Harmlos sind die Worte des heutigen Evangeliums gerade nicht. Aber sie sollen uns nicht abschrecken, auch keine Angst machen, als Getaufte in die Fußstapfen der Nachfolge zu treten. Wir sind nicht allein unterwegs: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“, diese Zusage Jesu gilt heute noch!
Dieses Evangelium klingt nicht gerade familienfreundlich. Es stellt uns auch keinen halbwegs gerechten Lohn in Aussicht, von dem man/frau auch leben kann, so wie wir es uns vorstellen. Von Sicherheiten, die heutzutage einfach dazu gehören, ist nicht die Rede. Die Worte sitzen, gehen zur „Wurzel“, sind radikale Eingriffe in das Leben jenes Menschen, der in die Nachfolge Jesu tritt.
Und wie ein Kontrast dazu ist die Einleitung zu den Versen. Es beginnt fast wie bei einem Märchen, bei dem man sich gemütlich hinsetzen möchte und einfach nur zu hören will: „In jener Zeit sprach Jesus zu den Aposteln…“ (kurze Stille) ... und dann beginnen die radikalen Anweisungen, Vorstellungen gelebter Jesus-Nachfolge.
Es wird von der historisch-kritischen Textauslegung angenommen, dass es sich hier um die Nachfolgeerfahrungen, wie sie die ersten Wanderprediger oder Wandermissionare gemacht haben, handelt. Von ziemlich radikalen Typen in der Jesusnachfolge hören wir in diesen Versen. So könnten wir es auffassen und meinen, ohne diese Radikalität in der Nachfolge unter so manchen Jesusjüngern gäbe es diese Verse nicht. Doch diese radikale Jesus-Nachfolge konnte sich nicht als „die“ allgemeine Form der gelebten Verkündigung unter den Jesusjüngern nicht durchsetzen. Jedoch zu denken geben könnte es uns, dass diese radikale Nachfolge weiterhin praktiziert wurde und noch immer wird, wie uns Beispiele aus der Geschichte zeigen: Franz von Assisi oder Klaus von Flüe, Elisabeth von Thüringen oder Theresa von Avila, Oskar Romero, Franz Jägerstätter, Sr. Maria Restituta Kafka, Maximilian Kolbe...
In einer dialogischen Auseinandersetzung über die Nachfolge, kristallisierte sich zum heutigen Evangelium folgende Frage heraus: „Aber sollen wir uns damit begnügen, dass uns einige wenige immer wieder zeigen wie Nachfolge in der Radikalität gelebt werden könnte?“
Eine Antwort auf diese Frage gibt das Evangelium selbst: die Worte Jesu, so radikal sie sind, könnten mehr für uns bedeuten, wenn wir sie nicht wie Zuschauer am Rande des Geschehens, so zu sagen von einem „sicheren“ Platz aus, betrachten. Unser Platz ist im Geschehen des Evangeliums. So können wir in die Intimität, die zwischen Jesus und Gott, den er Vater nennt, eintauchen und hineinwachsen in das göttliche Geschehen (in die Offenbarung). Von diesem Wachstum aus ist das Evangelium von heute neu zu verstehen.
Wir sind als Getaufte hineingenommen ein neues Leben mit Christus. Dadurch haben wir vollen Zugang zu der Quelle, von der Jesus gelebt hat. Das Evangelium von heute zeigt, dass Jesus uns mit Gott neu verbinden will in eine Tiefe, in eine Beziehung, die alles bisher „Gekannte“ übersteigt:
„Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ lauten die Schlussverse im Matthäusevangelium. Jesu richtet seinen Auftrag nicht an ferne Zuschauerinnen sondern an alle, die auf seinen Namen getauft sind und daher eine neue Identität angenommen haben.
