Die biblischen Lesungen wurden mit freundlicher Genehmigung der Ständigen Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet den Lektionaren 2018 ff entnommen. - © 2024 staeko.net. - vgl. Impressum.
Die Katholischen Bibelwerke in Deutschland, Österreich und Schweiz stellen auf ihren Webseiten ausführliche Kommentare und Anleitungen zum Lesen der biblischen Lesungen für Sonn- und Feiertage zum Download im PDF-Format zur Verfügung. Mit freundlicher Genehmigung der Katholischen Bibelwerke übernehmen wir die Kurzeinleitungen zu den Lesungen.
Lesung aus dem Buch Amos.
In jenen Tagen
sagte Amázja, der Priester von Bet-El, zu Amos:
Seher, geh, flieh ins Land Juda!
Iss dort dein Brot
und prophezeie dort!
In Bet-El darfst du nicht mehr prophezeien;
denn das hier ist das königliche Heiligtum und der Reichstempel.
Amos antwortete Amázja:
Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler,
sondern ich bin ein Viehhirte
und veredle Maulbeerfeigen.
Aber der Herr hat mich hinter meiner Herde weggenommen
und zu mir gesagt:
Geh und prophezeie meinem Volk Israel!
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Kv: Lass uns schauen, o Herr, deine Huld
und schenke uns dein Heil! – Kv
(GL 623,2)
Ich will hören, was Gott redet: /
Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen, *
sie sollen sich nicht zur Torheit wenden.
Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, *
seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. – (Kv)
Es begegnen einander Huld und Treue; *
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sprosst aus der Erde hervor; *
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder. – (Kv)
Ja, der Herr gibt Gutes *
und unser Land gibt seinen Ertrag.
Gerechtigkeit geht vor ihm her *
und bahnt den Weg seiner Schritte. – Kv
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Éphesus.
Gepriesen sei Gott,
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.
In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut,
die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
Durch sie hat er uns reich beschenkt,
in aller Weisheit und Einsicht,
er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,
wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.
Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen,
was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.
In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt
nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt,
wie er es in seinem Willen beschließt;
wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt,
die wir schon früher in Christus gehofft haben.
In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,
das Evangelium von eurer Rettung;
in ihm habt ihr das Siegel
des verheißenen Heiligen Geistes empfangen,
als ihr zum Glauben kamt.
Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung,
durch die ihr Gottes Eigentum werdet,
zum Lob seiner Herrlichkeit.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus
an die Gemeinde in Éphesus.
Gepriesen sei Gott,
der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.
In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut,
die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
Durch sie hat er uns reich beschenkt,
in aller Weisheit und Einsicht,
er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,
wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.
Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen,
was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Halleluja. Halleluja.
Der Vater unseres Herrn Jesus Christus
erleuchte die Augen unseres Herzens,
damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.
Halleluja.
Aus dem hl. Evangelium nach Markus.
In jener Zeit
rief Jesus die Zwölf zu sich
und sandte sie aus,
jeweils zwei zusammen.
Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister
und er gebot ihnen,
außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen,
kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen:
Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt,
bis ihr den Ort wieder verlasst!
Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt
und euch nicht hören will,
dann geht weiter
und schüttelt den Staub von euren Füßen,
ihnen zum Zeugnis.
Und sie zogen aus
und verkündeten die Umkehr.
Sie trieben viele Dämonen aus
und salbten viele Kranke mit Öl
und heilten sie.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die Aussendung der zwölf Jünger leitet im Markusevangelium eine neue Phase in Jesu öffentlichem Leben ein. Unter die Schilderung des vollmächtigen Wirkens Jesu und der Begeisterung der galiläischen Massen mischen sich Anzeichen einer drohenden Gefahr. Der Konflikt mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, aber auch mit dem galiläischen Machthaber Herodes Antipas tritt immer offener zu Tage. Jesus beginnt deutlich gegen sie Stellung zu beziehen.
Was vorher geschah
Vorher berichtet der Verfasser des Markusevangeliums von drei unerhörten Wundertaten Jesu, eine immer noch unglaublicher als die vorangegangene: von der Stillung des Sturms, der Heilung des Besessenen von Gerasa, den eine Legion Dämonen quält, und schließlich der Tat, die die letzte menschliche Grenze sprengt: die Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus (Mk 4,35 – 5,43).
Der Evangelist schildert Jesus als einen unwiderstehlich mächtigen Wundertäter, der Naturgewalten und Legionen von Dämonen mit ein paar Worten in die Schranken verweisen kann und vor dem sogar der Tod, der stärkste Feind des Lebens, seine Macht verliert. Jesus strahlt diese Heilungsmacht richtiggehend aus; eine blutflüssige Frau muss auf dem Weg zur Tochter des Jairus nur den Zipfel seines Gewandes berühren und wird schon geheilt von einem seit zwölf Jahren chronischen Leiden. Wo der Mensch Jesus ist, schießt Leben empor - so heftig und nicht aufzuhalten, dass einem ganz unheimlich zumute wird.
