Der römische Dichter Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem begnadeten Bildhauer namens Pygmalion. Er war von einem so hohen Schönheitsideal beseelt, dass keine Frau aus Fleisch und Blut seinen Vorstellungen genügen konnte. Er schuf sich ein Frauenbildnis aus Marmor, das seinem Wunschtraum entsprach und verliebte sich unsterblich in die von ihm geschaffene Statue. In seiner Not flehte er Aphrodite, die Göttin der Liebe, an. Diese erhörte ihn und ließ das Frauenbildnis lebendig werden…
In dieser Geschichte wird der Wunschtraum vieler Menschen beschrieben, sich die eigene Partnerin, den eigenen Partner nach dem eigenen Idealbild zu formen. Meist ist dieser Wunsch mit der Vorstellung verbunden, dass dem gemeinsamen Glück nichts mehr im Wege steht, sobald das Idealbild erreicht ist. Nicht nur Liebes- und Ehepartner sind dieser Versuchung ausgesetzt, Auch Eltern möchten manches Mal ihre Kinder nach ihren Vorstellungen formen, oder Lehrer ihre Schüler. Leider, bzw. Gott sei Dank, funktioniert das nicht so einfach, wie wir alle wissen. Zum Menschen gehört auch die Freiheit, das eigenen Leben selbst zu gestalten und zu verantworten.
Im Evangelium haben wir heute und auch schon am vergangenen Sonntag von Vorgängen rund um die Taufe Jesu gehört. Der Täufer Johannes bezeugt, er habe gesehen, wie der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube auf Jesus herab kam und auf ihm blieb.
In allen vier Evangelien steht am Anfang der Jesus-Geschichte eine solche Erfahrung des heiligen Geistes. Der Geist führt Jesus zum Fasten in die Wüste. Der Geist treibt Jesus, als Prophet und Lehrer die Frohe Botschaft zu verkünden. Der Geist ist die treibende Kraft, die ihn hinauf nach Jerusalem führt. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung begegnen wir diesem Geist wieder im Pfingstereignis. Dort kommt er auf die Jünger herab und führt sie in die Welt hinaus, damit sie allen Menschen erzählen, was sie gehört, gesehen und mit Jesus erlebt haben.
Im Sakrament der Taufe und im Sakrament der Firmung wird jeder einzelne Christ vom Hl. Geist erfüllt und ins Leben hinaus gesandt. Das Erfülltwerden vom Hl. Geist ist die Art und Weise, wie Gott den Menschen gestaltet und formt. Dabei stülpt er dem Menschen nicht seine Vorstellung vom Guten, Schönen und Wahren über, sondern vertraut dem inneren Antrieb des Geistes, der den Menschen zu dem führt, was für ihn gut und richtig ist.
An Jesus selbst können wir den Weg beobachten, den der Geist Gottes führt. Zunächst wächst Jesus auf wie wohl die meisten anderen junge Leute in seinem Volk. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr hören wir kaum etwas von ihm. Was er vor seiner Taufe und Sendung erlebte, können wir nur aus Randbemerkungen der Evangelien erschließen. Es gibt Anzeichen, dass er sich wie viele junge Menschen in seiner Umgebung umgesehen und nach einer stimmigen Lebensform gesucht hat. Mit Sicherheit hat er sich mit den religiösen Bewegungen seiner Zeit auseinandergesetzt. Mit den Pharisäern und den Sadduzäern; er weiß, was sie denken und lehren. Vermutlich hat er auch die Lebensweise und die Anschauungen der Essener, die um Qumran am Toten Meer lebten, kennen gelernt. In seinem späteren Freundeskreis finden wir Männer, die offenbar aus dem damaligen politischen Untergrund kamen. Ihr Denken war ihm vertraut.
Die Begegnung mit Johannes dem Täufer und den Menschen, die ihm gefolgt sind, dürfte für seine persönliche Entwicklung besonders wichtig gewesen sein. Wie viele andere ließ er sich von Johannes taufen. Die Taufe dürfte für ihn ein ganz wichtiger Einschnitt gewesen sein. Von da an geht er bestimmt und zielgerichtet seinen eigenen Weg. Er verkündet seine eigene Lehre, die mit den Meinungen der anderen religiösen Bewegungen zwar Berührungspunkte hat, sich aber mit keiner deckt.
