Jesus unterscheidet sich von Johannes durch sein neues Gottesverhältnis. Sein Vertrauen auf Gott macht Mut. Dieser Mut geht über auf jene, die ihm und seinem neuen Gottesverhältnis folgen.
Der Weg, den Johannes der Täufer zu gehen hatte, ist der bittere Weg des Martyriums, kaum Anlass zur Freude. Jesus erinnert ihn an die Worte des Propheten Jesaja. Über dem Leben des Johannes steht die Frohe Botschaft des Benediktus.
Was in diesen Texten angeboten wird, geht weit über Advent und Weihnachten hinaus. Es sind viele Trostworte in der alttestamentlichen Lesung und im Evangelium zu finden. Die zweite Lesung ermuntert Geduld zu haben, bis zur Ankunft des Herrn.
Der Prophet Jesaja (8. Jhdt.v.Chr.) lebte in einer fürchterlichen Zeit und kritisiert mit scharfen Worten die zersetzende Lebensart und die elenden politischen Verhältnisse in Juda und Jerusalem. Trotz aller Kritik: Blinden werden die Augen geöffnet- also zu Erkenntnissen kommen, dass es so nicht weitergeht, die Zunge des Stummen jauchzt auf, will heißen, dass diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, beachtet werden, Taube hören, Tote stehen auf- alles Trostworte für einen Neuanfang, Visionen freilich, die anzustreben sind und zu einer bevorstehenden Vollendung führen, weil der Herr nahe ist. Es ist eine Parusieerwartung, die Wiederankunft des Herrn.
Das meinte auch Paulus, aber der Beginn des Evangeliums spricht zunächst eine andere Sprache: „In jener Zeit hörte Johannes im Gefängnis von den Taten Christi.“ Also doch nicht die heile Welt, von der Jesaja spricht und was Jesus ankündigt. Im Evangelium steht Johannes am Ende seines Lebens. Er wird umgebracht. Das ist eine große Spannung zwischen dem, was geschieht und, was angekündigt wird. Daher die berechtigte Frage: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt.11,3). Es sind Spannungen, die nicht aufgehoben, sondern schwer auszuhalten sind.
Augustinus, der Kirchenlehrer des 4. und 5. Jhdts., zeigt das sehr deutlich an der Person des Johannes: „Er scheint so etwas wie eine Grenzlinie zwischen den beiden Testamenten, dem Alten und dem Neuen zu sein... Johannes stellt in seiner Person das Alte dar und verkündet doch das Neue. Weil er das Alte darstellen sollte, wurde er von einer Greisin (Elisabeth) geboren; weil er aber schon das Neue vertritt, wird er noch im Schoß der Mutter zum Propheten erklärt. Als er noch nicht geboren war, jubelte er im Mutterschoß bei der Ankunft Mariens. Schon dort hatte er seine Bestimmung schon vor der Geburt; wessen Vorläufer er sein sollte, wurde angezeigt. Zacharias, der Vater des Johannes, schweigt und verliert seine Stimme, weil er nicht glauben kann, dass Elisabeth in hohem Alter noch einen Sohn zur Welt bringt; bis Johannes geboren ist und er die Stimme wieder bekommt. Verkündete Johannes sich selbst, könnte er den Mund des Zacharias nicht öffnen. Johannes ist Stimme auf Zeit, Christus im Anfang das ewige Wort.“ (nach Lektionar zum Stundenbuch I/5 S 286f).
Johannes ist auch von der Vergangenheit belastet und sagt: „Tut Buße!“ Jesus vertritt eine andere Sichtweise: „Fangt neu an!“ Somit eine sehr optimistische Grundstimmung. Diese wird auch im Sonntag „Gaudete“ – Freuet Euch!“ durch die rosa Farbe ausgedrückt. Der Eingangsvers lautet: „Freuet euch im Herrn zu jeder Zeit! Und nochmals sage ich: Freut euch im Herrn, denn der Herr ist nahe.“ (Phil.4,4.5).
