Halleluja. Halleluja.
Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich;
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Halleluja.
Die Juden haben sich vom Messias erwartet, dass er Leid und Kreuz abschaffen wird. Die Erde soll durch ihn wieder ein Paradies werden. Da kommt es zu einer Überraschung: Jesus nimmt selbst das Kreuz auf sich. Dadurch bekommt das Kreuz eine andere Bedeutung, es wird verwandelt, bekommt die erlösende Kraft schlechthin. Denn die Liebe Gottes machte aus dem Holz des Kreuzes den Baum des Lebens. Das ist das Geheimnis der Liebe: Sie wurde arm, um uns reich zu machen.
In einer Legende las ich Folgendes: Ein großes Weizenkorn versteckte sich in der Kornkammer, damit es nicht auf den Acker gestreut werden kann. Die Folge war, dass es zu schimmeln anfing und langsam verfaulte. Wäre aber das Weizenkorn bereit gewesen unter die Erde zu gehen, hätte es reiche Frucht getragen.
Genauso ist es mit unserem Leben. Wenn unser Leben nur uns und nicht Gott und dem Nächsten dient, bringt es keine Frucht. Denn „wer sein Leben (zu sehr) liebt, verliert es“ (Joh 12,24). Karl Marx soll einmal gesagt haben: „Die Revolutionen können viel bewirken, aber sie verändern nicht den Menschen“. Verliebte wissen, dass nur die Liebe das Herz des Menschen verändern kann. Das ist das Geheimnis der Liebe. Sie wird nicht ärmer, wenn sie sich verströmt. Das will uns das heutige Fest der Kreuzerhöhung sagen.
Das Fest der Kreuzerhöhung lehrt uns aber auch, dass Gott gerecht und barmherzig zugleich ist. Als ich noch ein Schulkind war, musste ich die 6 Grundwahrheiten des Glaubens auswendig lernen. Die 2. Grundwahrheit lautet: „Gott ist ein gerechter Richter, der das Gute belohnt und das Böse bestraft“. Erzbischof Kothgasser sagte einmal zu mir: „Bei diesem Satz fällt auf, dass die Barmherzigkeit fehlt“. Das war auch der Grund, dass in meiner Schulzeit Barmherzigkeit nicht geübt wurde. Man sagte „Strafe muss sein“ und schickte eine Reihe von Menschen ohne Erbarmen in die Hölle. Auf einem Sterbebildchen, das mir voriges Jahr bei einem Begräbnis in die Hand gedrückt wurde, stand der Satz: „Auf Wiedersehen in der Hölle“. Der Verstorbene wollte gleichsam auch seine Bestrafer mit in die Hölle nehmen. Es kann nicht von einer Gerechtigkeit die Rede sein, wenn nicht auch die Barmherzigkeit in Betracht gezogen wird.
Das Kreuz Jesu offenbart aber nicht nur die Gerechtigkeit, sondern auch die Barmherzigkeit Gottes. Der Karfreitag zeigt in höchstem Maße die Liebe des dreifaltigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist das Feuer der Liebe, der die Menschheit nicht untergehen lässt. Von Gottvater heißt es in der Heiligen Schrift: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet (Joh 3,16-18)“. Denn Jesus hat alle Schuld für uns freiwillig bezahlt. Der rechte Schächer wurde nach seiner Reue noch am Todestag in den Himmel aufgenommen.
Der Gekreuzigte ist daher die Barmherzigkeit in Person. Gott wollte in Jesus sein Herz für uns öffnen. Ein Ozean von Gnade strömt auf uns zu. Es blutet das Herz Jesu vor verströmender Liebe. Der Strom des Blutes Christi reinigt uns von den Sünden, rettet die ganze Welt. Das will auch das Bild Jesu, das nach den Aussagen von Sr. Faustine gemalt wurde, zum Ausdruck bringen. So ist Jesus Christus für uns Priester und Opfer zugleich. Seine Barmherzigkeit überwindet alle Grenzen.
Papst Franziskus sagt: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Jesus verkörpert als Mensch die Liebe und Barmherzigkeit des Vaters“. Je öfters wir barmherzig sind, desto öfters werden Wunder der Liebe erleben.
Paulus deutet die Urgründe der Liebe Gottes an, wenn er im Römerbrief (Röm 5,4) schreibt: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“. So zeigt sich, dass Gottes Liebe größer ist als unsere Schuld. Gott hat das größte Verlangen nach dem Heil seiner Geschöpfe. Aus diesem Grund hat Jesus für uns seinen Leib hingegeben.
Papst Benedikt XVI. sagte einmal: „Gott ist deshalb ein Leidender, weil er ein Liebender ist“. Christus hat das Feuer der Liebe auf die Erde gebracht. Wer sich ihm nähert, fängt Feuer. Daher heißt es in einem Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart, ich geb mich hin der göttlichen Liebe ... Ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken...“
Daher bete ich an jedem Morgen:„Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde“. Denn die Länge, Breite, Höhe und Tiefe der Liebe Gottes gehen ins Unendliche.
