Die Parabel vom "verlorenen Sohn" und "barmherzigen Vater" birgt mehr als die Geschichte von Barmherzigkeit und Vergebung. Die drei Akteure verkörpern unterschiedliche Weisen, nach dem Lebensglück zu suchen.
Der Apostel Paulus behauptet, wir seien "neue Schöpfung", das Alte sei vergangen, Neues sei geworden. Wir laufen Gefahr, vom Gesetz hart und unversöhnlich geworden auf unsren Verfehlungen sitzen zu bleiben. Jesus lädt uns ein zur Barmherzigkeit. Dann können auch wir ein Fest feiern.
Die Erzählung vom barmherzigen Vater und seinen beiden Söhnen stellt uns Jesus Gott in seiner Barmherzigkeit vor. Es geht dabei um mehr als um Besitz und Vermögen. Es geht um das Gelingen des ganzen Lebens. Die Barmherzigkeit Gottes ist ein Schlüsselbegriff des Evangeliums.
Barmherzigkeit ist ein Schlüsselmotiv christlichen Glaubens und Lebens.
<h3><i>Predigt zu Joh 9,1-41</i></h3> Die Erzählung von der Heilung des Blindgeborenen (Lesejahr A) stellt uns Personen vor, die auf die gleiche Erfahrung sehr unterschiedlich reagiert haben. Ängstliche Gesetzestreue, die sich aus allem heraushalten, laufen Gefahr, im Vorraum des Glaubens stehen zu bleiben.
Bei diesem Heilungsbericht kommen vor: der Blindgeborene, seine Eltern, die Jünger, Pharisäer, Nachbarn und andere. Ihre Meinungen über Jesus gehen weit auseinander. Die Skala erstreckt sich von größter Hochschätzung über Zweifel bis zur Ablehnung.
Auch heute schlägt das Pendel für oder gegen Jesus ähnlich aus. Die französische Schriftstellerin Marie Noel schreibt dazu: "Fromme Damen sprechen über Jesu Erdenwandel. Nach Jerusalem wären sie ihm alle gefolgt. Alle wären die heiligen Frauen gewesen. - Wäre ich ihm gefolgt? - Ich bin dessen nicht sicher... Ich wäre damals gewesen, was ich heute bin, ein gutes Pfarrkind von Jerusalem. Eine gottesfürchtige Seele, treu dem Gesetz, ein wenig ängstlich, die demütig den Rat der Rabbis annimmt in schwierigen Fällen der Religion. Und diese Seele wäre in einem begeisterten Anlauf zu Christus gegangen. Mit Gewissensbissen freilich. Ihm folgen hieß ja, sich den Priestern zu widersetzen. Und niemals würde sie sich in der Synagoge widersetzt haben. Sie hätte geglaubt, gegen Gott zu sündigen."
Marie Noel frägt nach meinem Standpunkt: Auf welcher Seite stehe ich? In welcher Entfernung zu Christus würde ich meinen Platz finden?
Die Eltern des Blindgeborenen haben nicht den Mut, sich zu Jesus zu bekennen. Sie fürchten, von der Synagoge ausgestoßen zu werden. Sie wollen keine Scherereien. Sie halten sich aus allem heraus, was Nachteile bringen könnte. Diese Eltern sind durch ihren Sohn in die Nähe Jesu gekommen. Sie haben das Bessere erlebt, aber sie ziehen keine Konsequenzen. Sie bleiben im alten Gleis. Sie haben ihre Gnadenstunde ungenützt verstreichen lassen. Wir hören nie wieder etwas von ihnen.
Christus sagt: "Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen" (Mt 10,32). Paulus betont im Galaterbrief (1,10): "Wäre ich nur darauf aus, den Menschen zu gefallen, wäre ich kein Diener Christi." Es hätte nie eine christliche Religion und Kirche gegeben, wenn sich Menschen nicht getraut hätten, unerschrocken auf Gott mehr zu hören als auf die Menschen (Apg 4,19).
