Alle Versuche, Dreifaltigkeit zu erklären, stoßen an unsere intellektuellen Grenzen, auch wenn es ganze Bibliotheken voll Literatur dazu gibt. Boshafter Spruch: Gott erfand die Theologen und schuf Handwerkszeug für sie, damit er endlich etwas über sich erfahren kann.
Lange Zeit sprachen wir von drei göttlichen Personen. Das brachte den Christen, vor allem seitens des Islam, den Vorwurf ein, selbst ein polytheistisches, also ein Gottesbild der Vielgötterei zu besitzen. Das Wort "Person" bedeutet heute etwas anderes als zur Zeit Jesu. Unter "Person" verstehen wir heute jemanden, der eigenständig und in Freiheit denkt und handelt, der über sich selbst bestimmen kann. Dadurch wird der Ausdruck von den "drei göttlichen Personen" missverstanden. Das war auch der Grund, weshalb das Konzil von Trient (1545-1563) die bildhafte Darstellung des Heiligen Geistes als Person verboten hat.
Wir feiern heute ein großes Fest der Beziehungen - DREIFALTIGKEITSSONNTAG. Die Texte am reich gedeckten Tisch des Wortes führen zu diesem Text der Beziehungen hin: "Meine Freude war es, bei den Menschen zu sein" (Spr 8,31) und Psalm 8,5-6: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Das Buch Genesis weist darauf hin, dass Gott dem Menschen, also Mann und Frau, göttlichen Atem eingehaucht hat. Luft brauchen wir zum Leben, auch zum Sprechen.
Das lateinische Wort personare bedeutet "durchtönen", "laut verkünden" In welchem Geist sprechen und handeln wir? Immer im Sinn des Evangeliums, der Frohen Botschaft?
Die erste Lesung verdeutlicht, dass Gott der Spender allen Lebens ist und er mit den Menschen in eine innige Beziehung eintreten will. Wie soll man sich das vorstellen?
Cogito ergo sum: Ich denke, also bin ich. Der Verstand allein reicht nicht aus, dieses große Geheimnis der Dreifaltigkeit zu begreifen.
Dubio ergo sum: Ich zweifle, daher bin ich. Auch Zweifel begleiten uns lebenslang, vor allem in dunklen Stunden nach Niederlagen und Schicksalsschlägen. Wird wirklich alles so sein, wie es uns zugesagt ist, eine in Frieden vollendete Welt? Sprechen nicht die täglichen Nachrichten dagegen?
Amo ergo sum: Ich liebe, ich lebe, daher bin ich. "Liebe" und "Leben" haben ähnliche Wortwurzeln. Amo ergo sum ist wohl die schönste Formel. In diesen drei Existenzweisen lebt der Mensch.
Der heutige Dreifaltigkeitssonntag zeigt, wozu wir berufen sind: Liebende Beziehung zu schaffen, zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen - ob es auch bei Unsympathischen gelingt, einen Versuch wäre es wert! Die liebende Beziehung entsteht durch einen guten Geist.
Am Beginn und am Ende eines jeden Gottesdienstes rufen wir die Dreifaltigkeit an. Damit wird zum Ausdruck gebracht, was Paulus in seiner Areopagrede (Apg 17,28) meint: "In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir."
Gott umgibt uns als "Vater" (und "Mutter"), als "Sohn" und als "Heiliger Geist". Seine Dreifaltigkeit soll unseren Glauben nicht kompliziert machen, sondern zum Erlebnis eines Ereignisses werden. Reden und Erklärungsversuche kommen dadurch an Grenzen: "Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen." (Joh.16,12).
Die vielen Versuche, religiöse Weltbilder durch wissenschaftliche zu ersetzen wollen nicht so recht gelingen. Eine Vielzahl von menschlichen Erfahrungen führt zur Ahnung einer hinter allem stehenden Göttlichkeit.
Die einen sind überwältigt von den immer neuen "Wundern der Natur" und sagen sich, es muss "etwas Höheres" geben. Auch Wissenschaftler kommen aus dem Staunen nicht heraus, wenn sie die Welt in ihre chemischen und physikalischen Bestandteile zerlegen. Sie haben entdeckt, dass auch Atome nicht "atomoi" (giechisch, auf Deutsch "unteilbar") sind, und sind dabei auf Zusammenhänge gestoßen, die die alten Grenzen zwischen Materie und Geist verschwimmen lassen. Ähnlich ergeht es jenen, die in den Kosmos hinausschauen und nach Erklärungen für sein sich immer weiter Ausdehnen suchen. Natürlich führen all diese Beobachtungen nicht schnurgerade zum Gottes- und Schöpfungsglauben, oder liefern gar "Gottesbeweise". Sie lassen uns aber staunen und fragen.
