"Wir haben doch alle den gleichen Herrgott." Dieser Spruch, liebe Hörerinnen und Hörer, wird oft gebraucht. Er möchte fern von allen Unterscheidungen hinweisen auf das Gemeinsame der Religionen. Er gilt als Ausdruck von Großzügigkeit und Toleranz. Richtig daran ist, dass nicht nur die Christen an e i n e n Gott glauben. Sie wissen sich in dieser Überzeugung mit den Juden und Muslimen verbunden.
Doch in diesem Gemeinsamen erschöpft sich nicht der christliche Glaube. Das wird deutlich, wenn der Brief an die Epheserbrief bekennt: "Gepriesen sei Gott, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus." Ähnlich steht es im zweiten Korintherbrief. Christen glauben nicht nur wie andere Religionen an einen Gott, der die Welt geschaffen hat, sich seitdem um sie und die Menschen kümmert. Für Christen ist der Gott Jesu Christi maßgebend. Wer Gott wirklich ist, wissen Christen endgültig erst durch Jesus Christus. Christen schauen darauf, welche Beziehung Jesus von Nazareth zu Gott hatte, wie er von ihm gesprochen hat, wie er mit und vor ihm gelebt hat. Dabei fällt auf, dass Jesus ein einmaliges Verhältnis zu Gott hat, den er seinen und unseren Vater nennt. Andererseits möchte er seine Jünger in dieses besondere Verhältnis zu Gott einbeziehen.
In seinen Gebeten redet Jesus Gott als seinen Vater an. Diese Vertraulichkeit bestimmt seine Gottesbeziehung und damit sein Leben und Wirken, sein Erleben und Urteilen. So bevorzugt er es z.B. in aller Frühe, wenn es noch dunkel ist, aufzustehen, an einen einsamen Ort zu gehen, um allein zu beten. Diese Exklusivität wird auch nicht verwischt, wenn Jesus seinen Jüngern an seiner Anrede Gottes teil gibt: "So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel …" (Mt 6,9) Die einmalige, unüberbietbare Beziehung Jesu zu seinem Vater im Himmel zeigt sich besonders in seiner Anrede "abba", der Anrede eines Kindes, das seinen Vater liebt und ihm vertraut. Im Deutschen lässt sich das übersetzen mit "Papa". Das Judentum wagte diese intime Anrede bei Gott nicht. Doch Jesus hat auf diesen lieben Vater gesetzt. Von ihm hat er in seinen Gleichnissen gesprochen. Und er hat seine Anhänger ermutigt, ebenso mit Gott zu sprechen.
Es ist der Glaube der Bibel, dass Gott sein auserwähltes Volk, aber auch jeden Menschen liebt, und zwar so, als sei er der einzige auf der Welt. Deshalb kann jeder sagen und beten: "Mein Gott", "mein Vater im Himmel". Wenn aber Gott der Vater aller Menschen ist, dann sind auch alle seine Kinder und untereinander Brüder und Schwestern. Deshalb hat Jesus seine Jünger gelehrt, gemeinsam zu beten: "Unser Vater im Himmel".
Dies zu Gott sagen zu dürfen, hat Konsequenzen. Es verändert die Einstellung zum Leben. Ich fühle mich nicht als vaterloser Geselle, sondern weiß, zu wem ich gehöre. Ich habe ein Vaterhaus, in dem ich willkommen bin, geschehe, was da wolle. Wenn die Anrede "Vater im Himmel" meine Vorstellung von Gott bestimmt, stehen die Liebe und Sorge Gottes im Vordergrund. Auch dort, wo ich Gott wegen der Zumutungen meines Lebens nicht verstehe und mir sein Verhalten rätselhaft bleibt, rechne ich damit, dass er es gut mit mir meint. Bei allen Schwierigkeiten und Zweifeln traue ich ihm zu, dass er besser als ich weiß, was gut für mich ist, dass ich am besten fahre, wenn ich nach seinem Willen frage, so hart es dann auch werden mag, die Bitte "Dein Wille geschehe" zu leben.
Und immer, wenn ich Gott als Vater im Himmel anspreche, muss ich meine Schwestern und Brüder mitdenken. Das ist die Basis menschlicher Solidarität. Vor Gott, der "Vater unseres Herrn Jesus Christus" und "unser Vater im Himmel" ist, gibt es keinen Grund zu Über- und Unterordnungen, sondern nur das dankbare Bewusstsein, in die gleiche Zuwendung Gottes eingeschlossen zu sein.