Die Freude, von der Jesus spricht, dass sie „in uns“ sei, ist keine „Zugabe“ zum Leben des Christen. Ohne diese Freude gibt es kein wirkliches christliches Leben. Es ist die Freude über die „kostbare Perle“, über den „Schatz im Acker“ (Mt.13,44-52). Diese Freude gibt der Kirche ihre Lebenskraft, sie stärkt uns in den Mühen des Alltags und ist das herausragende Merkmal der christlichen Gemeinden. (Kardinal Carlo Martini +). Werden wir also „Künder des Wortes und Diener dieser Freude, denn im Glauben sind wir fest verwurzelt“ (2 Kor 1,24).
Lieder:
GL 220: Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern
GL 221: Kündet allen in der Not (4. und 5. Str.)
GL 222: Herr, send herab uns deinen Sohn
GL 223: Wir sagen euch an den lieben Advent
GL 227: Komm, du Heiland aller Welt
GL 228: Tochter Zion, freue dich
GL 230: Gott heilger Schöpfer aller Stern
GL 231: O Heiland, reiss die Himmel auf
GL 233: O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu
GL 360: Macht weit die Pforten in der Welt
GL 365: Meine Hoffnung und meine Freude
GL 372: Morgenstern der finstern Nacht
GL 551: Nun singt ein neues Lied dem Herren
GL 554: "Wachet auf", ruft uns die Stimme
GL Ö790/Ö791: Tauet Himmel, den Gerechten
GL Ö798: O komm, o komm Emmanuel
Psalmen und Kehrverse:
GL 47: In den Tagen des Herrn sollen Gerechtigkeit blühen und Fülle des Friedens - Mit Psalm 72 - V.
GL 48: Biete deine Macht auf, Herr, unser Gott, und komm uns zu retten - Mit Psam 80 - I.
GL 55: Jubelt, ihr Lande, dem Herrn; alle Enden der Erde schauen Gottes Heil. - Mit Psalm 98 - VIII.
GL 56: Freut euch: Wir sind Gottes Volk, erwählt durch seine Gnade. - Mit Psalm 100 - V.
GL 77: Der Herr ist erhaben, doch er schaut auf die Niedrigen: Ja, seine Rechte hilft mir. - Mit Psalm 146 (GL 77,2) - VII.
GL 232: Dein Reich komme, ja dein Reich komme! Maranatha!
GL 229: Herr, erhebe dich, hilf uns und mach uns frei - Mit Psalm 146 - I.
GL Ö794: Maranatha. O Komm, Herr jesus, und erbarme dich unser. - Mit Psalm 42 und/oder 43 (GL 42,2 oder GL 42,3) - VI.
GL Ö796: Freut euch und jubelt, denn unser Herr ist nah. - Mit Psalm 112 (GL 61,2) oder Psalm 121 (GL 67,2) VI.
GL Ö797,1: Hebt euch, ihr Tore, unser König kommt. - Mit Psalm 98 (GL 55,2) - VIII.
GL Ö797,2: Siehe, dein König kommt zu dir, öffne die Tür. - Mit Psalm 121 (GL 67,2) - VI.
Allmächtiger Gott,
sieh gütig auf dein Volk,
das mit gläubigem Verlangen das Fest der Geburt Christi erwartet.
Mache unser Herz bereit für das Geschenk der Erlösung,
damit Weihnachten für uns alle ein Tag der Freude und der Zuversicht werde.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 3. Adventsonntag
Herr, unser Gott,
in dieser Feier
erfüllen wir den Auftrag deines Sohnes.
Nimm unsere Gaben an
und gib deiner Kirche die Gnade,
immer und überall sein Opfer zu feiern.
Schenke uns durch dieses Geheimnis dein Heil,
das du der Welt bereitet hast.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 3. Adventsonntag
(für Wortgottesdienstfeiern)
Kehrvers:
Lobet den Herrn, preist seine Huld und Treue.
