Ob sich die beiden Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später? In der Geschichte, die Jesus erzählt, bleibt offen, wie der Tag zu Ende geht. Aber so farbig und leidenschaftlich erzählt, wissen wir gar nicht, wohin wir schauen sollen. Wir sehen zwei Männer: einer ist zerlumpt und herunter gekommen heimgekehrt - er trägt jetzt ein festliches Gewand und einen Siegelring am Finger - der andere kehrt nach einem langen und harten Tag verschwitzt nach Hause zurück und traut seinen Augen nicht. Man hat ihn nicht einmal gerufen. Wenn er die Musik nicht gehört hätte. . .
Dazwischen der Vater. Er läuft, Alter und Würde vergessend, seinem Sohn entgegen, schließt ihn in den Arm, richtet ihm ein Fest aus. So sieht Barmherzigkeit aus - denke ich. Ob der Vater überhaupt weiß, wie tief sein Sohn gefallen ist? Bei den Schweinen ist er gelandet! Ausgerechnet bei den Schweinen! Frommen jüdischen Ohren dreht sich der Magen um. Tiefer kann ein Mensch nicht fallen. Das Erbe - längst verjubelt und verprasst. Nichts, aber auch wirklich nichts, was bleiben könnte, einer Erinnerung wert.
Wie dagegen steht der ältere Bruder da! Fleißig, strebsam, engagiert. So richtig bodenständig. Ein guter Sohn. Er wird das Lebenswerk des Vaters erhalten und mehren. Es ist bei ihm in besten Händen. Die Familienchronik bekommt noch viele neue Seiten - und die Bilanzen glänzen. Aber kaum, dass ich es so sage: Woher weiß ich das alles? Was ist, wenn ich nur eine tolle Projektionsfläche für meine Lebensvorstellungen suche? Wieder einmal dem Idealbild eines erfolgreichen Lebensmodells aufsitze? Ich sehe den Vater werben - für den Bruder, der tot war und wieder lebt, der verloren war, aber wieder gefunden wurde. Es ist die Einladung, sich mitzufreuen. Mehr nicht. Da bricht die Geschichte dann ab. Wie lange die Musik wohl noch spielte? Ob sich die Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später?
Mich hat diese Geschichte immer schon fasziniert. Seit Kindertagen. Die Bilder aus meiner Kinderbibel habe ich heute noch vor Augen. Heute weiß ich auch, was mich an dieser Geschichte so bewegt: dass ein Mensch fehlen, gar sein Leben verfehlen kann - und doch nicht verloren geht. Ich kenne das auch anders: wer tief fällt, bleibt unten. Ein Wort von Brecht geistert durch meinen Kopf: Lass fallen, was fällt - gibt ihm noch einen Tritt! Zumindest: Die Zukunft ist verbaut.
Aber bleiben wir doch noch ein wenig bei dem "verlorenen Sohn" - unter dieser Bezeichnung hat er zumindest sprachlich Karriere gemacht. Ob die Bezeichnung aber richtig ist? Es ist doch die Geschichte eines Menschen, der aus der kleinen Welt ausbricht und die große Welt erobern will. Als jüngerer Sohn kann er sich auch nur sein Erbteil auszahlen lassen und dann sein eigenes Glück suchen. Die Erbfolgeregelung ist klar - auch, dass jetzt ein eigener Weg ansteht. Verwerflich ist hier nichts. Eher selbstverständlich. Nein, als der Sohn geht, ist seine Geschichte offen. Hätte er denn - zu Hause bleiben sollen? Als Juniorpartner ohne eigenes Recht? Womöglich als erster Knecht?
Der Vater gibt ihm alles mit: seine Liebe und sein Erbteil. So viel Vertrauen!
Dieses Vertrauen trägt den Sohn, als er am Ende ist, auch wieder nach Hause. Wie viel Mut dazu gehört - ich zittere richtig mit. Ob mein Stolz mir nicht im Wege stünde? Es gehört schon etwas dazu, so nach Hause zurück zu kommen. Ohne etwas vorweisen, ohne etwas mitbringen zu können. Erbe verspielt, Chancen verspielt, Zukunft verspielt. Ein Verlierer, aber: ein Verlierer mit ganz viel Vertrauen - das ist der Sohn. Darin ganz und gar der Sohn seines Vaters. Manchmal fällt mir auf, wie eng mir diese Geschichte gerät. In den buntesten Farben male ich mir aus, was dieser Typ in der Ferne alles anstellt - und mein Zeigefinger wächst. Nur: Jesus erzählt die Geschichte mit ganz viel Liebe. Er erzählt die Geschichte eines Menschen, der in seinem Leben zwar alles verspielt, aber in seinem Vertrauen wächst. Der Voyeur in mir sieht sich bloßgestellt. Was kann ich denn wirklich sehen? Wirklich wissen?
