Dass es Sieger und Verlierer, Erste und Letzte gibt, ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir damit im Alltag gar nicht mehr anders rechnen. Es lohnt sich, die Perspektive zu wechseln, und einen Blick aus dem Blickwinkel der Verlierer auf die Welt zu werfen. Schließlich hat sich Jesus Christus selbst zum Letzten gemacht und unsere Rangordnungen auf den Kopf gestellt.
Wenn das kein tolles Bild ist! Wir sind zum Berg Zion hingetreten, zum himmlischen Jerusalem, zu einer festlichen Versammlung, die sich um Jesus schart. Alle, die im Himmel verzeichnet sind, nehmen uns in ihre Mitte. Wir gehören dazu! Dabei bin ich gerade nur durch die Kirchentüre getreten, die Holzbänke sind hart und mein Nebenmann, meine Nebenfrau muss mich nicht einmal kennen. Ich ihn, ich sie auch nicht. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, nicht einmal einen Blickkontakt aufzunehmen. Aber Sie haben es gerade gehört: „Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind.“
Verwundert schaue ich auf meine Füße: bin ich wirklich so weit gegangen? Bin ich denn auch schon angekommen? Bin ich überhaupt willkommen? Meine Füße kennen doch auch die schmutzigen Wege, die Stolpersteine, die abschüssigen Strecken. Meine Füße werden müde. Manchmal gehören mir die Füße nicht einmal.
Sie haben es bestimmt schon bemerkt: Im Hebräerbrief - vorhin vorgelesen - wird uns ein Blick geschenkt, der seinesgleichen sucht. Als Christen, also als die, die zu Jesus gehören, atmen wir sozusagen schon die reine Luft des Himmels. Wir begegnen den Tausenden von Engeln, wir begegnen den Geistern der schon vollendeten Gerechten, wir begegnen in der Mitte – Jesus. Um ihn scharen sich alle. Um ihn scharen wir uns. Er hat einen neuen Bund gestiftet, einen neuen Bund geschenkt! Mit einem Fuß sind wir schon im Himmel.
Dass ein Mensch mit einem Fuß schon anderswo sein kann, ist nicht nur eine Redensart. Manchmal merken wir das regelrecht – wenn wir uns zerrissen fühlen oder aber auch einfach nur glücklich sind über das Neuland, dass sich uns gerade auftut. Wenigstens mit einem Fuß sind wir dann schon drin!
Jesus ist in das Haus eines – führenden - Pharisäers gegangen. Jesus ist zum Essen eingeladen. Wer sonst noch dabei war? Keine Ahnung. Es ist aber eine fromme Runde. Die bösen Blicke, die wir gelegentlich oder auch immer noch auf die Pharisäer werfen, können sich getrost wieder aufhellen: Wir beobachten Menschen beim Essen auch – und unsere Tischordnungen haben es in sich. Gestylt einerseits, hierarchisch andererseits. Wer wo sitzt, ist dem Zufall – meistens – nicht geschuldet. Fein gedruckte Tischkarten zieren den Platz und markieren die Rangordnung, sorry, gelegentlich auch die Hackordnung. Die Kellner und Kellnerinnen wissen auch, wo sie anzufangen haben – und wie sie das verbergen können.
Lukas erzählt denn nicht nur, dass Jesus „genau“ beobachtet wird, er erzählt auch, dass Jesus noch genauer beobachtet – und ein gutes Wort ausspricht: Gut ist, sich nicht nach oben setzen, sich nicht falsch einzuschätzen, sich nicht über andere zu erheben. Übrigens: eine alte Weisheit. Es ist nichts neu an dieser „frohen Botschaft“.
Neu zu hören ist aber, dass bei Gott Menschen groß und bedeutend werden, die klein sind, die nichts zu sagen haben, die nach unten gedrückt werden. Bei Gott! Im Haus des Pharisäers, in frommer Runde, bei einem guten Essen wird uns ein Blick geschenkt auf unser Leben – und auf die Tischgemeinschaft, die Jesus öffnet. Er hat seine Füße nicht nur in das Haus des führenden Pharisäers gesetzt, er ist bei denen gesehen worden, die als letzter Dreck gelten – und er hat Worte dafür gefunden, Worte für sie. Wir merken das heute.
