"Seht das Lamm Gottes!"
Eines der berühmtesten Gemälde ist in Colmar der Isenheimer Altar von Mathias Grünewald. In den Blick fällt vor allem die schrecklich realistische Darstellung der Kreuzigung. Allerdings, so scheint es, hat den Künstler sein Realitätssinn bei der Figur Johannes des Täufers verlassen. Denn dieser war nach Aussage der Heiligen Schrift schon vor der Kreuzigung Christi im Gefängnis enthauptet worden.
Was hat den Maler bewogen, den Täufer unter das Kreuz zu stellen und außerdem seinen Zeigefinger doppelt groß zu malen?
Es ist ein Satz, den Johannes einmal über Jesus gesagt hat: "Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünden der Welt." Diese Worte sind zeitlos gültig.
Damit hat der Maler das Entscheidende getroffen. Johannes ist tatsächlich mit seinem ganzen Leben ein einziger Fingerzeig auf Christus.
Von Gott gerufen.
Und dadurch beginnt er, aus der Reihe zu tanzen. Johannes gab nicht kraftlos dem Meinungsdruck der Masse nach. Für ihn ist noch lange nicht wahr, was von den meisten nachgesagt wird. Er scheute sich nicht, abzuweichen. Johannes der Täufer wirkt für mich wie ein Fels in der Brandung. Er beschritt neue religiöse Wege. Die Frömmigkeit seines Vaters Zacharias, im Tempel althergebrachte Dienste zu leisten, befriedigte ihn nicht.
Johannes entwickelte ein gutes Gehör für die Anrufe Gottes, ein scharfsinniges Gespür für Echtes, für Lebensimpulse, die Verkrustetes durchbrechen. Er scheute nicht die Stille. Es zog ihn in die Wüste, um sich der Kraft von innen besser aussetzen zu können. Seine Berufung war mehr, als menschlichen Einflüssen nachzugeben. So wurde er fähig, neue Wege zu bereiten und Vorläufer des Messias zu werden.
Fingerzeig auf Christus durch den Lebensstil
Johannes trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Er hätte ein bequemes Erbe antreten können. Einiges Ansehen und genügend Einkünfte wären ihm von Anfang an sicher gewesen. Stattdessen suchte er die Gottesbegegnung in der Wüste, in der lebensfeindlichen Abgeschiedenheit, die einen auf das Eigentliche zurückwirft, auf das, was in einem selbst steckt. Nichts in seinem Leben sollte von dem ablenken, den er verkündete. Der Asket, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, wird uns zur Anfrage: "Ob weniger reicht, wenn man sich mehr auf Gott einlässt?"
Fingerzeig auf Christus durch Eintreten für die Wahrheit
Ich bestaune, wie mutig er dafür seinen Kopf hingehalten hat. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund und nannte die Missstände mit Namen, ganz gleich ob es den König Herodes betraf oder kleine Leute.
Mir kommt hier der Vergleich mit Martin Luther King, der von sich sagte: "Ich möchte, dass ihr an meiner Bahre sagt, dass ich ein Trommler war für Gerechtigkeit, für Frieden, für Gottes Wort. Wenn ich einem von euch den Weg zur Erlösung gezeigt und die Botschaft des Herrn verbreitet habe, dann war mein Leben nicht umsonst."
Zugleich ein Suchender
Sein Glaubensweg war alles andere als eine deutlich abgesteckte Strecke. Verunsichert ließ er vom Gefängnis aus Jesus fragen: Bist du es, der da kommen wird, oder sollen wir auf einen anderen warten? Dahinter steckt die Grundfrage: Wo ist denn das versprochene Heil Gottes? Offensichtlich haben das Volk und Johannes sich den Messias erheblich anders vorgestellt. Johannes bekam in seinem Suchen keine greifbaren Beweise. Ohne festen Glauben wäre er nicht weiter gekommen.
Fingerzeig sein in der Gegenwart
Es gibt in den Generationen nach Johannes bis in unsere Zeit viele Fingerzeige. Am deutlichsten haben die Heiligen auf Christus gewiesen. Gott zieht bis heute seine Hand nicht zurück, damit auch wir Fingerzeige sein können. Das muss nicht überfordern, wie einzelne Zitate von überzeugenden Christen zeigen:
- Wenn du urteilst, so liebe den Menschen und hasse den Fehler. (Augustinus).
- Eine Stelle auf dieser Welt, ein winziges Plätzchen wenigstens, können wir verändern - unser eigenes Herz. (Reinhold Schneider).
- Wenn du nicht imstande bist, auch nur einen guten Gedanken zu fassen, so unterlasse es nicht, dann und wann aus einem Buche, das dir zusagt, zu lesen. Lass dich nicht abbringen von dem Eindruck, das bringt zu wenig. Ein vorüberfließendes Wasser lässt doch auch einige Feuchtigkeit zurück. (Alfons von Liguori).
- Ich habe mir vorgenommen, niemals aus Gewohnheit oder Gleichgültigkeit zu den Sakramenten gehen und mich mindestens eine Viertelstunde vorzubereiten. (Papst Johannes XXIII.).
- Wenn du ein wenig freie Zeit hast, so schenke dich Gott. Es macht nichts, dass du dich zerstreut, kalt, trocken oder schlecht fühlst. (Theresia von Avila).
- Tu, was an dir ist, und Gott wird deinem guten Willen zu Hilfe kommen. (Thomas von Kempen).
- Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich seiner Führung rückhaltlos überlassen würden. (Ignatius von Loyola).
Johannes der Täufer und viele überzeugte Christen wirkten wie Fingerzeige auf Christus. Auch uns lädt Jesus ein, sein Werk fortzusetzen durch ein mutiges Wort am rechten Platz und noch mehr durch eine überzeugende Lebenspraxis.