Choleriker und Hitzköpfe haben es nicht leicht im Leben. Sie beschwören Konflikte noch rascher herauf als andere Menschen, die Schwierigkeiten gelassener ins Auge sehen können. So stellt auch das Buch Sirach aus der Weisheitsliteratur fest: "Groll und Zorn, auch das ist abscheulich... Wer Rache übt, an dem rächt sich der Herr." Daran schließt die Aufforderung nach Vergebung.
Das Evangelium legt dem rasch aufbrausenden Petrus die Frage in den Mund: "Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?" (Mt. 18,21) Vielleicht hat Petrus auch nachgedacht über sein Verhalten anderen gegenüber - und es hat ihm im Nachhinein leid getan, was er durch unüberlegte Wortwahl, roten Kopf und wildes Gestikulieren angerichtet hat. Weiters zu bedenken: Petrus war nicht irgendwer, der nicht mehr Herr seiner Emotionen ist. Er hat immerhin eine führende Stellung innerhalb des JüngerInnenkreises und damit auch der Urgemeinde in Jerusalem. Wenn ihm der Geduldsfaden reißt und er sich zu verbalen Ausritten hinreißen lässt, ist das wesentlich schlimmer, als wenn sonst sich jemand nicht beherrschen kann.
Wie oft haben wir uns auch über Menschen geärgert, die ihrem Zorn freien Lauf lassen und hinzugefügt: einem Vorgesetzten, einem Repräsentanten, der in der Öffentlichkeit steht, darf das nicht passieren? Ist es nicht auch uns selbst passiert, unbeherrscht eine verbale Zornesbombe zu zünden? Wer Konflikte auslöst, stellt sich zumindest eine Zeitlang in die Reihe der Sünder, will heißen, er sondert sich ab, er beschädigt oder zerschneidet sehr leicht ein soziales Band. Bei ungeduldigen Menschen geht das sehr rasch. Ich glaube auch, dass jeder / jede von uns einen Schwachpunkt hat, wo ihm/ihr der Geduldsfaden bereits beim Einfädeln reißt: ein falsches unüberlegtes Wort in persönlich sensiblen Themenkreisen, und das Innere kocht über.
Die Antwort Jesu: "Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal" (Mt. 18,22), sollst du vergeben. Die Zahl Sieben hat die symbolische Bedeutung von "ganz, vollkommen" - immer. Zwei oder dreimal sieht man sieht man noch ein, wobei beim dritten Mal das "r" schon drohend zu rollen beginnt. Dieses "Immer-Vergeben-Können" ist ein wichtiges Anforderungsprofil im Dienst des Menschen, im Dienst der Nachfolge Jesu, im Dienst der Kirche. Je höher jemand im gesellschaftlichen Bereich steht, umso bedeutender wird diese Sichtweise der Liebe. Das Liebesgebot macht deutlich: Macht durch Dienst und Dienen zu zeigen.
Wenn wir einander vergeben, heißt das noch nicht, dass alle Verfehlungen vergessen sind. Vergeben heißt, nichts mehr nachzutragen von dem, was vorgefallen ist. Es gibt Vorgesetzte, die Buch führen über Nachlässigkeiten und Sündenregister ihrer Mitarbeiter. Auch im Familienkreis kommt es gelegentlich vor, dass lange zurückliegende Konflikte immer wieder zum Gesprächsthema werden und von Neuem erzürnen. Hier wäre Schweigen angebracht.
Jesus thematisiert diesen dringenden Wunsch nach Vergebung in einem Gleichnis: Ein König lässt einem Schuldner eine Summe, die er höchstwahrscheinlich nie zurückzahlen kann, nach. Stellen Sie sich so eine Summe Geldes als Anschauungsmittel der Schuldenlast Griechenlands, USA oder der Summe des EURO-Rettungsschirms vor.- Genaugenommen unvorstellbar!
Dieser Schuldenerlass bedeutet nichts anderes als dass Gottes Liebe zu uns Menschen so groß ist, dass darin Vergebung, Barmherzigkeit, Neuanfang immer Platz haben.
Die Evangelien des letzten und auch dieses Sonntags machen klar, dass diese Welt voller Konflikte, Streitereien, Gewalt und Verfehlungen ist, dass es viel Schuld gibt und wir ständig der Vergebung, der Barmherzigkeit bedürfen. Vergebung ist gleichsam die "Wurzelbehandlung", um weiter bestehen zu können.