Wie sich das wohl angehört hat in dieser edlen Runde: "Wenn du mittags oder abends ein Essen gibst, so lade nicht deine Freunde oder deine Brüder, deine Verwandten oder reiche Nachbarn ein; sonst laden auch sie dich ein, und damit ist dir wieder alles vergolten. Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten."
Oft sind unsere Einladungen ein Spiel, manchmal sogar Ausdruck unserer Rechen- und Abrechnungskünste. Wir bleiben unter uns.
Klar, Lukas hat an dieser Szene gefeilt. Jedes Wort hat er sozusagen in die Hand genommen, abgewogen, geschliffen, dann eingepasst. Dass Jesus „genau“ beobachtet wird, zum Beispiel, ist kein Seitenhieb auf diese frommen Menschen, die ihn eingeladen haben – es ist ein fein versponnener Hinweis, „genau“ zu beobachten. „Genau“ zu hören, was Jesus sagt, was er tut – und „genau“ zu sehen, was sich in unserer Welt abspielt. „Genau“ ist in diesem Evangelium das Schlüsselwort. Womöglich auch ein Reizwort. Lukas ist der Evangelist der Armen. Was er von Sitz- und Tischordnungen zu erzählen weiß, will unsere Feste und Feiern nicht vermiesen. Aber er lenkt unsere Blicke, unsere Sinne überhaupt, auf Menschen, die in unseren – auch frommen – Kreisen fehlen. Die übersehen werden. Die keine Kraft, keinen Mut haben, in unser Leben zu treten. Und die auch nicht eingeladen werden, Anteil zu nehmen an unseren Erzählungen, Schwächen und Sehnsüchten.
Wenn das kein tolles Bild ist! Wir sind zum Berg Zion hingetreten, zum himmlischen Jerusalem, zu einer festlichen Versammlung, die sich um Jesus schart. Alle, die im Himmel verzeichnet sind, nehmen uns in ihre Mitte. So lässt uns der Hebräerbrief auf unsere Füße schauen. Wir sind hingetreten …
Und dann lässt sich das Evangelium vernehmen: Im Bild der Tischgemeinschaft sehen wir das himmlische Jerusalem, die festliche Versammlung, alle, die im Himmel verzeichnet sind mit den Gesichtern von Menschen, die sich wünschen, zu uns kommen zu können, mit uns zu feiern, mit uns das Leben zu teilen.
Holen wir sie doch ab! Die Füße sind heute schwungvoll!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
In meinem Zimmer stehen einige Tischkarten. Oft, wenn ich zu einem Fest eingeladen bin, wird mir durch eine Tischkarte gezeigt, wo und neben wem mein Platz bei einem Fest ist. Diese Tischkarten haben für mich noch eine andere Bedeutung. Der Gastgeber hat an mich gedacht. Das tut mir gut. Sicherlich hat er sich Gedanken darüber gemacht, mich gerade hier und nicht woanders zu platzieren.
Als Jesus an einem Fest teilnahm, da hatte der Gastgeber wohl keine Tischkarten aufgestellt. Er hatte sich vielleicht gedacht, dass sich die Tischordnung wie von selbst geben werde. Oder er hatte sich gedacht: wer zuerst kommt, der mahlt zuerst, der bekommt eben die besten Plätze. Was Jesus beobachtet, das zeigt: damals wie heute möchten die Menschen die besten Plätze bekommen. Vielleicht hatte Jesus auch schon öfters was beobachtet, wovor er warnt: die bittere Erfahrung, auch heruntergesetzt werden zu können.