Das Fest Kreuzerhöhung hat vermutlich einen liturgischen Ursprung: Man erhob das Kreuz, um es zur Verehrung zu präsentieren. Es ist jedoch wichtig, den genuinen Wert des Textes aus dem Buch Numeri (1. Lesung) nicht aus dem Text des Johannesevangeliums (Gespräch mit Nikodemus) heraus zu deuten. Letztlich geht es um die Frage, wie kann der Glaube helfen, menschliches Leid zu bewältigen.

Reliefausschnitt aus den romanischen Portaltüren vom Dom zu Gurk. Zu sehen sind folgende biblische Szenen:
Reihe oben: Samson trägt die Tore von Gaza - Auferstehung Jesu - Errettung von Jona.Reihe unten: Opferung von Isaak - Kreuzigung Jesu - Aufrichtung der Ehernen Schlange.
Diese Begebenheiten aus dem Ersten und Zweiten Testament sind auf den Portaltüren in Form der Typologie dargestellt. Durch diese Art, biblische Szenen in der Kunst zu deuten, wird eine Überhöhung des Zweiten Testaments gegenüber dem Ersten Testament dargestellt. Dies führt zur Herabsetzung des Eigenwertes und der religiösen Bedeutung der hebräischen Bibel. Gerade am Fest der Kreuzerhöhung sollte diese Form der Darstellung kritisch gesehen werden.
Schon die Textauswahl der Lesungen birgt die Gefahr dieser Überhöhung. Auch wenn im Johannesevangelium die Typologie (Präfiguration) als literarisches Stilmittel angewendet wird als Abgrenzung zum Judentum oder zu einer konkreten jüdischen Gemeinde vor Ort, so sollten wir uns doch der Problematik einer solchen Deutungsweise bewusst sein.
Einige Gedanken aus dem Buch „Erlösung vom Stiergott“ Christliche Gotteserfahrungen im Dialog mit Mythen und Religionen von Georg Baudler könnten den Horizont des Festes der Kreuzerhöhung zeitgemäß erweitern. Eigentlich müsste es aufgrund der Geschichte – eines Kirchweihfestes?- Kreuzerhebung heißen, denn das Kreuz wurde – und wird noch immer in der orthodoxen Kirche - erhoben und gezeigt.
So schreibt Baudler zu einem Vortrag von Viktor Frankl über verschiedene „Kategorien von Leid“. Es gibt Leid, wie Hunger, wie Krieg, das zu bekämpfen ist. Es gibt aber auch Leid, das nach anderen Kriterien anzunehmen und zu akzeptieren ist. Dies zu unterscheiden ist heute sicherlich eine große Herausforderung der Menschheit. Religion kann da Hilfe sein, wenn sie „dem Menschen Symbole vor Augen und Herz stellt, in denen er betroffen sich selbst und seine existentielle Lebenserfahrung wiedererkennt“.
Diese Gedanken von Georg Baudler sind eine Möglichkeit den religiösen Erfahrungen des Ersten Testaments aus dem Buch Numeri als auch des Zweiten Testaments aus dem Johannesevangelium ihren eigenen Platz und Raum in der Auslegung zu geben.
"Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, sondern entäußerte sich, um im Gehorsam den Kreuzestod auf sich zu nehmen", schreibt Paulus in seinem Brief an die Philipper. Paulus, das sei erwähnt, der hier verherrlichende Worte für das Sterben am Kreuz findet, traute sich zunächst selbst nicht, bei den Menschen über das Kreuz zu sprechen. Als er auf seinen Missionsreisen zu predigen begann, beschränkte er sich darauf, von Jesus als einem außerordentlichen Menschen zu berichten, der viel Wunderbares und Gutes tat. Paulus unterließ es, von der Kreuzigung zu sprechen. In Athen, einem Ort höchster weltlicher Kultur, äußerte er sich angepasst weise und philosophisch, ohne je das Kreuz zu nennen. Doch seine Rede war ein Misserfolg. Der Apostel verließ Athen und ging mit erbittertem und enttäuschtem Herzen nach Korinth. Er fragte sich: Wieso ist das passiert? Wie war das möglich? Dann erahnte er, dass es ein Missgriff war, nicht auch über das Kreuz zu sprechen. Und als er den ersten Brief an die Korinther schrieb, war dieser ein Lobpreis auf die Weisheit des Kreuzes.
Was geschah eigentlich durch die Kreuzigung Jesu, die er im Gehorsam gegenüber Gott hinnahm, außer seiner persönlichen Hinrichtung noch?
Jesus bringt mit seinem von der Liebe bestimmten Leben und durch seine Lehre von der "Liebe und Barmherzigkeit Gottes für alle Menschen" das vorhandene Gottesbild der Juden ins Wanken. Vor allem für die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer, darf nicht wahr sein, was Jesus lehrt und wie er sich manchen Menschen, Sündern und Ausgestoßenen, gegenüber verhält. Sie sind erbost über den Zimmermannssohn aus Nazareth, werfen ihm Arroganz vor. Außerdem untergräbt er ihre Autorität. Die Menschen, besonders die Verfemten, Ausgestoßenen, Abgeschriebenen, lieben Jesus: Sein Handeln und ebenso seine Lehre. In ihrem Ärger über Jesus schaukeln sich die Pharisäer und Schriftgelehrten gegenseitig in ihrem Zorn hoch. Es findet sich niemand unter ihnen, der zur Besonnenheit rät, wie es später der Pharisäer Gamaliel tat.
