So kann auch nur Johannes ins Haus fallen:Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde - weiter Blick, scharfes Auge - und dann: Sturz in die Tiefe. Der ist dann auch gelungen. Nur ich stehe ratlos, fassungslos da. Mir fehlen die Worte.
Heute ist Weihnachten. Aber erzählt Johannes eine Weihnachtsgeschichte? Es tauchen keine Engel am nächtlichen Himmel auf, Hirten lagern nicht auf den Feldern - nicht einmal ein Stall ist zu finden. Weder in Bethlehem noch sonstwo. Wer den Stern sucht, sucht ihn auch vergebens. Es macht sich auch keiner auf, die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist - wie Lukas so fein und schön beschreibt.
Johannes holt dafür weit aus. Sein Blick richtet sich auf den Anfang. Auf den Anfang von allem. Wo wir, meistens gedankenlos, von einem Urknall träumen, lässt er uns Liebe sehen, die Liebe Gottes: eine schöne Schöpfung, ganz in Licht getaucht - und Lebensmöglichkeiten, Wege, Perspektiven. Nein, Johannes ist zu klug, um den Anfang in der Vergangenheit zu suchen. Was wissen wir denn, wenn wir den Anfang mit Milliarden Jahren zudecken?
Paul Gerhardt, ein Liederdichter, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges gesehen hat, fand eigene Worte für den Anfang:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.
Ich sehe meine eigene Lebensgeschichte lange vor meiner Geburt beginnen. Wort für Wort erschließt sich mir ein Geheimnis: "mir geboren", "mir zu eigen gar", dann gesteigert: " wie du mein wolltest werden". Weihnachten: mein Geburtstag, mein Anfang, mein Leben.
Es ist tatsächlich so: Wer das Licht der Welt erblickt, dem wird die Schöpfung ganz neu geschenkt. Für ihn gibt es den ersten Tag, das Licht - ihm wird aber auch der siebte Tag geschenkt, die Ruhe, der Schabbat. Hier noch gekrönt mit einem Wort aus der himmlischen Liebeslyrik: "wie du mein wolltest werden". Nur Verliebte wagen so zu sprechen.
Johannes schenkt uns sozusagen eine Begegnung mit dem Schöpfer, der mit seiner Liebe einen neuen Anfang macht. Mit Menschen, die Leben verlieren, Zukunft verspielen, schuldig werden, Angst haben und Angst machen.
Paul Gerhardt dichtet:
Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht,
wie schön sind deine Strahlen.
Ich sehe das Licht, ich spüre die Wärme. Das Wort, von dem Johannes so viel zu sagen weiß, geht mir als Sonne auf. Ein wunderschöner Klang: Licht, Leben, Freud und Wonne. Fast ein wenig versteckt, aber dann geradezu übermächtig: mir zugebracht.
Weihnachten wird so auch zu einer Gelegenheit, einmal hinter den Stall zu gehen. Ob die Schritte gut tun? Hinter jedem Stall ist die Welt groß, alltäglich, nicht geschmückt - mal braun wie die Erde, mal grün wie die Weide - mal vom Regen aufgeweicht, mal einer Blumenwiese gleich. Wenn die Sonne aufgeht, wacht auch im Stall das Leben auf, geht sie unter, beginnt in ihm die Nacht.
Johannes hat ein großes Gedicht über die Kraft des Wortes geschrieben, über die Schöpfung - und über jeden neuen Anfang. Gott hat seine großen Seiten in ein Wort gelegt, ihm eine Stimme gegeben, ein Gesicht, ein Lächeln. Jesus. Wie schön sind seine Strahlen!
Heute ruhen die Tagesordnungen. Kein Gremium tagt. Wir spielen Weihnachtsfrieden.
Aber wenn wir die letzten Wochen und Monate noch einmal überfliegen, kommen uns große Reden und leere Worte unter. Nachrichten, die alles ertragen mussten, sogar das Schweigen. Träume, die platzten wie Seifenblasen.
Es gibt einen neuen Armutsbericht - mit verheerenden und verstörenden Blicken auf Kinder, wir hören von Terror, Verfolgung und Angst,
wir hören auch von Rettungsaktionen, in denen sich die Milliarden nur so überschlagen.
Auf einmal ist Geld da. Aber Licht, Leben, Freud und Wonne?
