Drei vor dem leeren Grab
Der Osterglaube der Christen ist der Glaube an den Auferstandenen - mehr als der Glaube an die Auferstehung. Der Vorgang der Auferstehung selbst wird in keinem der überlieferten Ostererzählungen geschildert. Bezeichnenderweise ist dies nur der Fall in einem nicht in den Kanon der Schrift eingegangenen sog, apokryphen Petrusevangelium, wo die Ausmalung des Auferstehungsvorganges wie ein Schauspiel erscheint.
Bezeugt wird der Auferstandene durch das leere Grab, in dem nicht mehr der tote Jesus zu finden ist. Bezeugt wird der Auferstandene durch Erscheinungen, sagen wir besser durch Begegnungen mit dem lebenden Jesus. Durch die Wundmale wird er als der leibhaftige Gekreuzigte wieder erkannt. Zugleich wird er in neuen, verwandelten Leiblichkeit offenbar.
Im Osterkapitel des vierten Evangeliums, von dem wir eben den ersten Abschnitt gehört haben, ist vom leeren Grab die Rede. Drei Menschen werden von dieser Situation überrascht. Überrascht, weil sie den Leichnam Jesu nicht dort finden, wohin sie ihn selber gelegt haben. Es waren Maria von Magdala, Simon Petrus und, wie es dort heißt, "der andere Jünger, den Jesus liebte". Kommen wir jetzt mit diesen drei Gestalten am Grab Jesu ein wenig näher in Berührung, um selber über sie mit dem auferstandenen Jesus in Berührung zu kommen.
Maria von Magdala
Da ist zuerst Maria von Magdala. Zusammen mit der anderen Maria, der Mutter des Jakobus, fehlt sie in keinem der Osterberichte der vier Evangelien. Sie gehört zum Kreis der Frauen aus Galiläa, die Jesus begleitet hatten (Lk 8, 2). Vor ihrer Begegnung mit Jesus war Maria aus Magdala vom Bösen in Beschlag genommen; in welcher Form wissen wir nicht. Jesus hatte sie, so lesen wir, von sieben Dämonen befreit (Mk 16, 8) Seitdem war wie nicht mehr von seiner Seite gewichen.
Wir können uns vorstellen, wie ihr zumute gewesen sein mag, als sie beim Morgengrauen zum Grab Jesu ging. Von Osterhoffnung war in ihrem Herzen nichts zu spüren. Durchkreuzte Hoffnung - gekreuzigte Hoffnung! Der Trennungsschmerz vermehrte sich noch, als sie dann nicht einmal mehr den Leichnam Jesu fand. Voller Bestürzung lief sie zu Petrus und Johannes: "Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat" (Joh 20, 2). Kein Gedanke, der Herr könne auferstanden sein. Wie in anderen Auferstehungsgeschichten wird auch in der Reaktion dieser Frau deutlich, dass unter den Anhängern Jesu keinerlei Wunschdenken vorherrschte, dass sich da keine überspannten Gemüter in einen Traumglauben hinein gesteigert hatten. Wir haben es nicht mit Phantasten, sondern mit nüchternen Menschen zu tun. Das bestärkt meinen eigenen Glauben an den Auferstandenen.
Als Maria von Magdala, so wird im Osterkapitel des Johannesevangeliums dann weiter erzählt, später zum Grab zurückkehrte, stand sie wiederum vor der leeren Begräbnisstätte. Sie weinte. "Frau, warum weinst du? Wen suchst du?" Sie vernimmt diese Worte, sieht jemanden neben sich stehen, vermutet in ihm den Gärtner. Ja, sie rechnet wirklich nicht mit einem von den Toten auferstandenen Jesus. Erst als Jesus sie mit ihrem Namen anredet. "Maria!", da erkennt sie ihn. "Rabbuni - Meister!" Trotz der andersartigen Gestalt scheint Jesus ihr so zu begegnen wie damals in sein Leben vor dem Tod. Doch sein Leben aus dem Tod ist anders. Jesus lässt sich nicht festhalten an äußerlich Greifbarem. Der Auferstandene will in Maria den Glauben wecken an eine das Irdische überschreitende Wirklichkeit. Und sie lässt sich davon anrühren. Sie darf als Erste dieses neue, in die Welt einbrechende Leben bezeugen. "Geh zu meinen Brüdern", sagt Jesus zu ihr. Dann gibt Maria von Magdala Zeugnis von dem, was sie mit den Augen des Herzens, mit den Augen des Glaubens wahrgenommen hat. "Ich habe den Herrn gesehen" (Joh 20, 19). Die Wahrheit der Erscheinungen des Auferstandenen ist nicht mit einer Art Fotorealismus einzufangen, ist nicht auf der Netzhaut eines Auges fest zu machen. Dann würden wir doch nur am äußeren Erscheinungsbild des Auferstandenen haften bleiben.
