Jesus hatte Kontakt zum Täufer Johannes, ließ sich von ihm taufen. Beide haben eine hohe wechselseitige Wertschätzung, doch Johannes schließt sich Jesus nicht an. Mit Jesus beginnt eine neue Zeit, eine geisterfüllte Hinwendung Gott zum Menschen.
„Wer meint, Jesus sei freiwillig zu den Menschen gekommen, kennt seinen Vater schlecht.“
G. K. Chesterton.
Dieser pointierten Aussage von G. K. Chesterton (dem Erfinder der Figur „Pater Brown“) möchte ich das heutige Evangelium gegenüberstellen: Jesus und seine Gottesbeziehung ist geprägt von der freien „geisterfüllten“ Hinwendung Gottes zum Menschen und umgekehrt, wie es im Bild der Taufe Jesu zum Ausdruck kommt. Die Evangelien beschreiben diese als eine geisterfüllte Erfahrung. Johannes der Täufer verkündigt Jesus seinem eigenen Jüngerkreis dieses Beziehungsereignis „der Taufe Jesu“!
Johannes der Täufer macht mit biblischen Worten seine Wertschätzung Jesu gegenüber publik. Er, der letzte Prophet des alten Bundes, sieht wie die Ruach, die „Geistin Gottes“, Jesus erfüllt, bei ihm einkehrt. Jünger aus dem Johanneskreis beginnen sich Jesus anzuschließen, aber Johannes selber tut dies nicht. „Lamm Gottes“ und „Er ist der Sohn Gottes“ lässt der Evangelist in der heutigen Perikope Johannes den Täufer über Jesus als Zeugnis ausrufen. Und doch geht er mit Jesus nicht mit, der doch aus seinem Jüngerkreis kommt und den er taufte. Johannes bleibt der Asket, aus religiöser Motivation, nach dem Leben der alten Propheten.
Jesus sondert sich nicht ab, sondern setzt auf ein Leben mitten unter den Menschen, auf jene Gemeinschaftsmahle, für die er bekannt geworden ist und auch kritisiert wurde. Er isst und trinkt mit ihnen, den Zöllnern, den Fischern, den Suchenden, kehrt bei Freunden ein wie bei Lazarus und seinen Schwestern. „Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!“ (Mt 11,19), wirft man ihm vor. Jesus weiß um die gemeinschaftsstiftende Wirkung eines Mahles. Im „letzten“ gemeinsamen Mahl erreicht diese Beziehung zu seinem Jüngerkreis eine nie gekannte Tiefe, bringt die Verbundenheit mit ihnen zum Ausdruck.
Buchstäblich hat mit Jesus und seiner Verkündigung eine „neue Zeit“ begonnen. Diese unterschiedlichen Wege von Verkündigung zeigen auf, welche Differenzen es zwischen Johannes und Jesus gegeben hat. Auch Jesus hat gegenüber Johannes eine große Wertschätzung. Diese kommt in seiner Verkündigung immer wieder zum Vorschein.
So ist auch die Fußwaschung im Johannesevangelium in Verbindung mit Johannes dem Täufer zu sehen: „Und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren.“ (Joh 1,27). Oder auch der Sendungsauftrag Jesu an seine Jünger: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Immer wieder greift Jesus auf Johannes den Täufer zurück.
Diese Überschneidungen zwischen Johannes und Jesus, von denen man in den Evangelien lesen kann, zeigen auf, welche Hochachtung und Anerkennung Jesus gegenüber Johannes dem Täufer ein Leben lang hatte. Jedoch: der, der ihn einst taufte und ihn als „Lamm Gottes“ bezeichnete, wird sich seinem Jüngerkreis nicht anschließen. Warum? Diese Frage bleibt bis auf den heutigen Tag offen!
In der christlichen Ikonographie gibt es eine Vielzahl der Darstellung der „Taufe Jesu“. Welche Aussage dieses Geschehens in den Bildern zum Tragen kommt, ist der Freiheit in der Kunst überlassen. Ein sehr ausdrucksstarkes Bild „der Taufe Jesu“ ist das Mosaik im Baptisterium von Ravenna. Es legt einen Schwerpunkt auf das Lebensalter und damit auf die Lebenserfahrung der handelnden Personen: Jesus als Jüngling (nach paganer Tradition wird er nackt dargestellt, in der griechischen und römischen Kunst nicht ungewöhnlich) im Jordan, Johannes den Täufer als Mann im Erwachsenenalter mit Stab und Kamelhaarbekleidung, den Fluss Jordan als alter Mann mit einem Sumpfrohr in der Hand.
Die Festtage sind vorbei. Der Täufer Johannes weist auf Jesus hin. Durch ihn haben auch wir den Geist der Erneuerung. Diese ist uns aufgegeben.
Das Evangelium nach Johannes zeigt heute als Mitte den Täufer, nicht als strengen Mahner, wie wir ihn vom Advent kennen. Es hebt ihn als Bekenner und Zeugen der wahren und eigentlichen Sendung Jesu hervor. Der Täufer ist ergriffen vom Person-Geheimnis Jesu. Er verkündet ihn als Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt. Er sieht, wie der Geist Gottes auf Jesus hernieder fährt und auf im bleibt. Er bekennt, dass Jesus der Erwählte Gottes ist, der Sohn Gottes. Der wahre Gottesknecht als Licht für alle Völker.
In den Kirchen und in den Wohnzimmern wurden nach den Festtagen die Christbäume und Lichter abgeschmückt. Die Festtage sind vorbei, der Alltag beginnt. Nehmen wir das Wesentliche mit. Der Täufer ist der Impulsgeber für unser Leben: Da ist das Lamm Gottes, das uns rettet aus Sünde und Tod; da ist der Geist-Träger; da ist der Sohn Gottes als Licht und Vereiner der Völker.
Jesus, das rettende Gotteslamm, ermutigt uns nach Sünde und Unglaube erneut uns reinigen und heiligen zu lassen. Wir bauchen nie in Depression oder Resignation zu verfallen. Er gestaltet uns um zur „neuen Kreatur“, wie Paulus sagt.
Auf Jesus kam der Geist herab und blieb bei ihm. Lieblosigkeit, reine Ichbezogenheit, bloßes Gieren nach Materiellem, Fremdenhass, all dies vertreibt den Geist. Mögen wir begreifen, dass der Nächste auch Kind des einen Vaters im Himmel ist, der jeden unendlich liebt. Darf ich da mir anmaßen, Leute abzulehnen, die Gott genau wie mich grenzenlos liebt.
Der Geist Jesu weckt in uns den Wunsch, die Bedürfnisse der anderen zu achten; er regt uns an, uns dem Nächsten zur Verfügung zu stellen. Der Geist Jesu nimmt in uns Gestalt an und drängt uns, so zu handeln, wie Jesus handeln würde.
Und das bedeutet, mutig dorthin zu gehen, wo es Spaltung, Auseinandersetzung und Hass gibt, und im direkten Kontakt mit den Beteiligten, im Bemühen, sie wirklich zu verstehen, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Es ist unsere Pflicht, uns um das Miteinander und die Einheit zu bemühen und uns dabei nicht von Schwierigkeiten, Widerständen oder übertriebener Vorsicht abhalten zu lassen.
Das gilt in besonderer Weise für den Bereich der Ökumene. Beginnt doch in 3 Tagen, am 18. bis zum 25. Januar, die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Es kann die Gläubigen der verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften dazu anregen, auf die anderen zuzugehen und sich für die Wiederherstellung der Einheit einzusetzen.
