"Der Mensch denkt und Gott lenkt” - wer kennt diesen Satz nicht, der sich an das sechzehnte Kapitel des alttestamentlichen Buches der Sprüche anlehnt. Immer wieder führen wir ihn auf den Lippen, wenn wir erfahren müssen, dass wir zwar unsere Vorstellungen vom Leben und unsere Wünsche ans Leben haben, aber dass es oft ganz anders herauskommt. Vor allem fällt uns dieser Satz leicht auszusprechen, wenn wir tief in unseren Herzen zugeben müssen, dass unsere Vorstellung vom Leben eigentlich recht schief war und trotzdem alles am Ende gut heraus gekommen ist.
"Der Mensch denkt und Gott lenkt”. Der Satz ist wie die eine von zwei Seiten einer Medaille. Diese Worte heißen doch auch: Am Ende ist es immer nur Gott, der unser Leben regiert, bestimmt, lenkt und leitet. - Ja klar, denn: Welcher fromme Mensch würde das schon verneinen.
Und doch stellt sich die Frage: Warum sollen wir denn dann überhaupt noch denken? Warum sollen wir uns überhaupt noch entscheiden? Warum sollen wir Verantwortung für unser Leben übernehmen? Das ist ja wohl dann höchst überflüssig.
Heißt die Alternative gar wirklich so: Fromm sein oder aber das Leben selbst gestalten? Das Alte Testament schein es uns so vorzumachen - und wir haben es oftmals tief in unsere Herzen eingepflanzt.
Wer so denkt, glaubt und lebt, den muss der heutige Sonntag ganz außerordentlich herausfordern und durcheinander rütteln... Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt. Der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil. Das Weisheitsbuch Jesus Sirach weist uns darauf hin, dass es noch andere Gottesbilder im Alten Bund gibt. Mensch, triff deine Wahl, entscheide dich! Und wer wählt, wer sich entscheidet, der kann sich eben auch irren, der kann daneben liegen, der kann sündigen.
Keinem gebietet er zu sündigen, und die Betrüger unterstützt er nicht, so hörten wir. Und dennoch hat jeder Mensch die Freiheit, sich zu versündigen und Schlechtes zu tun. Das Buch Jesus Sirach hat ein freiheitliches Menschenbild und das Bild von einem Gott, der diese Freiheit ermöglicht. Es ist dieser Gott, der schon am Anfang der Zeiten sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat: Und auch dieser Weg war von Pleiten und Pannen gezeichnet, aber er führte ans Ziel.
Schließlich hat Gott in seinem Sohn sogar die Fesseln des Todes gesprengt und Leben in Fülle verheißen. Auch dieser Weg zu einem ewigen Leben kennt Sackgassen und falsches Abzweigen. Aber Gott lädt immer wieder ein innezuhalten, den Weg genau anzuschauen und gegebenenfalls zu korrigieren. Wer dem Ruf Gottes als Christ und Christin folgt, wählt seinen Weg, den er in seinem Leben gehen will und wählt vielleicht auch mal den falschen. Das ist das Risiko der Freiheit.
Und: Die Freiheit der Kinder Gottes gibt es nicht gratis. Das Geschenk der Freiheit ist zugleich auch die Verpflichtung zur Entscheidung.
Glücklicherweise bietet das Leben immer wieder Leitlinien zur Orientierung an, das Evangelium dieses Sonntags sogar in sehr eindringlicher Weise. Jesus hat klare Vorstellungen davon, wie Freiheit in rechter Weise gestaltet wird. Die Gesetze der Torah skizzieren ein Leben im Gleichstand: Ich muss dem anderen Menschen nicht mehr an Freiheit lassen, als ich selber habe. Jesus aber geht darüber hinaus. Seine radikalen Worten lassen erkennen: Die eigene Freiheit gestaltet nur in rechter Weise der Mensch, der verstanden hat, wo die Freiheit des Anderen beginnt, und der diese Freiheit des Anderen auch immer im Auge behält.
Das Geschenk der Freiheit ist also auch die Verpflichtung zur Verantwortung. Wer meint, hemmungslos frei sein zu können, hat sich schon verstrickt in Schuld gegenüber anderen. Und dazu ist es noch nicht einmal genug, einfach nur das Gesetz des Alltags in den Blick zu nehmen - es braucht mehr: Wirklich frei lebt nur, wer bereit ist, für die Freiheit des Anderen engagiert Sorge zu tragen. Und die Schritte zu diesem Tun lenkt nicht Gott, sondern der Mensch, der dem Ruf zur Freiheit Gottes folgt. Dieser Anspruch an unser Christsein ist nicht leicht. Gott fordert uns wahrlich heraus.