Um Jesus näherzukommen, braucht es mehr, als sich vom Sog der großen Masse treiben zu lassen. Wer den Einfluss Jesu erfahren will, muss sich freischwimmen von den kurzatmigen Tagesmeinungen in der Öffentlichkeit. Zu dem stehen, was man als die Wahrheit erkannt hat, war und ist auch heute eine wichtige Voraussetzung für den Glauben an Christus. Das Ansehen und die Anerkennung bei den anderen dürfen nicht der entscheidende Gesichtspunkt sein. Um Christus näherzukommen, braucht es wenigstens eine gewisse Freiheit vom Meinungsdruck der Umgebung.
Es gibt zu denken, dass Jesus aus religiösen Gründen und von frommen Leuten abgelehnt wurde. Man hat gemeint, in der Verurteilung Jesu "Gott einen heiligen Dienst" zu erweisen (Jo 16,2). Jesus ist bekämpft worden von Menschen, die meinten, Jesus würde die heiligen Überlieferungen Israels zerstören und ihren Glauben gefährden.
Weil Jesus den Blindgeborenen am Sabbat heilte, kamen einige mit ihrem Glauben ins Schleudern. Sie meinten, dieser Jesus kann nicht von Gott sein, weil er sich am Sabbat ein wenig anders verhält, als sie es gewohnt sind. Für sie bedeutete jede Abweichung vom Althergebrachten von vornherein schon etwas Schlechtes. Ihre bisherige Praxis stellten sie nicht in Frage. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, dass da jemand sie eines Besseren zu belehren weiß.
Mit Jesus taten sich jene Leute schwer, die nur gelten ließen, was sich seit langem eingebürgert hatte und nicht neu überdacht werden musste. Die Pharisäer konnten nicht verkraften, dass ein dahergelaufener Rabbi ihnen am Zeug flickt. Ihr Ansehen würde schwinden. Sie selber müssten ihre Standpunkte ändern. Ihre Sicherheit wäre dahin. Wer weiß, was da sonst noch alles durcheinander käme. Darum kehren sie lieber zurück zum Alten. Da kennt man sich aus. Für die ängstlichen Gesetzestreuen brachte Jesus viel zu viel in Bewegung.
Man darf die Gewissheit im Glauben nicht mit Starrheit und Schwerfälligkeit verwechseln. Glaube ist nicht der Hort für jene, die bloß Beruhigung und Bestätigung suchen. Es hieße Christus nicht ernst nehmen, wenn sich hinter meinem Glauben jene Gesinnung versteckt, die der österreichische Theologe Martin Gutl mit folgenden Worten charakterisierte:
"Steig herab vom Kreuz!, so schrien sie.
Wir wollen glauben, wenn wir nichts lernen müssen.
Wir wollen glauben, wenn alles so bleibt, wie es ist.
Wir wollen glauben, wenn unsere Ruhe nicht gestört wird.
Wir wollen glauben, wenn unsere Wahrheit zum Lehrsatz wird.
Wir wollen glauben, doch wir wollen uns nicht ändern.“
Liebe Schwestern und Brüder, fast alle von uns haben schon einen langen Glaubensweg hinter sich. Trotzdem kann niemand von uns sagen, seine Beziehung zu Jesus sei vollständig entwickelt. Das Leben mit Christus ist so umfassend, dass es sich zu jedem Zeitpunkt lohnt, sich noch mehr auf ihn einzulassen. Wir sollten nie anfangen aufzuhören und nie aufhören anzufangen, weitere Schritte auf ihn zuzugehen.
Um in eine ganzheitliche Beziehung zu Christus hineinzuwachsen, genügt es nicht, nur mit einer oberflächlichen Neugier an Christus heranzugehen.