Zum faszinierten Staunen und oft zu persönlicher innerer Erschütterung kann man auch auf anderen Wegen kommen. Mütter erzählen, dass sie sich dem Göttlichen verbunden fühlten, als sie nach den Strapazen der Geburt ihr Kind in den Armen hielten. Andere sind zutiefst betroffen von der Erfahrung, in einer schwierigen Situation durch eine höhere Macht geführt worden zu sein und sie wollen sich nicht mit der Erklärung "Zufall" abfinden.
Viele Menschen begeben sich auf die Suche nach spiritueller Tiefe für ihr Leben. Sie üben Meditation, Yoga, Tantra oder suchen Kontemplation nach Anleitungen alter Meister der Mystik. Sie entdecken das Göttliche in sich und geben ihm unterschiedliche Namen und Beschreibungen.
Manche Christen geraten in Panik, wenn sie davon hören, verbieten sich und anderen solche Erfahrungen, weil sie ihre eigene Glaubenstradition dadurch gefährdet sehen. Ich sehe nur Anlass vor 1 Gefahr zu warnen: Die eigene persönliche Erfahrung nicht auch kritisch zu hinterfragen und eine eigene Religion, bzw. einen Religionsersatz daraus zu machen sowie in einem weiteren Schritt dafür zu kämpfen und zu missionieren.
Jede dieser Erfahrungen kann Menschen zu Gott hinführen, muss aber auch den Weg der Läuterung gehen. Am eindrücklichsten wird uns dies in der biblischen Erzählung von der Gotteserfahrung des Propheten Elija vor Augen geführt. Auf dem Höhepunkt seines Prophetenlebens, als er durch einen offensichtlichen Gottesbeweis über die Baalsanhänger triumphiert, muss er zur Kenntnis nehmen, dass Gott ganz anders ist. Auf dem Gottesberg Horeb gibt Gott ihm zu verstehen: Gott ist nicht im Sturm, nicht im Feuer, nicht im Erdbeben . . .
Bis die Christen zur Ausformulierung ihres Glaubensbekenntnisses gekommen sind, mussten auch sie einen Weg der Läuterung ihrer Gottesvorstellungen gehen. Erst nach langen heftigen Auseinandersetzungen haben sie ihre Gottesvorstellung als Glauben an 1 Gott in 3 Personen definiert.
Aus der jüdischen Tradition haben sie den Glauben an den 1 Gott, der alles erschaffen hat, übernommen. Hinzu kam die Gewissheit, dass dieser Gott sie aus der Unterdrückung der Ägypter befreit und sie zu seinem Volk gemacht hat. Auch das Volk Israel musste im Laufe seiner Geschichte viele engführende Gottesvorstellungen zurücklassen und lernen: "Gott ist ganz anders". Besonders einschneidend war für sie der Zusammenbruch des von Saul und David begründeten Königtums und des babylonischen Exils.
Es sind aber auch ganz neue Gotteserfahrungen hinzu gekommen. Im Auftreten Jesu machten seine Anhänger und einige Personen darüber hinaus die Erfahrung: "Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn!".Bezeichnenderweise lässt Markus dies den römischen, d.h. heidnischen Hauptmann, die die Hinrichtung Jesu beaufsichtigte, aussprechen. Im Rückblick auf das Leben Jesu entdeckten seine Jüngerinnen und Jünger immer deutlicher, dass in Jesu Art zu leben, zu reden und zu handeln, sich Göttliches manifestierte. Diese Überzeugung fand in der Rede vom "Sohn Gottes" seinen Ausdruck und seine Ausfaltung.
Doch damit nicht genug. Nach seinem Tod machten seine Anhänger die Erfahrung: Er lebt weiter in neuer Weise. Er wirkt weiter durch seinen Geist. Die Christen empfanden dies als ganz neue Epoche des Gottesglaubens. Da sich mittlerweile dieser Bewegung immer mehr Menschen aus dem multikulturellen Raum der römisch-griechischen Welt angeschlossen hatte, ergab sich die Notwendigkeit, ihre gesammelten Gotteserfahrungen in einer alle vereinenden Formel zum Ausdruck zu bringen, wie wir sie in den beiden großen Glaubensbekenntnissen überliefert bekommen haben.