Wir sind im Jahr 2017 als dem 500. Jubiläumsjahr des Reformationsgeschehens durch Marin Luther. Zur einer vom Geist Jesu geprägten Feier haben die Vorbereitungs-Kommissionen 5 ökumenische Imperativere formuliert. Da spricht der Geist Jesu zu uns. 1. Betonen wir die Gemeinsamkeiten statt die Unterschiede! Wir sind es gewohnt, zuerst vom Negativen herzukommen - was auch leichter ist -, ohne zuerst einen gemeinsamen Ansatz zu finden. 2. Verharren wir nicht auf alten Positionen. Lassen wir uns durch das ständige Glaubenszeugnis des anderen verändern! 3. Suchen wir die sichtbare Einheit als Ziel! Erarbeiten wir, was nötig wäre zur sichtbaren Einheit und versuchen wir konkrete Schritte dazu zu finden. 4. Leben wir aus der Kraft des Evangeliums! Lutheraner und Katholiken müssen gemeinsam die Kraft des Evangeliums Jesu Christi für unsere Zeit wiederentdecken. 5. Geben wir Zeugnis für Gottes Gnade! Katholiken und Lutheraner sollen in der Verkündigung und im Dienst an der Welt zusammen Zeugnis für Gottes Gnade ablegen. Bemühen wir uns um diese Radikalität der Liebe – mit der Einfachheit und Unbeschwertheit von Menschen, die Jesu Licht ergriffen hat.
Das eben gehörte Evangelium hat der Evangelist Johannes allen noch folgenden Berichten über Jesu Wirken vorangestellt. Im Zeugnis des Täufers wird Christus als das Lamm Gottes, als der Erlöser der Welt bezeugt, der alle Sünde hinwegnimmt. Jesus ist der, auf den sich Gottes Geist herabsenkt. Unter diesem Gesichtspunkt soll der Hörer oder Leser die noch kommenden Berichte im Johannesevangelium über den Messias betrachten. Also noch bevor sich Jesus durch seine Lehren und Taten selbst als der Messias erweist und offenbart, möchte der Evangelist Johannes klarstellen, wer Jesus von seinem Wesen her ist. Jeder einzelne soll dann für sich die Berichte über Jesus und seine Taten betrachten und persönlich entscheiden, ob er Christus trauen und sich seiner Gemeinschaft anschließen will.
Das Zeugnis des Täufers beruht nicht auf eigener Erkenntnis, sondern entspringt der Offenbarung Gottes. Johannes der Täufer sagt: Ich sah, wie der Geist vom Himmel herabkam und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn vorher nicht; aber der, der mich gesandt hat, der hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist taufen wird.
Wenn wir die Berichte der anderen Evangelisten über Johannes den Täufer mit dem gehörten Text vergleichen, dann spüren wir, dass der Evangelist Johannes den Täufer als den zeichnet, der auf Christus hinweist. Nichts wird beim vierten Evangelisten berichtet von der Bußpredigt des Täufers, von seiner ungewöhnlichen, symbolhaften Kleidung in Kamelfell‚ von seiner asketischen Lebensweise, der Ernährung von Heuschrecken und wildem Honig. Der vierte Evangelist zeichnet den Täufer nicht als Bekehrungsprediger, sondern als den, der den Sohn Gottes in den Blick bringt.
Wir können davon ausgehen, dass die ersten drei Evangelisten das Auftreten des Täufers im Groben geschildert haben, wie es tatsächlich war. Der Täufer war eine kantige Gestalt, der kein Blatt vor den Mund nahm und niemanden fürchtete, selbst Herodes nicht. Wenn der Evangelist Johannes in seinem Bericht über den Täufer hiervon absieht und dies unerwähnt lässt, dann dürfen wir vermuten und annehmen, dass er uns jene Seite des Täufers nahe bringen wollte, die wir nachahmen können, nämlich: Hinweisen auf Christus. Das kann jeder; dazu braucht man nicht notwendig den Charakter und das lautstarke Auftreten des Bußpredigers am Jordan. Der Täufer, ein Vorbild und Beispiel für alle Christen - so könnte man wohl die Absicht des Evangelisten Johannes zusammenfassen.
Wie wichtig das Hinweisen auf Christus ist, dafür liefert der Evangelist Johannes direkt im Anschluss an den gehörten Evangelientext ein Beispiel, indem er berichtet: Am Tag darauf stand Johannes wieder dort, und zwei seiner Jünger - die wohl am Vortag nicht anwesend waren - standen bei ihm. Als Jesus vorüber ging, richtete der Täufer seinen Blick auf Jesus und sagte: Seht, er ist das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten es und folgten Jesus.
Zum Glauben an Christus finden auch heute die meisten Menschen, indem sie auf Jesus und seine Weisungen aufmerksam gemacht werden. In der Regel sind dies zunächst die Eltern, Lehrer, Katecheten. Aber mit zunehmendem Alter werden es Menschen sein, die durch ihre Haltung, ihre Denken und Handeln auf den hinweisen, dem sie sich innerlich verpflichtet wissen. Worte, Katechesen, Religionsunterricht, Predigten sind wichtig; aber sie werden bei weitem übertroffen durch Begegnungen mit Menschen, die echt und bewusst ihren Glauben leben.
Dabei ist tröstlich und entlastend für uns zu sehen, worauf uns der Evangelist Johannes aufmerksam machen möchte: Um zu denen zu gehören, die auf Christus hinweisen, muss ich nicht so kühn und unerschrocken wie der Täufer sein. Ich muss mich von den normalen Menschen nicht absondern und auffällig werden in meiner Kleidung oder in meinem Lebensstil. Ich darf sanft sein und muss nicht kantig auftreten. Nicht der erhobene Zeigefinger ist wichtig, sondern Liebe, Güte, Herzlichkeit, Wohlwollen.
Noch ein Zweites will uns der Evangelist Johannes mit der Art und Weise, wie er uns den Täufer vor Augen stellt, nahelegen. Dieser hätte sich als der Vorläufer des Messias aufplustern und herausstreichen können, hätte mit der Offenbarung, die ihm zuteil wurde, auftrumpfen und angeben können. All das findet sich beim Täufer nicht. Er bleibt bescheiden, demütig, ein Diener Gottes, in dessen Auftrag er sich weiß.
Mit diesem Bild des Täufers, eines demütigen, schlichten Hinweisers auf Christus möchte uns der Evangelist Johannes zu den Menschen senden. Diese Seite an Johannes dem Täufer sollen wir nachahmen. Wir können nicht darauf zählen, dass wir stets so erfolgreich sind wie der Täufer. Oft wird wahrscheinlich unser Hinweis auf den Glauben, auf Christus, auf eine christliche Norm oder ein Gebot auch ins Leere gehen, nicht angenommen oder sogar deutlich abgelehnt werden. Das sollte uns nicht entmutigen. Wenn wir geprüft haben, ob unser Hinweis demütig, ohne erhobenen oder gar drohenden Zeigefinger, aus Sorge um den anderen geschieht, dann bleibt unser Hinweis ein wertvoller Dienst. Denn ohne Hinweise auf Christus würden viele nicht zu ihm finden. Und niemand weiß, ob nicht ein von Liebe getragener Hinweis, der zunächst durchaus strickt abgelehnt wurde, nicht doch in zwei oder fünf Jahren dennoch gern und dankbar aufgegriffen wird.
Hinweisen auf Christus als unseren Retter, auf Jesu grenzenlose Liebe, auf sein Heil und sein Heilen, bleibt Aufgabe und Auftrag für jeden Getauften. Daran möchte uns der Evangelist Johannes mit dem heutigen Evangelium erinnern. Dieser Auftrag wird uns nicht diktiert und befohlen, aber sehr eindringlich ans Herz gelegt.
Johannes sieht einen Mann, der unterwegs ist, der auf ihn zugeht. Einen Mann unter vielen, einen, dem man nichts Besonderes merkt, der nicht groß auffällt. Einen, den man gewöhnlich übersieht. Dann aber deutet Johannes auf diesen Mann: "Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt." Und er begründet sein Wort auch: "Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam und wie eine Taube auf ihm blieb."
Dadurch ging dem Johannes auf, wer dieser Jesus ist. Und er betrachtet es als seine wichtigste Aufgabe, auf ihn hinzuweisen, den Menschen, die ihm zuhören, zu verkünden, mit wem sie es bei Jesus zu tun haben. Damit fangen auch andere an, Jesus zu erkennen, um seine Bedeutung für die Welt zu wissen. Wenn wir im Johannes-Evangelium weiter lesen, dann folgen die ersten Jünger auf das Zeugnis des Johannes dem Jesus nach.
