Wer sind heute die Müden und Erschöpften, die Hirtensorge nötig haben? Die Kriterien dafür haben sich im Laufe der Zeiten geändert. Es gibt aber auch heute viele Menschen, die darauf warten, dass ihnen das nahende Himmelreich angekündigt wird.
Zur Zeit Jesu gab es noch keine Trennung zwischen der profanen und religiösen Welt, so wie wir sie heute kennen. Ganz normale Lebensereignisse wurden mit religiösen Regeln und Weisungen in Verbindung gebracht. Das religiöse Verhalten der Menschen hatte Auswirkungen in ihr privates oder berufliches Leben.
So wurde Krankheit nicht nur als eine Fehlfunktion des Körpers verstanden, sondern auch als Reaktion Gottes auf ein Fehlverhalten des Menschen. Wer krank ist, hat gesündigt und ist so von Gott getrennt. Dämonen sind nicht nur Ausdruck einer psychischen Störung, sondern einen Indiz dafür, dass jemand von Satan berührt ist. Und der Tod wird nicht nur als Ende des Lebens sondern als Ausschluss vom Leben spendenden Gotteskult verstanden: „Tote können den Herrn nicht mehr loben, keiner, der ins Schweigen hinabfuhr.“ (Ps 115,17).
Deshalb verbindet das heutige Evangelium den Auftrag zur Verkündigung der frohen Botschaft eben mit der Vollmacht, Menschen von diesem belastenden Schicksalsschlägen zu befreien. Wer nicht mehr krank ist, ist versöhnt mit Gott. Wer davon befreit ist, steht nicht mehr unter dem Einfluss des Bösen. Und wer wieder ins Leben zurückgerufen wurde, kann wieder am Kult teilnehmen und somit das Leben gewinnen.
Unser religiöses Verständnis von Krankheit, dämonischer Besessenheit und Tod hat sich verändert. Wer krank ist, geht zum Arzt. Wer unter einer psychischen Störung leidet, zum Psychiater oder Psychologen. Krankheiten zu heilen und Dämonen austreiben sind heute nicht mehr zentrale Zeichen der nahenden Gottes Herrschaft.
Und trotzdem warten Menschen auf die Zusage der Nähe und Liebe Gottes. Und der Herr gibt uns im heutigen Evangelium Hinweise darauf, wo Menschen heute warten: Christus spricht von Menschen, die müde und erschöpft sind. Die wie Schafe ohne Hirten sind.
Auf der Suche nach dem Grund dieser Müdigkeit und Erschöpfung kann es helfen, Zeitgenossen zu befragen. Manchmal beschreiben sie aus ihrer Wahrnehmung gesellschaftliche Herausforderungen, die wir als Jünger und Jüngerinnen Christi durchaus ernst nehmen sollten.
Nicht nur unsere Kinder und Jugendlichen stehen unter einem gewaltigen Zeitdruck, aber auch Erwartungsdruck der Schule, in ihren Vereinen, bei ihren Eltern und so vielen anderen. Auch die meisten Erwachsenen haben kaum noch Zeit, werden von ihren beruflichen Herausforderungen erdrückt, gestresst und gehetzt. Vieles hat damit zu tun, dass unserer Berufs-, aber auch Schulleben immer mehr und mehr von Leistungsbeurteilungen und Schulnoten abhängig ist. Schüler und Schülerinnen haben große Ängste, dass sich ihre Berufspläne aufgrund ihrer schulischen Leistungen nicht mehr erfüllen lassen. Und viele Erwachsene werden von den jährlichen Leistungsbeurteilung so unter Druck gesetzt, dass kein Raum mehr bleibt, um auch einmal zugeben zu können: das schaffe ich jetzt nicht mehr. Hier brauche ich Hilfe.
Cecilia Bognon Küss, eine junge französische Philosophin, beschreibt in einem Beitrag Möglichkeiten, mittels synthetischer Biologie Leben künstlich zu erzeugen. Am Ende des Artikels fragt sie ziemlich ratlos: „Wir wissen, was wir können. Aber wir wissen nicht mehr, was wir sollen!“ Also auch die, die es geschafft haben und beruflich erfolgreich sind, haben manchmal die Orientierung verloren und fragen sich: „Mache ich das, was ich tue, eigentlich richtig? Was ist gut, was ist aber vielleicht auch nicht gut, obwohl ich es tun könnte?