Wer diese Dimension des Taufgeschehens erfasst hat, wird das, was das Evangelium heute verlangt, nicht als Last und Überforderung sehen, sondern als Erfahrungen in der Nachfolge. Wir werden immer wieder mit der Frage der Nachfolge als Jünger/Jüngerin Jesu konfrontiert. Die Schritte, die sich konkret im eigenen Leben in der Nachfolge ergeben, manchmal von uns sogar eingefordert werden, gilt es zu erkennen und zu gehen. Jedoch gehen wir den Weg der Nachfolge nicht allein. Wie einst den ersten Wanderpredigern, Wandermissionaren gelten auch für uns die Worte Jesu: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Durch das heutige Evangelium erfährt diese Zusage eine verheißungsvolle Ergänzung: „Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“
Nicht in Angst und Schrecken die Menschen zu versetzen, ist das Wesen der Frohbotschaft, sondern sie will Mut machen, will Vertrauen wecken. Vertrauen, das trägt, wenn es im Leben schwierige Situationen gibt, wie wir es im Evangelium bei der Jesusnachfolge gehört haben. Denn harmlos ist die Sache Jesu nicht, der Anspruch der Botschaft Jesu ist und bleibt eine Herausforderung für jeden von uns. Die Botschaft Jesu ist ein „ewiger Unruhestifter“ und wirkt sehr störend auf unseren Alltagstrott, wie wir heute gehört haben.
Ob nun die Jesus-Nachfolge radikal gelebt wird oder Christen einfach konsequent zu ihrem Glauben in der je persönlichen Lebenssituation stehen, für alle gilt die Zusage: Immanuel - „Ich bin bei euch“!
Seine bleibende Gegenwart macht möglich, dass wir, die getauft sind auf seinen Namen, und erfüllt werden mit dem Geist, in seine Nachfolge – die Schule Jesu – treten können. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Jesu Aufmerksamkeit und Sorge uns gilt, wie die Verse des heutigen Evangeliums es uns verkündet haben: „Wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.“
Konsequente Gottes- und Nächstenliebe kann uns in Konflikte verwickeln. Liebe kann zum Kreuz werden. Diesen Konflikten nicht auszuweichen, mutet Jesus uns zu.
Die Forderungen Jesu an die Jünger, die ihm nachfolgen wollen, sind sehr radikal und wecken, die Angst, das Leben zu verlieren. In der Jesusnachfolge jedoch können wir das wahre Leben gewinnen.
Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als sie das Evangelium hörten? Hatten Sie ein gutes Gefühl, ein gemischtes, gar ein abgründiges? Dass es eine Rede an die Jünger Jesu ist, haben Sie gemerkt. Das entlastet uns aber nur auf den ersten Blick. Schnell sind wir hineingezogen. Mit Sätzen - Peitschen gleich - und Sätzen, großen Lohn versprechend. Aber sie wirken aneinander gereiht, zusammenhanglos und insgesamt beängstigend.
Eine gewisse Ratlosigkeit kann ich nicht verbergen. Ich sehne mich nach einem Lob aus seinem Munde, wo es doch so schwer ist, gegen ein übermächtiges Schweigen oder gegen lauten Widerspruch zu glauben. Dass ich seiner - Jesu - nicht würdig sein soll, nur weil ich Vater und Mutter, Sohn und Tochter liebe, ist wie ein Albtraum. Leider habe ich das Geheimnis auch noch nicht heraus, wie ich Liebe in "mehr" oder "weniger" aufteilen könnte. Geht das überhaupt - mehr lieben?
Ich muss jetzt an die Jünger denken. An zwölf Fingern kann ich sie abzählen. Ich kenne sogar ihre Namen. Ihre Schwächen auch. Die Jünger, die Jesus berufen hat, haben ganz viel hinter sich zurückgelassen, um mit ihm zu gehen. Ihre Berufe haben sie aufgegeben, ihre Familien, ihre Freundeskreise. Sie haben auf ihrer Wanderung durch das Land, immer in der Nähe Jesu, Menschen gebraucht, die ihnen Unterschlupf gewährten, ein Dach über den Kopf für eine Nacht, einen Becher frischen Wassers auf staubigem Weg.