Wir feiern heute das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit. Ist es mehr als eine historische Reminiszenz? Hat diese überlieferte Glaubensformel auch heute noch Bedeutung? Für mich wird darin der Raum abgesteckt, innerhalb dessen sich das christliche Reden von Gott bewegen kann.
Zunächst fordert mich das Bekenntnis zum 1 Gott in 3 Personen auf, die vielen Erfahrungsmöglichkeiten des Göttliches, die wir auch heute machen, einerseits ernst zu nehmen und andererseits kritisch zu diskutieren. Ich finde die Vielfalt, mit der wir heute konfrontiert sind, ungemein inspirierend. Doch auch wir haben hinsichtlich unserer Gottesvorstellungen einen Weg der Läuterung nötig. Ich bin z. B. den Anhängern eines "wissenschaftlichen" Weltbildes dankbar, die darauf aufmerksam machen, dass ein einfältiger (!) Kreationismus (Schöpfungsglaube) zu kurz greift. Zugleich bin ich aber sicher, dass die Schöpfer der biblischen Schöpfungserzählungen alles andere als naive Kreationisten waren. Sie haben in einer literarisch unübertroffenen Weise ihren Glauben, dass diese Welt von einem unfassbaren und unbegreiflichen Gott ins Dasein gerufen worden ist, zum Ausdruck gebracht. Umgekehrt kreide ich ihnen an, dass manche ihre naturwissenschaftlichen Einsichten und Standpunkte zu einer Glaubenslehre hochstilisieren.
Ich bin überzeugt, dass jede Glaubens- und Gotteserfahrung einen kleinen Ausschnitt des großen und überwältigenden Geheimnisses Gottes zum Ausdruck bringt. Die jüdisch christliche Tradition lehrt mich aber: Gott ist immer noch viel größer und er ist jenseits jeder menschlichen Vorstellung.
Einen wichtigen Gegenpol zum alles übersteigenden Geheimnis Gottes finden wir im Glauben an die Göttlichkeit und Gottessohnschaft Jesu. Johannes lässt ihn sagen: "Wer mich sieht, sieht den Vater". In Jesus wird anschaubar, wie der Glaube an Gott im konkreten Leben Gestalt gewinnen kann. Wer seine persönliche Gotteserfahrung in eine persönliche Lebensgestaltung einfließen lassen und umsetzen will, kommt an der Person Jesu nicht vorbei. Er hat uns einen Maßstab vorgegeben, mit dem sich jeder religiös lebende Mensch früher oder später auseinandersetzen muss.
Gott ist aber nicht nur eine geschichtliche Größe, die das gesamt Dasein geschaffen und den Kosmos bis jetzt gelenkt hat. Der Geist Gottes lenkt auch in der Gegenwart und in der Zukunft das, was er geschaffen hat. Damit rechne ich, darauf vertraue ich.
Ein bedeutsamer Aspekt des christlichen Gottesbildes ist die Vorstellung, dass Gott Person ist, bzw. dass uns Gott in 3 Personen begegnet. Dass ich als Person einem anderen Menschen begegnen kann, dass ich lieben kann und mich geliebt erleben kann, gehört für mich zur dichtesten Erfahrung des Menschseins. Ein Gott, der dies nicht könnte, wäre für mich kleiner als der Mensch. Dass Gott dem Menschen nicht nur als unfassbares Mysterium gegenübertritt sondern auch als Person mit ihm spricht und ihn liebt, macht einen wesentlichen Teil meines christlichen Gottesbildes aus.
Das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit lädt ein, sich über Gott Gedanken zu machen, das eigene Gottesbild zu überprüfen und es vielleicht auch zu erweitern. Es lädt aber auch ein, mit diesem Gott in Kontakt zu treten, mit ihm zu reden und ihm zu begegnen.
Herr, himmlischer Vater,
du hast dein Wort und deinen Geist in die Welt gesandt,
um das Geheimnis des göttlichen Lebens zu offenbaren.