Und nicht zuletzt stellte Gregor Gysi vor kurzem folgendes fest: Die großen Kirchen in Deutschland haben eine einzigartige Rolle bei der Wertevermittlung. Derzeit seien nur noch sie in der Lage, "Werte und moralische Maßstäbe halbwegs allgemein zu formulieren“. Seit Aristoteles beschäftigt sich die Philosophie mit der Frage nach dem „Guten“ und den damit verbundenen „Werten“. Für uns Christen geht diese Frage noch tiefer. „Niemand ist gut als nur einer, Gott!“, sagt Christus. (Lk 18, 19). Gysi macht die Kirchen also nicht nur zu Anwälten des Guten, sondern letztlich zu Anwälten der Gegenwart Gottes in unserer Welt.
Keiner der so Beschriebenen würde sich als Schaf verstehen, das ohne Hirten ist. Aber sie beschreiben auf ihre Weise Gründe für die Müdigkeit und Erschöpfung vieler unserer Zeitgenossen.
Vielleicht würde deshalb die Sendung Christi an uns heute so lauten:
Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe:
Helft den Menschen, die Erfüllung ihrer Sehnsucht nicht im Blick auf das immer „mehr“ zu suchen, sondern im Blick auf das Leben, das Gott schenkt und ermöglicht.
Sagt den Menschen, dass sie kein Produkt des Zufalls sind. Keine Laune der Natur. Sie sind von Gott geliebte und gewollte Menschen. Er traut ihnen zu, sinnvoll zu leben.
Seid Anwälte des Guten. Vor allem aber: Seid Zeugen dessen, der allein gut ist. Seid Zeugen Gottes in dieser Welt. Interessiert Euch für die Menschen, mit denen ihr lebt. Sagt ihnen, dass das Himmelreich nahe ist, indem ihr ihnen helft, dass ihr Leben gelingt.
Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.
In der Lesung aus Dtn erinnert Gott Mose daran, dass er sein Volk aus der Hand der Ägypter befreit und es auf Adlerflügeln getragen habe. Auch wir dürfen uns von Gott getragen wissen.
In der Lesung des heutigen Sonntags steht ein Wort, das mich persönlich anspricht, das mir für den Glauben wichtig ist. Es heißt: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.“ Im Buch Deuteronomium fand ich eine ähnliche Stelle. Sie lautet: „Wie der Adler, der sein Nest beschützt und über seinen Jungen schwebt, der seine Schwingen ausbreitet, ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt.“ (Dtn 32,11).
Solche Stellen: „Ein Adler ergreift sein Junges und trägt es,“ haben auch die Ornithologen, die Vogelkundler, gelesen. Sie sagten: „Schön und gut, kann schon sein, dass es so etwas gibt, aber gesehen haben wir das noch nie.“
Im Jahre 1978 beobachtete ein Vogelkundler in Mühlheim an der Ruhr Folgendes: Er wohnte an einem alten Kirchplatz, ihm gegenüber im Turm nistete jedes Jahr ein Falken-Paar. Zwei Junge schlüpften gewöhnlich aus, wuchsen heran, und eines Tages mussten sie in die Luft gehen, das heißt: fliegen. Die Kleinen standen dann zwei, drei Stunden an der Kante des Turmfensters, bis sie den Flug wagten. Und es ging auch immer gut.
In einem Jahr hatten die Falken-Eltern relativ schwach entwickelte Junge. Vor allem das zweite war noch klein, als es ans Fliegen ging. Die beiden standen drei Tage an der Brüstung und wagten es nicht, sich vom sicheren Halt abzuheben. Nun, endlich packte es das größere, der Flug gelang. Der kleinere Vogel brauchte noch eine Weile, bis er zu fliegen begann. Aber er flatterte so ängstlich und ungeschickt, dass er in dem Baum, der auf dem Kirchplatz stand, eine Notlandung produzierte. Die Mama setzte ihm nach, ordnete das Gefieder, schob den Kleinen ein paar Äste hinauf. Von dort startete er den zweiten Versuch. Aber er zappelte wieder und es ging mit ihm steil hinunter. Unten auf dem Kirchplatz spielten Kinder mit ihren Hunden. Bevor der Jungvogel unten aufprallte, schoss die Mutter wie ein Pfeil hinter ihm her, tauchte unter ihn, so dass sich das Junge an ihrem Rücken festkrallen konnte und hob es in die Höhe. Nun, aus dem Jungen wurde auch ein richtiger Falke, der alle Flugkünste beherrschte.
