Während Matthäus und Lukas in Erzählungen über die Geburt Jesu dessen Bedeutung für die Menschen zum Ausdruck bringen, ordnet Johannes in seinem Prolog zum Evangelium sein Leben in kosmische Dimensionen ein.
Zum Jahreswechsel haben die Zeitungs- und Fernsehkommentatoren Hochsaison. Jahresrückblicke und -vorschauen fordern sie heraus, die vergangenen Ereignisse zu bewerten und in größere Zusammenhänge einzuordnen. Was noch vor wenigen Wochen als historisches Jahrhundertereignis gefeiert und medial ausgeschlachtet wurde, wird nun plötzlich nur mehr am Rand erwähnt. Die tägliche Berichterstattung ist häufig versucht, ein Geschehen als Jahrhundertereignis herauszustreichen, um damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erreichen. Was wirklich für die größeren Geschichtszusammenhänge bedeutsam ist, wird sich erst im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte herausstellen.
Die Evangelisten, die über die Geburt Jesu berichten, bemühen sich auch, das Auftreten Jesu in den großen Geschichtszusammenhängen zu verorten. Matthäus stellt einen Stammbaum Jesu vor (Mt 1,1-17), der bei Abraham, dem Stammvater Israels beginnt und über den König David bis Jesus von Nazareth keinen großen Namen der Geschichte Israels auslässt. Lukas bringt auch einen Stammbaum Jesu (Lk 3,23-38) und verfolgt die Abstammung Jesu zurück bis auf Adam, den ersten Menschen. Johannes holt noch einmal weiter aus und beginnt sein Evangelium mit den Worten "Im Anfang war das Wort..." Er lässt seine Geschichte also noch vor der Menschheitsgeschichte, sogar vor aller Schöpfung beginnen. Jeder der drei verfolgt dabei ein anderes theologisches Interesse. Während Matthäus die Bedeutung Jesu für die Geschichte Israels, also für die Geschichte des Gottesvolkes betont, geht es Lukas um die Bedeutung Jesu für die ganze Menschheit.
Für Johannes ist Jesus, seine Geburt und das, was er ausgelöst hat, Mittelpunkt des ganzen Universums. Auf ihn hin ist alles geschaffen. Er ist gleichsam der Schlüssel, wenn man den Sinn all dessen, was existiert, erfassen will.
Dabei geht es ihm nicht nur um eine zeitliche Einordnung in den Lauf der Geschichte. Er zieht auch alle Register, um die qualitative Einzigartigkeit Jesu zu beschreiben. Während sich Matthäus und Lukas bemühen, Jesus als den erwarteten Messias, bzw. als den Retter der Menschen vorzustellen, verwendet Johannes Begriffe wie »Wort«, »Sinn«, »Licht«, »Leben«. Sein Text ist so dicht, dass man ihn nicht oft genug lesen kann, um zu erahnen, wer da in der Person Jesu in die Welt getreten ist.
So genial Johannes die Bedeutung Jesu für den ganzen Kosmos, die gesamte Schöpfung und für das gesamte menschliche Dasein zusammenfasst, so sehr ist ihm auch daran gelegen, die Menschwerdung Jesu als Schlüssel für die persönliche Existenz jedes einzelnen Gläubigen herauszuarbeiten: "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14). Damit wird die von vielen Menschen am eigenen Leib erfahrene und als Gegensatz empfundene Spannung zwischen Geist und Leib aufgehoben, bzw. versöhnt. Auch der Gegensatz von Himmel und Erde wird überwunden: "Allen die ihn aufnahmen, gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden." (Joh 1,12). Nicht nur "Gott ist im Fleische", wie es ein einem Liedtext heißt, sondern auch wir sind als Kinder Gottes in Gott.
In der Liturgie des zweiten Sonntags der Weihnachtszeit klingt all das Große, das wir im Weihnachtsfest begehen, nach. Über dieses großartige Ereignis können wir nur staunen, Gott danken und anbetend vor dem Geheimnis seiner Menschwerdung verharren.
Der Johannesprolog ist ein zentraler Text des Johannesevangeliums. Mit dem Kind in der Krippe ist Sinn, Licht und Fülle in unser Leben gekommen.
Am 2. Sonntag nach Weihnachten hören wir als Evangelium nochmals den Anfang des Johannesevangeliums, den sog. Prolog. Den Älteren unter Ihnen ist dieser Text ja vielleicht noch als "Schlussevangelium" in lateinischer Sprache nach der alten Liturgie vor dem Konzil bekannt. Da wurde er am Ende jeder Messfeier gelesen. Es muss schon ein sehr wichtiger Text sein, wenn er damals praktisch täglich und heute auch noch zweimal hintereinander in der Weihnachtsliturgie vorkommt. In diesen ersten Worten seines Evangeliums hat der Evangelist Teile eines bereits in der Tradition früher vorkommenden Textes hineinverarbeitet. Leicht zu interpretieren sind diese Zeilen aber nicht. Ein Exeget schrieb darüber vor mehr als 100 Jahren (H. J. Holtzmann): „Überhaupt zeigt jeder Blick in die Commentare, dass die Exegese des Prologs sich jeher der Methode des Rathens bediente“. Deshalb will ich - ohne Anspruch auf eine vollständige Auslegung - nur einzelne Verse herausgreifen, die mir den Sinn von Weihnachten etwas mehr erhellen.
Der Text beginnt mit „Am Anfang“ und erinnert sofort an den Beginn der ganzen Bibel, an die Schöpfungsgeschichte in Gen 1; dort heißt es „Im Anfang“. In beiden Texten spielt das Wort die bedeutende Rolle. Das griechische »λογος« (logos) wird mit »Wort«, aber auch mit »Sinn« übersetzt. Den Sinn des eigenen Lebens entdecken und leben zu können, ist für den Einzelnen im Leben wichtiger als Macht, Reichtum und Anerkennung zu finden. Dieses Wort, von dem wir in der heutigen Perikope hören, vermittelt Leben, indem es uns Orientierung gibt.
In Joh 1, 4 heißt es: „In ihm war das Leben und das Leben war das Licht des Menschen.“ Damit ist nicht das natürliche Licht der Vernunft gemeint, das der Mensch im Gegensatz zum Tier besitzt. Dieses Licht, das unser ganzes Leben erhellt, ist an das »Wort« gebunden, das Fleisch geworden ist: an Jesus Christus. Er hat uns in einer für uns verständlichen Form vorgelebt, was es heißt, den Sinn des eigenen Lebens zu erkennen und das zu leben, was nur jeder Einzelne für sich leben kann. Er ist für uns das Wort geworden, in dem Gott sich für uns vernehmbar macht.
Indem er Fleisch angenommen hat, also sich den Gesetzen des Menschseins unterworfen hat, ist er zum Mittler zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen geworden. Und so kann uns der Evangelist einige Kapitel später auch das Jesuswort übermitteln: „Ich bin das Licht der Welt“. Er ist das innere Licht, das jeder, der an ihn glaubt, in sich trägt.
Wenn in einem total finsteren Raum auch nur eine Kerze angezündet wird, dann hat sie die Finsternis zunichte gemacht. Es kann nicht mehr finster sein, wenn auch nur ein schwaches Licht brennt. Licht löscht Finsternis aus. Mit dem Kind in der Krippe ist Licht in die Finsternis dieser Welt gekommen. Jesus Christus war nicht nur in seiner Lebenszeit vor 2000 Jahren präsent in dieser Welt, sondern jeder, der ihn aufnimmt, wird zum Kind seines Vaters und bringt wie er selbst durch sein auf Gott und seinen Nächsten bezogenes Verhalten Licht in die Finsternis dieser Welt. Mit dem Glauben an ihn ist zwischenmenschliches Handeln verbunden und die gelebte Hoffnung, dass der eigene Weg nicht ins Leere führt sondern ein Ziel hat, das für jeden von uns erreichbar ist. In jedem von uns, der ihn aufnimmt, brennt dieses Licht weiter: für ihn selbst und für die, die ihm auf seinem Lebensweg mitgegeben sind.
Das ist mehr als nur ein rein humanistisches Handeln, das die Fähigkeit des Menschen im Blickfeld hat, zu einer besseren Lebensform zu finden. Vielmehr ist ein Mensch, der sich dieses inneren Lichts und dessen Herkunft von Gott bewusst ist, ein religiöser Mensch. Religion kommt vom lateinischen relegere - gewissenhaft berücksichtigen - oder von religare, zurückbinden. In beiden Interpretationen geht es darum, dass sich der Mensch bewusst ist, dass er einem höheren Sein verpflichtet ist. Wie es der Johannesprolog ausdrückt: dem „wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet“. Dieses Licht feiern wir im fleischgewordenen Kind in der Krippe zu Weihnachten. Er hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.