Gib, daß wir im wahren Glauben
die Größe der göttlichen Dreifaltigkeit bekennen
und die Einheit der drei Personen
in ihrem machtvollen Wirken verehren.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB Dreifaltigkeitssonntag
Gott, unser Vater,
wir rufen deinen Namen an über Brot und Wein.
Heilige diese Gaben
und nimm mit ihnen auch uns an,
damit wir dir auf ewig gehören.
Darum bitten wir dich durch Christus, unseren Herrn.
MB Dreifaltigkeitssonntag
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Mit deinem eingeborenen Sohn und dem Heiligen Geist
bist du der eine Gott und der eine Herr,
nicht in der Einzigkeit einer Person,
sondern in den drei Personen
des einen göttlichen Wesens.
Was wir auf deine Offenbarung hin
von deiner Herrlichkeit glauben,
das bekennen wir ohne Unterschied von deinem Sohn,
das bekennen wir vom Heiligen Geiste.
So beten wir an
im Lobpreis des wahren und ewigen Gottes
die Sonderheit in den Personen,
die Einheit im Wesen und
die gleiche Fülle in der Herrlichkeit.
Dich loben die Engel und Erzengel,
die Cherubim und Serafim.
Wie aus einem Mund preisen sie dich
Tag um Tag und singen auf ewig
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Dreifaltigkeitssonntag
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen.
Die Sünde hatte die Menschen von dir getrennt,
du aber hast sie zu dir zurückgeführt
durch das Blut deines Sohnes
und die Kraft deines Geistes.
Wie du eins bist mit dem Sohn
und dem Heiligen Geist,
so ist deine Kirche geeint
nach dem Bild des dreieinigen Gottes.
Sie ist dein heiliges Volk,
der Leib Christi und
der Tempel des Heiligen Geistes
zum Lob deiner Weisheit und Liebe.
Darum preisen wir dich in deiner Kirche
und vereinen uns
mit den Engeln und
Heiligen zum Hochgesang
von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 8
Herr, unser Gott,
wir haben den Leib
und das Blut deines Sohnes empfangen.
Erhalte uns durch dieses Sakrament
im wahren Glauben und im Bekenntnis
des einen Gottes in drei Personen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Dreifaltigkeitssonntag
Die Aussage "Der Logos und der Heilige Geist sind Gott selbst" ist nicht eine Abschwächung oder Verdunkelung des richtig verstandenen Monotheismus, sondern seine Radikalisierung. Monotheismus als religiöse und theologische Aussage ist ja nicht eine abstrakt metaphysische Theorie über ein fernes Absolutum, sondern die Aussage des einzigen Absolutums gerade von dem Gott, mit dem wir es konkret in der Heilsgeschichte zu tun haben. Wenn dieser Gott der konkreten Heilsgeschichte darin seine absolute und unbedingte Selbstmitteilung in Geschichte und Transzendenz verwirklicht, dann darf auf der einen Seite die Verschiedenheit dieser Gegebenheitsweisen nicht geleugnet werden, darf aber diese Gegebenheitsweise andererseits nicht so zwischen den einen Gott und die mit Gott begnadete Kreatur geschoben werden, daß sie als bloß kreatürliche eben doch mehr den Abstand als die Nähe Gottes zur Kreatur konstituieren würde. Wenn und insoweit (was natürlich nicht bestritten werden kann) kreatürliche Vermittlungen zwischen Gott und den Menschen gedacht werden können und gegeben sind, und wenn diese im Bereich des religiösen Verhältnisses des Menschen zu Gott auftreten und so eine numinose Qualität haben, ist eigentlich die Gefahr eines ausdrücklichen oder verschleierten Polytheismus immer gegeben: Der Mensch greift zu solcher Vermittlung, hält sie absolut fest, bejaht sie wenigstens unausdrücklich in solchem absolutem Festhalten als Gott selbst, und sie ist doch in Wahrheit endliche Kreatur, die gar nicht Gott in sich selbst geben kann.
