Religionen sind versucht, auf ein Leben nach dem Tod zu vertrösten. Doch es muss auch ein Leben vor dem Tod geben, das sich nicht damit abfindet, dass die Welt ist, wie sie ist. Diese Hoffnung ist getragen vom Vertrauen, dass Gott hilft; nicht erst nach dem Tod.
Das Nebeneinander von Reichen und Armen durchzieht die Menschheitsgeschichte. Zur Lösung dieses Konfliktes ist es notwendig, einen Blick für Unrechtsituationen zu entwickeln und sich davon berühren zu lassen.
Die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus ist eine Parabel, die nicht nur von der Not eines Armen und der Rücksichtslosigkeit eines Reichen erzählt. Die beiden Gestalten können auch als Bilder für persönliche Erfahrungen als Armer, als Reicher, als Geschätzter oder als Verachteter verstanden werden. Empathie und ehrliche Selbsterkenntnis führen zu einem lösenden Umgang mit dieser Spannung.
Das Nebeneinader von Armen und Reichen ist auch heute Realität. Im Tod jedoch ändert sich alles. Das möchte in der biblischen Erzählung der Reiche seinen Brüdern durch den armen Lazarus mitteilen. Abraham weist diese Bitte zurück, den nicht einmal einem von den Toten Auferstandenen warden sie glauben…
In den Briefen des Apostels Paulus an die von ihm gegründeten Gemeinden und an seine Schüler zeigt er auf, wie wir Jesus nachfolgen können und in das alltägliche Leben einpflanzen können. Wie Jeus selbst auf jede Gewalt verzichtet hat, sollen auch wir Haltungen einüben, die Jesus ausgezeichnet haben.
Unangenehmes sehen wir nicht gerne. Wir blenden es aus oder schauen darüber hinweg. Eigenes Fehlverhalten nehmen wir oft gar nicht wahr. Auf diese Weise gehen wir auch der Not, die uns oft ganz konkret begegnet, aus dem Weg. Wir finden Ausrede um Ausrede, um an unseren Bequemlichkeiten festhalten zu können. Wer aber den Tatsachen nicht ins Auge schaut, wird mit ihnen konfrontiert, wenn es vielleicht schon zu spät ist.
Jesus und vor ihm schon eine Reihe von Propheten wurden nicht müde, auf Ungerechtigkeit und Unrecht gegenüber den Armen hinzuweisen. Wir können uns nicht auf die Barmherzigkeit Gottes verlassen, wenn wir selbst unbarmherzig mit Menschen umgehen.
Bitten wir den Herrn, dass er uns die Augen für die Not der Menschen öffne und uns fähig mache, barmherzig miteinander umzugehen, damit wir selbst bei ihm Barmherzigkeit finden.
Jesus wurde nicht müde, einen barmherzigen Gott zu verkündigen. Dies hat bei manchen den Eindruck erweckt, dass es gleichgültig sei, wie die Menschen ihr Leben gestalten. Neben der Botschaft von der Barmherzigkeit ist ihm wichtig, dass wir Verantwortung für alles, was uns anvertraut ist, übernehmen. Wir schulden Gott und unseren Mitmenschen Rechenschaft darüber, wie wir mit unseren menschlichen Beziehungen und wie wir mit den Talenten, die wir ins Leben mitbekommen haben, umgegangen sind.
Am Beginn dieser Feier treten wir vor den Herrn hin und bitten ihn um Vergebung für alles, was wir an Verantwortung haben fehlen lassen.
Herr, Jesus Christus,
du hast dir die Not vieler Menschen zu Herzen gehen lassen.
Herr, erbarme dich.
Du hast Gerechtigkeit und Barmherzigkeit eingefordert.
Christus, erbarme dich.
An deinem Tisch waren alle ohne Ausnahme willkommen.
Herr, erbarme dich.
Der Herr erbarme sich unser,
er schenke uns Mut und Kraft umzukehren
und führe uns zu ewigem Leben. – Amen.
Herr, Jesus Christus, Du hast uns aufgefordert:
"Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist."
Herr, erbarme dich.