Wer sein Leben in Freiheit gestalten will, kann seinen Weg nicht anders gehen als in kleinen Schritten, weil er immer wieder anhalten muss, um zu schauen, was rechts und links passiert, weil er darauf Acht geben muss, was der Andere für seine Freiheit braucht.
Das tönt unglaublich anstrengend. Wer soll das schaffen? Leichter scheint das Leben doch, wenn ich die Hände zum Gebet falte und einzig darauf vertraue, dass Gott das Leben schon irgendwie lenkt. Und wenn nicht Gott, dann halt der Pfarrer, der Bischof oder der Papst. Oder irgendeine andere Autorität. Es müsste sich doch jemand finden lassen.
Ja, solche Autoritäten gibt es und sie gebrauchen unser Leben oft sehr gerne und dankbar, vor allem für ihre eigenen Zwecke. Das aber verschleiert unsere Gottesebenbildlichkeit. Unsere Hoffnung als Christinnen und Christen ist es doch, dass Gottes Geist uns ermutigt und befähigt, selbst und eigenverantwortet die richtigen Schritte zu gehen. Gott hat in Taufe und Firmung die Hand nach uns ausgestreckt und zugesagt, mit seiner Kraft in unserem Leben immer gegenwärtig zu sein. Und der Freiheit der Kinder Gottes wegen lohnt es sich, das Leben anzupacken und zu gestalten, im Kleinen wie im Großen: in den eigenen vier Wänden genauso wie rund um die Welt. Und dabei sind wir eben nicht allein. Das hat Gott schon dem Mose zugesagt. Aus dem brennenden Dornbusch hieß es doch: Ich bin dein Gott. Ich bin Jahwe: der Ich-bin-da.
Für jede Lebensphase, für jede Geschichte, auch für die olympischen Spiele gibt es ein Evangelium. Daher habe ich heute als Predigtthema gewählt: Das Evangelium und die Olympischen Spiele.
Am 7. Feber 2014 wurden die olympischen Spiele in Sotschi eröffnet. Jeder wird zugeben, dass diese Spiele auch der Politik dienen. Alle Welt soll die Macht der Großen sehen. Daher werden diese Spiele über das Fernsehen in fast alle Länder der Welt übertragen.
Doch Jesus zeigt uns, "was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat" (1Kor. 2,9): Gott selbst. Das ist der Sinn des Lebens: Gott zu erkennen und seinen Sohn, den er gesandt hat (vgl Joh 17,3). Jesus bringt uns nicht das olympische, sondern viel mehr, das himmlische Feuer.
Die olympischen Spiele in Sotschi sind ein weltliches Schauspiel. Doch viel größer war das himmlische Schauspiel in Jerusalem von Tod und Auferstehung Jesu. Als Jesus starb, "bebte die Erde, die Felsen barsten und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf" (Mt 27,51ff). Wahrlich, ein Schauspiel zwischen Himmel und Erde.
Aber eines überrascht uns alle bei der himmlischen Olympiade. Nicht die Person, welche die beste Leistung erbracht hat, ist der Größte, sondern der Mensch, der vor Gott ein Kind ist (siehe Mt.18,1).Warum ist das so? Bei Gott zählt nicht die Leistung, sondern die Liebe. Wer am meisten liebt, ist der Größte im Himmelreich. Und je mehr wir uns von Gott lieben lassen, desto mehr können wir tun.
Ein krebskranker Mann erzählt mir, dass ihn ein Lächeln des Kindes am meisten erfreut. Liebe ist das Größte, der Dreh- und Angelpunkt des Lebens.
Auf alles kann der Mensch verzichten, nicht aber auf die Liebe Gottes und der Eltern. Ein Kind läuft öfters Gott und den Eltern davon, aber es kehrt immer wieder zurück. Denn ohne Liebe kann es sich nicht entwickeln, ohne Liebe geht es unter. Wer sich aber von Christus lieben, berühren lässt, wird groß, glücklich und selig. Mit Christus kann ein Mensch jede Mauer überspringen, auch die Mauer des Todes. Wer liebt, hat nicht umsonst gelebt. So ein Mensch kann mit Paulus sprechen: "Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt. Nun liegt für mich die Krone bereit" (2 Tim 4,7f).
