In den 1960er-Jahren wurden in den Ferienmonaten hunderte von Kindern aus Berlin zur Erholung in die Steiermark eingeladen. Mehrere Jahre hindurch kam Ricardo auf den Hof meiner Eltern. Bei seinem ersten Aufenthalt war er erst fünf Jahre alt. Das anfängliche Heimweh war bald verflogen, denn bald hatte er gleich mehrere "Geschwister" und auf dem Bauernhof gab es für das Großstadtkind viel zu entdecken.
Meine Eltern hielten damals keine Kühe mehr. Die Milch holten wir bei den Nachbarn. Dort konnte Ricardo auch zusehen, wie die Nachbarin ihre Kühe mit den Händen melkte. Ihm war das nicht geheuer, denn daheim kam die Milch aus dem Kühlschrank. Und wenn keine mehr da war, kaufte man sie im Laden. Anfangs weigerte er sich daher, Milch von der Kuh zu trinken...
Weit entfernt von landwirtschaftlichen Produktionsverhältnissen sind heute nicht nur Großstadtkinder. Die meisten Menschen erleben keinen direkten Kontakt mehr zur Erzeugung von Lebensmitteln. Viele haben auch kaum eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit, Mühe, Fachwissen und Sachkenntnis dazu notwendig ist. Die Lebensmittelproduktion ist eine unüberschaubare Technologie geworden. Wer darin mitarbeiten will, braucht eine gediegene und umfassende Ausbildung. Wir aber bezahlen im Supermarkt den uns vorgegebenen Preis und erhalten dafür, was wir haben wollen.
Erst in der Krise beginnen wir darüber nachzudenken, wo alles herkommt und dass nicht alles so selbstverständlich ist, wie es im Alltag erlebt wird. In der Krise müssen wir erst lernen, wie wir mit mageren Jahren zurechtkommen, denn in den fetten leben die meisten Menschen gedankenlos dahin.
Auch in anderen Bereichen haben wir grundlegende Zusammenhänge aus dem Blick verloren. Geld holt man sich vom Bankomaten. Wie es dort hineinkommt, weiß man bestenfalls vom Fernsehen. Dass es nicht immer fließt, sondern dass der Lohn manchmal nur langsam tröpfelt, und vor allem dass er meist hart erarbeitet werden muss, begreifen Kinder und Jugendliche oft erst sehr spät, manches Mal sogar zu spät...
Die Geldwirtschaft ist zu einer undurchschaubaren Technologie geworden. Der Zusammenhang mit der Wertschöpfung ist vielen aus dem Bewusstsein geraten. In der Krise versuchen vife Politiker an den Stellschrauben dieser Maschine ein wenig herumzuschrauben. Dies wird nicht viel bringen, solange wir nicht zugleich ein Gespür für Geldwert, Leistung und Warenwerte zurückgewinnen.
Im Herbst - so ist es vielerorts Brauch - feiern wir Erntedank. Dieses Fest erinnert uns daran, dass nicht alles so selbstverständlich ist, wie wir es im Alltag wahrnehmen. Die Milch kommt eben nicht nur aus dem Kühlregal und das Brot nicht nur vom Bäcker. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir ausreichend zu essen haben, unverdorbenes Wasser, gesunde Lebensmittel. Es ist nicht selbstverständlich, dass der Wirtschaftskreislauf funktioniert, dass aus den Bankomaten Geld kommt, dass Menschen sich anstrengen, forschen und ihr Wissen unmanipuliert weitergeben.
Wir haben Grund, allen dankbar zu sein, die ihre Kräfte und Begabungen in diesen großen Kreislauf einbringen. Und wir ahnen, dass hinter all dem ein geheimnisvoller Geber steht, dem es vor allen anderen zu danken gilt.
Menschen, die näher an der Natur leben oder gar von ihr abhängig sind, werden sich leichter tun, in diesen Dank einzustimmen. Denn sie wissen, dass alles miteinander verknüpft und verflochten ist und dass es letztlich einem Wunder gleichkommt, dass die Natur so Vielfältiges so reichlich hervorbringt.
Erntedank ist darüber hinaus Anlass, an all jene zu denken, die aus irgendeinem Grund an diesen Kreisläufen nicht teilhaben können. Etwa weil sie in einem Land oder in einer Gesellschaftsschicht leben, die von unserer modernen Zivilisation abgeschnitten sind, und sie deswegen hungern oder gar verhungern müssen. Die Spielregeln, nach denen Lebensmittel produziert und verteilt werden, sind von Menschen gemacht und sind oft sehr ungerecht. Das darf uns nicht ruhig schlafen lassen.
Erntedank ist auch Anlass, an jene Menschen zu denken, die aus irgendeinem Grund an den Arbeitsprozessen nicht teilnehmen können. Die Gründe dafür sind vielschichtig und nicht einfach zu lösen. Ohne Solidarität werden die Schattenseiten der Erfolgsgeschichte der modernen Weltwirtschaft nicht zu beseitigen sein.
