Der verborgene Schatz im Acker der Welt
Unser Leben gleicht einem Hauch, der kurze Zeit sichtbar ist und dann verschwindet (vgl. Jak 4,14). Was sind schon meine 75 Jahre? Sie erscheinen mir wie einige Augenblicke. Das Leben gleicht einem Nebel, der vom Boden aufsteigt und sich sogleich wieder auflöst. Was soll der verborgene Schatz im Acker der Welt sein? Er muss sehr wichtig sein, ja das Allerwichtigste im Leben.
Der 2. Ordensgründer der Franziskaner, der heilige Bonaventura, der mit Thomas von Aquin Professor in Paris war, sagt, dass jeder Mensch den verborgenen Schatz in drei Büchern finden kann: im Buch der Natur, im Buch der Bibel und im Buch des eigenen Lebens. Die drei Antworten sind verschieden, ich muss sie aber zusammen sehen, denn sie bilden eine Einheit.
Der verborgene Schatz im Buch der der Natur
Ich blättere im Buch der Natur und muss immer wieder staunen. Die Schöpfung ist voll von Wundern, die Franz von Assisi im "Sonnengesang" zum Ausdruck bringt. Und wer in der Nacht die Sterne betrachtet, schaut ins tiefe, weite Universum. Da fängt jeder Mensch zu singen an: "Die Himmel rühmen des ewigen Ehre" (Psalm 19). Da entdeckt der Mensch Gott, den verborgenen Schatz im Acker der Natur. Wer aber Gott gefunden hat, hat alles gefunden. Er wirkt wie ein Sauerteig in der Gesellschaft.
Der erste Satz im Buch von Bischof Reinhold Stecher "Botschaft der Berge" (Innsbruck, Tyrolia Verlag, 11. Aufl. 1996) lautet: "Viele Wege führen zu Gott, einer geht über die Berge". Menschen fühlen sich Gott am nächsten auf den Bergen. Gerade jetzt in der Urlaubszeit finden Wanderer im Gebirge die Nähe zum Himmel.
Der verborgene Schatz im Buche der Bibel
Den verborgenen Schatz kann ich nicht nur im Buch der Natur, sondern auch in der Heiligen Schrift finden. Wenn ich an Papst Franziskus denke, spüre ich seine Freude am Evangelium, am Wort Gottes. In seiner Regierungserklärung "Evangelii Gaudium" (Nr. 265) schreibt er: "Das Evangelium antwortet auf die tiefsten Bedürfnisse des Menschen… Es ist eine Antwort, die tief ins Innerste des Menschen hinabfällt und ihn stützen und erheben kann. Unsere unendliche Traurigkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden". Wer also die unendliche Liebe Gottes, die in Jesus Christus erschienen ist, erkannt hat, hat den verborgenen Schatz gefunden. Im Wort Gottes, das Fleisch geworden ist, findet der Mensch den Quellgrund aller Güte. Ich erfahre, dass Jesus mich hält und mir schon eine Wohnung beim Vater bereitet hat. Gott selbst ist es, der uns in Jesus zeigt, dass er seine Liebe zu uns nie widerruft. Er hat mit uns in der Taufe einen ewigen Bund geschlossen. Nach Paulus (Phil 4,4-10) ist Jesus der Quellgrund unserer Freude. Er holt uns aus der Vergänglichkeit heraus und führt uns in seine Herrlichkeit. Er öffnet sein Herz für uns, gibt sich uns ganz hin, nimmt unsere Sünden hinweg und geht alle Wege mit.
Ich vermute, dass die Zahl der Austritte aus der Kirche geringer wäre, wenn man unsere Kirchengemeinschaft nicht von außen, sondern von innen, vom Allerheiligsten her betrachtete.
Einige von Ihnen werden sicher den Film "In den Schuhen des Fischers" gesehen haben. Da ist mir noch ein Gedanke in Erinnerung geblieben: Man kann der Kirche alles nehmen, sie bleibt trotzdem reich. Sie hat alles: Jesus Christus und sein Wort. Und das genügt.
Der verborgene Schatz im eigenen Buch des Lebens
Wer auf sein Leben zurückschaut, wird sehen, dass es in unserem Leben auch Sternstunden gegeben hat, von denen wir heute noch zehren. Ich hatte mein Damaskuserlebnis in Jerusalem. Ich bin als Student mit jüdischen Hochschülern aus Wien ins Heilige Land gefahren. Ich konnte dort 4 Wochen in einem Kibbuz bleiben. Da hatte ich reichlich Gelegenheit zum Besuch der heiligen Stätten. In Jerusalem traf ich zufällig einen mir bekannten Archäologen. Er sagte zu mir: "Du willst auf den Wegen Jesu gehen? Das ist nicht möglich." Ich fragte ihn nach dem Grund. Er gab mir zur Antwort: "Jerusalem ist oft zerstört worden. Man hat damals den Schutt nicht weggeräumt, sondern darauf gebaut. Daher müsste man Grabungen machen, wenn ich wirklich den Boden betreten möchte, auf den Jesus gestanden ist." Über diese Erkenntnis war ich traurig und kehrte in das Hotel zurück. Das Hotel, das dem Vatikan gehört, hat auch eine Kapelle. Dorthin ging ich und ließ meiner Traurigkeit freien Lauf. Auf einmal merkte ich, dass da ein rotes Licht flackert. Da kam ich zu der Erkenntnis: Warum suche ich Jesus in der Vergangenheit, er ist doch hier gegenwärtig. So wurde für mich das eucharistische Brot zum verborgenen Schatz der Kirche.
Suche den verborgenen Schatz und du wirst ihn finden (vgl. Spr.8,17; Mt 7,7): im Buch der Natur, im Buch der Heiligen Schrift und im Buch des eigenen Lebens. Wer entdeckt hat, was die Welt im Innersten zusammen hält, hat Gott gefunden. In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums heißt es: Das ist der Sinn des Lebens, Gott zu erkennen und seinen Sohn, den er gesandt hat. Christus ist die Epiphanie Gottes, der uns das Leben in Fülle bringt. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.
Doch schon vor 2000 Jahren haben nicht alle Menschen in Jesus den Heilbringer erkannt. Das ist auch heute noch der Fall. Warum das so ist, weiß ich nicht. Wer Jesus in der Eucharistie gefunden hat, hat den höchsten Schatz gefunden. Für diesen Menschen wird alles andere nebensächlich. Er will nur mehr den Herrn anbeten, der sein Ursprung und Vollender ist. Den verborgenen Schatz erkennen wir jetzt nur im Glauben. Aber wenn Christus in Macht und Herrlichkeit wiederkommt, wird der Schleier des eucharistischen Brotes fallen und wir werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen.