Lesung aus dem Buch Jeremía.
So spricht der Herr:
Jubelt Jakob voll Freude zu
und jauchzt über das Haupt der Völker!
Verkündet, lobsingt
und sagt: Rette, Herr, dein Volk,
den Rest Israels!
Siehe, ich bringe sie heim aus dem Nordland
und sammle sie von den Enden der Erde,
unter ihnen Blinde und Lahme,
Schwangere und Wöchnerinnen;
als große Gemeinde kehren sie hierher zurück.
Weinend kommen sie
und in Erbarmen geleite ich sie.
Ich führe sie an Wasserbäche,
auf ebenem Weg, wo sie nicht straucheln.
Denn ich bin Vater für Israel
und Éfraim ist mein Erstgeborener.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Lesung aus dem Hebräerbrief.
Jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen
und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott,
um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen.
Er ist fähig,
mit den Unwissenden und Irrenden mitzufühlen,
da er auch selbst behaftet ist mit Schwachheit,
und dieser Schwachheit wegen muss er
wie für das Volk
so auch für sich selbst Sündopfer darbringen.
Und keiner nimmt sich selbst diese Würde,
sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron.
So hat auch Christus
sich nicht selbst die Würde verliehen,
Hohepriester zu werden,
sondern der zu ihm gesprochen hat:
Mein Sohn bist du.
Ich habe dich heute gezeugt,
wie er auch an anderer Stelle sagt:
Du bist Priester auf ewig
nach der Ordnung Melchísedeks.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Der vermutlich aus dem Paulus-Umfeld stammende, vor der Zerstörung des Tempels abgefasste Brief an die Hebräer beschäftigt sich in seinen Grundzügen mit der Gegenüberstellung des Tempelopfers und des Kreuzesopfers.
In der heutigen Perikope geht es um den, der das Opfer darbringt, um den Hohenpriester. Während der Hohepriester des Tempels sein Amt durch »Ordination« erhält, fällt es Christus durch seine Sohnschaft zu. Und er ist nicht nur der Hohepriester, sondern zugleich auch das Opfer und der Altar (vgl. Vers 5). In der Präfation von Ostern heißt es: Als er seinen Leib am Kreuz dahingab, hat er die Opfer der Vorzeit vollendet. Er hat sich dir dargebracht zu unserem Heil, er selbst ist der Priester, der Altar und das Opferlamm.
Aus dem heiligen Evangelium nach Markus.
In jener Zeit,
als Jesus mit seinen Jüngern
und einer großen Menschenmenge Jéricho verließ,
saß am Weg ein blinder Bettler,
Bartimäus, der Sohn des Timäus.
Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war,
rief er laut: Sohn Davids, Jesus,
hab Erbarmen mit mir!
Viele befahlen ihm zu schweigen.
Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids,
hab Erbarmen mit mir!
Jesus blieb stehen
und sagte: Ruft ihn her!
Sie riefen den Blinden
und sagten zu ihm: Hab nur Mut,
steh auf, er ruft dich.
Da warf er seinen Mantel weg,
sprang auf
und lief auf Jesus zu.
Und Jesus fragte ihn:
Was willst du, dass ich dir tue?
Der Blinde antwortete:
Rabbúni, ich möchte sehen können.
Da sagte Jesus zu ihm: Geh!
Dein Glaube hat dich gerettet.
Im gleichen Augenblick
konnte er sehen
und er folgte Jesus auf seinem Weg nach.
(Lektionar 2018 ff. © 2024 staeko.net)
Die Heilung des Blinden wird bei allen Synoptikern berichtet, aber nur bei Markus mit dem Ort und dem Namen des Geheilten. Diese Heilung geschieht im Zusammenhang mit der Jüngerschaft. In der vorherigen Szene wurde der Jüngerstreit um die Nummer 1 berichtet, im nächsten Kapitel erfolgt der Einzug in Jerusalem.
Bartimäus wird zu dem Mann, der die Größe Jesu anerkennt und nur davon geprägt ist. Da er in der Heilung diese Größe bestätigt findet, wird er selbst zum Jünger.