Doch Jesus erteilt hier keinen Anstandsunterricht. Vordergründig scheint Jesus das Verhalten der Menschen zu korrigieren. "Lasst euch vom Gastgeber platzieren!" Hinter dem, was Jesus sagt, steht noch viel mehr. Denn ein äußeres Verhalten ist auch oft ein Hinweis auf eine innere Haltung. Mehr noch: ein äußeres Verhalten kann auch viel sagen, wie mein Verhältnis zu Gott ist. Genau darin sehe ich den Sinn dieser Geschichte. Wir möchten nicht nur bei Festmählern die besten Plätze haben, sondern auch im Leben. Wer von uns kennt eben nicht das Bedürfnis besser, schneller, schöner, reicher, erfolgreicher, angesehener zu sein. Das letzte Wort ist es doch, was uns am meisten beschäftigt. In den Augen der Mitmenschen gut dastehen. "Sparst du was, dann hast du was. Hast du was, dann bist du was."
Mein Selbstwertgefühl hängt sehr stark davon ab, wie mich meine Mitmenschen sehen, wie sie mich mögen, mir zujubeln. Das ist ein wenig überspitzt und pointiert gesagt: doch es ist so. Auch dann, wenn ich keine Berühmtheit bin, dann möchte ich doch Anerkennung genießen. Dafür tue ich alles. Das kann mich verkrampfen.
Was ist es denn, wovon in den Zeitungen und in den Medien berichtet wird? Es sind die Erfolge, die herausragenden Leistungen. Wer nur mit dem Durchschnitt aufwarten kann, wird schon gar nicht mehr erwähnt. Es sind die Besten, die Einser-Diplome. Wie oft habe ich mir doch schon gedacht: gerne wäre ich dabei. Darum brauche ich mich auch nicht zu überheben über die ach so bösen Pharisäer, die sich die Ehrenplätze heraussuchen.
Diese Geschichte kann mir viel sagen, über mein Verhältnis zu mir selber, über mein Verhältnis zu Gott. Diese Geschichte kann mir viel innere Gelassenheit schenken. Jesus rät, sich vom Gastgeber platzieren zu lassen. Betrachten wir unser Leben doch als ein Fest, zu dem uns Gott einlädt. Lassen wir uns doch unseren Platz von Gott schenken. Lassen wir uns doch zuallererst von Gott anerkennen. Gott schenkt uns Anerkennung, Gott schenkt uns Ansehen. Wir sind eingeladen, uns von seiner Liebe allein abhängig machen und nicht von dem Ansehen, das wir bei Menschen genießen. Mitmenschen, von deren Ansehen wir uns abhängig machen, nutzen uns oft nur aus. Sie machen uns unfrei. Mitmenschen schauen auf das äußerliche. Doch bei Gott eben ist das anders. Ich darf darauf vertrauen, dass ich, so wie ich bin, mit allem, was ich kann und auch, was ich nicht kann, so von Gott geschaffen bin, seit Ewigkeit gedacht und vor allem so auch angesehen und geliebt bin.
Mich von Gott allein abhängig zu machen, das führt mich zur Bescheidenheit. Von der hören wir in der ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Bescheidenheit - das darf ich hier als eine Einladung verstehen. Bescheidenheit bedeutet für mich nicht, mich selber abzuwerten. Falsche Bescheidenheit wird oft entlarvt. Ich mache mich selbst nicht schlechter, aber auch nicht besser.
Wenn ich einen Erfolg im Leben verbuchen darf, sei es eine bestandene Prüfung, sei es Wohlstand, dann weiß ich: es ist eben nicht nur mein Verdienst. Wenn ich eine verantwortungsvolle Aufgabe oder ein Amt anvertraut bekommen habe, dann spüre ich, dass ich nicht nur auf eigene Kraft vertrauen darf. Dann versuche ich auch immer wieder zu sehen, welch günstige Bedingungen es auch waren, durch die ich aufsteigen durfte, neben allem Fleiß, neben aller Anstrengung. Vor allem spüre ich dann auch die Verantwortung, die ich für eine Aufgabe, für die Menschen, die mir anvertraut sind, trage.
