Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als sie das Evangelium hörten? Hatten Sie ein gutes Gefühl, ein gemischtes, gar ein abgründiges? Dass es eine Rede an die Jünger Jesu ist, haben Sie gemerkt. Das entlastet uns aber nur auf den ersten Blick. Schnell sind wir hineingezogen. Mit Sätzen - Peitschen gleich - und Sätzen, großen Lohn versprechend. Aber sie wirken aneinander gereiht, zusammenhanglos und insgesamt beängstigend.
Eine gewisse Ratlosigkeit kann ich nicht verbergen. Ich sehne mich nach einem Lob aus seinem Munde, wo es doch so schwer ist, gegen ein übermächtiges Schweigen oder gegen lauten Widerspruch zu glauben. Dass ich seiner - Jesu - nicht würdig sein soll, nur weil ich Vater und Mutter, Sohn und Tochter liebe, ist wie ein Albtraum. Leider habe ich das Geheimnis auch noch nicht heraus, wie ich Liebe in "mehr" oder "weniger" aufteilen könnte. Geht das überhaupt - mehr lieben?
Ich muss jetzt an die Jünger denken. An zwölf Fingern kann ich sie abzählen. Ich kenne sogar ihre Namen. Ihre Schwächen auch. Die Jünger, die Jesus berufen hat, haben ganz viel hinter sich zurückgelassen, um mit ihm zu gehen. Ihre Berufe haben sie aufgegeben, ihre Familien, ihre Freundeskreise. Sie haben auf ihrer Wanderung durch das Land, immer in der Nähe Jesu, Menschen gebraucht, die ihnen Unterschlupf gewährten, ein Dach über den Kopf für eine Nacht, einen Becher frischen Wassers auf staubigem Weg.
Jesus macht seinen Jüngern nichts vor, er hat auch keine falschen Versprechungen für sie. Ihr müsst nur zu mir passen, sagt er. Dann geben die Jünger Jesus den Vorzug - vor Vater und Mutter, Sohn und Tochter, sie geben gar dem Kreuz den Vorzug gegenüber einem gesicherten und erfolgreichen Leben. Wenn wir die Worte Jesu von hinten, sozusagen aus der Rückschau lesen, hören sie sich ganz anders an. Sie sind von gemeinsamen Lebenserfahrungen durchzogen, sie sind auf einem gemeinsamen Weg erprobt, sie sind in vielen Begegnungen - und Auseinandersetzungen - gereift. Gerade die sperrigen, nicht eingängigen, nicht so "schönen" Geschichten entpuppen sich am Ende als Kleinode, als Schmuckstücke. Was der Evangelist Matthäus als große Herausforderung überliefert, haben die Jünger gemeistert. Mutig. Ob sie Jesus dann immer würdig waren? Einer hat ihn verraten, einer verleugnet, geflohen sind sie am Ende alle.
Jesus spricht aber auch die an, die seine Jünger aufnehmen. Sie nehmen mich auf, sagt Jesus. Himmlischer Lohn wird ihnen versprochen. Jesus gebt seinen Jüngern sozusagen eine Visitenkarte mit, die ihnen Türen - und Herzen öffnen wird. Sie können davon ausgehen, dass sie Unterschlupf finden werden. Auch die Freude, neue Freunde zu gewinnen. Auch die Kraft, Durststrecken zu bestehen. Die Jünger Jesu haben die Unsicherheit in ihrem Leben bejaht. Sie werden aber von anderen Menschen aufgenommen. Das ist ein schönes Wort: aufgenommen werden. Es klingt warm und vertraut, es verspricht Nähe und Verlässlichkeit.
Erst im Rückblick geht uns auf, wie groß die Meinung ist, die Jesus von seinen Jüngern hat. Und wie groß das Vertrauen ist, dass die Jünger ihm gewähren. Wer von ihnen liebt "mehr"? Wie gut, dass wir das heute nicht entscheiden können.
Ich habe jetzt von den Jüngern geredet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Wir haben unsere Kirche, unsere Institutionen, unsere großen Überlieferungen und Traditionen. Eine heiliger als die andere. Gelegentlich erschrecken wir darüber, dass es etwas kostet, Christ zu sein, manchmal fällt es uns sogar schwer, das offen zu sagen und zu zeigen. Wenn wir sonst auch vieles delegieren oder abtreten können - den Glauben nicht. Das Bekenntnis beginnt immer mit: Ich.
In unserer, oft auch unübersichtlichen Situation, bekommen die Worte Jesu noch einmal einen eigenen Klang. Sie haben viel gemeinsam mit Sätzen, die wir aus der Weisheit Israels kennen. Knackige, einprägsame Formulierungen, die Lebenserfahrungen, Hoffnungen und Träume aufbewahren - und eben auch zur Verfügung stellen. In unseren eigenen Worten: Was hält uns fest, was bindet uns? Was ist uns überhaupt wichtig? Was könnten wir loslassen? "Jesus sagt: Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen."
Ich möchte das Leben gewinnen. Mit Geld gelingt es nicht, mit Leistung auch nicht, mit Erfolg vielleicht am wenigsten. Aber mit Vertrauen und Liebe, mit dem Geschenk von Nähe und Gemeinschaft. Was dein Leben ausmacht, kannst du dir nicht kaufen. Ob Jesus das so auf unseren Marktplätzen sagen, in Facebook schreiben, twittern würde? Nachfolge Jesu bedeutet, ihn zu lieben, sich seinem Wort zu öffnen, mit ihm mitzugehen. Menschen erzählen sich dann Geschichten, die wie aus einer anderen Welt anmuten, aber in Wirklichkeit nur das Wunder beschreiben, dass es immer noch Liebe gibt - und Vertrauen nicht ausläuft. Die Befürchtung, dass uns das blühen könnte, habe ich auch schon gehört. Angst habe ich keine.