Um so erstaunlicher ist es, wenn es unmittelbar vor unserer Perikope von diesem "Kraftwerk" Jesus anläßlich eines Besuchs in seiner Heimatstadt Nazaret heißt, "er konnte dort kein Wunder tun" (Mk 6, 1-6a). Hier wird klar, dass die erstaunliche Vollmacht Jesu keine übernatürliche magische Begabung ist, sondern sich nur in einer vertrauensvollen Beziehung entfalten kann.
Wie es weiterging
Unmittelbar nach der Aussendung der Jünger wird erzählt, dass König Herodes Antipas von Galiläa in Jesus einen neuen Johannes sieht (Mk 6,14-16). Dass der Vergleich für Jesus lebensgefährlich ist, macht der Evangelist deutlich, indem er gleich anschließend von der Enthauptung des Täufers berichtet (6,17-29). Je mächtiger Jesu Wirken, je bekannter sein Name, desto mehr wachsen die drohenden Schatten.
Es folgen noch einmal drei Wunder-, bzw. Heilungsgeschichten. Danach beginnt die Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern und ganz allgemein mit der Frage, ob die Verheißung Gottes nur für Israel gilt oder auch für die Heiden.
Reich Gottes durch Heilung und Befreiung
Dazwischen wird erzählt, wie die Jünger ausgesandt werden. Anders als in der besser bekannten Parallelstelle in Mt 10 wird hier nicht gesagt, dass sie predigen, sondern dass sie Dämonen austreiben und Krankheiten heilen sollen - wie überhaupt bei Markus weniger das Lehren als das Weitergeben der frohen Botschaft durch veränderndes, heilendes Tun im Vordergrund steht.
Historischer Hintergrund
Zur Zeit, in der das Markusevangelium entstand (60-50 n. Chr.), gab es vermutlich bereits christliche Wandermissionare, die diese Form der Besitzlosigkeit praktizierten. Allerdings lebten sicher nicht alle Apostel auf diese Weise: Paulus ist stolz darauf, dass er sich - außer durch die Gemeinde von Philippi - von niemandem unterstützen ließ, sondern von seiner Hände Arbeit lebte. Offensichtlich wird die Anweisung Jesu als "Wegweiser" betrachtet, nicht als ein sklavisch zu befolgendes Gesetz.
Der Auftrag, mit dem Jesus seine Jünger aussendet – er gilt ja auch uns – überfordert uns. Aufs Erste. Es tut gut, ihm den Hymnus des Epheserbriefes gegenüberzustellen. Paulus vergewissert uns der bedingungslosen Liebe Gottes. Aus diesem neuen Selbstverständnis können wir in neuer Weise für die Menschen da sein.
Ehrlich gesagt: ich tue mich schwer mit solchen Texten in den Evangelien! Der Anspruch überfordert mich! Jesus sandte die Zwölf aus und sie „verkündeten die Umkehr. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke und heilten sie.“ Ist ja schön, dass das so war! Wunderbar! Aber: Sollen wir das nun auch so machen? Können wir das überhaupt? Was ist, wenn ich mich nicht imstande fühle, Dämonen auszutreiben und Kranke zu heilen? Was ist mein Auftrag? Wie erfahre ich, wozu ich gerufen bin?
Da kommt mir die Lesung aus dem Brief an die Gemeinde von Ephesus zu Hilfe. Paulus bzw. einer aus seinem Kreis hat den Brief geschrieben – einige Zeit nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, in einer Zeit, da es bereits gewachsene christliche Gemeinden gab. Dem Verfasser des Briefes geht es um das Christsein, um das zentrale Bewusstsein der Christen: Wer sind wir? Dier Brief an die Christen von Ephesus beginnt nicht mit einem Auftrag, sondern mit einem Lobpreis: „Gepriesen sei Gott, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus...“
Wir Christen sind zuallererst Gesegnete! Von Anfang an, von Urzeit her Gesegnete! Es heißt da tatsächlich: „Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt…“ Wir sind gedacht, geplant, geliebt – längst bevor wir denken, planen und lieben konnten! Jede und jeder von uns ist von Gott geliebt: von Gott, mit göttlicher, unendlicher Liebe. Ich bin gemeint: mit meinem Kopf, mit meinem Herzen, mit meinem Bauch, mit allem, was mich ausmacht! Gott macht keine halben Sachen. Er will uns total. Er will, dass wir leben, voll leben – als freie Menschen, eins mit uns selber, lebendig verbunden mit den Mitmenschen und mit Gott!
Freilich: wir können Ja sagen zu dem, wie Gott uns gewollt hat, oder wir können zögern oder auch Nein sagen. In der Geschichte war das Nein der Menschen jedenfalls deutlicher zu spüren als das Ja. Menschen haben ihr Inneres verkommen lassen, haben ihre Mitmenschen abgelehnt, verachtet, gehasst, ausgeschlossen, geschlagen, getötet. Sie haben die Verbindung mit Gott verloren, ja sich gegen ihn gestellt. Das Projekt Gottes mit den Menschen schien sich zur Katastrophe zu entwickeln.