Die moderne Hirnforschung meint zu wissen, dass der Mensch als „Füllewesen“ auf die Welt kommt. Angeblich sind bereits bei der Geburt 98 % unseres gesamten menschlichen Potenzials in uns angelegt. Nur, je älter wir werden umso mehr verkommt dieses ursprünglich Angelegte in uns. Der Glaube an das uns geschenkte göttliche Kind, das Licht, das wir in uns tragen, kann uns helfen, unsere Talente zu leben, zu Gebenden zu werden, immer wieder aus dem Gewohnten herauszufinden, uns wandeln zu lassen, uns immer wieder auf Neues einzulassen.
Dieser Blick nach innen, auf unser inneres Licht, kann allem Leid, dem wir als Menschen ausgesetzt sind, durch Sinnerfahrung und Reife eine Wendung geben. Psychologen sprechen heute von Resilienz. Sie bezeichnen damit die Fähigkeit, die ein Mensch entwickeln kann und die ihm hilft, an schwierigen und schwierigsten Situationen in seinem Leben nicht zu verzweifeln. So kann Lebensfreude entstehen trotz Schmerz und Leid. Die Erfahrung des Sinns in allem, was uns begegnet, erspart uns die ständige mühsame Beurteilung, ob das oder jenes, was uns gerade widerfährt, ein Unglück oder Segen für uns bedeutet. Der Blick auf unser inneres Licht befreit uns zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes und hilft uns in hoffnungsvoller Erwartung zu leben.
Das ist die Botschaft von Weihnachten. Paul Gerhardt hat das in der 2. Strophe des Weihnachtsliedes „Ich steh an deiner Krippe hier“ sehr berührend ausgedrückt:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir gedacht,
wie du mein wolltest werden.
»Wem gehört die Welt?« beginnen sich immer mehr Menschen zu fragen. Früher schien das selbstverständlich zu sein. Die Herrscher verstanden sich eingesetzt von Gottes Gnade und ließen daran nach ihrem Gutdünken andere teilhaben, indem sie Ländereien als Lehen – sozusagen als Leihgabe – weiter gaben. Die Krönung des Kaisers durch den Papst unterstrich das noch und ließ keine Zweifel aufkommen, dass es auch anders sein könnte.
Auch Demokratien, in denen die Macht vom Volk ausging, verstanden sich häufig in einem religiösen Kontext, der oft auch in der Verfassung verankert war. Immer öfter wird der religiöse Bezug aus Verfassungstexten entfernt, weil es in pluralen Gesellschaften kaum mehr möglich ist, diesbezüglich einen Konsens herzustellen, ganz zu schweigen von Staaten, die sich atheistisch verstehen.
Um sich nicht plötzlich in einem rechtsfreien Raum vorzufinden, haben sich die meisten Organisationen einen rechtlichen Rahmen gegeben, der ihnen ermöglich, ihre Besitzansprüche zu begründen und wahrzunehmen.
Es bleibt aber die Frage: »Wem gehört die Welt?« Gibt es nicht Gemeingüter, die niemand für sich allein beanspruchen kann? Die Ressourcen der Natur, die Atmosphäre, die »Gemeingüter des Geistes«, die kreativen Hervorbringungen vergangener Generationen, wem gehören sie? Gehören sie allen? Wer darf sie wie nutzen? Dürfen Besitzende mit ihrem Besitz tun, was sie wollen? Wer kann ihnen mit welchem Recht Grenzen setzen?
Im Weihnachtsevangelium des Johannes, dem großen Prolog zum vierten Evangelium, haben wir heute gelesen: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Und: "Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht."
Der Evangelist stellt eine Verbindung her zwischen dem Schöpfer, der am Anfang aller Zeit alles, was da ist, hervor gebracht hat, und dem Auftreten des Messias mitten in der Weltgeschichte. Für ihn ist klar, wem die Welt gehört: Dem, der sie geschaffen hat. Aber damit tritt der Messias in Konkurrenz mit allen, die sich als rechtmäßige Besitzer dieser Welt fühlen. Damit wäre auch das Misstrauen all jener erklärt, die dem Messias mit Argwohn gegenüberstehen wie der biblische König Herodes; stellvertretend für alle, die mit allen Mitteln ihre Macht- und Besitzansprüche verteidigen.
Aber Gott sei Dank geht es der Lichtgestalt des Johannes nicht um den Herrschafts- und Besitzanspruch über diese Welt. Dies würde früher oder später zu einem Gottesstaat führen und ist oft genug in diesem Sinne missverstanden worden. Einen solchen mögen zur Zeit Jesu einige jüdische Gruppierungen vom kommenden Messias erwartet haben. Von der Idee eines Gottesstaates sind wir im Laufe der Geschichte hoffentlich ausreichend geheilt worden. Wohin dies führen kann, zeigt sich immer wieder, wenn eine Religion oder eine Ideologie das letzte Wort für sich beansprucht.
»Das Wort«, das in Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, erhebt einen anderen Anspruch. Es wirkt auf geistige Weise und erweist sich immer neu als wahr. Jesus sucht die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe und will von diesen aufgenommen werden. Wie er diese Begegnung mit den Bewohnern der Erde gestaltet, davon hören wir in den folgenden Kapiteln des Johannesevangeliums. Jesus wirkt durch seinen Geist. Er ist selbst der Fleisch gewordene Geist Gottes. Er kommt nicht, um die Welt in Besitz zu nehmen, sondern um sie zu verwandeln.
Für uns ist sein Eintritt in diese Welt eine Einladung, ihm zu begegnen und ihn bei uns aufzunehmen. Bei seiner ersten Ankunft wurde er zunächst abgelehnt, hinaus geworfen und vor der Stadt hingerichtet. Wie weit er bei uns Aufnahme findet, muss sich immer neu herausstellen.
Kind Gottes zu sein bedeutet, von der Art Gottes zu sein. Als Kinder Gottes stehen wir in seiner Gnade und haben wir Anteil an seinem Geist. Als Kinder Gottes sind wir dazu berufen, sein Werk fortzusetzen; nicht, indem wir die Welt in Besitz nehmen, sondern indem wir sie aus dem Geist des Messias heraus verwandeln. Kinder Gottes wurden wir zwar durch den sakramentalen Akt der Taufe. Diese Berufung muss aber vom jedem erst persönlich eingeholt werden, indem er oder sie sich der Begegnung mit Jesus Christus öffnet und seinen Geist annimmt. Und das liegt immer neu vor uns.
Weihnachten sind uns in den einzelnen Evangelien viele bewegende und sehr zu Herzen gehende Bilder von der Liebe Gottes zu uns vorgestellt worden: die schlichte Geburt des Sohnes Gottes, die Hirten und die Engel, der Stern, der die Weisen aus dem Morgenland führt und leitet. Im Vergleich zu diesen Bildern begegnet uns das heutige Evangelium zwar feierlich, sonst aber eher nüchtern. Johannes hat einen so ganz anderen Stil als die übrigen biblischen Berichterstatter. Der vierte Evangelist kleidet seine Darstellung vom Eintreten Jesu in unsere Welt in eine hoch theologische Sprache, die wie ein Gedicht klingt, aber nur schwer zu verstehen ist. Was will uns der Evangelist sagen?
Johannes holt weit aus. Ihm ist es wichtig, die Geburt Jesu in die gesamte Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen zu stellen. Darum beginnt er mit der Erschaffung des Universums durch Gott: Am Anfang war das Wort. Johannes möchte, dass wir im Blick auf die Geburt unseres Erlösers Jesus Christus uns daran erinnern, dass Gottes Größe nicht erst in der Menschwerdung Jesu sichtbar wird und für uns zum Tragen kommt. In Gott hat alles Seiende seinen Ursprung. Gott sprach und alles ward. Und wenn der Evangelist von »dem Wort« spricht, das aus Gott hervorging, dann sollen wir uns die Größe dieses Gottes vorstellen. Er muss nicht lange und immer wieder befehlen oder diktieren, nicht alles neu regeln, leiten und lenken. Ein einziges Wort aus seinem Munde genügt, und alles wird. Dabei ist alles, was wird, ausgestattet mit Weisheit und Klugheit, Schönheit, Pracht und Majestät, mit geheimnisvollem Leben und vielfältigem Wandel.
In diesem Wort, das am Anfang von Gott ausgeht, ist auch unser Sein bereits eingeschlossen. Keiner von uns ist zufällig auf dieser Welt. Unser Werden ist eingebettet in die Schöpfung Gottes von allem Anfang an. Nichts ist geworden ohne seinen Willen. Alles Seiende wurde und wird durch das Wort Gottes am Anfang. Dabei ist jeder von uns ein Geheimnis. Jeder hat Würde und Wert in sich, weil er aus Gott, aus Gottes Wort hervorgegangen ist. In uns steckt also Göttliches, das es zu entdecken gilt. Je mehr uns dies gelingt, je mehr wir uns des Göttlichen in uns bewusst sind und es zur Wirkung bringen, indem wir dem Wesen Jesu ähnlich werden, umso mehr und tiefer werden wir Mensch nach Gottes Plan.