Wer einen Ein-Euro-Job hat, von Hartz IV lebt oder gerade auf Kurzarbeit geschickt wird, wenn nicht gar in die Arbeitslosigkeit, traut den großen Worten nicht über den Weg. Wir haben sogar das Unfassliche vernommen, dass den Banken das Vertrauen zueinander abhanden gekommen ist.
Offen ist sowieso, wer die Zeche zahlt, gewiss nur, dass es die falschen sein werden: unsere Kinder, die Menschen in Entwicklungsländern, die Leute, die sich nicht wehren können. Geredet wird viel. Aber es wird nicht hell.
Eine Idylle war die Weihnachtsgeschichte noch nie,
Wer den Heiligen Abend nicht aushält, stellt die Schnapsflasche auf den Tisch.
Wer seine Erinnerungen nicht erträgt, sucht Streit.
Wem die Worte fehlen, dem geht auch kein Licht auf.
Ich kenne viele Geschichten, die in Tränen enden.
Geredet wird dann gar nicht. Aber es wird immer dunkler.
Johannes weiß von den unzähligen Anfängen im Leben eines Menschen, von der Dunkelheit, die unsere Schritte umgibt, aber auch von dem Licht, das sogar die Blindgeborenen zu sehen bekommen.
Johannes bringt sozusagen das ganze Evangelium auf den Punkt:
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Die großen Gelehrten und Dichter sind dem Geheimnis des Wortes nachgegangen. Worte können einen Menschen aufleben lassen, Worte können ihn vernichten - Worte können die Welt aufschließen, Worte können sie zuschütten. Aber dass das Wort Fleisch wird - das sprengt selbst das Wort.
Das Wort, das Licht schafft, geht in die Dunkelheit ein.
Das Wort, das ewig ist, lässt sich gefangen nehmen.
Das Wort, das Leben verheißt, nimmt den Tod an.
Den Anfang feiern wir zu Weihnachten. Gott liefert sich der Welt aus, teilt ihre Abgründe, teilt ihr Schönheiten. Er fängt sogar so an, wie jeder Mensch: als ein Kind. Dass ein Kind die ganze Welt mit seinem Wort hält - gibt der Welt Hoffnung und Glanz.
So kann auch nur Johannes ins Haus fallen:
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Die Worte überschlagen sich fast, verknoten sich in einander. Aber ich verbinde mein Leben mit ihnen. Ich verstehe, warum Johannes von den Menschen früher als Adler vorgestellt wurde - weiter Blick, scharfes Auge - und dann: Sturz in die Tiefe.
Der ist dann auch gelungen.
Das Wort kommt zu mir.
Frohe Weihnachten!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Herr,
wir lassen uns von großen Worten blenden oder einschüchtern.
Du schenkst uns das Vertrauen eines Kindes.
Herr, erbarme dich
Christus,
dich besingen Engel im Himmel und auf Erden.
Wir kommen zu dir mit unseren Klagen und Hoffnungen.
Christus, erbarme dich
Herr,
du hast das erste und das letzte Wort.
Du verwandelst Schuld in Vergebung
und machst die Finsternis hell.
Herr, erbarme dich
Oder:
GL 159: Licht, das uns erschien
Allmächtiger Gott,
du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen
und noch wunderbarer wiederhergestellt.
Laß uns teilhaben an der Gottheit deines Sohnes,
der unsere Menschennatur angenommen hat.
Er, der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten - Am Tag
Gott, unser Vater,
in diesen Gaben
willst du uns Versöhnung schenken
und uns wieder mit dir verbinden.
Nimm sie an
und gib durch sie unserem heiligen Dienst
die höchste Vollendung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Tag
(für Wortgottesdienstfeiern)
Kehrvers:
Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn. (GL 633,8)
Großer, unbegreifbarer Gott,
wir wollen dir unsere Freude und unseren Dank zum Ausdruck bringen,
denn in Jesus von Nazareth ist dein ewiges Wort Fleisch geworden
und hat mitten unter uns gewohnt.
Kehrvers
Er ist das Leben, und das Leben ist das Licht der Menschen.
in ihm kam das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, in die Welt.
Kehrvers
Allen die ihn aufnahmen, gabst du die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Er hat die Reinigung von den Sünden bewirkt
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade über Gnade.
Kehrvers
Alle Enden der Erde sehen nun das Heil unseres Gottes.
Darum jubelt heute der ganze Erdkreis
und stimmt mit den Engeln und Heiligen ein in den Lobpreis der Schöpfung:
Danklied: z. B.: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich (GL 247)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn groß ist das Geheimnis seiner Geburt,
heute ist er, der unsichtbare Gott,
sichtbar als Mensch erschienen.