Jesus macht seinen Jüngern nichts vor, er hat auch keine falschen Versprechungen für sie. Ihr müsst nur zu mir passen, sagt er. Dann geben die Jünger Jesus den Vorzug - vor Vater und Mutter, Sohn und Tochter, sie geben gar dem Kreuz den Vorzug gegenüber einem gesicherten und erfolgreichen Leben. Wenn wir die Worte Jesu von hinten, sozusagen aus der Rückschau lesen, hören sie sich ganz anders an. Sie sind von gemeinsamen Lebenserfahrungen durchzogen, sie sind auf einem gemeinsamen Weg erprobt, sie sind in vielen Begegnungen - und Auseinandersetzungen - gereift. Gerade die sperrigen, nicht eingängigen, nicht so "schönen" Geschichten entpuppen sich am Ende als Kleinode, als Schmuckstücke. Was der Evangelist Matthäus als große Herausforderung überliefert, haben die Jünger gemeistert. Mutig. Ob sie Jesus dann immer würdig waren? Einer hat ihn verraten, einer verleugnet, geflohen sind sie am Ende alle.
Jesus spricht aber auch die an, die seine Jünger aufnehmen. Sie nehmen mich auf, sagt Jesus. Himmlischer Lohn wird ihnen versprochen. Jesus gebt seinen Jüngern sozusagen eine Visitenkarte mit, die ihnen Türen - und Herzen öffnen wird. Sie können davon ausgehen, dass sie Unterschlupf finden werden. Auch die Freude, neue Freunde zu gewinnen. Auch die Kraft, Durststrecken zu bestehen. Die Jünger Jesu haben die Unsicherheit in ihrem Leben bejaht. Sie werden aber von anderen Menschen aufgenommen. Das ist ein schönes Wort: aufgenommen werden. Es klingt warm und vertraut, es verspricht Nähe und Verlässlichkeit.
Erst im Rückblick geht uns auf, wie groß die Meinung ist, die Jesus von seinen Jüngern hat. Und wie groß das Vertrauen ist, dass die Jünger ihm gewähren. Wer von ihnen liebt "mehr"? Wie gut, dass wir das heute nicht entscheiden können.
Ich habe jetzt von den Jüngern geredet. Ein bisschen habe ich das Gefühl, noch einmal davon gekommen zu sein. Wir haben unsere Kirche, unsere Institutionen, unsere großen Überlieferungen und Traditionen. Eine heiliger als die andere. Gelegentlich erschrecken wir darüber, dass es etwas kostet, Christ zu sein, manchmal fällt es uns sogar schwer, das offen zu sagen und zu zeigen. Wenn wir sonst auch vieles delegieren oder abtreten können - den Glauben nicht. Das Bekenntnis beginnt immer mit: Ich.
In unserer, oft auch unübersichtlichen Situation, bekommen die Worte Jesu noch einmal einen eigenen Klang. Sie haben viel gemeinsam mit Sätzen, die wir aus der Weisheit Israels kennen. Knackige, einprägsame Formulierungen, die Lebenserfahrungen, Hoffnungen und Träume aufbewahren - und eben auch zur Verfügung stellen. In unseren eigenen Worten: Was hält uns fest, was bindet uns? Was ist uns überhaupt wichtig? Was könnten wir loslassen? "Jesus sagt: Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen."
Ich möchte das Leben gewinnen. Mit Geld gelingt es nicht, mit Leistung auch nicht, mit Erfolg vielleicht am wenigsten. Aber mit Vertrauen und Liebe, mit dem Geschenk von Nähe und Gemeinschaft. Was dein Leben ausmacht, kannst du dir nicht kaufen. Ob Jesus das so auf unseren Marktplätzen sagen, in Facebook schreiben, twittern würde? Nachfolge Jesu bedeutet, ihn zu lieben, sich seinem Wort zu öffnen, mit ihm mitzugehen. Menschen erzählen sich dann Geschichten, die wie aus einer anderen Welt anmuten, aber in Wirklichkeit nur das Wunder beschreiben, dass es immer noch Liebe gibt - und Vertrauen nicht ausläuft. Die Befürchtung, dass uns das blühen könnte, habe ich auch schon gehört. Angst habe ich keine.