Niemals darf ich vergessen, wer es war, der mir Talente in die Wiege legte. Gott, der Gastgeber des Festes. Gott hat mich nicht so begabt, eben so wie ich bin. Dabei hat er in Liebe auf mich geschaut. Genau so und nicht anders soll ich meinen Platz ausfüllen. Wenn ich das weiß und auch verinnerliche, dann brauche ich weder danach zu schielen, der Erste oder der Beste zu sein, noch dass ich eine flache Bescheidenheit an den Tag lege.
Meinen Wert muss ich mir nicht krampfhaft erarbeiten, ich habe meinen Wert schon durch Gottes Ansehen. Um herauszufinden, wer ich vor Gott bin, wie Gott mich geschaffen hat, muss ich im Leben auch manches ausprobieren. Das kann auch zuweilen Scheitern bedeuten. Jedes Scheitern aber bringt mich doch wieder mehr zu dem, als der Gott mich haben will.
Das alles wage ich in unsere Leistungsgesellschaft hineinzusprechen, in der ein zweiter Platz schon als Niederlage gilt, in der jedes Kind schon mindestens die Realschule besuchen muss, wenn es anerkannt werden will, in der die Rechte von Leiharbeitern oft mit Füßen getreten werden: einfacher gesagt als getan. Doch gerade hier zeigt sich, was die christliche Gemeinschaft ist. Wir als Christen sollten uns in unserem ganzen Denken von den anderen Menschen unterscheiden. So wirken wir missionarisch. Weil wir eben die Werte Jesu leben. Diese unterscheiden sich ganz deutlich von den Werten anderer Menschen. Es sollen bei uns eben nicht nur schöne und gute Worte sein, dass es ein Leben auch ohne Abitur gibt, sondern es sollte durch unser Leben abgedeckt sein. Bei uns Christen sollte ein Arbeitsloser nicht verdächtigt werden, faul und arbeitsunwillig zu sein. Wir sollen denen die ersten Plätze geben, die woanders die letzten Plätze bekommen. Und um einen wichtigen Gedanken Jesu aufzugreifen: wen laden wir ein? Diejenigen, die jeder einlädt, diejenigen, mit denen man sich schmücken kann und die uns irgendwann wieder einladen. Oder diejenigen, die sich nicht revanchieren können?
Wer bekommt bei Gott wohl die Ehrenplätze? Wer hat bei Gott wohl das meiste Ansehen? Immer wieder hören wir: es sind die Armen, die Geringsten. Es sind nicht eben die Einser-Diplome, die Doktortitel, es sind nicht die Gewinner: diese standen schon in diesem Leben auf dem Siegertreppchen. Ich glaube: Es sind die Menschen, die zwar nicht unbedingt im Leben auf Siegertreppchen standen, die niemals eine Auszeichnung bekommen haben, weil sie Jahrgangsbester waren, sondern es sind Männer und Frauen, die anderen gedient haben, oft im Stillen. Es sind die Menschen, die für die hilfsbedürftigen, die für die ärmsten der Armen da waren. Es sind die Taten der Hilfsbereitschaft, die aufmunternden Worte, die bei uns zählen sollten. Der Wert eines Menschen zeigt sich nicht in Leistung oder im Ansehen bei anderen, sondern darin, dass er von Gott, so wie er ist, unendlich geliebt ist. Wir Christen sollten das einander spüren lassen.
Wenn ich meine Tischkarten betrachte, dann glaube ich fest: Gott hat mir meinen Platz schon zugewiesen. Das kann sich auf meinen Platz im himmlischen Reich beziehen und auch auf meinen Platz im Hier und Heute. Er hat an mich gedacht. Ich bin das, was ich vor Gott bin und so bin ich wertvoll. Amen.
Das Bild, das Jesus uns im Evangelium vor Augen hält, bedarf keines langen Kommentars. Es ist deutlich genug und findet sicher ein Echo in Erfahrungen, die wir selber schon gemacht haben oder machen mussten. Auch heute ist das Gerangel um die besten Plätze und um die größte Aufmerksamkeit überall gegenwärtig. Politik und Wirtschaft führen dieses Spiel der Eitelkeiten jeden Tag in den Medien auf. Aber wir finden es leider auch in der Kirche und da wirkt es besonders abstoßend. Dieser Kampf um den besten, um den ersten Platz wird sodann mit Hingabe ausgetragen bis in die Ehen und Familien hinein.