Die Erinnerung an unsere eigene Taufe und an die Firmung ist Anlass, darüber nachzudenken, in welcher Weise wir uns vom Hl. Geist formen und leiten lassen. Das Beispiel Jesu ermutigt uns, dass wir uns mit den Strömungen und den Geisteshaltungen, die uns in unserer Zeit begegnen, auseinandersetzen; nach dem Motto des Apostel Paulus: "Prüft alles, das Gute behaltet!" (1 Thess 5,21).
Allzu leicht neigen wir dazu, unser Leben nach dem Zeitgeist zu gestalten. Wenn etwas alle tun, dann denken wir nicht mehr weiter nach und meinen: So falsch kann es schon nicht sein. Erst vor wenigen Wochen, forderten Jugendliche in einer Diskussion, die ich in einer Pfarre geführt habe, die Kirche müsse in vielen Bereichen "zeitgemäßer" werden, damit sie bei ihnen punkten könne. Andere wieder fragen ängstlich "darf ich das?". Sie folgen oft unreflektiert einem Geist des Gesetzes. Ich wünsche mir weder eine ängstliche noch eine zeitgeistige Kirche, sondern Christen, die sich mutig umsehen und fragen: Ist das oder jenes gut für mich, für die anderen, für alle Menschen?
Ich teile mit vielen Christen die Meinung, dass auch in der Kirche nicht alles so bleiben muss, wie es in der Vergangenheit war oder durch Jahrhunderte hindurch für das Beste gehalten wurde. Die Welt in die wir hineingeboren wurden und in der wir uns bewegen, ändert sich in vielerlei Hinsicht. Ich vertraue darauf, dass uns der Heilige Geist leitet und das Richtige für die Gegenwart und für die Zukunft finden lässt. Ich glaube, dass die ganze Schöpfung vom Geist Gottes hervorgebracht wurde, und dass sich dieser Geist auch in den Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung enthalten ist. Auch bin ich überzeugt, dass die Überlieferung der Kirche und die Heilig Schrift in ihrer Tiefe eine Weisheit weiter trägt, die vom Geist Gottes gewirkt ist.
In den Sakramenten haben wir die Zusage, dass dieser Geist auch in uns wirkt, dass er uns führt und leitet. Jesus hat von diesem Geist angetrieben seine Sendung gelebt und verwirklicht. Auch uns wird der Hl. Geist unsere Berufung und unsere Lebensform finden lassen. Auch wir haben die Zusage, Gottes geliebte Töchter und Söhne zu sein, frei, unser Leben zu gestalten.
Herr, Jesus Christus,
Du bist das Licht für die Völker.
Herr, erbarme dich.
Der Geist Gottes hat dich geführt und geleitet.
Christus, erbarme dich.
Du hast auch uns mit deinem Geist getauft
und in die Welt gesandt.
Herr, erbarme dich.
Allmächtiger Gott,
du gebietest über Himmel und Erde,
du hast Macht über die Herzen der Menschen.
Darum kommen wir voll Vertrauen zu dir;
stärke alle, die sich um die Gerechtigkeit mühen,
und schenke unserer Zeit deinen Frieden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
du hast den Menschen auf vielerlei Weise deine Nähe kundgetan.
Hilf uns,
die Spuren deines Wirkens in der Kirche
und in der Welt zu entdecken.
Durch Christus, unseren Herrn.
Herr,
gib, daß wir das Geheimnis des Altares ehrfürchtig feiern;
denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen,
vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung.
Durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Vater im Himmel,
lege deinen Geist in unser Herz,
damit er uns belebe und heilige
und zu einer wahren Opfergabe mache für dich.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Amen.
MB Auswahl 9
(für Wortgottesfeiern)
Kehrvers:
Freut euch: Wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade. (GL 56,1)
Guter Gott wir danken dir,
dass du uns Jesus Christus als Licht der Völker gesandt hast,
damit er dein Volk zusammenführe
und es wieder aufrichte.
