In der guten alten Zeit, als ich noch zum Jugendseelsorger taugte, veranstaltete ich gemeinsam mit Mitbrüdern und befreundeten JugendseelsorgerInnen durch mehrere Jahre hindurch ein dreitägiges Jugendpfingstfest mit Jugendlichen aus Gemeinden, in denen wir als Redemptoristen arbeiteten oder mit denen wir in Kontakt waren.
Jedes Mal machten wir uns viel Mühe mit der inhaltlichen Vorbereitung. Dabei leitete uns die Frage: Wie und wo kann Pfingsten heute erfahren werden? Die offensichtliche Diskrepanz zwischen der Begeisterung der Jünger damals und der Coolness der Jugendlichen heute forderte uns jedes Jahr neu heraus. Wie und womit können wir in unseren Tagen Menschen für lebendiges Christsein begeistern? Und klar war von vornherein: Mit dem Begeisterungspotential einer Fußballmeisterschaft oder eines Popkonzertes konnten wir auf keinen Fall mithalten.
Geht es zu Pfingsten wirklich um Be-geisterung? Wo können wir das Phänomen Pfingsten, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird, einordnen?
Was sich nach der Schilderung der Apostelgeschichte in Jerusalem zugetragen hat, ist überraschend über alle, die es erlebt haben, hereingebrochen und ruft heute noch Staunen hervor. Wer hätte dies den Jüngern zugetraut? Wie ein Naturereignis unvorhersehbar ist es ihnen zugestoßen. Von Jesus, seiner Lehre und seinen Taten begeistert waren sie früher einmal, am Anfang des Auftretens Jesu in Galiläa. Diese Beobachtung ist mir wichtig, damit wir uns nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Begeisterung für Jesus führt nicht zwangsläufig zu einem neuen Pfingsten.
Wir tun gut daran genauer hinzuschauen, was damals geschehen ist. Zunächst einmal ist an jenem 1. Karfreitag alles zusammengebrochen, was an Hoffnungen und auch an Begeisterung für Jesus da war. In den Tagen und Wochen danach finden wir die Jüngerinnen und Jünger damit beschäftigt aufzuräumen und ihr Leben neu zu ordnen. Dabei machen sie die Erfahrung, dass Jesus und das, was er in ihr Leben gebracht hat, nicht tot sind. Er lebt, und das, was er ihnen gesagt hat, bewahrheitet sich und ergibt jetzt einen neuen, noch tieferen Sinn als zuvor. Nach und nach beginnen sie Konsequenzen daraus zu ziehen.
Am Pfingsttag kommt über sie der Geist Gottes, wie er zuvor über Jesus gekommen ist: Bei der Taufe im Jordan kam er auf ihn herab (Lk 3,22). Dann führte er ihn in der Wüste umher (Lk 4,1). "Erfüllt von der Kraft des Geistes" kehrt Jesus nach Galiläa zurück (Lk 4,14f) und beginnt zu predigen. Nun heilt er Menschen, die von unreinen Geistern besessen waren (Lk 4,33. Lk 8,29. Lk 8,39 u.v.a.m.). Der Geist Gottes bewirkte in Jesus vor allem Aufbruch und Neubeginn.
Im Johannesevangelium haucht der Auferstandene den Heiligen Geist seinen Jüngern ein. Er übergibt ihnen den Geist, der ihn beseelte und bewegte.
Der Verfasser der Apostelgeschichte beschreibt in Fortsetzung des Lukasevangeliums, wie der Heilige Geist auch auf die Jünger herabkam und auch in ihnen einen Aufbruch und Neubeginn bewirkte.
Wenn wir all dies berücksichtigen, ist es geradezu gefährlich, um diesen Geist Gottes zu bitten, ein Spiel mit dem Feuer gleichsam, denn wir wissen nicht, was er in uns auslöst und in uns und durch uns bewirkt. Das ist mehr als einfach Begeisterung.