Aber, erstmals hatte ein Vogelkundler so etwas beobachtet. Was bei einem Falken möglich ist, kann auch bei einem Adler vorkommen. Wenige Jahre später wurde dies in der Steiermark bestätigt. Das gibt es, dass ein Adler ein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt.
Was die Heilige Schrift mit diesem Wort meint, ist klar: Gott hat sein Volk Israel, das in Ägypten versklavt war und vernichtet werden sollte, herausgeholt und durch die Wüste, durch eine lebensfeindliche Gegend geführt, er hat es aus einer bedrohlichen Situation gerettet, wie eben der Falke bei seinem Jungen.
Wenn wir dann weiterfragen, warum tut Gott das? Die Antwort steht auch an dieser Stelle: „Ihr seid mein besonderes Eigentum;“ „ihr gehört mir als ein heiliges Volk.“ Gott ist es, der von sich aus beginnt, gerade dieses Volk zu lieben, es zu führen, es zu schützen, zu retten. Er tut es, weil er es so will.
Was für Israel galt, gilt erst recht für das Volk Gottes des Neuen Bundes, für die Kirche, für uns als Christen. Gott ist zu uns wie der Adler, der sein Junges ergreift und es flügelschlagend davonträgt. Bereits am Beginn, der Ursprung wurde das klar: Gott hat sich in seinem Sohn ganz für uns eingesetzt, er ist am Kreuz für uns gestorben und auferstanden. Wir Menschen wären sonst in Sünde, in Schuld untergegangen. Er hat uns den Heiligen Geist gesandt. Damit wissen wir: Wir gehören zu ihm, wir sind sein auserwähltes Volk, wir sind seine Familie, wir haben Beziehung zu ihm, wie Kinder zu ihren Eltern.
Wenn wir dann fragen: Was bringt uns das? Wohin führt uns diese Erkenntnis, von Gott getragen und geschützt zu sein, dann sehe ich drei Bereiche:
1. Wir dürfen wahrnehmen, müssen es erkennen: Gott hat uns dieses Leben geschenkt und er unternimmt alles, um es uns zu erhalten, um es zu schützen, um uns auf einen guten Weg zu führen, um unser Leben wertvoll werden zu lassen. Dafür haben wir zu danken, ich hoffe, Sie tun es jeden Tag. In uns lebt und wirkt der Heilige Geist, er trägt uns und führt uns. So können wir in Ruhe und Vertrauen leben, können gelassen unseren Weg gehen. Selbst wenn wir sterben, er trägt uns ins ewige Leben, in die ewige Gemeinschaft mit ihm.
2. Es wird bei uns allen Wegstrecken geben, da fühlen wir uns „wie in der Wüste.“ Das kann eine lebensbedrohliche Krankheit sein, schweres Leid, zerbrochene Beziehungen. Oder: Wir führen ein alltägliches, allzu durchschnittliches Leben, langweilig, kleinkariert, kämpfen mit täglichen kleinen Sorgen, haben die ewigen unnützen Streitereien. Das Leben hat uns wirklich nichts Großartiges, Besonderes zu bieten. Solche Wüstenstrecken können wir nur bestehen, wenn wir darauf vertrauen: Da ist einer, der trägt mich. Da ist einer, der holt mich aus einer Situation, in der es wirklich bedrohlich für mich wird, heraus.
3. Damit das Bewusstsein „Gott trägt mich“ bei uns greift, damit es uns hilft, ist etwas nötig: Sich erinnern. Wie Israel sich jede Woche am Sabbat daran erinnert hat: Gott hat uns befreit, er hat uns durch die Wüste getragen, so müssen auch wir immer wieder daran denken: Jesus Christus hat uns alle, hat die Kirche gerettet, hat uns erlöst. Und jeder Einzelne hier hat das – so hoffe ich, - oft genug erfahren: Er hat mir geholfen, er hat mich getragen, er hat mich geführt.