Vor aller Zeit aus dir geboren,
hat er sich den Gesetzen der Zeit unterworfen.
In ihm ist alles neu geschaffen.
Er heilt die Wunden der ganzen Schöpfung,
richtet auf, was darniederliegt,
und ruft den verlorenen Menschen
ins Reich deines Friedens.
Darum rühmen dich Himmel und Erde,
Engel und Menschen
singen das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 2
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Barmherziger Gott,
in dieser heiligen Feier
hast du uns deinen Sohn geschenkt,
der heute als Heiland der Welt geboren wurde.
Durch ihn sind wir wiedergeboren
zum göttlichen Leben,
führe uns auch zur ewigen Herrlichkeit durch ihn,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten am Tag
Gott wird Mensch
das hat Folgen
das bringt alles in Bewegung
das eröffnet Möglichkeiten
das macht betroffen
Gott wird Mensch
damit wird man
sich auseinander setzen müssen
damit wird man leben dürfen
damit sieht alles anders aus
Gott wird Mensch
für die Verlorenen
für die Verfolgten
für die Verachteten
Gott wird Mensch
und alle Welt
könnte sich freuen
und jedermann könnte aufatmen
und niemand müsste abseits stehen
Gott wird Mensch
in unseren Zeiten
in der heutigen Situation
in der Welt die nur eines braucht:
Gott wird Mensch und der Mensch wird Mensch.
Aus: Werner Schaube, Weihnachts-Puzzle. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1983.
Herr, unser Gott,
in dieser hochheiligen Nacht
ist uns das wahre Licht aufgestrahlt.
Laß uns dieses Geheimnis
im Glauben erfassen und bewahren,
bis wir im Himmel
den unverhüllten Glanz deiner Herrlichkeit schauen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Weihnachten in der Nacht
Allmächtiger Gott,
in dieser heiligen Nacht
bringen wir dir unsere Gaben dar.
Nimm sie an
und gib, daß wir durch den wunderbaren Tausch
deinem Sohn gleichgestaltet werden,
in dem unsere menschliche Natur
mit deinem göttlichen Wesen vereint ist.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten in der Nacht
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn Fleisch geworden ist das Wort,
und in diesem Geheimnis
erstrahlt dem Auge unseres Geistes
das neue Licht deiner Herrlichkeit.
In der sichtbaren Gestalt des Erlösers
läßt du uns den unsichtbaren Gott erkennen,
um in uns die Liebe zu entflammen
zu dem, was kein Auge geschaut hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 1
Herr, unser Gott,
in der Freude über die Geburt unseres Erlösers
bitten wir dich:
Gib uns die Gnade, ihm unser ganzes Leben zu weihen,
damit wir einst Anteil erhalten
an der ewigen Herrlichkeit deines Sohnes,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Weihnachten in der Nacht
[HTML] Ich hab' s oft gesagt und sag es noch: Wer Gott erkennen und ohne Gefahr von Gott spekulieren will, der schaue in die Krippen, hebe unten an und lerne erstlich erkennen der Jungfrau Maria Sohn, geboren zu Bethlehem, so der Mutter im Schoß liege und säuget; darnach wird er fein lernen, wer Gott sei. Solches wird alsdann nicht schrecklich, sondern auf' s allerliebste und tröstlichste sein. Und hüte dich ja vor den hohen, fliegenden Gedanken, hinauf in den Himmel zu klettern ohne diese Leiter, nämlich des Herrn Christus in seiner Menschheit, wie ihn das Wort einfältig vorschreibt. Bei dem bleibe und lass dich die Vernunft nicht davon abführen. So ergreifst du Gott recht. Weil unser lieber Herr gelitten hat Frost, Hunger und Kummer, sonderlich aber ging' s elend und armselig zu, wie gesagt, da er auf Erden kam und geboren ward; da war weder Gefäß noch Stube, weder Kissen, Windeln noch Bettgewand; er musste in einer Krippe liegen vor den Kühen und Ochsen: - so denn mein Vetter, ja auch mein Bruder, der König Himmels und der Erden und aller Kreaturen drinnen, so elend sich daher legt: pfui dein mal an, warum bin ich so stolz? Warum will ich so herrlich sein und gar nichts leiden? So der König der Ehren um meinetwillen so leidet, wer bin ich denn? Ist' s nicht wahr, ich bin ein armer Sünder und nicht wert, dass ich auf meiner Hechel liegen sollte, liege dennoch da auf meinem weichen Bette, da mein Herr auf dem harten Stroh und in der Krippe liegt.