Nein, so nicht! Ich lasse mich nicht abbringen – so sagt Gott – ich bleibe beim Segnen der Menschen! Gott lässt sich nicht abbringen von seiner Liebe zu den Menschen. Vielmehr nimmt er in Jesus die Menschheit, so wie sie ist, an sein Herz. In Jesus haben wir „die Erlösung durch sein Blut“ – heißt es im Brief nach Ephesus. Der Vater, Jesus und der Geist sind und bleiben verbunden, sind eins. Sie bleiben der eine Gott, auch dann, wenn Jesus ganz und voll Mensch ist und als Menschensohn die gesamte Menschheit vertritt, ihre Krankheiten und Nöte, ihre Schmerzen und ihre Gottverlassenheit, ihre Sünde und ihren Tod auf sich nimmt. Er weicht nicht zurück vor den Menschen, auch dann nicht, wenn sie ihn zum Tod verurteilen, ich auslachen, ihn aus ihrer Mitte eliminieren. Was tut Jesus? Er gibt sich hin, er liebt: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, meinen Lebenshauch!“ Was geschieht da? Es geschieht Gott; es geschieht die Liebe!
Wir Menschen sind, so wie wir sind, mit unserer Sünde, mit unserer Schwachheit, durch Jesus hineingenommen in Gott, hineingeliebt in das dreifaltige Leben Gottes: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sündennach dem Reichtum seiner Gnade“. Gnade bedeutet totale Zuwendung, liebende Umarmung!
Wenn wir aber bei Jesus und in Jesus sind, mit ihm sind, werden wir auch herausfinden, werden wir es erspüren, was für uns dran ist, was wir für die Menschen sein können und tun können, was unser Auftrag im Hier und Heute ist, wie wir auf unsere Weise als Christen da sein können, „Dämonen austreiben“ und „heilen“ können…
Die Jünger und Jüngerinnen Jesu wurden von ihm so sehr in den Bann gezogen, dass sie mit ihm gingen, bei ihm blieben; sogar über seinen Tod hinaus. Sie taten weiterhin, was sie mit ihm taten. Darin liegt auch die Herausforderung für uns heute.
Wir haben eine Erzählung gehört: aus einem Buch, das wir „Evangelium“, d.h. Botschaft zum Freuen nennen. Als Verfasser gilt Johannes Markus, ein unter den Christen der ersten Zeit bekannter Mitarbeiter des Apostels Paulus. Der Apostel Petrus nennt ihn liebevoll seinen Sohn (1 Petr 5,13). Als Zeit der Abfassung nimmt man an: vor dem Jahr 70 unserer jetzigen Zeitrechnung.
Warum interessiert uns diese Erzählung aus alter Zeit? Weil sie von Jesus, dem Christus, dem Gesalbten, handelt, und für die Christen die wichtigste Bezugsperson ist. Zu seinen Lebzeiten haben sich Menschen Jesus angeschlossen, Männer und Frauen. Einige waren immer um ihn, die Zwölf. Er hatte sie zu sich gerufen, mit ihnen gelebt, vieles mit ihnen besprochen und sie dann ausgesandt. Er nannte sie Gesandte, „Apostel“. Als Jesus gefangen genommen, zum Tod verurteilt und als Verbrecher hingerichtet wurde, sind sie abgehauen, bis auf einen. Dann geschah das Unerhörte: Jesus lebt – auf neue Weise, er begegnet ihnen, er sammelt sie neu und sendet sie neu.
Seitdem waren fast vierzig Jahre vergangen. In diesen Jahren erfahren seine Jünger, die Christen: das Leben mit Jesus geht weiter. Wenn sie in seinem Namen zusammenkommen, ist er bei ihnen. Und er wirkt mit ihnen – wie damals: „Sie zogen aus und verkündeten die Umkehr. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“ (Mk 6,12).
Nach vierzig Jahren war es gut, sich zu vergewissern: Tun wir das, was Jesus gemeint hat? Markus sammelt die Erzählungen über Jesus und fügt diese Erzählungen zusammen zu seinem „Evangelium“. Es besteht aus Erzählungen über Jesus von Leuten, die persönlich ihre Erfahrungen mit Jesus gemacht haben, vor und nach seinem Tod und seiner Auferstehung. So nennt z.B. Petrus, der Apostel Jesu, Markus seinen Sohn. Zwischen Petrus und Markus besteht ein Vertrauensverhältnis. Die Texte atmen die Erinnerung von Jesus-Kennern, von Leuten, die mit Jesus in äußerer und mehr und mehr in innerer Vertrautheit lebten.
Seit der Abfassung des Markusevangeliums sind 1950 Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert, die Situation der an Jesus Glaubenden hat sich verändert. Auch manche Worte haben ihre Bedeutung oder ihren Bedeutungshof verändert. Was kann es für uns heißen: „Sie zogen aus und verkündeten die Umkehr. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“? „Sie zogen aus…“ Wenn „sie“ inzwischen „wir“ sind, was dann?
Da ist es notwendig, auf die Rahmenvorgaben zurückzublenden, die in unserer Erzählung angegeben werden:
(1) Jesus „rief sie zu sich“: Das Erste ist die Beziehung zu Jesus, auch heute.