Im Rückblick auf mein eigenes Leben muss ich gestehen, dass ich in den liturgisch vorgesehenen Begegnungen mit dem Heiligen Geist bei der Firmung und auch bei der Priesterweihe eher Windstille erlebt habe. Es war so windstill, dass ich mich fragte: War's das jetzt?
Anders hingegen verlief es in anderen Lebensphasen. Mehrere Male zerbröselten meine Lebensentwürfe und ich landete in einer handfesten Krise; von Außenstehenden kaum wahrgenommen. Für mich aber waren diese Ereignisse mit tiefgehenden Erschütterungen verbunden. Jede dieser Krisen dauerte eine Zeitlang und stellte eine Reihe meiner bisherigen Einstellungen in Frage. Am Ende jeder Krise stand aber ein Neuaufbruch mit einem kräftigen Motivationsschub. Einmal hatte ich sogar das länger anhaltende Gefühl, vor dieser Erfahrung nicht wirklich gelebt zu haben. - War das mein persönliches Pfingsten?
Der Geist Gottes weht, wo er will und wie er will. Und das stimmt mich zuversichtlich. Ich muss ihm nicht künstlich nachhelfen. Ich brauche keine Begeisterungsstürme zu erzeugen und niemand anzufeuern. Dafür fühle ich mich nicht sonderlich begabt. Im Gegenteil: ich meide Menschenansammlungen, die für irgend etwas außergewöhnlich begeistert sind; auch kirchliche.
Was mir immer wieder geholfen hat: das Kreisen um die biblischen Texte über Jesus und seine Jünger und mein Wunsch zu begreifen, was sie bewegt hat.
Wonach ich immer wieder Sehnsucht verspüre: Eintauchen in den Geist Jesu, in den Geist der Vergebung, in seine Verbundenheit mit dem Vater, in seine Offenheit für die Kleinen und Schwachen, in seine Geduld mit seinen Freundinnen und Freunden. - Ist das der Geist, mit dem er uns getauft hat?
Ich ahne, dass die Begegnung mit Gott in den großen sakramentalen Zeichen doch nicht vergeblich war, auch wenn ich dies im Vollzug nicht direkt wahrnehmen konnte. Das stimmt mich zuversichtlich, wenn ich sehe, wie sehr sich unsere Pfarrgemeinden um eine nachhaltige Feier der Sakramente bemühen, auch wenn sie keinen unmittelbaren Erfolg verbuchen können.
Oft wünsche ich mir einen Aufbruch in der Kirche, wie ich ihn in meinem individuellen und persönlichen Leben erfahren habe. Ich sehe einige Parallelen zwischen dem Erleben meiner persönlichen Krisen und den Krisenphänomenen der gegenwärtigen Kirche. Ich fürchte, wir können den Aufbruch nicht machen und nicht herbeizwingen, sondern wir müssen ihn uns zur gegebenen Zeit schenken lassen. Was ich bis dahin tun kann, tun will und mit allen, die sich dafür gewinnen lassen, teilen will, ist das Eintauchen in den Geist Jesu, in das, was ihn bewegt hat.
Allmächtiger, ewiger Gott,
durch das Geheimnis des heutigen Tages
heiligst du deine Kirche in allen Völkern und Nationen.
Erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes,
und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat,
das wirke sie auch heute in den Herzen aller,
die an dich glauben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Pfingsten am Tag
Allmächtiger Gott,
erfülle die Verheißung deines Sohnes:
Sende uns deinen Geist,
damit er uns in die volle Wahrheit einführt
und uns das Geheimnis dieses Opfers
immer mehr erschließt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Pfingsten am Tag
Kehrvers:
Jubelt dem Herrn alle Lande,
Halleluja, preist unseren Gott. (GL 643,1)
Danke, Schöpfer-Geist, dass du ununterbrochen unser Chaos in Kosmos verwandelst; dass du unseren Geist besucht und unser Herz mit Gnade erfüllt hast.
