Die neu Berufenen folgen Jesus "sofort". Was motiviert sie? Sie sind wohl fasziniert vom Himmelreich, das Jesus ankündigt. Wo Gott ist, herrscht eine Kultur des Lebens.
Manchmal finden sich in Gesetzbüchern Kuriositäten. So heißt es im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch in §1619 folgendermaßen: „Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen ... Dienste zu leisten.“ Es hat seinen Ursprung wohl in einer Zeit, in der Jugendliche schon früh „in die Lehre gingen“, noch zu Hause wohnten und sich dann auch an der Ordnung des häuslichen Zusammenlebens zu beteiligen hatten. Wir leben jetzt in anderen Zeiten, aber es ist bis heute noch gültig.
Ich bin bei einem Gespräch im Kreis junger Eltern auf diese Kuriosität aufmerksam geworden. Fast alle Eltern stöhnten darüber, wie schwer sich der Nachwuchs zu Küchenarbeit, Mithilfe im Garten oder auch nur zum Aufräumen des eigenen Zimmers bewegen lässt. Es gibt tausend Ausreden. Und alles läuft letztlich darauf hinaus: „Ich mache das später!“ Es bedarf schon großer Anreize, damit die Kinder solche Aufgaben sofort erledigen: Ein Kinobesuch. Neue Klamotten kaufen. Oder sogar die Aussicht auf ein neues Smartphone. Nicht wenige der Eltern wünschten sich manchmal, sie könnten mit diesem Paragraphen wenigstens einmal „drohen“! Gott sei Dank, tun sie es dann aber doch nicht.
Wenn wir ehrlich sind, ist das Verhalten der Kinder auch für uns Erwachsene nicht so weit weg. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, die wir nicht gerne tun. Und sie dann in unsere „to do Liste“ ziemlich weit nach hinten schieben. Und auch für Erwachsene gilt: Je größer die „Belohnung“ desto eher erledigen wir solche ungeliebten Aufgaben.
Vielleicht ist es der Hintergrund solcher Erfahrungen der Grund dafür, dass ein Wort in den beiden Berufungserzählungen des heutigen Evangeliums ins Auge springt: „Sofort“! Sowohl Petrus und Andreas als auch die beiden Zebedäus-Brüder lassen sofort alles stehen und liegen und folgen auf der Stelle dem Ruf Jesu.
Das macht nachdenklich. Scheinbar ohne Fragen oder Zweifel lassen sie sich auf etwas ganz Neues und Unbekanntes ein. Ein solches Verhalten ist ungewöhnlich. Normalerweise brauchen wir Menschen Klarheit und Absicherung, bevor wir solche weitreichenden Schritte wagen. Bei den ersten Jüngern war dies anders. Offensichtlich hat Jesus eine Saite zu Schwingen gebracht, die in ihnen „alle Sicherungen durchbrennen lassen“. Sie verlassen ihre Arbeit, ihre Familien und lassen sich auf etwas ganz Neues ein.
Der Text des Evangeliums nennt zwei Gründe für dieses Verhalten: „Denen, die im Schatten des Totenreich leben, ist ein helles Licht erschienen.“ Denn das lang ersehnte „Himmelreich ist nahe“. Und die Verheißung an die neuen Jünger: „Ich werde Euch zu Menschenfischern machen!“
Wenn die Bibel vom »Himmelreich« oder auch »Reich Gottes« spricht, dann meint sie: Dort ist Gott! Dort herrschen seine Gesetze, die Leben ermöglichen. Im Himmelreich schafft Gott so das „Leben in Fülle“!. Das Schatten- oder Totenreich ist das genaue Gegenteil: Dort gelten die Gesetze, die Leben verhindern und zerstören. Das Himmelreich führt zu einer Kultur des Lebens, das Schattenreich zu einer Kultur des Todes.
Jesus steht für diese neue „Kultur des Lebens“. Damit Menschen nicht mehr von Gott getrennt sind, ermöglicht er Vergebung und Versöhnung. Krankheiten und Armut grenzen Menschen nicht mehr aus dem sozialen Miteinander aus. Die Herrschenden und Regierenden füllen nicht ihre eigenen Taschen, sondern dienen der Wohlfahrt aller Menschen. Krieg und Gewalt werden durch die Liebe überwunden. Den Menschen, die bisher im Dunkeln leben, erscheint dieses helle Licht der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe. Diese Kultur des Lebens übt eine eine so gewaltige Faszination auf die ersten Jünger aus, dass sie bereit sind, dafür alles stehen und liegen zu lassen.
Diese neue Kultur des Lebens beginnt - und das stellt Jesus von Anfang an klar - im konkreten Alltag der Menschen. Sie ist keine billige Vertröstung auf das Jenseits, sondern will schon jetzt anfanghaft erfahrbar und erlebbar sein. Das Evangelium berichtet davon, wie Christus in den Synagogen das Evangelium vom Reich Gottes verkündet. Und damit beginnt, Gottes Gesetzen Geltung zu verschaffen, indem er im Volk alle Krankheiten und Leiden heilt. In seiner Verheißung an die Jünger: „Ich mach Euch zu Menschenfischern!“ ruft Jesus seine Jünger, mit ihm an dieser neuen Art zu leben mitzuarbeiten. Und es soll Kreise ziehen: Seine Jünger werden andere Menschen für das Reich Gottes begeistern und sie lehren, nach seinen Gesetzen des Lebens zu leben, indem sie selbst solche Zeichen des neuen Lebens setzen: Dämonen austreiben, Kranke heilen und den Armen die Frohe Botschaft verkünden.
Schon aus dem Zusammenleben in unseren Familien wissen wir aber, dass Gesetze allein - wie z.B. im Bürgerlichen Gesetzbuch - ein gelingendes Zusammenleben nicht schaffen können. Dazu bedarf es des gemeinsamen Willens, der seinen tiefsten Grund in der gegenseitigen Zuneigung und Liebe hat.
Nach so vielen Jahren, die uns dieses Evangelium schon vertraut ist, brennen wahrscheinlich beim Zuhören nicht sofort alle „Sicherungen durch“! Vielleicht finden wir aber einen neuen Zugang zur Botschaft des Herrn in seiner Aufforderung die heutige Kultur des Todes, unter der viele von uns und viele unserer Mitmenschen leiden, neu in den Blick zu nehmen. Natürlich sind manche im Laufe der Jahre müde geworden. Haben nicht nur ihre Illusionen, sondern auch ihre Hoffnung verloren, weil sich scheinbar doch nur so wenig ändern lässt. Jetzt am Altar feiern wir den Sieg Christi über das Scheitern und die Hoffnungslosigkeit des Todes. Er lebt und ist als Auferstandener mitten unter uns. Der Tod hat eben nicht das letzte Wort. Bitten wir ihn um die Erneuerung unserer Liebe, damit wir uns auch weiterhin mit Kraft und Hoffnung dem Leid und dem Unrecht, dem Menschen ausgesetzt sind, entgegen stemmen können und so Menschenfischer sein können, die die Botschaft vom kommenden Himmelreich den Menschen unserer Zeit bezeugen.