Wer über Olympiade und Evangelium nachdenkt, muss vor Gott ein Kind werden. Die Seligpreisungen die allen anderen vorangestellt ist, lautet: Selig die Armen, selig die Kleinen, denn ihrer ist das Himmelreich. Für wen Gott alles in allem wird, der hat gewonnen. Bei den weltlichen Spielen zählt die Leistung, bei den himmlischen Spielen die Liebe. Die olympischen Spiele in Sotschi enden am 23. Februar. Das himmlische Schauspiel der bedingungslosen Liebe Gottes aber hat kein Ende.
Gott, du liebst deine Geschöpfe,
und es ist deine Freude,
bei den Menschen zu wohnen.
Gib uns ein neues und reines Herz,
das bereit ist, dich aufzunehmen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 6. Sonntag im Jahreskreis
Gott, unser Vater,
dein Sohn ruft uns zu einer neuen
Gerechtigkeit auf, die aus dem Herzen kommt.
Gib uns die Kraft zu einem Handeln, das sich
für die Menschen und für das Leben entscheidet.
Durch Christus, unseren Herrn.
Barmherziger Gott,
das heilige Opfer reinige uns von Sünden
und mache uns zu neuen Menschen.
Es helfe uns, nach deinem Willen zu leben,
damit wir den verheißenen Lohn erlangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 6. Sonntag im Jahreskreis
(für Wortgottesfeiern)
Kehrvers:
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. (GL 616,5)
Oder:
Alles, was Odem hat,
alles, was Odem hat, lobe den Herrn! (619,1)
Guter Gott und Vater,
wir sind zusammengekommen, um dir zu danken
und unseren Lobpreis darzubringen.
In deiner Weisheit hast du die Welt geschaffen und geordnet.
Den Menschen gabst du Gebote und Vorschriften,
damit es ihnen wohl ergehe auf Erden.
Kehrvers
Deinen Sohn Jesus Christus hast du in die Welt gesandt,
damit er erfülle, was das Gesetz und die Propheten
angekündigt und verheißen haben.
Er hat uns den Sinn deiner Gebote erschlossen
und uns den Weg gewiesen, wie wir vor dir gerecht werden können.
Kehrvers
Dein Geist führt uns auch heute.
Er leitet uns an, Hass und Zorn zu überwinden,
Frieden zu suchen und uns miteinander zu versöhnen.
Er mahnt uns zur Gerechtigkeit.
Er bestärkt uns, Verantwortung zu tragen in allem, was wir tun.
Er lehrt uns, die Würde jedes Menschen zu achten.
Kehrvers
Wir preisen deine Weisheit und deine Treue
und stimmen ein in das Lob der ganzen Schöpfung.
Danklied, z. B. "Mein ganzes Herz erhebet dich" (GL 143)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben.
Denn in dir leben wir,
in dir bewegen wir uns und sind wir.
Jeden Tag erfahren wir aufs neue
das Wirken deiner Güte.
Schon in diesem Leben
besitzen wir den Heiligen Geist,
das Unterpfand ewiger Herrlichkeit.
Durch ihn hast du Jesus auferweckt von den Toten
und uns die sichere Hoffnung gegeben,
daß sich an uns das österliche Geheimnis vollendet.
Darum preisen wir dich
mit allen Chören der Engel und
singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 6
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
und dein Gnade zu rühmen.
So sehr hast du die Welt geliebt,
daß du deinen Sohn als Erlöser gesandt hast.
Er ist uns Menschen gleich geworden
in allem, außer der Sünde,
damit du in uns lieben kannst,
was du in deinem eigenen Sohne geliebt hast.
Durch den Ungehorsam der Sünde
haben wir deinen Bund gebrochen,
durch den Gehorsam deines Sohnes
hast du ihn erneuert.
Darum preisen wir das Werk deiner Liebe
und vereinen uns mit den Chören der Engel
zum Hochgesang
von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ....
MB Sonntage 7
Wir verkünden,
was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat,
was in keines Menschen Herz gedrungen ist,
was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
(1 Kor 2,9)
Oder:
Groß ist die Weisheit des Herrn,
stark an Kraft ist er und sieht alles.
(Sir 15,18)
Gott, du Spender alles Guten,
du hast uns das Brot des Himmels geschenkt.