Der Maler Matthias Grünewald hat im Isenheimer Altar diese Szene an das Ende des Lebens Jesu verlegt. Da steht unter dem Kreuz nicht der Jünger Johannes, sondern Johannes, der Täufer. Mit langem Finger deutet er auf den, der am Kreuz stirbt. Da sollen die Menschen erkennen, er ist wie ein Lamm, das geschlachtet wird, er ist der, der durch sein Sterben die Sünde der Welt hinweg nimmt. Und um die Symbolik noch zu verstärken, hat der Künstler ein Lamm zu Füßen des Täufers platziert.
Was Johannes, der Täufer, verkündet, wofür er Zeugnis gibt, das bestätigt sich im Leben und Wirken Jesu. Hier ist einer, durch den Gottes Geist wirkt, der aus der Kraft des Geistes eine neue Lehre mit Vollmacht verkündet. Durch Jesus, den Sohn Gottes, zeigt Gott sein Erbarmen mit den Menschen, er heilt die Kranken, vergibt den Sündern, er führt die Menschen in eine neue Beziehung zu Gott, in ihm ist das Reich Gottes gegenwärtig. Selbst, als er ungerecht verurteilt, gefoltert und verspottet wird, er erträgt das, selbst, als er unter furchtbaren Schmerzen stirbt, er nimmt es an, und damit können wir wahrnehmen: Hier wirkt Gott in diese Welt herein.
In allem, was uns in dem Menschen Jesus begegnet, wirkt Gott, berührt uns Gott und berühren wir Gott. Johannes hat dies erkannt und bezeugt es den anderen. Er war der erste aber bald nicht der einzige Zeuge für den Herrn. Auf sein Wort hin haben sich einige seiner Jünger Jesus angeschlossen, sind ihm gefolgt und bei ihm geblieben. Und ihr ganzes Leben war dazu da, für den Herrn Zeugnis zu geben, sie haben es so eindeutig getan, dass sei sogar ihr Leben hingegeben haben, als Martyrer, d.h. als Zeugen.
Was hat Johannes, der Täufer, was hat dieses Evangelium uns hier und heute zu sagen? Es geht darum, Jesus zu bezeugen als den Herrn, als den, der beim Vater für uns eintritt, als den, der bei uns und in uns ist. Gerade in unserer Zeit, in der viele auf Gott vergessen, in der viele eben anderes zum Wichtigsten, das heißt zum Gott oder zum Götzen machen, sind wir als Christen gefragt. Wir sind aufgefordert, die Punkte zu erkennen, in denen Gott uns berührt, in denen er uns nahe kommt und wir ihn finden.
Wir geben Zeugnis von Jesus Christus, von seinem Geist, wenn wir ihn anerkennen, den unfassbaren, geheimnisvollen und heiligen Gott. Wenn wir an ihn glauben und zu ihm beten, ihn loben und preisen, ihm danken und ihn anbeten. Wir geben Zeugnis für ihn, wenn wir uns zum Gottesdienst versammeln und ihn in unserer Mitte feiern. Dieses Zeugnis ist nötig gegenüber denen, die Jesus nur als guten Menschen oder als Revolutionär oder als Friedensstifter sehen. Das war er auch, aber er übersteigt diese Vorstellungen.
Wir geben Zeugnis von Jesus Christus, wenn wir ihm vertrauen, darauf vertrauen, dass sein Geist in uns wirkt, uns über das hinaus führt, was wir sind. Er bewegt uns zur Hoffnung, zur Hoffnung auf eine andere Welt und zu einer Liebe, die diese Welt verändert.
Wir geben Zeugnis von Jesus Christus, wenn wir ihn auch da suchen und finden, wo wir ihn zunächst gar nicht sehen wollen. Sie kennen sicher Menschen, die fragen: "Warum lässt Gott das zu, warum verhindert er das nicht?" - Dass jemand, der persönlich betroffen ist, solche Frage stellt, ist verständlich. Doch dabei dürfen wir nicht bleiben. - Gott ist auch zu finden in dem, was uns schlimm und ungerecht vorkommt. Nicht zu selten wirkt er auf diese Weise an uns, er verändert uns durch Krisen, durch Leid, durch all das, was wir, wenn wir zu bestimmen hätten, ganz bestimmt vermieden hätten.
Gott nimmt unser Leben ernst, so wie es ist. Bei ihm zählt alles, unsere Arbeit und unsere Freizeit, unsere Sorgen und unsere Freude, unsere Schwäche und unsere Kraft, unser Schuld und unser Gutsein. Weil er all das sieht, so können wir durch all dies hindurch uns für ihn öffnen, ihn entdecken - und bezeugen. Alles kann uns zum Heil werden, weil Gott eben durch alles durchscheint. Dafür gilt es, sich zu öffnen, gilt es ihn zu entdecken, ihm zu begegnen. Dann ist eben der Glaube mitten in unserem Leben angekommen, dann wird unser ganzes Dasein zum Zeugnis für ihn.
"Seht das Lamm Gottes", sagt Johannes. Durch uns kann dieser Jesus Christus, der Gott, der Fleisch geworden ist, wieder lebendig werden, wir können ihn bezeugen, und damit tun wir das, was unser Auftrag in dieser Welt ist.
Ab und zu erlebe ich es: Die Tür geht auf und ich bin von meinem Gegenüber fasziniert. Der Mensch nimmt mich gefangen. Er hat ein Lächeln, das verwandelt. Er hat einen Blick, der fesselt. Er hat eine unbeschreibliche Präsenz im Raum. So ein Moment bleibt mir lang in Erinnerung.
Johannes der Täufer hat diese Begegnung mit Jesus erlebt. Er sieht Jesus und ahnt, wer es ist. Das hat er uns voraus. Er hatte ein waches Gespür für die Anwesenheit Jesu. Er wartete und suchte. Er konnte ahnen, dass er den Messias finden wird. Jesus wird kommen und dann alle Hoffnung erfüllen.
Dann kommt, was wir gerade im Evangelium gehört haben: "In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. (Joh 1,29)". Nun ist Wirklichkeit geworden, worauf er gehofft hat. Nun kann endlich beginnen, worauf er mit so vielen anderen lange gewartet hat.
Johannes der Täufer hatte die Menschen auf Jesus vorbereitet. Er hatte sie gelehrt, auf den Erlöser zu warten. Er hatte eine Vorstellung davon, was diesen Menschen auszeichnet. Er hatte die Bilder der Verheißung. Ob es nun das Bild des Gottesknechts ist oder das Bild des Hirten, der sich um seine Herde kümmert.
Jesus erfüllte diese Hoffnung. Und zugleich erfüllte er sie nicht. Jesus war der Messias, aber er ließ sich nicht 1 zu 1 auf Wünsche ein. Erst stand immer im Raum, die Nähe zum Vater zu suchen.
Ich habe zu Beginn die Erfahrung beschrieben, dass ich einem Menschen überraschend begegne. Da geschieht etwas ohne Vorbereitung. Ich ahne nichts und werde beschenkt. Bei Johannes war es anders. Er wartete. - Und was tue ich? Warte ich auf jemand, der mir von Gott geschickt wird?
Manche Menschen suchen den Partner fürs Leben. Wann werden ich sie ihn finden? Manche suchen einen Menschen, der sie trösten kann. Andere suchen einen Menschen, der sie aus einer Starre herausholen kann.
Vielleicht wäre es ein erster Schritt, nach innen zu schauen. Mein Suchen hat etwas mit meiner Sehnsucht und meinen Träumen zu tun. Wenn ich weiß, wonach ich mich sehne, spüre ich auch, was mich erreicht. Der Mensch, der in mir das Gefühl von Zufriedenheit weckt, erzählt ohne Worte vom Thema meiner Sehnsucht.
Johannes der Täufer berichtet im Johannesevangelium sozusagen beiläufig von der Taufe Jesu im Jordan. Am vergangenen Sonntag haben wir sie etwas größer gefeiert. Ob der Evangelist damit auch einen Hinweis gibt? Ihm ist nicht nur wichtig, dass der Täufer Jesus als Sohn Gottes bekennt. Ihm ist wichtig, dass der Täufer seine Erkenntnis weitergibt. Denn das Wissen darum, wer es ist, kann nur eine Konsequenz haben: Ich teile mein Wissen mit denen, die ihn suchen. Sie sollen sich freuen. Und sie sollen Sicherheit für ihr Leben haben.