Das Evangelium erzählt vom ersten Auftreten Jesu. Er beginnt mit seiner Predigt im "heidnischen" Galiläa und wird für die Menschen dort zum Licht wie vom Propheten Jesaja verheißen. Auch wir sind berufen, Licht für die Menschen zu sein.
Nach den Angaben und der Überlieferung des Evangelisten Lukas startet Jesus sein öffentliches Wirken mit etwa dreißig Jahren. Sein Weg führt ihn zunächst zum Jordan zu Johannes dem Täufer, von dem sich Jesus wie viele andere taufen lässt. Der Täufer muss bei Jesus einen starken Eindruck hinterlassen haben. Denn Jesus beginnt, nach dem Bericht des Matthäus, seine Verkündigung mit den Worten und einem Satz, den er beim Täufer oft gehört hat: „Kehrt um!“
Wie lange sich Jesus beim Täufer aufgehalten hat, wissen wir nicht. Berichtet wird, dass er vom Jordan aus vierzig Tage in die Wüste zog, dort vom Teufel mehrfach versucht wurde, doch den Versuchungen glänzend widerstand. Wahrscheinlich kehrte er nach seinem Wüstenaufenthalt wieder an den Jordan zurück. Dort erfährt er, dass Herodes den Täufer gefangen nehmen ließ. Um sich nicht der gleichen Gefahr auszusetzen, kehrte Jesus nach Galiläa zurück.
Matthäus sieht hierin eine Fügung Gottes. Denn auf diese Weise erfüllt sich eine frühere Verheißung Jahwes, die er durch den Propheten Jesaja verkünden ließ: Das Volk im Dunkel wird ein helles Licht sehen. Zu den Menschen im Dunkeln und im Schattenbereich zählte man die Leute von Sebulon und Naftali, das Gebiet jenseits des Jordan und das sogenannte „heidnische“ Galiläa.
Besonders Galiläa hatte zur Zeit Jesu einen schlechten Ruf. Niemand aus dem südlichen Judäa mit der Stadt Jerusalem zog ohne besondere Not in den Norden nach Galiläa. Aus Sicht der gläubigen Juden war Galiläa das „Land der Heiden“. Mitten durch Galiläa führten die Handelswege von Ägypten und dem Mittelmeer in Richtung Damaskus und ins nordöstliche Zweistromland. Ausländer, also Heiden, Unbeschnittene aus fremden Ländern hatten sich im Gebiet von Galiläa niedergelassen. Mit ihnen kam man ständig in Berührung. Zahllose Zöllner waren hier tätig und hatten hier ihr Zuhause. Räuber und Wegelagerer tauchten immer wieder auf, um Kaufleute zu überfallen.
Sehr bewusst beginnt Jesus in diesem religiösen Diasporagebiet, wie wir heute sagen würden, sein öffentliches Wirken. Dies sollen wir beachten und bedenken. Denn Jesus hätte, um sich vor Herodes zu schützen, ja auch vom Jordan nach Jerusalem ausweichen können. Dort hätte er wahrscheinlich sogar mehr Zuhörer verbuchen können als in Galiläa. Aber Jesus wählt den Landstrich Galiläa, geht als Erstes zu denen, die „im Dunkeln“ leben. So erstrahlt, wie verheißen, denen, die im „Schatten“ leben, als Ersten das mit Jeus aufgehende Licht.
Matthäus möchte mit der Hervorhebung, dass Jesus bewusst sein öffentliches Auftreten in Galiläa beginnt, einem von Heiden und Juden durchsetztem Gebiet, den Gläubigen deutlich aufzeigen: das Erscheinen Jesu in der Welt ist nicht lediglich eine Angelegenheit, die das jüdische Volk betrifft. Und damit hat es sich. Nein, Jesus ist Heiland aller Menschen und das besonders auch für die Abgelehnten und Ausgegrenzten. Dies zeigt sich neben seinem ersten Auftreten ausgerechnet in Galiläa auch in der Wahl der Apostel. Jesus wendet sich z.B. nicht an Schriftgelehrte, Synagogenvorsteher oder an auf religiösem Gebiet gut Vorgebildete oder sonst irgendwie hoch angesehene Personen. Er geht auf ganz normale Alltagsmenschen zu, die ihren Glauben in der Gemeinschaft mit anderen leben und einen vor Ort gängigen Beruf ausüben. Dass die von Jesus Angesprochenen ihm folgen, das ist das Entscheidende. Dadurch kann Jesu Werk sich entwickeln und wachsen, auch wenn es nicht in Judäa, Jerusalem oder mit namhaften Persönlichkeiten beginnt.
Bilder des heutigen Evangeliums lassen sich leicht auf unsere Situation übertragen. Galiläa von damals ist unsere Situation heute. Neben Christen bevölkern zahllose Nichtchristen unser Land, mit denen wir täglich in Berührung kommen. Gelegentlich kann man den Ruf vernehmen, man müsse sich abschotten; Deutschland müsse ein Land mit christlichen Idealen bleiben. Im heutigen Evangelium wird uns ein Weg aufgezeigt, der sich für uns gut zur Nachahmung anbietet. Jesus tritt in Galiläa nicht auf mit dem Ruf zur Abschottung, sondern zur Umkehr. Er lässt sich mit allen Menschen ein, die er antrifft: gläubige Juden, Heiden, Zöllner, Gesunde, Kranke, von einem Dämon Besessene. Wo Menschen ihm ihr Herz öffnen, verkündet er ihnen seine Botschaft, stärkt und heilt er sie. Auch wenn in seinen Worten deutlich wird, wie sehr ihm an der Befolgung seiner Lehre gelegen ist, hütet und enthält er sich, irgendwelchen Druck auszuüben. Er überlässt jedem Einzelnen, wie er sich entscheidet. Jeder kann Jesu Leben, sein Verhalten, seine Botschaft erst einmal betrachten und darüber nachdenken. Und es zeigt sich ja dann, dass vor allem das Leben Jesu, sein Verhalten, sein Handeln die Einzelnen zur Nachahmung geführt hat.
Jesus hat in Galiläa keine Revolution ausgelöst, in einem großen Aufbruch alle Bewohner für sich gewonnen und auf seine Seite gezogen. Dennoch gelang es ihm, in diesem Landstrich ein Licht aufgehen zu lassen, sodass die, die darauf schauten, für sich einen neuen Weg entdeckten. Sie erkannten, wie Leben sinnvoller und glücklicher gestaltet werden kann, welchen Segen Liebe, Geduld, Hingabe, Hilfsbereitschaft, innige Verbundenheit mit Gott ausstrahlt.
Jesus zwingt auch in unserem Land niemanden, ihm zu folgen. Er diktiert nicht, in welchem Maß wir die Liebe zu leben haben. Aber er lässt uns erkennen, dass wir ein wunderbares Licht sein können, wenn wir uns mühen, unser Leben seinem Leben anzugleichen. Schauen wir nicht ängstlich, ob wir und wie viel wir durch unser Gut-Sein bewirken. Auch wir werden keine Berge versetzen, können aber Licht sein für viele. Sobald und je mehr wir dies sind, nicht nur gerade so dahinglimmen, öffnen wir Herzen für den Geist und die Gesinnung Jesu.