Kehrvers
Johannes hat auf ihn hingewiesen,
er sei das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt
und uns mit dir versöhnt.
Kehrvers
Johannes hat ihn bezeugt als den Sohn Gottes,
auf den der Geist vom Himmel herabgekommen ist
und auf der Geist ruht.
Kehrvers
Ihn hast du gesandt,
dass er mit dem Heiligen Geist taufe.
Er hat auch uns geheiligt
und berufen ihm nachzufolgen.
Kehrvers
Für all das danken wir dir.
Wir stimmen ein in den Lobgesang der ganzen Schöpfung
und singen mit den Engeln und Heiligen:
Danklied, z. B. GL 484:
Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben...
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben.
Denn deine Vorsehung waltet über jeder Zeit;
in deiner Weisheit und Allmacht
führst du das Steuer der Kirche
und stärkst sie durch die Kraft des Heiligen Geistes.
In ihm kann sie allezeit auf deine Hilfe vertrauen,
in Not und Bedrängnis zu dir rufen
und in Tagen der Freude dir danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Heiliger Geist 2
Barmherziger Gott,
du hast uns alle mit dem einen Brot des Himmels gestärkt.
Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe,
damit wir ein Herz und eine Seele werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Himmlischer Vater,
dein Sohn hat verheißen,
daß wir sein göttliches Leben in uns tragen,
wenn wir ihn empfangen in der heiligen Speise.
Wir danken dir für sein Erlösungsopfer
und bitten dich:
Laß uns stets in der Freude dieses neuen Lebens wandeln,
bis wir zur ewigen Vollendung gelangen in ihm,
unserem Herrn Jesus Christus,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Schlussgebete zur Auswahl 12
Gütiger Gott,
bewahre dem Volk der Erlösten deine Liebe und Treue.
Das Leiden deines Sohnes hat uns gerettet;
sein Geist, der von dir ausgeht, führe uns den rechten Weg.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Pfingstmontag
MB Freitag in der Osterwoche
Alle vier Evangelien berichten uns von Johannes dem Täufer. Übereinstimmend erzählen sie von seiner Tauftätigkeit am Jordan. Unter den Getauften befand sich den Synoptikern zufolge auch Jesus selbst. Überliefert ist auch das Ende des Johannes im Zusammenhang mit seiner Kritik am unmoralischen Lebenswandel des Königs Herodes Antipas. Wer war dieser Johannes: ein Wüstenasket, ein prophetischer Rufer, ein charismatischer Moralprediger, erster großer Christuszeuge, ein - wie wir - verunsichert nach dem Wesen Jesu Fragender? Oder gar ein »Lehrer Jesu«", von dem sich der Schüler - in bleibender innerer Verbundenheit - erst spät trennt? Auffällig ist, wie viel Mühe die Evangelisten darauf verwenden, Johannes als den »Vorläufer« zu charakterisieren, Jesus ihm gegenüber aufzuwerten. Dieser Aufwand ist nur dann plausibel, wenn die Frage nach der Rangfolge der beiden tatsächlich umstritten war. Johannes bleibt also eine spannende Gestalt, gerade weil er die Frage nach dem Wesen Jesu wie kein anderer formuliert: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?« (Mt 11,2) Wie die Sterndeuter bietet er sich so aus heutiger Perspektive als fragende Zugangsfigur zu Jesus an.
Aus: Georg Langenhorst, Gedichte zur Bibel. Texte - Interpretationen - Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde. Kösel Verlag München 2001/2004.
Da sie Pygmalion ihr Leben im Laster verbringen sah, blieb er aus Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat, unvermählt, ein Junggeselle, und lange fehlte auf seinem Lager die Lebensgefährtin.