"Seht das Lamm Gottes" - wer es sah, erlebte mit dem Täufer eine Sternstunde der Hoffnung und des lebendigen Glaubens. Sternstunden können wie Höhepunkte sein, die vorher und nachher nichts Vergleichbares kennen. Sternstunden können aber auch der Beginn sein, wenn sie das Leben verändern und prägen. Solche Stunden möchte ich uns wünschen - und sie nicht verpassen, wenn sie geschehen. Amen!
Wer in diesen Tagen in Deutschland eine Kirche betritt, liebe Hörerinnen und Hörer, der wundert sich vielleicht. In manchen Kirchen ist von Weihnachten keine Spur mehr. Dort ist der Alltag eingekehrt. Andere Kirchen strahlen noch im Weihnachtsschmuck und werden wohl bis zum 2. Februar, dem Fest der Darstellung des Herrn - manchen besser bekannt als Mariä Lichtmess - so bleiben. Die einen halten sich an den gültigen liturgischen Kalender, nach dem der Weihnachtsfestkreis am letzten Sonntag mit dem Fest der Taufe Jesu schloss. Die anderen halten an der früheren Ordnung fest, vielleicht denken sie auch nur ökonomisch: einen schöneren und preiswerteren Kirchenschmuck gibt es in dieser Jahreszeit nicht.
Auch die biblischen Texte, die im Gottesdienst gelesen werden, verabschieden sich noch nicht von der Lichtthematik. Die katholische Leseordnung zitiert an diesem zweiten Sonntag im Jahreskreis aus dem zweiten Gottesknechtslied des Propheten Jesaja und nennt Israel "Licht für die Völker". Dahinter steht die Überzeugung, dass Israel nicht für sich das auserwählte Volk ist. Der Prophet sagt vielmehr, dass Gott an ihm seine Herrlichkeit zeigen will. Das Volk soll also seinem Herrn zu Diensten sein. Nach der Katastrophe des babylonischen Exils ist es Gott nicht genug, nur "die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen". Gott weitet die Bestimmung aus: "Ich mache dich zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht."
Wenn dieser Text des Alten Testamentes im christlichen Gottesdienst gelesen wird, ist klar: Für die Hörer ist dieses "Licht für die Völker" Jesus Christus selbst. In ihm kommt nach christlichem Verständnis die Bestimmung Israels zum Ziel. Wer die Texte des Neuen Testamentes, angefangen bei den Gleichnisreden Jesu auf sich wirken lässt, der spürt, wie es immer wieder darum geht, den Kreis der Erlösten nicht zu eng zu ziehen. Bei den Anhängern Jesu damals und auch in unseren Tagen gibt es diese Tendenz. Manche haben sogar den Eindruck, dass sie heute wieder zunimmt. Jesus wirbt sogar um seine Gegner, die ihn lächerlich machen und ablehnen. Er weist seine eigenen Jünger in die Schranken, die Feuer vom Himmel fordern und zur Verteidigung selbst zum Schwert greifen. Die Kirche kreidet es sich bis heute als Verrat an der Sache Jesu an, wenn sie selbstgenügsam wird und sich elitär über andere erhebt, sie praktisch verloren glaubt. Dagegen betont das Zweite Vatikanische Konzil eine gestufte Zugehörigkeit zur Heilsgemeinschaft.
Nicht Enge ist das Markenzeichen, sondern Weite. Das war und ist der Grund für die missionarische Tätigkeit der Kirche. Im Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils hat sie sich selbst ins Stammbuch geschrieben: Der Grund dieser missionarischen Tätigkeit ergibt sich aus dem Plan Gottes, der "will, dass alle Menschen heil werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Denn es ist nur ein Gott und nur ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle hingegeben hat" (1 Tim 2,4-5), "und in keinem anderen ist Heil" (Apg 4,12).
Dieser Anspruch schottet aber nicht gegen andere ab, sondern fordert die Wertschätzung anderer Religionen heraus. Diese zeigt sich nicht nur in Treffen der Religionsführer. Inzwischen gibt es regelmäßige interreligiöse Gespräche, die in der Überzeugung geführt werden, dass alle Beteiligten auf ihre Weise auf der Suche nach dem Heil und der Wahrheit sind.
Wir sprechen vom verborgenen Leben Jesu in Nazaret. Verborgen, weil wir über diese Zeit nur wenig wissen. Nachdem seine Eltern Jesus zum Tempel in Jerusalem gebracht hatten, um ihn dem Herrn zu weihen, kehrten sie nach Nazaret zurück (Lk 2,51 f.). Es heißt dann von Jesus: "Das Kind wuchs heran und wurde kräftig. Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm" (Lk 2,40). Weiter hören wir, dass die Eltern den zwölfjährigen Jesus zum Paschafest nach Jerusalem mitnahmen. Der Anlass war die Bar Mizwa, womit ein Zwölfjähriger in die Gemeinde als vollwertiges, mit Rechten ausgestattetes Mitglied aufgenommen wurde. Es wird erzählt, wie Jesus unter den Schriftgelehrten saß, ihnen zuhörte und ihnen Fragen stellte. "Alle, die ihn hörten", schreibt Lukas, "waren erstaunt über sein Verständnis und seine Antworten" (Lk 2,47).
Erst als Jesus an die dreißig Jahre alt war, trat er in die Öffentlichkeit. Dies war am Jordan, wo Johannes taufte. Über das Taufgeschehen berichten die Evangelien in vier Versionen. Heute haben wir den Text gehört, der im Johannesevangelium überliefert ist (Joh 1,29-34).
Johannes, der Täufer erkennt in Jesus denjenigen, der ihm voraus ist, weil er vor ihm war. In dieser Aussage spricht sich der nachösterliche Glaube aus, dass Jesus der Sohn Gottes ist. So hörten wir im heutigen Evangelium das Wort des Täufers: "Ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes". Erst später konnte Johannes erkennen, wozu Jesus gesandt war. "Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, er ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft" (Joh 1,32f.).
Im Markusevangelium hören wir das so: "Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen" (Mk 1,8). Wenn in der Überlieferung des Lukasevangeliums Johannes der Täufer über Jesus sagt, einer komme, der stärker sei als er und dem er den Weg bahnte, dann muss er in ihm einen Menschen wahrgenommen haben, in dem der Geist Gottes auf eine ungewöhnliche Weise wirksam geworden ist. Johannes sagt zu denen, die zu ihm gekommen sind, um die Bußtaufe zu empfangen und sich von ihren Sünden reinigen zu lassen: "Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr, der aber nach mir kommt, ist stärker als ich" (Mt 3,11). Dennoch lässt sich Jesus von Johannes taufen, obwohl Johannes dies nicht zulassen wollte (Mt 3,15). Denn eigentlich hätte Johannes von Jesus getauft werden müssen. Doch Jesus reiht sich, obwohl selbst sündenlos, in die Schar der Sünder ein.
Im Taufgeschehen selbst erfährt sich Jesu als der von seinem Vater geliebte Sohn. Davon berichtet die Markustradition. "Als er aus dem Wasser stieg, sah er, wie sich der Himmel öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich mein Wohlgefallen" (Mk 1,10 ff.). Im Lukasevangelium wird das Geschehen als eine Gebetserfahrung dargestellt. "Während er betete, öffnete sich der Himmel und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an die habe ich mein Wohlgefallen" (Lk 3, 21 f.).
Nach der Überlieferung des Markus und des Lukas hat nur allein Jesus die Stimme aus dem Himmel vernommen, nicht einmal der Täufer Johannes. Jesus beginnt zu ahnen, dass er einer einzigartigen Beziehung zu seinem himmlischen Vater steht. In der Auferstehung wird Jesus dann endgültig von seinen Vater als sein geliebter Sohn bestätigt. Aus dieser nachösterlichen Sicht lassen die Evangelisten Jesus schon in der Taufe als Gottes Sohn erscheinen (Rückprojektion, narrative Antizipation). Durch diese göttliche Erwählung sieht sich Jesus vor die denkbar größte Aufgabe seines Lebens gestellt. Er soll das, was der Geist Gottes in ihm gewirkt hat, dem Volk Israel und später der ganzen Menschheit kundtun. Mit diesem göttlichen Anspruch konnte er jedoch nicht vor die Menschen seines jüdischen Umfelds hintreten, ohne der Blasphemie und damit eines todeswürdigen Verbrechens bezichtigt zu werden.
Um sich der Tragweite des ihm von seinem Vater zugesprochenen Auftrags bewusst zu werden, um das ihm Aufgetragene sich innerlich zu eigen zu machen, wird er vom Geist Gottes in die Wüste geführt. Im Markusevangelium lesen wir: "Danach trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb er vierzig Tage lang und wurde vom Satan versucht" (Mk 1, 12 f.). Jesus stand vor der Entscheidung, welchen Weg er gehen sollte. Den Weg der Gewaltlosigkeit, der scheinbaren Ohnmacht. Oder den Weg irdischer Machterweise. Davon berichtet die Versuchungsgeschichte. Eine widergöttliche Macht, Satan oder Teufel genannt, führte Jesus in Versuchung und wollte ihn von dem ihm von Gott gewiesenen Weg abbringen. Er sollte dazu geführt, dazu verführt werden, durch äußere Machterweise die Menschen von sich zu überzeugen Der Satan legte ihm nahe, Steine in Brot zu verwandeln. Nachdem er dies zurückgewiesen hat, versuchte der Satan ein Weiteres. Jesus sollte sich durch einen spektakulären Sturz von der Tempelzinne als Messias erweisen. Schließlich will der Versucher Jesus dazu bringen, von ihm die Herrschaft über alle Reiche dieser Welt zu erlangen, wenn er sich vor ihm niederwirft und ihn anbetet. Jesus hat auch dieser letzten abgründigen Versuchung widerstanden. Er hat den Weg der Erniedrigung gewählt. Diesen ist er bis zum Ende gegangen. Bis hinein in Todesangst und Gottesverlassenheit. Jesus hätte diese fundamentale, für das Heil der Menschheit so entscheidende Wahl nicht treffen können, wäre er nicht vom Geist Gottes geleitet gewesen, aufgeschienen schon in der Taufe am Jordan. Nach vierzig Tagen in der Wüste kehrt Jesus, "erfüllt von der Kraft des Geistes", wie es im Evangelium des Lukas heißt, "nach Galiläa zurück (Lk 4, 14).
Dann hören wir noch einmal davon, wie sich der Geist Gottes in Jesus machtvoll erweist. In der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret wird ihm in einem Sabbatgottesdienst das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Darin findet er die Stelle: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen die gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setzte und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe (Lk 4, 18 ff.). Nachdem Jesus das Buch dem Synagogenvorstehers zurückgegeben hatte, sagt er, dass sich heute das Schriftwort an ihm erfüllt hat: Denn er ist zu den Armen, den Gefangenen, den Zerschlagenen gekommen. Zu all denen, die von Not und Leid geplagt sind. Zu denen, die nicht mehr weiter wissen. Zu ihnen gehören auch wir, in dieser oder jener Weise. Wir dürfen Jesu Wort auch an uns gerichtet hören: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch Ruhe verschaffen in eurem Herzen (vgl. Mt 11, 28-30).
Wir können uns nicht mit Jesus vergleichen, auf den in der Taufe der Geist Gottes herab gekommen ist. Jesus steht in einer einzigartigen Beziehung zu Gott, den er seinen Vater nennt. Dennoch sind wir seit unserer Taufe hinein genommen in das göttliche Leben. Gottes Geist, der in Jesus in seiner ganzen Fülle lebt, lebt auch in uns. Wir müssten ihm in unserem Herzen noch mehr Raum geben. Bei Meister Eckart, dem großen Mystiker des Mittelalters, lesen wir: "Wäre ich so bereit und fände Gott so weit Raum in mir wie in unserem Herrn Jesus Christus, er würde mich ebenso völlig mit seiner Flut erfüllen. Denn der Heilige Geist kann sich nicht enthalten, in all das zu fließen, wo er Raum findet, und soweit er Raum findet."
Der römische Dichter Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von einem begnadeten Bildhauer namens Pygmalion. Er war von einem so hohen Schönheitsideal beseelt, dass keine Frau aus Fleisch und Blut seinen Vorstellungen genügen konnte. Er schuf sich ein Frauenbildnis aus Marmor, das seinem Wunschtraum entsprach und verliebte sich unsterblich in die von ihm geschaffene Statue. In seiner Not flehte er Aphrodite, die Göttin der Liebe, an. Diese erhörte ihn und ließ das Frauenbildnis lebendig werden…
In dieser Geschichte wird der Wunschtraum vieler Menschen beschrieben, sich die eigene Partnerin, den eigenen Partner nach dem eigenen Idealbild zu formen. Meist ist dieser Wunsch mit der Vorstellung verbunden, dass dem gemeinsamen Glück nichts mehr im Wege steht, sobald das Idealbild erreicht ist. Nicht nur Liebes- und Ehepartner sind dieser Versuchung ausgesetzt, Auch Eltern möchten manches Mal ihre Kinder nach ihren Vorstellungen formen, oder Lehrer ihre Schüler. Leider, bzw. Gott sei Dank, funktioniert das nicht so einfach, wie wir alle wissen. Zum Menschen gehört auch die Freiheit, das eigenen Leben selbst zu gestalten und zu verantworten.
Im Evangelium haben wir heute und auch schon am vergangenen Sonntag von Vorgängen rund um die Taufe Jesu gehört. Der Täufer Johannes bezeugt, er habe gesehen, wie der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube auf Jesus herab kam und auf ihm blieb.
In allen vier Evangelien steht am Anfang der Jesus-Geschichte eine solche Erfahrung des heiligen Geistes. Der Geist führt Jesus zum Fasten in die Wüste. Der Geist treibt Jesus, als Prophet und Lehrer die Frohe Botschaft zu verkünden. Der Geist ist die treibende Kraft, die ihn hinauf nach Jerusalem führt. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung begegnen wir diesem Geist wieder im Pfingstereignis. Dort kommt er auf die Jünger herab und führt sie in die Welt hinaus, damit sie allen Menschen erzählen, was sie gehört, gesehen und mit Jesus erlebt haben.
Im Sakrament der Taufe und im Sakrament der Firmung wird jeder einzelne Christ vom Hl. Geist erfüllt und ins Leben hinaus gesandt. Das Erfülltwerden vom Hl. Geist ist die Art und Weise, wie Gott den Menschen gestaltet und formt. Dabei stülpt er dem Menschen nicht seine Vorstellung vom Guten, Schönen und Wahren über, sondern vertraut dem inneren Antrieb des Geistes, der den Menschen zu dem führt, was für ihn gut und richtig ist.
An Jesus selbst können wir den Weg beobachten, den der Geist Gottes führt. Zunächst wächst Jesus auf wie wohl die meisten anderen junge Leute in seinem Volk. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr hören wir kaum etwas von ihm. Was er vor seiner Taufe und Sendung erlebte, können wir nur aus Randbemerkungen der Evangelien erschließen. Es gibt Anzeichen, dass er sich wie viele junge Menschen in seiner Umgebung umgesehen und nach einer stimmigen Lebensform gesucht hat. Mit Sicherheit hat er sich mit den religiösen Bewegungen seiner Zeit auseinandergesetzt. Mit den Pharisäern und den Sadduzäern; er weiß, was sie denken und lehren. Vermutlich hat er auch die Lebensweise und die Anschauungen der Essener, die um Qumran am Toten Meer lebten, kennen gelernt. In seinem späteren Freundeskreis finden wir Männer, die offenbar aus dem damaligen politischen Untergrund kamen. Ihr Denken war ihm vertraut.
Die Begegnung mit Johannes dem Täufer und den Menschen, die ihm gefolgt sind, dürfte für seine persönliche Entwicklung besonders wichtig gewesen sein. Wie viele andere ließ er sich von Johannes taufen. Die Taufe dürfte für ihn ein ganz wichtiger Einschnitt gewesen sein. Von da an geht er bestimmt und zielgerichtet seinen eigenen Weg. Er verkündet seine eigene Lehre, die mit den Meinungen der anderen religiösen Bewegungen zwar Berührungspunkte hat, sich aber mit keiner deckt.