Vergebung ist nicht nur an eine Person, die des Petrus allein gebunden, sie betrifft alle JüngerInnen. Der Begriff des Apostels ist vom Begriff der Jünger kaum zu trennen. Jesus nimmt die Vergebung so wichtig, dass er uns im "Vater unser" die Vergebungsbitte ans Herz legt.
Die sonntäglichen Texte eröffnen uns eine wichtige Facette, einen neuen Zugang zu Gott, der uns zeigt, dass er der Barmherzige, der Liebende ist, dass er es ist, der die Initiative zur Vergebung setzt, auch wenn wir dabei versagen.
Bei der eben gehörten Geschichte handelt es sich um eine Parabel, in der ein ungewöhnlicher Vorgang geschildert wird. Wem diese Parabel nicht bekannt ist, der könnte sich nicht vorstellen, dass einem über die Maßen verschuldeten Mann alle Schuld erlassen wird; ja, dass er nicht einmal Rechenschaft ablegen muss über das veruntreute Geld. Doch so hat es sich ereignet.
Die Parabel schließt an ein Gespräch an, in dem Jesus von Petrus gefragt wird: "Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt?" Jesus hat darauf geantwortet: "Siebenundsiebzigmal", was in rhetorischer Überspitzung ausdrücken will: Immer wieder!
Vergegenwärtigen wir uns, wie die Geschichte abläuft. Erzählt wird von einem Herrn, am Anfang als König eingeführt, der von seinen Dienern über die Verwaltung der Gelder Rechenschaft verlangte. Das Umfeld ist ein orientalischer Hof, wo die Diener - höhere Hofbeamte - völlig dem Herrscher ausgeliefert waren. Einer von ihnen, möglicherweise der Verwalter einer Provinz, schuldete seinem Herrn, aus welchen Gründen auch immer, die enorme Summe. Zehntausend Talente. Hier wird bewusst ein die realen Verhältnisse übersteigender Schuldenanteil genannt. Damit soll zum einen deutlich gemacht werden, wie unvorstellbar groß die Schuldenlast des Dieners seinem Herrn gegenüber war, der sie ihm dann erlässt. Zum andern wird in dieser hohen Summe gerade der Kontrast deutlich zu der verschwindend kleinen Summe, deretwegen derselbe Diener einen anderen, der ihm nur wenig schuldete, zur Rechenschaft zog.
Da diese Summe unmöglich heraus gewirtschaftet werden konnte, greift der Herr zu einer drastischen Maßnahme, die ihm das damals in Palästina geltende hellenistische Strafrecht erlaubte. Der Schuldner wurde dazu verurteilt, sich selbst, Frau und Kinder und sein ganzes Hab und Gut zu verkaufen. Das alttestamentliche Recht kennt wohl die Versklavung des Schuldners, aber nicht die der ganzen Familie (vgl. Ex 22, 2). Ehe es zu Ausführung dieser Sippenexekution kommt, bittet der zahlungsunfähige Diener um Gnade. Er verspricht, aus der Not geboren, etwas, was er nie und nimmer wird einlösen können, nämlich alles zurückzuzahlen. Der Herr hätte ihm vielleicht eine Frist setzen können. Nein, er hatte, so heißt es, Mitleid mit ihm. Er erlässt dem Diener sofort die gesamte Schuld und belässt ihn in seinem Amt. Das Recht wird damit durch einen Akt reiner Gnade außer Kraft gesetzt.
Nun wäre zu erwarten gewesen, dass der, dem eine so ungeheure Schuld erlassen wurde, an einem anderen bei ihm in Schuld geratenen Diener genau so großmütig gehandelt hätte wie sein Herr. Zumal er ihm nur die vergleichsweise lächerliche Summe von hundert Denaren schuldig war. Der Schuldner bittet um Nachsicht. "Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen." Dies sind dieselben Worte, mit denen er selbst zuvor seinen Herrn um Erbarmen angefleht hatte. Doch im Unterschied zu seinem Herrn war er nicht bereit, Gnade vor Recht gelten zu lassen. Stattdessen übte er brutale Gewalt aus, er ließ den andern ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld abzahlen konnte. Aus einem Schuldner, dem eine Riesenschuld erlassen wurde, ist ein unnachsichtiger Gläubiger geworden. Der Kontrast zwischen dem barmherzigen Herrn und dem unbarmherzigen Diener hätte nicht größer sein können.