Allerdings, wir Menschen sind manchmal sehr vergesslich. Wir nehmen das Gute selbstverständlich, gewöhnen uns locker daran, vergessen gern den Gott, der uns das schenkt. Deshalb brauchen wir Formen, um uns zu erinnern. Eine ist das Gebet, eine andere der Gottesdienst, wie wir ihn jetzt und jeden Sonntag feiern. Hier denken wir an Jesu Tod und Auferstehung, dieses Geschehen wird hier gegenwärtig. Dafür müssen wir dankbar sein. Und ich hoffe, niemand hindert Sie, am Sonntag zu beten: „Ich danke dir, dass du mich durch diese Woche getragen hast.“
Firmspendungen in einigen Pfarren liegen hinter mir. In den eigenen Pfarren sind diese in diesem Jahr ebenfalls Vergangenheit. Es ist interessant in diversen Pfarren mitzubekommen und zu sehen sowie zu hören, welch Mühen und Anstrengungen sich Mitarbeiter unterziehen und auferlegen in der Vorbereitung der Firmkandidaten. Und erst recht im Gestalten des Firmgottesdienstes. Die Firmlinge treten an um zu begrüßen, sie treten an, um einen Einleitungstext zu sprechen, sie treten an, um Bußgedanken vorzubringen, sie treten an, um zum Evangelium Sprüchleins zu sagen, sie treten an, um vor und nach der Firmspendung einen Text vorzutragen, sie treten an und treten an und bringen auch noch nach der Kommunion einen Meditationstext, und sie sind getrimmt auf so genannte rhythmische Lieder, die ja so etwas für junge Leute sind.
Oh Schreck, oh Graus, nach der Firmung sind sie weg. Sie werden von kaum bis nie wieder gesehen. Manche dann doch irgendwann, irgendwo wieder. Irgendwie funktioniert da etwas nicht mit Familie Kirche. So gerne wird von Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit in der Kirche gesprochen. Sogar in Gebeten im Messbuch bitten wir Gott, dass er auf seine Familie schauen möge. Erhört er unsere Formeln nicht? Oder hat es doch einen Haken mit Familie, Schwestern und Brüdern. Nämlich, dass die Kinder doch Flügge werden müssen?! Oder nicht?!
Wir wollen mündige Christen, Menschen, die in Welt und Kirche Verantwortung übernehmen und dann dürfen sie nicht flügge werden, dann müssten sie am Schürzenzipfel der Mutter Kirche kleben bleiben! Ach, sie sind ja noch nicht so reif, sie können das ja noch nicht! Aber in der ganzen Vorbereitung wird ihnen gesagt, das Firmsakrament ist das Sakrament, durch welches sie jetzt mündige Christen, oder der Verantwortung gewachsene Christen werden.
Aber sie sind doch dazu nicht fähig! Sie verabschieden sich doch per Firmung von Kirche. Ja warum werden sie dann gefirmt? Was wird da in der Vorbereitung bis hin zur Firmspendung herum- und vorgegaukelt?!
Konrad Paul Liessmann, Professor für Philosophie an der Uni Wien, bringt, denke ich in seinem Essay Juvenilität (siehe Kontexte) einiges auf den Punkt. Es wird Flexibilität, Mobilität und Globalisierung verkündet. Das verkünden aber die Erwachsenen. Von einem Arbeitsplatz bis zur Pensionierung zu träumen ist ja sowieso nur mehr die Vorstellung eines Gestrigen. Ständig hat man sich für Neues offen zu halten und sich an Geldflüssen und Aktienströmungen zu orientieren. Folglich bleiben Treue, Heimatliebe, Traditionen und Prinzipien der Welt der Folklore reserviert.
Mit Homer oder Goethe im Kopf herumzulaufen führt in dieser Welt in den Wahnsinn. Damit kann niemand die Fernsehwelt auf sich einströmen, oder Radio einprasseln lassen. In der Medienwelt mithalten, oder seine Chancen nicht zu verspielen, da muss man eben anders ticken.
Letztlich weist aber Liessmann schon hin, dass Jugendzeit vergeht, ein Durchgangsstadium ist, und nicht überbewertet werden darf. Und die Welt wird folglich dadurch weder besser, aber auch nicht schlechter.
Somit werfe ich hier die Frage ein, was bedeutet das nun für Kirche? Oder bedeutet es doch nichts? Es muss etwas bedeuten, degeneriert sich Kirche nicht selbst zu einem Folkloreverein. Viele Aktionen und Vorgänge deuten leider in diese Richtung.