Wenn man kleine Kinder beobachtet, wie sie sich ihre Welt erobern, dann ist das oftmals ein ganz amüsantes Schauspiel. Sie probieren aus, erleben Missgeschicke und je nach Fähigkeit, solche Erfahrungen zu verarbeiten, geschehen diese Missgeschicke öfter oder seltener. Dazu gehört dann vielleicht auch der berühmte Kontakt mit der heißen Herdplatte, nach dem eigentlich ein vorsichtigerer Umgang mit dem Gerät angesagt sein sollte.
Die einen lernen schneller, die anderen langsamer. Das Prinzip ist immer dasselbe: Eindrücke werden auf der Ebene der konkreten Erfahrung gemacht und anschließend - gleichsam - hochgerechnet auf ähnliche Situationen. Auf diese Art funktioniert nicht nur das individuelle Lernen von Menschen, sondern auch so manche erfahrungsgeleitete Wissenschaft. Nach einer Erfahrung versucht man, sich zu einer verallgemeinernden Theorie durchzuringen.
In einem solchen Verhältnis muss man den bekannten Einleitungstext zum Johannesevangelium und letztendlich das ganze Evangelium lesen. Viele Jahrzehnte nach dem Tod Jesu und im Angesicht der ersten Gemeinden in seiner Nachfolge reflektiert Johannes auf philosophischem Niveau seine Erfahrungen mit dem Mann aus Nazareth, der so nachhaltig in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Die Theorie des Johannes, also seine Theologie, versucht von der Erfahrung mit diesem Jesus eine Erklärung für sein Auftreten und sein Wirken zu finden.
Drei sehr zentrale Bekenntnisstellen des Johannesevangeliums sind dabei effektvoll eingesetzt: zum einen die Eingangsworte, die wir gehört haben, zum anderen der Satz "Ich und der Vater sind eins” (10,30) ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums und schließlich ganz am Ende die Aussage "Diese (Zeichen) aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes”. Im Wechselspiel von Erzählungen und Reflexionen versucht Johannes den Menschen, die ihn hören, das eigentliche Wesen Jesu verständlich zu machen: Dieser Mann ist Gottes Sohn, ist Gott selbst.
Dann stellt sich bald einmal die Frage: Warum so kompliziert, geht das nicht auch einfacher? Nun: Zunächst einmal ist der Autor des Johannesevangeliums ein Denker und Philosoph und liebt das Spiel mit der Sprache und den Gedanken, liebt das Ideenkonstrukt. Lassen wir ihm das doch! Wichtiger ist die Frage, warum es denn Johannes nicht einfach beim Erzählen von ausgefeilten Geschichten belassen hat, die unter die Haut gehen.
Erfahrungen, die wir Menschen machen, haben leider die Angewohnheit bald einmal wieder zu verblassen. Nach dem Griff auf die heiße Herdplatte braucht es die Reflexion, die Erklärung, das mahnende 'Siehst du, das macht man besser nicht' der Mutter, um abzuwenden, dass das ein nächstes Mal geschieht, wenn die Hand nicht mehr weh tut. Klar: Oft nutzen Mahnungen nichts, aber sie erhöhen doch die Chance zu lernen.
Ebenso steht es um die Erklärungen, Ausdeutungen und Philosophien eines Johannes: Allein das Kennen der Geschichten Jesu reicht nicht, - es bedarf der Ausdeutung, der Erhellung, der Weiterführung. Es bedarf des Wissens um die Absichten Jesu, um die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung für heute nachvollziehen zu können. Gottesbegegnung, Glaube als Erfahrung unseres Lebens und seine Reflexion als stetig vorangehende Verinnerlichung müssen einander unbedingt ergänzen. Das Johannesevangelium ist dafür ein hervorragendes, wenn vielleicht auch etwas kompliziertes Beispiel.