Du hast deinen Jüngern in Erinnerung gerufen:
"Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer."
Christus, erbarme dich.
"Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue"
sind für dich das Wichtigste am Gesetz Gottes.
Herr, erbarme dich.
Großer Gott, du offenbarst deine Macht
vor allem im Erbarmen und im Verschonen.
Darum nimm uns in Gnaden auf,
wenn uns auch Schuld belastet.
Gib, dass wir unseren Lauf vollenden
und zur Herrlichkeit des Himmels gelangen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 26. Sonntag im Jahreskreis
Gott, unser Schöpfer.
Die Gegensätze in der Welt klagen uns an:
Reichtum und Not,
Hunger und Überfluß,
Sorglosigkeit und Leid stehen gegeneinander.
Hilf du uns allen,
daß wir aufhören, die Gegensätze zu verschärfen,
und anfangen,
einander Brüder und Schwestern zu sein.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Amen.
MB Auswahl 23
Gott, unser Vater.
Bedrückt vom Elend unserer Zeit,
kommen wir zu dir.
Sieh auf die Not und Hilflosigkeit so vieler Menschen.
Laß sie an ihrem Schicksal nicht zerbrechen.
Stärke unter uns
das Bewußtsein der Verantwortung füreinander,
damit wir anfangen,
brüderlich zu teilen und einander beizustehen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Amen.
MB Auswahl 16
Guter Gott und Vater,
unsere Welt ist voll Not und Ungerechtigkeit.
Wir bitten dich um deine Hilfe:
Wir bitten für alle, die vom Wohlstand unserer Gesellschaft ausgeschlossen sind.
Lass sie die nötige Berücksichtigung ihrer Probleme im öffentlichen Leben finden.
Wir bitten für alle, die durch einen Schicksalsschlag beeinträchtigt sind
und die schwer zu kämpfen haben.
Lass sie Menschen finden, die ihnen beistehen.
Wir bitten für alle, die ihre Heimat verlassen haben,
um anderswo menschenwürdige Lebensmöglichkeiten zu suchen.
Lass sie einen Platz finden, wo sie ausreichend gut leben können.
Wir bitten dich für alle Menschen, die tagtäglich hungern.
Lass sie teilhaben am Überfluss und an den reichen Ernten unserer Erde.
Wir bitten für alle, die in Not und Elend umgekommen sind.
Lass sie Gerechtigkeit in deinem himmlischen Reich finden.
Herr, wir vertrauen darauf, dass du kommen wirst
und Gerechtigkeit für alle Menschen schaffen wirst.
Dir sei Preis und Dank in Ewigkeit. – Amen.
Barmherziger Gott,
nimm unsere Gaben an
und öffne uns in dieser Feier
die Quelle, aus der aller Segen strömt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 26. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
alles, was wir haben, kommt von dir.
Nimm die Gaben an, die wir darbringen.
Mache sie für uns in diesem Leben
zum Sakrament der Erlösung
und rufe uns an deinen Tisch im kommenden Reich.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 1. Adventsonntag
Kehrvers:
Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
denn seine Huld währt ewig.
(GL 558,1)
Wir danken dir Gott und Vater,
dass du ein Herz für die Armen und Schwachen hast.
Du nimmst sie in Schutz durch deine Gebote und Weisungen.
Kehrvers
Du hast auf das Schreien deines Volkes gehört,
als es in Ägypten unterdrückt wurde
und Sklavendienste zu versehen hatte.
Kehrvers
Deine Propheten haben Recht und Gerechtigkeit eingemahnt.
Als dein Volk von den Reichen und Mächtigen ausgebeutet wurde,
hast du ihre Opfer zurückgewiesen und sie in die Verbannung geführt.
Kehrvers
Jesus dein Sohn hat sich den Armen zugewandt
und ihre Sehnsucht nach dem Reich Gottes wahrgenommen.
Er hat sie seliggepriesen und ihnen das Himmelreich verheißen.
Kehrvers
Seine Weisungen mahnen uns,
dass auch wir den Bedürftigen Raum geben
und ihnen in der Not beistehen.