Währenddessen gelang es ihm, aus 'schneeweißem Elfenbein mit bewundernswürdiger Kunst ein Bild zu schnitzen und ihm so viel Schönheit zu verleihen, wie die Natur keiner Frau geben kann - und er verliebte sich in sein eigenes Werk. Es ist das leibhaftige Ebenbild einer Jungfrau, man könnte meinen, sie lebe und nur die Sittsamkeit hindere sie daran, sich zu bewegen. So sehr verbarg seine Kunst alles Künstliche! Pygmalion staunt und fängt im Herzen Feuer für die selbst gebildete Schöne. Oftmals berührt er das Kunstwerk mit prüfenden Händen, ob es ein wirklicher Leib oder aus Elfenbein sei - und will sich nicht eingestehen, daß es nur aus Elfenbein ist. Er küßt es und vermeint, wiedergeküßt zu werden, spricht es an, umarmt es und glaubt, den Druck der Finger auf den berührten Gliedern zu bemerken, er sorgt sich sogar, die Glieder könnten, wo er sie drückte, bläuliche Flecken bekommen. Bald überhäuft er sie mit Liebkosungen, bald bringt er ihr Geschenke, wie Mädchen sie lieben, Muscheln, glatte Steinchen, kleine Vögel, Blumen in tausend Farben, Lilien, bunte Bälle und die nach ihrer Baumverwandlung vergossenen Tränen der Sonnentöchter, den Bernstein. Auch schmückt er sie mit Kleidern, steckt ihr Ringe mit Edelgestein an die Finger und legt ihr eine lange Kette um den Hals. Im Ohr trägt sie mattschimmernde Perlen, am Busen ein Brustband. Alles ziert sie, doch nackt erscheint sie nicht weniger schön. Er legt sie auf Purpurdecken aus Sidon, nennt sie Gefährtin seines Lagers und läßt, nicht anders, als ob sie es fühlte, ihren Nacken auf weichen Daunen ruhen.
Das Venusfest, das ganz Zypern feiert, war gekommen. Die krummen Hörner mit Gold überzogen, waren junge Rinder zusammengebrochen, als das Opferbeil ihren schneeweißen Nacken traf Der Weihrauch dampfte empor. Als Pygmalion sein Opfer dargebracht hatte, trat er an den Altar und betete schüchtern: - er wagte nicht zu sagen: , und fuhr fort:
Die goldene Venus, die selbst zu ihrem Festtag erschienen war, merkte, was es mit jenem Wunsch wirklich auf sich hatte, und als ein Zeichen göttlicher Gnade loderte dreimal die Flamme auf und schlug hoch in die Lüfte.
Kaum heimgekehrt, begibt sich Pygmalion wieder zu seinem geliebten Bild, legt sich neben ihm nieder und küßt es - da scheint es warm zu sein! Er küßt es noch einmal und legt ihm die Hand an die Brust- da wird unter seiner Hand das Elfenbein weich, verliert seine Härte, gibt den Fingern nach und nimmt Eindrücke an, gleich wie Wachs vom Hymettos in der Sonne erweicht, unter dem Druck des Daumens mancherlei Gestalt annimmt und beim Formen immer formbarer wird. Während der Liebende staunt, sich erst zaghaft freut und noch fürchtet, er könne sich täuschen, sucht er sich wieder und wieder mit den Händen zu überzeugen, daß sich sein Wunsch erfüllt hat - und das Bild leibt und lebt! Es. pochen dem tastenden Daumen die Adern entgegen! Nun sucht der paphische Künstler seinen Dank an Venus in eine Fülle feierlicher Worte zu fassen und preßt seine Lippen endlich auf wirkliche Lippen; das Mädchen fühlt den Kuß, errötet, und während es ängstlich sein lichtes Auge zum Licht erhebt, sieht es zugleich mit dem Himmel seinen Geliebten.
Über die Ehe, die sie gestiftet hat, waltet gnädig die Göttin: Als neunmal die Sichel des Mondes sich zur vollen Scheibe gerundet hatte, brachte jene das Mädchen Paphos zur Welt, von dem die Insel einen ihrer Namen hat.
Aus: Ovid, Metamorphosen. Das Buch der Mythen und Verwandlungen. In Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Mai 1992.