Die Krönung des göttlichen Wirkens und Schaffens durch ein einziges Wort ist die Menschwerdung seines Sohnes. Er geht von Gott aus, nimmt menschliche Gestalt an, wird Fleisch von unserem Fleisch. Die Menschwerdung Jesu, so will Johannes sagen, ist nicht ein Nachtrag, ist Gott nicht erst später zusätzlich eingefallen. Nein, sie ist geplant von allem Anfang an. Gott will für uns Menschen nicht ein totales Geheimnis, ein völlig Unbekannter bleiben. Er will sich sichtbar machen für uns Menschen in seiner Liebe und uns durch die Menschwerdung seines Sohnes zeigen, welchen Wert wir für ihn haben.
Allen, die dieses Handeln Gottes erahnen und begreifen, geht ein Licht auf. Sie werden in Jesus die Mensch gewordene Liebe Gottes erkennen. Ein Strahl der Freude und des Glücks wird sie erfassen. Sie werden fähig, in den Bereich des Göttlichen einzutauchen, um Gnade und Segen zu empfangen, wodurch sie erleuchtete Kinder Gottes werden, die nicht ablehnen, was Gott zu unserem Heil tut. So empfangen sie Gnade über Gnade.
Der Evangelist Johannes lädt uns mit seinem Evangelium ein, bei der Betrachtung der Geburt Jesu nicht nur auf Christus zu schauen, sondern Gott als Ganzen in den Blick zu nehmen:
- Seine Größe und Erhabenheit,
- sein machtvolles Wirken als Schöpfer und Lenker der Geschichte,
- seinen Anteil und sein Mitwirken am Heilswerk Jesu.
Weihnachten sollen wir nach Johannes nicht nur als den Geburtstag Jesu feiern, sondern auch als den großen Gedenktag an Gott, aus dem alles Seiende hervorgeht und in dessen Gnade alles Seiende ruht. Ohne das Wort Gottes am Anfang gäbe es keine Menschwerdung Jesu. Diesen Zusammenhang sollen wir bedenken am Geburtstag Jesu zu Weihnachten, aber auch sonst, wenn wir auf Jesu Leben und Wirken schauen.
Öffnen wir uns unserem Gott und seiner Herrlichkeit, nehmen wir ihn in uns auf, damit in uns sein Licht aufleuchte in der Freude darüber, dass auch wir zu seinem Eigentum zählen, geschaffen durch sein Wort am Anfang, durch das alles wurde. Feiern wir sehr bewusst, besonders in jeder hl. Messe, die umfassende Liebe und Größe Gottes, in die wir tief eingeschlossen sind. Öffnen wir unsere Herzen diesem großen Geheimnis.
Wenn ein Kind zur Welt kommt und kein Zweifel besteht, wer der Vater ist, fragt kaum jemand, von wo das Kind herkommt. Es ist selbstverständlich ein Produkt der Natur und mancher Vater behauptet sogar, er habe es »gemacht«.
Anders ist es schon, wenn ein Mensch das Leben wieder verlässt. Am Grab eines geschätzten und geliebten Menschen können sich viele nicht einfach vorstellen: „Das war es nun“. Zumindest gläubige Menschen sind sich gewiss: Das kann nicht alles gewesen sein. Das Leben steht – so hoffen sie – in einem größeren Zusammenhang, ist mehr als ein Produkt der Natur. Es steht „etwas Höheres“ dahinter, das »Woher« und das »Wohin« des Lebens ist umfassender zu beantworten.
Wenn ein so ungewöhnlicher Mensch wie Jesus von Nazareth stirbt, suchen die Hinterbliebenen nicht nur Antworten auf das »Wohin« und den Sinn seines Lebens, sondern beginnen auch nach dem »Woher« zu fragen. Sie geben sich nicht mit rein natürlichen Erklärungen zufrieden.
So ist es wohl zu verstehen, dass die Christen der Anfangszeit sich einerseits gewiss waren, dass dieser Jesus, der zwar gekreuzigt worden ist, noch lebt und in ihren Gemeinschaften gegenwärtig ist, dass sie aber andererseits gleichzeitig begonnen haben, nach seiner eigentlichen Herkunft zu fragen.
In den Evangelien hat dieses Fragen bei Matthäus und Lukas mit den Erzählungen über seine Herkunft und seine Kindheit einen Niederschlag gefunden. Das Historische interessiert sie kaum. Sie betonen seine göttliche Herkunft und erzählen übereinstimmend vom Wirken des Heiligen Geistes. Johannes holt noch weiter aus. In der Einleitung zu seinem Evangelium stellt er sogar einen kosmischen Zusammenhang her. Dieser Jesus war bereits vor aller Schöpfung und in Jesus ist der »Logos«, »das Wort«, Fleisch geworden. Für ihn hat alles schon vor aller Zeit begonnen und es bedarf keiner weiteren Diskussion, dass er als Sohn Gottes über den irdischen Tod hinaus existiert und lebendig ist.
Diese umfassender Sichtweise des Woher und Wohin des Lebens Jesu hat nicht nur für Jesus selbst Bedeutung, sondern lässt auch unser Leben in einem ganz neuen Licht erscheinen. Auch unser Leben darf nicht nur nach der Sichtweise der Naturwissenschaften betrachtet und beschrieben werden. Es ist auf eine die natürliche Betrachtungsweise übersteigenden Sichtweise in den Blick zu nehmen. Weil Gott dem Leben von Anfang an eine viel tiefere Bedeutung gegeben hat, als wir von Natur aus beobachten können, hat auch unser Glaube eine neue Grundlage bekommen.
Die hymnische Einleitung zum Epheserbrief, die uns in der Lesung vorgetragen worden ist, faltet noch konkreter aus, was diese Sichtweise des Glaubens für uns bedeutet: Durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel sind auch wir vor der Erschaffung der Welt erwählt und geheiligt worden. Wir sind bereits im Voraus berufen, als Töchter und Söhne Gottes untadelig vor Gott zu leben und sind als Erben Gottes eingesetzt.
Es tut uns gut, unser Leben von Zeit zu Zeit aus diesem Blickwinkel des Glaubens zu betrachten und diese Sichtweise als kostbares Geschenk zu schätzen und gebührend zu feiern.
Gleichzeitig ist diese Sichtweise aber auch gut geerdet: Das Wort ist Fleisch geworden und hat sich den Gesetzen von Raum und Zeit, von Werden, Wachsen und Vergehen unterworfen. Trotz dieser himmlischen Sichtweise sind wir gefordert, in einem erdhaften natürlichen Leben unseren Mann bzw. unsere Frau zu stellen und es dem Geist Jesu entsprechend auszugestalten.
Jesus selbst hat uns ein nachhaltiges Beispiel gegeben, wie Fleisch und Geist sich wechselseitig befruchten und wie sie miteinander Menschlichkeit zur Entfaltung bringen können.
Das Projekt Menschlichkeit, Menschenwürde und Schöpfungsgerechtigkeit ist nicht mit dem irdischen Leben Jesu abgeschlossen. Als Töchter und Söhne Gottes sind wir berufen, es weiterzuführen. Im Bewusstsein, dass der Geist Gottes in uns wirkt und uns trägt und beflügelt, ist es für uns kein Sisyphosprojekt mehr und keine Herkulesaufgabe. Jeder, jede, kann in seiner menschlich begrenzten Weise dazu beitragen. Im Blick auf das Ganze hat jeder Beitrag eines Einzelnen seinen Wert, und sei er noch so klein und ohnmächtig.
Für viele sind die Tage um Weihnachten eine willkommene Zeit der Erholung und Regeneration. Und das finde ich gut so. Wer dazu noch Zugang zu dieser gläubigen Sichtweise des Weihnachtsfestes findet, wird aus den Feiertagen in doppelter Weise gestärkt in den Lebensalltag zurückkehren.
In den hektischen letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest ertappte ich mich beim Gedanken: Was wäre, wenn die Kirche das Weihnachtsfest abschaffte? Bei Tisch stellte ich diese Frage auch meinen Mitbrüdern. Ohne langes Nachdenken waren wir uns einig, dass sich am Verhalten der Menschen nicht viel ändern würde. Weihnachten ist längst schon ein "Selbstläufer" geworden. Es funktioniert auch ohne christlichen Hintergrund. Um auch jene Kunden anzusprechen, die über keinen christlichen Zugang zum Weihnachtsfest verfügen, hat die Wirtschaft genügend Anreize geschaffen, die ohne christliche Symbole und christlich gefärbte Erzählungen auskommen. Gäbe es Weihnachten nicht, müsste man es erfinden.
Es besteht ein hoher Bedarf, wenigstens einmal im Jahr den Familienangehörigen, nahen Verwandten, Freunden, Mitarbeitern und Vereinsmitgliedern gegenüber ein Zeichen des Dankes und der Verbundenheit zu setzen; vorzugsweise in kleine Aufmerksamkeiten.