Die Geschichte, die Jesus erzählt, ist provoziert. Als einer, der sich mit Sündern an einen Tisch setzt, sozusagen auf dem Präsentierteller, vor den Augen sämtlicher Frommen, kennt er die Wege seiner Schützlinge. Ihnen gegenüber werden unendliche Sündenregister zusammengestellt, Vorwürfe gesammelt und Vorurteile gepflegt, aber Jesus erzählt die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn freigibt - und ihn wieder aufnimmt, der ihn gehen lässt - ihn aber aus dem Dreck aufhebt, der ihm Vertrauen mitgibt - und sein Vertrauen erntet. Eine Wundergeschichte also. Nichts für Moralisten. Nichts für Kleingeister. Die werden immer nur die Auswüchse suchen, die Aufbrüche aber nicht zu würdigen wissen.
Ich komme noch einmal zurück auf die Redeweise vom "verlorenen Sohn". Der Vater nennt ihn so - weil er sich freut, ihn gefunden zu haben. Ja, er freut sich so sehr, dass er zur Mitfreude einlädt. Wir hören ihn rufen: Mein Sohn war tot . . . mein Sohn war verloren . . . War! Vergangenheit. Wir sehen den Schlussstrich förmlich. Eine große Entdeckung in dieser Geschichte: Es geht nicht um Verlorenheit - es geht um Gefunden sein.
Ich kenne viele Menschen, die sich einmal neugierig, mutig und mit vielen guten Vorsätzen auf das Abenteuer Leben eingelassen haben. Aber dann ging manches anders als geplant oder erwartet. Eine Beziehung ging auseinander. Ein Job wurde zum Albtraum. Finanziell hatte man sich verspekuliert. So oder so: Träume platzten wie Seifenblasen. In vielen Fällen kam die Angst dazu, etwas falsch, gar sich schuldig gemacht zu haben. Im Hinterkopf ist immer, dass ein Leben gelingen muss - und wenn es dann scheitert? Unansehnlich wird? Oft sind nicht einmal Menschen in der Nähe, die zuhören, überlegen, mittragen können. Was in Jesu Geschichte bei den Schweinen endet, endet in vielen anderen Geschichten im Suff, vor dem Kadi oder beim Therapeuten. Menschen haben ein feines Gespür dafür, wann etwas zu Ende ist. Wenn dann noch die Hoffnungslosigkeit dazu kommt, gerät Leben in einen gefährlichen Bannkreis.
Ich bin überrascht, dass sich der Sohn nicht erklären muss und der Vater keine Vorhaltungen macht. Wäre es vielleicht nicht sogar hilfreich, klärend, befreiend, jetzt ein Gespräch zu führen? Dass das Evangelium das - jetzt - nicht erzählt, heißt auch nicht, es habe kein Gespräch gegeben. Nur - jetzt - ist die Umarmung dran, das Fest, die Freude. Das sollen wir sogar mit offenen Augen sehen. Und uns mitfreuen. Das Bekenntnis fehlt gleichwohl nicht. Ich habe gesündigt - sagt der "verlorene Sohn". Ein offenes Bekenntnis, das Wunder wirkt. Damit wird die eigene Erfahrung nicht schlechtgemacht, aber auch nicht gut geredet, das eigene Leben nicht verdammt, aber auch nicht entschuldigt. Es geht um den neuen Anfang!
Jesus erzählt diese Geschichte ganz frommen Menschen. Das ist nicht einmal ironisch gemeint. Er erzählt ihnen, ebenso einfach wie glanzvoll, warum er sich mit Sündern trifft, mit ihnen isst, ein Teil ihrer Geschichte wird: weil er die Verlorenen sucht und findet - und auch die, die verloren gegeben werden, ihrem Schicksal entreißt. Eine große Wahl lässt er uns nicht: Wer sich nicht mitfreut, der bleibt draußen. Der geht verloren. Eine schreckliche Perspektive für den älteren Bruder. Ob sich die beiden Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später? Vielleicht ist es gut, dass Jesus die Geschichte offen hält. Für mich.