Kehrvers
Danke, dass du für uns der Tröster bist, die größte Gabe des Vaters, das lebendige Wasser, das Feuer, die Liebe und die geistliche Salbung.
Kehrvers
Danke für die unendlichen Gaben und Charismen, die du als mächtiger Finger Gottes unter den Menschen verteilt hast, du erfüllte und ständig zu erfüllende Verheißung des Vaters.
Kehrvers
Danke für das Wort aus Feuer, das du niemals aufgehört hast, in den Mund der Propheten, der Seelsorger, der Missionare und der Beter zu legen.
Kehrvers
Danke für das Licht Christi, das du in unserem Geist hast leuchten lassen, für seine Liebe, die du in unsere Herzen ausgegossen hast, und für die Heilung, die du in unserem gebrechlichen Leib bewirkt hast.
Kehrvers
Danke, dass du uns im Kampf zur Seite gestanden hast, dass du uns geholfen hast, den Feind zu besiegen oder uns nach der Niederlage wieder zu erheben.
Kehrvers
Danke, dass du unser Führer warst in den schwierigen Entscheidungen des Lebens und dass du uns vor der Faszination des Bösen bewahrt hast.
Kehrvers
Danke schließlich, dass du uns das Angesicht des Vaters offenbart und uns gelehrt hast, "Abba!" zu rufen.
Kehrvers
Danke, dass du uns dazu anspornst, zu erklären: "Jesus ist der Herr!"
Kehrvers
Danke, dass du dich der Kirche der Väter und der unserer Tage offenbart hast als das Band der Einheit zwischen Vater und Sohn, als unaussprechliches Objekt ihrer gemeinsamen Hauchung der Liebe, als Lebensatem und Duft göttlicher Salbung, die der Vater dem Sohn überträgt, indem er ihn zeugt "noch vor dem Morgenstern".
Kehrvers
Danke einfach dafür, dass du da bist, jetzt und in alle Ewigkeit, sei dir, Heiliger Geist, gedankt!
Danklied: z. B.: Nun danket alle Gott (GL 405)
Aus Raniero Cantalamessa, Komm, Schöpfer Geist. Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus. Aus dem Italienischen von Ingrid Stampa. Mit einem Vorwort von Joseph Kardinal Ratzinger, Freiburg i. Br.: Verlag Herder 1999.
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
immer und überall zu danken
und diesen Tag in festlicher Freude zu feiern.
Denn heute hast du das österliche Heilswerk vollendet,
heute hast du den Heiligen Geist
gesandt über alle,
die du mit Christus auferweckt
und zu deinen Kindern berufen hast.
Am Pfingsttag erfüllst du
deine Kirche mit Leben:
Dein Geist schenkt allen Völkern
die Erkenntnis des lebendigen Gottes
und vereint die vielen Sprachen
im Bekenntnis des einen Glaubens.
Darum preisen dich alle Völker
auf dem Erdenrund in österlicher Freude.
Darum rühmen dich die himmlischen Kräfte
und die Mächte der Engel
und singen das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Pfingsten
Herr, unser Gott,
du hast deine Kirche
mit himmlischen Gaben beschenkt.
Erhalte ihr deine Gnade,
damit die Kraft aus der Höhe, der Heilige Geist,
in ihr weiterwirkt
und die geistliche Speise sie nährt
bis zur Vollendung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Pfingsten am Tag
Herr, unser Gott,
du hast uns im heiligen Mahl gesättigt.
Erfülle uns durch dieses Sakrament mit der Glut des Heiligen Geistes,
den du am Pfingstfest den Aposteln gesandt hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.
In dieser klugen Zeit,
Herr, lass uns nicht verdummen:
Vor leerem Menschenwort
lass dein Wort nicht verstummen.
In dieser satten Zeit
lass uns nicht Hungers sterben:
Speis' uns mit deinem Brot,
dass wir nicht gar verderben.