Nun gilt es aber auch zu bedenken, dass hinter dem Negativen dieses Bildes und dieser Tatsachen auch etwas sehr Positives steht, ohne das wir gar nicht leben könnten. Jeder Mensch ist auf der Suche nach dem eigenen Platz, und diese Suche begleitet und prägt ihn sein ganzes Leben lang.
Es beginnt beim Kind. Die Zuwendung und Geborgenheit, die es von den Eltern und Geschwistern erfährt, lässt es seinen Platz finden in der Familie auch durch Trotzphasen hindurch. Die Suche nach dem eigenen Platz kann dann dramatische, auch kurvenreiche Formen annehmen in der Pubertät. Sie geht weiter im Erwachsensein. Wo ist mein Platz in der Partnerschaft, im Berufsleben, wie finde ich Anerkennung? Diese Suche nach dem eigenen Platz gestaltet sich noch einmal neu und manchmal auf beängstigende Weise mit dem Älterwerden. Wie behalte ich meinen Platz, wenn die Grenzen enger werden und vieles, was einmal selbstverständlich war, nicht mehr geht?
Wie und wo findet der Mensch seinen richtigen Platz im Leben, jenen Platz, der ihm entspricht und auf dem er zu sich selbst findet? Hier ist nun die Botschaft des Evangeliums eindeutig. Er kann ihn nicht finden, wenn er nur brutal seine Ellbogen einsetzt, Andere damit wegstößt und rücksichtslos deren Plätze besetzen will.
Kehren wir noch einmal zum Kind zurück. Es muss lernen, seinen Platz zu finden und sich durchzusetzen. Dem dienen auch die Trotzphasen. Sie wirken sich positiv aus, wenn sie getragen sind vom Verständnis und Einfühlungsvermögen der Eltern und der Geschwister. So kann das Kind erfahren, dass es sich selbst findet, weil Andere ihm seinen Platz zugestehen in der Gemeinschaft der Familie, die auch ihre Spielregeln und Grenzen hat.
Das gilt grundsätzlich auch für uns Erwachsene. Es ist gut nach Anerkennung und dem mir zustehenden Platz zu streben. Aber das kann nicht gelingen wenn ich mich selbst überschätze und Andere nur als Konkurrenten ansehe, die auszuschalten sind. Sondern auch als Erwachsener muss ich es zulassen, dass mein Platz mir zugewiesen wird von jenen, mit denen ich in einem Austausch von Liebe, Vertrauen und gegenseitiger Achtung verbunden bin. Gerade da gelten die Spielregeln einer guten und gerecht geordneten Gesellschaft.
Letztlich aber kommt es darauf an, jenen Platz zu finden und einzunehmen, den Gott mir zuweist. Dazu bedarf es des Glaubens und des Gebetes. Doch allein der Platz, den ich vor Gott finde, wird der Ort sein, der Bestand haben kann in allem und durch alles hindurch. Jesus sagt uns zu, dass Gott jedem Menschen seinen ihm zustehenden Platz anbietet. Dazu gebraucht er des Öfteren das Bild vom Festmahl, allerdings in einem durch und durch positiven Sinn. Alle sind eingeladen, jedem ist sein Platz bereitet. Ein Abbild dafür ist jetzt dieser Raum, die Kirche und das, was wir in ihr feiern. Mit der Eucharistie sagt uns Gott, wo ER seinen Platz unter uns Menschen einnimmt und welches der Platz ist, den er uns schenkt: eine Gemeinschaft mit ihm, die Fülle des Lebens schenkt. Danken wir dafür und bitten wir, dass wir immer mehr Menschen seien, die auch den zweiten Teil des Evangeliums im Leben umsetzen: dass wir all denen Platz geben, die uns brauchen und für die wir Verantwortung tragen.