Weiters besteht Bedarf, sich wenigstens einmal im Jahr auch selbst zu belohnen; vorzugsweise am Ende eines Wirtschaftsjahres, wenn alles gut gelaufen ist.
Schließlich gibt es auch Bedarf, wenigstens einmal im Jahr an jene Menschen zu denken und für sie etwas zu tun, die auf die Schattenseite des Lebens gefallen sind.
Weihnachten kommt da gerade recht, ganz gleich, ob man an die Geburt des Messias glaubt oder von einer saisonalen Zweckmäßigkeit ausgeht.
Ich möchte diese Art, ein Fest zu feiern keinesfalls abwerten oder madig machen. Mich bewegt eher die Frage: Was steht hinter diesem Bedürfnis? - Ich vermute hinter dem Eifer, mit dem Menschen Weihnachten feiern, sich beschenken und beglückwünschen, einen tiefen Hunger nach Sinn.
Sinnvoll und wertvoll wird unser Leben durch gute intakte Beziehungen. Und dafür möchten wir ab und zu ein Danke sagen.
Auch aus unserer Leistung und aus unserer Arbeit beziehen wir Sinn. Und es ist verständlich, dass wir dafür auch einmal belohnt werden möchten.
Die Beachtung der Menschen, für die das alles nicht so selbstverständlich ist, gehört ebenso dazu. Sie sollen wenigstens indirekt an dem teilhaben, was unserem Leben Sinn gibt.
Um die Sinnfrage kreist auch das Weihnachtsevangelium des Johannes. In einer großartigen Einleitung zu seinem Evangelium legt er dar, dass der Logos von allem Anfang an da war; noch vor der Schöpfung, noch vor dem Urknall. Dieses griechische Wort lässt sich nicht mit einem einzigen Wort ins Deutsche übersetzen. Logos bedeutet Geist, Sinn, Wort...
Der Evangelist spielt damit auf die Schöpfungserzählung an, in der es immer wieder heißt: "und Gott sprach...". Auf sein Wort hin entstand alles. Auf sein Wort hin wurde Licht und alles andere.
Und nun, so behauptet Johannes, wurde das Wort Gottes, also der Sinn der Schöpfung, der Geist Gottes, Fleisch in einem konkreten Menschen. Der Logos nimmt menschliche Gestalt an. An diesem Menschen sehen wir, wie Gott ist. Dieser Mensch ist die Antwort Gottes auf unseren Hunger nach Sinn.
Wenn ich von dieser Frohen Botschaft aus auf den Eifer so vieler Menschen schaue, wie sie Weihnachten feiern, sich beschenken, sich bedanken, sich belohnen, stimmt mich das zuversichtlich. Ihr Hunger nach Sinn wird für mich darin sichtbar. Und im Auftreten Jesu gibt es eine Antwort auf diese Sinnfrage.
Auch wenn ich mit dem Evangelisten zur Kenntnis nehmen muss, dass viele diesen Zusammenhang nicht herstellen können, so bleibt dennoch die Hoffnung, dass alle, die es begreifen, ihren Hunger nach Sinn auch in einem spirituellen Sinn sättigen können. In den Worten des Johannes ausgedrückt haben sie die Macht, Kinder Gottes zu werden.
Kinder geraten ihren Eltern nach, sind in einem gewissen Sinn Abbilder ihrer Eltern. Kinder Gottes sind Abbilder Gottes. Damit sind wir wieder bei der Schöpfung. Dort heißt es: "Dann sprach Gott: Lass uns den Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich."
Damit ist auch unsere Berufung als Christen ausgedrückt: Je mehr wir Christus ähnlich werden, desto mehr werden wir Abbilder Gottes, verwirklichen wir uns selbst nach dem Vor-Bild unseres Schöpfers.
Als ich noch ein Kind war, gab es an jedem Sonntagnachmittag eine Krippenandacht. Davon blieb mir in Erinnerung, dass Christus viele Namen hat. Man nennt ihn: "Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedensfürst" (Jes9,5).
Im heutigen Evangelium, dem Johannesprolog, erfahren wir einen neuen Namen für Christus. Er ist auch der Logos, das ewige Wort Gottes. Und über Christus als Wort Gottes will ich heute sprechen. Wie ein Adler umkreist Johannes von der höchsten Perspektive aus das Wort Gottes.
Ich muss sagen, Johannes schreibt uns die schönste Geburtstagsrede für Jesus. Dieser Prolog ist mehr als eine Rede, er ist ein Hymnus auf das Wort Gottes. Der Aufbau dieses Prologs ist höchst dramatisch. Das Wort des Vaters, auch Logos genannt, ist so groß und gewaltig, dass es eine eigene Person, Gott selbst ist. Das Wort Gottes existiert von Ewigkeit her und hat Himmel und Erde erschaffen. Der Ausdruck Wort sagt mir, dass Gott seinem Wesen nach Mitteilung ist, dass er nicht alleine ist, dass er ein Liebender ist. Mit dem Ausdruck Wort deutet Johannes das innertrinitarische Gespräch an. Dieses Wort ist gezeugt, aber nicht geschaffen, ist eines Wesens mit dem Vater.
Dann kommt im Prolog der Höhepunkt: Dieses Wort nimmt Fleisch an. Der Logos verlässt seine Herrlichkeit beim Vater und begibt sich in die Endlichkeit, er entäußert sich, nimmt Knechtsgestalt an, um auch uns zeigen, wer und wie Gott ist. Der Logos will uns die Herrlichkeit Gottes, die Liebe des Vaters mitteilen. Wer Christus sieht, sieht auch Gott. Das sagt Johannes zu den Atheisten der damaligen Zeit.
Von England kommt eine Bewegung auf uns zu, die behauptet, dass es wahrscheinlich keinen Gott und auch kein Wort Gottes gibt. Es stimmt: "Niemand hat Gott je geschaut. Der eingeborene Sohn, der an der Brust des Vaters ruht, hat Kunde gebracht" (Joh1,18). Das sagen auch wir Christen zu den Atheisten unserer Zeit.
Doch das Wort Gottes erscheint nicht in Macht und Herrlichkeit, wie es bei der Schöpfung der Fall war. Es wird in einen Futtertrog gelegt, da in der Herberge kein Platz war. Armseliger hätte es wohl nicht mehr sein können. Der menschliche Logos wächst heran, wird erwachsen und beginnt mit etwa 30 Jahren seine öffentliche Lehrtätigkeit. Er fällt auf, weil sein Wort ungeheuer wirksam ist. Sein Wort kann Wunder wirken, Tote erwecken. Ja in seinem Wort ist Leben und Heil. Es ist verständlich, dass viele Menschen sagen: sein Wort soll über uns herrschen. Doch als der Logos erklärte, dass sein Wort auch zum eucharistischen Brot werden kann, haben sich viele vom Offenbarer Gottes abgewandt. Und als Jesus sagte: "Ehe Abraham ward, bin ich", wollten viele seine Worte gar nicht mehr hören. Man wollte Christus sogar steinigen. Schließlich verwarfen auch die Führer des Volkes das Wort Gottes. Sie haben nicht erkannt, dass in Christus das Wort des Vaters wirksam ist. Im Evangelium ist sogar eine Steigerung enthalten. Auch die Seinen nahmen Jesu Wort nicht auf. Da bin ich mitgemeint.
Dieses fleischgewordene Wort wird immer einsamer. Sogar unter den zwölf Aposteln ist ein Verräter. Jetzt kommt über das Wort Gottes eine Passion. Es "blutet aus allen Wunden, wird zertrampelt" (Kurt Marti) und zerfetzt, es wird mundtot gemacht und muss am Kreuz sterben. Doch als dieses Wort am Kreuz hing, hat es eindringlicher gepredigt, als wir es uns vorstellen können. Der Hauptmann erkennt, dass sich dieses Wort nur verströmen, nur Liebe geben möchte und keiner Person wehtun will.
Dieses Wort ist im Tod nicht untergegangen. Es bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit bestehen. Untergegangen ist nur die körperliche Hülle dieses Wortes.
Jetzt kommt für mich eine Überraschung: Die Verweigerung auf Gottes Wort zu hören, ist nicht das Ende der Heilspläne Gottes. Denn Gott liebt bedingungslos. Er schmiedet weiterhin Pläne des Heils und nicht des Unheils. Er will jedem eine Zukunft und eine Hoffnung geben (Jer 29.11). Kein Mensch darf verloren gehen, auch nicht die Menschen, die ihn ans Kreuz gebracht haben. Er will ohne Verluste arbeiten. Daher nimmt Christus, der das Alpha und Omega ist, auch den letzten Platz unter den Menschen ein, damit er auch diesem sein erlösendes Ja -Wort zusprechen kann: "Du bist nicht verloren, denn Gottes Liebe zu dir hört nie auf. Und wenn die ganze Welt gegen dich ist, so verlässt dich das Wort Gottes nicht".