Kehrvers
Für all das danken wir dir
und singen wir dir unseren Lobpreis:
Danklied, z. B.: Den Herren will ich loben (GL 395)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn er hat Großes an uns getan:
durch seinen Tod und seine Auferstehung
hat er uns von der Sünde
und von der Knechtschaft des Todes befreit
und zur Herrlichkeit des neuen Lebens berufen.
In ihm sind wir ein auserwähltes Geschlecht,
dein heiliges Volk,
dein königliches Priestertum.
So verkünden wir die Werke deiner Macht,
denn du hast uns aus der Finsternis
in dein wunderbares Licht gerufen.
Darum singen wir
mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen
des himmlischen Heeres den Hochgesang
von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
Wir danken dir, treuer und barmherziger Vater,
für Jesus, deinen Sohn unseren Herrn und Bruder.
Seine Liebe galt den Armen und Kranken,
den Ausgestoßenen und Sündern.
An keiner Not ging er vorüber.
Sein Leben und seine Botschaft lehren uns,
daß du ein Gott bist, der sich der Menschen annimmt
wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt.
Darum loben und preisen wir dich,
wir rühmen deine Güte und Treue
und verkünden mit allen Engeln und Heiligen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 3
Allmächtiger Gott,
in der Feier der Eucharistie
haben wir den Tod des Herrn verkündet.
Dieses Sakrament stärke uns an Leib und Seele
und mache uns bereit mit Christus zu leiden,
damit wir auch mit ihm zur Herrlichkeit gelangen,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
MB 26. Sonntag im Jahreskreis
Eine Gruppe von Waste-Divern war in der Nacht zum Freitag in Ottakring unterwegs, um den ersten konsumkritischen Gratissupermarkt Wiens zu beliefern
Wien - "Heute ist Ananas-Tag!", freut sich David. Zehn, 15 Früchte leuchten uns aus der Biotonne am Wiener Yppenplatz entgegen. Doch die von den Brunnenmarkt-Händlern weggeworfenen Früchte sind tatsächlich zu weich. Also macht David den "dive", klettert in die Tonne und taucht ein. Fischt zunächst leere Maisblätter raus. Dann Paradeiser. Und Frühlingszwiebel: "Das geht in die richtige Richtung."
Aber "jetzt gemma zum Supermarkt", beschließt die Gruppe. Wir sind zu acht im nächtlichen Ottakring unterwegs. Eine von fünf Gruppen, die einen ganzen Supermarkt füllen will - mit weggeworfenen Lebensmitteln.
Auswüchse der Wegwerfgesellschaft
Der "wastecooking's free supermarket" wird dieses Wochenende im Rahmen des Kulturprojektes "Wienwoche" aufgesperrt und von der Salzburger konsumkritischen Kochshow "Wastecooking" betrieben. Hier kann sich jeder gratis bedienen - und absolut genießbare Lebensmittel mitnehmen, die Waste-Diver (Mülltaucher) nächtens aus den Mülltonnen fischen. Und sich über die Auswüchse unserer Wegwerfgesellschaft informieren.
Zur Sicherheit liegt im Supermarkt bereits eine Reserve bereit: eine Tonne Erdäpfel und 500 Kilo Karotten. Gemüse aus dem Marchfeld, das für den Abtransport in die Biogasanlage bestimmt war - einfach deshalb, weil es nicht der Norm entsprach. Als das Supermarkt-Team beim Bauern anfragte, meinte der nur: "Wie viel wollt ihr? Eine Tonne? Fünf Tonnen?"
Aber die Regale quellen auch so über. Bereits im ersten Müllraum eines Supermarktes werden wir fündig: Salate, Shrimpssalat (abgelaufen), Wurstsemmeln, Hartkäse - "den probier'n wir auf jeden Fall". Abgelaufener Brimsen -"riecht aber ganz frisch". Beim nächsten Supermarkt findet sich astreiner abgepackter Kürbis - im Restmüll. Trauben, zwei lebendige, zernepfte Rosmarinstauden. Und wieder - Ananas. Diesmal nehmen wir sie mit.