Mk 10, 46-52 bildet die Schlußperikope des vierten und zugleich zentralen Hauptteils (8,27 – 10,52) im Markus-Evangelium. Die Jünger und mit ihnen die Leser sollen nach der Intention des Evangelisten in das Geheimnis des Gottesreiches und des Menschensohnes eingeführt werden, ins Gesetz der Nachfolge, in die Haltung des kindlichen Glaubens und des Dienens.
V 47-48:
Bartimäus hört von den vorbeigehenden Leuten, wer da vorbeikäme: "Es ist Jesus von Nazareth." In dieser Lage beginnt der Kranke zu schreien, was als Ausdruck seines Glaubens aufzufassen ist. Markus insinuiert, daß der Blinde Jesus kennt. Bei der Bezeichnung "Sohn Davids, Jesus" geht es dem Evangelisten nicht um eine genealogische Aussage, sondern um eine eschatologische Würdebezeichnung für den Messias. Die zweimalige Anrufung, ein beliebtes volkstümliches Steigerungsmittel, unterstreicht und verstärkt die Bitte und hebt zugleich die Würde des Namensträgers hervor. Unsere Perikope stellt diesen Davidssohn dem Bartimäus gegenüber. Jesus ist als Retter und Helfer angesprochen.
"Hab Erbarmen mit mir!" Eine solche Bitte konnte ein Jude in dieser Formulierung nur an Gott richten, nicht an den irdischen Messiaskönig, weil dieser nach zeitgenössischer Vorstellung gerade als ein handgreiflicher Ausdruck des göttlichen Erbarmens verstanden wurde.
"Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen." Eine erste, amorphe Glaubensstufe zeichnet sich darin ab, aber Jesus hört sie – sie ist ausreichend für sein Heilshandeln.
V 50:
Der Blinde handelt wie ein Sehender: "Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu." Eine dreifache, an sich für einen Blinden ungewöhnliche Aktivität. Ziel ist Jesus. Der sonst Geführte findet selbst zu Jesus.
V 51:
Die Frage Jesu provoziert die glaubende Antwort des Blinden. Der Dialog redet aber auch den Leser in seiner Heilsbedürftigkeit an. Heilshoffnung und Glaubenszuversicht sind deutlich genug ausgesprochen.
V 52:
Das Wunder wird nicht weiter geschildert. In der Weisung Jesu wird die Vollmacht Jesu ausgesprochen: "Geh, dein Glaube hat dir geholfen." Der Geheilte wird zum Jünger und folgt Jesus in die Passion. Das Wunder und die Wundererzählung sind nicht Selbstzweck, sondern Weg zur Nachfolge, Aufruf an die Leser, im Nazarener den Meister zu erkennen und anzuerkennen. Die Perikope faßt die ganze Jüngerbelehrung ab Mk 8,27 zusammen und bringt sie auf den Punkt: Erst der in Christus heile und gerettete Mensch ist auch zur Nachfolge bereit und fähig.
In den Kapiteln vor der Bartimäusgeschichte geht es um Ereignisse unmittelbar vor dem Einzug Jesu in Jerusalem, um Leidensankündigung und den Streit der Jünger, wer der Erste im Messiasreich sein soll. Beides will nicht zueinander passen. Die Bartimäusgeschichte, die aufgrund ihrer Form vermutlich von Markus aus anderen Quellen aufgegriffen wurde, lässt nun die Zuhörerschaft wissen, worauf es in der Nachfolge Jesu ankommt: nicht auf Kalkül und Rankings, sondern auf Vertrauen und die Erkenntnis Gottes. Der Blinde (dessen Geschichte auch in den Evangelien des Lukas und des Matthäus zu finden ist) kann nicht kalkulieren. Wenn er geheilt werden will, muss er alles auf eine Karte setzen. Markus lässt damit die Menschen wissen: So geht Nachfolge, voll Vertrauen, das Einsicht und Erkenntnis schafft. Der Weg der Nachfolge muss dann genauso konsequent gegangen werden, notfalls auch als Kreuzesnachfolge: Und er folgte Jesus auf seinem Weg nach, heißt es am Ende Perikope; das meint: mit nach Jerusalem hinein zu Verurteilung und Kreuzestod Jesu.