Dr. Martin Luther, Christlicher Wegweiser für jeden Tag, Neu zusammengestellt und herausgegeben von Helmut Korinth, Hamburg 1980, Seite 365
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist Fleisch geworden,
um uns mit dem Glanz deines Lichtes zu erfüllen.
Gib, daß in unseren Werken widerstrahlt,
was durch den Glauben in unserem Herzen leuchtet.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.
MB Weihnachten am Morgen
Himmlischer Vater,
erfülle die Gaben dieser Erde mit deinem Segen,
damit sie das Geheimnis dieses Tages darstellen:
Wie Christus
als neugeborener Mensch und als wahrer Gott
vor uns aufleuchtet,
so laß uns durch diese irdische Speise
das göttliche Leben empfangen.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Morgen
Herr, unser Gott,
die Menschwerdung deines Sohnes
erfülle uns mit Freude und Dank.
Laß uns dieses unergründliche Geheimnis
im Glauben erfassen und in tätiger Liebe bekennen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Weihnachten am Morgen
Ruhe war eingekehrt im Stall von Bethlehem. Das Jesuskind hatte sich müde geschrien, und auch Maria und Josef waren nach all den Strapazen auf dem Stroh eingenickt.
Der Stern strahlte hell an dem dunklen Himmel und verkündete mit seinem Leuchten, daß etwas Wunder-bares geschehen war in dieser dunklen Nacht.
Nur Ochs und Esel waren noch wach. »Iah!« sagte der Esel. Das sagte er immer, wenn ihm nichts Besseres einfiel.
»Sei doch still«, brummte der Ochse, »du weckst mit deinem ewigen >Iah!< ja noch das Kind auf.«
»Ich bin hungrig«, sagte der Esel. »Was ist denn das für eine neue Mode, daß die Menschen jetzt schon ihre neugeborenen Kinder in unsere Futterkrippe legen. An uns Tiere denken sie überhaupt nicht mehr, Iah!« wieherte er.
»Das ist doch nicht irgendein Kind, das da liegt«, erwiderte der Ochse, »das ist Gottes Sohn, der da in Windeln gewickelt in unserer Krippe liegt.«
»Was du wieder redest«, antwortete der Esel und schüttelte sich. Ihm war kalt, denn das beste Stroh diente Maria und Josef als Ruhestatt. »Woher willst du das denn wissen?« fragte er dann aber doch neugierig. »Das haben die Engel doch vorhin gesungen, als sie auf dem Feld den Hirten erschienen sind.«
»Was sind denn das für Tiere, fressen die auch Heu?« Der Esel war mit einem Mal wieder hell wach.
»Du bist aber wirklich ein Esel«, der Ochse war sichtlich ungehalten. »Engel erscheinen immer dann, wenn Gott den Menschen eine neue Hoffnung für ihr Leben schenkt.«
»Woher weißt du das denn?« fragte der Esel ungeduldig.
»Das weiß doch jedes Rindvieh«, erwiderte der Ochse verächtlich. »Du bist und bleibst eben ein Esel.« Daß er einige Jahre im Joch des Rabbiners Ibrahim gelegen und da einiges von den Gesprächen zwischen Pharisäern und Schriftgelehrten aufgeschnappt hatte, verriet er nicht. »Und was haben diese Enkel da vorhin gesungen?« wollte der Esel wissen.
»Engel heißt das, nicht Enkel«, berichtigte der Ochse. »Was die gesungen haben? Hast du denn nicht zu-gehört? Deine Ohren sind doch eigentlich groß genug zum Lauschen. Sonst schnappst du damit doch immer gerade das auf, was du eigentlich gar nicht hören sollst.«
»Jetzt hör doch mal endlich mit deinem blasierten Gerede auf und sag schon, was diese Egel ...«
»Engel, kannst du dir denn das noch immer nicht merken?«
»Also gut, was diese Bengel da den Hirten erzählt haben, daß die hier gleich alle angelaufen kamen und unser schönes weiches Stroh niedertrampeln mußten?« »Also gut«, sagte der Ochse, denn er hatte eigentlich einen gutmütigen Charakter, »ich will es für dich alten Esel noch einmal wiederholen. Ich habe es mir nämlich Wort für Wort gemerkt.« Ganz konnte er es nie lassen, seine Überlegenheit seinem Stallgefährten gegenüber auszuspielen. »Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen. Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.«
»So einen langen Satz kannst du dir merken?« Der Esel war sichtlich beeindruckt.