Das fleischgewordene Wort zeigt uns, dass Gottes Liebe die stärkste Macht der Welt ist. In der Apostelgeschiche wird uns geschildert wie der auferstandene Logos weiterwirkt, über alle Jahrhunderte, über Raum und Zeit hinaus. Das Wort Gottes breitet sich überall aus, erlebt seit Ostern einen Siegeszug ohnegleichen. In der ganzen Welt anerkennt heute ein Drittel der Menschheit Jesus als Gottes Wort.
Dieses Wort ruht nicht, bis alle Menschen Gott gefunden haben. Dieses Wort ruht nicht, bis die Schöpfung vollendet ist. Ich danke Christus für die Erkenntnis und das Wort, das er gebracht hat.
Ich sehe Christus in tausend Bildern lieblich ausgedrückt, doch keines von allem kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt (frei nach Novalis). Das Wort Gottes kann ich nicht ausloten.
Wir haben die Herrlichkeit des Wortes gesehen, den göttlichen Glanz, der widerstrahlt von dem Antlitz Jesu.
Jesus, das menschgewordene Wort Gottes! In ihm ist alles gesagt, was Gott sagen kann. Mehr gibt es nicht zu sagen: Gott will sich uns mitteilen. Gott ist Liebe, Leben, Licht, nichts anderes, nichts weniger. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. (Anton Rotzetter " An der Grenze des Unsagbaren" , Ostfildern 2002, S. 154)
Während wir gewohnt sind, an Weihnachten vom vordergründig sichtbaren, wenngleich nie restlos (be)greifbaren Erscheinen Jesu in dieser Welt zu hören - Verkündigung, Geburt, Anbetung der Hirten und der drei heiligen Magier (Könige) - führt uns der Evangelist Johannes heute sozusagen in das Herzgeheimnis den unendlichen Gottes ein. Das im Griechischen vieldeutige Wort "logos" wird mit "Wort" übersetzt (im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort). Mit diesem "Wort" wird der Sohn Gottes angesprochen, der selbst Gott ist und in diese Welt gekommen ist, um unser Bruder zu werden.
Aber Johannes bleibt nicht bei einer Schilderung dieses für uns Menschen immer unfassbar bleibenden innergöttlichen Geheimnisses, sondern er wendet sich dem Schicksal dieses als Sohn Gottes in die Welt gekommenen Wortes zu und bezeichnet es als Leben und Licht der Menschen. Freilich ist es nicht so, dass diesem Licht allenthalten ein begeisterter Empfang bereitet worden wäre, vielmehr stößt es von Anfang an auf Widerstand, Unverständnis und stellt sich als Finsternis dem Licht entgegen: "Die Finsternis hat es nicht ergriffen". Die Finsternisse aller Zeiten haben verschiedene Gesichter. Einig sind sie sich darin, dass sie die Finsternis mehr lieben als das Licht.
Manchmal stellt sich auch für den gläubigen Christen die Frage, ob Gott nicht anders in die Welt hätte eintreten können: Überzeugender, kraftvoller, vielleicht können wir sagen von Anfang an nachhaltiger. Aber die Redeweise, die Sprache Gottes, bleibt in so vielem dunkel. - In einem Gedicht, das die Überschrift "Geburt Christi" trägt, stellt Rainer Maria Rilke die Frage "Hast du ihn dir größer vorgestellt?". Es bedarf, wie der Dichter fortfährt, der "Einfalt", um das zu begreifen, was in der Menschwerdung Gottes geschehen ist. "Gott macht sich mild", er ist ein "behutsames Licht", das sich nicht gleisnerisch vordrängt, sondern der Sorgfalt des Sehens und Hörens bedarf , wenn es nicht in der herandrängenden Flut von Irrlichtern und lautem Getöse übersehen und überhört werden soll.
Behutsam, behütend, ist das Licht, das erschienen ist, um Menschen zu trösten, ihnen die Angst zu nehmen. So heißt es schon in der messianischen Weissagung des Propheten Jesaia "Tröstet, tröstet mein Volk" (Jes 40, 1). Behutsam heißt auch, dass dieses Licht behütet werden will, dass wir uns nicht von der scheinbaren Bedeutungslosigkeit, von der Kleinheit des unendlichen Gottes verwirren lassen. Dass wir vielleicht die Suche aufgeben, weil sie nicht (sofort) von Erfolg begleitet zu sein scheint. Dass wir nicht um das Goldene Kalb eines mächtigeren Gottes tanzen, nach einem anderen größeren Gott greifen, während die Größe des menschgewordenen Gottes gerade in seinem Kleinwerden besteht.
Dieser Gott lässt sich finden. Zunächst, sagen wir, von seinesgleichen: Von den armen mittellosen Hirten, die der Botschaft der Engel trauen, sich auf den Weg machen und ihn finden, die niederfallen und anbeten. Die von den verschiedenen Erscheinungsformen der Gottsucher, den Magiern, Weisen, Sterndeutern (Königen) geleitet werden, aber sich mitunter selbst erst mühsam durchfragen müssen "Wo ist der neugeborene König der Juden? (Mt 2,2). Gottsuche ist mühsam, weil es dabei auch des (langen) Wartenkönnens bedarf. Aber er lässt sich immer wieder finden von denen, die die Demut aufbringen, an die Größe des unscheinbaren Gottes, an seine Macht und Ohnmacht zu glauben.
Ein Fußballtrainer hat einmal vor einem wichtigen Spiel zu seiner Mannschaft gesagt: "Ein guter Start ist bereits das halbe Spiel!" Manchmal habe ich mich gefragt, ob der Evangelist Johannes mit seinen ersten Sätzen des Evangeliums, und Evangelium bedeutet ja Frohe Botschaft, für uns Menschen einen guten Start hingelegt hat. Denn bei mir löste dieser Text immer wieder unterschiedliche Erinnerungen und Gefühle an die Vergangenheit aus.
Ich denke da zum Beispiel an so manche Philosophiestunde im Gymnasium und auch an verschiedene Diskussionen während meines Theologiestudiums, wo wir über die unterschiedlichsten philosophischen Denkansätze und Vorstellungen debattiert haben. Aristoteles, Sokrates, Platon, Heraklit, und wie sie noch alle heißen bis herauf in die Gegenwart. Sie alle versuchten, mit ihren Gedanken hinter die Kulissen des Seins zu blicken und dieses Sein - den Sinn der Schöpfung, der Welt, des Lebens - in Worte zu fassen.
Für mich war es einerseits spannend zu versuchen, herauszubekommen, was diese Philosophen gedacht oder gemeint haben könnten mit ihren Worten. Ich versuchte die Weisheit zu entdecken, die in ihren Aussagen steckte.
Aber gleichzeitig hatte ich oft den Eindruck, dieses Debattieren war zwar eine schöne Gehirnarbeit, eine intellektuelle Spielerei, ein Training für meine grauen Zellen, aber wo lag der "Gewinn" für mein konkretes Leben? Was hatte das alles mit meinem täglich neu zu bestehenden Alltag zu tun? Ist das Ganze nicht viel zu "abgehoben" von der Realität der Welt, weil wir das Eigentliche mit unserem Verstand doch nie wirklich begreifen werden können, und schon gar nicht in verständliche Worte fassen?
Oder ist dieser Beginn des Johannesevangeliums nichts anderes als eine schöne Spielerei mit Worten? Am ANFANG war das WORT, und das WORT war bei GOTT, und das WORT war GOTT. Im ANFANG war es bei GOTT.
Ich erinnere mich an eine Deutschstunde im Gymnasium, in der wir einen Text von Ernst Jandl zu interpretieren hatten. Der Text bestand nur aus zwei verschiedenen Worten. Das erste Wort lautete Apfel. Es war oftmals auf das Blatt Papier geschrieben und ergab dabei die Form eines Apfels. Und mitten drin stand als zweites Wort: Wurm.
Ein interessanter Einfall und sicher auch Kunst, so mit Wörtern und Sprache umzugehen. Aber hat das Ganze auch einen tieferen Sinn? Gibt es eine Bedeutung, die für mein Leben entscheidend ist?
Und an ein Drittes denke ich, wenn ich die Anfangszeilen des Johannesevangeliums lese. Gerade zu Weihnachten und zu Neujahr gibt es viele Ansprachen. Um die Jahreswende wird viel gesprochen von unseren Politikern, von unserem Bundespräsidenten, vom Papst und den Bischöfen. Viele Worte werden in die Welt gesetzt um zu ermahnen und aufzumuntern, um Vertrauen zu wecken und Hoffnung zu geben.
Auch wir schreiben und sprechen manchmal viele Worte, wenn der Tag lang ist. Was aber bleibt letztlich von all diesen Worten?