Das Schwergewicht der Worte Jesu ruht auf dem Schluss. Es ist davon die Rede, dass die Jünger aufgenommen werden. Heute werden wir daran erinnert, dass wir als Jünger Jesu andere aufnehmen. Das hat mit offenen Türen und Fenstern zu tun, aber auch mit offenen Herzen und Armen. In den Ostergeschichten wird erzählt, dass sich die Jünger aus Furcht zurückziehen, sich verschließen - und eben auch Türen und Fenster zu machen. Es dringt nichts mehr zu ihnen, sie lassen auch nichts mehr an sich heran. Und es gelangt nichts mehr nach draußen. Nicht ein Hoffnungsschimmer. Da kommt Jesus zu ihnen, als der Auferstandene, und bringt ihnen den Frieden. Und alles, was verschlossen war, geht auf.
Es gibt wohl nichts Größeres, als einen anderen Menschen aufzunehmen. Manchmal werden wir ihn als Gast sehen. Einfach entgegenkommend. Aber in dem Wort stecken auch die Worte "aufheben" und "hochheben". Dann wird ein Mensch, der unten ist, groß. Dann wird ein Mensch, der verloren ging, an meinem Tisch sitzen. Am Ende ist es eine weite Sicht.
Fast schäme ich mich: ich habe Jesu Worte beängstigend genannt. Ich erlebe sie jetzt aber geradezu befreiend. Das Evangelium ist eben doch immer für eine Überraschung gut.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Gott, unser Vater,
du hast uns in der Taufe zu Kindern des Lichtes gemacht.
Laß nicht zu,
daß die Finsternis des Irrtums über uns Macht gewinnt,
sondern hilf uns, im Licht deiner Wahrheit zu bleiben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
in den Geheimnissen, die wir feiern,
wirkst du unser Heil.
Gib, daß wir den Dienst an diesem Altar würdig vollziehen,
von dem wir deine Gaben empfangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
Kehrvers:
Freut euch, wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade. (GL 56,1)
Guter Gott, wir sind hier versammelt,
um dir das Opfer des Lobes und des Dankes darzubringen:
Wir danken dir für den Reichtum des Lebens,
mit dem du uns beschenkst
und den du uns immer neu zufließen lässt.
Kehrvers
Einst hast du dein Volk durch das Wirken der Propheten spüren lassen,
dass du da bist und es in allen Lebenslagen begleitest.
Heute bist du unter uns in den vielen Menschen,
die sich am Geist und Beispiel Jesu ausrichten,
sich von deinem Heiligen Geist leiten lassen
und mit Christus als neue Menschen leben.
Kehrvers
Du führst uns zurück auf Wege, die uns wahres Lebens bringen,
wenn wir uns in den vielfältigen Heilsversprechen unserer Zeit verlieren
und ein Leben suchen,
das unsere Sehnsucht nach vollem Leben nicht erfüllt.
Kehrvers
Du gibst uns die Kraft, das eigene Kreuz auf uns zu nehmen
und deinem Sohn nachzufolgen,
der sein Leben ganz für dich gelebt hat
und dennoch ganz bei den Menschen war.
Du willst, dass auch wir das wahre Leben finden,
für das du uns geschaffen hast.
Kehrvers
Wir stimmen ein in den Lobgesang aller Heiligen,
die diesen Weg gegangen sind und die ihn heute gehen,
und bringen dir mit allen Geschöpfen unseren Dank entgegen.
Danklied, z.B.: Nun saget Dank und lobt den Herren (GL 385)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr. heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn du hast das Heil der Welt
auf das Holz des Kreuzes gegründet.
Vom Baum des Paradieses kam der Tod,
vom Baum des Kreuzes erstand das Leben.
Der Feind, der am Holz gesiegt hat,
wurde auch am Holze besiegt
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn loben die Engel deine Herrlichkeit,
beten dich an die Mächte,
erbeben die Gewalten.
Die Himmel und die himmlischen Kräfte
und die seligen Serafim feiern dich jubelnd im Chore.
Mit ihrem Lobgesang lass auch unsere Stimmen sich vereinen
und voll Ehrfurcht rufen:
Heilig...
MB Kreuzerhöhung
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
Gütiger Gott,
die heilige Opfergabe,
die wir dargebracht und empfangen haben,
schenke uns neues Leben.
Laß uns Frucht bringen in Beharrlichkeit
und dir auf immer verbunden bleiben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
[...] die Offenheit, die Bezogenheit auf das Ganze hin, liegt im Wesen des Geistes. Und gerade darin, daß er nicht nur ist, sondern über sich hinausgreift, kommt er zu sich selbst. Im Sich-Überschreiten hat er sich; indem er beim Andern ist, wird er erst er selbst, kommt er zu sich selbst. Oder noch einmal anders ausgedrückt: Das Beim-Andern-Sein ist seine Form, bei sich selbst zu sein. Man wird an ein theologisches Grundaxiom erinnert, das auf eine eigentümliche Weise hier anwendbar wird, an das Wort Christi »Nur wer sich selbst verliert, kann sich finden« (vgl. Matth. 10,36). Dieses dort heilsmäßig ausgesprochene Grundgesetz menschlicher Existenz charakterisiert der Sache nach das Wesen des Geistes, der nur, indem er von sich selber weggeht, indem er zum anderen seiner selbst geht, zu sich selbst kommt und seine eigene Fülle vollzieht.
Joseph Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München, Freiburg/Br.: Erich Wewel Verlag 1973.

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