Wenn wir gleich Brot und Wein auf den Altar stellen, in einem großen Lobpreis die Taten Gottes rühmen und Christi Opfer unter uns gegenwärtig wird , dann wird unter uns auch die Geschichte lebendig, in der Tote zu leben anfangen und verlorene Söhne und Töchter nach Hause kommen.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Herr, unser Gott,
du hast in deinem Sohn
die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben,
damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 4. Fastensonntag
Herr, unser Gott,
in der Freude auf das Osterfest
bringen wir unsere Gaben dar.
Hilf uns, gläubig und ehrfürchtig das Opfer zu feiern,
das der Welt Heilung schenkt und den Tod überwindet.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Kehrvers:
Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe. (GL 444)
Gott und Vater,
wir bringen dir unseren Lobpreis dar,
denn wir haben Grund dir zu danken,
da du barmherzig bist.
Du hast von deinem Volk die Schande der Knechtschaft abgewälzt
und in ein Land geführt, das ihm zur Heimat wurde.
Du nimmst auch heute die Schande der Knechtschaft von uns,
wenn wir von deinen Wegen abgewichen sind.
Kehrvers
In Jesus Christus hast du uns gezeigt,
dass du der barmherzige Vater bist,
der unsere Freiheit achtet und uns wieder aufnimmt,
wenn unsere eigenen Wege ins Nichts geführt haben.
Kehrvers
In ihm sind wir eine neue Schöpfung geworden,
er hat uns mit dir versöhnt
und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen.
Kehrvers
Du lädst uns ein zum österlichen Mahl der Versöhnung,
gibst uns Ansehen und Achtung
und teilst mit uns die Freude,
wenn einer zu dir heimkehrt.
Kehrvers
Wir stimmen ein in das Fest der Freude
und singen mit allen Schwestern und Brüdern,
mit allen Engeln und Heiligen dein Lob:
Danklied, z. B.: Den Herren will ich loben (GL 395)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn durch seine Menschwerdung
hat er das Menschengeschlecht
aus der Finsternis zum Licht des Glaubens geführt.
Wir sind als Knechte der Sünde geboren,
er aber macht uns zu deinen Kindern
durch die neue Geburt
aus dem Wasser der Taufe.
Darum preisen wir jetzt
und in Ewigkeit dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Fastensonntag 4
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet.
Heile die Blindheit unseres Herzens,
damit wir erkennen, was vor dir recht ist,
und dich aufrichtig lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Barmherziger Gott,
schenke uns die Freude,
einem anderen Menschen zu begegnen,
ihn mit offenen Armen zu empfangen
und seine Lasten mitzutragen.
Bewahre uns vor der Angst,
uns zu übernehmen,
ausgenutzt zu werden oder
selbst nicht genug zu haben.
Wir bitten dich:
Geh mit uns und lass uns in deinem Wort
Kraft und Beistand finden, Gewissheit und Mut.
Wie wir es gehört haben
von unserem Herrn Jesus Christus.
Der Ewige, gelobt sei sein Name,
lasse dich in Frieden ziehen, wenn du das Leben entdeckst.
Der Treue, gelobt sei sein Name,
schenke dir gute Gefährten und Gefährtinnen, wenn du unten bist.
Der Barmherzige, gelobt sei sein Name,
gebe dir die große Freude, einem anderen Menschen Halt zu geben.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
BALLETT IN DREI SZENEN
Libretto von Boris Kochno, frei nach dem Lukas-Evangelium
URAUFFÜHRUNG: am 21. Mai 1929 am Théâtre Sarah-Bernhardt, Paris
CHOREOGRAPHIE: George Balanchine
AUSSTATTUNG: Georges Rouault
ENSEMBLE: Diaghilews Balletts Russes
TANZSOLISTEN: Serge Lifar - Félia Dubrowska - Michael Federow - Léon Woizikowski.
Personen
Der verlorene Sohn
Der Vater
Die beiden Schwestern
Zwei gute Freunde
Eine Verführerin namens Sirene
Zwei Diener
Zechkumpane
Das Geschehen spielt zu biblischen Zeiten, Dauer etwa 35 Minuten.
Man kann es auch positiv sehen, wenn es einen jungen Mann drängt, die weite Welt kennen zu lernen, anstatt lebenslang die Hammelherde seines Vaters zu hüten. Seine beiden Freunde haben ihm erzählt, dass in den Tempeln Kanaans hübsche Mädchen zur Liebe bereit sind und gegen Lohn geheime Wünsche erfüllen. Der Vater hat natürlich kein Verständnis für solchen Unsinn, weil der Junge als Arbeitskraft zu Hause gebraucht wird. Er soll eines Tages Hof und Herde übernehmen und in der weiten Welt kommt er nur auf dumme Gedanken. Die beiden Schwestern heulen Rotz und Wasser, weil sie am liebsten mitkommen möchten. Der Entschluss des jungen Mannes ist unabänderlich und dem Vater bleibt nichts anderes übrig, als ihn mit Barmitteln auszustatten, damit der Liebling einen guten Start hat, um etwas Eigenes aufzubauen. Den Ausreißer lockt eher das Abenteuer, um mit der Waffe in der Hand schnell zu Vermögen zu kommen. Der Abschied fällt schwer. Wird er hin und wieder zu Besuch kommen?