Als die Apostel vor den Hohen Rat gezerrt wurden, um verurteilt zu werden, heißt es in der Apostelgeschichte: Da erhob sich Gamaliel, ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer; er ließ die Apostel für kurze Zeit hinausführen. Dann sagte er: Überlegt euch gut, was ihr mit diesen Leuten tun wollt. Es traten schon viele Männer auf, die behaupteten, sie seien etwas Besonderes. Sie alle kamen um und ihre Anhänger wurden zerstreut. Darum lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei. Denn wenn ihr Werk von Menschenhand stammt, wird es sich auflösen; stammt es aber von Gott, so könnt ihr es nicht vernichten.
Jesus hat nicht das Glück, dass sich jemand für ihn einsetzt und die Gemüter beruhigt. Nicht nur seinen Tod wünschen sich die Schriftgelehrten und Pharisäer; ans Kreuz, ja ans Kreuz soll er, um als Verbrecher zu sterben. Mit Jesus steht auch sein Gottesbild, das an einer unbegrenzten Liebe des Vaters zu allen Menschen festhält, vor Gericht und der Hinrichtung. Jesus ist nicht bereit, sich durch Schikane, Folter und Kreuzigung von seinem Weg und Bekenntnis abbringen zu lassen. Er bleibt standhaft. Und nun kommt das Entscheidende: Gott lässt Jesus nicht für die Liebe und seine Botschaft von der Liebe Gottes sterben und damit hat es sich. Jesus ist nicht in erster Linie ein Märtyrer treu gelebter Liebe - das auch -, aber zuerst ist er ein Märtyrer des Glaubens an einen barmherzig liebenden Gott für alle. Am dritten Tag führt Gott ihn in die Auferstehung zu neuem Leben. Tod und Auferstehung Jesu bezeugen, dass Jesu Weg, sein Leben, vor allem aber sein Glaube richtig sind und ganz und gar dem Willen Gottes entsprechen. Kreuz und Auferstehung bezeugen, dass die Liebe Gottes zwar hingerichtet, aber nicht getötet werden kann.
Kreuzerhöhung ist somit ein Fest, wo wir die unbezwingbare Liebe Gottes zu uns feiern - und zwar zu allen, wirklich allen Menschen. Wir glorifizieren nicht das Leid, nicht das Kreuz, sondern bedanken uns voller Glück für das Heil, das uns aus der Liebe Gottes erwächst.
Leid und Kreuz zu glorifizieren, dafür findet sich bei Jesus keinerlei Hinweis. "Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach" ist keine Aufforderung Jesu, Leid und Kreuz anzustreben, sondern von der Liebe nicht zu lassen oder Abstriche von ihr zu machen, sobald es schwer wird, sie zu leben und zu verwirklichen. Es ist nicht nur berechtigt, es ist richtig, sich gegen Leid und Kreuz zu stemmen und zu wehren, wo immer wir dies können.
Jesus hat nicht nur gelitten. Er feierte das Leben, wo sich Gelegenheit dazu bot. Mit Armen und Reichen, Pharisäern und Zöllner saß er zu Tisch, ließ sich zur Hochzeit einladen, wo so sehr gefeiert wurde, dass der Wein ausging. Bei Maria und Marta kehrte er ein. Von der Schwiegermutter des Petrus ließ er sich bedienen, von Frauen in seinem Gefolge unterstützen, von der Dirne im Hause des Pharisäers Simon salben und die Füße küssen. Mit Maria Magdalene verband ihn eine innige Freundschaft. Die Menschen versetzte er in Staunen und genoss seine Beliebtheit. Erst als man ihn gegen seinen Willen zum König machen wollte, lehnte er ab und verbarg sich. Aber unter Jubel zog er dann später in Jerusalem ein. Es machte ihm Freude, seine Liebe zu verschenken, Menschen zu beglücken, Leidenden zu helfen und dafür Dank zu ernten.
All das sollte uns ermutigen, die Freuden des Lebens, die sich uns bieten, auszukosten und zu genießen. Ich bin überzeugt: Gott will nicht, dass wir Leid und Kreuz in den Himmel heben, es gar unnötig ertragen. Leid bleibt Leid und Kreuz ein Kreuz. Wir handeln im Sinne Jesu, wenn wir uns gegenseitig beistehen, Fröhlichkeit miteinander teilen, Leid und Kreuz in gegenseitiger Hilfe mindern, wo wir dies vermögen. Es kommt darauf an, dass wir der Liebe die Treue halten, auch wenn uns Unrecht, Bedrückung, Gemeinheit seitens der Menschen trifft und Leid zufügt. Wut, Zorn, Rache, Wiedervergeltung nicht ausleben, um sich darin eine Art Genugtuung zu verschaffen, darauf kommt es an. Dann leben wir Nachfolge des Gekreuzigten und Auferstandenen. Jesus will uns Kraft geben für das Durchhalten in der Liebe. Er sagt den Aposteln und Jüngern beim Abschied: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Das ist seine Verheißung, die er einlöst.
