Wir haben die Passion, den Leidensweg Jesu, gehört, sind mit ihm mitgegangen, tun uns aber schwer, einen solchen Weg mit unserem Leben heute in Verbindung zu bringen.
Versuchen wir zuerst das größte Kreuz, das wir zurzeit in der Kirche haben und nicht nur in der Kirche, sondern im ganzen Volk, nüchtern, aber betroffen anzuschauen. Und wagen wir es, dieses unser Kreuz heute mit dem Seinen zu verbinden. Lassen wir ihn mitgehen und gehen wir mit ihm mit.
Dieses unser größtes Kreuz heute ist der Missbrauch an Kindern und jungen Menschen durch Vertreter der Kirche, aber auch durch viele "Große" "Erwachsene" - in Anführungszeichen.
Missbrauch heute und wie geht es weiter?
Zur Situation heute muss ich einfach sagen: Es ist entsetzlich und beschämend, was da in Klöstern, in Internaten, von Priester und sonst in Schulen, Heimen usw. an jungen Menschen an Unrecht geschehen ist. Dabei belegen Zahlen, die in diesen Tagen veröffentlich worden sind, dass das, was Personen der Kirche betrifft, etwa 4% ausmacht von der Gesamtzahl der Missbrauchsopfer. Diese wird beziffert auf 14 000 bis 15 000 pro Jahr an angezeigten Verbrechen - von der Dunkelziffer ganz zu schweigen. An die 90% passieren in Familien und in der Verwandtschaft.
Das mindert und entschuldigt keinen Deut die schreckliche Tat von Geistlichen und Vertretern der Kirche. Eigentlich hätten wir da eine besondere Vorreiterrolle und Vorbildaufgabe, die völlig verspielt worden ist und die Kirche heute nahe an einen Abgrund bringt. Mir geht’s hier darum, dass wir alle miteinander umdenken und uns die Kinder und Jugendlichen zu einem besonderen Anliegen miteinander machen.
Das Kind steht im Mittelpunkt
Der wichtigste Gesichtspunkt ist und bleibt hier das Kind. Alles andere ist unterzuordnen. Hier müssen wir gewaltig umdenken. Früher galt meistens dem Täter die erste Sorge, ihn schützen vor der Öffentlichkeit und die Kirche und das Kloster vor Schaden und Schande bewahren - natürlich auch die Familie.
Missbrauch ist körperliche, seelische und speziell sexuelle Gewalt an Kindern und Jungendlichen, die hilflose der Übermacht eines Erwachsenen ausgesetzt sind. Je kleiner das Kind ist, desto schlimmer!
Besonders schlimm ist sexueller Missbrauch: "Sexueller Missbrauch von Kindern ist eine sexuelle Handlung eines Menschen an einem Kind, wobei der Erwachsene seine eigenen Bedürfnisse nach Intimität, Nähe, Macht und Kontrolle auf Kosten des Kindes auszuleben sucht." (Sgroi 1982)
Warum ist Missbrauch so schlimm?
Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, das im Leben der Opfer für immer Spuren hinterlässt - ist schlimmstes Verbrechen an der Kinderseele. Es zerstört das Urvertrauen, das Vertrauen an Eltern, überhaupt an Erwachsene - und an Gott. Kinder erwarten, dass sie von den Großen und Starken beschützt werden. Sie glauben, dass Eltern, Lehrer, Priester, Trainer von Sportvereinen usw. das Richtige tun.
Eine Frau, die missbraucht worden ist (vom eigenen Vater) sagte: "Ich habe oft so kleine Pickel und dachte, meine Seele hat ganz braune Flecken, der Dreck kommt mir durch die Haut." (SZ 26.3.10 S.3).
Nach einem Missbrauch wissen Kinder nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Sie verlieren die Orientierung. Sie fühlen sich schuldig - allein, kommen in Isolation; meist werden sie manipuliert "Wenn du davon erzählst, dann. . ." "Das muss unser Geheimnis bleiben!"
Kinder wollen den Tätern nicht schaden - es sind ja keine bösen Unbekannten, sondern Menschen, die eine wichtige Rolle für sie spielen: Der nette Geistliche, der coole Mesner bei den Ministranten, der flotte Trainer im Verein, der liebe Onkel usw.