Als einige der Diener das sahen, machte sie das traurig. Sie berichteten ihrem Herrn davon. Der ließ den skrupellosen Diener kommen und wies ihn zurecht: "Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?"
In diesen Worten erschließt sich der Sinn der Parabel. Die bedingungslose Vergebungsbereitschaft des Herrn weist in bildhafter Weise hin auf die unfassbare, maßlose Güte Gottes selbst dem gegenüber, der schwere Schuld auf sich geladen hat. Wie öfter beim Evangelisten Matthäus wird die Parabel mit dem Eingangsworteingeleitet: "Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie..." Es ist damit das gütige Handeln Gottes gemeint, das wir für unser Verhalten als Maßstab nehmen sollen gegenüber denen, die an uns schuldig geworden sind. Man könnte sagen: Wenn solches schon in der irdischen Welt möglich ist, wo das Recht maßgebend ist, um wie viel mehr dann in der Wertordnung des Gottesreiches mit seinen ganz anderen Maßstäben.
Die Folter, von der in dieser Geschichte die Rede ist, wurde gemäß der damaligen Rechtspraxis dazu eingesetzt, Auskünfte über das veruntreute Geld zu erlangen. Eine solche unmenschliche Strafmaßnahme wird man nicht auf Gott übertragen dürfen, weil dies dem barmherzigen Handeln Gottes widersprechen würde. "Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast. Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?" Auch diesmal, ähnlich wie bei der Parabel von den Arbeitern im Weinberg, beendet der Evangelist die bildhafte Erzählung mit einer moralischen Sentenz. "Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt." Damit wird diese Geschichte zu einer Art Gerichtspredigt. Es ist darin der mahnende Imperativ zu hören: Respice finem - Bedenke das Ende!
"Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt." Wie wird Gott an Menschen handeln, die nicht bereit sind, anderen ihre Schuld zu vergeben? Gewiss nicht so, wie der Herr in der Parabel mit dem verfuhr, der dem andern die Schuld nicht erlassen wollte. Gemeint ist, dass Gott uns nicht vergeben kann, wenn wir nicht unseren Mitmenschen vergeben. Die Sätze, die der letzten Vaterunserbitte folgen, sagen dasselbe aus: "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben" (Mt 6,14 f).
In der Bergpredigt hören wir das so: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden" (Mt 7,1 f). Der Evangelist Lukas macht in der sog. Feldrede noch den Zusatz: "Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden" (Lk 6,37). Zweifellos wird hier ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Vergebung, die Gott uns schenkt, und der Vergebung, die wir unseren Mitmenschen zuteil werden lassen. Es kann sich jedoch nicht um ein Nacheinander handeln. Zuerst muss der der Mensch vergeben, und dann erst vergibt Gott. Die Zuordnung von menschlicher und göttlicher Vergebung ist mehr als ein Beziehungsgeschehen zu sehen, in dem Gott der Gebende ist und wir die Beschenkten. Im 1. Johannesbrief heißt es: "Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat (1 Joh 4,10). Und: "Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat" (1 Joh 4,19).
Auf die Vergebung bezogen würde dies bedeuten, dass wir - all unserem Handeln voraus! - in die Vergebung schenkende Liebe Gottes hinein genommen sind. Wer aber dann nicht bereit ist, den Menschen Liebe, Vergebung zu schenken, der verschließt sich vor Gott. Er gibt der vergebenden Liebe Gottes keinen Raum in seinem Herzen. Wenn unser Herz verhärtet bleibt anderen gegenüber, dann kann Gott nicht vergeben, so sehr er es auch wollte. So gesehen macht Gott seine Vergebung abhängig von unserer Bereitschaft, andern zu vergeben.