Das Evangelium wäre ebenfalls eine Ansammlung von Worten, wäre nicht gegen Ende des heutigen Evangeliums der für mich wichtige Satz gewesen: "Und das Wort ist Fleisch geworden." Dieser Satz ist zum neuen Schlüssel für mein Verständnis geworden.
Denn: Wie oft sagen wir im Leben: Es ist wichtig, dass wir den Armen helfen. Es ist notwendig, dass es Nachbarschaftshilfe gibt, wenn jemand in Schwierigkeiten geraten ist. Die Kirche muss lebendiger werden - oder: die Kirche muss lebendig bleiben. Wir brauchen ein frohes und Hoffnung gebendes Christentum. Wir glauben an einen Gott, der mitten unter uns Menschen ist, uns durchs Leben begleitet.
Mit diesem Satz: "und das Wort ist Fleisch geworden" - ist das Evangelium keine philosophische Abhandlung mehr und auch keine Spielerei mit Worten, kein Austauschen von Theorien. Mit diesem Satz des Johannes wurde das Wort konkret, eine Wirklichkeit, lebendig.
Nächstenliebe ist deshalb für uns Christen kein Wort mehr, über das wir uns nur unterhalten, sondern Nächstenliebe zeigt sich durch unser aktives Tun im Leben.
Der Glaube an Gott ist nicht mehr nur das Bekenntnis, dass wir im Anschluss an eine Predigt beten, sondern dieses Bekenntnis zeigt und bewährt sich in der Art, wie wir mit dem Leben umgehen, wie wir unser Leben einsetzen, das Gott uns geschenkt hat.
Wir reden nicht mehr nur über Gott, sondern wir glauben und spüren gleichzeitig, dass er lebendig mitten unter uns und mit uns handelt.
Der Traurige, der Frohe, der Arme, der Glückliche, der Liebende, der Christ, das sind nicht mehr nur Worte, sondern diese Worte sind zu Menschen geworden mit einem konkreten Gesicht. Es sind Menschen, die alle Kinder Gottes genannt werden dürfen. So wird das Evangelium des Johannes schon von Beginn an für jeden von uns zur Frohen Botschaft.
"Wir haben doch alle den gleichen Herrgott." Dieser Spruch, liebe Hörerinnen und Hörer, wird oft gebraucht. Er möchte fern von allen Unterscheidungen hinweisen auf das Gemeinsame der Religionen. Er gilt als Ausdruck von Großzügigkeit und Toleranz. Richtig daran ist, dass nicht nur die Christen an e i n e n Gott glauben. Sie wissen sich in dieser Überzeugung mit den Juden und Muslimen verbunden.
Doch in diesem Gemeinsamen erschöpft sich nicht der christliche Glaube. Das wird deutlich, wenn der Brief an die Epheserbrief bekennt: "Gepriesen sei Gott, der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus." Ähnlich steht es im zweiten Korintherbrief. Christen glauben nicht nur wie andere Religionen an einen Gott, der die Welt geschaffen hat, sich seitdem um sie und die Menschen kümmert. Für Christen ist der Gott Jesu Christi maßgebend. Wer Gott wirklich ist, wissen Christen endgültig erst durch Jesus Christus. Christen schauen darauf, welche Beziehung Jesus von Nazareth zu Gott hatte, wie er von ihm gesprochen hat, wie er mit und vor ihm gelebt hat. Dabei fällt auf, dass Jesus ein einmaliges Verhältnis zu Gott hat, den er seinen und unseren Vater nennt. Andererseits möchte er seine Jünger in dieses besondere Verhältnis zu Gott einbeziehen.
In seinen Gebeten redet Jesus Gott als seinen Vater an. Diese Vertraulichkeit bestimmt seine Gottesbeziehung und damit sein Leben und Wirken, sein Erleben und Urteilen. So bevorzugt er es z.B. in aller Frühe, wenn es noch dunkel ist, aufzustehen, an einen einsamen Ort zu gehen, um allein zu beten. Diese Exklusivität wird auch nicht verwischt, wenn Jesus seinen Jüngern an seiner Anrede Gottes teil gibt: "So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel …" (Mt 6,9) Die einmalige, unüberbietbare Beziehung Jesu zu seinem Vater im Himmel zeigt sich besonders in seiner Anrede "abba", der Anrede eines Kindes, das seinen Vater liebt und ihm vertraut. Im Deutschen lässt sich das übersetzen mit "Papa". Das Judentum wagte diese intime Anrede bei Gott nicht. Doch Jesus hat auf diesen lieben Vater gesetzt. Von ihm hat er in seinen Gleichnissen gesprochen. Und er hat seine Anhänger ermutigt, ebenso mit Gott zu sprechen.
Es ist der Glaube der Bibel, dass Gott sein auserwähltes Volk, aber auch jeden Menschen liebt, und zwar so, als sei er der einzige auf der Welt. Deshalb kann jeder sagen und beten: "Mein Gott", "mein Vater im Himmel". Wenn aber Gott der Vater aller Menschen ist, dann sind auch alle seine Kinder und untereinander Brüder und Schwestern. Deshalb hat Jesus seine Jünger gelehrt, gemeinsam zu beten: "Unser Vater im Himmel".
Dies zu Gott sagen zu dürfen, hat Konsequenzen. Es verändert die Einstellung zum Leben. Ich fühle mich nicht als vaterloser Geselle, sondern weiß, zu wem ich gehöre. Ich habe ein Vaterhaus, in dem ich willkommen bin, geschehe, was da wolle. Wenn die Anrede "Vater im Himmel" meine Vorstellung von Gott bestimmt, stehen die Liebe und Sorge Gottes im Vordergrund. Auch dort, wo ich Gott wegen der Zumutungen meines Lebens nicht verstehe und mir sein Verhalten rätselhaft bleibt, rechne ich damit, dass er es gut mit mir meint. Bei allen Schwierigkeiten und Zweifeln traue ich ihm zu, dass er besser als ich weiß, was gut für mich ist, dass ich am besten fahre, wenn ich nach seinem Willen frage, so hart es dann auch werden mag, die Bitte "Dein Wille geschehe" zu leben.
Und immer, wenn ich Gott als Vater im Himmel anspreche, muss ich meine Schwestern und Brüder mitdenken. Das ist die Basis menschlicher Solidarität. Vor Gott, der "Vater unseres Herrn Jesus Christus" und "unser Vater im Himmel" ist, gibt es keinen Grund zu Über- und Unterordnungen, sondern nur das dankbare Bewusstsein, in die gleiche Zuwendung Gottes eingeschlossen zu sein.
Wenn man kleine Kinder beobachtet, wie sie sich ihre Welt erobern, dann ist das oftmals ein ganz amüsantes Schauspiel. Sie probieren aus, erleben Missgeschicke und je nach Fähigkeit, solche Erfahrungen zu verarbeiten, geschehen diese Missgeschicke öfter oder seltener. Dazu gehört dann vielleicht auch der berühmte Kontakt mit der heißen Herdplatte, nach dem eigentlich ein vorsichtigerer Umgang mit dem Gerät angesagt sein sollte.
Die einen lernen schneller, die anderen langsamer. Das Prinzip ist immer dasselbe: Eindrücke werden auf der Ebene der konkreten Erfahrung gemacht und anschließend - gleichsam - hochgerechnet auf ähnliche Situationen. Auf diese Art funktioniert nicht nur das individuelle Lernen von Menschen, sondern auch so manche erfahrungsgeleitete Wissenschaft. Nach einer Erfahrung versucht man, sich zu einer verallgemeinernden Theorie durchzuringen.
In einem solchen Verhältnis muss man den bekannten Einleitungstext zum Johannesevangelium und letztendlich das ganze Evangelium lesen. Viele Jahrzehnte nach dem Tod Jesu und im Angesicht der ersten Gemeinden in seiner Nachfolge reflektiert Johannes auf philosophischem Niveau seine Erfahrungen mit dem Mann aus Nazareth, der so nachhaltig in das Leben der Menschen eingegriffen hat. Die Theorie des Johannes, also seine Theologie, versucht von der Erfahrung mit diesem Jesus eine Erklärung für sein Auftreten und sein Wirken zu finden.
Drei sehr zentrale Bekenntnisstellen des Johannesevangeliums sind dabei effektvoll eingesetzt: zum einen die Eingangsworte, die wir gehört haben, zum anderen der Satz "Ich und der Vater sind eins” (10,30) ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums und schließlich ganz am Ende die Aussage "Diese (Zeichen) aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes”. Im Wechselspiel von Erzählungen und Reflexionen versucht Johannes den Menschen, die ihn hören, das eigentliche Wesen Jesu verständlich zu machen: Dieser Mann ist Gottes Sohn, ist Gott selbst.