Die drei Freunde begeben sich auf die Wanderschaft und treffen auf ein Zelt. Es handelt sich um ein getarntes Spielkasino mit bescheidener Ausstattung. Spielautomaten gibt es keine, nur Spielwürfel. Ein lautstarkes Orchester spielt zum Tanz auf und im Ausschank gibt es süffigen Wein. Die obskure Gesellschaft begegnet den drei Grünschnäbeln zunächst mit Argwohn. Doch das Misstrauen schwindet schnell, da die Ankömmlinge sich als ungewöhnlich gastfreundlich erweisen. Bald fließt der Wein für alle und es lockern sich die Beine zu orgiastischer Tanzlust. Eine Schöne, von allen Sirene genannt, tritt auf, um sich an den Fremdling, der das große Geld in der Tasche hat, heranzumachen. Sie tanzt lustbetont und beteuert dem unerfahrenen Jüngling ihre heiße Liebe. Um ihre erotischen Reize zu unterstreichen, hat der Kostümbildner der Zeltherrin zum roten Samtmantel noch einen hohen roten Hut aufgesetzt. Unser Ausreißer ist große Mengen von Alkohol nicht gewohnt - der Geist lässt nach und die Müdigkeit meldet sich an. Logisch, dass einem Schlafenden, der Vermögen mit sich herumträgt, die Taschen ausgeleert werden. Es ergeben sich Verteilungskämpfe unter den Räubern, bei der die Zelteinrichtung in Mitleidenschaft gezogen wird. Die beiden Freunde lassen sich nicht aussperren, mischen mit und Sirene will natürlich auch ihren Anteil. Im Dämmerzustand bekommt der Verprügelte noch mit, dass man ihm die Kleider auszieht, denn auch getragene Textilien lassen sich auf dem Markt gut verkaufen. Tatsächlich fühlt der Enttäuschte sich nun wie ein 'Verlorener Sohn'. Dabei wollte er nur Freunde gewinnen und hatte es gut gemeint. Sein erstes Abenteuer hat er hinter sich gebracht und die Erfahrung gemacht, dass die Welt böse ist. Sirenes Liebe hatte keinen Bestand, sie entschwindet ohne Abschied. Im geschützten Zelt des Vaters ist es immer noch am Schönsten. Der Reumütige gibt seiner Depression tänzerisch Ausdruck.
Das Geld ist alle und jetzt aber nichts wie nach Hause! Der Fußmarsch über Stock und Stein ist anstrengend und die Füße bluten. Nachts ist es in der Wüste lausig kalt und tagsüber brennt die Sonne unbarmherzig auf die nackte Haut. Bis zum Zelteingang der väterlichen Behausung reichen noch die Kräfte, dann sackt der unfreiwillige Wanderer zusammen.
Ja ist er es wirklich? Der Kleine ist zurückgekommen. So schnell hatte man ihn nicht erwartet. Die lieben Schwestern finden ihn in erbarmungswürdigem Zustand am Zelteingang. Der Vater kommt herbei und schließt den verzogenen Balg in seine Arme.
1. Der Abschied
2. Die Freunde
3. Die Sirene
4. Die Tänzer
5. Der verlorene Sohn und die Sirene
6. Das Trinkgelage
7. Plünderung
8. Erwachen und Reue.
9. Aufteilung der Beute
10. Die Rückkehr
Von der Erzählung der Bibel weicht der zweite Akt erheblich ab. Es wird nicht moralisiert, sondern die Handlung gerät zur Groteske, so wie es die russischen Komponisten in ihren Bühnenwerken lieben. Der Auftritt der Sirene ist in der Bibel nicht vorgesehen, für das Ballett aber zwingend notwendig. Die expressiven Klänge Prokofieffs zu den orgiastischen Tänzen faszinieren durch ihre Disharmonie ungemein. Den missgünstigen Bruder hat der Librettist aus dem Handlungsteil des dritten Aktes entfernt.