Zuallererst hat der Herr seinem Diener die immense Schuld erlassen. Daraufhin hätte der Diener genau so handeln sollen und dem andern die weit geringere Schuld erlassen müssen. Er verweigerte sich der Liebe, die ihm geschenkt wurde. Mach es nicht wie dieser Mensch! Das ist die Quintessens dieser Beispielerzählung. Sie geht jeden von uns an, und sie lässt mich fragen: Handle ich nicht manchmal ähnlich wie der, dem eine große Schuld erlassen wurde und der dann hingeht und seinem Mitmenschen die kleine Schuld nicht erlässt? Doch Gott kann in seiner alles Begreifen übersteigenden Güte unsere Herzen verwandeln. Wir können vergeben, weil Gott uns vergibt. Wir können barmherzig sein, weil Gott barmherzig ist. Darum müssten wir Maß nehmen an Gottes Erbarmen. Diesem hohen Maßstab können wir indes nur Schritt für Schritt entsprechen. Wenn wir jedoch Gott an uns wirken lassen, dann wird unsere Bereitschaft, andern zu vergeben, mehr und mehr die Züge von Gottes Güte annehmen. Lassen wir und die Augen des Herzens öffnen für die Liebe Gottes, die gerade in der Vergebung keine Grenzen kennt.
Zehn Jahre sind also vergangen seit jenem furchtbaren 11. September 2001. Nine-eleven ist zum Inbegriff geworden für einen Tag, der die Welt nachhaltig verändern sollte. Immer wieder wurde und wird von einem historischen Einschnitt gesprochen. An diesem Tag starben nicht nur gut 3.000 Menschen in den Flugzeugen sowie in den Gebäuden und am Erdboden in New York, Washington und Shanksville (Pennsylvania) - dieser Tag hat auch der Rede vom 'Zusammenprall der Kulturen' eine ganz neue Färbung gegeben:
1993 prägte der amerikanische Politologe Samuel Huntington dieses Wort und meinte damit, dass nach der Zeit des Kalten Krieges neue Auseinandersetzungen vor allem an den Trennlinien verschiedener Kulturen und Religionen stattfinden würden. - Der 11. September 2001 und seine Folgen lieferten dieser These reichlich Nährstoff.
Der Tag der Anschläge war der Beginn unruhiger Zeiten, die für uns heute vielleicht kaum mehr spürbar aber trotzdem noch lange nicht beendet sind. Als eine der direkten Folgen der Terroranschläge in den USA brach im Herbst 2001 der Afghanistankrieg los, da dort die Drahtzieher der Anschläge vermutet wurden. Aber auch nach dem Tod des Terror-Chefs Usama bin Ladin im Mai dieses Jahres lässt sich kaum von einer gelösten Situation sprechen. 2003 begann - unter falschen Vorwänden der US-Regierung - die kriegerische Auseinandersetzung im Irak. Nach dem Tod des irakischen Tyrannen ist die Lebenslage des Iraks keineswegs stabil. Der Krieg gegen den Terrorismus war eröffnet - und er dauert an bis heute: ohne Sieger, aber mit Tausenden von Verlierern - Soldatinnen und Soldaten, Männern, Frauen und Kindern aus den Bevölkerungen. Das darf uns auch heute - zehn Jahre nach nine-eleven - nicht kalt lassen.
Fragen wir, was denn den Zusammenprall der Kulturen ausmacht, stellen wir fest, dass ihm vor allem ein krampfhaftes Behüten und Verteidigen des Eigenen zugrunde liegt: Die eigene Kultur, die eigene Religion, die eigene Sprache usw. müssen leben - notfalls auf Kosten der anderen. Das riecht nach nie endenden Konflikten. So ist es zum 11. September 2001 gekommen, aber auch zu seinen Folgen. Wie schafft man dem ein Ende?
Die Veränderungen in Nordafrika - der 'arabische Frühling' - haben deutlich gemacht, dass kriegerische Interventionen von außen den von Unrecht betroffenen Menschen selten nutzen, sondern vielmehr allein gemeinschaftliche Unterstützung. Dann gibt es nicht den Zusammenprall der Kulturen, sondern vielmehr ihre Verbrüderung. Da drin steckt Zukunft.
Inmitten dieser Welt in Bewegung spielt das Christentum eine wichtige Rolle. Und zwar nicht nur das Christentum als Kulturträger, sondern zuerst einmal die christliche Botschaft. Sie aber spricht eine ganz andere Sprache, als es Krieg und Terror tun. An diesem Tag lohnt es sich, darauf einmal mehr zu verweisen.
Das Evangelium von heute nimmt kein Blatt vor den Mund. In einem Bildwort zeigt Jesus auf, dass Schuld und Vergebung nicht einzelne Phänomene sind, sondern stets vernetzt zu sehen sind und einander bedingen. "Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?" - so herrscht ein König seinen Diener an, der wiederum gegenüber einem Dritten unnachgiebig war, obwohl er selbst Gnade erfahren hat. Wer richtet, so die Botschaft Jesu, soll wissen, dass ihn das Urteil ebenso treffen kann.