Nun, mit wem würde Jesus heute Mitleid haben? Ich würde sagen mit uns, den hauptamtlichen Seelsorgern in der Kirche und zwar nicht wegen unserer Müdigkeit und Erschöpfung, sondern wegen unserer Naivität. Liegt nicht hier etwa eine Aktualisierung unserer matthäischen Evangelienperikope? Die Ernte ist groß, aber wir bürokratisieren und versuchen uns mit Methoden der Spaßgesellschaft. Bzw. Haupt- und Ehrenamtliche machen Spagat um Spagat, um ihre Existenzberechtigung zu beweisen und die Rückmeldung zu erhalten, wie geil doch wieder eine Veranstaltung, Gottesdienst mit eingeschlossen, gelaufen ist.
Dem gegenübergestellt klingt die Evangelienstelle dezent und spiegelt eine Schlichtheit, da bei all der Überdimension der Ernte dann doch der Herr, Gott, ins Spiel kommt und er der Hauptakteur oder der Eigentliche bleibt, nicht vergessen wird, nicht ausgeklammert wird, der sich um Arbeiter sorgt. Und erst nach Festhalten dieses Bestandes, erhalten die Jünger die Vollmacht.
Der tschechische Dichter Vladimír Holan, gest. 1980 in Prag, lebte in der Kommunistenzeit in selbst auferlegter Isolation. Sein Schaffen wurde von der kommunistischen Kulturpolitik faktisch ignoriert. Und doch klingt im Gedicht (siehe Kontexte), Parkspaziergang, bei allem was es gibt, / Es gibt Parks, es gibt Schwarzes,... Es gibt Worte, Es gibt Geschrei. Es gibt Schweigen…. Es gibt Berge. Und Helle… Es gibt im Zwang ein Geheimnis… Und darum: Einmal. Einmal…/ das doch letztlich ganz andere an und durch in diesem Wort Einmal. Es erinnert an die Redewendung der Erwachsenen aus meiner Kindheit, wurde uns nach einer von ihnen nicht in Ordnung befundenen Kindeshandlung gedroht mit dem Ausspruch: Na warte nur einmal! In diesem Fall war dieses Einmal negativ, eine Androhung von Sanktionen. Im Gedicht von Vladimír Holan schlägt dieses Einmal am Ende nach all den Aufzählungen, was es alles gibt, den Klang einer Wohltuendheit an, da selbst der Zwang das Geheimnis nicht töten kann, denn es lebt selbst im und somit wider Zwang.
Auf der 3. europäischen ökumenischen Versammlung, 3. bis 9. September 2007 in Sibiu /Hermannstadt / Nagyszeben in Rumänien, ich war als Delegierter dabei, malte Prof. Andrea Riccardi (Mitbegründer der Gemeinschaft Sant'Egidio) in seinem fulminanten Vortrag, "Das Licht Christi scheint auf alle - Hoffnung auf Erneuerung und Einheit in Europa", das Bild aller Möglichkeiten und Chancen von uns Christen in der Welt. Spirituelle Männer und Frauen verzichten nicht darauf, die Welt aufzurichten (siehe Kontexte). Und er unterstreicht dies mit einem Zitat von Martin Buber: "Bei sich selbst anfangen, das ist das Einzige was zählt… der Punkt des Archimedes, dass ich selbst die Welt verändern kann, besteht in meiner eigenen Veränderung."
Es scheint mir wesentlich im Bewusstsein zu haben, dass wir Kirche in der Welt und auf der Welt sind. Über die Tellerränder der eigenen Gemeinden hinauszublicken. Es ist leicht gesagt. Die Wirklichkeit in den Gemeinden zieht uns hier immer wieder hinunter. Und so ist es kein Wunder, wir schmoren im eigenen Saft und machen Spagat um Spagat. Dem zuwider handeln können legt sich im letzten Satz unserer Perikope nicht nur nahe, sondern liefert Basis, uns zu befreien von Zwängen und Nöten: Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.
Wann und wo fühlen Sie sich überfordert, allein und Dingen ausgesetzt, mit denen Sie nur schwer fertig werden?
Wann und wo spüren wir, spüren Sie und ich, dass wir einen anderen brauchen, damit wir mit einer Erfahrung, einer Situation oder einer Nachricht gut umgehen können?