Leuchten und Licht sein, das können wir. Entschieden Jesu Ideale anstreben, lebendig ein Christ sein, seinen Ruf zur Nachfolge beantworten, dafür muss sich jeder selbst entscheiden; dafür trägt jeder ganz persönlich für sich selbst die Verantwortung.
Den Stämmen Sebulon und Naftali erscheint ein helles Licht. In der Erwartung des Reiches Gottes folgen die ersten Jünger Jesus sofort. Sie nehmen an seiner Berufung, Licht zu sein, teil.
Jesus bricht auf. Es drängt ihn nach Galiläa. Er wird dort angezogen von Menschen, die einfach und ohne Bedeutung sind. Es sind Juden und Heiden, ein Mischvolk, das die Gesetzeslehrer verachten. Es gibt keine religiöse und nationale Einheit mehr. Die Assyrer und andere kriegerische Völker haben die einst angesiedelten israelitischen Stämme Sebulon und Naftali zerschlagen und ausgelöscht. Die jetzigen Menschen sind verstrickt in Aberglauben und allerlei böses Handeln. Dahinein ergeht Jesu Botschaft: „Kehrt um, das Himmelreich ist nahe.“ Und Jesus wirkt viele Zeichen, den sogenannten galiläischen Frühling.
Was beim Propheten Jesaja 700 Jahre davor als Vision formuliert wurde, verwirklicht sich. Die durch Kriege ausgelöschten Stämme Naphthali und Sebulon erhalten ein Hoffnungslicht. Das unvollständig gewordene Zwölfstämmevolk des Bundes kann aufatmen: es wird durch Jesu Wirken keimhaft erneuert. Es tritt ein in die von Jesus begonnene Berufung zum neuen Gottesvolk. Berufen und erwählt Jesus geht entlang des Sees. Er ruft jeweils zwei Brüderpaare, die Fischer waren, Petrus und Andreas und dann Jakobus und Johannes mit den Worten: „Kommt her, folgt mir nach!“ Sofort verließen sie ihre Netze und folgten Jesus nach. Sie hören den Ruf, verstehen ihn mit dem Herzen, noch ehe sie mit dem Verstand wissen, was die Nachfolge bringen wird. Sie haben gefunden. Ihr Platz ist bei Jesus.
Auch die Berufung der ersten Jünger steht wie alle Berufungen in der Schrift auf der gleichen Linie: die von Gott Erwählten sind nicht erwählt, weil sie so tüchtig sind oder aus vornehmen Geschlecht kommen oder weil ein Mensch das will. Sie sind erwählt, weil Gott es will. Er ruft, er fragt in Liebe das Herz des Erwählten an, er schenkt den Funken göttlicher Berufung. Er lässt die Freiheit, nein zu sagen.
Die Jünger reagieren sofort. Augenblicklich verlassen sie alles: den Vater, das Fischergeschäft, die Boote, den Beruf. Sie folgen Jesus, gehen in seine Schule. Nach und nach erahnen sie, was ihre Berufung bedeutet. Es braucht einen langen Weg. Erst mit der Pfingstgabe des hl. Geistes erkennen sie letztendlich, was es wirklich heißt, ihrem Meister nachzufolgen.
Auch in unserem Leben ist sein Ruf da. Erst nur keimhaft, er hat noch keine klare Kontur. Vielleicht wehren wir uns, haben Angst unseren Willen in seine Hände zu geben. Und dann springt doch der Funke der Berufung. Alles wird klar, ich gehe Seinen Weg. Stelle mich wie Jesus in den selbstlosen Dienst der Liebe hin zum Vater und zu den Menschen.
Da erfüllt sich die Zeit. Jesus ruft mich in der Glaubensgemeinschaft der Kirche. Oder hin zu den Armen, Fremden und Kranken. Das Licht nach Naftali bringen prophezeite Jesaja. Naftali und Sebulon gibt es auch bei uns. Sicher finden wir auf dieser Suche auch Gleichgesinnte, die wie es die Geschwister der ersten Jünger waren, heute mit uns den Weg hinter Jesus mit uns gehen und Zeugen des nahen Gottesreiches werden.
Sie müssen nicht wissen, wo Sebulon und Naftali liegen - es reicht, die Einöde, die Verlassenheit, die Unwirtlichkeit zu sehen, sie förmlich zu riechen. Da ist die Welt am Ende! Ein finsteres Loch! Der Prophet Jesaja stellt sich mutig hin und redet gegen Verachtung und Trostlosigkeit an:
"Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht;
über denen, die im Land der Finsternis wohnen,
strahlt ein Licht auf."
Woher dieser Mensch den Mut hat? Jesaja weiß, dass Gott sich der Menschen annimmt, die sich längst verloren gegeben haben. Die längst aufgegeben wurden. Über die längst der Stab gebrochen ist. Die Geschichte wird noch einmal neu aufgerollt! In Sebulon und Naftali. Gott sagt das, Gott gibt das deutlich zu verstehen.
Wo alle nur schamhaft hinschauen: In dieser Ecke wird es richtig hell. Aus dieser Ecke kommt auf einmal Licht. Über dieser Ecke liegt ein warmer Glanz. Wo ist jetzt das - finstere Loch?
Sebulon und Naftali tauchen dann auf einmal im Evangelium auf. Jesus ist in Galiläa angekommen. Er wohnt in Kafarnaum, am See Genezereth - tatsächlich: im Gebiet von Sebulon und Naftali. Galiläa ist - vorsichtig gesagt - das schwarze Schaf unter den Landstrichen Israels. Immer gut für einen schlechten Witz. Aus Galiläa kommt nichts Gutes! Nicht einmal den rechten Glauben haben die Leute dort - sagt man. Und was Weltläufigkeit und Bildung angeht: hier hausen die Hinterwäldler. Bis, ja bis Jesus dort auftaucht. Mit einer Botschaft, die alles umkehrt:
Es soll sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: "Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen."
Über die Geschichte von Sebulon und Naftali, über die Geschichte Galiläas ließe sich viel erzählen. Über Vorurteile, Besserwisserei und Abgrenzungen auch. Aber sprechen wir lieber von dem, was die vielen dunklen Orte, die wir kennen, hell macht. Weil Galiläa in der Rangfolge ganz unten ist und aus sich auch nichts machen kann, mag ich das Evangelium besonders.
Ich denke an viele Menschen, die in den Augen anderer abgehängt sind. Die nicht mehr mithalten können, wenn es gilt, Spitzenplätze zu erobern. Die sich mit ihrem Status, Verlierer zu sein, auf Gedeih und Verderb arrangieren müssen. Im Konkurrenzkampf spielen sie nicht mehr mit - auf der Siegertribüne machen sich andere breit - und strotzen vor Kraft.
Ich gehe durch die Stadtviertel. Mancher Straßenzug erzählt nicht nur von besseren Tagen, sondern auch von dem Ghetto, das sich längst gebildet hat. Hier wohnen die Menschen, die ihre Perspektivlosigkeit nicht einmal mehr verstecken müssen. Man sieht es den Hauseingängen an, den Fenstern, den Gesichtern. Es ist nicht immer der Migrationshintergrund, der soziologisch klug her halten muss, Abgrenzungen plausibel zu machen. Es ist vielmehr so, dass viele Menschen in ihrer kleinen Welt verschwinden.
