Jesus redet in Gleichnissen
Jesus hatte sich, so berichtet der Evangelist Matthäus, an das Ufer des Sees Gennesaret gesetzt. Und weil sich sehr viele Menschen dort einfanden, war er in ein Boot gestiegen. Lange, so hören wir, sprach er zu ihnen in Form von Gleichnissen. Mit dem Gleichnis vom Sämann, das wir im Evangelium gehört haben, hatte Jesus seine Gleichnisreden begonnen.
Eine seltsame Aussaat.
Warum konnte ein Teil der Saatkörner auf den Weg fallen, anderes auf felsigen Boden oder sogar unter die Dornen? Warum fiel es nicht nur auf gutes Erdreich? Damit knüpft Jesus an die Gegebenheiten der damaligen Zeit an, die Art des Säens in seinem Land. Jedes Feld hatte Saatstreifen, auf die die Körner ausgesät wurden. Der Sämann warf die Saat aus, anders als wir es kennen, bevor das Feld umgepflügt wurde. So konnte es geschehen, dass Körner auf den Weg fielen. Oder sie konnten auf felsigen Grund fallen, weil der Humusboden oft sehr dünn war, zudem war er der sengenden Hitze des Südens ausgesetzt. Das aufkeimende Saatgut fasste auf dem felsigen Boden keine Wurzeln und verdorrte. Da bald nach dem Einsäen das Feld umgepflügt wurde, konnten die Vögel es aufpicken. Und wie ist die Anspielung auf das Dorngestrüpp zu verstehen? In der Brachzeit war dieses hochgeschossen. Obwohl es dann bald untergepflügt wurde, konnte es doch wieder nach oben schießen und die junge Saat ersticken.
Wenngleich in diesem Gleichnis der Sämann nicht viel Glück mit seiner mühsamen Arbeit hatte, so war doch ein Teil der Saat auf guten Boden gefallen und hatte reiche Frucht gebracht. Dass Jesus dann von dem dreißigfachen, sechzigfachen, ja hundertfachen Ertrag der Aussaat spricht, mag übertrieben erscheinen. Mit dem abschließenden Satz: "Wer Ohren hat zum Hören, der höre!" will Jesus sagen, dass diesem Gleichnis ein tieferer Sinn innewohnt.
Das Unverständnis der Jünger.
Um den Jüngern, besonders den Aposteln, den "Zwölfen", (vgl. Mk 4,10) das Geheimnis des Gottesreiches zu erschließen, hatte sie Jesus, wenn sie mit ihm allein waren, tiefer in den Sinn der Gleichnisse eingeführt. Das Geheimnis des Reiches Gottes sollte ihnen auf eine ungeahnte Weises erst später offenbar werden, nach dem Tod Jesu und im Aufbrechen des Reiches Gottes. Im Licht von Ostern und Pfingsten. Dann werden die Apostel, werden die Jünger imstande sein, das Geheimnis des Reiches Gottes, das ihnen anvertraut worden war, zu verkünden. Bis dahin blieben jedoch auch sie in den gleichen falschen Vorstellungen von der Gottesherrschaft befangen wie die geistlichen Führer Israels. Sie konnten nicht ahnen, dass Jesus selber das Samenkorn ist, das in die Erde fällt und stirbt, um so Frucht zu tragen. Kurz vor seinem Tod, so überliefert es das vierte Evangelium, hat Jesus dies in einer Metapher zur Sprache gebracht: "Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht" (Joh 12,14).
Jesus hatte sich über das Unverständnis der Jünger gewundert. Darauf folgt dann die Auslegung des Gleichnisses (Mt 13,18-23). Es werden dabei Einzelzüge des Gleichnisses auf das konkrete Leben übertragen Was gesät wird, ist das Wort Gottes, das Wort vom Reich Gottes (Mt 13,19). Ohne es ausdrücklich zu sagen, war für den Evangelisten der Sämann zweifellos Jesus. Die verschiedenen Bodenarten, auf die der Same fällt, werden dann auf bestimmte Menschengruppen übertragen. Es wird beschrieben, auf welche Weise Menschen das Wort, die Botschaft Jesu vom Reich Gottes aufnehmen oder nicht aufnehmen, wie erfolgreich oder nicht erfolgreich der Sämann bei seinem Säen ist. Es wird gefragt, warum der Same bei dem Einen Frucht bringt, bei einem andern nicht. Dies lässt darauf schließen, dass die Deutung des Gleichnisses von der Situation in den frühchristlichen Gemeinden mitgeprägt wurde. Dort gab es offensichtlich Christen, die glaubensschwach geworden waren, lau in ihrem Verhalten, die den Dingen dieser Welt zu sehr anhingen, sich zu viele Sorgen machten, bei Verfolgungen nicht standhielten.
So wird bei der Auslegung des Gleichnisses durch den Evangelisten zuerst von Menschen gesprochen, bei denen das Wort auf den Weg fällt. Sie hören es zwar, aber sie bewahren es nicht in ihrem Herzen, denn der Satan kommt und nimmt es ihnen weg. Menschen, bei denen das Wort auf felsigen Boden fällt, sind diejenigen, die es freudig aufnehmen. Aber da es bei ihnen keine Wurzeln schlägt und sie unbeständig sind, kommen sie sofort zu Fall, wenn sie um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt werden. Dann ist von Menschen die Rede, bei denen das Wort unter die Dornen fällt. Obwohl sie es hören, machen sich die Sorgen der Welt breit, der trügerische Reichtum und die Gier nach all den anderen Dingen. So wird das Wort erstickt, so dass es keine Frucht bringen kann.
Wir sind gemeint
Am Schluss heißt es: "Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach" Mt 13,23). Jesus spricht uns in diesem Gleichnis ebenso an wie die Menschen damals. So sehr wir uns dem Wort Gottes öffnen möchten, um zu denen zu gehören, bei denen das Wort auf guten Boden gesät ist, die es aufnehmen und Frucht bringen, so kann es manchmal doch so sein, dass das Wort auf den Weg fällt, auf felsigen Boden, unter die Dornen.
Jeder müsste sich fragen, ob bei ihm das Wort auf den Weg fällt. Ob er zu den Menschen gehört, die das Wort Gottes zwar hören, aber sich in ihrem Leben nicht darauf einlassen. Ob es nicht eingewurzelt werden kann wegen seiner Unbeständigkeit. Ob er zu den Menschen zählt, die vor lauter Sorgen um das irdische Wohl nur wenig Zeit haben, das Wort Gottes in sich aufzunehmen. Oder ob das Wort Gottes auf bereiten Boden fällt und vielfältige Frucht bringt.
Es wird Situationen, Phasen in meinem Leben geben, in denen das Wort Gottes auf unterschiedliche Weise bei mir Gehör findet. Es kann einmal auf den Weg fallen, dann wieder auf felsigen Boden, ein anderes Mal unter die Dornen und dann auch auf gutes Erdreich. Ich denke, wir alle sind bemüht, dass es immer auf einen guten Boden fällt, dass es in unserem Herzen immer mehr Raum gewinnt. Und dass es sich immer mehr auswirkt in unserem mitmenschlichen Verhalten.