Das Schwergewicht der Worte Jesu ruht auf dem Schluss. Es ist davon die Rede, dass die Jünger aufgenommen werden. Heute werden wir daran erinnert, dass wir als Jünger Jesu andere aufnehmen. Das hat mit offenen Türen und Fenstern zu tun, aber auch mit offenen Herzen und Armen. In den Ostergeschichten wird erzählt, dass sich die Jünger aus Furcht zurückziehen, sich verschließen - und eben auch Türen und Fenster zu machen. Es dringt nichts mehr zu ihnen, sie lassen auch nichts mehr an sich heran. Und es gelangt nichts mehr nach draußen. Nicht ein Hoffnungsschimmer. Da kommt Jesus zu ihnen, als der Auferstandene, und bringt ihnen den Frieden. Und alles, was verschlossen war, geht auf.
Es gibt wohl nichts Größeres, als einen anderen Menschen aufzunehmen. Manchmal werden wir ihn als Gast sehen. Einfach entgegenkommend. Aber in dem Wort stecken auch die Worte "aufheben" und "hochheben". Dann wird ein Mensch, der unten ist, groß. Dann wird ein Mensch, der verloren ging, an meinem Tisch sitzen. Am Ende ist es eine weite Sicht.
Fast schäme ich mich: ich habe Jesu Worte beängstigend genannt. Ich erlebe sie jetzt aber geradezu befreiend. Das Evangelium ist eben doch immer für eine Überraschung gut.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Gott, unser Vater,
du hast uns in der Taufe zu Kindern des Lichtes gemacht.
Laß nicht zu,
daß die Finsternis des Irrtums über uns Macht gewinnt,
sondern hilf uns, im Licht deiner Wahrheit zu bleiben.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
Herr, unser Gott,
in den Geheimnissen, die wir feiern,
wirkst du unser Heil.
Gib, daß wir den Dienst an diesem Altar würdig vollziehen,
von dem wir deine Gaben empfangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
Kehrvers:
Freut euch, wir sind Gottes Volk,
erwählt durch seine Gnade. (GL 56,1)
Guter Gott, wir sind hier versammelt,
um dir das Opfer des Lobes und des Dankes darzubringen:
Wir danken dir für den Reichtum des Lebens,
mit dem du uns beschenkst
und den du uns immer neu zufließen lässt.
Kehrvers
Einst hast du dein Volk durch das Wirken der Propheten spüren lassen,
dass du da bist und es in allen Lebenslagen begleitest.
Heute bist du unter uns in den vielen Menschen,
die sich am Geist und Beispiel Jesu ausrichten,
sich von deinem Heiligen Geist leiten lassen
und mit Christus als neue Menschen leben.
Kehrvers
Du führst uns zurück auf Wege, die uns wahres Lebens bringen,
wenn wir uns in den vielfältigen Heilsversprechen unserer Zeit verlieren
und ein Leben suchen,
das unsere Sehnsucht nach vollem Leben nicht erfüllt.
Kehrvers
Du gibst uns die Kraft, das eigene Kreuz auf uns zu nehmen
und deinem Sohn nachzufolgen,
der sein Leben ganz für dich gelebt hat
und dennoch ganz bei den Menschen war.
Du willst, dass auch wir das wahre Leben finden,
für das du uns geschaffen hast.
Kehrvers
Wir stimmen ein in den Lobgesang aller Heiligen,
die diesen Weg gegangen sind und die ihn heute gehen,
und bringen dir mit allen Geschöpfen unseren Dank entgegen.
Danklied, z.B.: Nun saget Dank und lobt den Herren (GL 385)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr. heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn du hast das Heil der Welt
auf das Holz des Kreuzes gegründet.