(GL 401)
Guter Gott und Vater;
Wir kommen vor dein Angesicht, um dir Dank zu sagen.
Du hast auf die Not deines Volkes geachtet und Jesus gesandt,
dass er jenen zu Hilfe komme,
die an den Verwundungen der Schöpfung leiden.
Kehrvers
Er hat erfüllt, was die Propheten verheißen haben:
Er hat die erschlafften Hände gestärkt,
die wankenden Knie wieder gefestigt
und allen Menschen Mut zugesprochen.
Kehrvers
Den Blinden hat er die Augen geöffnet,
den Tauben die Ohren,
die Zungen der Stummen hat er gelöst
die Lahmen geheilt,
Tote auferweckt
und die Ausgeschlossenen
in die Gemeinschaft des Volkes zurückgeführt.
Kehrvers
Wie Johannes der Täufer
hat der den Armen die Frohe Botschaft verkündet
und ihnen die Freude des Reiches Gottes erschlossen.
Kehrvers
Mit allen Menschen, die sich für das Fest seiner Menschwerdung bereiten,
stimmen wir ein in das Lob der ganzen Schöpfung und singen:
Danklied, z. B. Danket, danket dem Herrn... (GL 406)
Wir danken dir, Vater im Himmel,
und rühmen dich
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Ihn hast du der verlorenen Menschheit
als Erlöser verheißen.
Seine Wahrheit leuchtet den Suchenden,
seine Kraft stärkt die Schwachen,
seine Heiligkeit bringt den Sündern Vergebung.
Denn er ist der Heiland der Welt,
den du gesandt hast, weil du getreu bist.
Darum preisen wir dich
mit den Cherubim und Serafim
und singen mit allen Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Advent 3
Barmherziger Gott,
komm durch dieses heilige Mahl
uns schwachen Menschen zu Hilfe.
Reinige uns von Schuld
und mache uns bereit für das kommende Fest.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 3. Adventsonntag
Johannes der Täufer entspricht dem Archetyp des wilden Mannes. Schon sein Auftreten hat manchem Schrecken eingejagt. Markus schildert ihn so: »Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.« (Markus 1,6) Er hat alle Kultur hinter sich gelassen und lebt wie die Beduinen in der Wüste. Der lederne Gürtel erinnert an den Propheten Elija, der ähnlich bekleidet war. Er lebt in der Wüste, nicht nur unter den wilden Tieren, sondern angetan mit einem Kleid aus Kamelhaaren. In manchen Handschriften heißt es sogar, daß sein Kleid aus Kamelhaut war. Das würde die jüdischen Reinheitsvorschriften verletzen. Aber dieser Johannes ist ausgestiegen aus dem Kreis derer, die sich an die äußeren Gesetze halten, die die Kultur des Landes repräsentieren. Und die Kamelhaut zeigt, daß er das Tierische in sich integriert hat, die Vitalität, die Sexualität, die Triebkraft der Tiere. Johannes ist der wilde Mann, der Zugang hat zu allem Wilden in sich und um sich herum. Das Wilde dient ihm als Kraftquelle, um seine Botschaft von Gott den Menschen zu verkünden und um die Menschen zur Umkehr aufzurufen.
