Die Adventszeit lädt uns zur Besinnung ein. Zwei Männer werden uns in diesen Wochen vor Augen gestellt, die unser Nachdenken anregen und befruchten sollen: Am zweiten Adventssonntag war es Johannes der Täufer, der Rufer in der Wüste, und heute ist es Josef, der Verlobte Mariens.
Johannes der Täufer glich mehr einer prophetischen Gestalt. Wortgewaltig trat er auf und rief zur Umkehr. Dabei sollen wir uns nicht nur vom Bösen abwenden, sondern das Gute mit Schwung und Kraft erstreben – also „umkehren“ als ein sich Hinwenden zum Guten. Christus soll mit seinem Wesen in unserem Inneren ankommen und Einzug halten, um unsere Herzen stark zu machen und die Sehnsucht nach dem Guten regelrecht als Leidenschaft in unsere Herzen und in unser Wollen zu legen.
Josef ist ein ganz anderer Typ als der Täufer. Er zieht nicht in die Wüste, kleidet sich nicht in Kamelfell, unterlässt es, andere aufzurütteln und ihnen ins Gewissen zu reden. Der Zimmermann aus Nazareth ist ein Alltagsmensch, ein Normalbürger. Was der Täufer verkündet und wozu er aufruft, das lebt und praktiziert Josef. An einem Beispiel aus seinem Leben wird uns dies im heutigen Evangelium aufgezeigt.
Josef ist innerlich tief getroffen und verletzt, als er von der Schwangerschaft seiner Verlobten erfährt. Fremdgehen, ihn betrügen, das war das Letzte, was Josef seiner Maria zugetraut hätte. Er ist zwar ein gutmütiger Mensch, aber ein Trottel ist er nicht. Darum denkt er auch nicht daran, dieses Unrecht, das ihm geschehen ist, wie ein Schwächling hinzunehmen. Nein, so lässt er mit sich nicht umgehen. Das lässt er sich von seiner Verlobten nicht gefallen. Für Josef steht fest: Er wird sich von Maria, seiner Verlobten, trennen.
Aber nun kommt, was Josef auszeichnet. Er hätte einen unheimlichen Wirbel entfachen können. Ein paar Bemerkungen in der Öffentlichkeit hätten genügt, um Schande und Blamage über Maria zu bringen und sie einem regelrechten Kesseltreiben an Ächtung und Brandmarkung auszusetzen. Warum sich Josef nicht auf diese vernichtende Weise an Maria rächt, warum er sie nicht in den Schmutz zieht, sie nicht einem öffentlichen Spießrutenlaufen ausliefert, begründet die Bibel mit dem Satz: „Weil Josef gerecht war, wollte er Maria nicht bloßstellen, sondern sich in Stille von ihr trennen“.
Ohne am Jordan den Täufer gehört zu haben, ohne in der Wüste Besinnungstage einzulegen, hat Josef für sich im ganz normalen Alltag verinnerlicht, was der Täufer denen, die zu ihm kamen, an Herz legte: Kehrt um, wendet euch dem Guten zu. Als Vorbild wird uns der Zimmermann aus Nazareth in diesen Tagen des Advents vor Augen gestellt. Wir sollen darüber nachdenken, wie wir uns verhalten, wenn uns aus unserer Sicht Unrecht geschieht. Josef hat Glück. Es zeigt sich, dass er mit seiner Vermutung falsch liegt. So einfach werden sich unsere Situationen sicher nicht auflösen. Wir werden gewöhnlich zu Recht feststellen: Uns ist wirklich Unrecht geschehen. Aber Josef handelt ja auch, bevor er Aufklärung über den Verlauf erhält, wie es zur Schwangerschaft Mariens kam.
Es ist bewundernswert, mit welcher Güte Menschen gegenüber er, ein einfacher Zimmermann, im Alltag sein Herz geformt hat. Josef weiß, dass Menschen schwach sein können. Er traut Maria ganz sicher keine Boshaftigkeit zu. Er wird alles als eine menschliche Schwäche Mariens eingeordnet haben. Was Josef daher auf keinen Fall will, ist, dass Mariens Leben wegen dieses Versagens ein für alle Mal verpfuscht ist oder vernichtet wird. Zu sehr kennt Josef das Kesseltreiben und seine verheerende Wirkung aus seinem Umfeld, in dem er lebt. Für ihn ist klar: Daran möchte er sich nicht beteiligen. In aller Stille will er sich daher trennen.