Ich höre auch von vielen Menschen, wie traurig sie sind, wenn sie auf misslungenes Leben zurückschauen - oder meinen, ihr Leben sei misslungen. Manchmal stellen sie sich als Opfer dar, oft erzählen sie aber auch von ihrer Rolle, ihrer Schwäche, ihrer Angst. Lebensentscheidungen werden aneinander gereiht - und ergeben dann doch nicht immer ein Bild, mit dem sich Menschen aussöhnen können. Wenn dann noch von Schuld zu reden ist, empfinden wir die Löcher im Leben eines Menschen. Auch bei uns. Schuld hat immer eine Geschichte. Schuld schreibt immer eine Geschichte. Einfach ist sie nicht.
Auf einmal sind wir wieder in Sebulon und Naftali. Wir sehen unsere eigenen finsteren Orte in ihnen. Für das Dunkle im Leben der Menschen gibt es viele Bilder, viele Erfahrungen, viele Albträume.
Wer nach Sebulon und Naftali geht, freiwillig, setzt sich den dunklen Seiten aus, übersieht sie nicht, verdrängt sie nicht. Jesus wohnt hier - sprich: hier ist er zu Hause. Er ist einer von denen. Er teilt das Leben und die Dunkelheit und schenkt gerade so die Lichtblicke, die von einem neuen Vertrauen, einer neuen Kraft, einer neuen Geschichte künden. Jesus stellt Menschen ins Licht. Er gibt ihnen ihre Würde zurück. Und ein helles Gesicht. Die größte Überraschung ist: er traut ihnen zu, umzukehren, einzuhalten, noch einmal neu anzufangen. Jesus sagt: Das Himmelreich ist nahe!
Für mich ist das die Erfüllung eines großen Traumes: Wer aus Sebulon und Naftali kommt, wohnt auf einmal im Reich Gottes! Es ist, als ob alle Scheinwerfer darauf gerichtet werden. Jesus verkündigt nicht nur eine neue Zeit. Er steht sogar mit seinem Leben für sie ein. Jetzt müssen wir von Menschen erzählen, die geliebt sind. Wo Menschen geliebt werden, wird es hell.
Eigentlich könnte ich "Amen" sagen. Schlusswort einerseits, Bekräftigung andererseits. Ja, so ist es! Aber etwas muss ich noch los werden:
In Galiläa findet Jesus Menschen, die ihm helfen. Fischer, einfache Fischer. Also Leute aus Sebulon und Naftali. Simon, genannt Petrus ist von dort, sein Bruder Andreas, die Brüder Jakobus und Johannes. Vier von Zwölf. Sie verlassen ihre kleine Welt und folgen Jesus. Ab jetzt werden auch sie das Licht verbreiten, das sie an ihrem See entdeckt haben oder von dem sie entdeckt wurden. Ein ebenso feines wie kluges Lehrstück: Licht will wachsen, Licht schafft Licht, Licht weiß alles zu erneuern.
Jesus braucht Jünger, Jesus braucht Menschen, die ihm folgen, Jesus braucht uns. Manche unter uns tragen auch so schöne Namen wie Simon, Peter, Andreas, Jakob und Johannes - und wer anders heißt, anderes gerufen wird, kommt auch in diesen Kreis.
Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.
Das ist das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus! Amen!
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Was ist der wesentliche Sinn unseres Daseins? Der Eingangsvers macht es deutlich: "Singt dem Herrn ein neues Lied, singt dem Herrn alle Länder der Erde!" (Ps.96,1). Anders gesagt: Durch unser Leben im Geiste Jesu wird all unser Tun und Wirken ein frommer Lobgesang. Unsere liturgischen Feiern, unsere Arbeit, unsere Beziehungskultur wird zum Gottesdienst, wenn sie im Licht und in der Freude des Evangeliums geschehen.
Das Evangelium führt den weihnachtlichen Gedanken weit ins Arbeitsjahr hinein. Durch sein Wort, seine Menschwerdung, seine Solidarität besonders mit den Armen, Ausgegrenzten, Notleidenden bringt er Licht ins Dunkel. "Ein Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen." (Mt.4,16).
Wenn wir aber in die Kirchengeschichte blicken, ist diese nicht immer voll Licht und angenehmer Wärme. Selbst in der Gemeinde von Korinth gibt es Spaltungen: "Ist denn Christus zerteilt?" (1 Kor.1,13), fragt bereits der 1. Korintherbrief. Darin wird von Zank und Streit unter ChristInnen gesprochen.
"Ist denn Christus zerteilt?" lautet auch das Thema der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen. Diese gibt es schon mehr als 110 Jahre. Wir haben jahrzehntelange Diskussionen und Fachtagungen hinter uns gebracht, die viel Hoffnung erweckten. Einiges wurde dabei festgestellt und außer Streit gebracht:
1: Jesus wollte eine Kirche, keine Spaltung, sie ist eine Schande.
2: Der Weg zur einen Taufe, also Eintauchen in den Heiligen Geist.
Das ist der Weg zum Reich Gottes, den auch das Himmelreich anbietet:
"Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!" (Mt.4,17)
3: Es geht um das eine Credo: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Katholisch heißt allumfassend, alle ChristInnen sind gemeint, nicht nur die römisch- katholischen. Römisch-katholisch und altkatholisch sind konfessionelle Begriffe des 16. Jahrhunderts und wesentlich später.
4: Unbestritten ist die Realpräsenz Jesu in den Gestalten von Brot und Wein, außer bei den Zwinglianern. Die Eucharistie hat besondere Priorität, an der man nicht rütteln darf, ist ein ganz wichtiger Punkt der Gemeindeverfassung. Leider ist sie auch zum Disziplinierungsmittel, zum Ausschluss für Konfessionen und geschiedene Wiederverheiratete geworden.
Papst Franziskus ist unser Wachrüttler, der uns an das Evangelium und an das II. Vaticanum erinnert, das manche schon vergessen haben, weil es vor beinahe 50 Jahren abgeschlossen wurde. Dort gibt es das Ökumenedokument, das nicht nur Hirten und andere Amtsträger zur Einheit aufruft, sondern jeden einzelnen nach seinen Fähigkeiten, in seinem Bereich.
Im apostolischen Schreiben des Papstes "Evangelii gaudium" ("Die Freude am Evangelium"), spricht er auch von skandalöser Spaltung:
"Wieviele Kriege innerhalb des Gottesvolkes und in den verschiedenen Gemeinschaften! Im Wohnviertel, am Arbeitsplatz- wie viele Kriege aus Neid und Eifersucht, auch unter Christen! Die spirituelle Wirklichkeit führt einige Christen dazu, im Krieg mit anderen Christen zu sein, die sich ihrem Streben nach Macht, Ansehen, Vergnügen oder wirtschaftlicher Sicherheit in den Weg stellen." (Punkt 98)
"Die Christen aller Gemeinschaften der Welt möchte ich besonders um ein Zeugnis brüderlichen Miteinanders bitten, das anziehend und erhellend wirkt." (Punkt 99)
"Für diejenigen, die durch alte Spaltungen verletzt sind, ist es schwierig zu akzeptieren, dass wir sie zur Vergebung und Versöhnung aufrufen, weil sie meinen, dass wir ihren Schmerz nicht beachten oder uns anmaßen, sie in den Verlust ihrer Erinnerung und ihrer Ideale zu führen. - Auch unter gottgeweihten Personen ist Platz für verschiedene Formen von Hass, Spaltung, Verleumdung, übler Nachrede, Rache, Eifersucht, Neid und dem Wunsch, eigenen Vorstellungen um jeden Preis durchzusetzen, bis hin zu Verfolgungen." (Punkt 100).