In dieser kalten Zeit
lass unsre Herzen brennen:
Lass in der Liebe stehn,
die deinen Namen nennen.
In dieser müden Zeit
gib Kraft zu neuem Werke:
Wo unser Herz verzagt,
sei du, Herr, unsre Stärke.
Zum reinhören:
https://m.soundcloud.com/user-607197191/gebet-wider-den-geist-der-zeit-version-i-zum-reinhoren
Lindolfo Weingärtner - Quelle unbekannt
Im postmodernen Mischmasch und Einerlei gibt es keinen großen Unterschied zwischen dem Alkoholgehalt, der Vernunft und dem Heiligen Geist. Müssen wir den Geist aber deshalb abschreiben, weil er so vieldeutig ist? Lassen wir ihn vorübergehend in Frühpension gehen, weil wir ihn ohnehin nicht brauchen? Was wäre in unserem Leben anders, wenn wir Pfingsten nicht feiern würden? Oder ist er doch eine tiefe geheime Sehnsucht in uns, die über das Faktische, die Berechenbarkeit und die Verfügbarkeit hinausgeht, weil wir uns doch nicht der Herrschaft der Resignation unterwerfen und aus dem mit der Zeit faden Kreislauf des Habens und Besitzens ausbrechen wollen? Oder wollen wir vielleicht hoch hinaus, um dann - wie beim Turmbau zu Babel - ganz unten zu landen? Beschwören wir den reinen Geist der Gnosis, jener dualistischen Tendenz, die Leib und Geist so strikt zu trennen suchte und deshalb der ärgste Feind des Heiligen Geistes ist, weil er keine Fleischwerdung Gottes und auch kein Kreuz kennt?
Um dem Heiligen Geist Gottes auf die Spur zu kommen, dürfen wir uns von der Heiligen Schrift her leiten lassen. Der Geist Gottes ist der schöpferische Geist des Lebens. Er schwebt, wie es im Buch Genesis heißt, über dem Wasser, einer Urflut und einem Zustand, der noch "wüst ist und leer", eben dem Tohuwabohu. Der Geist Gottes bewirkt, dass die Erde bewohnbar wird und nicht untergeht in materieller und geistiger Umweltverschmutzung. Aus dem Chaos wird ein Kosmos, aus dem zerstörerischen Durcheinander eine Beziehungsstruktur, aus dem Kampf mit dem Recht des Stärkeren ein gegenseitiges Wahr- und Annehmen in Würde. Adam wird zum Menschen, weil ihm der Geist eingehaucht wird, einer, der zu Gott Du sagen kann. Der Heilige Geist ist eine "kraftgeladene Wirklichkeit von höchster Lebendigkeit und Bewegtheit", sagt Alfons Deissler. [...]
Der Geist der Liebe ist es, der aus der entmutigten, verzweifelten, zerstreuten und verleugnenden Jüngerschar Zeugen der Auferstehung erstehen lässt. Gottes Geist gibt ihnen eine neue Sprache: aus dem Blabla, dem unverbindlichen Geschwätz, aus dem Gezänk der Parteien, der Saft- und Kraftlosigkeit der Predigten, in den Sprachbarrieren entsteht eine neue Verstehensgemeinschaft. Als geisterfüllte Menschen erinnern und bezeugen die Apostel das kraftvolle, tröstende Wort Gottes, das Jesus in Person ist. Der Geist ist ihnen Beistand, der guten Stand gibt, gerade wenn sie traurigen, sprachlosen, lahmen, trägen, einsamen, verängstigten oder verbitterten Menschen begegnen. Der Heilige Geist eröffnet Lebensräume, wo alle in die Enge getrieben sind, Freiräume, wo die Lasten drücken, Quellen, wo alles verkarstet, Licht, wo Dunkel herrscht.
Aus: Manfred Scheuer, Und eine Spur von Ewigkeit. Ein geistlicher Begleiter durch das Jahr. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.

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