Nicht nur für junge Leute besteht heute die Gefahr, dass man an allen möglichen Religionen ein wenig nippt, ohne die geistigen und sittlichen Konsequenzen zu ziehen. Christus selber sagt: Wer die Wahrheit kennt und sie tut, der wird tiefer in mein Leben eindringen. Wer bloß Gründe dafür und dagegen abwägt, bleibt im Vorraum des Glaubens stehen. Der zündende Kontakt kann nicht von anderen geborgt werden. Der Einzelne muss sich selber auf Jesus einlassen, so wie Liebende sich selber mit ihrer ganzen Zukunft ins Spiel bringen. Um Gott näher zu kommen, gilt es, das Misstrauen abzubauen und sich seinem Einfluss zu öffnen.
Das kann sich so vollziehen, dass wir Christus erlauben, in unsere Tiefen, in unsere innere Verletzungen und Abwehrhaltungen einzudringen. Jeder von uns hat bestimmte negative Erlebnisse und schmerzvolle Erinnerungen in den Tiefen seines Unbewussten. Wir werden davon frei, wenn wir von diesen inneren Verletzungen loslassen. Wir müssen Gott erlauben, dies alles wieder gutzumachen und zu heilen. Solche Heilung dauert länger und hat erst dann wirklich eingesetzt, wenn wir an diese Verletzungen und schmerzlichen Erfahrungen ohne Traurigkeit, Empörung und Scham zurückdenken können. Auch was wir nicht verstehen, sollten wir auf Gott hin offenhalten. Vielleicht lässt er uns später erkennen, was er damit bewirken wollte.
Wer erahnen will, um was es bei Jesus geht, der muss näher herantreten und sich hineinbegeben in die Schritte, die Jesus vollzogen hat: wie Jesus in seiner Verbundenheit mit seinem himmlischen Vater lebte; wie Jesus mit den Menschen umging, mit den Kranken, mit den Kindern, den Frauen, seinen Jüngern und den Sündern.
Es geht darum, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben und kurzsichtig nur sein Leid los zu werden, ohne sich der Botschaft Jesu und seinem göttlichen Heilswirken zu öffnen. Viele Ärzte können ein Lied davon singen, wie sehr Patienten den Heilungserfolg wieder gefährden, wenn diese sich nicht umstellen; wenn sie nicht beachten, was ihnen geraten wird; wenn sie nachher den alten Lebensstil weiterführen und erneut auf ihre Gesundheit sündigen.
Im Streitgespräch mit den Pharisäern verteidigt der Geheilte das Wunder Jesu und wird deshalb von der Synagoge ausgestoßen. Später trifft ihn Jesus und frägt ihn: Glaubst du an den Menschensohn? Dieser antwortete: Ich glaube, Herr. Und er warf sich vor ihm nieder... Der Evangelist betont: Ohne die Glaubensschritte vom Wissen zum Tun gibt es kein wahres, dauerhaftes Heil.
Eines der bekanntesten Gleichnisse im heutigen Evangelium erzählt eine spannende Familiengeschichte: ein Vater, dessen Großherzigkeit schier maßlos ist; ein Sohn, der schließlich in der Gosse landet - bei den Schweinen, und dem es erst dann reicht; und zu guter Letzt ein zweiter Sohn. Der Ältere der beiden, der, der brav geblieben ist, anständig, der sein Lebtag lang gearbeitet hat, und am Ende dieses Gleichnisses steht gerade der draußen vor der Tür.
Ich lade ein, dass wir uns in diese Geschichte hineinbegeben. Aber an wessen Stelle sollen wir uns hineinversetzen? Nun, aller Voraussicht nach gehören wir hier in der Kirche eher nicht auf die Seite des verlorenen Sohnes - der würde wohl am Sonntagvormittag nicht in der Kirche sitzen, sondern in irgendeinem Bett liegen - und nicht unbedingt in seinem eigenen.