Allmächtiger, ewiger Gott,
mehre in uns den Glauben,
die Hoffnung und die Liebe.
Gib uns die Gnade,
zu lieben, was du gebietest,
damit wir erlangen, was du verheißen hast.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 30. Sonntag im Jahreskreis
Allmächtiger Gott,
sieh gnädig auf die Gaben, die wir darbringen,
und laß uns dieses Opfer so feiern,
dass es dir zur Ehre gereicht.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 30. Sonntag im Jahreskreis
Kehrvers:
Dir sei Dank und Preis und Ehre.
(GL 670,8)
Gott und Vater,
wir haben allen Grund, dir Dank zu sagen und dich zu loben.
Wir danken dir die Augen,
dass wir sehen und die Pracht der Schöpfung wahrnehmen können.
Darüber hinaus danken wir dir, dass du unsere Augen geöffnet hast für das,
was hinter der sichtbaren Schöpfung liegt.
Kehrvers
Wir danken dir für die Ohren,
für die Fähigkeit, Worte und Klänge wahrnehmen und deuten zu können.
Unser Dank gilt dir auch für den Sinn,
den du in alles Geschaffene hineingelegt hast.
Kehrvers
Wir danken dir den Geruchs- und Geschmackssinn,
für alles Angenehme, das sie in uns auslösen,
und für die gute Atmosphäre, für Geborgenheit und Gemeinschaft,
die uns Menschen damit bereiten.
Kehrvers
Wir danken dir, dass wir Dinge ertasten und erfühlen können,
für unsere Fähigkeit, unsere Umgebung wahrzunehmen und zu deuten.
Auch danken wir dir für das Wissen und die Gewissheit deiner Liebe,
die uns in vielfältiger Weise begegnet.
Kehrvers
Schließlich danken wir dir für das Geschenk des Glaubens,
den du uns durch Jesus Christus, deinen Sohn, erschlossen hast,
für die Hoffnung, die er uns daraus erwachst
und für die Liebe, zu der er uns befähigt.
Kehrvers
Wir stimmen ein in den Lobpreis der ganzen Schöpfung und singen:
Danklied: z. B.: Gl 283: Danket, danket dem Herrn… (GL 406)
Wir danken dir, treuer und barmherziger Vater,
für Jesus, deinen Sohn unseren Herrn und Bruder.
Seine Liebe galt den Armen und Kranken,
den Ausgestoßenen und Sündern.
An keiner Not ging er vorüber.
Sein Leben und seine Botschaft lehren uns,
daß du ein Gott bist, der sich der Menschen annimmt
wie ein Vater sich um seine Kinder sorgt.
Darum loben und preisen wir dich,
wir rühmen deine Güte und Treue
und verkünden mit allen Engeln und Heiligen
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig...
Präfation aus dem Schweizer Hochgebet 3
Herrn, unser Gott,
gib, daß deine Sakramente
in uns das Heil wirken, das sie enthalten,
damit wir einst
als unverhüllte Wirklichkeit empfangen,
was wir jetzt in heiligen Zeichen begehen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 30. Sonntag im Jahreskreis
Glaubende Menschen sind ein bisschen wie Erfinder. Sie "sehen" Dinge, die es (noch) nicht gibt. Sie "sehen" Dinge, die es bislang nur in ihrer Vorstellung gibt. An Gott glauben heißt: Anteil haben, "sehen", was es bisher nur in der Zukunft nach Gottes Zusagen gibt. Wir kennen das aus unserem Alltag: Auch da "glauben" wir nicht nur, was wir sehen. Wir glauben auch an die Dinge, die noch nicht sind. Wir haben Eingebungen und Ideen, "Visionen", das heißt eigentlich "Sichtungen". Ein Mensch "glaubt" an einen anderen, weil er Dinge für möglich hält, die dieser noch nicht leisten kann. Weil er die Hoffnung, ja das feste Vertrauen hat, dass sich ein Mensch verändern wird. Ein Architekt "sieht" ein Gebäude, das es noch nicht gibt. Wir alle, ob fromm oder nicht, "glauben" also ständig, ohne zu sehen: Würden wir uns nur auf das beschränken, was ist, könnten wir uns weder individuell noch gesellschaftlich weiterentwickeln. Dabei bestehen unsere Projekte und Visionen nicht nur aus einer Erweiterung und Neukombination dessen, was es schon gibt. Manchmal "sieht" jemand etwas, was es noch gar nicht gegeben hat.