Das Werk entstand kurz vor Prokofieffs Rückkehr in die Heimat und wurde von Diaghilews Balletts Russes vor der Auflösung der Truppe noch einstudiert. Der Erfolg war immens.
Beim Stichwort Vergewaltigung schlagen normalerweise die Wellen der Empörung hoch. Nicht so bei Marco W., der bei seiner Rückkehr aus der Türkei fast wie ein Volksheld gefeiert wird. RTL sichert sich die Exklusivrechte und strahlt ein Interview aus, das einer Heiligenverehrung gleicht.
Er ist im Zielgruppen-relevanten Alter, er strahlt unerschütterlichen Optimismus aus, er lächelt auch in größter Pein - keine Frage: Marco W. ist ein Sieger-Typ, einer, dem man so leicht nichts krummnimmt. Einer, den die Leute mögen.
Dass ihm, fernab der Heimat, böse Vorwürfe das Leben schwermachen, dass er eine 13-jährige Urlauberin vergewaltigt haben soll, dass seine Unschuld noch nicht bewiesen ist - all das ist weit weg, wenn RTL den verlorenen Sohn in der Heimat empfängt. (. . . )
Über die Bedingungen dieses Vertrages, der dem Sender ermöglichte, ihm noch auf dem Heimflug einen Reporter zur Seite zu stellen und ihn seitdem konsequent von der Öffentlichkeit abzuschirmen, ihn weit weg von seinem Wohnort Uelzen in Nürnberg unterzubringen und als einziger Sender die erste - natürlich innige - Umarmung mit seinen Eltern zu filmen, ist hingegen nichts bekannt. (. . .)
Die Zeit sei ihm dort lang geworden, erzählt Marco W., nur einmal im Monat habe er seine Eltern für eine Stunde treffen dürfen, und nach fünf Monaten sei ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass man aus der Situation auch lernen könne. Er sei nun netter zu seinen Eltern und würde sich andere Gedanken um seine Zukunft machen.
Sätze, die man einem 17-Jährigen, der gerade aus der Haft entlassen wurde, nicht vorwerfen kann. Von Journalisten allerdings, die offenbar viel Zeit und Gelegenheit hatten, den jungen Mann mit der umstrittenen Vergangenheit eingehend zu befragen, könnte man schon eine Prise mehr Esprit erwarten.
Es ist doch Weihnachten.
So aber plätschert das rund 20-minütige, von Werbung unterbrochene Gespräch dahin, verliert sich in Nichtigkeiten und findet seinen Höhepunkt in Marcos Wunsch, dass er nun wieder zur Schule gehen und sein altes Leben aufnehmen wolle. Ob er meine, dass das möglich sei, jetzt, wo er sich so verändert habe, muss Lanz doch noch mal nachhaken. Ja, das meine er, sagt Marco W., der ursprünglich vorgehabt hatte, nach dem Türkei-Urlaub seinen Schulabschluss zu machen und einen technischen Beruf zu erlernen.
Nur nach dem Tag "danach" wird er befragt, wie er die Verhaftung erlebt habe. "Wir dachten, das sei eine Verwechslung und es würde sich alles aufklären." Na, dann ist ja alles klar. Wenn Marco schon selbst nicht an seine Schuld glaubt, wer sollte es dann tun?
Die Boulevardpresse und das Publikum scheinen ihr Urteil gefällt zu haben. Wer so nett lächelt und wie ein Star gefeiert wird, der kann kein böser Mensch sein. Wozu braucht man da noch Richter?
Vor acht Monaten sei er ein ganz normaler Tourist gewesen, jetzt kenne ihn jeder, und er fliege im Privatjet nach Hause. "Ein Teenager, der überglücklich ist, und sich vielleicht ein wenig wie ein Star fühlt", umschreibt RTL den Eindruck. Wozu also Ausgewogenheit, wenn ein bisschen Stimmung so gut tut? A star is born, die Mischung ist perfekt. Marco W. ist blutjung, niemand mag ihm wirklich etwas Böses zutrauen, dazu ist er stets freundlich und bemüht. Dass der Anwalt der Gegenseite noch am Tag der Entlassung eine Expertise britischer Psychologen vorgelegt haben soll darüber, dass das Mädchen tatsächlich vergewaltigt worden sein soll, tut bei so viel Starrummel nun wirklich nichts zur Sache. Bei RTL hat man den Glauben an das Gute im Menschen wiedergefunden, das ist so kurz vor Weihnachten ganz viel wert.
Ruth Schneeberger in Sueddeutsche am 17.12.2007.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/13/427768/text/

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