(2) Dann und nur dann sendet er: durch einen inneren Impuls oder auch durch eine kirchliche Beauftragung.
(3) Das „jeweils zwei zusammen“ wird durch die Erfahrungen der ersten Zeit des Christentums bestätigt: Paulus hatte auf seinen Reisen immer Gefährten bei sich. Jesus kann man zwar auch als Einzelner, aber wirksamer im Miteinander bezeugen. Nach einer Aussage im Matthäusevangelium hat Jesus verheißen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt.18,20).
Also: Angenommen, es geht uns miteinander um Jesus und seinen Auftrag, dann…
„Sie zogen aus“:
Es braucht Entscheidung! Für manche kann das eventuell Ortswechsel bedeuten. Immer aber geht es darum, sich zu öffnen und sich zu riskieren.
Sie „verkündigten die Umkehr“:
Jesus kennen zu lernen und seinen Lebensentwurf, kann man nicht einfach abhaken. Ich kann es mir und anderen nicht ersparen, das Leben neu zu justieren.
„Sie trieben viele Dämonen aus“:
Ich kann jedenfalls innerlich Jesus bitten: „Bitte befreie N.N. von diesen anscheinend übermächtigen Störungen!“ Manches, was den Menschen bedrängt und belastet, können wir aber auch durch Gespräch, durch gemeinsames Beten oder einen gut begleiteten Vergebungsprozess „austreiben“.
„und salbten viele Kranke mit Öl und heilten alle“:
Es tut gut, berührt zu werden. Es tut gut, wenn mir Heil und Heilung zugesprochen wird. Das gilt für das Sakrament der Krankensalbung. Das gilt aber auch für alle menschliche Zuwendung zum Kranken. Die Ärztin Dr. Liss Rankin nennt die Fürsorglichkeit den „Heilungsfaktor, der alles verändern kann“ (vgl. Liss Rankin: Mind over Medicine. Warum Gedanken oft stärker sind als Medizin, München 2014).
Schließlich noch ein Wort zu „alle“: „und heilten alle“.
Da stoßen wir an unsere Grenzen und sind eingeladen, unsere Begrenztheit, unser Nicht-alles-können, dem anzuvertrauen, der alles in Händen hat – so wie Jesus sich total dem Vater anvertraut hat, der ihn am Ölberg nicht erhört hat, aber etwas daraus gemacht hat, das allen Menschen zugutekommt: In der Auferweckung von den Toten hat ihn der Vater zum Urheber allen neuen Lebens gemacht, zum Ermöglicher des uns Menschen unmöglich Erscheinenden. Mit Jesus treten wir ein in das Leben, das uns endgültig bei Gott zu Hause sein lässt.
Jesus sendet seine Jünger aus mit dem Auftrag das Gleiche zu tun, das er tut. Um diesen Auftrag glaubwürdig ausfürhen zu können, braucht es Einfachheit und Aufrichtigkeit.
Wieder hören wir von einem Propheten. Diesmal ist es Amos. Er lebte im 8. Jhdt. vor Christus, war Maulbeerbaumzüchter und Großgrundbesitzer. Er lebte ca. 20 km südlich von Jerusalem am Übergang des Kulturlandes in die Steppe. Sein Berufungserlebnis zum Propheten dürfte so zwingend gewesen sein, dass er einfach folgen musste. „Der Löwe brüllt - wer fürchtet sich nicht? Gott, der Herr spricht - wer wird da nicht zum Propheten?“ (Amos, 3,8). Er weist dem Oberpriester des Reichsheiligtums auf viele Ungerechtigkeiten in diesem Land hin. Das ist der Auftrag, den JHWH ihm gibt, also eine unangenehme Nachricht für den Oberpriester, der von der Gunst des Königs lebt.
Auch für heute gilt: Wenn sich die Kirche mit ihrer guten Nachricht, mit dem Evangelium, nicht unabhängig von politischen Einflüssen und ideologischen Richtungen halten kann, wird sie mit ihrer Botschaft scheitern, weil sie dem Auftrag, das Wort Gottes zu verkünden, sei es gelegen oder ungelegen, nicht entspricht. Die Versuchung war und ist zu allen Zeiten groß, sich mit den Mächtigen zu arrangieren und auf die Armen zu vergessen oder sie nicht zu beachten.
Der Prophet muss auch unabhängig sein von materiellen Gütern, sowie Amos, Großgrundbesitzer und unabhängiger Bauer. Unabhängige Leute sollen damals und heute mundtot gemacht werden. Man sperrt sie ein oder droht ihnen Schwierigkeiten in ihrem beruflichen Fortkommen an, in totalitären System scheut man auch vor Mord nicht zurück. Man verleumdet sie. So geschieht es auch heute. Wir kennen dich ja. Da werden Schwachstellen gesucht und dann bloßgestellt.
Damit die Botschaft Jesu auch gut ankommt, sendet Jesus die Jünger zu zweit aus, nicht allein als Einzelkämpfer, obwohl so manch einer trotzdem unfreiwillig dazu gemacht wird. Es sollte nicht jeder gegen jeden aufstehen, sondern sie sollten einander schützen. Wir wissen ja sehr gut, wichtige Nachrichten, schwierige Probleme können immer in Gemeinschaft besser gelöst werden als nur von einem allein.