Vom Baum des Paradieses kam der Tod,
vom Baum des Kreuzes erstand das Leben.
Der Feind, der am Holz gesiegt hat,
wurde auch am Holze besiegt
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn loben die Engel deine Herrlichkeit,
beten dich an die Mächte,
erbeben die Gewalten.
Die Himmel und die himmlischen Kräfte
und die seligen Serafim feiern dich jubelnd im Chore.
Mit ihrem Lobgesang lass auch unsere Stimmen sich vereinen
und voll Ehrfurcht rufen:
Heilig...
MB Kreuzerhöhung
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn wir erkennen deine Herrlichkeit in dem,
was du an uns getan hast:
Du bist uns mit der Macht deiner Gottheit
zu Hilfe gekommen und
hast uns durch deinen menschgewordenen Sohn
Rettung und Heil gebracht
aus unserer menschlichen Sterblichkeit.
So kam uns aus unserer Vergänglichkeit
das unvergängliche Leben
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn preisen wir jetzt und in Ewigkeit
dein Erbarmen und singen mit den
Chören der Engel das Lob
deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 3
Gütiger Gott,
die heilige Opfergabe,
die wir dargebracht und empfangen haben,
schenke uns neues Leben.
Laß uns Frucht bringen in Beharrlichkeit
und dir auf immer verbunden bleiben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 13. Sonntag im Jahreskreis
In England erinnert man sich noch immer an eine Rede, die Winston Churchill während des Zweiten Weltkriegs gehalten hat. Im Mai 1940 hatte die deutsche Wehrmacht Frankreich eingenommen, und England musste mit einer deutschen Invasion rechnen. In dieser gefährlichen Situation erklärte der britische Premierminister seinen Landsleuten ehrlich und lakonisch, dass sie sich auf harte Zeiten und große Opfer, auf „Blut, Schweiß und Tränen“ einstellen müssten, wenn sie entschlossen seien, sich gegen Hitlers Eroberungspläne zu wehren. Nur so sei es möglich, den Tyrannen zu stoppen. Wichtig war dabei, dass er den Leuten den Sinn der angekündigten Anstrengungen und Entbehrungen deutlich machen konnte: gegen ein totalitäres Regime Freiheit und Menschenwürde zu verteidigen. Ein hoher Wert, ein bedeutendes Ziel kann es rechtfertigen, Opfer zu verlangen und auf sich zu nehmen. An diese Rede Churchills kann man denken, wenn man die ernsten Worte liest, mit denen Jesus seine Anhänger auf schwierige und schmerzliche Situationen vorbereitet hat. Solche Worte Jesu finden sich zum Beispiel im Lukas- und im Matthäusevangelium (Lk 14,25-33; Mt 10,37-42).
Worauf sich an Jesus Glaubende einstellen müssen
Wer sich Jesus anschließt, sollte sich keinen Illusionen hingeben. Er muss sich bewusst machen, worauf er sich einlässt; dass ein ernster Einsatz gefordert ist; dass mit Widerständen und Bedrängnissen zu rechnen ist. Wer sich zu Jesus bekennt, muss im Konfliktfall (der nicht immer gegeben sein muss) bereit sein, selbst Eltern oder nahe Verwandte „gering zu achten“, das heißt an die zweite Stelle zu rücken. Er muss bereit sein, „auf seinen ganzen Besitz zu verzichten“, wenn es anders nicht möglich wäre, den Glauben an Jesus zu leben und den Weg zu gehen, den Jesus gewiesen hat. Wer zuckt nicht zusammen, wenn ihm so etwas gesagt wird?
Den Zusammenhang der Worte Jesu sehen
Aber auch Jesus ging es - ähnlich wie in der Rede Churchills - nicht darum, Opfer und Leiden, Kreuz um ihrer selbst willen zu fordern oder gar zu verherrlichen. Jesus konnte so ehrlich und deutlich von den Risiken und Schwierigkeiten der Nachfolge reden, weil er überzeugt war, den Menschen etwas ganz Wichtiges und Kostbares zu bringen, und weil er darauf vertraut hat, dass sich Menschen finden werden, die ihn verstehen und den Wert der Verbindung mit ihm erkennen.