Gegen Ende des Evangeliums, das wir gehört haben, stehen Worte Jesu, die wir überschreiben können: "Die Wahl der rechten Gäste" (Lk 14, 12-14). Jesus war, so hörten wir, bei einem führenden Pharisäer zu Gast. Der hatte nur vornehme Leute eingeladen. Und Jesus gibt ihm zu bedenken: "Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie können es dir nicht vergelten. Es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten." Nach diesen Mahnworten, die sich, so schwer sie zu verwirklichen sind, auch an uns richten, folgt beim Evangelisten Lukas das Gleichnis von dem Festmahl, zu dem ein Mann eingeladen hatte ((Lk 14, 16-24).
Was dem Gastgeber empfohlen wird, nämlich statt seiner vornehmen Freunde hilfsbedürftige Menschen einzuladen, findet in dem Gleichnis bildhaften Ausdruck. Nachdem die eingeladenen Gäste mit allerlei Entschuldigungen nicht beim Festmahl erschienen, waren es schließlich die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen, die sich einfanden. Sie waren von den Dienern im Auftrag ihres Herrn von den Straßen und Gassen der Stadt herbeigeholt worden
Dass die zuerst Eingeladenen, alle ohne Ausnahme, sich entschuldigten, ist sicher eine Zuspitzung, wie sie der bildhaften Rede eigen ist. Es geht in diesem Gleichnis darum, den vornehmen und begüterten Leuten Arme und Kranke gegenüberzustellen. Diese gehören derselben Menschengruppe an wie in dem Jesuswort, in dem von der Wahl der rechten Gäste die Rede ist. Der Gegensatz zwischen wohlhabenden, geehrten Leuten und armen, verachteten Menschen ist die Sinnspitze der Erzählung. Das Lukasevangelium hat man "das Evangelium der Armen" genannt. Die soziale Dimension des Lukasevangeliums zeigt sich auch deutlich in diesem Gleichnis.
Jesus erzählt in seinen Gleichnissen nicht von sich selbst. Und doch ist er in ihnen gegenwärtig. Darüber möchte ich jetzt mit Ihnen ein wenig nachdenken. Am Anfang des Markusevangeliums, vor dem öffentlichen Wirken Jesu in Galiläa, steht das programmatische Wort: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15). Die sich ankündigende Gottesherrschaft und der Glaube an sie haben dem Leben und Wirken Jesu die Richtung gewiesen. Er wusste sich von Gott gesandt, die Botschaft vom Reich Gottes den Menschen zu verkünden. Woran man das Reich Gottes mit seiner neuen Wertordnung erkennen kann, hat uns Jesus in seinen Gleichnissen in bildhafter Weise nahe gebracht. "Das Reich Gottes ist wie ...". So werden viele Gleichnisse eingeleitet. Jesus spricht darin von der grenzenlosen Liebe Gottes, im Kontrast dazu aber auch von denen, die sich seiner Liebe verweigern.
In den Gleichnissen wird, wie nirgends sonst im Evangelium, Gottes rettendes Tun offenbar. Sie lassen Gott vernehmen, indem sie die Sprache der Liebe sprechen und uns zu dieser Liebe ermutigen. In ihnen hat uns Jesus einen Gott wahrnehmen lassen, dessen Liebe alles menschliche Begreifen übersteigt. Bei allen drei Synoptikern wird vom "Geheimnis des Gottesreiches" gesprochen (Mt 13,11; Mk 4,10; Lk 8,10). Jesus hat es uns in seinen Gleichnissen erschlossen.
Jesus erzählt in den Gleichnissen von Gott, seinem Vater. In dem Mann, der den am Rande Stehenden nachgeht und sie am Festmahl teilnehmen lässt, kommt Gott in den Blick. Gott wird erkennbar in dem Vater, der seinen auf Abwege geratenen Sohn in die Arme schließt. Im Herrn des Weinbergs, der auch den zuletzt Gekommenen ungeteilt seine Liebe schenkt, wird Gott sichtbar. Der vergebungsbereite Gott zeigt sich in dem König, der einem seiner Diener eine ungeheure Schuld erlässt. In den Beispielerzählungen vom reichen Mann und dem armen Lazarus, vom Pharisäer und Zöllner, vom barmherzigen Samariter will uns Jesus zu einem von der Liebe inspirierten Verhalten ermutigen.