Auffällig ist auch, wie wenig der Mensch zum Leben braucht, wie primitiv auch manche Menschen leben (müssen). Die Zeiten der Pandemie geben Gelegenheit, nicht nur darüber zu jammern, was ein kleines Virus zusammenbringt, sondern auch das persönliche Leben neu zu ordnen. Wieviel an Ballast schleppen wir herum? Es ist gut, über unsere persönlichen Konsum- und Lebensgewohnheiten nachzudenken, auch das macht teilweise unabhängiger.
Jesus schickt die Jünger aus. Auch wir werden ausgesandt als Getaufte und Gefirmte. Die Menschen sollen sehen, was Christen auch in schwierigen Zeiten hoffnungsfroh macht. Die gute Nachricht Jesu ist zukunftsorientiert. Wer nur in der Vergangenheit lebt, nichts bewegen will oder kann, trägt bei zu Verbissenheit und Fanatismus. Wer nur die Gegenwart sieht, neigt zu einem einengenden Gesichtsfeld, wer nur in der Zukunft lebt, die Vergangenheit unreflektiert hinter sich lässt, kann gefährlichen Utopien aufsitzen. Wer den Himmel auf Erden will - das Paradies - schafft die Hölle. Das zeigen alle totalitären Systeme.
Das Evangelium zeigt die Missionsregel der frühen Kirche: hinausgehen zu den Menschen, zu allen, niemanden auszuschließen und auch zu heilen. Das Wort Gottes soll durch die Menschen heilend wirken durch das befreiende Wort, durch tatkräftige Hilfe, um das Liebesgebot sichtbar zu machen. Das ist Gottesdienst im Alltag. Tag für Tag haben wir menschliche Begegnungen, davon ist von großer Bedeutung, wie diese Begegnungen verlaufen. Versuchen wir unser Leben evangeliumsgemäß zu gestalten, mit dem Vater eins zu werden so wie dies auch Jesus in seiner Lebenszeit hier auf Erden getan hat.
Woran liegt es, dass heute Mission in manchen Weltgegenden so schlecht gelingt? Am Propheten Amos, an Jesus und seinen Jüngern sowie am Apostel Paulus können wir ablesen, worauf es in der Verkündigung der Frohen Botschaft ankommt.
Jesus erfüllt nicht nur seine eigene Sendung. Er schickt seine Jünger als Boten aus, die Frohe Botschaft zu verkünden. Dies ist uns auch heute aufgegeben.
Von Jesus und seinen Jüngern können wir lernen, wie Mission gelingen kann.
Jesus sendet seine Jünger aus, so wie er die Frohe Botschaft zu verkünden. Er gibt ihnen klare Regeln mit, damit die Botschaft auch ankommt. Der Geist dieser Regeln ist auch heute noch bedeutsam, damit die Weitergabe des Glaubens gelingen kann.
Um seine Heilsbotschaft möglichst vielen zu verkünden, sendet Jesus seine Jünger aus, wie wir im heutigen Evangelium hören werden. Sie sollen sich in Jesu Auftrag und ausgestattet mit großer Vollmacht auf den Weg machen.
Werden wir uns in diesem Gottesdienst neu bewusst, dass auch wir von Christus den Auftrag haben, seine Heilsbotschaft für andere sichtbar zu machen.
Viele, die am Sonntag den Gottesdienst mitfeiern, kommen, um hier Ruhe zu finden, um aufzutanken oder um sich einen Impuls für das Leben als Christ zu holen. Das ist gut so.
Messe ist zugleich aber auch Sendung. Die Wörter "Messe" und "Mission" sind miteinander verwandt. Den Frieden Christi, den wir hier finden, gilt es hinauszutragen in die Umgebung, in der wir leben.
Am Beginn des Gottesdienstes wenden wir uns Christus zu, der uns in seine Umgebung gerufen hat, uns zu Jüngern gemacht hat und der nun in unserer Mitte gegenwärtig ist.
Herr, Jesus Christus,
du hast uns vorgelebt, was es heißt, auf die Sendung des Vaters alle Hoffnung zu setzen,
und bist aufgetreten wie einer, der Vollmacht hat.
Herr, erbarme dich.
Dein Leben spiegelte deine versöhnende und freimachende Botschaft wider.
Christus, erbarme dich.
Du hast deine Jüngerinnen und Jünger mit Vollmacht ausgestattet
und sie in alle Welt gesandt.
Herr, erbarme dich.
Herr, Jesus Christus,
du hast als von Gott gesandter Prophet zu deinem Volk gesprochen.
Herr, erbarme dich.
Durch die Frohe Botschaft hast du uns reich beschenkt
mit Weisheit und Einsicht in das Geheimnis Gottes.
Christus, erbarme dich.
Du hast deine Jünger mit der Vollmacht ausgestattet,
den Ungeist zu vertreiben, zu heilen
und die Frohe Botschaft zu verkünden.