Wir hier im Gottesdienst können uns aller Wahrscheinlichkeit nach eher auf die Seite des älteren Sohnes stellen: ich nehme an, dass die meisten von uns ein einigermaßen wohlgeordnetes Leben führen; viele von uns werden einem Beruf nachgehen, wir sorgen uns um unsere Familien und Angehörigen und versuchen so anständig wie möglich durchs Leben zu kommen. Wir wissen, dass Arbeit zum Leben dazugehört, wir pfeifen nicht auf unsere Pflichten, sondern haben gelernt, dass das eben auch dazugehört zum Leben. Kurz und wohlgemerkt ohne abfälligen Beiton gesagt: Leute wie wir halten die Kirche und die Welt am Laufen.
Und dann das: der Vater wirft sich dem Hallodri an die Brust. Dem, der sein Geld - man verzeihe mir den kräftigen Ausdruck, aber er trifft es wohl am besten - verhurt hat; der schließlich, als er nicht mehr aus noch ein wusste, zurückgekrochen kommt. Ja, ganz am Ende kriecht er doch noch zu Kreuze!
Was würde ich mir da erwarten als rechtschaffener Bruder vom Vater? Zumindest dass er sich die Entschuldigung anhört, das Zerknirschtsein des Jüngeren einfordert - aber nein, der Vater wirft sich ihm an die Brust, noch bevor der überhaupt etwas gesagt hat. Zuerst die Zuwendung.
Und mir als älterem Bruder steigt die Galle hoch. Ich bin anständig geblieben. Und plötzlich stehe ich draußen vor der Tür - drinnen spielt die Musik, wird getanzt und gefeiert. Aber der Vater - der scheint unermüdlich in seiner Barmherzigkeit - er geht raus zu mir, er lässt mich nicht draußen stehen, und er bittet mich, reinzukommen, mich einzuklinken in die Gemeinschaft und mitzufeiern.
Er mutet mir zu, ein wenig von seiner Barmherzigkeit zu übernehmen. Und ich habe die Wahl...
So in etwa vielleicht das Erleben dieses älteren Bruders. Wieder von außen betrachtet erlaube ich mir, hier eine Linie zu ziehen zum Thema Caritas. Denn es ist die Caritas des Vaters, die sich dem Verlotterten an die Brust wirft. Die gar nicht auf seine Beteuerungen wartet, sondern ihm entgegenläuft. Eine verrückte Caritas, die unsere üblichen Maßstäbe überwindet.
Und in diesem Gleichnis steckt die Aufforderung an uns, ein wenig an dieser übermäßigen Caritas teilzuhaben - auch reinzugehen ins Haus, wo das Leben spielt, die eigene Selbstgerechtigkeit zu überwinden, das Beharren auf die eigene Anständigkeit aufzugeben. Sich dem und der an die Seite zu stellen, die es bis jetzt vermasselt haben, die versagt haben, die Mist gebaut haben. Und mit ihnen zu feiern, dass auch sie wieder eine Chance haben.
Noch ein letzte Bemerkung dazu: Jede und jeder, der caritativ handelt, kennt den Vorwurf, man würde den Unanständigen helfen, denen, die Dreck am Stecken haben. Das heißt dann oft: "Hilfe verdienen nur die, die schuldlos in Not geraten sind. Aber die anderen - die sollen schauen, wo sie bleiben. Mir wurde ja auch nicht geholfen...". Hören sie einfach mal Haussammlerinnen und Haussammlern zu, die für die Caritas von Tür zu Tür gehen, was die so zu Gehör bekommen. Oder lesen Sie nach im Internet nach, was da so alles gepostet wird zu Zeitungsartikeln, wenn über Menschen berichtet wird, die schuldig geworden sind in ihrem Leben.