Der schönste Dank ist das dankbare Genießen all dessen, was der Schöpfer uns geschenkt hat, und das Miteinander-Teilen. Beides kommt im Brotbrechen zum Ausdruck. Es ist kein Zufall, dass dieses Brotbrechen ein zentraler Ritus unseres Glaubens geworden ist und dass unsere Dankbarkeit dem Schöpfer und den Mitmenschen gegenüber in der Eucharistiefeier den innigsten Ausdruck findet.
Viele gläubige Menschen - nicht nur Christen - bringen ihre Haltung der Dankbarkeit auch im Tischgebet zum Ausdruck. Dieses macht uns die größeren Zusammenhänge, die in der Hektik des Alltag leicht untergehen, immer neu bewusst. Wir tun gut daran, diesen Brauch nicht verkümmern zu lassen.
Gott, unser Vater,
du sorgst für deine Geschöpfe.
Du hast dem Menschen die Erde anvertraut.
Wir danken dir für die Ernte dieses Jahres.
Nähre damit unser irdisches Leben
und gib uns immer das tägliche Brot,
damit wir dich für deine Güte preisen.
und mit deinen Gaben den Notleidenden helfen können.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB: Zum Erntedank
Herr, unser Gott,
segne die Früchte der Erde,
die wir in Dankbarkeit darbringen.
Heilige Brot und Wein für das Opfer
und lass uns durch den Empfang deines Sakramentes
Frucht bringen,
die bleibt für das unvergängliche Leben.
Darum bitten wird durch Christus, unseren Herrn.
MB Zum Erntedank
Jetzt, Gott, willst du uns begegnen.
Jetzt willst du unser Herz berühren.
Jetzt willst du uns verwandeln wie Brot und Wein.
Rühre uns an,
rüttle uns auf,
verwandle uns,
damit wir deinem Ruf zur ökologischen Umkehr folgen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. – Amen.
(für Wortgottesfeiern)
Kehrvers:
Lobet den Herrn, preist seine Huld und Treue.
(GL 401)
Gepriesen bist du, Herr, unser Gott.
Alles, was du geschaffen hast, ist gut.
Kehrvers
Die Welt kündet deine Weisheit und Größe.
Der Mensch kann dich erkennen und dir dienen.
Kehrvers
Du lässt uns in der Sorge um die Welt nicht allein.
In Jesus Christus ist uns deine Liebe erschienen.
Kehrvers
Auf ihn hin ist alles geschaffen;
er schenkt uns die Fülle des Lebens.
Kehrvers
Er heilt die Wunden der Schöpfung
und gibt uns unzerstörbare Hoffnung.
Kehrvers
Er ist der Anfang einer neuen Schöpfung;
durch ihn willst du die Welt vollenden.
Kehrvers
Gepriesen bist du, Herr unser Gott,
durch ihn, Jesus Christus, deinen Sohn.
Im Heiligen Geist versammelt, stimmen wir ein
in den Lobgesang der himmlischen Chöre:
Danklied, z.B.: Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus... (GL 381)
(Nach: Wort-Gottes-Feier; Werkbuch für die Sonn- und Festtage; Hrsg. Liturg. Institute Deutschlands und Österreichs, Trier 2004, S. 180f)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, allmächtiger Vater, zu danken
und dich mit der ganzen Schöpfung zu loben.
Denn du hast die Welt mit all ihren Kräften ins Dasein gerufen
und sie dem Wechsel der Zeit unterworfen.
Den Menschen aber hast du
auf dein Bild hin geschaffen und
ihm das Werk deiner Allmacht übergeben.
Du hast ihn bestimmt,
über die Erde zu herrschen,
dir, seinem Herrn und Schöpfer, zu dienen
und das Lob deiner großen Taten zu verkünden
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten und
mit all den Scharen des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Sonntage 5
Herr, von den Früchten deiner Schöpfung werden alle satt.
Du schenkst dem Menschen Brot von der Erde
und Wein, der sein Herz erfreut.
(vgl. Ps. 104,13-15)
Oder:
Aller Augen warten auf dich
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf
und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
(Ps 145,15f)
Herr,
in dieser heiligen Feier
haben wir dir für die Ernte des Jahres gedankt.
Schenke uns als Frucht dieses Opfers die ewigen Güter,
welche die Erde nicht geben kann.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB Zum Erntedank
1. Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt
und hofft auf ihn!
2. Er sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm,
dankt und hofft auf ihn!
3. Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
der Sperling und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
und Korn und Obst von ihm,
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm,
dankt und hofft auf ihn!
4. Er läßt die Sonn aufgehen,
er stellt des Mondes Lauf;
er läßt die Winde wehen
und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide
und unsern Kindern Brot.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm,
dankt und hofft auf ihn!
Matthias Claudius, 1782

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