Dies gilt auch für Leid und Kreuz, das uns in unserem Leben entgegenkommt. Kreuz und Leid wird nicht von uns hinweggenommen; aber damit allein gelassen werden wir nicht. Gott wird auch in den Dunkelheiten unseres Lebens mit seiner Liebe, Kraft und Stärke bei uns sein. Durchgehaltene und gelebte Liebe ist ein aufgerichtetes Zeichen, das auf Gott hinweist, und auf den Weg, auf dem Heil, Hilfe, Glück zu den Menschen gelangt. Daran soll uns Kreuzerhöhung erinnern.
Vor wenigen Tagen erzählte mir eine Frau, dass ihr Sohn - er ist im Kindergartenalter - ein beängstigendes Interesse für Darstellungen Jesu am Kreuz entwickelt habe. Wann immer er ein Kreuz sieht, will er wissen, wer das sei und warum man das mit ihm gemacht habe usw. Ihr als Mutter stellten sich von da her viele Fragen: Wie kann sie damit umgehen? Wie kann sie ihrem Kind ausreichend antworten? Sollte man solche Darstellungen in der Öffentlichkeit nicht verbieten, wenn sie so nachhaltige Wirkung auf Kinder haben?
Religiöse Symbole in der Öffentlichkeit verbieten ist meines Erachtens auf Dauer kein gangbarer Weg. Man würde gleichzeitig alle anderen Symbole einschließlich der politischen aus der Welt schaffen müssen. Unsere Welt ist voller Symbole. Alles und jedes kann zum Symbol werden. Die Frage ist, was wir damit verbinden und was ein Menschen, der bewusst ein Symbol setzt, damit zum Ausdruck bringen will.
Das Kreuz als Symbol hat am Anfang des Christentums kaum eine Rolle gespielt. Die früheste Kreuzesdarstellung ist ein Graffito aus dem zweiten Jahrhundert. Es zeigt einen Mann, der einen anderen Mann mit Eselskopf am Kreuz anbetet. Darunter steht "Alexamenos betet seinen Gott an".
Durch viele Jahrhunderte wurde das Kreuz ohne den Körper Christi dargestellt, oft mit Edelsteinen besetzt. Das älteste erhaltene monumentale Kruzifix, so nennt man Kreuzesdarstellungen mit dem Körper Jesu, stammt aus dem 10. Jahrhundert.
Das Kreuz als Symbol, mit oder ohne den Körper Jesu, kann sehr unterschiedlich verstanden werden. Immer erhebt sich die Frage, was Menschen, die es aufstellen, aufhängen oder als Schmuck am Körper tragen, damit ausdrücken wollen, bzw. was Menschen, die es zu Gesicht bekommen, darin sehen.
Ein Mitbruder, der als Krankenseelsorger tätig ist, lädt des Öfteren, wenn er über das Thema Leid zu predigen hat, seine Zuhörer zu einer Kreuzesmeditation ein. Er bittet sie aufzustehen, die Arme in Kreuzesform auszustrecken und so die Spannung wahrzunehmen, die sich im eigenen Leib aufbaut. Die Spannungen zwischen oben und unten, zwischen Erdverbundenheit und Offenheit für das Himmlische, zwischen den Ansprüchen und Interessen der Mitmenschen und der Welt, die uns umgibt, kreuzen sich in jedem von uns und wir können sie nur für eine kurze Zeit ertragen.
Diese Erfahrung kann uns mit allem Gegensätzlichen konfrontieren, das auf uns einwirkt und das wir nicht auflösen können: Unser Wunsch zu leben und die Grenzen, die uns durch Krankheit und Tod gesetzt sind; unsere Sehnsucht nach Harmonie und Frieden und deren Bedrohung durch die Interessen anderer. Wie können wir mit den Aggressionen, Gewaltanwendungen, und Übergriffen leben, die uns andere Menschen zufügen? Wie können wir mit Unrecht leben, das uns angetan wird oder droht? Wie können wir mit den Grenzen unseres Lebens wie Krankheit, Tod, Schicksalsschlägen oder Katastrophen leben? Auch wenn wir alles tun, um möglichst viel von dem abzuwenden, es bleibt ein Rest, dem wir ausgesetzt sind.