Franziskus zeigt somit die Differenz auf, genauso wie die Heilige Schrift, wie das Evangelium gelebt werden sollte und was tatsächlich läuft. Wir stehen zur Zeit in Kirche und Gesellschaft in einem großen Umbruch, vor allem, was Änderungen in den Institutionen oder sogar ihr Zurückdrängen betrifft. Die christlichen Kirchen hätten gerade jetzt große Chancen, neue Wege zu gehen. Wird es jetzt durch die Person des Papstes Franziskus, gelingen, bei uns die Freude am Evangelium zu wecken?
Ich glaube an Christus und ich glaube, dass über eine Milliarde Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern können. (zitiert nach Heinrich Böll + 1985).
"Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe." So sagt es Jesus im heutigen Evangelium. Wir dürfen sagen: Dies ist wie eine Überschrift über das Wirken Jesu. Damit lässt sich sein Auftrag für diese Welt, für die gläubigen Menschen in Israel bezeichnen.
Allerdings, wir wissen, dieses Volk ist nicht umgekehrt, es hat sich nicht zu Jesus bekehrt. Außer ein paar wenigen Jüngern haben sich die Führenden damals und das Volk nicht Jesus angeschlossen, haben sich nicht bekehrt.
Und jetzt wird das von uns hier verlangt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie das hören:
"Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe."?
Ein Mitbruder vom Schönenberg war auf Exerzitien. Als er wieder heimkam, berichtete er: Der Priester, der den Kurs gehalten hat, begann eine Ansprache:
"Salz lässt sich nicht salzen. Schmalz lässt sich nicht schmalzen. Ein Lehrer lässt sich nicht belehren und ein Pfarrer lässt sich nicht bekehren."
Bei den Lehrern habe ich zu wenig Einblick, aber von uns Geistlichen kann ich sagen: Die berufsmäßigen Bekehrer tun sich schwer, wenn sie selbst dran sind.
Es ist leichter, zu predigen und die Leute zur Umkehr aufzufordern, als bei sich selbst damit anzufangen.
Ich persönlich helfe mir damit, dass ich jedes Jahr mindestens fünf Tage Exerzitien für mich mache, mit Schweigen, Gebet, Betrachtung - ich gebe damit dem Herrn und Gott eine Chance, mich zu bekehren. Ich sage es ihm jedes Mal auch. Ob er es schon getan hat, müssen die anderen beurteilen.
"Kehrt um!" Was bedeutet das genauer? Was wird Jesus damit gemeint haben?
Wenn ich auf einem Weg bin, ist es klar. Ich merke, dass ich in der falschen Richtung gehe, dann muss ich kehrt machen, zurückgehen, mich neu orientieren, neu das Ziel angehen. Im Bereich des Glaubens ist das jedoch nicht so einfach. Ich habe den Eindruck: Manche Menschen wollen sich gar nicht Gott zuwenden.
Karl Marx, einer der geistigen Begründer des Kommunismus, war der Ansicht: Wenn sich ein Mensch Gott zuwendet, dann wird er sich selber untreu. Er wird dabei sich selbst entfremdet und verrät die Welt.
Ich habe den Eindruck, auch heute leben viele in der Grundhaltung: Wenn ich mich ganz auf Gott einlasse, komme ich als Mensch zu kurz, kann ich mich nicht entfalten, mich nicht verwirklichen, dann verliere ich meine Freiheit. Außerdem ist es in unserer Zeit uncool, zu glauben, die Beziehung zu Gott zu suchen.
Als ob Gott der wäre, der uns dieses Leben schenkt und dann wieder verdirbt, als ob er ein Feind des Lebens wäre. Umkehren heißt dann: Sich diesem Gott des Lebens zuwenden, sich auf eine immer tiefere Beziehung zu ihm einlassen, ihn neu als Herrn und Gott anerkennen und mit ihm verbunden bleiben. Dann weiß ich, woher ich komme und wohin ich gehe. Von Gott her gesehen bin ich eben jemand, bin von ihm geliebt und anerkannt. Von ihm her gesehen bin ich als Mensch einzigartig und einmalig, ich habe eine Würde und ein Ansehen. Gott schenkt mir die Freiheit und er achtet sie.
Umkehren, sich bekehren, ist natürlich schwer, nicht nur für die Priester, die berufsmäßigen Bekehrer. Jede Änderung im Leben, im Glauben, tut weh, ist mit Angst, oft mit Unsicherheit, mit Schmerz verbunden. Deshalb bleiben viele Leute lieber so, wie sie sind und machen ewig weiter, auch wenn die Art zu leben und zu glauben noch so daneben ist. "Manche Leute sterben lieber, als dass sie sich ändern", hat mir einmal eine Frau gesagt.
Es kann natürlich sein, dass Sie zu den Gerechten gehören, "die es nicht nötig haben, umzukehren" (Lk 15,7), wie es im Evangelium einmal heißt. Das kann ich von hier aus nicht beurteilen, am Ende wird es sich bestätigen - oder nicht.
Wir Christen kommen in dieser Frage einen Schritt weiter, wenn wir uns selbst kritisch fragen, wenn uns darauf besinnen: Was behindert meine Beziehung zu Gott? Ist er für mich wirklich wichtig? Oder gibt es anderes, Menschen, Dinge, um die mein ganzes Denken und Fühlen, mein Bemühen und Tun kreist, so dass für Gott dann nicht mehr viel übrig bleibt?
Kürzlich hat mir ein Mitbruder gesagt: Wirkliche Atheisten gibt es wenige, aber viele, die Götzen nachlaufen. Das kann das Geld oder die Macht sein, der Sport oder das Handy...
Falls Sie sich nicht sicher sind, ob Sie umkehren sollen oder nicht, empfehle ich: Fragen Sie den Herrn direkt, was er von Ihnen will, was er von Ihnen erwartet? Setzen Sie sich ruhig öfter einmal in diese Kirche und fangen in der Stille an, auf ihn zu hören. Vertrauen Sie darauf: Da kommt etwas. Wenn Sie bereit sind, sich neu auf ihn einzulassen, werden Sie sehen, er kommt Ihnen dabei entgegen. Wozu der Herr Sie bewegt, wo er Sie ändert oder verwandelt, das schadet Ihnen bestimmt nicht, sondern führt Sie zum Glauben, zum Leben.
Romano Guardini schreibt, Christus müsse der Maßstab für unser Leben werden. "Von ihm her wird über die Welt geurteilt." Wenn wir mit seinen Augen einmal auf uns und unser Leben schauen, ich denke, da ist manches renovierungsbedürftig.
