Es liegt etwas in der Luft: Ein Asket predigt in der Einöde - und die Menschen eilen zu ihm. Was sie wohl bewegt? Kein Zweifel: Sie wollen ihn hören. Scheinbar hat es die Runde gemacht in Dörfern und Städten: Ihr müsst zu ihm gehen! Verliert auch keine Zeit! - Ein Event? Ein Erlebnis? Nichts von beidem - oder nur am Rande. Es ist die Botschaft, die Beine und Herzen in Bewegung bringt. Die Botschaft ist einfach, fast schon genial, dabei spannungsgeladen: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!
Mich fasziniert diese Szene. Menschen wollen umkehren. Sie suchen jemanden, er ihnen dabei hilft. Sie sind auch bereit, sich etwas sagen zu lassen. Eine tolle Erfahrung! Ob ich mich ihnen anschließen möchte? Gleich heute?
Eigentlich wüsste ich gerne mehr von den Menschen, die sich damals auf den Weg gemacht haben. Was trieb sie um? Was bedrückte sie? Waren sie schuldig geworden? In eine Sackgasse geraten? Meine Neugier befriedigt der Evangelist nicht. Nicht einmal ein Gesicht lugt aus der Geschichte heraus. Dafür hat Matthäus eine ganz andere Geschichte in Szene gesetzt. Wer sie kennen wollte, kannte sie - eine Geschichte aus Babylon. Sie ist zwar lange zurück, aber dennoch lebendig wie eh und je. Darf ich sie kurz erzählen?
Das Volk Israel war nach Babylon deportiert worden. Vorher war die Stadtmauer geschleift worden, der Tempel geschändet, dem König die Augen ausgestochen. Inzwischen gingen die Jahre ins Land. Auch in der ungeliebten Fremde gehen Jahre ins Land. Irgendwann ist selbst die kleinste Hoffnung aufgerieben. Für die Menschen war das besonders schlimm, weil Gott, ihr Gott, sie scheinbar fallengelassen hatte. Der Vertrauensverlust wog schwer. Unheilvoll und dunkel lag die Zukunft vor ihnen. Einer in ihrer Mitte ist Jesaja, ein Prophet. Er hat das Unheil kommen sehen, weiß jetzt aber einen Weg:
Tröstet, tröstet mein Volk, / spricht euer Gott.
Redet Jerusalem zu Herzen / und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, / dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten / von der Hand des Herrn / für all ihre Sünden.
Eine Stimme ruft: / Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße / für unseren Gott!
Jedes Tal soll sich heben, / jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, / und was hüglig ist, werde eben.
Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, / alle Sterblichen werden sie sehen. / Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
Ein neuer Weg. Er soll gebahnt werden. Für Gott. Mit ihm beginnt eine neue Zeit. Seht ihr in kommen? Und ich sehe die Menschen mit offenen Ohren und Augen. Es wird auch für sie alles neu, darf ich sagen: gut? Sie werden aus der Vergangenheit heraustreten, nicht länger Gefangene ihrer Erinnerungen sein, Zukunft haben. Was für eine Vision: ein freier, schöner, ebener Weg. Für Füße, die schon genug Höhen und Tiefen durchschritten haben. Obwohl von Gottes Weg die Rede ist: ich werde meine Füße auf ihn setzen. Ich werde tief durchatmen. Ich werde sogar das Ziel sehen können. Unverstellt. Kein Tal dazwischen. Kein Berg.
Heute wird uns Johannes vorgestellt als Prediger in der Wüste. "Straßenbauer" ist er - und Tröster. Ein Mensch, der Halt zu geben vermag, über den Tellerrand hinaussehen lässt, einen guten Weg ebnet. Das ist die alte und schöne Bedeutung von "Trost". Das macht auch einen Propheten aus. Wir hören: Das Himmelreich ist nahe!
Der Weg dahin: Umkehr!