Seine Predigt paßt zu seinem Auftreten. Sie ist rau, ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten seiner Zuhörer. Die in der Bevölkerung hochgeachteten Pharisäer fährt er an: »Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, daß ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater.« (Matthäus 3,7f) Johannes muß sich bei keinem beliebt machen. Er sagt das, was er in sich spürt. Er tritt auf, ohne sich von Menschen abhängig zu machen. Er weiß sich im Dienst Gottes. Er ist innerlich frei. Seine Freiheit führt ihn dazu, auch den König Herodes anzugreifen und ihm Vorwürfe zu machen, weil er Herodias, die Frau seines Bruders Philippus, geheiratet hatte. Herodes läßt ihn deshalb ins Gefängnis werfen. Seine Frau will ihn am liebsten töten. Doch »Herodes fürchtete sich vor Johannes, weil er wußte, daß dieser ein gerechter und heiliger Mann war. Darum schützte er ihn. Sooft er mit ihm sprach, wurde er unruhig und ratlos, und doch hörte er ihm gern zu.« (Mk 6,20) Der mächtige König hat Angst vor dem wilden Mann. Aber zugleich fühlt er sich von ihm angezogen. Er spürt, daß in diesem Menschen eine innere Kraft und Freiheit ist, die er bei sich selbst vermißt. Und er weiß, daß Johannes ein gerechter und heiliger Mann ist. Er ist in sich richtig, aufrecht, ohne Angst vor Menschen. Er läßt sich nicht verbiegen. Und er ist heilig, das heißt er ist unverfügbar, er ist herausgenommen aus dem Kreis der anderen Menschen. Man kann nicht über ihn herrschen. Denn er hat in sich eine andere Kraft, eine heilige Kraft. Herodes redet gerne mit Johannes und zugleich wird er dabei »unruhig und ratlos«. Er spürt in ihm etwas Echtes und Authentisches. Und er hat eine Ahnung davon, daß ihm guttun würde, wenn er sich auf diesen wilden Mann einlassen würde. Aber zugleich hat er Angst davor, sein Leben zu ändern, von seinem Königsthron herabzusteigen und sich der eigenen Wahrheit zu stellen. Doch der wilde Mann läßt sich nicht einschüchtern. Er zwingt jeden, sich mit seinem eigenen Herzen zu befassen, das Wilde und Ungebändigte darin zu erkennen, aber auch die Kraft und die Klarheit.
Jesus spricht im Matthäusevangelium über Johannes, der zu ihm Boten gesandt hat, um ihn zu fragen, ob er wirklich der ist, auf den die Frommen Israels gewartet haben: »Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Leute, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: Ihr habt sogar mehr gesehen als einen Propheten: Er ist der, von dem es in der Schrift heißt: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. Amen, das sage ich euch: Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer.« (Mt 11,7-11) Es ist eine gute Charakteristik, die Jesus hier von Johannes entwirft. Er schwankt nicht wie ein Schilfrohr, sondern steht zu sich. Er richtet sich nicht nach der Meinung der Menschen. Er ist kein Wendehals, der sich nach dem Wind dreht. Er gibt nichts auf seine Kleidung. Hier hat Jesus als Gegensatz sicher Herodes im Blick, der sehr viel Wert darauf legte, in feinsten Kleidern aufzutreten. Herodes ist das Gegenbild des wilden Mannes. Einerseits lebt er in ungeheurem Luxus, ist er verweichlicht. Gleichzeitig aber ist er sehr grausam - so läßt er alle seine Gegner heimtückisch ermorden. Und dieser scheinbar so mächtige Mann ist in Wirklichkeit abhängig von Frauen. Das zeigt die Szene, in der er Salome die Hälfte seines Reiches verspricht. Er läßt sich von Salome und deren Mutter zum Mord an Johannes treiben und übergeht dabei die Stimme seines eigenen Herzens. Johannes ist klar und eindeutig, nach außen wild und kraftvoll, aber zugleich mit einem milden und guten Herzen. Er verletzt die Menschen nicht, sondern richtet sie auf. Johannes hat vor niemandem Angst. Er sagt das, was er denkt.
Johannes braucht auf sein Äußeres keinen Wert zu legen, weil er in sich stimmig ist. Er braucht keine Maske. Er ist, wie er ist. Und dann beschreibt Jesus die Aufgabe des Johannes: Er soll ihm den Weg bereiten. Das ist die geschichtliche Aufgabe in Beziehung zu Jesus. Es ist aber auch eine psychologische Aufgabe, die immer gilt. Der wilde Mann bahnt dem wahren Selbst in uns den Weg. Er befreit uns von allen Rollen und Masken, mit denen wir unser wahre Selbst verstellen. Er wirft die Fassaden ein, die wir aufgebaut haben, um nach außen hin gut aufzutreten. Alles Äußere zerbricht er, damit wir den Weg nach innen finden, zu unserem unverfälschten Kern, zu unserem Selbst, zum >Christus in uns<
Aus: Anselm Grün, Kämpfen und lieben. Wie Männer zu sich selbst finden. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2003.