Und schon steht er wieder draußen: der Bruder vor der Tür - lässt sich verhärten und kämpft mit den eigenen inneren Regungen! Er kann es nicht aushalten, Zeuge zu werden von einer Güte, die das übliche Maß übersteigt! Bestenfalls verdient einer eine zweite Chance, aber was, wenn jemand eine dritte oder vierte Chance benötigt? Wer im Sozialbereich tätig ist, weiß: manche brauchen ein Lebtag lang immer wieder neue Chancen.
Es ist kein Leichtes, sich immer wieder auf die Spur der Barmherzigkeit Gottes auszurichten, die eigene Gestimmtheit zu überwinden und reinzugehen. Dazu braucht es schon einen, der rauskommt, einen einlädt und einen damit rausholt aus der eigenen Charakter-Panzerung. Aber nur so gelingt das Fest - und keiner, keine muss draußen vor der Tür bleiben! Das Haus steht offen für alle!
© DSA Mag. Wilfried Scheidl, Caritas der Diözese Linz
Ob sich die beiden Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später? In der Geschichte, die Jesus erzählt, bleibt offen, wie der Tag zu Ende geht. Aber so farbig und leidenschaftlich erzählt, wissen wir gar nicht, wohin wir schauen sollen. Wir sehen zwei Männer: einer ist zerlumpt und herunter gekommen heimgekehrt - er trägt jetzt ein festliches Gewand und einen Siegelring am Finger - der andere kehrt nach einem langen und harten Tag verschwitzt nach Hause zurück und traut seinen Augen nicht. Man hat ihn nicht einmal gerufen. Wenn er die Musik nicht gehört hätte. . .
Dazwischen der Vater. Er läuft, Alter und Würde vergessend, seinem Sohn entgegen, schließt ihn in den Arm, richtet ihm ein Fest aus. So sieht Barmherzigkeit aus - denke ich. Ob der Vater überhaupt weiß, wie tief sein Sohn gefallen ist? Bei den Schweinen ist er gelandet! Ausgerechnet bei den Schweinen! Frommen jüdischen Ohren dreht sich der Magen um. Tiefer kann ein Mensch nicht fallen. Das Erbe - längst verjubelt und verprasst. Nichts, aber auch wirklich nichts, was bleiben könnte, einer Erinnerung wert.
Wie dagegen steht der ältere Bruder da! Fleißig, strebsam, engagiert. So richtig bodenständig. Ein guter Sohn. Er wird das Lebenswerk des Vaters erhalten und mehren. Es ist bei ihm in besten Händen. Die Familienchronik bekommt noch viele neue Seiten - und die Bilanzen glänzen. Aber kaum, dass ich es so sage: Woher weiß ich das alles? Was ist, wenn ich nur eine tolle Projektionsfläche für meine Lebensvorstellungen suche? Wieder einmal dem Idealbild eines erfolgreichen Lebensmodells aufsitze? Ich sehe den Vater werben - für den Bruder, der tot war und wieder lebt, der verloren war, aber wieder gefunden wurde. Es ist die Einladung, sich mitzufreuen. Mehr nicht. Da bricht die Geschichte dann ab. Wie lange die Musik wohl noch spielte? Ob sich die Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später?
Mich hat diese Geschichte immer schon fasziniert. Seit Kindertagen. Die Bilder aus meiner Kinderbibel habe ich heute noch vor Augen. Heute weiß ich auch, was mich an dieser Geschichte so bewegt: dass ein Mensch fehlen, gar sein Leben verfehlen kann - und doch nicht verloren geht. Ich kenne das auch anders: wer tief fällt, bleibt unten. Ein Wort von Brecht geistert durch meinen Kopf: Lass fallen, was fällt - gibt ihm noch einen Tritt! Zumindest: Die Zukunft ist verbaut.