Die Erinnerung an unsere eigene Taufe und an die Firmung ist Anlass, darüber nachzudenken, in welcher Weise wir uns vom Hl. Geist formen und leiten lassen. Das Beispiel Jesu ermutigt uns, dass wir uns mit den Strömungen und den Geisteshaltungen, die uns in unserer Zeit begegnen, auseinandersetzen; nach dem Motto des Apostel Paulus: "Prüft alles, das Gute behaltet!" (1 Thess 5,21).
Allzu leicht neigen wir dazu, unser Leben nach dem Zeitgeist zu gestalten. Wenn etwas alle tun, dann denken wir nicht mehr weiter nach und meinen: So falsch kann es schon nicht sein. Erst vor wenigen Wochen, forderten Jugendliche in einer Diskussion, die ich in einer Pfarre geführt habe, die Kirche müsse in vielen Bereichen "zeitgemäßer" werden, damit sie bei ihnen punkten könne. Andere wieder fragen ängstlich "darf ich das?". Sie folgen oft unreflektiert einem Geist des Gesetzes. Ich wünsche mir weder eine ängstliche noch eine zeitgeistige Kirche, sondern Christen, die sich mutig umsehen und fragen: Ist das oder jenes gut für mich, für die anderen, für alle Menschen?
Ich teile mit vielen Christen die Meinung, dass auch in der Kirche nicht alles so bleiben muss, wie es in der Vergangenheit war oder durch Jahrhunderte hindurch für das Beste gehalten wurde. Die Welt in die wir hineingeboren wurden und in der wir uns bewegen, ändert sich in vielerlei Hinsicht. Ich vertraue darauf, dass uns der Heilige Geist leitet und das Richtige für die Gegenwart und für die Zukunft finden lässt. Ich glaube, dass die ganze Schöpfung vom Geist Gottes hervorgebracht wurde, und dass sich dieser Geist auch in den Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung enthalten ist. Auch bin ich überzeugt, dass die Überlieferung der Kirche und die Heilig Schrift in ihrer Tiefe eine Weisheit weiter trägt, die vom Geist Gottes gewirkt ist.
In den Sakramenten haben wir die Zusage, dass dieser Geist auch in uns wirkt, dass er uns führt und leitet. Jesus hat von diesem Geist angetrieben seine Sendung gelebt und verwirklicht. Auch uns wird der Hl. Geist unsere Berufung und unsere Lebensform finden lassen. Auch wir haben die Zusage, Gottes geliebte Töchter und Söhne zu sein, frei, unser Leben zu gestalten.
Weil mich jemand auf ein gutes Buch aufmerksam gemacht hat, darum habe ich es gelesen.
Weil mich jemand auf Wichtiges hinwies, darum habe ich es nicht übersehen.
Weil mich jemand in den Glauben einführte und mir Gottes Liebe nahe brachte, darum suche ich Gottes Nähe und die Freundschaft mit ihm.
Kurz: Sehr viel Gutes und Entscheidendes konnte geschehen, weil mich jemand darauf aufmerksam gemacht hat.
Herr, Jesus Christus,
Du bist das Licht für die Völker.
Herr, erbarme dich.
Der Geist Gottes hat dich geführt und geleitet.
Christus, erbarme dich.
Du hast auch uns mit deinem Geist getauft
und in die Welt gesandt.
Herr, erbarme dich.
Allmächtiger Gott,
du gebietest über Himmel und Erde,
du hast Macht über die Herzen der Menschen.
Darum kommen wir voll Vertrauen zu dir;
stärke alle, die sich um die Gerechtigkeit mühen,
und schenke unserer Zeit deinen Frieden.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
du hast den Menschen auf vielerlei Weise deine Nähe kundgetan.
Hilf uns,
die Spuren deines Wirkens in der Kirche
und in der Welt zu entdecken.
Durch Christus, unseren Herrn.
Herr,
gib, daß wir das Geheimnis des Altares ehrfürchtig feiern;
denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen,
vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung.
Durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
(für Wortgottesfeiern)
Kehrvers:
Freut euch: Wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade. (GL 56,1)
Guter Gott wir danken dir,
dass du uns Jesus Christus als Licht der Völker gesandt hast,
damit er dein Volk zusammenführe
und es wieder aufrichte.
Kehrvers
Johannes hat auf ihn hingewiesen,
er sei das Lamm Gottes,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt
und uns mit dir versöhnt.
Kehrvers
Johannes hat ihn bezeugt als den Sohn Gottes,
auf den der Geist vom Himmel herabgekommen ist
und auf der Geist ruht.
Kehrvers
Ihn hast du gesandt,
dass er mit dem Heiligen Geist taufe.
Er hat auch uns geheiligt
und berufen ihm nachzufolgen.
Kehrvers
Für all das danken wir dir.
Wir stimmen ein in den Lobgesang der ganzen Schöpfung
und singen mit den Engeln und Heiligen:
Danklied, z. B. GL 484:
Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben...
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn heute enthüllst du
das Geheimnis unseres Heiles,
heute offenbarst du das Licht der Völker,
deinen Sohn Jesus Christus.
Er ist als sterblicher Mensch auf Erden erschienen
und hat uns neu geschaffen
im Glanz seines göttlichen Lebens.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten
und mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Erscheinung des Herrn
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Vater im Himmel, zu danken
und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben.
Denn deine Vorsehung waltet über jeder Zeit;
in deiner Weisheit und Allmacht
führst du das Steuer der Kirche
und stärkst sie durch die Kraft des Heiligen Geistes.
In ihm kann sie allezeit auf deine Hilfe vertrauen,
in Not und Bedrängnis zu dir rufen
und in Tagen der Freude dir danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Heiliger Geist 2
Der Vater hat Jesus gesandt
und Jesus hat viel über den Vater gesprochen.
So lasst uns auch zu diesem Vater rufen:
Einleitung zum Friedensgebet:
In der Begegnung mit Jesus fand Johannes sein Ziel,
das ihn bestätigte und ihm Frieden schenkte.
Gleich werden auch wir dir, Jesus, begegnen.
Wir bitten dich:
Schaue nicht auf unsere Sünden...
Barmherziger Gott,
du hast uns alle mit dem einen Brot des Himmels gestärkt.
Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe,
damit wir ein Herz und eine Seele werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Alle vier Evangelien berichten uns von Johannes dem Täufer. Übereinstimmend erzählen sie von seiner Tauftätigkeit am Jordan. Unter den Getauften befand sich den Synoptikern zufolge auch Jesus selbst. Überliefert ist auch das Ende des Johannes im Zusammenhang mit seiner Kritik am unmoralischen Lebenswandel des Königs Herodes Antipas. Wer war dieser Johannes: ein Wüstenasket, ein prophetischer Rufer, ein charismatischer Moralprediger, erster großer Christuszeuge, ein - wie wir - verunsichert nach dem Wesen Jesu Fragender? Oder gar ein »Lehrer Jesu«", von dem sich der Schüler - in bleibender innerer Verbundenheit - erst spät trennt? Auffällig ist, wie viel Mühe die Evangelisten darauf verwenden, Johannes als den »Vorläufer« zu charakterisieren, Jesus ihm gegenüber aufzuwerten. Dieser Aufwand ist nur dann plausibel, wenn die Frage nach der Rangfolge der beiden tatsächlich umstritten war. Johannes bleibt also eine spannende Gestalt, gerade weil er die Frage nach dem Wesen Jesu wie kein anderer formuliert: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten?« (Mt 11,2) Wie die Sterndeuter bietet er sich so aus heutiger Perspektive als fragende Zugangsfigur zu Jesus an.
Aus: Georg Langenhorst, Gedichte zur Bibel. Texte - Interpretationen - Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde. Kösel Verlag München 2001/2004.
Da sie Pygmalion ihr Leben im Laster verbringen sah, blieb er aus Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat, unvermählt, ein Junggeselle, und lange fehlte auf seinem Lager die Lebensgefährtin.