Welch ein Glück, welch eine Ermutigung, um sich wieder dem Guten zuzuwenden, ist es für jeden von uns, wenn wir mit unserem Versagen auf Menschen treffen, die ein Herz haben wie Josef. Welche enorme Kraft und welchen Auftrieb verspüren wir in uns, wenn wir erkennen: Der andere, an dem wir schuldig wurden, hat keine Freude daran, uns zu blamieren, uns bloßzustellen und zu demütigen oder einer umfassenden Verachtung preiszugeben. An diesem Punkt der Liebe an uns zu arbeiten, nämlich sich nicht zu rächen, nicht bloßzustellen, dem anderen nicht bewusst und gezielt Schaden zufügen, ist sicher nicht einfach. Aber es ist mit der schönste Punkt im Bereich der Liebe. Es gibt in unserem Leben kein beglückenderes Geschenk, als unseren Nächsten mit einem Herzen des Zimmermanns Josef zu begegnen. So tief wie wir aufatmen, wenn wir in unserem Versagen nicht verworfen werden, so beglückt atmen auch die Menschen an unserer Seite auf. Nichts ehrt uns mehr, als einen Josef nachzuahmen.
Lassen wir uns nicht lange bitten. Gehen wir diesen Punkt in unserem Herzen an. Bewegen und formen wir uns, damit auch wir keinen Menschen einer bitteren Bloßstellung oder Verwerfung ausliefern.
„Davon träumst du wohl“ - so sagt man schnell einmal, wenn man auf einen Menschen trifft, der für sich oder andere Leute merkwürdige Ideen im Sinn hat. Für nicht ganz nah dran an der Wirklichkeit hält man solche Menschen. „Davon träumst du wohl“ - meint auch immer ein wenig: Der ist nicht ganz ernst zu nehmen, mit dem musst du nicht rechnen. An anderen Stellen versucht man, mit Träumen ordentlich Geld zu machen: Teure Kredite und anderes Geld wird angeboten, um Träume sofort wahr werden zu lassen. Wer träumt, wird zum Goldesel, so die Botschaft.
Dabei geht doch ohne Träume nichts. In diesem Jahr ist es 50 Jahre her, dass der Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmte Rede mit den programmatischen Worten „I have a dream - ich habe einen Traum“ gehalten hat. Auch wenn sein Traum vielleicht nicht ganz und gar in Erfüllung gegangen ist, ein gutes Stück näher ist man seiner Verwirklichung zumindest gekommen.
Vor wenigen Tagen ist in Südafrika der Anti-Apartheid-Kämpfer und erste schwarze südafrikanische Präsident Nelson Mandela zu Grabe getragen worden: Seine 27-jährige Gefangenschaft ist von dem Traum begleitet gewesen, dass es allen einmal besser gehen kann. Mandela durfte schließlich erleben, dass dieser Traum Wirklichkeit wurde und die Politik der Rassendiskriminierung abgeschafft wurde. Etliche Stimmen bei seiner Beisetzung verwiesen darauf, dass dieser Traum wesentlich gewesen ist für die Person Mandela und darüber hinaus für die ganze Nation Südafrika.
Aber nicht nur an den Anfängen der großen Dinge dieser Welt stehen Träume. Zu träumen ist wichtige Grundlage der Entwicklung unseres Lebens. Wir fragen einander: Wovon träumst du? Und meinen damit: Erlaube dir, über dich selbst hinaus zu wachsen, selbst wenn dich die Wirklichkeit schon bald wieder auf die Erde zurückholt. Aber wer seine Grenzen nicht zumindest in Gedanken hin und wieder sprengt, verhindert sein eigenes Wachstum.
Auch schaffen wir in unseren nächtlichen Träumen unsere Erlebnisse des Alltags auf und sortieren sie in den Schatz unserer Erfahrungen ein. - Das gilt für die schönen Erfahrungen des Lebens, die das Leben leicht und unbeschwert machen; das gilt aber auch für alle Schrecken des Lebens, die als Träume sogar krank machen können. Aber wer gar nicht mehr träumt, lebt und erlebt nicht mehr.