Im nächsten Müllraum stinkt es erbärmlich, aber das täuscht. "Jackpot!", jubelt David: Topfenstrudel, Toastbrot, Trauben, Karfiol, Pfirsiche, Zitronen, drei Blumenbüsche in Töpfen werden aus den Coloniakübeln gefischt.
Nicht alleine unterwegs
Und: Unsere Gruppen sind nicht alleine unterwegs. Als wir gegen 22 Uhr mit vollen Kisten und Säcken bepackt Richtung Supermarkt marschieren, sprechen uns drei junge Männer an: "Tschuldigung. Wart ihr schon beim Billa in der Ottakringer Straße?" - "Ja." - "Ah, gut, dann müssen wir dort nimmer hin." Und die Diver-Kollegen ziehen weiter.
Beim Supermarkt angekommen, wartet bereits das Hernalser Team, das frühzeitig abgebrochen hatte, weil sie mehr gefunden hatten, als sie schleppen konnten. Bei Durchsicht dieser Beute macht sich endgültig Fassungslosigkeit breit. Massenweise Cola, Eistee, Bier. Ein Zwei-Kilo-Sack Reis, der erst am 1. November abläuft. Aber 2014. Draußen wird bereits Gemüse gewaschen. Und Haltbarvollmilch im Tetrapak, die ebenfalls im Herbst 2014 abläuft.
Ein Drittel aller Lebensmittel vernichtet
Der Supermarkt hat in der Grundsteingasse 68 Freitag und Samstag 12-18 Uhr geöffnet, Sonntag 10-15 Uhr. Die Lebensmittel werden am Samstag ab 14 Uhr bei einer Wastecooking-Session zubereitet. Ab 19 Uhr gibt's gekochte kulinarische Kostproben. Und Sonntag ab 11 Uhr ein Waste-Brunch mit Expertengesprächen über "Supermarktfasten". Anmeldung erbeten.
Die Uno schätzt übrigens, dass mindestens ein Drittel der Lebensmittel weltweit vernichtet wird, bevor sie auch nur in die Nähe von Konsumenten kommen. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 21./22.9.2013)
ROMAN DAVID-FREIHSL, 20. September 2013, 18:36 -
http://derstandard.at/1379291556346
Wenn von Globalisierung die Rede ist, denkt man zunächst an den rapide gewachsenen wirtschaftlichen Austausch. Das ist eine Seite des vielschichtigen Begriffes. Er hat sehr unterschiedliche Dimensionen (wirtschaftliche, ökologische, soziokulturelle, politische). Die Globalisierung birgt Chancen und unübersehbare Risiken. Längst nicht alle Globalisierung ist gut. Dass leicht verderbliche Lebensmittel unter hohem Energieverbrauch durch die ganze Welt geflogen werden, ist kein Fortschritt, sondern sinnlose Verschwendung. Dass Finanzkapital in gigantischer Größenordnung nahezu unkontrolliert in Sekundenschnelle von einem Ort der Erde zum anderen transferiert wird und schließlich ganze Volkswirtschaften ins Trudeln bringt, ist kein Gewinn. Dass die Nationalstaaten immer mehr an Bedeutung verlieren, ohne dass in gleichem Maße Instrumente einer Weltinnenpolitik entwickelt werden, dass mit dem schwindenden Einfluss der Nationalstaaten die soziale Kohärenz leidet, ist besorgniserregend.
Die Auswirkungen der Globalisierung sind zwiespältig. Es gibt Gewinner und Verlierer. Das herkömmliche Nord-Süd-Schema löst sich zunehmend auf.
- Das gilt für die Staaten: Ehemalige „Entwicklungsländer“ gewinnen weltweit Marktanteile und konkurrieren mit den Industrieländern. China wird 2008 „Exportweltmeister“ sein. Nicht wenige Staaten Südostasiens, aber auch Länder in Lateinamerika (Brasilien, Mexiko, Argentinien, Chile) erleben einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung. Ihre Rolle auf dem Weltmarkt lässt erkennen, wie sehr sich die Handelsbeziehungen und internationalen Verflechtungen verändert haben. Dagegen sieht es in den allermeisten afrikanischen Ländern nach wie vor finster aus.