Der italienische Filmregisseur Roberto Benigni schuf vor einigen Jahren den Film "Das Leben ist schön". Darin beschreibt er, wie der jüdische Italiener Guido sein Leben auf humorvolle Weise meistert, seine angebetete Dora zur Frau gewinnt und wie sie gemeinsam mit ihrem Sohn Giosuè in einer italienischen Kleinstadt glücklich leben. Im zweiten Teil der Geschichte werden Guido und Giosuè in ein nationalsozialistisches Konzentrationslager verbracht. Um den Kontakt nicht zu verlieren, folgt ihnen Dora freiwillig ins Lager. Um seinen Sohn nicht mir der grauenvollen Realität zu konfrontieren, erzählt ihm der Vater, das Ganze sei ein kompliziertes Spiel und macht ihm Hoffnung, dass alles gut ausgehen werde. Bei Kriegsende kommt der Vater im allgemeinen Aufruhr der Befreiung um. Als das Lager von amerikanischen Soldaten befreit wird, finden sich Mutter und Sohn. Der Film endet mit den Worten Giosuès: "Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, welches mein Vater erbracht hat, dies war sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen."
Dass das Leben schön ist, gehört zu unseren innigsten Sehnsüchten und Hoffnungen. Eltern versuchen dies ihren Kindern zu vermitteln und als Botschaft mit ins Leben zu geben. Doch irgendwann wird jeder Mensch mit der dunklen Seite des Lebens konfrontiert. Diese lässt sich nicht auf Dauer von ihnen fernhalten.
Das Kreuz ist für mich ein Symbol für die Bedrohungen, denen ich gegenüberstehe, die abzuwenden ich nicht in der Hand habe; ein Symbol für alle Grausamkeit, die Menschen einander antun können und gegenwärtig antun in der Ukraine, im Irak, in Syrien, in Afrika - oft unter Missbrauch des Namens Gottes.
Ich blicke zum Bild des Gekreuzigten auf und möchte trotz allem Leid, dem ich ohnmächtig gegenüberstehe, wie Jesus von meinem Vertrauen in den Schöpfer nicht ablassen. Von ihm erbitte ich die Kraft, auf Hass nicht mit Hass zu antworten oder bildhaft gesprochen zum Schwert greifen zu müssen. Ihm überlasse ich das Gericht über alle Gewalttäter, die menschliches Gericht nicht erreicht. Von ihm erhoffe ich mir neues Leben, wo das Leben in der uns bekannten Form am Ende ist.
In diesem Sinne tut es mir gut, wenn ich dem Zeichen des Kreuzes begegne: im religiösen Leben, in der Kunst, im öffentlichen Raum. Allen, die daran Anstoß nehmen, wünsche ich, dass sie Menschen begegnen, die ihnen erzählen können, was es ihnen bedeutet und welche Hoffnung sie damit verbinden.
In der polnischen Hauptstadt Warschau steht ein Kreuz, über das heftig gestritten wird. Pfadfinder haben es aufgestellt, nachdem im April dieses Jahres 96 Polen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen. Einer der Toten ist der damalige Präsident Kacynski.
Zum Gedenken an ihn steht es vor dem Präsidentenpalast und ist zum Streitobjekt geworden. Das Kreuz ist für manche nicht mehr das Zeichen des Glaubens. Sie sehen es als ein politisches Mittel an, gegen das sie sich wehren. Sie haben nichts gegen das Kreuz zur Erinnerung an die Opfer des Flugzeugabsturzes - aber an einem anderen Ort. Für sie ist es keine Geste der Ehrfurcht, sondern der Provokation.
Wie anders war es vor 1675 Jahren. Da wurde eine Kreuzreliquie gezeigt und die Menschen waren froh. Es war die Reliquie eines Kreuzes, das ihnen wertvoll und heilig war. Es war aus dem Kreuz Christi. Aufgehoben von seinen Jüngern wurde es versteckt und wiedergefunden. Da sich die Umstände gewandelt hatten, konnte die damalige Kaiserin Helena zu Ehren des Kreuzes eine Kirche bauen lassen. Hier konnten die Gläubigen einkehren und beten. Einmal im Jahr zeigten die Priester den Gläubigen dieses Kreuz. Darauf geht das heutige Fest der Kreuzerhöhung zurück.
Manche Angehörigen der Opfer in Polen mögen zunächst über das Kreuz froh gewesen sein. Es gab ihrer Trauer ein Zeichen. Es sprach von ihrem Schmerz. Ein Opfer war ein Militärbischof. Bei ihm kann man annehmen, dass er dieses Zeichen begrüßen würde. Einigen Angehörigen ging es vielleicht wie den Menschen, die froh um die Gedenktafel sind, die in Duisburg an die Opfer der Panik bei der Love - Parade erinnert. Die Platte erzählt von dem Leid der Opfer. Durch ihre Namen sind sie über ihren Tod hinaus präsent. Sie in Duisburg und das Kreuz in Warschau erzählen von dem Tod der Menschen und von dem, was anderen in der Trauer hilft.
Das Kreuz ist für die Glaubenden ein Zeichen des Lebens und der Hoffnung. Jesus war nicht der erste Gekreuzigte. Aber er hat dieses Schicksal erlebt, um seine Liebe zu zeigen. Er hat das Kreuz nicht überlebt, aber hat dann Auferstehung erfahren. Das ist die Besonderheit, die sich für Glaubende mit dem Kreuz Jesu verbindet. Deshalb war es so wertvoll und deshalb zeigte man einen Teil dieses Kreuzes den Glaubenden. All jene, denen es gezeigt wurde, wollten es sehen. Sie kamen bewusst an diesen Ort. Für sie war es kein zufälliges Erleben, sondern bewusstes Schauen.