Die zitierten Jesusworte dürfen nicht aus dem Gesamtzusammenhang der Botschaft und des Lebens Jesu herausgelöst werden. Es sind ja nicht die einzigen und nicht die ersten Worte, die Jesus gesprochen hat. Die ersten Worte, die Jesus nach dem Lukasevangelium in der Öffentlichkeit spricht, sind: „Der Herr [Gott] hat mich gesandt, dass ich den Armen eine gute Nachricht bringe, den Gefangenen die Entlassung verkünde... und ein Jahr der Gnade ausrufe“ (Lk 4,18-21).
Den herausfordernden Aussagen war vieles andere vorausgegangen, das mitgehört und mitbedacht werden muss: Jesus hat mit seiner Botschaft Hoffnung geweckt, hat eine freudige und festliche Atmosphäre um sich verbreitet. Er konnte seine Gegenwart mit einer Hochzeitswoche vergleichen (vgl. Mk 2,18f). Um Jesus herum entfaltete sich ein befreites und zuversichtliches Leben; er hat es verstanden, das Leben der Menschen aufzuhellen (vgl. Mt 4,16), vor allem durch die Art, wie er von Gott, von der zuvorkommenden Güte Gottes sprach. Um Jesus entstand eine Atmosphäre, in der man aufatmen konnte (vgl. Mt 11,28). Einen tiefen Eindruck machte das heilende Wirken Jesu, seine Aufmerksamkeit für die Leidenden und Geplagten. Und die Mitte des Ganzen war die Strahlkraft der Person Jesu, die Ausstrahlung, die von ihm ausging, sein beeindruckendes Wesen.
Dieser Hintergrund, dieser Zusammenhang muss gesehen werden; dann lassen sich auch die fordernden Aussagen Jesu verstehen. Sie haben ein positives Ziel: Es geht darum, in der Verbindung mit Jesus zu bleiben, mit den Kräften, die in ihm wirken, auch wenn es Opfer kostet. Es geht darum, sich von niemandem rauben zu lassen, was Jesus gebracht und ermöglicht hat. In diesem Sinne kann der Apostel Paulus im Philipperbrief schreiben: „Was mir früher als Gewinn galt, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt; ... weil die Erkenntnis Christi Jesu [und die Gemeinschaft mit ihm] alles übertrifft“ (Phil 3,7f). Paulus hat den Schatz entdeckt (vgl. Mt 13,44), für den man vieles hergeben kann.
Zeugnisse aus der Geschichte
Auch im weiteren Lauf der Geschichte haben immer wieder christlich und menschlich vorbildliche Persönlichkeiten einen spürbaren und hohen Preis gezahlt, um ihrer Gewissensüberzeugung und ihrem Glauben treu zu bleiben. Das gilt von den vielen Märtyrern der Kirche bis in die neuere Zeit.
Man braucht nur die Briefe zu lesen, die Männer und Frauen des deutschen Widerstands gegen die Naziherrschaft aus den Gefängnissen geschrieben haben: an ihre Ehepartner, an Familie und Freunde. Darunter die Geschwister Scholl, Willi Graf, Helmut Graf Moltke, Nikolaus Groß, die Bonhoeffer-Brüder. Es waren Menschen, die das Leben durchaus geliebt haben, die keine perverse Selbstzerstörung betrieben haben. Aber sie wussten, dass ein wahrhaft menschenwürdiges Leben auf Werten gründet, die hochgehalten werden müssen, auch wenn das einen Einsatz kostet, der ans Leben geht. Sie waren überzeugt, dass Christen widerstehen müssen, wenn Religion und Menschenwürde missachtet werden, und sie spürten die Kraft, die ihnen aus der Verbindung mit Christus zukam.
Aus: Augustin Schmied, Farben des Anfangs. Jesus und seine Botschaft. Biblische Betrachtungen. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 2015.
„Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde“ (2 Kor 5,14/).
"Wie hältst du’s mit der Religion?“ Ich glaube, daß diese Gretchenfrage für uns Christen ganz anders lautet, nämlich: "Wie hast du’s mit dem Kreuz?“
Auf dem letzten Konzil stand ein Bischof aus der Dritten Welt vor dem Mikrophon. Er nahm das Kreuz, das er auf seiner Brust hängen hatte, in die Hand, schaute es ein wenig an und rief dann in die Aula des Petersdomes: Wir tragen alle ein Kreuz auf der Brust, es wäre besser, wir würden es auf dem Rücken tragen!
Dazu noch eine Geschichte: Vor zweihundert Jahren lebte in Moskau ein deutscher Arzt, der sich in besonderer Weise der Gefangenen und Armen annahm und den man deshalb nur den „Engel von Moskau“ nannte. Er war befreundet mit dem Metropoliten von Moskau, der, wie sollte es anders sein, auf seiner Brust ein großes goldenes und mit Edelsteinen geschmücktes Kreuz trug. Eines Tages sprachen sie miteinander über die Strafgefangenen.
Der Metropolit wollte den Arzt in seinem Einsatz zurückstutzen und meinte: „Wer bestraft wird, ist auch schuldig.“ Der Arzt wurde zornig und schleuderte dem Metropoliten nur einen Satz ins Gesicht: „Sie haben nur Christus vergessen“ - und zeigte auf das goldene Kreuz.
Beide Geschichten haben etwas gemeinsam: den falschen Umgang mit dem Kreuz. Man kann es mit dem Ewigen Juden Goethes sagen:
„Er war nunmehr der Länder satt,
wo man so viele Kreuze hat
Und man, für lauter Kreuz und Christ
Ihn eben und sein Kreuz vergißt.“
Anders gesagt: Das Kreuz richtet unser Tun. Das Kreuz ist die größtmögliche Kritik an unserem eigenen Leben, an unseren christlichen Gemeinschaften, an unserer Kirche.
Um es noch einmal anders zu sagen: Das Kreuz ist nicht in erster Linie ein Gegenstand, den man als Schmuck in die Stuben oder um den Hals hängt; das Kreuz ist nicht bloß ein Betrachtungsgegenstand, nicht etwas, was man nur anschaut, bei Prozessionen herumträgt oder in der Karfreitagsliturgie feiert. Das Kreuz ist eine Lebensform, eine Prägung des Denkens, des Fühlens, des Handelns. Das Kreuz ist eine Perspektive, mit der ich die Welt als Ganzes und den Menschen im einzelnen anschaue.
Das mag etwas theoretisch klingen, doch vielleicht kann ich es an Franz von Assisi deutlich machen. Franziskus ist ja ein Mensch, der das Kreuz als Lebensform begriffen hat. Er hatte eine besondere Beziehung zum Kreuz: Wenn er an eine
Wegkreuzung kam, wenn sich zwei Äste gabelten, wenn immer er ein Kreuz sah, fühlte er sich mit Christus verbunden. In diesem ständigen Meditieren des Kreuzes machte er eines Tages zwei Entdeckungen und eine tiefe Erfahrung, die ihn zeit seines Lebens prägte.
Die zwei Entdeckungen waren: Franz von Assisi schaute das Kreuz an, meditierte es, würden wir heute sagen, lange, sehr lange. Ja, er war versucht, nur noch das Kreuz zu kennen, von allem Abschied zu nehmen und sich in eine Einsiedelei zurückzuziehen. Plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen: Der Gekreuzigte ist deswegen gestorben, weil er wollte, daß alle Menschen echt und intensiv leben können. Dann kam ihm der Abendmahlsbericht in den Sinn, in dem es heißt: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; das ist mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird.