Ich denke, es ist heute sehr wichtig, dass wir nicht zu sehr bei den Dingen stehen bleiben, die wir sehen können. Träume, Sehnsüchte, Ängste bestimmen unser Leben in hohem Maße mit, ohne, dass wir sie sehen könnten. Man braucht also gar nicht an die Existenz von Geistern und anderer sichtbarer Mächte glauben und kann dennoch an viel mehr glauben als an das, was man sieht.
Markus Schaefer, Schokolade macht glücklich - Gott auch. Eine Ermutigung zum Glauben. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2004.
"Mystik", das Wort hängt zusammen mit dem Wort "myein", die Augen schließen. Die Mystiker schließen die Augen, um innere Bilder zu sehen und um danach die äußeren Bilder so zu sehen, dass sie Wirklichkeit mitteilen, wahrnehmbare Wirklichkeit.
Wie kommt man dazu? Es beginnt wohl mit der Einübung des Sehens. Wirklich sehen heißt, die Dinge nicht einfordern. Nicht Besitz ergreifen von ihnen. Nicht sie zerstören. Nicht sie missbrauchen. Sich ihnen behutsam nähern, ehrfürchtig, dem Fremden gegenüber. Dabei immer genau sehen. Immer mehr wahrnehmen.
Sehen heißt darum: verstehen, dass alles ein Geschick hat und dass jedes fremde Geschick dich angeht. Sehen heißt achtsam sein."
Gott,
lehre mich hinschauen
auf die Schönheit deiner Welt
auf das Leiden
den Menschen zugefügt
auf den Baum am Wegrand
den flackernden Kerzenschein
das Lächeln im Gesicht des Kindes
die Traurigkeit im Gesicht der alten Frau
auf das Funkeln des Weines im Glas
den Reif auf dem Rosenblatt
das trostlose Gesicht hinter der Fensterscheibe
auf die Gebrochenheit in mir
lehre mich mit neuen Augen sehen
damit ich sehe
wenn ich sehe
hell und dunkel
heil und gebrochen
mich und die Welt
Andrea Schwarz, Wie ein Gebet sei mein Leben. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.
Wenn Sie Gott wirklich nahe kommen möchten, sollten Sie es mit Beten versuchen. Aber wie macht man das? Es gibt viele mögliche Körperhaltungen für das Gebet, aber für den Beginn empfiehlt sich das aufrechte Stehen, mit offenen Augen. Ein starker, mutiger Stand, verwurzelt bis in die Tiefen der Erde, und ein mutiger Blick nach vorne und nach oben. Eine Körpersprache, die sagt: "Hier bin ich. Dein Geschöpf. Mit all meiner Kraft, allen Fähigkeiten, die ich dir verdanke. Ich bin bereit." Diese Haltung lässt sich am besten unter freiem Himmel durchführen, wo der Blick nach oben nirgends hängen bleibt, wo die Höhe der Wolken über einem ist oder das weite Blau des Himmels oder die unendliche Schwärze der Nacht. Deswegen sind die alten Kathedralen so gebaut, dass sie fast automatisch den Blick nach oben lenken und viel Raum lassen für eine offene Sicht.
Das Ziel des Betens ist es, Gott zu bewegen, dass er Anteil nimmt an meinem Leben. Im Gebet stelle ich eine lebendige Verbindung her mit Gott. Eine Verbindung mit zwischen dem, was ich mir wünsche, und dem, was Gott will. Eine Verbindung zwischen meinen Bedürfnissen und seinem Überfluss. Eine Verbindung zwischen meinen Grenzen und seiner Stärke.