Das deutsche Wort „warten“ meint eigentlich, auf der "Warte" wohnen. "Warte" ist der Ort der Ausschau, der Wachturm. "Warte" ist der Ort der Ausschau, der Wachturm. Warten meint also: Ausschau halten, ob jemand kommt, umherschauen, was alles auf uns zukommt. Warten kann aber auch heißen: auf etwas Acht haben, etwas pflegen, so wie der "Wärter" auf einen Menschen aufpasst und auf ihn acht gibt. Warten bewirkt beides in uns: die Weite des Blickes und die Achtsamkeit auf den Augenblick, auf das, was wir gerade erleben, auf die Menschen, mit denen wir gerade sprechen. Warten macht das Herz weit. Wenn ich warte, spüre ich, dass ich mir selbst nicht genug bin. Jeder von uns kennt das, wenn er auf einen Freund oder eine Freundin wartet. Er blickt jede Minute auf die Uhr, ob es noch nicht Zeit für ihr Kommen ist. Er ist gespannt auf den Augenblick, da der Freund oder die Freundin aus dem Zug aussteigt oder an der Haustüre klingelt. Und wie enttäuscht sind wir, wenn statt des Freundes jemand anders an der Haustür steht. Warten erzeugt in uns eine prickelnde Stimmung. Wir spüren, dass wir uns selbst nicht genug sind. Im Warten strecken wir uns aus nach dem, der unser Herz berührt, der es höher schlagen lässt, der unsere Sehnsucht erfüllt.
Wie fühlst Du Dich, wenn Du auf das Kommen eines lieben Menschen wartest? Es tritt etwas Neues in dein Leben. Du wirst beschenkt. Du freust Dich auf den Menschen. Du fühlst Dich lebendig. Starke Gefühle steigen in dir hoch. Du wartest nicht nur selbst. Du wirst auch erwartet. Wie fühlst Du Dich, wenn andere auf Dich warten, wenn Gott auf Dich wartet? Andere haben Erwartungen an Dich. Die Erwartungen können Dich einengen. Aber wenn keiner mehr etwas von dir erwartet, fühlst Du Dich überflüssig. Die Adventszeit will Dich einladen, im Warten Dein Herz zu weiten und Dich als Erwarteten aufzurichten. Du bist wertvoll. Viele warten auf Dich. Gott wartet auf Dich, damit Du wahrhaft lebst.
Aus: Anselm Grün, Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern, Freiburg 1999, Seite 16f
Heute kam ich von einer Reise zurück. Als sich der Zug München näherte, erfüllte mich ein freudiges Gefühl: Es gibt jemand, der auf mich wartet. Und ich dachte an Christus, der so oft im Evangelium davon spricht, dass er erwartet werden will. Vielleicht deshalb, weil die Ankunft ganz anders ist, wenn man erwartet wird – für den Wartenden wie für den Kommenden. Oder weil Gott uns nur so die ganze Freude schenken kann, die er für uns bereit hält?
Niemand
besitzt Gott so,
dass er nicht mehr auf ihn warten müsste.
Und doch kann niemand
auf Gott warten,
der nicht wüsste,
dass Gott schon längst auf ihn gewartet hat.
(Dietrich Bonhoeffer)
Aus: Wolfgang Bader, Türen zum Advent, München, 2. Auflage, 2002, Seite 53f
Auch in der Kirche gibt es Menschen, die noch nicht auf dem Boden des Reiches Gottes leben; und es gibt Menschen im Reich Gottes, die nicht der sichtbaren Kirche angehören.