Mit dem gehörten Prolog legt der Autor des Evangeliums den roten Faden des Buches. Diese Reflexion trifft auf unser Ohr unmittelbar nach den Feiern des Geburtsfestes Jesu. Dieses Fest ist sehr massiv geprägt von eingehenden Stimmungen. Das wollen wir uns auf keinen Fall nehmen lassen und das ist auch gut und richtig so. Aber: Die Emotionen des Weihnachtsfestes sind zumeist, aber nicht immer nur schön. Die Zeitungsmeldungen der Festtage zeigen, dass gerade an diesen so stimmungsvollen Tagen auch viele Konflikte eskalieren, weil eben auch negative Gefühle an diesen so gefühlsbetonten Tagen hoch kommen.
Dann ist es umso wichtiger, damit dieses Fest unseres Glaubens nicht zu einem Happening verkommt oder zur tragischen Lebenssituation eskaliert, dass der Grund des Feierns nicht aus dem Blick gerät. Das ist die eindringliche Botschaft des Johannes: Wir feiern Weihnachten nicht allein - wenn auch wohl - wegen des Kerzenscheins und des Zimtduftes, sondern zu allererst aus diesem einen Grund: "Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns gewohnt / und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.”
Das so hochphilosophische Johannesevangelium ist somit auch eine eindringliche Einladung: Genießt wohl bei all den Feiern all das Schöne, das ihr erlebt! Aber vergesst dabei nie, was der Grund eures Feierns ist. Und dieser Grund trägt eben auch dann noch, wenn der Christbaum seine Nadeln längst verloren hat.
Herr, unser Gott,
heilige unsere Gaben
durch die Menschwerdung deines Sohnes.
Durch seine Geburt hast du allen Menschen
den Weg der Wahrheit gewiesen
und ihnen dein Reich verheißen.
Laß uns in dieser Feier verkosten,
was du denen bereitet hast, die dich lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag nach Weihnachten
Als gesungener Lobpreis ist das Lied GL 252 (»Gelobt seist du, Jesus Christ«) geeignet.
Oder Kehrvers:
GL 633,8: Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn.
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
er ist das Wort, durch das alles geworden ist
und das Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen
und Glanz und Elend des menschlichen Lebens mit uns zu teilen.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
durch ihn hast du uns erwählt vor der Erschaffung der Welt
und hast du uns berufen, deine Töchter und Söhne zu werden.
Durch ihn hast du uns die Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden
und an deinem Geist teilzuhaben.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
er ist das Licht, das unsere Finsternis erhellt
und jeden Menschen erleuchtet.
Er gibt uns Hoffnung und Trost in dunklen Stunden.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
durch ihn habe wir deine Weisheit und Liebe erkannt,
die alles Leben hervorgebracht hat
und zur Vollendung der Schöpfung führen wird.
Danklied, z. B. Jauchzet, ihr Himmel... (GL 251)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Herr, unser Gott,
befreie uns durch die Wirkung dieses Sakramentes
von unseren Fehlern und Sünden.
Erfülle unser Verlangen
und schenke uns alles, was wir zum Heil nötig haben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag nach Weihnachten
Gott wird Mensch
das hat Folgen
das bringt alles in Bewegung
das eröffnet Möglichkeiten
das macht betroffen
Gott wird Mensch
damit wird man
sich auseinander setzen müssen
damit wird man leben dürfen
damit sieht alles anders aus
Gott wird Mensch
für die Verlorenen
für die Verfolgten
für die Verachteten
Gott wird Mensch
und alle Welt
könnte sich freuen
und jedermann könnte aufatmen
und niemand müsste abseits stehen
Gott wird Mensch
in unseren Zeiten
in der heutigen Situation
in der Welt die nur eines braucht:
Gott wird Mensch und der Mensch wird Mensch.
Aus: Werner Schaube, Weihnachts-Puzzle. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1983.