Dann stellt sich bald einmal die Frage: Warum so kompliziert, geht das nicht auch einfacher? Nun: Zunächst einmal ist der Autor des Johannesevangeliums ein Denker und Philosoph und liebt das Spiel mit der Sprache und den Gedanken, liebt das Ideenkonstrukt. Lassen wir ihm das doch! Wichtiger ist die Frage, warum es denn Johannes nicht einfach beim Erzählen von ausgefeilten Geschichten belassen hat, die unter die Haut gehen.
Erfahrungen, die wir Menschen machen, haben leider die Angewohnheit bald einmal wieder zu verblassen. Nach dem Griff auf die heiße Herdplatte braucht es die Reflexion, die Erklärung, das mahnende 'Siehst du, das macht man besser nicht' der Mutter, um abzuwenden, dass das ein nächstes Mal geschieht, wenn die Hand nicht mehr weh tut. Klar: Oft nutzen Mahnungen nichts, aber sie erhöhen doch die Chance zu lernen.
Ebenso steht es um die Erklärungen, Ausdeutungen und Philosophien eines Johannes: Allein das Kennen der Geschichten Jesu reicht nicht, - es bedarf der Ausdeutung, der Erhellung, der Weiterführung. Es bedarf des Wissens um die Absichten Jesu, um die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung für heute nachvollziehen zu können. Gottesbegegnung, Glaube als Erfahrung unseres Lebens und seine Reflexion als stetig vorangehende Verinnerlichung müssen einander unbedingt ergänzen. Das Johannesevangelium ist dafür ein hervorragendes, wenn vielleicht auch etwas kompliziertes Beispiel.
Mit dem gehörten Prolog legt der Autor des Evangeliums den roten Faden des Buches. Diese Reflexion trifft auf unser Ohr unmittelbar nach den Feiern des Geburtsfestes Jesu. Dieses Fest ist sehr massiv geprägt von eingehenden Stimmungen. Das wollen wir uns auf keinen Fall nehmen lassen und das ist auch gut und richtig so. Aber: Die Emotionen des Weihnachtsfestes sind zumeist, aber nicht immer nur schön. Die Zeitungsmeldungen der Festtage zeigen, dass gerade an diesen so stimmungsvollen Tagen auch viele Konflikte eskalieren, weil eben auch negative Gefühle an diesen so gefühlsbetonten Tagen hoch kommen.
Dann ist es umso wichtiger, damit dieses Fest unseres Glaubens nicht zu einem Happening verkommt oder zur tragischen Lebenssituation eskaliert, dass der Grund des Feierns nicht aus dem Blick gerät. Das ist die eindringliche Botschaft des Johannes: Wir feiern Weihnachten nicht allein - wenn auch wohl - wegen des Kerzenscheins und des Zimtduftes, sondern zu allererst aus diesem einen Grund: "Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns gewohnt / und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.”
Das so hochphilosophische Johannesevangelium ist somit auch eine eindringliche Einladung: Genießt wohl bei all den Feiern all das Schöne, das ihr erlebt! Aber vergesst dabei nie, was der Grund eures Feierns ist. Und dieser Grund trägt eben auch dann noch, wenn der Christbaum seine Nadeln längst verloren hat.
Weihnachten dauert noch an, obwohl die Dekoration in den Geschäftsstraßen schon auf Jahreswechsel oder Fasching/Karneval umgestellt worden ist.
Welche Wirkung hat Weihnachten über den Weihnachtsabend hinaus? Was bleibt davon? Was von Weihnachten überlebt unsere Neujahrsvorsätze?
Heute am zweiten Sonntag der Weihnachtszeit hören wir noch einmal die Botschaft vom "Wort, das am Anfang war" und vom "Wort, das Fleisch geworden ist", das durch Jesus Christus in diese Welt gekommen ist und hier seine Kraft entfaltet.
Herr, Jesus Christus,
du bist das Wort, durch das alles geworden ist.
Herr, erbarme dich.
Du bist das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet.
Christus, erbarme dich.
Du kamst in dein Eigentum
und hast von deinem Vater Kunde gebracht.
Herr, erbarme dich.
Allmächtiger, ewiger Gott,
du erleuchtest alle, die an dich glauben.
Offenbare dich den Völkern der Erde,
damit alle Menschen das Licht deiner Herrlichkeit schauen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 2. Sonntag nach Weihnachten
Guter Gott,
durch dein Wort ist alles geworden, was geworden ist.
Durch dein Wort erneuerst du das Angesicht der Erde.
Wir tragen dir unsere Bitten vor:
Wir bitten dich für alle, die dein Wirken in der Welt noch nicht erkannt haben.
Schenke ihnen das Licht des Glaubens.
Wir bitten dich für alle, die eigenmächtig die Welt in Besitz nehmen, sie ausbeuten und ihr Gewalt antun.
Wecke in ihnen Ehrfurcht vor allem, was du geschaffen und der ganzen Menschheit anvertraut hast.
Wir bitten dich für die Kinder und Jugendlichen.
Befähige sie zum Staunen und zu einem behutsamen Umgang mit deiner Schöpfung.
Wir bitten dich für alle, deren Leben durch eine Behinderung oder durch eine unheilbare Krankheit beeinträchtigt ist.
Lass sie Wertschätzung ihres Lebens und persönliches Wohlwollen erfahren.
Wir bitten dich für alle, denen du die Macht gegeben hast, Kinder Gottes zu werden, und die sich Christen nennen.
Öffne ihre Augen für dieses Geschenk deiner Gnade.
Wir bitten dich für alle, deren Leben in dieser Welt zu Ende gegangen ist.
Öffne ihnen den verheißenen Himmel.
Aus deiner Fülle, guter Gott,
haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.
Dafür danken wir dir und darauf bauen wir unsere Hoffnung. - Amen.
Herr, unser Gott,
heilige unsere Gaben
durch die Menschwerdung deines Sohnes.
Durch seine Geburt hast du allen Menschen
den Weg der Wahrheit gewiesen
und ihnen dein Reich verheißen.
Laß uns in dieser Feier verkosten,
was du denen bereitet hast, die dich lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag nach Weihnachten
Als gesungener Lobpreis ist das Lied GL 252 (»Gelobt seist du, Jesus Christ«) geeignet.
Oder Kehrvers:
GL 633,8: Dankt dem Vater mit Freude, er schenkt uns seinen Sohn.
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
er ist das Wort, durch das alles geworden ist
und das Fleisch geworden ist, um unter uns zu wohnen
und Glanz und Elend des menschlichen Lebens mit uns zu teilen.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
durch ihn hast du uns erwählt vor der Erschaffung der Welt
und hast du uns berufen, deine Töchter und Söhne zu werden.
Durch ihn hast du uns die Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden
und an deinem Geist teilzuhaben.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
er ist das Licht, das unsere Finsternis erhellt
und jeden Menschen erleuchtet.
Er gibt uns Hoffnung und Trost in dunklen Stunden.
Kehrvers:
Großer Gott, wir danken dir für Jesus Christus,
durch ihn habe wir deine Weisheit und Liebe erkannt,
die alles Leben hervorgebracht hat
und zur Vollendung der Schöpfung führen wird.
Danklied, z. B. Jauchzet, ihr Himmel... (GL 251)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dein Erbarmen zu rühmen
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn schaffst du den Menschen neu
und schenkst ihm ewige Ehre.
Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen:
dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch,
und wir sterbliche Menschen
empfangen in Christus dein göttliches Leben.
Darum preisen wir dich mit allen Chören der Engel
und singen vereint mit ihnen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Weihnachten 3
Herr, unser Gott,
befreie uns durch die Wirkung dieses Sakramentes
von unseren Fehlern und Sünden.
Erfülle unser Verlangen
und schenke uns alles, was wir zum Heil nötig haben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag nach Weihnachten
[HTML] Zürcher Forscher haben untersucht, wer global die Fäden in der Hand hält: Zu den wahren Mächten der Wirtschaft zählen gerade einmal 147 Unternehmen. von Ilka Kopplin und Von B und C, Hahn und Zimmermann.
http://www.zeit.de/2012/23/IG-Capitalist-Network
http://www.zeit.de/2012/23/IG-Capitalist-Network - (20.12.2014)
Unter Druck. Zu den Flüchtlingsmassen aus Afrika und Nahost kommt auch noch die innere Migration aus den ärmeren Ländern der EU.
https://www.diepresse.com/4619211/migrationsbewegungen-machen-europa-ratlos
Die Presse
http://diepresse.com/home/meinung/dejavu/4619211 - (20.12.2014)
Die den Stern gesehen
Wissen, was vollbracht;
Ihre Füße gehen
Sicher durch die Nacht.
Die das Licht verwirrte,
Dürfen Brüder sein:
König oder Hirte
Schließt das Leuchten ein.
Also läßt die Gnade
Finden sie den Ort,
Wo der Stern gerade
Strahlt auf Gottes Wort.
KARL SCHÖLLY in: Gedichte zur Weihnacht. Herausgegeben von Stephan Koranyi und Gabriele Seifert. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009.