Wenn wir heute das Fest Kreuzerhöhung feiern, dann stehen wir nicht in Jerusalem. Es wird uns kein Partikel vom Kreuz Jesu gezeigt. Aber wir feiern dieses Fest aus der Verbundenheit mit den damaligen Menschen. Sie sahen das Kreuz und freuten sich. Andere wurden getröstet. Wieder andere werden sich an die Texte des Evangeliums erinnert haben, die ihnen besonders wichtig sind. All das können wir auch. Das Evangelium kann uns so lebendig sein wie den Menschen damals. Die Ahnung der Liebe kann bei uns auch sein. Die Hoffnung auf Kraft können wir teilen und schöpfen. Wir können unseren Glauben so leben und spüren, dass er trägt.
Wer sich so mit den Menschen von damals in Jerusalem verbindet, kann sich auch mit den Menschen in Duisburg oder Warschau verbinden. Was damals trug und uns heute trägt, kann dort vielleicht auch helfen.
Die Olympischen Spiele sind noch nicht lange vorbei. Manche Bilder sind noch sehr frisch. Ich denke an den Sprinter aus Jamaika, der nach seinem Sieg die Schuhe zeigte. Ich denke an die Sportler, die ihre Medaillen in die Kamera halten. "Seht meine Schuhe, die mich zum Sieg getragen haben!" "Seht mein Edelmetall!"
All dies sei den Sportlern von Herzen gegönnt. Sie zeigten etwas, worauf sie stolz sein konnten und können. Sie zeigten es einem Publikum im Stadion und an den Fernsehern, das genau dies sehen wollte: Strahlende Sieger und besondere Leistungen.
Das heutige Fest der Kreuzerhöhung geht auch auf ein Zeigen zurück. Die ersten Christen hielten das Kreuz Jesu in Ehren. In einer Gefahrensituation versteckten sie es. Das gelang so gut, dass man es nicht mehr fand. Erst Kaiserin Helena soll es wieder entdeckt haben. Man baute für das Kreuz eine eigene Kirche und zeigte dann den Menschen dieses Kreuz. Sie sollten sehen und sich über all das freuen, was sich durch den Tod Jesu an diesem Kreuz für sie getan hatte.
Helena und ihre Mitarbeiter zeigten das Kreuz einer Menschenmenge, die es sehen wollte. Es kamen die Glaubenden. Sie wollten sehen und verstehen, was Erlösung heißen kann. Wer kam und schaute, suchte für sich Hilfe im christlichen Lebensstil.
In unseren Tagen zeigen wir das Kreuz am Karfreitag: "Seht das Kreuz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt!" wird dazu gesungen. Der Gedanke ist derselbe. Im Sehen und Berühren des Kreuzes nehmen wir Verbindung auf mit Jesu Tod. Und wir freuen uns darüber, dass wir an das Heil glauben können, das dort seinen Anfang nahm.
Und doch liegt ein großer Unterschied zwischen dem Karfreitag und dem heutigen Fest. Karfreitag ist eingebunden in den Jahreszyklus. Wir wissen dieses Datum schon vorher. Wir kennen die Liturgie dieses Tages. Manche freuen sich auf diese Feier. Andere mögen die Auseinandersetzung mit dem Leid nicht so. Aber wir wissen schon auf dem Weg zur Kreuzverehrung: In 2 Tagen ist Ostern. Die Menschen damals hatten das Kreuz nicht. Man wusste aus den Erzählungen, dass es irgendwo noch existieren muss. Natürlich wurde es gesucht - oft ohne Erfolg. Natürlich wünschte man sich, das Kreuz wieder zu finden. Aber viele starben mit diesem Wunsch. Nun aber war Erfolg da. Das Kreuz war gefunden - und es war das Kreuz. Es war die lebendige Erinnerung an Jesus. Wer dieses Kreuz sah, dachte auch an den, der daran hing. Wer dieses Kreuz sah, dachte an das eine oder andere Wort, das ihm überliefert war. Wer dieses Kreuz sah, erinnerte sich an Zeichen von Gottes Liebe und Größe, die den Glaubenden dazu gemacht hatten. Und er war froh, all diese Erinnerungen an diesem Kreuz festmachen zu können. Wer an dem Kreuz vorbeiging, durfte wissen: "Ich sehe, dass all meine Hoffnung sinnvoll ist. Schön, dass ich diese Versicherung habe. Und ich kann sie anderen auch weitergeben."
Wenn wir daher den heutigen Tag richtig begehen wollen, dann auch in der Erinnerung an den Schub, den die erste Kreuzerhöhung damals gab. Wir feiern die Dynamik eines Aufbruchs und dürfen um einen Streifen dieser Dynamik für uns bitten.