Dieses Wort soll bescheiden und vorsichtig werden lassen. Das gilt für den einzelnen Menschen, das gilt aber auch für größere Gemeinschaften, für Volksgemeinschaften und Kulturgruppen. Dass es schwierig wird, wenn zwischen den Kulturen hier ein gemeinsamer Nenner fehlt, wenn andere Religionen diese Bescheidenheit vielleicht nicht kennen, ist einleuchtend. Das entlässt uns Christinnen und Christen aber nicht aus der Pflicht, nach den Ansätzen zum Guten immer wieder neu zu suchen.
Schon der alttestamentliche Prophet Jesus Sirach legt es vor: "Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, auch deine Sünden vergeben.” Das heißt überspitzt formuliert: Wenn du nicht Frieden machst, weil dir an deinem Nächsten was liegt, dann wenigstens, damit du unter deinen eigenen Vergehen nicht leiden musst.
Eine 'Achse des Bösen' zu verkünden, wie es der ehemalige US-Präsident im Anschluss an den 11. September gemacht hat, ist dann einerseits unkonstruktiv und kann andererseits zum Bumerang werden. Die Geschichte wird uns zukünftig lehren, ob die kriegerischen Handlungen Fehler waren, - im Angesicht des vielfachen Leids bei allen Betroffenen scheint die Frage aber beantwortet.
Schauen wir zum Schluss doch noch einmal auf den einzelnen Menschen, dem die Botschaft von der Vergebung zugedacht ist. Denn die Entwicklung dieser Welt im Ganzen fällt ja nicht vom Himmel, sondern ist die Summe der Taten aller Einzelner. Jeder von uns ist gefragt nach den ganz persönlichen Anteilen am Weltgeschehen.
Ein afrikanisches Sprichwort sagt: "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern.” Wenn Vergeben und Verstehen in unseren kleinen Kreisen, in unserem Dorf und in unserem Land beginnt und in jedem Dorf und Land sich fortsetzt, ist es unwahrscheinlich, dass sich dieser 11. September 2001 noch einmal wiederholt. Bis dahin liegt vor uns allen noch ein langer und weiter Weg, zu dem es aber keine Alternative gibt.
Ein gewisses Gleichgewicht von Geben und Nehmen ist Basis unserer Lebenskultur. Dies gilt für viele Lebensbereiche. Wir stoßen damit aber auf Grenzen, wenn es um das Versagen eines oder vieler Menschen geht. Die Spirale des Hasses und der Vergeltung kann damit nicht gestoppt werden. Jesus streicht dem gegenüber die Notwendigkeit der Vergebung und der Versöhnung hervor.
Am Beginn eines jeden Gottesdienstes treten wir vor den Herrn und bitten ihn um Vergebung unserer Schuld und unseres Versagens. Dies schließt ein, bzw. setzt voraus, dass wir auch einander vergeben und einander die Schuld nicht nachtragen.
Gott, du Schöpfer und Lenker aller Dinge,
sieh gnädig auf uns.
Gib, daß wir dir mit ganzem Herzen dienen
und die Macht deiner Liebe an uns erfahren.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 24. Sonntag im Jahreskreis
Barmherziger Gott,
dein Sohn hat uns dich geoffenbart als den Vater,
der uns annimmt und uns vergibt.
Mach auch uns zur Vergebung bereit.
Durch Christus, unseren Herrn.
Herr, Jesus Christus,
du bist maßlos im Vergeben
und willst, dass auch wir einander die Schuld nicht nach tragen.
Wir bitten dich:
Für alle Menschen und Völker, die glauben,
ihre Konflikte nur mit Gewalt und Vergeltung lösen zu können.
Zeige ihnen Wege zum Frieden
und zu einem versöhnten Miteinander.
Für alle Menschen, die an anderen schuldig geworden sind
und sich nicht allein aus ihrer Verwicklung in Schuld befreien können.
Gib ihnen die Möglichkeit umzukehren
und eröffne ihnen Auswege aus ihren Problemen.
Für alle Menschen, die sich aussichtslos verschuldet haben.
Lass sie Menschen finden, die ihnen aus ihrer Not heraushelfen.
Für alle Menschen, die durch schuldhaftes Verhalten anderer verletzt oder geschädigt worden sind.