Das galt auch für den jungen Zimmermann aus der Stadt Bethlehem in Judäa, dem gerade seine Zukunft zwischen den Fingern zerrinnt. Eigentlich ist ja alles gut: Ein Geschäft ist da und eine Frau, die er liebt. Alles sieht gut aus. Und plötzlich muss er feststellen, dass sich seine Verlobte zu einem veritablen sozialen Skandal entwickelt: Unverheiratet schwanger. Da Josef seine Verlobte aber dennoch liebt, will er die Situation schmerzfrei beenden. Ein Traum macht ihm einen Strich durch die Rechnung und weist ihn neue Wege. Gott sei’s gedankt. Wie wäre die Heilsgeschichte wohl verlaufen, wenn Josef sich nicht von seinen Träumen hätte leiten lassen. Stattdessen nimmt er sein Leben in Angriff und geht mutig ungewöhnliche Wege. Er gestaltet die Idee eines Lebens aus, das entgegen der Traditionen seiner Zeit verläuft. So wird er zu einer Schlüsselfigur im Heilsgeschehen, der allerdings später wenig Platz eingeräumt wird: Keiner der Evangelisten erinnert sich seiner nach der Kindheit Jesu. In der Heiligenbild-Tradition wird Josef oft schlafend dargestellt - in jenem Zustand also, in dem sich seine wichtigsten Lebenssituationen ereignet haben. Josef erlaubt sich das Träumen. Und in seinen Träumen erfährt er dasselbe, was der Prophet Jesaja dem König Ahas zusagt: Geh deine Wege - denn da ist der Gott, der mit dir ist.
Die großen Träumer der Geschichte halten uns durch ihre Beispiele vor Augen: Nur wer träumt - bei Tag und Nacht -, hat Freiheit. Und nur wer seine Freiheit zum Träumen nutzt, kann jenes »Leben in Fülle«, das uns die Heilsbotschaft Jesu verheißt, erahnen und zur Gestalt bringen. Das ist die Botschaft des Zimmermanns aus Bethlehem an uns.
Und - was bleibt von unserem Träumen in unserem Leben übrig? Erlauben wir uns das Träumen? Was kommt in unseren Träumen vor? Reichen unsere Träume hinaus über unseren Alltag? Wagen wir noch den Traum vom guten Leben für uns selbst, unsere engsten Kreise, haben wir politische Träume für unsere Gemeinde, unser Land? Haben wir Träume davon, wie diese Welt aussehen könnte?
Die großen Träumer der Geschichte haben in dieser Welt Spuren hinterlassen, weil für sie der Moment kam, da sie aus ihren Träumen erwacht sind und anfingen, das konkrete Leben zu gestalten. Und jeder Traum wird mit der Wirklichkeit auch anders. Das haben auch alle erfahren müssen, die das gewagt haben.
Der Traum des Josef, von dem wir heute hörten, endet mit einem Neuanfang: „Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“ Der zweite Traum mündet gar in einem Aufbruch: „Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten“, heißt es bei Matthäus. Seine letzten Träume, von denen wir lesen können, führen Josef und seine Familie schließlich von Ägypten zurück nach Galiläa.
Und wohin könnten uns unsere Träume führen?
Allmächtiger Gott,
gieße deine Gnade in unsere Herzen ein.
Durch die Botschaft des Engels
haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt.
Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.
MB 4. Adventsonntag
Gott, du Herr der Welt,
du hast alle Dinge geschaffen und den Menschen geboten,
die Mühen der Arbeit auf sich zu nehmen.
Lass alles, was wir beginnen,
dem Wohl unserer Mitmenschen
und dem Wachstum des Reiches Jesu Christi dienen,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB Besondere Anliegen 25
Kehrvers:
Freut euch: Wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade.
(GL 56,1)
Guter und treuer Gott,
wir bringen Dir unseren Lobpreis dar.
Wir haben allen Grund, Dir zu danken.
Denn Du hast Deinem Volk ein Zeichen gegeben,
dass Du der treue Immanuel bist, der Gott der mit uns ist.
Kehrvers
Maria hast Du erwählt,
die Mutter Deines Sohnes zu werden.
Vom Heiligen Geist hat sie den empfangen,
der die ganze Menschheit gerettet und erlöst hat.
Kehrvers
Josef hast Du erwählt,
an Vaters Statt für ihn zu sorgen,
weil er rechtschaffen war.
Er hörte im Traum auf die Stimme des Engels
und nahm Maria mit dem Kind zu sich.
Kehrvers
Dem Geist der Heiligkeit nach
hast Du Jesus eingesetzt als Deinen Sohn.
Durch ihn sind auch wir Deine geliebten Töchter und Söhne geworden,
durch ihn haben wir Gnade und Frieden empfangen.
Kehrvers
Darum preisen wir Dich mit allen Engeln
und singen wir Dir unser Lob:
Danklied, z.B. Den Herren will ich loben... (GL 395)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel,
zu danken und dein Erbarmen zu preisen.