Währenddessen gelang es ihm, aus 'schneeweißem Elfenbein mit bewundernswürdiger Kunst ein Bild zu schnitzen und ihm so viel Schönheit zu verleihen, wie die Natur keiner Frau geben kann - und er verliebte sich in sein eigenes Werk. Es ist das leibhaftige Ebenbild einer Jungfrau, man könnte meinen, sie lebe und nur die Sittsamkeit hindere sie daran, sich zu bewegen. So sehr verbarg seine Kunst alles Künstliche! Pygmalion staunt und fängt im Herzen Feuer für die selbst gebildete Schöne. Oftmals berührt er das Kunstwerk mit prüfenden Händen, ob es ein wirklicher Leib oder aus Elfenbein sei - und will sich nicht eingestehen, daß es nur aus Elfenbein ist. Er küßt es und vermeint, wiedergeküßt zu werden, spricht es an, umarmt es und glaubt, den Druck der Finger auf den berührten Gliedern zu bemerken, er sorgt sich sogar, die Glieder könnten, wo er sie drückte, bläuliche Flecken bekommen. Bald überhäuft er sie mit Liebkosungen, bald bringt er ihr Geschenke, wie Mädchen sie lieben, Muscheln, glatte Steinchen, kleine Vögel, Blumen in tausend Farben, Lilien, bunte Bälle und die nach ihrer Baumverwandlung vergossenen Tränen der Sonnentöchter, den Bernstein. Auch schmückt er sie mit Kleidern, steckt ihr Ringe mit Edelgestein an die Finger und legt ihr eine lange Kette um den Hals. Im Ohr trägt sie mattschimmernde Perlen, am Busen ein Brustband. Alles ziert sie, doch nackt erscheint sie nicht weniger schön. Er legt sie auf Purpurdecken aus Sidon, nennt sie Gefährtin seines Lagers und läßt, nicht anders, als ob sie es fühlte, ihren Nacken auf weichen Daunen ruhen.
Das Venusfest, das ganz Zypern feiert, war gekommen. Die krummen Hörner mit Gold überzogen, waren junge Rinder zusammengebrochen, als das Opferbeil ihren schneeweißen Nacken traf Der Weihrauch dampfte empor. Als Pygmalion sein Opfer dargebracht hatte, trat er an den Altar und betete schüchtern: - er wagte nicht zu sagen: , und fuhr fort:
Die goldene Venus, die selbst zu ihrem Festtag erschienen war, merkte, was es mit jenem Wunsch wirklich auf sich hatte, und als ein Zeichen göttlicher Gnade loderte dreimal die Flamme auf und schlug hoch in die Lüfte.
Kaum heimgekehrt, begibt sich Pygmalion wieder zu seinem geliebten Bild, legt sich neben ihm nieder und küßt es - da scheint es warm zu sein! Er küßt es noch einmal und legt ihm die Hand an die Brust- da wird unter seiner Hand das Elfenbein weich, verliert seine Härte, gibt den Fingern nach und nimmt Eindrücke an, gleich wie Wachs vom Hymettos in der Sonne erweicht, unter dem Druck des Daumens mancherlei Gestalt annimmt und beim Formen immer formbarer wird. Während der Liebende staunt, sich erst zaghaft freut und noch fürchtet, er könne sich täuschen, sucht er sich wieder und wieder mit den Händen zu überzeugen, daß sich sein Wunsch erfüllt hat - und das Bild leibt und lebt! Es. pochen dem tastenden Daumen die Adern entgegen! Nun sucht der paphische Künstler seinen Dank an Venus in eine Fülle feierlicher Worte zu fassen und preßt seine Lippen endlich auf wirkliche Lippen; das Mädchen fühlt den Kuß, errötet, und während es ängstlich sein lichtes Auge zum Licht erhebt, sieht es zugleich mit dem Himmel seinen Geliebten.
Über die Ehe, die sie gestiftet hat, waltet gnädig die Göttin: Als neunmal die Sichel des Mondes sich zur vollen Scheibe gerundet hatte, brachte jene das Mädchen Paphos zur Welt, von dem die Insel einen ihrer Namen hat.
Aus: Ovid, Metamorphosen. Das Buch der Mythen und Verwandlungen. In Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Mai 1992.
Selbst Beethoven war nicht davor gefeit, das Talent eines Großen zu übersehen. Ein zwölfjähriger Knabe stellte sich dem Meister vor und gab ihm am Klavier Beweise einer für sein Alter wahrhaft erstaunlichen Fertigkeit. Der junge Mann improvisierte und spielte ein Beethoven-Konzert mit großer Sicherheit. Da der Meister jedoch nicht an Wunderkinder glaubte, schickte er ihn wieder fort.
Schließlich konnten ihn Freunde dazu bewegen, ein öffentliches Konzert des jungen Mannes zu besuchen, und jetzt erst erkannte Beethoven, wie sehr er sich geirrt hatte. Er stürzte auf das Podium und umarmte den genialen Knaben. Das Wunderkind war Franz Liszt.
Aus Gerog Markus, Das heitere Lexikon der Österreicher. Die besten Anekdoten von Altenberg bis Zilk. DTV, München 2007.
Wie viele andere in der Kirche verspürte ich in den 60er und 70er Jahren das Verlangen nach einer neuen Geisterfahrung. Wir erlebten, daß ein bisweilen falsch verstandenes "Aggiornamento”, ein zu oberflächliches Bemühen, Kirche und kirchliches Leben auf die Höhe der Zeit zu bringen, zu einer Vertrocknung des geistlichen Lebens führen konnte. Zudem fühlten wir uns zum Zeugnis herausgefordert, daß die Seligpreisungen heute lebbar sind - auch inmitten einer Welt, die in vielen Aspekten der Frohen Botschaft zuwiderläuft. In der Phase nachkonziliärer Infragestellungen meinten einige, man müsse wieder lernen, zur eigenen Identität zu stehen und stolz zu sein, zur Kirche zu gehören.
Ich selbst hatte damals und all die Jahre hindurch viele Gelegenheiten (nicht nur die eingangs erwähnte!), diverse geistliche Erfahrungen aus der Nähe kennenzulernen: alte und neue, östliche und westliche. Einige der neuen Erfahrungen waren um charismatische Persönlichkeiten entstanden, durch die der Heilige Geist direkt zu den Kirchen zu sprechen schien. In den Begegnungen mit solchen Gruppen fand ich viel Gutes: ein neues Gemeinschaftsbewußtsein, eine intensiver( geistliche Erfahrung, eine Überwindung der Ängste und Sorgen angesichts einer vom Werteverfall bedrohten Welt.
Diese Begegnungen haben mein Leben bereichert ich bereue es nicht, daß ich dort "auf die Suche” gegangen bin. Und ich hoffe, dabei ein wenig mehr geiern' zu haben, auf den Heiligen Geist zu hören, der mit immer neuer Phantasie und Kreativität am Werk ist. Ich möchte sogar sagen, daß diese Erfahrungen mir auch geholfen haben, einen tieferen inneren Zugang zu "institutionalisierten” (um ein Modewort von damals auf-zugreifen) Orten der Präsenz des Heiligen Geistes zu finden: zur Heiligen Schrift als Wort Gottes, das im Glauben gelesen und im Gebet betrachtet werden will und nicht nur Gegenstand exegetischer Akribie (die freilich auch dazugehört!) ist; zum Wert der Sakramente, der Liturgie und der Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft und ihres karitativen Engagements.
Mit der Zeit ist mir zunehmend bewußt geworden, in welch überreichem Maße der Heilige Geist am Werk ist. Vor allem in meinem bischöflichen Dienst, den ich als besondere Gnade betrachte, habe ich erfahren, wie-viel er ohne Lärm und Aufhebens in alltäglichen Situationen bewirkt. Ich wurde Zeuge zahlloser Lebenswege bekannter und unbekannter Menschen, von Erlebnis-sen und Begebenheiten, die keine Schlagzeilen machen.