Lass ihre Wunden heilen
und schenke ihnen die Großherzigkeit zu vergeben.
Für die Toten.
Vergib ihnen, was sie anderen Menschen schuldig geblieben sind,
und sei ihnen ein barmherziger Richter.
Du, Herr, warst bereit, die Schuld anderer Menschen mitzutragen,
und zeigst uns Wege zur Versöhnung.
Dir danken wir für deine hochherzige Liebe. Amen.
Herr,
nimm die Gebete und Gaben deiner Kirche an;
und was jeder einzelne zur Ehre deines Namens darbringt,
das werde allen zum Heil.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 24. Sonntag im Jahreskreis
Dienstag der 1. Woche
Kehrvers:
Beim Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung
(GL 518 oder 639,3)
Guter Gott und Vater,
wir kommen zu dir, um dir für deine grenzenlose Barmherzigkeit zu danken.
Du hast dem Menschen deine Liebe nicht entzogen,
auch wenn sie von deinen Wegen abwichen.
Du hast sie zur Umkehr gerufen und gemahnt,
von ihrem Groll und Zorn abzulassen.
Kehrvers
In Jesus hast du uns ein Beispiel deiner bedingungslosen Barmherzigkeit gegeben.
Er ist bei Zachäus eingekehrt und hat ihn als "Sohn Abrahams" angenommen.
Der Sünderin hat er vergeben und ihre große Liebe anerkannt.
Seinen Verfolgern und Peinigern hat vergeben
und dem reuigen Mitgehangenen das Paradies eröffnet.
Kehrvers
Nicht nur siebenmal sondern siebzigmal siebenmal sollen wir vergeben,
hat er seinen Jüngern eingeprägt.
Unsere Barmherzigkeit soll an deiner Barmherzigkeit Maß nehmen.
Für diese maßlose Liebe danken wir dir.
Wir stimmen ein in das Lob der ganzen Schöpfung
und stimmen ein in den Dank aller Heiligen:
Danklied, z.B. "Nun saget Dank und lobt den Herren" (GL 385)
Wir danken dir, Gott, allmächtiger Vater,
und preisen dich für dein Wirken in dieser Welt
durch unseren Herrn Jesus Christus:
Denn inmitten einer Menschheit,
die gespalten und zerrissen ist,
erfahren wir,
daß du Bereitschaft zur Versöhnung schenkst.
Dein Geist bewegt die Herzen,
wenn Feinde wieder miteinander sprechen,
Gegner sich die Hände reichen,
und Völker einen Weg zueinander suchen.
Dein Werk ist es,
wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet,
Verzeihung den Haß überwindet
und Rache der Vergebung weicht.
Darum können wir nicht aufhören,
dir zu danken und dich zu preisen.
Wir stimmen ein
in den Lobgesang der Chöre des Himmels,
die ohne Ende rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Dank zu sagen, heiliger Gott.
Du hörst nicht auf,
uns zu einem reicheren Leben zu berufen.
Weil du ein Gott voll herzlichen Erbarmens bist,
wirst du nicht müde,
uns immer neu deine Verzeihung anzubieten.
Du lädst den sündigen Menschen ein,
auf deine Vergebung zu bauen.
Obwohl wir deinen Bund gebrochen hatten,
hast du dich nicht von uns abgewandt.
Durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus,
hast du zwischen dir und der Menschheit
ein neues Band geknüpft, das nicht mehr zerreißt.
Immer wieder wendest du dein Volk dir zu
und läßt es aufatmen in Christus.
Du gibst ihm Mut,
sich mehr und mehr dem Heiligen Geist zu überlassen
und den Menschen zu dienen.
Darum bewundern wir dich und danken dir.
Wir verkünden die Kraft deiner Liebe
und die Freude deines Heiles in Christus.
Wir vereinen unsere Stimmen
mit den ungezählten Stimmen des Himmels und rufen:
Aus dem Hochgebet Versöhnung 2
Christus spricht:
Ein neues Gebot gebe ich euch:
Liebt einander!
Wie ich euch geliebt habe,
so sollt auch ihr einander lieben.
(Joh 13,34)
Oder:
Christus spricht:
Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt,
dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.
(Mt 6,14)
Oder:
Mit dem Apostel Paulus bekennen wir:
Leben wir, so leben wir dem Herrn,
sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.