Die Gleichniserzählungen lassen sich nicht von Jesus trennen, sie müssen in Beziehung gesetzt werden zu seinem Leben. Ein Wort von Joachim Gnilka in seinem Jesusbuch: "Die Botschaft von der seinsverwandelnden Liebe Gottes, die die Gleichnisse bieten, kann letztlich nur verstanden, wirksam werden und überzeugen im Kontext des Lebens Jesu, wo er diese Liebe verwirklichte. Wenn sich das Reich Gottes je ereignete, dann war er es, der es zum Ereignis machte" (S. 97). So weit das Zitat. Die unentwegte Liebe Gottes, von der Jesus in den Gleichnissen spricht, wird in seinem Handeln erfahrbar. Er hat diese Liebe in seinem Leben wahr gemacht. Darin liegt die Wahrheit der Gleichnisse - nicht darin, ob sie in dieser oder jener Situation von Jesus so wörtlich erzählt worden sind.
Was Jesus in den Gleichnissen darstellt, wird vor allem sichtbar in der Begegnung Jesu mit den Menschen. Mit jenen, die schuldig geworden sind und von den Gesetzeslehrern abgeschrieben wurden. Für Gott steht der Mensch in der Mitte. Darauf kann im übertragenen Sinne die von den Gesetzeswächtern verachtete Ehebrecherin hindeuten, die in der Mitte steht (Joh 8,9). Gott liegt alles am Menschen. Dies wollte uns Jesus in seinen Gleichnissen nahe bringen.
Seine Begegnungen mit schuldig gewordenen Menschen zeigen, dass wir von Gott geliebt sind, dass er uns niemals fallen lässt. Ja unsere Schuld kann heilsam sein, kann zu einer "glücklichen Schuld" werden, wie wir es im Exultet der Osternacht singen, weil sie uns Gottes vergebende Liebe erfahren lässt. Wir sind von Gott angenommen und geliebt, trotz unserer Schuld. "Es ist", nach einem Wort von Blaise Pascal, "nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen." Heilsam kann unsere Schuld auch dann sein, wenn wir erkennen, dass Gott uns ungeschuldet seine Liebe schenkt. Dies müsste uns von aller Selbstgerechtigkeit frei machen. Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben: "Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Großtaten."
Jesus weist in seiner ungeteilten Liebe zu allen Menschen über sich hinaus hin auf Gottes Liebe, nicht zuletzt hin auf seine vergebende Liebe. In Jesus ist "die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters" erschienen, wie es im Titusbrief heißt (Titus 3,4). Jesus selbst ist das Gleichnis Gottes in unserer Welt.
Lieder:
GL 140: Kommt herbei, singt dem Herrn
GL 148: Komm her, freu dich mit uns, tritt ein
GL 210: Das Weizenkorn muss sterben
GL 216: Im Frieden dein, o Herre mein
GL 233: O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu
GL 395: Den Herren will ich loben...
GL 397: Alle meine Quellen entspringen in dir
GL 400: Ich lobe meinen Gott aus ganzem Herzen
GL 405: Nun danket alle Gott
GL 422: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
GL 424: Wer nur den lieben Gott lässt walten
GL 427: Herr, deine Güt ist unbegrenzt
GL 428: Herr, dir ist nichts verborgen
GL 429: Gott wohnt in einem Lichte
GL 437: Meine engen Grenzen...
GL 440: Hilf, Herr meines Lebens
GL 448: Herr, gib uns Mut zum Hören
GL 458: Selig seid ihr...
GL 468: Gott gab uns Atem, damit wir leben...
GL 477: Gott ruft sein Volk zusammen (2. Str.)
GL 484: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben
GL 543: Wohl denen, die da wandeln
Psalmen und Kehrverse:
GL 34: Herr, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg - Mit Psalm 15 - VI.