- Innerhalb der einzelnen Staaten gibt es Bevölkerungsgruppen, die von der Globalisierung profitieren und andere, die verlieren. So sind mit dem Aufstieg Chinas und Russlands die internen sozialen Unterschiede enorm gewachsen. Auch in den traditionellen Industrieländern wie Deutschland wird die Kluft zwischen Reich und Arm größer. Globalisierungsverlierer und -gewinner leben in unmittelbarer Nachbarschaft.
Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung werden viele Rohstoffe zu knappen Gütern. Das beeinflusst in erheblichem Maße die internationale Politik. China und der Westen wetteifern um die Gunst bestimmter afrikanischer Staaten. Statt als Motor der Entwicklung erweist sich der Rohstoffraubbau in Afrika oft als Fluch der Armen.
Unsere Welt ist durch die Migration gekennzeichnet. Vor allem die westlichen Staaten wetteifern um qualifizierte Zuwanderer, mit denen sie den ökonomischen Wettbewerb bestehen können. Sie wehren zugleich nach Kräften den Zuzug der Armen ab. Die Diskrepanz zwischen offenen Märkten und eisenharten Abschottungsmaßnahmen gegenüber unliebsamen Migranten ist entlarvend und beschämend zugleich.
Der Zusammenhang zwischen der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, den Regeln und Strukturen der internationalen Arbeitsteilung und der globalen Armut liegt auf der Hand. Er wird in den Medien kaum analysiert. Sondersendungen im Fernsehen oder Reportagen über den fairen Handel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die weltweite Armut in den modernen Gesellschaften weitgehend verdrängt wird. Reich und Arm sind sich fremd und existieren beziehungslos nebeneinander, es gibt keinen Austausch. „Nicht nur Armut, sondern auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein“, sagt das Sozialwort der Kirchen (220). Damit soll nicht der Sozialneid geschürt werden, sondern die soziale Gerechtigkeit Raum gewinnen. Im Bereich der Wirtschaft hören viele das Wort Umverteilung gar nicht gern. Wie anders soll ein Ausgleich aus der gewaltig gewachsenen Ungleichverteilung zwischen Arm und Reich in Gang kommen? Eine globalisierte Solidarität ist nicht einfach eine Ergänzung der gängigen ökonomischen, technologischen und politischen Globalisierung. Sie erlaubt sich, diese kritisch zu hinterfragen und sie aus ihrem oft kleinkarierten Eigennutz herauszuholen.
Aus: Franz Kamphaus, Die Welt zusammenhalten. Reden gegen den Strom. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.
Eine neue Weltpolitik ist unausweichlich. Die Folge der unregulierten Globalisierung sind wachsende Armut, Verteilungskonflikte zwischen Nord und Süd, Flüchtlingsbewegungen, kulturelle Konflikte, eine Zunahme des Terrorismus, Kriege und Umweltkatastrophen. Die negativen Folgen treffen die überwiegende Mehrheit der Menschen, vor allem in der südlichen Erdhälfte mit ihren Megastädten, was aber auf den Norden zurückwirkt. Es gibt daher keine Alternative zu einem verbesserten und für alle Staaten verbindlichen globalen Rahmen für die Weltwirtschaft. In diesem Rahmen müssen die ökonomischen Entwicklungen in Einklang gebracht werden mit den Erfordernissen der Umwelt, der humanen Grundrechte und der kulturellen Vielfalt auf dieser Erde. Die Voraussetzung hierfür ist ein hohes Maß an Toleranz und ein gemeinsamer Lernprozeß von Nord und Süd, der in einem fairen globalen Vertrag münden muß.