Als Kind habe ich mich immer gefragt, warum in der Adventszeit von "Umkehr", von "Buße" - ein anderes Wort dafür - die Rede ist. Ich stellte mir vor, wie das ist, zurückzugehen. Meine bescheidenen Versuche sind alle kläglich gescheitert. Ich merkte, nicht einmal das letzte Wort zurückholen zu können. Wenn es einmal draußen ist. Irgendwann wurde mir der Gedanke aber auch immer suspekter: Ich kann doch nicht immer nur rückwärts gehen, an einen alten Ausgangspunkt zurückkehren wollen. Womöglich alte Fehler noch einmal, wenn auch anders, machen. Ich gehe doch immer weiter, nach vorne, sozusagen. Was hinter mir liegt, gleicht einem Schatten. Ich nehme, schleppe ihn mit - hinter ihn entwischen kann ich nicht. Ist "Umkehr" vielleicht nur ein Traum?
Jetzt freue ich mich, Johannes zu hören. Er sagt, dass das "Himmelreich" nahe ist - also Gott, sein Reich, seine Zukunft. Jesus kommt in den Blick. Ich kann ihm entgegengehen, mich ihm öffnen, ihn aufnehmen. Ich kann neu anfangen. Also nicht einfach nur weitergehen. Ab heute muss nicht alles nur laufen oder funktionieren, ich nicht, die anderen auch nicht.
Eine neue Zeit bricht an. Sie ist ganz von der Liebe, von der Verheißung Gottes bestimmt. Menschen merken das, wenn sie einander vergeben können, wenn ihnen die Kraft zuwächst, alten Geschichten ein liebevolles Gesicht zu geben, wenn sie der Hoffnungslosigkeit ihre Hoffnung gegenüberstellen. Mutig und unbeirrt.
Das größte Geheimnis dieses Wortes "Umkehr" ist, dass Gott sich zu uns - kehrt. Umkehrt. Das Wort gefällt mir immer besser. Ich sehe jetzt Jesus. Von ihm sagt Johannes: "Er, der nach mir kommt, ist stärker als ich ... Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen". Dann gibt es kein Zurück mehr.
Eine Aufbruchgeschichte also, die uns heute unverhofft zugemutet wird. Lange vor Johannes hat Jesaja für sich einen Lebensauftrag darin gesehen, Mut zu machen - und Vertrauen zu wecken. Wir sind in der glücklichen Lage, in seine Predigt hineinhören zu können:
Eine Stimme sagte:
Verkünde! / Ich fragte: Was soll ich verkünden? Alles Sterbliche ist wie das Gras / und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, / wenn der Atem des Herrn darüber weht. /
Wahrhaftig, Gras ist das Volk.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, / doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.
Steig auf einen hohen Berg, / Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, / Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! /
Sag den Städten in Juda: / Seht, da ist euer Gott.
Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, / er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: / Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.
Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, / er sammelt sie mit starker Hand.
Die Lämmer trägt er auf dem Arm, / die Mutterschafe führt er behutsam.
Es liegt etwas in der Luft: Ein Asket predigt in der Einöde - und die Menschen eilen zu ihm. Was sie wohl bewegt? Kein Zweifel: Sie wollen ihn hören.
Mich fasziniert diese Szene. Ich möchte umkehren. Ich suche jemanden, der mir dabei hilft.
Kommt, lasst uns den Weg gemeinsam gehen!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Allmächtiger und barmherziger Gott,
deine Weisheit allein zeigt uns den rechten Weg.
Lass nicht zu,
dass irdische Aufgaben und Sorgen uns hindern,
deinem Sohn entgegenzugehen.
Führe uns durch dein Wort und deine Gnade
zur Gemeinschaft mit ihm,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB 2. Adventsonntag
Barmherziger Gott,
wir bekennen, dass wir immer wieder versagen
und uns nicht auf unsere Verdienste berufen können.
Komm uns zu Hilfe, ersetze, was uns fehlt,
und nimm unsere Gebete und Gaben gnädig an.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Adventssonntag
Kehrvers:
"Wir loben dich, wir danken dir, wir beten dich an"
(aus dem Gloria GL 131)
Lasst uns Gott unseren Dank und unseren Lobpreis darbringen:
Heiliger Gott und Vater, wir preisen dich und danken dir,
dass du uns in deiner Barmherzigkeit die Möglichkeit zur Umkehr lässt.
Kehrvers
Wir danken dir,
dass du uns durch prophetische Menschen immer neu zur Umkehr rufst.