"Seht das Kreuz und seht auf das Kreuz!" Dazu fordert uns der heutige Tag heraus. Was da gezeigt wird und worauf wir schauen liegt manchen Menschen schwer im Magen. Kreuz hatte nicht mit Erfolg zu tun. Kreuz hieß und heißt: Leid, Trauer, Not. Das ist etwas anderes als die Laufschuhe oder die olympischen Medaillen. Aber es ist etwas aus unserem Alltag. Wer hat den schon die Chance, überhaupt nur bei Olympia zu starten? - kaum jemand. Jene, die mit dem leben müssen, was ihnen schon jetzt zur Last wird – sind deutlich mehr. Wer muss mit der Angst leben, was noch kommen kann? - auch viele Menschen. Dann heißt der Blick auf das Kreuz: "Es ist noch kein Scheitern. Du kannst auch dort Segen erfahren und Segen sein!"
Lieder:
GL 270: Kreuz, auf das ich schaue
GL 287: Christus war für uns gehorsam bis zum Tod
GL 289: O Haupt voll Blut und Wunden
GL 291: Holz auf Jesu Schulter
GL 294: O du, hochheilig Kreuze
GL 297: Wir danken dir, Herr Jesu Christ
GL 299: Der König siegt, sein Banner glänzt
GL 329: Das ist der Tag, den Gott gemacht
GL 369: O Herz des Königs aller Welt
GL 460: Wer leben will wie Gott auf dieser Erde
GL 464: Gott lebt diese Welt
GL 560: Christus Sieger, Christus König - Christusrufe
GL Ö820: Herr Jesus Christ, wir suchen dich
GL Ö823 (Ö820): Heil'ges Kreuz, sei hoch verehret
Kehrverse und Psalmen:
GL 60 (685): Der Herr hat uns befreit; auf ewig besteht sein Bund. - Mit Psalm 111 - VI.
GL 307,2: Der Herr hat uns mit seinem Blut erkauft. Kommt wir beten ihn an! - Mit Psalm 95 (GL 53,2)
GL 307,7: Responsorium: Christus, du Sohn des lebendigen Gottes
GL 623,6-7: Im Kreuz Jesu Christi finden wir Heil - Mit Benediktus - I.
GL 623,6-7: Im Kreuz Jesu Christi finden wir Heil - Mit Psalm 2 (GL 32,2) oder mit Psalm 90 (GL 50,2) - I.
GL 629,5+6 : Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit - Mit Philipperhymnus - VI.
GL 652: Du hast uns erlöst mit deinem Blut (Responsorium)
Allmächtiger Gott,
deinem Willen gehorsam,
hat dein Sohn
den Tod am Kreuz auf sich genommen,
um alle Menschen zu erlösen.
Gib, dass wir in der Torheit des Kreuzes
deine Macht und Weisheit erkennen
und in Ewigkeit teilhaben
an der Frucht der Erlösung.
Darum bitten wir durch Jesus Christus,
deinen Sohn, unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit. Amen!
MB Kreuzerhöhung
Herr, unser Gott,
dieses heilige Opfer hat auf dem Altar des Kreuzes
die Sünde der ganzen Welt hinweggenommen.
Es mache auch uns rein von aller Schuld.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Kreuzerhöhung
(für Wortgottesfeiern)
Kehrvers:
Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe (GL 444)
Oder:
Laudate omnes gentes, laudate Dominum! (GL 386)
Wir kommen zur,
um dir Dank zu sagen und unseren Lobpreis darzubringen,
guter Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus,
der über die Erde erhöht alle an sich zieht.
Denn er hat nicht daran festgehalten, wie Gott zu sein,
sondern hat sich entäußert
und das Leben mit uns geteilt
bis hin zum Tod am Kreuz.
Kehrvers
Du aber hast ihn erhöht
und ihm einen Namen verliehen,
vor dem alle Mächte des Himmels und der Erde ihre Knie beugen.
Von ihm bekennen wir, dass er Herr unseres Lebens ist.
Zu ihm, dem erhöhten Menschensohn, schauen wir auf,
damit auch wir in ihm das ewige Leben haben.
Kehrvers
An ihm erkennen wir,
wie sehr du uns geliebt hast,
als du deinen einzigen Sohn hingegeben hast,
damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat.
In seinem Namen rufen wir dich an
und bringen wir dir unsere Bitten und Gebete dar.
In seinem Namen rühmen und preisen wir dich
und singen wir dir mit der ganzen Schöpfung Lob und Dank.
Danklied, z.B. "Laudate omnes gentes..." (GL 386)
oder: "Nun lobet Gott im hohen Thron..." (GL 393)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr. heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken.
Denn du hast das Heil der Welt
auf das Holz des Kreuzes gegründet.
Vom Baum des Paradieses kam der Tod,
vom Baum des Kreuzes erstand das Leben.
Der Feind, der am Holz gesiegt hat,
wurde auch am Holze besiegt
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Durch ihn loben die Engel deine Herrlichkeit,
beten dich an die Mächte,
erbeben die Gewalten.
Die Himmel und die himmlischen Kräfte
und die seligen Serafim feiern dich jubelnd im Chore.