(Röm 14,8)
Herr, unser Gott,
wir danken dir,
dass du uns Anteil am Leib und Blut Christi gegeben hast.
Lass nicht unser eigenes Streben Macht über uns gewinnen,
sondern gib,
dass die Wirkung dieses Sakramentes unser Leben bestimmt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 24. Sonntag im Jahreskreis
Viele von uns kennen nagende Konflikte. Da gibt es den Streit zwischen Vermieter und Mieter, einen schwelenden Konflikt mit einer Kollegin, Reibereien mit den Nachbarn, Uneinigkeit in der Verwandtschaft. Die meisten von uns haben erlebt, wie belastend ein Konflikt ist, wie quälend es ist, wenn wir gegen jemanden Groll hegen; wie dieses Gefühl von Missgunst und Ablehnung in uns arbeitet, Energien bindet, uns schwächt und vom Wesentlichen abhält. Manchen von uns ist vielleicht auch Unrecht geschehen, Unrecht durch einen Menschen, der sich als selbstsüchtig und auf seinen eigenen Vorteil bedacht erwiesen hat. Und da stehen wir vor der großen Herausforderung, in einem solchen Fall menschliche Größe zu zeigen. Vergebung erfordert menschliche Größe. In einer Geste der Versöhnung geben wir uns selbst, will die Versöhnung tief und von Dauer sein. Es gibt Situationen - etwa wenn wir ungerecht behandelt werden -, in denen wir menschliche Größe im Vergeben zeigen müssen.
Was ist menschliche Größe? Ein beeindruckendes Beispiel für menschliche Größe finden wir in dem bewegenden Buch Alle Flüsse fließen ins Meer, der Autobiographie von Elie Wiesel, der als Sechzehnjähriger elf Monate in einem Konzentrationslager leiden musste, dort auch seine ganze Familie verlor. "Ich erinnere mich", schreibt Elie Wiesel, "an einen polnischen Rabbi, der sich am Ende von Jom Kippur bemühte, diejenigen zu trösten, die nicht gefastet hatten. ,Das Gesetz verlangt von den Juden nicht, daß sie unter Lebensgefahr fasten', sprach er zu ihnen. ,In den Augen des Schöpfers, gelobt sei Er, ist es heute angebrachter zu essen, als sich zu kasteien.' Er selbst hatte gefastet. Aufgrund seiner Schwäche wurde er bei der nächsten Selektion mitgenommen. Er bat seine Blockkameraden, ein Kaddisch für seine Seele zu sprechen. Der ganze Block betete für ihn."
Hier stellt sich ein Mensch in den Dienst Gottes; hier legt ein Mensch anderen Menschen keine Lasten auf, die er nicht selbst zu tragen bereit ist; mehr noch: er geht mehr als die verlangte Meile, wie es in der Bergpredigt heißt (Mt 5,41), er richtet sich selbst nicht mit milderem Maß als die anderen. Hier sehen wir menschliche Größe. Menschliche Größe ist ein Verzicht auf das Ausnutzen eines Spielraums, der uns zusteht. Um noch zwei Beispiele zu nennen: Ignatius von Loyola wurde im Jahr 1538 vom spanischen Kleriker Mudarra verfolgt, der mit hinterlistigen Methoden den Ruf von Ignatius beschädigte und dessen Arbeitsmöglichkeiten aufs Spiel setzte. Ignatius wurde nach einer offiziellen Untersuchung rehabilitiert. Mudarra geriet später mit der Inquisition in Konflikt, musste aus Rom fliehen und wandte sich an Ignatius, um durch dessen Intervention eine Milderung der gegen ihn verhängten Sanktionen zu erreichen. Ignatius kam dieser Bitte nach - großzügig, ohne an die Vergangenheit zu denken. Das ist menschliche Größe. Nelson Mandela wurde nach 26 Jahren 1990 aus dem Gefängnis entlassen und rief sofort zu einer Politik der Versöhnung auf, die sich nicht an Mechanismen der Vergeltung orientieren dürfe. Das ist menschliche Größe.