Blick auf die Verursacher
Es sind meistens Männer - auch Frauen gibt’s - die Minderwertigkeitskomplexe haben, sich nicht trauen, mit erwachsenen Menschen Beziehungen aufzunehmen, und so sich an Kinder heranmachen, die sie nicht be- oder verurteilen werden.
Pädophilie - so heißt diese Neigung - wohl treffender Sucht, ist nicht therapierbar, nicht heilbar. Nur Versuche sind möglich, sie in geordnetere Bahnen zu lenken; so wie Alkoholsucht nicht heilbar ist, aber ausgetrocknet werden kann. Versetzung hilft nichts, z. B. von einem Geistlichen, Lehrer. Das ist Mitschuld an weiterem Missbrauch.
Seit etwa 1970 wird Pädophilie allgemein so eingeschätzt.
Man weiß nicht, was Menschen, die so was tun, selber schon durchgemacht haben, vielleicht auch schwer missbraucht worden sind. Das entschuldigt aber nichts.
Wenn man bei sich so eine Veranlagung wahrnimmt, muss man sich um Hilfe bemühen, um Schaden zu meiden. Diese verflixten Kettenreaktionen müssen durchbrechen werden, dass einer missbraucht wird und dann wieder jemand missbraucht.
Wenn bereits was vorgefallen ist, ist es notwendig, sich unbedingt jemandem anvertrauen und mit ihm überlegen, was zu machen ist.
Es ist auch nicht so, dass jeder Missbrauch an die Öffentlichkeit muss, also in die Presse, ins Fernsehen und nur dort aufgearbeitet werden kann. Die Öffentlichkeit, sprich die Presse; ist nicht der oberste Richter. Es kann auch etwas ohne Öffentlichkeit ausgetragen werden, aber es muss eben ausgetragen werden und der Betroffene, das Kind, der Jugendliche muss entsprechende Hilfe bekommen, so dass er sagen kann: Es genügt, ich kann positiv weitergehen.
Hüten wir uns vor falschen Schlussfolgerungen
Es wäre völlig falsch, jetzt Sexualität zu verteufeln, wie’s schon mal geschehen ist. Wer Sexualität positiv sieht, kann mit ihr auch verantwortlich umgehen! Sexualität ist etwas Schönes, Leben Förderndes in der Begegnung der Geschlechter und setzt die Liebe zu einem Partner/in voraus. Dieses positive Bild von der Sexualität dürfen wir uns nicht nehmen oder gar kaputt machen lassen, auch nicht schlecht reden lassen. Auch bezüglich Homosexualität ist in der Gesellschaft wie auch innerhalb der Kirche ein Umdenken und eine Neubewertung im Gange.
Wer negativ über Sexualität denkt, der steht viel eher in Gefahr, sie zu missbrauchen. Wer sich in einer ungesunden Atmosphäre sehr viel mit Missbrauch und abartigen Verhaltensweisen im Sexuellen beschäftigt - heute gibt es viele Möglichkeiten dazu, Fernsehen, Internet, Bücher usw. - muss damit rechnen, dass er irgendwie zum Handeln kommt. Oder noch deutlicher, er muss bei sich Verdacht schöpfen, dass er pädophil veranlagt ist.
Ich denke, bei diesem Thema können wir ein Wort Jesu nicht übergehen, das ziemlich sicher von ihm selber stammt. Beim Matthäus heißt es:
"Wer eines von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde" (Mt 18,6).
Das ist ein Satz, der zu hart ist für eine endgültige Verurteilung eines Menschen, für eine ewige Verdammung. Dies jedoch gilt für jeden von uns, für unser Handeln jetzt, hier und heute gilt. Das endgültige Urteil über einen Menschen, das steht nur Gott zu, von dem wir wissen, dass er ein barmherziger, versöhnender Vater ist.
Unsere Not vor den Gekreuzigten bringen
Legen wir solches Elend, solchen Missbrauch, herein gebrochen über Unmündige, Kinder und junge Menschen, hinein in seine Passion. Ihm dürfen wir aber nach allen menschlichen Maßnahmen - Justiz, Therapie - auch all die anvertrauen, die solches Unrecht verursacht haben.
Wenn hier wirklich Gottes Sohn - so glauben wir es doch! - in den Tod gegangen ist, dann wird er es auch fertig bringen, Gerechtigkeit und Versöhnung zu schaffen zwischen Missbrauchten und Verursachern. Setzen wir auf Ihn, der da für uns am Kreuz hängt!