GL 305,4: Dies ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt - Mit Psalm 15 (GL 34,2) - VI.
GL 404: Danket dem Herrn, er hat uns erhöht; Großes hat er an uns getan - Mit Magnificat (GL 631,4) - IX.
GL 444: Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe - Mit Psalm 34 (GL 39,2) - V.
GL 584,4: Herr, du hast Worte ewigen Lebens - Mit Psalm 19 oder mit Magnificat (GL 634,4) - II.
Allmächtiger Gott,
von dir kommt alles Gute.
Pflanze in unser Herz
die Liebe zu deinem Namen ein.
Binde uns immer mehr an dich,
damit in uns wächst, was gut und heilig ist.
Wache über uns und erhalte, was du gewirkt hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 22. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott.
Junge und alte Menschen,
einfache und kluge,
erfolgreiche und solche, die sich schwertun,
hast du hier zusammengeführt als deine Gemeinde.
Gib einem jeden
etwas von deinem guten, heiligen Geist,
damit wir dich und uns selbst
und einander besser verstehen
und vorankommen auf dem Weg,
auf den du uns miteinander gestellt hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Amen.
MB Auswahl 15
Herr, unser Gott,
diese Opferfeier bringe uns Heil und Segen.
Was du jetzt unter heiligen Zeichen wirkst,
das vollende in deinem Reich.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 22. Sonntag im Jahreskreis
(für Wortgottesdienstfeiern):
Kehrvers:
Danket dem Herrn, er hat uns erhöht;
Großes hat er an uns getan.
(GL 404)
Wir danken dir, Herr und Gott,
weil du Großes an uns getan hast und immer neu tust.
Einst hast du die Nachkommen Abrahams
zu deinem Volk erwählt und groß gemacht,
obwohl es schwach und bedeutungslos war.
Kehrvers
Als es in die Knechtschaft Ägyptens geriet,
hast du seine Not gesehen und aus der Sklaverei herausgeführt.
Du hast ihm Hirten gegeben und es zu einem großen Volk gemacht.
Kehrvers
Maria aus Nazareth hast du vor allen Menschen erhöht
und sie erwählt, Mutter deines Sohnes zu sein.
Jesus, ihr Sohn ist zu den Armen und Elenden gegangen
und hat ihnen die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündet.
Kehrvers
Er hat uns gelehrt, auf die Kleinen und Schwachen zu achten
und ihnen einen Platz in unserer Mitte zu geben.
Er selbst hat seinen Jüngern die Füße gewaschen
und sie aufgefordert, einander zu dienen.
Kehrvers
Er hat uns verheißen,
dass wir mit ihm zu Tische sitzen werden in seinem Reich,
wenn er kommt, um die Schöpfung zu vollenden.
So stimmen wir ein in den Lobgesang der Engel und Heiligen
und rufen:
Danklied, z. B.: Den Herren will ich loben (GL 395)
Wir danken dir, heiliger, starker Gott.
Du lenkst die Geschicke der Welt
und sorgst für jeden Menschen.
Du versammelst uns zu einer Gemeinschaft,
damit wir alle dein Wort hören
und deinem Sohn im Glauben folgen.
Er ist der Weg - auf diesem Weg gelangen wir zu dir;
er ist die Wahrheit - sie allein macht uns frei;
er ist das Leben und erfüllt uns mit Freude.
Darum danken wir dir, Vater, für deine Liebe,
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Wir stimmen ein in den Gesang der Engel
und bekennen zum Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 2
Allmächtiger Gott,
du hast uns gestärkt durch das lebendige Brot,
das vom Himmel kommt.
Deine Liebe,
die wir im Sakrament empfangen haben,
mache uns bereit,
dir in unseren Brüdern zu dienen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 22. Sonntag im Jahreskreis
Gott,
wir sind gut, weil du uns gut geschaffen hast.
Weil du uns ansiehst, so wie wir sind.
Wir wollen uns nicht niedermachen,
nicht kleiner machen.
Alles, was wir sind, sind wir allein aus dir.
Lass uns danach leben. Amen.

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