Sie kennen alle die Redewendung von den kleinen Sünden, die der liebe Gott sofort straft. Wenn das wirklich so wäre, dann müsste der Blinde so viel angestellt haben, dass ihm das Augenlicht genommen wird. Tatsächlich tritt die uralte Frage im Evangelium in den Vordergrund: "Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, dass er blind geboren wurde?" (Joh. 9,1-2). De Antwort Jesu folgt sofort: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden." (Joh.9,3).
Wir Menschen betreiben besonders in der Frage von Leid, Krankheit und Tod gerne Ursachenforschung. Einer oder einige waren oder sind die Katastrophenauslöser, die müssen ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen werden. Ähnlich lautet die Fragestellung im Buch Ijob. Nach all dem Unglück, das diesem gläubigen Mann materiell, gesundheitlich und auch geistig/seelisch widerfährt, kommen die Freunde und trösten ihn nicht wirklich. Irgendetwas hat er am Kerbholz, er verheimlicht etwas, soviel Leid und Unglück auf einmal. Ijob bekommt für seine Glaubenstreue, für sein Durchhalten im Leid alles mehrfach zurück. Aber auch das ist keine befriedigende Antwort darauf, warum es Leid gibt.
Durch Jahrhunderte bis heute bleibt die Frage nach dem WARUM aktuell. Alle Versuche einer Antwort greifen zu kurz. Im 17. Jhdt. noch glaubt der berühmte Barockprediger Abraham a Sancta Clara zu wissen, warum die Türken Wien belagerten und die Stadt beinahe eingenommen hätten. Seine Antwort: Besonders die Frauen kleiden sich modisch, streichen sich die Lippen an, tragen Stöckelschuhe, die Männer vergnügen sich, rauchen, trinken, sind nicht viel besser - somit verdienten sie eine gerechte Strafe Gottes für das ausschweifende Leben. Ganze Bibliotheken mit Fachbüchern aus Literatur, Philosophie, Theologie, versuchen Antworten zu finden - vergeblich! Wie absurd dieser Tun- Ergehens- Zusammenhang ist, zeigt sich an einem Menschen, der schon blind zur Welt gekommen ist. Was soll der vor seiner Geburt angestellt haben?
Das Johannes- Evangelium will uns sagen: Jesus setzt Zeichen zum Heilwerden. Das wird von einer doppelten Symbolik begleitet: dem Speichel und dem Wasser. Der Blinde wird von Jesus mit Speichel berührt und soll sich im Teich Schiloach reinigen. Speichel und Wasser haben heilende Wirkung. Dem Wasser des Teichs Schiloach, den man heute als solchen kaum noch erkennen kann, wurde zur Zeit Jesu besondere heilende Wirkung zugesprochen. Das Johannes-Evangelium deutet den Namen vom Hebräischen her als "Gesandter".
Es geht hier um das Wasser der Gihonquelle, die geschützt unter einem Felsen auch durch das Kidrontal in einer Wasserleitung nach Jerusalem geführt und in einem künstlichen Teich, dem Schiloahteich gesammelt wurde. Diese Wasserzufuhr sprudelt recht unregelmäßig, nach uralter Überlieferung nur dann, wenn es die Götter zulassen, bzw. dann wenn es JAHWE (in der Person Jesu) will. Dieses Wasser "sendet" nach dem Evangelisten Johannes Heil. Jesus selber bezeichnet sich als Quelle, "wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meint er den Geist, den alle empfangen sollten." (Joh.7,38-39).
Was bedeutet das alles? Heilung spielt sich auf doppelter Ebene ab: körperlich und auch geistig/seelisch. Jesus setzt nicht nur Zeichen körperlicher Heilung, sondern Heilung ist an allen Schriftstellen mit Glauben, mit Vertrauen verbunden. Wenn Vertrauen fehlt, kann Heilung nicht oder bestenfalls nur teilweise gelingen. Körper, Seele und Geist bilden eine Einheit. Der Blinde ist sehend geworden. Gott offenbart sich ihm in der Person Jesu. Als Geheilter legt er ein Bekenntnis ab: "Ich glaube, Herr!" (Joh. 9,38). Aus der Dunkelheit der Nacht, seiner Finsternis, kommt er zu Christus, dem Herrn, dem Kyrios.
Auch wir sind oft blind mit den Augen des Herzens. Vor allem mit der geistigen Not, blind gegenüber manchem Verzweifelten, gegenüber jenen, die ausgebrannt sind, nicht mehr weiterkönnen. "Wird schon wieder werden, reiß dich zusammen!" Das tröstende Wort, die helfende Hand können wie ein kräftiger Schluck frischen Wassers wirken, das wieder aufleben lässt. Gott ist immer auf der Seite jener, die Hilfe brauchen. Das zeigt auch die erste Lesung aus dem ersten Buch Samuel: David gegen Goliath.
Vierter Sonntag der Fastenzeit: Sonntag Laetare, Freudensonntag. Das Osterfest naht. Liturgische Farbe rosa, Zeichen der Morgenröte, Zeichen der aufgehenden Sonne, Hinwendung von der Finsternis ins Licht der Auferstehung. Jesus bringt auch heute mit diesem Evangelium die "Frohe Botschaft" und "Gute Nachricht", verbunden mit der Bitte: Glaubt und vertraut darauf!