Wann und wo erfahren Sie, es ist jemand da, der Sie trägt, der Zeit für sie hat, der Sie begleitet?
Wann und wo erreicht Sie die Botschaft Gott ist jemand, der Sie auf Adlerflügeln trägt, der für Sie gerade dann ein Hirte ist, wenn Sie sich verloren fühlen ?
Das Volk Israel hat im heutigen Evangelium den Auszug aus Ägypten mit all seinen Gefahren und Anstrengungen geschafft. Es ist in der Wüste an einem wichtigen Etappenziel, am Berg Sinai angekommen. Aber es beschleicht es auch das Gefühl, dass sich nach einem langen und gefährlichen Wegstück einstellt. Wie haben wir das eigentlich geschafft? Warum nehme ich das alles auf mich? Was wird noch auf uns zukommen? Warum bin ich nicht da geblieben, wo ich war, auch wenn dort nicht alles gut war? Gut aber auch, dass ich es bis hier her geschafft habe! Erfahrungen mitten in der Wüste, wo ein Teil geschafft ist und einiges noch vor einem liegt.
Oder auch die Menschen in den Dörfern und Städten, denen Jesus mit seinen Jüngern begegnet. Sie scheinen auf ein gutes Wort zu warten, auf jemanden, der sich ihnen zuwendet, der etwas mitzuteilen hat, das Hoffnung gibt. Die Menschen scheinen mit ihren Krankheiten, Leiden und Sorgen von Jesus etwas zu erwarten. Erfahrungen von Menschen, die sich verloren fühlen, oder im Bild des heutigen Bibeltextes von Schafen, die keinen Hirten haben.
Gerade bei Krankenbesuchen in der letzten Zeit begegnet mir immer wieder die Frage Warum? Diese Frage wird immer wieder gestellt und doch bin ich als Zuhörer und Seelsorger zu bestimmten Zeiten für bestimmte Fragen immer wieder besonders sensibel, es hat also auch etwas mit mir zu tun. Und die Menschen, die mich so gefragt haben, fragen sicherlich nach dem Grund ihres eigenen Leids, aber daran schloss sich unmittelbar auch die Frage nach dem oft zu großen Unglück in der Welt, dass Menschen unverschuldet trifft, wie jetzt in China und Birma.
Ich werde dann zunächst immer auch stumm, denn hier theologische Erklärungen zu versuchen ist oft kaum mehr als ein billiger Fluchtversuch vor einer wirklichen Antwort und ein Schlag ins Gesicht des Fragenden. Es gibt keine Antwort, die ich geben kann, die wirklich eine Antwort ist.
Und auch Jesus, der die Not der Menschen am eigenen Leibe spürt, gibt keine großartigen Erklärungen ab über Gottes Allmacht oder dass wir nur Vertrauen haben müssen. Nein, er wendet sich dem einzelnen Menschen zu. Und er tut etwas Zweites, er ruft seine Freunde zu sich und gibt ihnen den Auftrag für die Menschen da zu sein. Es sind Menschen mit einem Namen, Menschen, die man ansprechen kann, Menschen mit einem Gesicht, mit Hand und Fuß. Es geht in diesem Evangelium nicht um kirchliche Ämter, sondern darum, dass es Menschen gibt, die füreinander da sind, oder wie es die Lesung ausdrückt, ihr sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören.
Dazu gehört dann auch die Glaubenserfahrung des Israeliten, die in der Lesung angesprochen ist. Gott hat das Leid seines Volkes in der Unterdrückung gesehen und es in die Freiheit geführt. Damit ist nicht gesagt, dass er den Menschen alle schwierigen Erfahrungen, alles Leid und alle Not abnimmt, aber schon, dass er der Gott ist, der mit Ihnen auf dem Weg ist, oder wie es in der Lesung heißt: wie ich euch auf Adlerflügeln bis hierher getragen habe. Aber auch der junge Adler, der lange von seinen Eltern getragen wird, muss irgendwann selber fliegen.
Zu unserer Freiheit als Menschen gehört, das Leid und Glück, Hoffnung und Trauer, Leben und Tod Teil unseres Lebens sind, weil wir freie Menschen und nicht Marionetten einer übergeordneten Macht sind.