Im Glaubensweg der Maria von Magdala können auch wir uns wieder erkennen. Wie immer man die Dämonen, sie sie gefangen gehalten hatten, verstehen mag. Wir können wie sie aus der Unfreiheit des Nicht-lieben-Könnens befreit werden, aus der Zone des Nicht-glauben-Könnens oder des Greifens- und Begreifen-Wollens herausgeführt werden in einen alles Begreifen übersteigenden Glauben. "Als es noch dunkel war", heißt es im Evangelium, machte sich Maria von Magdala auf den Weg. Aus dem Dunkel heraus wurde ihr auf eine ungeahnte, nicht fassbare Weise der Glaube neu geschenkt.
Auch uns kann er neu geschenkt werden, wenn wir nicht die Türen unseres Herzens verschlossen haben, wenn wir uns offen halten für das, was Gott in uns zum Leben erwecken will, an Glaubenszuversicht, an Lebenszuversicht. Ein Glaubensweg durch manche Dunkelheiten und Anfechtungen hindurch. Doch auch ein Weg, den wir mit Maria von Magdala in das Licht des Ostermorgens, des Osterglaubens gehen dürfen.
Petrus und "der andere Jünger"
Der Weg erscheint oft sehr weit, scheint sich in Hoffnungslosigkeit zu verlieren, ins Leere zu laufen. Dies war auch für die Jünger so, die mit Jesus vor seinem Tod tagaus tagein Umgang hatten, die aber den Weg seiner Passion nicht verstanden, die alles zu Ende gehen sahen. Zu Lebzeiten war es ein Weg an seiner Seite, und doch ein Weg von ihm weg in Unverständnis und Unglauben. Und dann auf unglaubliche Weise wieder ein Weg zu ihm hin. In der im Glauben gemachte Erfahrung, dass mit dem Tod Jesu alles erst richtig beginnen wird.
Frauen brauchen da offenbar nicht so lange wie Männer. Nicht weil sie leichtgläubig sind, sondern weil sie eher mit dem Herzen sehen als mit dem Verstand. Nicht nur Maria von Magdala, auch anderen Frauen erschloss sich Jesus als der Auferstandene, ehe die Jünger Jesu zu glauben vermochten. Vor den Aposteln wurden sie zu ersten Zeugen der neuen Lebenswirklichkeit Jesu. Sie haben, wenn man so will, die Apostel missioniert.
Nachdem Maria von Magdala den beiden wichtigsten Vertretern der Apostelgruppe, Petrus und Johannes, von ihrer bestürzenden Entdeckung des leeren Grabes berichtet hatte, wollten sie es selber wissen. Sie liefen los. "Der andere Jünger", wie er genannt wird, Johannes, den eine besondere Herzensnähe mit Jesus verband, lief schneller als Petrus. Der ungestüme, doch wankelmütige Petrus brauchte mehr Zeit. Obwohl Johannes zuerst angekommen war, trat er nicht als erster ins Grab ein. Er überließ Petrus den Vorrang. Ein Hinweis des Evangelisten, dass Petrus schon in der frühen Kirche als der Erste im Apostelkollegium angesehen wurde. Dennoch hat Petrus länger gebraucht zu dem Glauben, der ihm Jesus verheißen hatte. Dass er nämlich später einmal seine Brüder stärken werde (Lk 22, 32). Von Johannes, der dann nach Petrus ins Grab geht, wird gesagt. "Er sah und glaubte" (20,8).
Wie andere hätte er beim Anblick des leeren Grabes an einen Raub des Leichnams denken können. Nein, er sah und glaubte. Im nächsten Satz heißt es: "Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste" (20, 9). Es reichte also kein Schriftbeleg, aus dem alles klar hervorging. Der Glaube, der aus dem Herzen hervorgeht, eröffnet erst den Zugang zum auferstandenen Jesus. Es ist eine neue Sehweise, mit der nun Johannes sieht - und glaubt. In Johannes verkörpert sich, in seiner liebenden Nähe zu Jesus, eine Gestalt des Glaubens. Sie könnte auch uns prägen, könnte auch uns Jesus näher bringen.
Aber vielleicht finden wir uns noch mehr in Petrus wieder, der in seinem Glauben länger brauchte, der, anders als Johannes, vor dem Kreuz weglief, der Jesus nicht mehr kennen wollte. Doch auch er fand, über alles Kalkulierbare hinaus, zu dem, der wirklich lebt und der ihm, dem schwachgläubigen Petrus, neue Glaubenskraft, neue Lebenskraft schenkte. Wenn unser Glaube angefochten wird, lassen wir uns von Petrus aufrichten. Vielmehr von dem aufrichten, durch den Petrus aufgerichtet wurde. Durch Jesus.
Maria von Magdala, Johannes, Petrus - drei Gestalten des Glaubens. Drei Zeugen des Glaubens, die uns auf ihre je eigene Weise auf unserem Weg zum Glauben an den Auferstandenen zur Seite stehen könnten. Maria von Magdala, Johannes, Petrus - Weggefährten auf unserem Glaubensweg.