Aber bleiben wir doch noch ein wenig bei dem "verlorenen Sohn" - unter dieser Bezeichnung hat er zumindest sprachlich Karriere gemacht. Ob die Bezeichnung aber richtig ist? Es ist doch die Geschichte eines Menschen, der aus der kleinen Welt ausbricht und die große Welt erobern will. Als jüngerer Sohn kann er sich auch nur sein Erbteil auszahlen lassen und dann sein eigenes Glück suchen. Die Erbfolgeregelung ist klar - auch, dass jetzt ein eigener Weg ansteht. Verwerflich ist hier nichts. Eher selbstverständlich. Nein, als der Sohn geht, ist seine Geschichte offen. Hätte er denn - zu Hause bleiben sollen? Als Juniorpartner ohne eigenes Recht? Womöglich als erster Knecht?
Der Vater gibt ihm alles mit: seine Liebe und sein Erbteil. So viel Vertrauen!
Dieses Vertrauen trägt den Sohn, als er am Ende ist, auch wieder nach Hause. Wie viel Mut dazu gehört - ich zittere richtig mit. Ob mein Stolz mir nicht im Wege stünde? Es gehört schon etwas dazu, so nach Hause zurück zu kommen. Ohne etwas vorweisen, ohne etwas mitbringen zu können. Erbe verspielt, Chancen verspielt, Zukunft verspielt. Ein Verlierer, aber: ein Verlierer mit ganz viel Vertrauen - das ist der Sohn. Darin ganz und gar der Sohn seines Vaters. Manchmal fällt mir auf, wie eng mir diese Geschichte gerät. In den buntesten Farben male ich mir aus, was dieser Typ in der Ferne alles anstellt - und mein Zeigefinger wächst. Nur: Jesus erzählt die Geschichte mit ganz viel Liebe. Er erzählt die Geschichte eines Menschen, der in seinem Leben zwar alles verspielt, aber in seinem Vertrauen wächst. Der Voyeur in mir sieht sich bloßgestellt. Was kann ich denn wirklich sehen? Wirklich wissen?
Die Geschichte, die Jesus erzählt, ist provoziert. Als einer, der sich mit Sündern an einen Tisch setzt, sozusagen auf dem Präsentierteller, vor den Augen sämtlicher Frommen, kennt er die Wege seiner Schützlinge. Ihnen gegenüber werden unendliche Sündenregister zusammengestellt, Vorwürfe gesammelt und Vorurteile gepflegt, aber Jesus erzählt die Geschichte eines Vaters, der seinen Sohn freigibt - und ihn wieder aufnimmt, der ihn gehen lässt - ihn aber aus dem Dreck aufhebt, der ihm Vertrauen mitgibt - und sein Vertrauen erntet. Eine Wundergeschichte also. Nichts für Moralisten. Nichts für Kleingeister. Die werden immer nur die Auswüchse suchen, die Aufbrüche aber nicht zu würdigen wissen.
Ich komme noch einmal zurück auf die Redeweise vom "verlorenen Sohn". Der Vater nennt ihn so - weil er sich freut, ihn gefunden zu haben. Ja, er freut sich so sehr, dass er zur Mitfreude einlädt. Wir hören ihn rufen: Mein Sohn war tot . . . mein Sohn war verloren . . . War! Vergangenheit. Wir sehen den Schlussstrich förmlich. Eine große Entdeckung in dieser Geschichte: Es geht nicht um Verlorenheit - es geht um Gefunden sein.
Ich kenne viele Menschen, die sich einmal neugierig, mutig und mit vielen guten Vorsätzen auf das Abenteuer Leben eingelassen haben. Aber dann ging manches anders als geplant oder erwartet. Eine Beziehung ging auseinander. Ein Job wurde zum Albtraum. Finanziell hatte man sich verspekuliert. So oder so: Träume platzten wie Seifenblasen. In vielen Fällen kam die Angst dazu, etwas falsch, gar sich schuldig gemacht zu haben. Im Hinterkopf ist immer, dass ein Leben gelingen muss - und wenn es dann scheitert? Unansehnlich wird? Oft sind nicht einmal Menschen in der Nähe, die zuhören, überlegen, mittragen können. Was in Jesu Geschichte bei den Schweinen endet, endet in vielen anderen Geschichten im Suff, vor dem Kadi oder beim Therapeuten. Menschen haben ein feines Gespür dafür, wann etwas zu Ende ist. Wenn dann noch die Hoffnungslosigkeit dazu kommt, gerät Leben in einen gefährlichen Bannkreis.