Ich glaube an jesus christus
sohn des lebens bruder der menschen
erstgeborener aller schöpfung
der uns an unsere geschwister erinnert
die bäume und die vögel des himmels
schwester wasser und bruder feuer
er verbindet uns mit allem was lebt
auf unserem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
den sohn des lebens
das uns geschenkt wird
damit wir es weiter verschenken
er hat die kranken geheilt und die traurigen
er hat die hungrigen gespeist und die verzweifelten
ein mitarbeiter der schöpfung
die weitergeht an jedem tag
in unserer arbeit
wenn wir unsere heimat vor der plünderung schützen
unseren kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
sohn des lebens und einer armen mutter
politischer gefangener unter pontius pilatus
zu tode gefoltert auch heute in den polizeikellern
lagern und kriegen
die wir noch immer dulden
auf unserem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
den erstgeborenen aus dem tode
sie konnten ihn nicht fertigmachen
er ist von den toten auferstanden
er verbindet uns mit den toten vor uns
um die wir trauern
und den toten neben uns
die wir nicht gerettet haben
sie alle sind unsere schwestern und brüder
auf dem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus christus
kind des lebens
eine schwester für alle menschen
die wahrheit die uns frei machen wird
von dem zwang auszubeuten
und aus dem tode profit zu schlagen
In christus spüren wir den geist des lebens
in einer todessüchtigen welt
wir stehen auf mit ihm zu kämpfen
zu leiden und unser leben zu geben
bis gott sei alles in allem
auf unserm kleinen planeten erde
Amen
Aus: Dorothee Sölle, Mut. Kämpfe und liebe das Leben. Herder Verlag, Freiburg Basel Wein 2008.
Der Glaube ist mir in den fünfziger Jahren zugewachsen, in einer kirchlich stark engagierten Familie und in der Atmosphäre einer katholisch geprägten Schwarzwälder Kleinstadt. Ich habe mich nie bewusst für den Glauben entschieden, ihn auch nie ausdrücklich für mich entdeckt. Fasziniert haben mich seit Jugendtagen in erster Linie die intellektuelle Dimension und die kulturellen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Als Oberstufenschüler habe ich Rahner, Welte und Metz gelesen und dann folgerichtig auch primär aus intellektuellem und kulturellem Interesse Theologie studiert. Dagegen habe ich mich mit religiösen Übungen, gleich welcher Art (den sonntäglichen Gottesdienst ausgenommen), immer schwergetan, ebenso mit »Glaubensgesprächen«, die ins Persönliche gehen.
Mein Zugang zum Glauben ist heute mehr denn je ein indirekter. Er speist sich zum einen aus den Texten älterer Kirchenlieder, nicht zuletzt aus der Feder von Paul Gerhardt. Ich finde es ausgesprochen hilfreich und auch der Sache angemessen, nicht mit eigenen Worten über die Geheimnisse des Glaubens sprechen zu müssen, sondern Texte vergangener Zeiten zitieren zu können. Zu den indirekten Annäherungen an den Glauben gehören für mich neben der Poesie auch Werke der Architektur und vor allem der Musik. Man sollte mit der Rede von einem »ästhetischen Beweis« für die Existenz Gottes oder seine Offenbarung in Jesus Christus vorsichtig sein. Aber es gibt für mich die Evidenz eines romanischen, gotischen oder barocken Kirchenraums, die Evidenz der h-moll-Messe, der Matthäuspassion und der Missa Solemnis. Solche Musik kann nicht lügen. »Solange die Kantate dauert, bin ich gerettet. Aber auch die himmlischste Musik mündet ins Schweigen« (Albert von Schirnding).
Ich weiß nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit Theologie und Christentumsgeschichte viel über die verschiedensten Facetten praktizierten Glaubens und kirchlichen Lebens. Über dieses differenzierte Wissen bin ich auch froh, denn es hilft bei vielen Gesprächen oder Auseinandersetzungen über religionsbezogene Themen, die sich ja meistens im Vorfeld der eigentlichen Glaubensfragen abspielen. Aber gleichzeitig ist für mich der Glaube im Lauf der Zeit immer elementarer und damit auch in einem bestimmten Sinn geheimnishafter geworden. Es kommt mir zunehmend so vor, als sei der christliche Glaube so etwas wie ein kostbarer und gleichzeitig rätselhafter Kern, den es immer wieder vorsichtig zu umkreisen und an den es sich anzunähern gilt, den man verfehlt, wenn man ihn vorschnell oder plump bejaht und damit enträtselt. In diesem Sinn gibt es für mich als Glaubenden eine Solidarität mit nichtglaubenden Zweiflern und Skeptikern. Aber ich habe auch unverhohlenen Respekt vor Menschen, die ihren Glauben aus einer letzten Sicherheit, aber gleichzeitig unspektakulär leben und bezeugen. Es braucht vermutlich beides.

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