Die eigentlichen, die wesentlichen Gebete, das sind die Gebete vor einer Grenze oder einer Mauer, Gebete in der Ausweglosigkeit, geschriene Gebete, geweinte Gebete, gestammelte Gebete, oder einfach hilflos stumme Gebete. Manche Menschen haben Scheu, zu beten, weil sie sich schämen, immer erst zu Gott zu kommen, wenn sie keinen eigenen Ausweg wissen. Dafür ist das Gebet doch da, höre ich Gott sagen: Komm zu mir mit deiner Hilflosigkeit, mit deiner Frage. Ich werde mehr tun als sie zu beantworten. Ich werde sie verwandeln.
Werner Tiki Küstenmacher, Drei Minuten Bibel, Pattloch Verlag, München 2004.

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Es ist eine Trostaussage, die auch als solche zu lesen ist: Die Not wird beschrieben und anerkannt, aber ihr wird auch der Ausweg angeboten. Der Ausweg heißt aufrichtige Begegnung.
Zum Text:
Vers 7: "Denn so spricht Jahwe": ist Anfang eines neuen Spruchs, gleichzeitig aber auch die Verbindung mit Vers 6. Dort rufen Wächter auf dem Gebirge Ephraim (Nordreich) auf zur festlichen Wallfahrt nach Jerusalem. Der Gedanke der religiösen (und politischen) Enheit steht dahinter: Zion wird wieder Mittelpunkt für danz Israel (Nord- und Südreich) sein. Die kultisch-liturgiesche Vorstellung klingt in V 7 weiter: Aufforderung zum Jauchzen, Jubel und gottesdienstlichem Bekenntnis. Der Jubel mündet in das Bekenntnis: "Jahwe hat sein Volk gerettet, den Rest Israels." Die Vorstellung vom "Rest" ist politisch-militärischer Herkunft (von besiegten Völkern bleibt ein Rest übrig), wird aber mehr und mehr bei Amos, bei Jeremia, Deuterojesaja und Ezechiel zu einem festen Terminus mit messianisch-eschatologischen Erwartungen verbunden: Mitten im Zusammenbruch erweist sich Gott darin am Werk, daß überhaupt ein Rest übrigbleibt, den Gott zu einem neuen Anfang in der Geschichte seines Heils ausersehen hat.
Vers 8: Mit der Restvorstellung ist meist auch das "Sammeln der Zerstreuten" verbunden. Nicht nur aus dem Exilland, sondern von allen Seiten, aus allen Ländern führt Jahwe die Zerstreuten heim: ein ergreifender Ausdruck für seine unwiderstehliche rettende Tat, die keinen übersieht, mag er in die fernsten Winkel der Erde verschlagen worden sein und keinen zurückläßt, auch nicht diejenigen, die zu allen Zeiten und überall den "Fortschritt" behindern: Blinde, Lahme, Schwangere etc - die "unproduktiven" Gruppen der Gesellschaft. Eschatologisches Heil und menschenmögliche reale, sozialpolitische Hoffnung sind hier fast unzertrennlich verbunden.
Vers 9: Unter Jahwes Geleit wird das neue Heil erfahren als die große Schicksalswende, in Bildern ausgedrückt, die stark an die Psalmen erinnern. Grund und Gewähr für den Erfolg auf diesem Weg liegen allein darin, daß man erfährt und erkennt: "Ich (der Herr) bin Israels Vater". Gottes erbarmende Liebe und väterliche Sorge machen Umkehr und Schicksalswende möglich.
Jeremia ist einer der Propheten, der seine Rolle als Mahner, Warner und Verkünder von Gottes Gericht am intensivsten ausgeübt hat. Was er will, steht gleich im 1. Kapitel: Ausreissen und niederreissen, vernichten und einreissen, aufbauen und einpflanzen (1,10). Wobei ein Übergewicht des Destruktiven augenscheinlich ist. Die zwei Verse der heutigen Lesung verbreiten daher eine Stimmung, die im Jeremia-Buch nicht unbedingt zur vorherrschenden gehört: Freude über erlebte Rettung. Nach aller Bedrängnis und allem Gericht gibt es die Rettung in Gott. Die Textstelle erinnert an Psalm 23, der dem Autor des Jeremia-Buches bekannt gewesen sein muss.