Deshalb: Kehrt um!
Hermann Hesse hat in seinem Gedicht "Stufen" die wunderbaren Worte geprägt, dass allem Anfang ein Zauber innewohnt "der uns beschützt und der uns hilft zu leben".
Von einem solchen Anfang berichtet Matthäus im heutigen Abschnitt des Evangeliums. Das Szenarium ist vorbereitet: Johannes hat Jesus getauft und ist nun selbst von den Behörden aus dem Verkehr gezogen und ins Gefängnis geworfen. Jesus überdenkt nochmals seinen Auftrag - und Matthäus verweist dazu auf die Verheißung des Jesaja: In Jesus ist das Licht gekommen, das die Dunkelheit erhellt. Schon hier ist der Verweis auf das Ende mitgegeben: Denn auch die Toten bleiben nicht im Schattenreich; auch ihnen leuchtet dieses Licht.
Für Matthäus ist dieser Hinweis sehr wichtig, dass sich in Jesus die alten Verheißungen erfüllen. Immer wieder verweist er in seinem Evangelium darauf, dass sich in Jesus erfüllt, was die Propheten verkündet hatten.
Diese Aussagen haben für uns Christen heute eine mehrfache Bedeutung. Zum einen wird damit klar ausgesagt, dass Jesu Handeln in einer Linie mit dem Handeln Gottes an seinem Volk liegt. Die Taten Gottes, von denen das Alte Testament berichtet, und die Taten Jesu gehören zusammen; sie interpretieren sich gegenseitig. Jesus ist nicht gekommen, das Alte aufzuheben, sondern zu erfüllen. Damit aber ist die große Bedeutung der jüdisch-christlichen Tradition unseres Glaubens ausgesagt. Wir können unseren christlichen Glauben, wir können Jesus und seine Botschaft nicht wirklich verstehen, wenn wir uns nicht auch bemühen, die jüdischen Wurzeln unseres Glaubens zu verstehen. Denn Jesus lebt aus diesem Glauben heraus, und sein Leben und seine Verkündigung bauen auf diesen Wurzeln auf. Gerade eine Weltgebetswoche für Einheit, wie sie gerade zu Ende gegangen ist, kann das wieder deutlicher machen: Dass es so viel Gemeinsames gibt zwischen den unterschiedlichen christlichen Kirchen und auch zwischen den christlichen Kirchen und unseren Brüdern und Schwestern im jüdischen Glauben. Denn es ist die Wurzel, die den Stamm trägt - und diese Wurzeln sind von Jesus nicht abgeschnitten, sondern weitergeführt worden.
Matthäus bereichtet nun davon, wie Jesus seinen öffentlichen Auftritt, seine Verkündigung beginnt. Und diese Verkündigung schließt unmittelbar an jene des Johannes an: Er ruft auf zur Umkehr. Diese Umkehr wird nicht näher bestimmt: Wohin umkehren? Zum alten Gesetz? Zu früheren Traditionen? Auf den rechten Weg?
Die inhaltliche Beschreibung der Umkehr erfolgt mit Jesu ganzer weiteren Lehre und seinem Handeln. Umkehr meint bei Jesus: Hinkehr zu Gott; Hinkehr zum eigentlichen Inhalt der Gebote, die er dann mit Gottes- und Nächstenliebe zusammenfassen wird. Umkehr meint bei Jesus die Abkehr von äußerlicher Scheinheiligkeit zu einer innerlichen Zuwendung zu Gott und zu den Menschen.
Die Begründung, die Jesus mitliefert, ist ebenfalls nur ein Stichwort: Das Himmelreich ist nahe. Damit aber wird von Anfang an klar gesagt: Jesus geht es nicht um einen Umsturz der weltlichen Herrschaftsverhältnisse; es geht ihm darum, die Herrschaft, das Reich Gottes anzukündigen. Und er selbst ist es, der mit seinem Kommen, mit seinem Leiden und Sterben den Beginn des Reiches Gottes in dieser Welt setzt.
Die erste Handlung, die von Jesus erzählt wird, ist die Berufung von Jüngern. Damit ist aber ein sehr deutliches Zeichen gleich von Anfang an gesetzt: Jesus will seine Botschaft nicht allein verkündigen; er sucht sich Mitarbeiter, die mit ihm unterwegs sind und die dadurch auch authentisch bezeugen können, was Jesus wichtig ist.
Von Anfang an ist es Jesus, der aktiv auf die Menschen zugeht. Er will, dass sich seine Jünger ein Beispiel an ihm nehmen. Und dazu wählt er sich nicht Gelehrte aus, sondern Arbeiter und Fischer. Auch das zeigt, dass es ihm vor allem um das rechte Handeln geht. Was sie von ihm lernen ist vor allem die Einheit von Wort und Handeln. Er ruft auf zur Umkehr - und lebt gleichzeitig vor, was er darunter versteht: Er versucht, nicht den Buchstaben des Gesetzes, sondern den Geist des Gesetzes zu erfüllen. Er wendet sich jedem Menschen zu, ohne Ansehen von Herkunft oder Rang. Und er wendet sich in allen Fragen im Gebet und im Gespräch an Gott.
Schließlich zeigt dieser Anfang der Verkündigung Jesu, dass er sich nicht in Synagogen oder in den Tempel zurückzieht. Jesus geht mit seiner Botschaft mitten in den Alltag der Menschen hinein - und er ruft einzelne auch aus diesem Alltag heraus in den besonderen Dienst.
Was Jesus uns von daher mitgibt, ist die Bedeutung dieses Alltags: Hier ist der Ort, wo wir Gott begegnen können; wo uns sein Ruf erreichen will. Gottesbegegnung geschieht nicht nur an den herausgehobenen Orten und Zeiten, sondern mitten im Leben.
Und umgekehrt bedeutet es auch, dass die Berufung in den besonderen Dienst, der Ruf in die Verkündigung, auch in diesem Alltag erfolgen kann und zu diesem Alltag zurückführen will. Jesus predigt nicht den Rückzug aus der Welt, sondern es geht ihm um eine Heiligung, um eine Umkehr zu Gott mitten in dieser Welt.
Matthäus berichtet von dem Zauber des Anfangs der Verkündigung Jesu. An mir selbst, an einem jeden von uns, liegt es nun - auch heute -, sich von diesem Zauber berühren zu lassen.
Allmächtiger, ewiger Gott,
lenke unser Tun nach deinem Willen
und gib,
daß wir im Namen deines geliebten Sohnes
reich werden an guten Werken.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.
MB 3. Sonntag im Jahreskreis
Gott und Vater aller Menschen.
Du willst, daß wir in deinem Namen
Frieden bringen, wo Zwietracht herrscht,
Glauben wecken, wo Zweifel um sich greift,
die Hoffnung beleben,
wo Traurigkeit die Menschen lähmt.
Hilf uns, daß wir deine Liebe bekannt machen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Amen.
MB Auswahl 17
Herr,
nimm unsere Gaben an und heilige sie,
damit sie zum Sakrament der Erlösung werden,
das uns Heil und Segen bringt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 3. Sonntag im Jahreskreis
Herr,
du beschenkst uns reich.
Jeden Tag.