Lieder:
GL 140: Kommt herbei, singt dem Herrn
GL 161: Du rufst uns, Herr, trotz unsrer Schuld (Kyrierufe)
GL 210: Das Weizenkorn muss sterben
GL 266: Bekehre uns, vergib die Sünde
GL 267: O Mensch, bewein dein Sünde groß
GL 268: Erbarme dich, erbarm dich mein
GL 273: O Herr nimm unsre Schuld
GL 274: Und suchst du meine Sünde
GL 291: Holz auf Jesu Schulter
GL 359: O selger Urgrund allen Seins
GL 366: Jesus Christus, duter Hirte
GL 377: O Jesu, all mein Leben bist du
GL 405: Nun danket alle Gott
GL 427: Herr, deine Güt ist unbegrenzt
GL 460: Wer leben will wie Gott auf dieser Erde
GL 464: Gott liebt diese Welt
GL Ö814: O höre, Herr, erhöre mich
GL Ö815: Sag ja zu mir, wenn alles nein sagt
Psalmen und Kehrverse:
GL 74: Wie könnt ich dich je vergessen, Jerusalem, du meine höchste Freude? - Mit Psalm 137 - I.
GL 517: Der Herr vergibt die Schuld und rettet unser Leben - Mit Psalm 24 (GL 38,2) oder mit Psalm 1 (GL 31,2) oder mit Psalm 40 (GL 41,2) - IV.
GL 518: Beim Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung - Mit Psalm 146 (GL 77,2) - VII.
GL 639,3: Beim Herrn ist Barmherzigkeit, bei ihm ist Erlösung in Fülle - Mit Psalm 130 oder mit Psalm 103 (GL 57,2) - II.
Herr, unser Gott,
du hast in deinem Sohn
die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben,
damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 4. Fastensonntag
Herr, unser Gott,
in der Freude auf das Osterfest
bringen wir unsere Gaben dar.
Hilf uns, gläubig und ehrfürchtig das Opfer zu feiern,
das der Welt Heilung schenkt und den Tod überwindet.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Kehrvers
Der Herr ist mein Licht und mein Heil. (GL 38,1)
Barmherziger Gott und Vater,
Wir treten vor dich, um dir Dank zu sagen.
Vom Beginn der Schöpfung an
ist dir am Heil aller Menschen gelegen.
Kehrvers
Das Volk, das du dir erwählt hast,
hast du zurückgeführt in das Land,
das du seinen Vätern gegeben hast
und ihm Freiheit und Lebensraum gegeben.
Kehrvers
Als die Zeit erfüllt war,
hast du deinen Sohn in die Welt gesandt,
damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Jeder, der an ihn glaubt, hat in ihm das ewige Leben.
Kehrvers
Allen, die im Glauben an ihm festhalten,
hat er den überfließenden Reichtum seiner Gnade gezeigt
und einen Platz im Himmel gegeben.
Dafür danken wir dir und loben wir dich
mit allen Engeln und Heiligen.
Danklied, z. B. Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (GL 484)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn durch seine Menschwerdung
hat er das Menschengeschlecht
aus der Finsternis zum Licht des Glaubens geführt.
Wir sind als Knechte der Sünde geboren,
er aber macht uns zu deinen Kindern
durch die neue Geburt
aus dem Wasser der Taufe.
Darum preisen wir jetzt
und in Ewigkeit dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Fastensonntag 4
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet.
Heile die Blindheit unseres Herzens,
damit wir erkennen, was vor dir recht ist,
und dich aufrichtig lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Symeon der Neue Theologe (949-1022) ist einer der größten Mystiker der orthodoxen Kirche. Er stammt aus einem vornehmen Geschlecht und hätte Karriere machen können am kaiserlichen Hof. Er wählt das Kloster Studios im Süden von Konstantinopel. Mit 20 Jahren hat er eine intensive Lichtvision, die sein Leben verändert. Überwältigendes Staunen steht am Anfang seines inneren Weges. Er erfährt Gott als Licht, nah und unfassbar. Es ist, wie wenn die Sonne, die wir alle sehen, in unser Herz herunterkommt. Staunend fragt Symeon: »Wie sollte er bei dieser Schau nicht außer sich und überwältigt sein vom Staunen, wie sollte er den nicht lieben, der ihm das Leben gibt?« Dieses Umflutetsein vom Licht führt ihn zu einer persönlichen Gottesbeziehung, zur Gottesliebe, die überall spürbar wird. Symeon hält an dieser Hoffnung fest, obwohl er auch viel Schweres erlebt, Ablehnung, Rivalität und Neid. Er lässt sich trotz Kritik nicht beirren und er traut allen Menschen eine intensive Gotteserfahrung zu, die verwandeln kann. Bei ihm taucht die Spannung zwischen Amt und Charisma auf, weil er alle Menschen ermächtigt, Gott in sich zu entdecken. Er konkretisiert damit, was seit Athanasios von Alexandria (298-373) in der griechischen Theologie aufscheint: »Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde.«
Aus: Pierre Stutz, geborgen und frei. Mystik als Lebensstil. Kösel Verlag, München 2008.

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