Herr, erbarme dich.
Gott, du bist unser Ziel,
du zeigst den Irrenden das Licht der Wahrheit
und führst sie auf den rechten Weg zurück.
Gib allen, die sich Christen nennen,
die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht,
und zu tun, was unserem Glauben entspricht.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 15. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
du bist denen nahe, die das Wort
deines Sohnes zu den Menschen bringen.
Auch uns hast du dazu berufen.
Mach uns zu glaubwürdigen Zeugen
deiner befreienden Botschaft.
Durch Christus, unseren Herrn.
„Gott hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm“ (Eph 1,10).
An diesen Christus wenden wir uns mit unseren Bitten.
Wir beten
für alle Menschen, die Sehnsucht haben nach einem erfüllten Leben:
dass sie dich finden!
Christus, höre uns! - Christus, erhöre uns!
Für alle, die dich gefunden haben:
dass sie dich näher kennen lernen!
Für alle, die dich kennen:
Lass sie die Gelegenheiten wahrnehmen, bei denen sie vom Leben mit dir Zeugnis geben können!
Für alle, die im kirchlichen Auftrag von dir sprechen:
Lass sie zu Zeugen deines Wirkens werden!
Für alle Bedrängten und Kranken:
Lass sie in der Begegnung mit anderen Heil und Heilung erfahren!
Für uns selber:
Gib uns den Mut, die Nähe zu dir und die Sendung durch dich zu riskieren!
Denn du hast uns erwählt, in dieser Zeit deine Jünger und Jüngerinnen zu sein und zu werden:
du, der du zu allen Zeiten zu den Deinen stehst! - Amen.
Christus ruft uns zur Einheit und Versöhnung auf.
In diesem Geist lasst uns miteinander und füreinander Gott bitten:
Für eine Kirche, die im Dienst an deiner Botschaft den Menschen dient ohne auf Anerkennung und Machterhalt zu spekulieren.
Für eine Weltordnung, in der nicht einige Mächtige Privilegien und materielle Vorteile durch Ausbeutung der ohnedies schon Benachteiligten anstreben.
Für alle, die sich in diesen Wochen mit ihren persönlichen Anliegen pilgernd auf den Weg zu einer Wallfahrt machen.
Für den Mut, sich eigene Schwächen einzugestehen und vertrauensvoll andere um Hilfe bitten zu können.
Für unsere Verstorbenen, dass sie am Ende ihres irdischen Wegs in deiner Nähe ihre ewige Heimat finden.
Dein Geist leitet uns bei der Suche nach dir und dem Sinn in unserem Leben.
Dafür danken wir dir jetzt und allezeit. - Amen.
Jesus Christus ist gekommen,
um den Frieden des Reiches Gottes in unsere Welt zu bringen.
Ihn bitten wir:
Wecke in allen Christen die Freude der Frohen Botschaft.
Mache die Getauften zu sichtbaren Zeichen
der Liebe Gottes zu den Menschen und zur ganzen Schöpfung.
Lass alle Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden,
einen Ort der Ruhe finden, wo sie ein besseres Leben beginnen können.
Lindere die Not der Menschen,
die durch Krieg und Gewalt traumatisiert sind.
Heile alle Menschen, die leiblich oder seelisch krank sind.
Inspiriere und stärke alle Menschen,
die sich dem Dienst der Verkündigung verschrieben haben.
Lass unsere Toten teilhaben an deinem himmlischen Reich.
Du, Herr, bist bei uns alle Tage und an allen Orten,
wohin dein Geist uns führt.
Wir danken dir für deine Gegenwart. – Amen.
Gott,
sieh auf dein Volk, das im Gebet versammelt ist,
und nimm unsere Gaben an.
Heilige sie, damit alle, die sie empfangen,
in deiner Liebe wachsen und dir immer treuer dienen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 15. Sonntag im Jahreskreis
Kehrvers:
Herr, wir danken dir! Herr, wir loben dich! Herr, wir preisen dich!
(gesungen nach GL 181,1)
Wir preisen dich,
Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus,
denn du hastg uns mit allem Segen deines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Kehrvers
In ihm hast du uns erwählt vor Erschaffung der Welt
und in Liebe hast du uns im voraus dazu bestimmt,
deine Töchter und Söhne zu werden durch Jesus Christus.
In deiner Liebe hast du uns reich beschenkt
mit aller Weisheit und Einsicht
und hast du uns das Geheimnis deines Willens kondgetan.
Kehrvers
Duch ihn haben wir das Wort der Wahrheit gehört,
das Evangelium von unserer Rettung.
Durch ihn haben wir das Siegel des Heiligen Geistes empfangen
als ersten Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen, der Erlösung.
Kehrvers
Darum stimmen wir ein in den Lobgesang der ganzen Schöpfung
und bringen wir dir unseren Dank dar.
Danklied, z. B. Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (GL 484)
Wir danken dir, heiliger, starker Gott.
Du lenkst die Geschicke der Welt
und sorgst für jeden Menschen.
Du versammelst uns zu einer Gemeinschaft,
damit wir alle dein Wort hören
und deinem Sohn im Glauben folgen.