Mit ihrem Lobgesang lass auch unsere Stimmen sich vereinen
und voll Ehrfurcht rufen:
Heilig...
MB Kreuzerhöhung
Im Vater sind die Menschen geborgen.
So ist ein Gebet zu ihm auch eine Begegnung mit allen,
die wir seiner Liebe anempfehlen:
Vater unser...
In seinen Worten, in seinen Zeichen und am Kreuz wusste sich Jesus in der Verbundenheit mit dem Vater. Zu ihm hat er gebetet und wir stimmen ein, wenn wir rufen:
Vater unser….
Noch am Kreuz ließ Jesus den rechen Schächer die Erfahrung des Friedens machen. Wir bitten ihn heute:
Herr Jesus Christus, schaue nicht auf unsere Sünden…..
Herr Jesus Christus,
du hast am Holz des Kreuzes
der Welt das ewige Leben erworben.
Führe uns durch diese Feier,
in der wir deinen geopferten Leib empfangen haben,
zur Herrlichkeit und Auferstehung.
Der du lebst und herrschest in alle Ewigkeit.
MB Kreuzerhöhung
MB Allerheiligen
Viele denken: Das Leid ist ein Zeichen des Abwesenheit Gottes. Gott hat mich verlassen. Nein, er lässt mich nicht allein, auch nicht im ungelöstesten und unlösbarsten aller menschlichen Probleme, im Leiden. Er hat keine Theorie darüber entworfen, er leidet mit. Am christlichen Glauben überzeugt mich vor allem dies: Der Gott, an den wir glauben, geht an den offenen Wunden nicht vorbei, er trägt sie selbst, und er hat die Kraft, sie zu verwandeln. Das Zeichen des Glaubens ist nicht der strahlende Held mit dem Lorbeerkranz, sondern der gekreuzigte Gottessohn mit der Dornenkrone. Seine Wunden und der schreckliche Tod werden nicht verleugnet, sondern öffentlich vorgezeigt als Sinnbild seiner schöpferischen Lebenshingabe.
Das Kreuz steht dort, wo Menschen über Leichen gehen und andere kaputt machen oder erledigen, wo unsere Lebenspläne durchkreuzt werden, wo das Bild vom guten Vater im Himmel verdunkelt wird und wir fragen: Warum, Gott? Warum ich, warum er, warum sie, warum jetzt? Warum, o Gott, warum? Da, wo es einem das Herz zerreißt, wo es zum Heulen ist, dort steht das Kreuz, mitten in der Lebensrealität. Nicht als ein frommer Gebrauchsartikel, sondern als ein Stück unseres Lebens. Wo immer ich ein Kruzifix sehe, höre ich diesen Schrei nach Gott, und ich spüre, dass Christus Gottes Nähe in die Abgründe der Gottverlassenheit gebracht hat.
Oft wird das Leben halbiert. Wir sind gefangen von der Sonnenseite, und vor der Schattenseite machen wir die Augen zu. Die christliche Hoffnung ist auf das ganze menschliche Leben ausgerichtet. Hier wird nichts verdeckt oder verdrängt, sondern das Leben wird angenommen, wie es ist: Freude und Leid, Geglücktes und Misslungenes, Erfolg und Scheitern, Leben und Sterben. Das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass es den Tod nicht verdrängt, sondern sich mutig damit auseinandersetzt. Christen setzen ihr Vertrauen auf jenen Sohn Gottes, der durch seinen Tod die Welt erlöst hat. Und auch das ist zu sagen: Unser Gott steht auf der Seite der Opfer, der Zu-kurz-Gekommenen, der Schwachen und Armen.
Das Kreuz sagt mir: Gott ist mir auch im Leiden nahe, und er ist den Leidenden nahe. Hoffnung, die trägt. Der Kreuzträger ist unser Hoffnungsträger auch in den schwierigen Situationen der Kirche.
Aus: Franz Kamphaus, Wenn Gott in die Quere kommt. 60 Predigten und Ansprachen für ein Christsein mit Profil, Freiburg/Basel/Wien: Verlag Herder 2000.
Immer wieder wird
die Liebe gekreuzigt,
immer wieder werden
Opferlämmer gesucht,
die bluten
für fremde Schuld.
Immer wieder wird
Die Liebe gekreuzigt,
immer wieder hält
sie die Spannung aus
zwischen Schuld und
Vergebung,
immer wieder ermöglicht
sie unser Leben.
Katharina Kappes in: Anneliese Knippenkötter (Hg) "sonnenstrahlengleich". Klens Verlag, Düsseldorf.
Immer wieder wird
die Liebe gekreuzigt,
immer wieder werden
Opferlämmer gesucht,
die bluten
für fremde Schuld.
Immer wieder wird
Die Liebe gekreuzigt,
immer wieder hält
sie die Spannung aus
zwischen Schuld und
Vergebung,
immer wieder ermöglicht
sie unser Leben.
Katharina Kappes
Aus: Anneliese Knippenkötter (Hg) "sonnenstrahlengleich" , Seite 92 Klens Verlag, Düsseldorf.

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