Du forderst uns auf,
die Straßen auf denen der Messias zu uns kommt,
zu ebnen und ihm den Weg zu bereiten.
Kehrvers
Wir danken dir für die Taufe,
durch die wir deine Töchter und Söhne geworden sind.
Durch sie hast du uns mit deinem Heiligen Geist ausgestattet,
Er befähigt uns, Früchte hervor zu bringen, die dir gefallen.
Kehrvers
Wir danken dir,
dass wir deinen Sohn Jesus Christus erwarten dürfen
der unserer Welt endgültige Gerechtigkeit und endgültigen Frieden bringen wird.
Wir stimmen ein in den Lobgesang aller Heiligen und singen:
Danklied, z. B.: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (GL 484)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Von ihm redet die Botschaft aller Propheten,
die jungfräuliche Mutter trug ihn voll Liebe in ihrem Schoß,
seine Ankunft verkündete Johannes der Täufer
und zeigte auf ihn,
der unerkannt mitten unter den Menschen war.
Er schenkt uns in diesen Tagen die Freude,
uns für das Fest seiner Geburt zu bereiten,
damit wir ihn wachend und betend erwarten
und bei seinem Kommen
mit Liedern des Lobes empfangen.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Advent 2
[HTML] Er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit,
den Armen und den, der keinen Helfer hat.
Er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen,
er rettet das Leben der Armen.
Sein Name soll ewig bestehen
so lange die Sonne bleibt, sprosse sein Name.
Glücklich preisen sollen ihn alle Völker
und in ihm sich segnen
(Psalm 72)
Oder:
Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht, damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist. Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.
(Röm. 15,5-7)
Oder:
Eine Stimme ruft in der Wüste:
Bereitet dem Herrn den Weg!
Ebnet ihm die Straßen!
(Mt 3,3)
Und suchst du meine Sünde,
flieh ich von dir zu dir,
Ursprung, in den ich münde,
du fern und nah bei mir.
Wie ich mich wend und drehe,
geh ich von dir zu dir;
die Ferne und die Nähe
sind aufgehoben hier.
Von dir zu dir mein Schreiten,
mein Weg und meine Ruh,
Gericht und Gnad, die beiden
bist du - und immer du.
Schalom Ben-Chorin (um 1950), in: EG 237.
Gott, heilger Schöpfer aller Stern,
erleucht uns, die wir sind so fern,
daß wir erkennen Jesus Christ,
der für uns Mensch geworden ist.
Denn es ging dir zu Herzen sehr,
da wir gefangen waren schwer
und sollten gar des Todes sein;
drum nahm er auf sich Schuld und Pein.
Da sich die Welt zum Abend wandt,
der Bräut'gam Christus ward gesandt.
Aus seiner Mutter Kämmerlein
ging er hervor als klarer Schein.
Gezeigt hat er sein groß Gewalt,
daß es in aller Welt erschallt,
sich beugen müssen alle Knie
im Himmel und auf Erden hie.
Wir bitten dich, o heilger Christ,
der du zukünftig Richter bist,
lehr uns zuvor dein' Willen tun
und an dem Glauben nehmen zu.
Lob, Preis sei, Vater, deiner Kraft
und deinem Sohn, der all Ding schafft,
dem heilgen Tröster auch zugleich
so hier wie dort im Himmelreich.
Amen.
Thomas Müntzer (1523) nach dem Hymnus "Conditor alme siderum", in: EG 3, GL 230.
Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß;
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitterende Bitte bloß.
Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
Und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
Er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt.
Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, itb 2246, Frankfurt a. M. und Leipzig: Insel 1998.

Seit 1. Fastensonntag 1996 veröffentlicht ein Team von Priestern, Diakonen, Ordensleuten und pastoral engegierter Laien
spirituelle Impulse, Bibeltexte mit Erklärungen, Gebete für Gottesdienstfeiern und Denkanstöße für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres.
Verbesserte Suchfunktionen - Neue Exportfunktionen
Ab 1. Adventsonntag: Vorschläge für Wort-Gottes-Feiern
Schneller am Ziel
Die Unterseiten des Predigtforums kann man auch mit einer Kurzadresse erreichen:
Ihre Spende ermöglicht uns die Weiterführung und Weiterentwicklung des Predigtforums.