Er ist der Weg - auf diesem Weg gelangen wir zu dir;
er ist die Wahrheit - sie allein macht uns frei;
er ist das Leben und erfüllt uns mit Freude.
Darum danken wir dir, Vater, für deine Liebe,
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Wir stimmen ein in den Gesang der Engel
und bekennen zum Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 2
Ausgesandt
Bin ICH gesandt von dir?
Kannst du MICH brauchen?
Mich, mit all meinen Fehlern,
meinen festgefahrenen Ideen?
Und was liegt vor mir?
Wege, die ich gehen kann,
Menschen, die auf mich warten?
Und wenn ich gehe, was nehme ich mit?
Offene Fragen, Vertrauen, zaghafte Freude,
dass du gerade mich brauchst?
Und der Friede, den ich bringen soll,
hat der Platz in mir?
Ausgesandt -
statt Brot im Gepäck,
statt Reserven im Rucksack
deine Zusage:
Du wirst Kraft haben,
weil ich sie dir gebe -
du wirst nicht allein sein,
ich bin mit dir:
Du bist ausgesandt
Botschaft zu bringen
von Frieden und Heil.
Herr, unser Gott,
wir danken dir für die heilige Gabe.
Laß deine Heilsgnade in uns wachsen,
sooft wir diese Speise empfangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 15. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
wir danken dir, dass du uns zutraust, gute Geister zu sein,
wir danken dir, dass du uns Kraft schenkst,
böse Gedanken und Ideen zu überwinden.
Wenn wir jetzt wieder in unseren Alltag aufbrechen,
bitten wir um deinen Schutz und Segen.
Für uns,
für die Menschen, mit denen wir jeden Tag zu tun haben,
auch für die Menschen, die uns das Leben manchmal schwer machen.
Wir gehören zu dir,
durch Christus, unseren Herrn.
Gott sagt nicht:
„Das ist ein Weg zu mir,
das aber nicht.“
Sondern er sagt:
„Alles, was du tust,
kann ein Weg zu mir sein,
wenn du es nur so tust,
dass es dich zu mir führt.“
Martin Buber, Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre. Gütersloher Verlagshaus 2001.

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Aber noch ist es nicht soweit. Zur Zeit des Amos, unter König Jerobeam II., erlebt das Nordreich Israel eine ungeheure wirtschaftliche Blüte. Gleichzeitig vertieft sich die soziale Kluft: Der wachsende Wohlstand der reichen Großgrundbesitzer hebt sich immer mehr von den Kleinbauern und Tagelöhnern ab. Außerdem folgt die herrschende Schicht immer weniger den "altmodischen" Jahwe-Überlieferungen, sondern orientiert sich mehr und mehr an der "vornehmeren" Kultur der Kanaanäer und Assyrer. Offensichtlich auch in religiöser Hinsicht – Ausgrabungen aus dieser Zeit belegen, dass es in fast einem Drittel der Haushalte kleine weibliche Götterfiguren gab. Man betete nicht mehr allein zu Jahwe.
In dieser Situation erlebt Amos, ein Vieh- und Maulbeerfeigenzüchter aus der Nähe von Betlehem, dass Gott ihn als Mahner und Rufer nach in den Norden schickt. Dort soll er das Volk aufrütteln und daran erinnern, was es heißt, Jahwe zu verehren: Der wahre Gottesdienst geschieht nicht in erster Linie durch Opfer und Kulthandlungen im Tempel, sondern durch gerechte Rechtsprechung und achtungsvolle, menschenwürdige Behandlung der Armen und Schutzlosen im Land. Darin hat Israel versagt und Gottes Rechtsordnung verletzt, stellt der Prophet Amos ungeschminkt fest. Diese himmelschreienden sozialen Zustände werden nicht ohne Folgen bleiben – auch wenn die Satten und Reichen sich darin wohlfühlen und keinen Änderungsbedarf sehen mögen. Letztlich, so die nüchterne Analyse des Propheten, werden Ausbeutung und der Zerfall des alten Zusammenhalts das Nordreich Israel zerstören. Eine Generation später ist es dann so weit.
Solche Androhungen, noch dazu von einem Mannes aus dem Süden, werden im Nordreich nicht gerne gehört, vor allem nicht in Bet-El, dem Reichsheiligtum des Nordreichs. Der Tempel von Bet-El ist nicht Hyde Park Corner in London, wo jeder predigen kann, was ihm gerade einfällt. Hier leben außer den Priestern auch eine festangestellte Kaste von Propheten, die den König beraten und ihm weissagen. Da sie von ihm abhängig sind, weissagen sie natürlich eher, was man "Oben" gerne hört. Amos ist dagegen kein "gelernter" Prophet von Berufs wegen, wie die Tempelpropheten von Bet-El ("ich bin kein Prophet und kein Schüler eines Propheten", sagt er), sondern ein Prophet aus Berufung. Er ist niemandem außer Jahwe verpflichtet, das aber ganz und gar. Der Ruf seines Gottes hat ihn aus seinem geruhsamen Dasein herausgerissen, in eine fremde und ihm feindliche Umgebung getragen und ihn Spott und Widerstand ausgesetzt.