Ich bin überrascht, dass sich der Sohn nicht erklären muss und der Vater keine Vorhaltungen macht. Wäre es vielleicht nicht sogar hilfreich, klärend, befreiend, jetzt ein Gespräch zu führen? Dass das Evangelium das - jetzt - nicht erzählt, heißt auch nicht, es habe kein Gespräch gegeben. Nur - jetzt - ist die Umarmung dran, das Fest, die Freude. Das sollen wir sogar mit offenen Augen sehen. Und uns mitfreuen. Das Bekenntnis fehlt gleichwohl nicht. Ich habe gesündigt - sagt der "verlorene Sohn". Ein offenes Bekenntnis, das Wunder wirkt. Damit wird die eigene Erfahrung nicht schlechtgemacht, aber auch nicht gut geredet, das eigene Leben nicht verdammt, aber auch nicht entschuldigt. Es geht um den neuen Anfang!
Jesus erzählt diese Geschichte ganz frommen Menschen. Das ist nicht einmal ironisch gemeint. Er erzählt ihnen, ebenso einfach wie glanzvoll, warum er sich mit Sündern trifft, mit ihnen isst, ein Teil ihrer Geschichte wird: weil er die Verlorenen sucht und findet - und auch die, die verloren gegeben werden, ihrem Schicksal entreißt. Eine große Wahl lässt er uns nicht: Wer sich nicht mitfreut, der bleibt draußen. Der geht verloren. Eine schreckliche Perspektive für den älteren Bruder. Ob sich die beiden Brüder getroffen haben, jetzt beim Fest - oder auch später? Vielleicht ist es gut, dass Jesus die Geschichte offen hält. Für mich.
Wenn wir gleich Brot und Wein auf den Altar stellen, in einem großen Lobpreis die Taten Gottes rühmen und Christi Opfer unter uns gegenwärtig wird , dann wird unter uns auch die Geschichte lebendig, in der Tote zu leben anfangen und verlorene Söhne und Töchter nach Hause kommen.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus,
unserem Herrn.
Lieder:
GL 140: Kommt herbei, singt dem Herrn (4. und 5. Str.)
GL 145: Wohin soll ich mich wenden (1. und 3. Str.)
GL 266: Bekehre uns, vergib die Sünde (4. und 7. Str.)
GL 267: O Mensch bewein dein Sünde groß
GL 271: O Herr, aus tiefer Klage (3. und 4. Str.)
GL 273: O Herr, nimm unsere Schuld
GL 277: Aus tiefer Not schrei ich zu dir
GL 377: O Jesu, all mein Leben bist du
GL 416: Was Gott tut, das ist wohlgetan (4. Str.)
GL 425: Solang es Menschen gibt auf Erden (1. und 4. Str,)
GL 427: Herr, deine Güt ist unbegrenzt
GL 439: Erhör, o Gott, mein Flehen
GL 440: Hilf, Herr meines Lebens
GL 464: Gott liebt diese Welt
GL 481: Sonne der Gerechtigkeit
GL 543: Wohl denen, die da wandeln
GL Ö814: O höre, Herr, erhöre mich
GL Ö815: Sag ja zu mir, wenn alles nein sagt
Psalmen und Kehrverse:
GL 42: Nach Gott, dem Lebendigen, dürstet meine Seele - Mit Psalm 42 und 43 - VI.
GL 373: Du bist Licht und du bist Leben, Christus, unsere Zuversicht. - Mit Psalm 42 und 43 (GL 42,2) - VI
GL 517: Der Herr vergibt die Schuld und rettet unser Leben. - Mit Psalm 63 (GL 616,2) - IV.