Es ging ihm also auf: Christus ist das Brot, nach dem die Welt hungert, der Wein, der alle begeistern könnte. Und nun hielt es ihn nicht mehr in der Einsiedelei. Er mußte hinaus, in die Welt, zu den Armen, Zerstrittenen, am Sinn ihres Lebens Verzweifelnden. Er mußte zu den Kranken, den Aussätzigen, den Ungläubigen, den Andersgläubigen. Er mußte alle Grenzen übersteigen, damit ja alle sich am Brot nähren können. Diese Entdeckung formulierte er dann so: Nicht für sich allein leben, sondern dem, der für alle gestorben ist.
Das Kreuz war also nicht mehr bloß Gegenstand, den er anschaute, sondern Perspektive, durch die die ganze Welt in den Blick kam, eine Kraft, die in die ganze Welt sandte.
Eines Tages machte Franz von Assisi eine zweite Entdeckung: Er breitete nämlich seine Arme aus, um sich dem Gekreuzigten anzugleichen. Plötzlich ging ihm auf, daß diese Angleichung ja bereits in der Gestalt seines Körpers gegeben war, daß das Kreuz nicht einfach sein Gegenüber, sondern seine eigene Form war. Er selber war Kreuz. Darum nannte er seinen Orden: „Wahre Arme des Gekreuzigten.“
Und nun die Grunderfahrung, die Franziskus zeit seines Lebens prägte. Franziskus fühlte nämlich, wie sein Herz weit wurde, wie er am Leiden der Welt litt. Darum fühlte er mit, wenn ein Aussätziger oder Kranker auf ihn zukam. Er fühlte mit, wenn ein Regenwurm im Staub vertrocknete.
Mitleiden und Mitfühlen gehörten in die Mitte seines Lebens: so als ob er selber am Kreuz hängen würde, um alles Leid der Welt zu tragen.
Diese Erfahrung nannte man „compassio“: mit Christus leiden am Leiden der Welt. Und man fügte ein anderes Wort hinzu, in dem noch etwas mehr ausgedrückt werden sollte: „condescensio“: mit Christus auf die Ebene der Notleidenden hinuntersteigen und ihnen menschlich nahe sein wollen.
Ich glaube, daß sich die Welt verändern würde, wenn wir das Kreuz als Lebensform entdeckten, wenn wir im Kreuz eine Perspektive sähen, durch die wir die Welt in den Blick bekommen, wenn wir begännen, mitzuleiden und einander menschlich nahezukommen.
Der Gekreuzigte ist der Verratene. Als Christ werde ich darum alles aus der Perspektive der Betrogenen, Im-Stich-Gelassenen, Geschiedenen, Einsamen anschauen.
Der Gekreuzigte ist der Gefangene und Gefolterte. Als Christ werde ich darum alles aus der Sicht der Internierten, Eingesperrten, Entwürdigten und Gefolterten betrachten.
Aus: Augustin Schmied, Farben des Anfangs. Jesus und seine Botschaft. Biblische Betrachtungen. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 2015.
[...] die Offenheit, die Bezogenheit auf das Ganze hin, liegt im Wesen des Geistes. Und gerade darin, daß er nicht nur ist, sondern über sich hinausgreift, kommt er zu sich selbst. Im Sich-Überschreiten hat er sich; indem er beim Andern ist, wird er erst er selbst, kommt er zu sich selbst. Oder noch einmal anders ausgedrückt: Das Beim-Andern-Sein ist seine Form, bei sich selbst zu sein. Man wird an ein theologisches Grundaxiom erinnert, das auf eine eigentümliche Weise hier anwendbar wird, an das Wort Christi »Nur wer sich selbst verliert, kann sich finden« (vgl. Matth. 10,36). Dieses dort heilsmäßig ausgesprochene Grundgesetz menschlicher Existenz charakterisiert der Sache nach das Wesen des Geistes, der nur, indem er von sich selber weggeht, indem er zum anderen seiner selbst geht, zu sich selbst kommt und seine eigene Fülle vollzieht.
Joseph Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München, Freiburg/Br.: Erich Wewel Verlag 1973.

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