist eine gleichnishafte Rede, in der Bilder aus der Natur aufgenommen sind. Denen, die sich in zu großer Sorge abquälen, die überängstlich in die Zukunft blicken, sagt Jesus, sie sollten von den Vögeln des Himmels und von den Lilien des Feldes lernen. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen. Euer Vater im Himmel ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr als sie?" (Mt 27,26).
Und dann ist die Rede von den Blumen des Feldes. "Lernt von den Lilien, die auf dem Felde wachsen: Sie arbeiten und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen" (Mt 7,28). Die Lilien des Feldes, damit waren die wild wachsenden purpurroten Anemonen oder auch die Schwertlilien gemeint. Mit ihnen kann sich nicht einmal ein in Purpurgewänder gekleidete Salomo messen. Die ganz im Hier und Jetzt lebenden Vögel und die Lilien des Feldes sind Zeugen für die Fürsorge des Schöpfers. Jesus will unseren Blick weiten. Wir sollen hinschauen auf die Lilien des Feldes, die wachsen, ohne zu arbeiten und zu spinnen. Die weder säen noch ernten noch in Scheunen sammeln und doch Nahrung finden. Und dann höre ich die Frage Jesu an mich: Bist du Kleingläubiger nicht viel mehr wert als sie? Wenn der Schöpfer den Vögeln des Himmels und den Gewächsen der Felder so viel Lebensmöglichkeiten schafft, obwohl sie doch so schnell vergehen, um wie viel mehr kann ich mich seiner gütigen Fürsorge anvertrauen.
Walter Dirks, kompetenter und angesehner Gesellschaftswissenschaftler aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, hat einmal geschrieben: "Einige Heilige sind für ihre Sorglosigkeit berühmt. Teresa von Avila gründete Klöster, Maria Ward gründete Schulen, Franziskus gründete gar nichts - jene Frauen machten Schulden und verließen sich auf die Vorsehung, dieser machte nicht einmal Schulden. Es gibt vereinzelt solche Kostgänger des lieben Gottes auch heute noch, sie könnten eine Funktion haben, und es ist anzuraten, sie zu respektieren: Freiheit bleibt auch in solchen Grenzfällen ein kostbarer Wert." Walter Dirks meint auch hier das Freiwerden von übergroßer Sorge. Und dann kommt er auf die soziale Vorsorgepflicht zu sprechen: "Verbrecherisch wäre es, volkswirtschaftlich sorglos auf langfristige Vorsorge zu verzichten. Solche Konsequenzen würden nicht nur uns selbst, nicht nur die uns besonders anvertrauten Mitmenschen, sondern die ganze Menschheit und am meisten die Ärmsten, die unterentwickelten Zonen rasch in die Katastrophe führen." Man sollte auch nicht übersehen, dass zur Zeit Jesu die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig anders waren als in unserer hoch komplizierten, globalen Gesellschaft. Jesus richtete seine Worte an diejenigen, die mit ihm durch die Städte und Dörfer von Galiläa, Judäa und Samarien zogen. Sie konnten mehr als wir darauf vertrauen, dass der jeweilige Tag sie mit dem Lebensnotwendigen versorgt.
Kein entweder oder.
Jesus stellt uns nicht vor die Entscheidung, entweder zu sorgen und zu planen oder nichts zu tun. Die Worte Jesu vom kleingläubigen, ängstlichen Sorgen würden missverstanden, wenn man in ihnen eine Alternative zwischen menschlicher Planung und Sorglosigkeit, zwischen Arbeit und Nichtstun sähe. Wir dürfen aus den Worten von der Sorglosigkeit nicht eine Ablehnung menschlichen Schaffens herauslesen und damit auch allen kulturellen Fortschritts. Gott hat am Anfang der Tage den Menschen die Erde anvertraut, auf dass er sie bebaue und pflege. Jesus kann schon deswegen die Arbeit nicht gering geschätzt haben, weil er die größte Zeit seines Lebens als Handwerker gearbeitet hat. Es wird uns also nicht verwehrt, zu arbeiten und zu planen. Nur nicht in allzu großer Sorge.
Die Vögel des Himmels, die Lilien und das Gras, die nicht arbeiten und doch von Gott erhalten bleiben, sind kein Vorbild für das Nichtstun, sondern gelten als sichtbarer Beweis, dass Gott alle Geschöpfe mit seiner Fürsorge umgibt. Jesus legt uns nicht ein Vogelleben, ein Lilienleben nahe. Doch könnte das, was in den Lüften schwebt und auf den Wiesen blüht, unseren Blick öffnen für den, der für seine Geschöpfe sorgt und dessen Güte in unvergleichlichem Maße uns Menschenkindern gilt. "Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?" Im Hinweis auf die Vögel des Himmels und die Blumen des Feldes will Jesus uns auch sagen, wir sollten bei aller Sorge, die wir uns machen, nicht übersehen, dass Gott ja weiß, was wir zum Leben nötig haben. "Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht" (Mt 6,32).
"Sucht das Reich und seine Gerechtigkeit!"
Der Weg, den Jesus weist, führt von einer beengenden Sorge über die Wahrnehmung der Schöpfung zum Vertrauen in Gottes Fürsorge. Aber dann wird uns noch ein größerer Horizont eröffnet: das Reich Gottes. Jesus sagt: "Suchet zuerst das Reich und seine Gerechtigkeit, dann werden euch all diese Dinge hinzugegeben werden." Das, was uns hinzu gegeben wird, ist nebensächlich im Blick auf das Reich Gottes. Der ganze Passus steht unter dem Vorzeichen der kommenden, in Jesus schon angebrochenen Gottesherrschaft. In dieser Perspektive haben wir es nicht mehr nötig, uns zu ängstlich um Vordergründiges zu sorgen. Die Suche nach dem Gottesreich stellt eine radikale Alternative dar zur von Angst besetzten Sorge. Die Energie, die durch die Loslösung aus der verkrampften Sorge frei geworden ist, kann nun eingesetzt werden für die Verwirklichung des Gottesreiches.
Wenn wir in unserem Leben um das Näherkommen des Reiches Gottes bemüht sind, dann geraten die Sorgen um unser leibliches Wohl mehr und mehr in den Hintergrund. Nicht als würden sie damit gegenstandslos. Das Lebensnotwendige, so verheißt es Jesus, werden wir als Zugabe erhalten. "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere hinzu gegeben werden."