Oft waren es zufällige Begegnungen, die mich tief beeindruckt haben und ahnen ließen, wieviel Gutes es im Verborgenen gibt: Wie kostbar ist der Beitrag so vieler alter und einsamer Menschen, der häufig übersehen wird. Wie viele Familien kümmern sich ohne Aufhebens in heroischer Liebe um ein behindertes Kind. Nie werde ich den Besuch eines jungen Mannes vergessen, der seit Jahren schwer krank war und kurz vor dem Tod stand; spontan dachte ich: Hier ist der auferstandene Herr zugegen! Es hat mich tief beeindruckt, welch offenes Herz so mancher Inhaftierte hat. Ebenso die Verfügbarkeit und die anspruchsvollen Sinnfragen zahlreicher junger Leute ... Voller Bewunderung bemerkte ich unter Jugendlichen ein wachsendes Bedürfnis nach Stille und Gebet, den Wunsch, das Leben der Armen zu teilen, den Hunger nach dem Wort Gottes.
Geprägt von solchen tiefen geistlichen Erfahrungen, ist mir aufgegangen, daß der Heilige Geist auch an Orten wirkt, die man als Orte der Ferne oder gar der Abwesenheit Gottes bezeichnen würde. Dieser Eindruck hat sich nach und nach erhärtet, nicht zuletzt in einer Reihe von Begegnungen und Veranstaltungen mit Nichtglaubenden, die Augenblicke authentischer Gnade waren.
Kurz, ich habe gemerkt, daß der Heilige Geist in zweifacher Weise zugegen ist:
zum einen in der Gemeinschaft der Kirche, sei es in ihren "normalen” Lebensvollzügen und Handlungen, etwa in den liturgischen Feiern und der alltäglichen Seelsorge, sei es in den vielfältigen neuen Aufbrüchen (die geistlichen Bewegungen sind dafür ein augenfälliges, wenn auch nicht das einzige Zeichen);
zum anderen auf der großen Bühne der Welt, und zwar auch in Ereignissen und Situationen, die auf den ersten Blick wenig oder nichts mit Gott zu tun haben.
Zugleich aber ist mir etwas anderes aufgefallen: Es gibt beträchtliche Widerstände gegen das befreiende Handeln des Heiligen Geistes, der Beistand und Tröster ist. Diese Widerstände kommen von zwei Seiten.
Es bestehen Tendenzen, die eigene Gruppe und Bewegung oder die persönliche spirituelle Erfahrung zu verabsolutieren. Dies kann so weit führen, daß das ursprüngliche Charisma gewissermaßen verdinglicht und jemandem übergestülpt wird. Die freie, persönliche Reifung des einzelnen kann dadurch blockiert werden.
Andererseits gibt es die Tendenz, alles, was über das Bekannte und die eigenen Vorstellungen hinausgeht, abzutun und abzulehnen. Man glaubt den eigenen Weg und die Wege, die andere zu gehen haben, zu kennen, und ist überzeugt: So soll es bleiben. Man ist nicht offen für lebendige Erfahrungen des Geistes, die vorschnell als überflüssig oder gar als "Entfremdung” eingestuft werden. Dies geschieht besonders häufig, wenn der Glaube abnimmt oder das Streben nach materiellen Dingen die Oberhand gewinnt und dem Unsichtbaren den Rang streitig macht.
Die beiden Widerstände gegen den Geist äußern sich in zwei ernsten Versuchungen.
Im ersten Fall kann es vorkommen, daß in einer Gruppe oder Bewegung nicht die persönliche Erfahrung des Heiligen Geistes, sondern die Zugehörigkeit zur Gruppe das Wichtigste wird. Man neigt dazu, aus der charismatischen Führergestalt einen nicht hinterfragbaren Bezugspunkt zu machen. Subtile Prozesse drängen denjenigen, der sich um eine selbstkritische Überprüfung seiner eigenen Erfahrung müht, in die Rolle eines schuldig Gewordenen.
Im zweiten Fall besteht die Gefahr der Selbstgenügsamkeit. Anfänglich äußert sie sich in einem leeren, eintönigen religiösen und kirchlichen Leben. Äußerlich hält man zunächst noch an bestimmten Gewohnheiten und Bräuchen fest. Im Extremfall geht schließlich jeder Bezug zum Unsichtbaren, zur Transzendenz verloren. Man verschließt sich gegen jede Botschaft vom Heil, die Gott uns zukommen lassen möchte.
Aus: Carlo Maria Martini, Spuren des Heiligen Geistes. Beobachtungen und Anstöße. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 1998.
An den großen Problemen, vor denen die römisch-katholische Kirche heute steht, ist nicht das Konzil schuld. Ich glaube sogar, dass Johannes XXIII. die Kirche gerade für die sich damals schon abzeichnenden Veränderungen in der Gesellschaft erneuern und zurüsten wollte. Und die Bischöfe der ganzen Welt, die mit ihren Theologen nach Rom gekommen waren, sind dem Papst damals erstaunlich willig gefolgt.
Nicht das Konzil ist schuld an der heutigen Schwäche der Kirche, sondern die oft divergierende Interpretation des Konzils. Und auf eine gemeinsame müsste man sich in aller Sorgfalt einigen. Wie soll das gehen? Man muss die Konzils-texte neu lesen, aber nicht nur die Endfassung, sondern jeweils den Werdegang der einzelnen Dokumente studieren. Sie waren meist zuerst im traditionellen Geist konzipiert und geben dann schließlich doch fast alle eine erneuerte Theologie wieder. Das Wirken des Geistes kann man nicht allein dem Endtext entnehmen. Da stecken zu viele Kompromisse dahinter auf Grund von Interventionen, nicht zuletzt aus kurialen Kreisen. Aber in der so unerwarteten Dynamik, aus der die Texte sich weiterentwickelt haben, spüre ich den Geist Gottes, der seine Kirche leitet.
Dann aber müssten die Anstöße, die das Konzil gab, jetzt, nach mehr als 40 Jahren, weitergedacht werden, gleichsam ein neues Aggiornamento erfahren. Und wie damals geht das nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen Vertretern des Lehramtes und der theologischen Forschung. Gera-de in den verschiedenen Sparten der Theologie wurde ja die Weiterentwicklung seit dem Konzil wissenschaftlich beobachtet, und zahlreiche Lösungsmodelle sind schon ausgearbeitet worden.
Wie am Konzil braucht es auch heute den Mut, Neues zu wagen und auf manch Altes - das nicht immer das Bessere gewesen sein muss - zu verzichten. Der Glaubwürdigkeit der Kirche dient nicht der Anschein, sie habe kontinuierlich immer Dasselbe gelehrt, sondern das ehrliche Eingeständnis, auch Fehler gemacht zu haben und nun zu besserer Einsicht gekommen zu sein.
Wenn das Konzil wirklich das Geschenk des Geistes an die Kirche war, dann dürfen wir es nicht als geschichtliches Ereignis "verwahren”, "archivieren”, sondern müssen es zu voller Entfaltung bringen und mit der Welt teilen, für die es uns ja anvertraut worden ist.
Aus: Helmut Krätzl, Eine Kirche, die Zukunft hat. 12 Essays zu scheinbar unlösbaren Kirchenproblemen. Styria Verlag Wien Graz Klagenfurt 2007.
Komme, geheimnisvoller Atem,
leiser zärtlicher Wind,
hauche uns an, damit wir leben,
ohne dich sind wir tot!
Komme, in Feuer und in Flammen,
zünd uns an wie ein Licht,
mache uns trunken von der Liebe,
wir sind starr, tau uns auf!
Komme, Erfinder neuer Sprachen,
gieß dich aus über uns,
rede in uns mit neuen Zungen,
komm, begeistere uns!
Komme, du Hoffnung aller Armen,
schaff den Wehrlosen Recht,
dass die Gebeugten sich erheben,
dass sich Völker befrein!
Komme, du Tröster aller Müden,
Stille mitten im Lärm,
in den Terminen schaff uns Pausen,
lass uns ausruhn in dir!
Komme, du Taube übers Wasser,
bring den Ölzweig herbei,
bring uns das Zeichen für den Frieden,
den die Erde ersehnt!
Komme vom Vater und vom Sohne,
komm du schaffende Kraft,
mache uns neu, und unsre Erde
hat ein neues Gesicht!
Lothar Zenetti in Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete.
Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.

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