»Später, als noch mehr Engel dazugekommen waren, ging es sogar noch weiter.« Es gefiel dem Ochsen, wenn der Esel ihn bewunderte. »Dann haben sie noch gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.«
»Klingt gut, Iah!« gab der Esel von sich. Vor lauter Aufregung über all die spannenden Neuigkeiten war ihm inzwischen warm geworden. »Und dieses Kind Gottes liegt jetzt in unserer Krippe?« So ganz konnte er noch gar nicht begreifen, was da geschehen war.
Eine Weile war es still im Stall. Der Ochse war kurz vor dem Einschlafen, als der Esel noch einmal anfing: »Wieso wird denn nur den Menschen Frieden verkündet, und daß sie sich freuen sollen?« wollte er jetzt wissen. »Zumal wir Tiere hier im Stall die Leidtragenden sind«, setzte er unter erneutem Hinweis auf seinen leeren Magen hinzu. »Wenn Gott schon alle seine Sängerknaben« - er vermied absichtlich das Wort Engel, weil er immer noch nicht wußte, wie es richtig ausgesprochen wurde - »also diese Bürschlein mit dem Licht über dem Kopf, bei der Kälte nachts auf das Feld schickt und der Welt, wie du vorhin gesagt hast, eine neue Hoffnung für ihr Leben verkündet wird, warum gilt die dann nur den Menschen und nicht zugleich uns Tieren?« fragte er nachdenklich.
Der Ochse fühlte sich sichtlich geschmeichelt, daß der Esel etwas von dem behalten hatte, was er ihm erzählt hatte, stellte sich aber schlafend, weil er auf diese Frage auch keine Antwort wußte. Das war schlimm, aber noch schlimmer war, daß der Esel im Grunde genommen Recht hatte. Das war noch nie der Fall gewesen. Warum hatten die Engel nicht gesungen: Frieden für Mensch und Tier?
»He, du, sag schon, du tust doch sonst immer so, als ob du alles weißt«, wieherte der Esel und stapfte ungeduldig von einem Bein auf das andere, »ich weiß, daß du noch nicht schläfst, denn du hast noch gar nicht geschnarcht«, setzte er spitz hinzu.
»Ach, weißt du«, antwortete der Ochse, der die kurze Gesprächspause zum Nachdenken genutzt hatte, »das ist doch ganz einfach. Wenn die Menschen sich wirklich von Herzen freuen und glücklich und zufrieden sind mit dem, was sie sind und was sie haben, und mit-einander in Frieden leben, dann werden sie auch zu uns Tieren gut sein. Das ist doch logisch, oder?« Er war stolz darauf, daß ihm so eine plausible Erklärung ein-gefallen war. Ja, so mußte es sein.
»Dann brauche ich nie wieder den elenden langen, steinigen Weg den Berg hinaufzulaufen, beladen mit Säcken, die so schwer sind wie die Steine an der Zisterne, bist du ganz sicher?« frohlockte der Esel.
»Nein, nie wieder«, antwortete der Ochse unsicher. »Und nie wieder wird ein Peitschenhieb auf meiner Eselshaut niedergehen?«
»Nie wieder«, antwortete der Ochse erneut.
Dicke Freudentränen kullerten aus den großen grauen Augen des Esels. »Dafür gebe ich gern heute Nacht meine Krippe und mein Stroh her.« Er schüttelte sich, jetzt nicht mehr vor Kälte, sondern vor Glück. »Unsere Krippe und unser Stroh«, berichtigte ihn der Ochse. »Und ich müßte nie mehr die schweren Karren ziehen und mich nicht mehr fürchten, daß meine Kin-der oder ich im Suppentopf landen«, träumte er halblaut vor sich hin.
»Was für eine wunderbare Nacht ist das heute«, flüsterte der Esel ergriffen, »wie so ein paar Engel«, er brachte das schwierige Wort jetzt sogar richtig über die Lippen, »das ganze Leben eines alten Esels mit einem Schlage verändern können.«
Aus: Christa Spilling-Nöker, Von einem Engel zart berührt. Geschichten, Gedichte, und Meditationen zur Weihnachtszeit. Quell Verlag, Stuttgart 1998.

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