Selbst Beethoven war nicht davor gefeit, das Talent eines Großen zu übersehen. Ein zwölfjähriger Knabe stellte sich dem Meister vor und gab ihm am Klavier Beweise einer für sein Alter wahrhaft erstaunlichen Fertigkeit. Der junge Mann improvisierte und spielte ein Beethoven-Konzert mit großer Sicherheit. Da der Meister jedoch nicht an Wunderkinder glaubte, schickte er ihn wieder fort.
Schließlich konnten ihn Freunde dazu bewegen, ein öffentliches Konzert des jungen Mannes zu besuchen, und jetzt erst erkannte Beethoven, wie sehr er sich geirrt hatte. Er stürzte auf das Podium und umarmte den genialen Knaben. Das Wunderkind war Franz Liszt.
Aus Gerog Markus, Das heitere Lexikon der Österreicher. Die besten Anekdoten von Altenberg bis Zilk. DTV, München 2007.
Wie viele andere in der Kirche verspürte ich in den 60er und 70er Jahren das Verlangen nach einer neuen Geisterfahrung. Wir erlebten, daß ein bisweilen falsch verstandenes "Aggiornamento”, ein zu oberflächliches Bemühen, Kirche und kirchliches Leben auf die Höhe der Zeit zu bringen, zu einer Vertrocknung des geistlichen Lebens führen konnte. Zudem fühlten wir uns zum Zeugnis herausgefordert, daß die Seligpreisungen heute lebbar sind - auch inmitten einer Welt, die in vielen Aspekten der Frohen Botschaft zuwiderläuft. In der Phase nachkonziliärer Infragestellungen meinten einige, man müsse wieder lernen, zur eigenen Identität zu stehen und stolz zu sein, zur Kirche zu gehören.
Ich selbst hatte damals und all die Jahre hindurch viele Gelegenheiten (nicht nur die eingangs erwähnte!), diverse geistliche Erfahrungen aus der Nähe kennenzulernen: alte und neue, östliche und westliche. Einige der neuen Erfahrungen waren um charismatische Persönlichkeiten entstanden, durch die der Heilige Geist direkt zu den Kirchen zu sprechen schien. In den Begegnungen mit solchen Gruppen fand ich viel Gutes: ein neues Gemeinschaftsbewußtsein, eine intensiver( geistliche Erfahrung, eine Überwindung der Ängste und Sorgen angesichts einer vom Werteverfall bedrohten Welt.
Diese Begegnungen haben mein Leben bereichert ich bereue es nicht, daß ich dort "auf die Suche” gegangen bin. Und ich hoffe, dabei ein wenig mehr geiern' zu haben, auf den Heiligen Geist zu hören, der mit immer neuer Phantasie und Kreativität am Werk ist. Ich möchte sogar sagen, daß diese Erfahrungen mir auch geholfen haben, einen tieferen inneren Zugang zu "institutionalisierten” (um ein Modewort von damals auf-zugreifen) Orten der Präsenz des Heiligen Geistes zu finden: zur Heiligen Schrift als Wort Gottes, das im Glauben gelesen und im Gebet betrachtet werden will und nicht nur Gegenstand exegetischer Akribie (die freilich auch dazugehört!) ist; zum Wert der Sakramente, der Liturgie und der Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft und ihres karitativen Engagements.
Mit der Zeit ist mir zunehmend bewußt geworden, in welch überreichem Maße der Heilige Geist am Werk ist. Vor allem in meinem bischöflichen Dienst, den ich als besondere Gnade betrachte, habe ich erfahren, wie-viel er ohne Lärm und Aufhebens in alltäglichen Situationen bewirkt. Ich wurde Zeuge zahlloser Lebenswege bekannter und unbekannter Menschen, von Erlebnis-sen und Begebenheiten, die keine Schlagzeilen machen.