Der religiöse Monotheist steht darum für den Christen unausweichlich vor folgenden Alternativen: Entweder entmythologisiert er in einem theoretischen Monotheismus alle (wenn auch bleibenden und unvermeidlichen) Vermittlungen seines Verhältnisses zu Gott (gleichgültig, ob solche als Wort, Schrift, Sakrament, Institution usw. gedacht werden) als bloß kreatürliche, die letztlich den absoluten Gott in eine unendliche Ferne entrücken, und wird so zu einem bloß theoretischen Monotheisten, für den Gott so entrückt ist, wie die oberste Gottheit in sehr alten und primitiven Religionsgestalten, weil man sich konkret eben doch an diese partikulären und endlichen Vermittlungen ausdrücklich oder verhohlen polytheistischer Art halten muß und so die Religion praktisch doch wieder Andacht und numinose Verklärung der Welt wird; oder der Mensch nimmt den radikalen Monotheismus ernst, weigert sich aber dabei, die Gegebenheitsweise des monotheistischen Gottes für ihn selbst als selbstgöttlich zu verstehen, dann muß er die Gegebenheitsweise Gottes als radikal kreatürlich und endlich und diesseits des Abgrundes zwischen Gott und der Kreatur liegend verstehen und endet dann eben doch nur auch wieder in einem theoretischen und abstrakten Monotheismus, der Gott nur unendlich ferne sein läßt, und hält sich zwangsläufig im faktischen religiösen Vollzug an diese kreatürlichen Vermittlungen als dem für ihn eigentlich doch nur konkret in Frage kommenden Religiösen, ob dieses dann Gebot, Schrift, Bund Gottes usw. genannt werden mag. In beiden Fällen also wird er unsicher schweben zwischen einem abstrakten Monotheismus, der das Eigentliche des religiösen Monotheismus gar nicht radikal ernst nehmen kann, und einem verhohlenen Polytheismus, der jene geschöpflichen Wirklichkeiten faktisch doch absolut setzt, die ihm Gott vermitteln sollen, obwohl sie endlich sind. (Es scheint mir, daß man dieses Schweben zwischen einem abstrakten Monotheismus und einem uneingestandenen Polytheismus bis in die heutige abendländische Geistesgeschichte hinein verfolgen könnte, bis etwa bei Hölderlin, Rilke, Kerenyi, Heidegger usw.) Immer wieder wird versucht, zwischen dem Göttlichen und den Göttern zu unterscheiden.
Oder der religiöse Monotheist hat, getragen von Gottes Gnade selbst, die absolute Zuversicht, daß der absolute Gott an sich selbst ihm unbedingt nahe gekommen ist. Dann aber muß er die vermittelnden Gegebenheitsweisen selbst für göttlich im strengen Sinn des Wortes erachten. Er muß beides sagen, auch wenn er zu dieser Doppelaussage keine sie überbietende, sie aus einem ursprünglicheren Punkt verständlich machende höhere Synthese für diese Doppelaussage anbieten kann: Der eine, einzige Gott ist in zwei Gegebenheitsweisen als er selber dem Menschen nahe, und diese beiden Gegebenheitsweisen sind selber Gott. Diese nicht mehr übergreifbare Doppelaussage ist darum die Radikalisierung desjenigen Monotheismus, um den es sich in einer religiösen Dimension handelt. Denn der richtig verstandene monotheistische Gott ist der nahe Gott konkreter Heilsgeschichte. Nur wenn diesem in einem letzten Sinne geschöpfliche Vermittlungsweisen abgesprochen werden, sosehr es natürlich auch solche gibt, ist er wirklich der einzige und dennoch zugleich der nahe Gott, der als er selber in der Heilsgeschichte da ist. Der Satz von der Identität der Gegebenheitsweisen Gottes mit Gott selbst ist nur die andere Seite des Satzes, daß jede bloß kreatürliche Vermittlung zwischen Gott und Mensch diesen Gott in eine absolute Ferne rückt, aus einem konkreten Monotheismus einen abstrakten macht und den Menschen dann in der Konkretheit seines religiösen Lebens doch verhohlen polytheistisch sein läßt. Gott muß durch sich selbst zu sich vermitteln, sonst bleibt er letztlich fern und nur in dieser Ferne gegeben durch die zerteilende Vielfalt kreatürlicher Wirklichkeiten, die in Gottes Ferne hineinweisen. Das sagt der Satz von der Göttlichkeit der zwei fundamentalen Gegebenheitsweisen Gottes in der Welt, und er ist somit das radikale Ernstnehmen des konkreten Monotheismus.
Aus: Karl Rahner Lesebuch. Herausgegeben von Karl Kardinal Lehmann und Albert Raffelt. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien. 2004 (1982).

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