Im Jahr 2000 haben 189 Staaten einen Entwicklungsplan unterzeichnet, in dem beschlossen worden ist, bestimmte Ziele, die »Millennium-Entwicklungsziele«, zu erreichen. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer gerechten Weltordnung und einer nachhaltigen Entwicklung, aber ein unverzichtbarer großer Schritt auf dem Weg zu einer Weltfriedens- und Weltwirtschaftsordnung, die sich am Menschen und an der Natur orientiert. Die Millennium-Entwicklungsziele sind:
- extreme Armut und Hunger beseitigen,
- die Grundschulbildung für alle Kinder garantieren,
- die Gleichstellung der Frauen fördern,
- die Kindersterblichkeit senken,
- die Gesundheit der Mütter verbessern,
- HIV/Aids, Malaria und andere schwere Krankheiten bekämpfen,
- ökologische Nachhaltigkeit gewährleisten und
- eine globale Partnerschaft für Entwicklung aufbauen.
Die Finanzierung
Um diese Ziele zu erreichen, sind mindestens 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr erforderlich. Dieser Betrag entspricht weniger als 0,3 Prozent des Weltbruttosozialprodukts und weniger als 0,01 Prozent der jährlichen Kapitalflüsse um unseren Globus.
100 Milliarden US-Dollar pro Jahr sind aufzubringen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Zunächst einmal müssen alle Industriestaaten endlich 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Entwicklungszusammenarbeit bereitstellen. Außerdem müssen die USA und die Europäische Union die Subventionen für einheimische Agrarprodukte beenden, soweit diese Produkten in den Entwicklungsländern Konkurrenz machen. Die Entschuldung der ärmsten Länder muß weitergeführt werden.
Genauso wichtig ist die Schaffung neuer Finanzierungsquellen. Unverzichtbar ist die Abgabe auf weltweite Finanztransaktionen, gemeinhin Tobin-Steuer genannt. Eine EU-weite Einführung würde bei einem Steuersatz von 0,01 Prozent etwa 38 Milliarden US-Dollar einbringen, eine weltweite Einführung Erträge von etwa 125 Milliarden US-Dollar, also mehr, als die UNO benötigt, um die Millennium-Entwicklungsziele zu finanzieren. Hinzukommen kann eine Terra-Abgabe auf den grenzüberschreitenden Welthandel, eine Verteuerung der weltweiten Gütertransporte, der Handel mit (pro Kopf gleichen) C02-Emissionsrechten, eine Kerosinsteuer und Sonderziehungsrechte beim IWF für besonders benachteiligte Entwicklungsländer.
Neue Regeln für die Finanzmärkte
Um eine erneute Finanzmarktkrise zu vermeiden, ist ein geordneter Wettbewerb auf den internationalen Finanzmärkten notwendig mit von den Industrieländern zu beschließenden Regeln für den Geld- und Wertpapierverkehr. Es ist klar, daß diese Regeln, solange es noch keine Weltregierung gibt, nur multilateral vereinbart werden können. Dazu gehören eine wesentlich strengere Kontrolle der Finanzmärkte und ihrer Akteure sowie die staatliche Aufsicht über alle Teile des Finanzsystems, auch über Hedgefonds, Ratingagenturen und den Handel mit komplizierten Finanzprodukten. Außerdem müssen die Finanzprodukte standardisiert und staatliche Ratingagenturen eingerichtet werden. Des weiteren sollten die Managergehälter einer Regelung unterworfen werden, die verhindert, daß die Manager durch Aktienoptionen zu Spekulanten werden. Darüber hinaus müssen steuerfreie Geld- und Warengeschäfte mit den Off-Shore-Centers verboten werden, noch besser wäre deren Schließung. Notwendig wäre schließlich eine Demokratisierung der Weltbank, des IWF und der WTO.
Ohne diese Alternative zum kapitalistischen System ist eine humane Weltwirtschafts- und Weltfriedensordnung nicht möglich. Die Alternative ist Blutvergießen, Wirtschaftskriege und knappe Ressourcen, vor allem bei Energie und Wasser, Überhandnahme des Fundamentalismus und ein weltpolitisches Chaos, das auch vor den Toren Europas und der USA nicht haltmachen wird. Diese humane Alternative der Marktwirtschaft durchzusetzen ist also Pflicht und Verantwortung der Politik, das heißt der Regierungen und der Parteien.
Aus: Heiner Geißler, Ou Topos. Suche nach dem Ort, den es geben müsste. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

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