Oft waren es zufällige Begegnungen, die mich tief beeindruckt haben und ahnen ließen, wieviel Gutes es im Verborgenen gibt: Wie kostbar ist der Beitrag so vieler alter und einsamer Menschen, der häufig übersehen wird. Wie viele Familien kümmern sich ohne Aufhebens in heroischer Liebe um ein behindertes Kind. Nie werde ich den Besuch eines jungen Mannes vergessen, der seit Jahren schwer krank war und kurz vor dem Tod stand; spontan dachte ich: Hier ist der auferstandene Herr zugegen! Es hat mich tief beeindruckt, welch offenes Herz so mancher Inhaftierte hat. Ebenso die Verfügbarkeit und die anspruchsvollen Sinnfragen zahlreicher junger Leute ... Voller Bewunderung bemerkte ich unter Jugendlichen ein wachsendes Bedürfnis nach Stille und Gebet, den Wunsch, das Leben der Armen zu teilen, den Hunger nach dem Wort Gottes.
Geprägt von solchen tiefen geistlichen Erfahrungen, ist mir aufgegangen, daß der Heilige Geist auch an Orten wirkt, die man als Orte der Ferne oder gar der Abwesenheit Gottes bezeichnen würde. Dieser Eindruck hat sich nach und nach erhärtet, nicht zuletzt in einer Reihe von Begegnungen und Veranstaltungen mit Nichtglaubenden, die Augenblicke authentischer Gnade waren.
Kurz, ich habe gemerkt, daß der Heilige Geist in zweifacher Weise zugegen ist:
zum einen in der Gemeinschaft der Kirche, sei es in ihren "normalen” Lebensvollzügen und Handlungen, etwa in den liturgischen Feiern und der alltäglichen Seelsorge, sei es in den vielfältigen neuen Aufbrüchen (die geistlichen Bewegungen sind dafür ein augenfälliges, wenn auch nicht das einzige Zeichen);
zum anderen auf der großen Bühne der Welt, und zwar auch in Ereignissen und Situationen, die auf den ersten Blick wenig oder nichts mit Gott zu tun haben.
Zugleich aber ist mir etwas anderes aufgefallen: Es gibt beträchtliche Widerstände gegen das befreiende Handeln des Heiligen Geistes, der Beistand und Tröster ist. Diese Widerstände kommen von zwei Seiten.
Es bestehen Tendenzen, die eigene Gruppe und Bewegung oder die persönliche spirituelle Erfahrung zu verabsolutieren. Dies kann so weit führen, daß das ursprüngliche Charisma gewissermaßen verdinglicht und jemandem übergestülpt wird. Die freie, persönliche Reifung des einzelnen kann dadurch blockiert werden.
Andererseits gibt es die Tendenz, alles, was über das Bekannte und die eigenen Vorstellungen hinausgeht, abzutun und abzulehnen. Man glaubt den eigenen Weg und die Wege, die andere zu gehen haben, zu kennen, und ist überzeugt: So soll es bleiben. Man ist nicht offen für lebendige Erfahrungen des Geistes, die vorschnell als überflüssig oder gar als "Entfremdung” eingestuft werden. Dies geschieht besonders häufig, wenn der Glaube abnimmt oder das Streben nach materiellen Dingen die Oberhand gewinnt und dem Unsichtbaren den Rang streitig macht.
Die beiden Widerstände gegen den Geist äußern sich in zwei ernsten Versuchungen.
Im ersten Fall kann es vorkommen, daß in einer Gruppe oder Bewegung nicht die persönliche Erfahrung des Heiligen Geistes, sondern die Zugehörigkeit zur Gruppe das Wichtigste wird. Man neigt dazu, aus der charismatischen Führergestalt einen nicht hinterfragbaren Bezugspunkt zu machen. Subtile Prozesse drängen denjenigen, der sich um eine selbstkritische Überprüfung seiner eigenen Erfahrung müht, in die Rolle eines schuldig Gewordenen.
Im zweiten Fall besteht die Gefahr der Selbstgenügsamkeit. Anfänglich äußert sie sich in einem leeren, eintönigen religiösen und kirchlichen Leben. Äußerlich hält man zunächst noch an bestimmten Gewohnheiten und Bräuchen fest. Im Extremfall geht schließlich jeder Bezug zum Unsichtbaren, zur Transzendenz verloren. Man verschließt sich gegen jede Botschaft vom Heil, die Gott uns zukommen lassen möchte.