Ein alter Brauch in der Liturgie gebot, die Knie zu beugen, wenn das Geheimnis der Menschwerdung Gottes mit Worten aus dem Prolog des Johannesevangeliums zur Sprache kam: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14). Fleischwerdung bedeutet hier Menschwerdung des göttlichen Wortes, Menschwerdung Gottes.
Der Mensch ist ein Teil der Welt, und zugleich stellt er sich im Erleben und Denken immer wieder der Welt gegenüber und baut auch Brücken, die über die Welt, über die Todesgrenze hinaus zielen. Bleiben diese Brücken für immer Fragmente oder erreichen sie ein anderes Ufer? Die Weihnachtsbotschaft bejaht die zweite Frage: Sie sagt, dass Gott dem Menschen entgegenkommt, dass er in seinem ewigen Sohn, den das Evangelium "das Wort" nennt, Mensch geworden ist. Der Sohn Gottes geht den Weg der Menschen. Nicht den Höhenweg des stolzen machthungrigen Menschen, sondern den niedrigen Weg von der Krippe zum Kreuz.
Im Laufe der Geschichte wollten Menschen viele Male Übermenschen werden, wollten sein wie Götter. Sie sahen aber das Göttliche nicht in der Liebe, sondern in der Macht. So bauten sie babylonische Türme, die immer wieder einstürzten. Als aber Gott Mensch geworden ist, da ist er in der Gestalt der verletzbaren und schließlich gekreuzigten Liebe erschienen. Er hat sich gezeigt in der Gestalt des Kindes von Betlehem und des jungen Mannes von Nazaret, der nicht schlug, als er geschlagen wurde, der in souveräner Friedfertigkeit den ihn bedrängenden Hass von innen her überwältigt hat.
Das ist Erlösung: Versöhnung zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch. Das ist auch Versöhnung des Menschen mit sich selbst. Darum drängt der liturgische Ruf "Das Wort ist Fleisch geworden" jene, die von seiner Wahrheit überzeugt sind, sich niederzuknien, sich klein zu machen vor einem so großen Geheimnis.
Aus: Egon Kapellari, Menschenzeit in Gotteszeit. Wege durch das Kirchenjahr. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.
Das menschliche Dasein des Logos konnte auch kein anderes Los als das aller Geschöpflichkeit haben: es steht ganz und restlos in der Verfügung des Schöpfer-Gottes. Auch Jesus mußte anfangen. Wir können uns die Herrlichkeit dieses uns geschenkten Kindes noch so großartig vorstellen - seine Geburt selbst mußte jedenfalls schon Abstieg in die Enge bedeuten. Da hat er wahrhaft und echt unsere Geschichte angenommen. Wie wir das mit Vorzügen, die ihm die Theologie mit Recht zuschreibt, vereinigen können und müssen, ist eine andere Frage. Hier sollen wir merken, daß er gleich wie wir alle in die Welt gekommen ist, um mit uneinholbar Vorgegebenem, im Grunde mit dem Sterben zu beginnen. Nach Ignatius von Loyola [Exerzitien, Nr. 116] soll der Exerzitant [in den vierzigtägigen Exerzitien] "schauen und erwägen, was (Maria und Josef und andere) tun... dazu hin, daß der Herr... geboren werde und am Ende von so viel Mühen, von Hunger und Durst, Hitze und Kälte, von Schmähungen und Anwürfen am Kreuze sterbe, und das alles für mich". Nach Ignatius soll man das Leben des Herrn ohne Pseudoverklärung ansehen, ohne romantische Phrasen und ohne verharmlosenden Humanismus. Man soll bei der Betrachtung seiner Geburt betroffen feststellen: da, wo er geboren wird, beginnt der menschgewordene Logos mit seinem Todesgang, und alle die Dinge, die durch die Geschichte seiner Geburt hervorgehoben werden, künden schon das Ende in der restlosen Armut und Ohnmacht im Tode an.
Aus: Karl Rahner Lesebuch, herausgegeben von Karl Lehmann und Alber Raffelt. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2004 (1982).
Ich glaube an jesus christus
sohn des lebens bruder der menschen
erstgeborener aller schöpfung
der uns an unsere geschwister erinnert
die bäume und die vögel des himmels
schwester wasser und bruder feuer
er verbindet uns mit allem was lebt
auf unserem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
den sohn des lebens
das uns geschenkt wird
damit wir es weiter verschenken
er hat die kranken geheilt und die traurigen
er hat die hungrigen gespeist und die verzweifelten
ein mitarbeiter der schöpfung
die weitergeht an jedem tag
in unserer arbeit
wenn wir unsere heimat vor der plünderung schützen
unseren kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
sohn des lebens und einer armen mutter
politischer gefangener unter pontius pilatus
zu tode gefoltert auch heute in den polizeikellern
lagern und kriegen
die wir noch immer dulden
auf unserem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus
den erstgeborenen aus dem tode
sie konnten ihn nicht fertigmachen
er ist von den toten auferstanden
er verbindet uns mit den toten vor uns
um die wir trauern
und den toten neben uns
die wir nicht gerettet haben
sie alle sind unsere schwestern und brüder
auf dem kleinen planeten erde
Ich glaube an jesus christus
kind des lebens
eine schwester für alle menschen
die wahrheit die uns frei machen wird
von dem zwang auszubeuten
und aus dem tode profit zu schlagen
In christus spüren wir den geist des lebens
in einer todessüchtigen welt
wir stehen auf mit ihm zu kämpfen
zu leiden und unser leben zu geben
bis gott sei alles in allem
auf unserm kleinen planeten erde
Amen
Aus: Dorothee Sölle, Mut. Kämpfe und liebe das Leben. Herder Verlag, Freiburg Basel Wein 2008.
Der Glaube ist mir in den fünfziger Jahren zugewachsen, in einer kirchlich stark engagierten Familie und in der Atmosphäre einer katholisch geprägten Schwarzwälder Kleinstadt. Ich habe mich nie bewusst für den Glauben entschieden, ihn auch nie ausdrücklich für mich entdeckt. Fasziniert haben mich seit Jugendtagen in erster Linie die intellektuelle Dimension und die kulturellen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens. Als Oberstufenschüler habe ich Rahner, Welte und Metz gelesen und dann folgerichtig auch primär aus intellektuellem und kulturellem Interesse Theologie studiert. Dagegen habe ich mich mit religiösen Übungen, gleich welcher Art (den sonntäglichen Gottesdienst ausgenommen), immer schwergetan, ebenso mit »Glaubensgesprächen«, die ins Persönliche gehen.
Mein Zugang zum Glauben ist heute mehr denn je ein indirekter. Er speist sich zum einen aus den Texten älterer Kirchenlieder, nicht zuletzt aus der Feder von Paul Gerhardt. Ich finde es ausgesprochen hilfreich und auch der Sache angemessen, nicht mit eigenen Worten über die Geheimnisse des Glaubens sprechen zu müssen, sondern Texte vergangener Zeiten zitieren zu können. Zu den indirekten Annäherungen an den Glauben gehören für mich neben der Poesie auch Werke der Architektur und vor allem der Musik. Man sollte mit der Rede von einem »ästhetischen Beweis« für die Existenz Gottes oder seine Offenbarung in Jesus Christus vorsichtig sein. Aber es gibt für mich die Evidenz eines romanischen, gotischen oder barocken Kirchenraums, die Evidenz der h-moll-Messe, der Matthäuspassion und der Missa Solemnis. Solche Musik kann nicht lügen. »Solange die Kantate dauert, bin ich gerettet. Aber auch die himmlischste Musik mündet ins Schweigen« (Albert von Schirnding).
Ich weiß nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit Theologie und Christentumsgeschichte viel über die verschiedensten Facetten praktizierten Glaubens und kirchlichen Lebens. Über dieses differenzierte Wissen bin ich auch froh, denn es hilft bei vielen Gesprächen oder Auseinandersetzungen über religionsbezogene Themen, die sich ja meistens im Vorfeld der eigentlichen Glaubensfragen abspielen. Aber gleichzeitig ist für mich der Glaube im Lauf der Zeit immer elementarer und damit auch in einem bestimmten Sinn geheimnishafter geworden. Es kommt mir zunehmend so vor, als sei der christliche Glaube so etwas wie ein kostbarer und gleichzeitig rätselhafter Kern, den es immer wieder vorsichtig zu umkreisen und an den es sich anzunähern gilt, den man verfehlt, wenn man ihn vorschnell oder plump bejaht und damit enträtselt. In diesem Sinn gibt es für mich als Glaubenden eine Solidarität mit nichtglaubenden Zweiflern und Skeptikern. Aber ich habe auch unverhohlenen Respekt vor Menschen, die ihren Glauben aus einer letzten Sicherheit, aber gleichzeitig unspektakulär leben und bezeugen. Es braucht vermutlich beides.

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