Erhalte in uns das Verlangen nach dieser Speise,
die unser wahres Leben ist.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 6. Sonntag im Jahreskreis
Viele von uns kennen nagende Konflikte. Da gibt es den Streit zwischen Vermieter und Mieter, einen schwelenden Konflikt mit einer Kollegin, Reibereien mit den Nachbarn, Uneinigkeit in der Verwandtschaft. Die meisten von uns haben erlebt, wie belastend ein Konflikt ist, wie quälend es ist, wenn wir gegen jemanden Groll hegen; wie dieses Gefühl von Missgunst und Ablehnung in uns arbeitet, Energien bindet, uns schwächt und vom Wesentlichen abhält. Manchen von uns ist vielleicht auch Unrecht geschehen, Unrecht durch einen Menschen, der sich als selbstsüchtig und auf seinen eigenen Vorteil bedacht erwiesen hat. Und da stehen wir vor der großen Herausforderung, in einem solchen Fall menschliche Größe zu zeigen. Vergebung erfordert menschliche Größe. In einer Geste der Versöhnung geben wir uns selbst, will die Versöhnung tief und von Dauer sein. Es gibt Situationen - etwa wenn wir ungerecht behandelt werden -, in denen wir menschliche Größe im Vergeben zeigen müssen.
Was ist menschliche Größe? Ein beeindruckendes Beispiel für menschliche Größe finden wir in dem bewegenden Buch Alle Flüsse fließen ins Meer, der Autobiographie von Elie Wiesel, der als Sechzehnjähriger elf Monate in einem Konzentrationslager leiden musste, dort auch seine ganze Familie verlor. "Ich erinnere mich", schreibt Elie Wiesel, "an einen polnischen Rabbi, der sich am Ende von Jom Kippur bemühte, diejenigen zu trösten, die nicht gefastet hatten. ,Das Gesetz verlangt von den Juden nicht, daß sie unter Lebensgefahr fasten1, sprach er zu ihnen. ,In den Augen des Schöpfers, gelobt sei Er, ist es heute angebrachter zu essen, als sich zu kasteien.1 Er selbst hatte gefastet. Aufgrund seiner Schwäche wurde er bei der nächsten Selektion mitgenommen. Er bat seine Blockkameraden, ein Kaddisch für seine Seele zu sprechen. Der ganze Block betete für ihn."
Hier stellt sich ein Mensch in den Dienst Gottes; hier legt ein Mensch anderen Menschen keine Lasten auf, die er nicht selbst zu tragen bereit ist; mehr noch: er geht mehr als die verlangte Meile, wie es in der Bergpredigt heißt (Mt 5,41), er richtet sich selbst nicht mit milderem Maß als die anderen. Hier sehen wir menschliche Größe. Menschliche Größe ist ein Verzicht auf das Ausnutzen eines Spielraums, der uns zusteht. Um noch zwei Beispiele zu nennen: Ignatius von Loyola wurde im Jahr 1538 vom spanischen Kleriker Mudarra verfolgt, der mit hinterlistigen Methoden den Ruf von Ignatius beschädigte und dessen Arbeitsmöglichkeiten aufs Spiel setzte. Ignatius wurde nach einer offiziellen Untersuchung rehabilitiert. Mudarra geriet später mit der Inquisition in Konflikt, musste aus Rom fliehen und wandte sich an Ignatius, um durch dessen Intervention eine Milderung der gegen ihn verhängten Sanktionen zu erreichen. Ignatius kam dieser Bitte nach - großzügig, ohne an die Vergangenheit zu denken. Das ist menschliche Größe. Nelson Mandela wurde nach 26 Jahren 1990 aus dem Gefängnis entlassen und rief sofort zu einer Politik der Versöhnung auf, die sich nicht an Mechanismen der Vergeltung orientieren dürfe. Das ist menschliche Größe.
Aus: Alois Kothgasser / Clemens Sedmak, Geben und Vergeben. Von der Kunst neu zu beginnen. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2008.

Seit 1. Fastensonntag 1996 veröffentlicht ein Team von Priestern, Diakonen, Ordensleuten und pastoral engegierter Laien
spirituelle Impulse, Bibeltexte mit Erklärungen, Gebete für Gottesdienstfeiern und Denkanstöße für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres.
Verbesserte Suchfunktionen - Neue Exportfunktionen
Ab 1. Adventsonntag: Vorschläge für Wort-Gottes-Feiern
Schneller am Ziel
Die Unterseiten des Predigtforums kann man auch mit einer Kurzadresse erreichen:
Ihre Spende ermöglicht uns die Weiterführung und Weiterentwicklung des Predigtforums.