Von Dietrich Bonhoeffer, der in seinem Lied: Von guten Mächten wunderbar geborgen, deutlich sein tiefes Grundvertrauen ausdrückt, kommt ebenso der Satz: Wir müssen in der Welt so mit Gott leben, als lebten wir ohne Gott. Der Deus ex machina, der alles für uns klärt ist der Gott der Bibel nicht.
Gott mutet uns das Leben zu, auch dann wenn es uns Angst macht, aber er ist auch der Adler, der uns trägt oder der Hirte der uns führt.
Wann und wo erreicht sie und mich diese Botschaft?
Lieder:
GL 144 Nun Jauchzt dem Herren
GL 146: Du rufst uns Herr, an deinen Tisch
GL 147: Herr Jesus Christ, dich zu uns wend
GL 275: Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet
GL 392: Loben den Herren, den mächtigen König der Ehren
GL 446: Lass uns in deinem Namen, Herr
GL 450: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht
GL 455: Alles meinem Gott zu Ehren
GL 456: Herr, du bist mein Leben
GL 457: Suchen und fragen, hoffen und sehn
GL 460: Wer leben will wie Gott auf dieser Erde
GL 461: Mir nach, sprich Christus, unser Held
GL 464: Gott liebt diese Welt, und wir sind sein Eigen
GL 477 Gott ruft sein Volk zusammen
GL 481: Sonne der Gerechtigkeit
GL 483: Halleluja, Ihr seid das Volk, das der Herr sich ausersehn
GL 484: Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben
GL 485: O Jesu Christe, wahres Licht
GL 487 Nun singe Lob du Christenheit
GL 491: Ich bin getauft und Gott geweiht (3. Str.)
GL 543 : Wohl denen, die da wandeln
GL Ö925: Fest soll mein Taufbund immer stehn
Psalmen und Kehrverse:
GL 56: Freut euch, wir sind Gottes Volk, erwählt durch seine Gnade - Mit Psalm 33 oder mit Psalm 100 - V.
Gott,
du unsere Hoffnung und Kraft,
ohne dich vermögen wir nichts.
Steh uns mit deiner Gnade bei,
damit wir denken, reden und tun, was dir gefällt.
Darum bitten wir im heiligen Geist durch Jesus Christus.
MB 11. Sonntag im Jahreskreis
Bittmesse
Herr, durch diese Gaben
nährst du den ganzen Menschen:
du gibst dem irdischen Leben Nahrung
und dem Leben der Gnade Wachstum.
Lass uns daraus immer neue Kraft schöpfen
für Seele und Leib.
Darum bitten wir im heiligen Geist durch Jesus Christus, unseren Herrn.
MB 11. Sonntag im Jahreskreis
Kehrvers,
z. B.: Freut euch: Wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade. (GL 56,1)
Gott unser Vater,
du nimmst Anteil an allem, was wir erleben,
woran wir uns freuen und woran wir leiden.
Wir treten vor dich, um dir zu danken und deine Größe zu preisen.
Kehrvers
Du hast mit den Menschen einen Bund geschlossen
und ihnen Gebote gegeben, die sie zum wahren Leben führen.
Du warst deinem Volk nahe und hast es in Schutz genommen.
Kehrvers
Dein Sohn Jesus Christus ist zum Guten Hirten geworden,
der sich der Müden und Erschöpften angenommen hat.
Er selbst hat Kranke geheilt, Tote zum Leben erweckt
und die Ausgestoßenen in die Gemeinschaft des Volkes zurückgeholt.
Kehrvers
Seinen Jüngern hat die Vollmacht gegeben zu verkünden,
wie nahe du den Menschen bist.
Sie haben es Jesus gleich getan und haben aller Welt gezeigt,
dass dein Reich mitten unter uns gegenwärtig ist.
Kehrvers
Er lädt auch uns ein, das Himmelreich zu bezeugen.
Umsonst haben wir empfangen, umsonst sollen wir geben.
Mit allen Aposteln und Heiligen stimmen wir ein in den Lobgesang auf deine Größe
und preisen wir dich mit unserem Lied.
Danklied, z. B. "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" (GL 392)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
Herr, unser Gott,
das heilige Mahl ist ein sichtbares Zeichen,
dass deine Gläubigen in dir eins sind.
Lass diese Feier wirksam werden
für die Einheit der Kirche
Darum bitten wir im heiligen Geist
durch Jesus Christus, unseren Herrn.
MB 11. Sonntag im Jahreskreis

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