Mit Brot und Wein.
Alles, was wir zum Leben brauchen,
alles, was unser Leben schön macht.
Dir schenken wir
was wir jeden Tag machen,
was uns glücklich macht,
was uns über den Kopf wächst.
Mit Brot und Wein.
Du schenkst dich uns ganz,
du hältst nichts zurück.
Wir schmecken deine Liebe.
Wir schmecken dich.
In Brot und Wein.
So preisen und rühmen wir dich.
In Christus, unserem Herrn.
Kehrvers:
Jubelt ihr Lande dem Herrn;
alle Enden der Erde schauen Gottes Heil. (GL 55,1)
Guter Gott, wir haben allen Grund dir zu danken,
denn du hast uns Jesus gesandt,
damit das Volk, das im Dunkel lebt,
ein helles Licht sieht.
Kehrvers
Er verkündete die Frohe Botschaft
und schenkte große Freude.
Er hat das drückende Joch zerbrochen
und uns aus dem Schattenreich des Todes herausgeholt.
Kehrvers
Er heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden
Und hat Jünger in seine Nachfolge gerufen,
damit sie mit ihm seien
und das Evangelium vom Reich verkünden.
Kehrvers
Mit allen Engeln und Heiligen danken wir dir,
und singen dir mit der ganzen Kirche unser Lob.
Danklied, z. B. Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben (GL 484)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
In ihm hast du uns zur Erkenntnis der Wahrheit geführt und
uns zu Gliedern seines Leibes gemacht
durch den einen Glauben und die eine Taufe.
Durch ihn hast du deinen Heiligen Geist
ausgegossen über alle Völker,
damit er Großes wirke mit seinen Gaben.
Er wohnt in den Herzen der Glaubenden,
er durchdringt und leitet die ganze Kirche
und schafft ihre Einheit in Christus.
Darum preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und
singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
MB: Von der Einheit der Christen
Wir danken dir, gütiger Vater,
denn durch die frohe Botschaft,
die dein Sohn verkündet,
hast du Menschen aus allen Völkern und Sprachen
zur Gemeinschaft der Kirche vereint.
Sie lebt aus der Kraft deines Geistes
und sammelt die Menschen zur Einheit.
Sie bezeugt deine Liebe
und öffnet allen das Tor der Hoffnung.
So wird die Kirche zum Zeichen deiner Treue,
die du uns für immer versprochen hast.
Darum preisen dich Himmel und Erde,
und mit der ganzen Kirche bekennen wir
zum Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 4
Allmächtiger Gott,
in deinem Mahl
schenkst du uns göttliches Leben.
Gib, daß wir dieses Sakrament
immer neu als dein großes Geschenk empfangen
und aus seiner Kraft leben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 3. Sonntag im Jahreskreis
Montag der 1. Woche
Barmherziger Gott,
du hast uns teilhaben lassen
an dem einen Brot und dem einen Kelch.
Laß uns eins werden in Christus
und Diener der Freude sein für die Welt.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 5. Sonntag im Jahreskreis
Barmherziger Gott,
du hast uns alle mit dem einen Brot des Himmels gestärkt.
Erfülle uns mit dem Geist deiner Liebe,
damit wir ein Herz und eine Seele werden.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 2. Sonntag im Jahreskreis
Leben heißt
Wagnis,
offene Möglichkeit,
Suchen und Unruhe
ausgelöst durch das Nichtverfügbare:
Unverfügbarer Gott,
du kommst von der Zukunft her:
Laß uns für dich leben,
unsern Mann stehen
ohne befriedigende Sicherheiten,
ohne blindmachende Anmaßung.
Laß uns immer unterwegs sein
zu einem größeren Licht,
damit wir das Erdreich werden,
das dich aufnehmen kann
im Herzen der Welt.
Amen. Halleluja!
Aus: Bruno Forte, Zur Freiheit hast du uns befreit. Gebet. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 1993.
Die Wörter »Rechtfertigung« und »Rechtfertigungslehre« sind den meisten fremd und stoßen eher ab. Dennoch geht es hier um das Zentrum des Glaubens: Wie kann der Mensch, der sündig und gottlos ist, vor Gott gerecht werden und damit das Heil erlangen? Wie kann sich der Mensch aus seinen auswegslosen Verlorenheiten lösen und zu einem versöhnten und befreiten Leben finden? »Rechtfertigung« ist in der Bibel einer der Begriffe für dieses Ziel. Die Heilige Schrift gebraucht dafür jedoch auch noch Worte wie zum Beispiel »Befreiung zur Freiheit«, »Frieden mit Gott«, »neue Schöpfung« und »Heiligung in Christus Jesus«. Nichts anderes ist auch mit »Evangelium« oder »neuem, ewigem Leben« gemeint.
Deswegen ist die Botschaft von der Rechtfertigung keine überflüssige Lehre von gestern, sondern trifft auch heute die Menschen ins Herz. Wir können bei aller Anstrengung den wahren Sinn des Lebens, der auch in Not und Tod noch Halt geben kann, nicht von uns aus schaffen. Wir zerbrechen auch immer wieder an der Aufarbeitung vergangener Schuld und brauchen schließlich eine Vergebung, die uns nur von außen geschenkt werden kann. Wir Menschen sind ja stets in der Gefahr, uns endlos mit vielen Finessen selbst zu rechtfertigen. Von Natur aus herrschen in uns eine unverbesserliche Selbstgerechtigkeit und der oft übersteigerte Wahn, alles selbst und alles besser machen zu können. Mit einer solchen Einstellung sind wir auch nicht in der Lage, wirklich für die Armen, Schwachen und Verlorenen einzutreten.
Die Antwort des Glaubens sagt uns, dass wir nicht uns selbst retten können, sondern dass uns nur Gott allein im Geschenk des Glaubens befreien und versöhnen kann. Der heilige Paulus hat dafür das Wort von der Rechtfertigung bevorzugt. Nur durch die Gerechtigkeit Gottes gibt es Rechtfertigung des Menschen. In diesem Wort sind drei besondere Akzente gesetzt: Es geht erstens um die alleinige Initiative Gottes und nicht um unser Tun; zweitens ist Gottes Zuwendung an keine Voraussetzung gebunden, sie ist bedingungslos und reine Gnade; drittens kann der gottferne Mensch diese neue Gerechtigkeit allein im Glauben empfangen.
Wie wir trotz aller Trennung doch zusammenfinden können
In dieser Zusammenfassung können wir heute eine grundsätzliche Einigung erzielen. Dieses gemeinsame Fundament vor allem der Heiligen Schrift haben wir nach langen Vorbereitungen durch die Theologie und die ökumenischen Gespräche der letzten Jahrzehnte wiedergefunden.