Denn schon leuchtet auf der Tag der Erlösung,
und nahe ist die Zeit unsres Heiles,
da der Retter kommt
unser Herr Jesus Christus.
Durch ihn rühmen wir das Werk deiner Liebe
und vereinen uns mit den Chören der Engel
zum Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
Präfation vom Advent 5
Allmächtiger Gott,
du hast uns in diesem Mahl das Heil zugesagt
und uns schon jetzt Anteil daran gegeben.
Lass uns das Kommen deines Sohnes in Freude erwarten
und mache uns umso eifriger in deinem Dienst,
je näher das Fest seiner Geburt heranrückt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Adventsonntag
Gerecht sein wie Johannes der Täufer.
Eins zu eins, und noch ein bisschen mehr.
Gerecht sein wie der Zimmermann Josef,
eintreten für Frau und Kind, und für andere auch.
Gerecht sein wie Jesus,
auf Augenhöhe gehen zu den Menschen,
sogar noch unter sie.
Dann pulst in dir das Leben von Martin Luther King,
von Mutter Teresa, von Adolph Kolping,
und von den Vielen, die dem Evangelium gefolgt sind.
Dann treibt uns der Geist Jesu
zur größeren Gerechtigkeit.
Dann ist Ankunft des Herrn.
Aus: Roland Breitenbach / Stefan Philipps, Segen für Dich. Ein Begleitbuch durch das Jahr. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2005.
Wenn Engel teilhaben an der Welt Gottes, dann gilt wohl eher der Satz, den Richard Rohr, ein Franziskaner aus den Vereinigten Staaten, einmal gesagt hat: »Gott ist nicht nett, Gott ist kein Onkel - Gott ist ein Erdbeben.« Und so mag auch Rainer Maria Rilke recht haben, wenn er schreibt: »Jeder Engel ist schrecklich.« Es wird schon seinen Grund haben, dass Engel sehr oft bei ihrem Erscheinen den Menschen erst einmal die Zusage geben müssen: »Fürchte dich nicht!« Wenn Engel in unser Leben kommen, dann heißt es eigentlich, dass Gott selbst in unser Leben eingreift. Und das ist nicht immer nett und nicht immer zum Lächeln.
Aber wenn Gott in unser Leben eingreift, dann tut er es zu unserem Besten. Ja, die Botschaften Gottes, die die Engel manchmal übermitteln, sind nicht immer »leichte Kost«. Ein Bekannter von mir betet immer wieder einmal: »Großer Gott, lieb doch bitte nicht schon wieder mich, sondern lieb zur Abwechslung mal jemand anderen! Es ist immer so anstrengend, von dir geliebt zu werden!«
Aus: Andrea Schwarz, Gib dem Engel eine Chance. Gedanken und Geschichten zu Weihnachten. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2013.
Einen Namen hast du nicht.
Niemand soll dich rufen,
niemand außer Gott.
Du bist das Wort,
das Gestalt annimmt,
flüchtig, für einen Moment.
Du bist die Botschaft,
die zum Boten wird.
Du bist Bettler oder König,
Wachmann oder Wahrsagerin.
Du stehst an der Grenze,
damit wir Grenzgänger werden.
Du bist keine Bleibende,
damit du nicht zum Bild wirst.
Alles, was du bist, ist geliehen.
Aus: Susanne Niemeyer / Matthias Lemme, Brot und Liebe. Wie man Gott nach Hause holt. Kreuz Verlag in der Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013.
Ich will ein JA leben,
weil mir das NEIN den Atem nimmt
Ich will JA sagen zum Leben,
weil das NEIN nur Mauern baut
Ich will mein JA bewohnen
und das NEIN ins Haus bitten
Ich will im JA mir selber treu sein
und das NEIN wird mein Wächter sein
Aus: Sr. Heidrun Bauer SDS, Lichtblicke. Kunstverlag PEDA, Passau 2005.
verborgen im Dunkel
liegst du vor mir
sehnsuchtsvoll
erwarte ich dein Kommen
sehnsuchtsvoll
wag ich mich vor
Schritt
für
Schritt
die Angst im Nacken
Angst vor wem?
Angst wovor?
ich kenn mich nicht
bin nicht
zu Haus in mir
fühl mich nicht wohl
keiner kanns mir sagen
keiner solls mir sagen
will es selbst ergründen
... und Du mein Gott
wirst bei mir sein
Aus: Sr. Heidrun Bauer SDS, Lichtblicke. Kunstverlag PEDA, Passau 2005.

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