Amos, ein Mann der es – um Gottes willen – unbequem hat. Ein unbequemer Mann auch für andere, der eine unbequeme Botschaft verkündet, und dafür büßen muß. Amazja, der Priester des Heiligtums, denunziert ihn bei König Jerobeam, weist ihn aus dem Tempel und legt ihm nahe, doch statt dessen den Bewohnern von Juda auf die Nerven zu gehen.
Ist Amos gescheitert? Wie lebt er mit seinen Erfahrungen in Bet-El? Ist er nach Tekoa zu seinen Maulbeerfeigen zurückgekehrt? Das Buch Amos schweigt darüber.
Wie auch immer es mit ihm weiterging – ich denke, dass ein Mann, der sich so unbedingt seinem innersten Ruf anvertraut hat, mit sich und seinem Gott im Frieden lebte.
Im Ausschnitt der Lesung wird die Frage des Rechtes zum prophetischen Reden angesprochen. – Amos selbst hat das herrschende System in Frage gestellt: Dass die funktionierende Wirtschaft und der Handel seiner Zeit nur einigen wenigen, nicht aber der Bevölkerung zu Gute kam. Deshalb kündete er den Untergang der Regierung an. Für ihn muss sich der Jahweglauben auch im tatsächlichen Handeln ausdrücken (also auch im gerechten Verteilen des Wohlstands).
In Amos 7,10-17 wird zuerst die Sicht des Amazja hinsichtlich der Prophetie dargestellt: es ist ein staatlicher Beruf (Verse 10-13); für Amos hingegen (Verse 14-17) ist der Prophet ein von Gott Berufener.
Mit einer sehr gesellschaftskritischen Botschaft wird auch Amos zur Zeit der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Blüte des Nordreiches Israel unter König Jerobeam II. (ca. 785-745 v. Chr.) von Gott beauftragt. Mit harten Worten kritisiert er das Luxusleben der Reichen, die die wirtschaftlich und sozial Schwächeren ausbeuten und unterdrücken. Mit seinem Ansatz: "Wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden, kann man sich auch mit den schönsten kultischen Feiern und den reichsten Schlachtopfern die Zuwendung Gottes nicht erkaufen" schafft er sich sehr viele Feinde, so daß er schon kurze Zeit nachdem er von seinem Heimatort Tekoa im Südreich, nahe bei Bethlehem von Gott weggerufen und als Prophet ins Nordreich gesandt wurde, wieder ausgewiesen wird.
Der Konflikt Amazja - Amos
Nach konkreten Anklagen, Strafansagen und Gerichtsreden beginnt im 7. Kapitel ein Zyklus mit 5 Visionen des Propheten. Die erste Vision verkündet den Untergang Israels im Bild einer Heuschreckenplage (Am 7,1-3), die zweite im Bild einer Feuersglut (Am 7,4-6), doch immer wieder verschont Gott das Volk. In der dritten Vision dürfte es sich nicht um ein Senkblei handeln, wie die Einheitsübersetzung deutet, sondern Amos schaut Gott, der auf der Stadtmauer steht und eine Art "Zinnschwert" in der Hand hält, als Symbol der kriegerischen Vernichtung des Volkes (Zenger, Erich, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 1995, 390)
Auf diese Visionen hin verklagte Amazja, der Priester von Bet-El wo Amos wirkt, den Propheten bei König Jerobeam. Amos bekommt Redeverbot und wird ausgewiesen.
Von Gott berufen
In dieser Situation unterstreicht Amos seine göttliche Sendung: Er ist kein bezahlter Tempel- und Hofprophet, auch kein Prophetenjünger aus einer Prophetenschule. Aus seinem Beruf und seiner gewohnten Umgebung wurde er herausgerufen, um für die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen. Als Bauer mit eigener Vieh- und Maulbeerfeigenzucht besaß er wahrscheinlich einen gewissen Wohlstand. Die Unabhängigkeit und das Selbstbewußtsein, mit der er auch in dieser Konfliktsituation auftritt, sowie die Tradition des nach ihm benannten Buches, die die bäuerliche Sprach- und Bilderwelt gut bewahrt hat, bestätigen diese Angaben.
Als von Gott beauftragter Prophet kann er sich nicht nur die schönen und angnehmen Seiten aussuchen und darf sich nicht von der menschlichen Meinung, auch wenn sie vom König selbst stammt, abhängig machen. Amos hat keine andere Wahl als seinen Hals zu riskieren und dem Volk weiterhin vor Augen zuführen was passiert, wenn es die gesellschaftlichen Mißstande nicht behebt.
Nach allen Drohungen und Gerichtsansagen endet das Buch Amos trotzdem mit einer Heilszusage. Alle Kritik die der Prophet übt, ist ausgerichtet auf die Utopie eines göttlichen Reiches hier auf der Erde. Darum ist nicht die Vernichtung des Volkes das Ziel des Propheten, sondern die Umkehr des Volkes und das Eingreifen Gottes, das die gerechten Zustände herstellen wird.