Dies war nicht immer so. Die Vielfalt der Schriftaussagen mit ihren verschiedenen Tönen und nicht zuletzt der leidenschaftliche, ja manchmal geradezu verbitterte Streit um ihren Sinn haben zu damals offenbar unvermeidbaren Entzweiungen geführt: Wenn Rechtfertigung allein von Gott ausgeht und der Mensch gar nichts dazu tun kann, welchen Stellenwert hat dann überhaupt noch der Mensch mit seinem Bemühen um ein moralisch gutes Leben? Das Wort von der »Mitwirkung« des Menschen an seinem Heil kann sich hier nahelegen, hat aber zu fast unausrottbaren Missverständnissen geführt. Und weiter: Wenn Rechtfertigung von Gott allein durch den Glauben des Einzelnen kommt, welche Aufgabe hat dabei dann die Kirche? Immer wieder geht es um das Problem, wie der Mensch grundlegend und wirklich erneuert werden kann, ohne dass der Anschein entsteht, die Gnade Gottes würde einfach zu einer Art »Besitz« des Menschen.
Hier sind offensichtlich verschiedene Zugänge und Sprechweisen im Spiel. Sie haben in der jeweiligen kirchlichen Überlieferung auch verschiedene Entfaltungen zur Folge gehabt. Man spürt dies zum Beispiel beim Gebrauch von Worten wie »Sünde«, »Anfechtung«, »Werke« und »Verdienste«. Was dabei zwischen Katholiken und Lutheranern oft als Gegensatz empfunden wurde - zum Beispiel das Verhältnis von »Glauben und Werken« - muss sich jedoch nicht in jedem Fall ausschließen, sondern kann sich durchaus ergänzen. Freilich gibt es auch heute noch einige nicht ausreichend bewältigte inhaltliche Unterschiede. In welchem Sinn zum Beispiel ist der Christ »gerecht und Sünder zugleich«?
Diese Fragen sind nicht so leicht zu verstehen. Darum braucht es viel Rücksicht aufeinander. Schließlich geht es in diesen grundlegenden Fragen des Glaubens um das Verständnis des Christseins, nicht zuletzt des Heils überhaupt. Viele Christen der vergangenen Jahrhunderte haben in diesem Bekenntnis ihres Glaubens Haus und Hof, Heimat und Leben verloren. Es geht nicht um eine Wortklauberei. Darum wird die Übereinstimmung auch deutlich eingegrenzt auf einen »Konsens in Grundwahrheiten der Rechtfertigungslehre«, allerdings nicht in allen Grundwahrheiten. So urteilt die in Augsburg unterzeichnete Gemeinsame Erklärung auch nicht genauer über die einzelnen Entfaltungen der Rechtfertigungslehre in der katholischen Kirche und in den lutherischen Kirchen. Es wurde jedoch erfreulicherweise ein gemeinsames Verständnis erreicht, mit dem wir die Positionen des Partners in einem neuen Licht sehen können und nicht mehr als kirchentrennend verurteilen müssen. So kommt es zu der gemeinsamen offiziellen Feststellung, »dass die früheren gegenseitigen Lehrverurteilungen die Lehre der Dialogpartner, wie sie in der Gemeinsamen Erklärung dargelegt wird, nicht treffen«.
Auch wenn damit noch nicht alle Probleme für eine Überwindung der Kirchenspaltung gelöst sind, so ist diese grundlegende Feststellung an dem Punkt, wo die Reformation theologisch gleichsam explodierte, ungemein befreiend. Es ist wirklich ein neuer, entscheidender Schritt, den man in seiner Bedeutung nicht unterschätzen darf.
Aus: Karl Kardinal Lehmann, Frei vor Gott. Glauben in öffentlicher Verantwortung. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2003.
Der Dialog der Religionen darf nicht mit einer Diskussion um dogmatische Inhalte beginnen, sondern damit, dass wir uns die Spiritualität bewusst machen, die uns alle eint. Und das beginnt vor allem mit dem Gebet. Beten heißt in die Spiritualität eintauchen. Hier beginnen die Menschen einander kennenzulernen, die Güte des jeweils Anderen, seine Frömmigkeit, seine Verehrung und ernsthafte Suche nach "Gott" zu entdecken. Die Lehrinhalte werden relativiert angesichts des konkreten Lebens, das unter der Inspiration dieser religiösen Suche steht. Natürlich kann alles, was gesund ist, auch krank werden. Alle Religionen können, auch wenn sie gesund sind, auf Abwege geraten, sich verhärten und fundamentalistische Haltungen einiger ihrer Anhänger erzeugen. Hier eröffnet sich ein weites Feld der gegenseitigen Kritik und von Läuterungsprozessen. So wie die Krankheit auf die Gesundheit verweist, so verweisen in ähnlicher Form auch die Verirrungen auf das wahre Wesen der Religion. Aus diesem betenden Dialog heraus entstehen die Punkte der Übereinstimmung, die den möglichen Frieden zwischen den Religionen begründen; und dieser wiederum ist die Grundlage für den politischen Weltfrieden.
Aus: Leonardo Boff, Tugenden für eine bessere Welt. Butzon & Bercker Publik-Forum Edition Kevelaer 2009.
Die erste und allerwichtigste Aufgabe
der Kirche und aller Kirchen ist
Menschen zusammenbringen und in Liebe vereinen,
und das nicht im Namen einer Lehre,
wie erhaben und schön auch immer,
sondern im Namen eines Gottes,
der Liebe ist und allein Liebe will
und darum in Jesus so ausdrücklich
und so eindringlich um Liebe bittet.
Das ist die große, aber sehr schwere Aufgabe.
Kirchen dürfen Menschen nicht aussondern,
nicht einteilen in Gute und Schlechte,
in solche, die die Wahrheit besitzen,
und andere, die sich irren.
Kirchen müssen für alle offen stehen.
Sie müssen einladen und anziehen.
Man kann Gott den Menschen nicht aufzwingen.
Kirchen müssen Magnete sein,
unwiderstehliche Magnete der Liebe.
Ökumene ist nicht möglich durch Diskussion.
Sie vollzieht sich dort von selbst,
wo Menschen mit ihrem Herzen
einander in Gott gefunden haben.
Aus: Phil Bosmans, Gott nicht zu glauben, Herder, Freiburg 4. Aufl .1991, 108
Komm
und folge mir nach!
Komm,
vertrau dich mir an!
Komm
und beginne ein neues,
ewiges Leben!
Komm
und teil, was du hast,
mit den andern!
Komm
und fang an,
die Welt zu verändern!
Josef Dirnbeck / Martin Gutl, Ich weiß, wem ich glaube, Graz 1995, 99.
Geh in die graue Straße ohne Bäume
am Rande des Lichtes,
am Rande des Lebens.
Geh in die Straße,
die du nur dem Namen nach kennst,
weil dort die Ausgesonderten wohnen:
zwei Zimmer mit Küche für sechs Kinder und Eltern.
Blicke den Kindern ins Gesicht,
die noch versuchen Kinder zu sein,
obwohl sie das Verhängnis schon spüren.
Blicke in die Gesichter der Frauen und Männer.
Laß dich von Bitternis, Feindschaft oder Stumpfsinn erschrecken,
damit du erwachst.
Kehre nicht um,
als hättest du alles gesehen
und Hoffnung wäre vergeblich.
Auch hier schläft im Herzen die Sehnsucht.
Du kennst Einen,
der die Verlorenen sucht
am Rande des Lichtes,
am Rande des Lebens.
Folge ihm nach!
Christa Peikert-Flaspöhler, in: Beten durch die Schallmauer,, Düsseldorf 1994, 58.

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