Ein schlagendes Beispiel dafür ist die Tatsache, wie es viele Leute mit der Herrschaft Christi halten. Viele Katholikinnen und Katholiken haben zwölf Jahre Religionsunterricht hinter sich und haben sich dennoch niemals persönlich der Herrschaft Jesu unterstellt. Vielleicht haben sie noch nie etwas von der Herrschaft Christi gehört – oder nur als liturgisch vorformulierte Aussage im Kontext des Gottesdienstes; vielleicht haben sie keine Ahnung, dass das für sie ganz persönlich etwas bedeuten könnte. Vielleicht meinen sie, es bedeutet, dass der Sohn in seiner Eigenschaft als Mitglied der Dreifaltigkeit in irgendeiner fernen und abstrakten Weise das Universum regiert. Aber die Evangelien stellen klar, dass diejenigen, die im Reiche Gottes sind, Jesus als ihren persönlichen Herrn anerkennen – und als Herrn aller Systeme, Institutionen, Nationen und Kulturen dieser Welt (einschließlich des Abendlandes und der Katholischen Kirche!).
Andererseits gibt es viele Nichtkatholiken und Nichtkatholikinnen, die ganz klar verstanden haben, was die Herrschaft Christi bedeutet. Sie bedeutet, dass er entweder die Nummer eins in deinem Leben ist – oder dass er nicht der Herr ist. Die Familie kann nicht das erste sein. Die Karriere kann nicht an erster Stelle kommen. Geld kann nicht die erste Geige spielen. Die Armee kann nicht über allem stehen. Und es reicht nicht, „Jesus ist Herr!“ als Glaubensbekenntnis oder als Katechismusantwort zu repetieren. Lippenbekenntnisse zählen nicht. Wie Jesus selber sagt: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt (Matthäus 7, 21).
Was zählt, ist dies: auf Jesus zu hören und ihm zu erlauben, dich leben zu lehren. Was zählt, ist die Bereitschaft, sein persönlicher Jünger, seine persönliche Jüngerin zu werden. Das Wort bedeutet ursprünglich soviel wie Schülerin oder Lernender. Es kommt darauf an, das zu tun, was Jesus uns sagt – sowohl durch die Bibel als auch durch persönlichen Gebetskontakt. Was Jesus lehrt, ist immer der Wille des Vaters.
Es gibt viele, die den Lehren Jesu folgen und den Willen Gottes tun, obwohl sie nicht zur Kirche gehören!
Aus: Richard Rohr, Das entfesselte Buch, Eine Einführung in die Bibel, Freiburg 2003, Seite 219f
Johannes ist uns mit seinen Fragen sehr nahe. Lange haben wir gemeint, wir wüssten Bescheid über Gott. Man bräuchte nur die Katechismusfragen und antworten kennen. Doch das trägt nicht mehr. Gott ist anders als unsere Vorstellungen und Erwartungen. Zweifel kommen auf: Ist er wirklich der, der uns und unsere Welt retten kann und will?
Das sagt Jesus uns: Wo Menschen neu leben lernen, da beginnen sich schon die großen Hoffnungen zu realisieren. Lahme gehen: da denke ich an den Behindertenkreis, der Lahmen Füße macht, sie zusammenbringt und Freude erfahren lässt. Ich denke an unsere Krankenbesucherinnen und Krankenbesucher, in denen Kranke und Einsame Zuhörer finden, auch wenn die Krankenhauswelt um sie herum taub zu sein scheint für ihre eigentlichen Fragen. Unser Eine Welt Kreis macht viele Blinde sehend für das Elend in der Welt und die Unrechtsstrukturen, die Menschen und Völker niederhalten. So könnten wir fortfahren.
Aus: Ferdinand Kerstiens, Große Hoffnungen – erste Schritte, Glaubenswege durch das Lesejahr A, Seite 22f

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