Menschliche Größe hat mit einem Verzicht auf das Ausschöpfen von Handlungsmöglichkeiten zu tun; dieser Gestaltungsverzicht zeigt eine Weise des Lassens und Loslassens, die gerade dadurch neue Möglichkeiten von Gemeinschaft und Beziehung erschließt. Die Entscheidung des zusammen mit den ihm anvertrauten Waisenkindern in Auschwitz ermordeten polnischen Kinderarztes Janusz Korczak, eine Fluchtmöglichkeit nicht zu nutzen, zeigt menschliche Größe. Menschliche Größe hat auch mit einem Verzicht auf eigenes "Großmachen" und "Größerwerden" zu tun, mit einer Entleerung des Selbst, mit einer Verkleinerung des Ego. Eben dies ist in einer Geste der Vergebung gefragt. Wenn wir etwas falsch gemacht haben, dann haben wir keinen Anspruch darauf, dass uns vergeben wird. Hier bedarf es menschlicher Größe. Wenn uns Unrecht angetan wurde und wir eingeladen sind, die Hand zur Versöhnung auszustrecken, dann ringt uns das einen Akt des Verzichts auf eigene Macht ab. Die Bereitschaft zur Vergebung ist die Bereitschaft und Ermöglichung eines Neuanfangs. Zusammenleben kann neu beginnen, wenn Menschen sich miteinander aussöhnen. "Vergeben" und "gehen" hängen insofern miteinander zusammen, als durch die Vergebung die Gabe der Beziehung neu geschenkt wird und als durch die Vergebung sich zeigt, was für ein Mensch jemand ist.
Der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu hat in seinem Land die Macht der Vergebung immer wieder erfahren, sie ist eine Macht des Lichts, die sich der Finsternis der Vergeltung, der Rache und des Hasses entgegenstellt. Wir Christinnen und Christen sind in besonderer Weise aufgerufen, der Herrlichkeit Gottes Raum zu geben. Und wo Gottes Herrlichkeit erscheint, da wird es hell in der Welt. "Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm", das sagt uns der 1. Johannesbrief (1 Joh 1,5). Licht ist Quelle von Leben, Licht bedeutet aber vor allem Erkenntnis, bedeutet Wahrheit im Gegensatz zum Dunkel der Lüge und der Unwissenheit. Das Licht der Vergebung gibt es nur mit dem Licht der Wahrheit; Vergebung kann nicht auf Lüge beruhen. Licht bedeutet, weil es Wärme schenkt, auch Liebe. Wo Liebe ist, geht ein Licht auf in der Welt; wo Hass ist, wird die Welt finster. Das Licht von Betlehem ist nicht mehr erloschen, in allen Jahrhunderten hat es Menschen berührt, hat es sie umstrahlt.
Dieses Licht wird immer wieder dort sichtbar, wo wir es schaffen, zu vergeben. Für den Neujahrstag 2006 hat Papst Benedikt XVI. seine erste Botschaft zum Weltfriedenstag zum Thema In der Wahrheit liegt der Friede herausgegeben. "Die echte Suche nach Frieden", schreibt der Papst, "muss von dem Bewusstsein ausgehen, dass das Problem der Wahrheit und der Lüge jeden Menschen betrifft, und sich als entscheidend erweist für eine friedliche Zukunft unseres Planeten ... Die Wahrheit des Friedens ruft alle dazu auf, fruchtbare und aufrichtige Beziehungen zu pflegen, und regt dazu an, die Wege des Verzeihens und der Versöhnung zu suchen und zu gehen sowie ehrlich zu sein in den Verhandlungen und treu zum einmal gegebenen Wort zu stehen."
Auf dem Boden von Wahrheit und Liebe wird Vergebung möglich. Vergebung schafft eine gemeinsame Mitte, die einen Neuanfang ermöglicht. Auch das hat Benedikt XVI. deutlich gemacht. In seiner Ansprache anlässlich einer Generalaudienz mit deutschen Pilger(inne)n am 25. April 2005 hat der Papst ihnen, kurz nach seiner Wahl, gesagt: "Gehen wir miteinander, halten wir zusammen. Ich vertraue auf Eure Hilfe. Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn ich Fehler mache wie jeder Mensch oder wenn manches unverständlich bleibt, was der Papst von seinem Gewissen und vom Gewissen der Kirche her sagen und tun muss." Diese Worte sind Bausteine für eine Grundhaltung der Vergebung und Versöhnung. Diese Botschaft gilt für jeden einzelnen Menschen, aber auch für Gemeinschaften und Gemeinden, Völker und die ganze Menschheitsfamilie.
Aus: Alois Kothgasser / Clemens Sedmak, Geben und vergeben. Von der Kunst neu zu beginnen. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2008.

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