Aus: Carlo Maria Martini, Spuren des Heiligen Geistes. Beobachtungen und Anstöße. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 1998.
An den großen Problemen, vor denen die römisch-katholische Kirche heute steht, ist nicht das Konzil schuld. Ich glaube sogar, dass Johannes XXIII. die Kirche gerade für die sich damals schon abzeichnenden Veränderungen in der Gesellschaft erneuern und zurüsten wollte. Und die Bischöfe der ganzen Welt, die mit ihren Theologen nach Rom gekommen waren, sind dem Papst damals erstaunlich willig gefolgt.
Nicht das Konzil ist schuld an der heutigen Schwäche der Kirche, sondern die oft divergierende Interpretation des Konzils. Und auf eine gemeinsame müsste man sich in aller Sorgfalt einigen. Wie soll das gehen? Man muss die Konzils-texte neu lesen, aber nicht nur die Endfassung, sondern jeweils den Werdegang der einzelnen Dokumente studieren. Sie waren meist zuerst im traditionellen Geist konzipiert und geben dann schließlich doch fast alle eine erneuerte Theologie wieder. Das Wirken des Geistes kann man nicht allein dem Endtext entnehmen. Da stecken zu viele Kompromisse dahinter auf Grund von Interventionen, nicht zuletzt aus kurialen Kreisen. Aber in der so unerwarteten Dynamik, aus der die Texte sich weiterentwickelt haben, spüre ich den Geist Gottes, der seine Kirche leitet.
Dann aber müssten die Anstöße, die das Konzil gab, jetzt, nach mehr als 40 Jahren, weitergedacht werden, gleichsam ein neues Aggiornamento erfahren. Und wie damals geht das nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Vertretern des Lehramtes und der theologischen Forschung. Gera-de in den verschiedenen Sparten der Theologie wurde ja die Weiterentwicklung seit dem Konzil wissenschaftlich beobachtet, und zahlreiche Lösungsmodelle sind schon ausgearbeitet worden.
Wie am Konzil braucht es auch heute den Mut, Neues zu wagen und auf manch Altes - das nicht immer das Bessere gewesen sein muss - zu verzichten. Der Glaubwürdigkeit der Kirche dient nicht der Anschein, sie habe kontinuierlich immer Dasselbe gelehrt, sondern das ehrliche Eingeständnis, auch Fehler gemacht zu haben und nun zu besserer Einsicht gekommen zu sein.
Wenn das Konzil wirklich das Geschenk des Geistes an die Kirche war, dann dürfen wir es nicht als geschichtliches Ereignis "verwahren”, "archivieren”, sondern müssen es zu voller Entfaltung bringen und mit der Welt teilen, für die es uns ja anvertraut worden ist.
Aus: Helmut Krätzl, Eine Kirche, die Zukunft hat. 12 Essays zu scheinbar unlösbaren Kirchenproblemen. Styria Verlag Wien Graz Klagenfurt 2007.
Komme, geheimnisvoller Atem,
leiser zärtlicher Wind,
hauche uns an, damit wir leben,
ohne dich sind wir tot!
Komme, in Feuer und in Flammen,
zünd uns an wie ein Licht,
mache uns trunken von der Liebe,
wir sind starr, tau uns auf!
Komme, Erfinder neuer Sprachen,
gieß dich aus über uns,
rede in uns mit neuen Zungen,
komm, begeistere uns!
Komme, du Hoffnung aller Armen,
schaff den Wehrlosen Recht,
dass die Gebeugten sich erheben,
dass sich Völker befrein!
Komme, du Tröster aller Müden,
Stille mitten im Lärm,
in den Terminen schaff uns Pausen,
lass uns ausruhn in dir!
Komme, du Taube übers Wasser,
bring den Ölzweig herbei,
bring uns das Zeichen für den Frieden,
den die Erde ersehnt!
Komme vom Vater und vom Sohne,
komm du schaffende Kraft,
mache uns neu, und unsre Erde
hat ein neues Gesicht!
Lothar Zenetti in Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete.
Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.

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