GL 518: Beim Herrn ist Barmherzigkeit und reiche Erlösung - Mit Psalm 146 (GL 77,2) - VII.
GL 616,1-2: Gott, du mein Gott, dich suche ich - Mit Psalm 63 - IV.
GL 639,3-4: Beim Herrn ist Barmherzigkeit, bei ihm ist Erlösung in Fülle. - Mit Psalm 130 - II.
Im 15. Kapitel des Lukasevangeliums erzählt Jesus, wie ein Schaf sich verlaufen hat und der Hirte nicht ruht, bis er es wiederfindet, wie einer Frau ein Geldstück abhanden gekommen ist und sie in ihrem Haus alles auf den Kopf stellt, bis sie es findet, und wie ein junger Mensch auf Abwege gerät und sein Vater auf ihn wartet, ihn aufnimmt, als wäre nichts geschehen.
Man hat das 15. Kapitel im Lukasevangelium das "Evangelium im Evangelium" genannt. Wenn auch das ganze Evangelium gute Kunde ist von einem liebenden Gott, so wird doch in diesem Kapitel die Botschaft Jesu von Gott wie in einem Brennpunkt eingefangen. Jesus will uns in diesen drei Gleichnissen zeigen, wie Gott uns Menschen gesonnen ist, wie viel ihm daran gelegen ist, dass wir nicht verloren gehen, uns selbst nicht verlieren.
Jesus.
du bist gekommen zu suchen, was verloren war.
Kyrie eleison.
Jesus,
in dir erkennen wir die grenzenlose Liebe Gottes.
Christe eleison.
Jesus,
du willst uns frei machen von aller Selbstgerechtigkeit.
Kyrie eleison.
Herr, unser Gott,
du hast in deinem Sohn
die Menschheit auf wunderbare Weise mit dir versöhnt.
Gib deinem Volk einen hochherzigen Glauben,
damit es mit froher Hingabe dem Osterfest entgegeneilt.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.
MB 4. Fastensonntag
Herr, unser Gott,
in der Freude auf das Osterfest
bringen wir unsere Gaben dar.
Hilf uns, gläubig und ehrfürchtig das Opfer zu feiern,
das der Welt Heilung schenkt und den Tod überwindet.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Kehrvers:
Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe. (GL 444)
Gott und Vater,
wir bringen dir unseren Lobpreis dar,
denn wir haben Grund dir zu danken,
da du barmherzig bist.
Du hast von deinem Volk die Schande der Knechtschaft abgewälzt
und in ein Land geführt, das ihm zur Heimat wurde.
Du nimmst auch heute die Schande der Knechtschaft von uns,
wenn wir von deinen Wegen abgewichen sind.
Kehrvers
In Jesus Christus hast du uns gezeigt,
dass du der barmherzige Vater bist,
der unsere Freiheit achtet und uns wieder aufnimmt,
wenn unsere eigenen Wege ins Nichts geführt haben.
Kehrvers
In ihm sind wir eine neue Schöpfung geworden,
er hat uns mit dir versöhnt
und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen.
Kehrvers
Du lädst uns ein zum österlichen Mahl der Versöhnung,
gibst uns Ansehen und Achtung
und teilst mit uns die Freude,
wenn einer zu dir heimkehrt.
Kehrvers
Wir stimmen ein in das Fest der Freude
und singen mit allen Schwestern und Brüdern,
mit allen Engeln und Heiligen dein Lob:
Danklied, z. B.: Den Herren will ich loben (GL 395)
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn durch seine Menschwerdung
hat er das Menschengeschlecht
aus der Finsternis zum Licht des Glaubens geführt.
Wir sind als Knechte der Sünde geboren,
er aber macht uns zu deinen Kindern
durch die neue Geburt
aus dem Wasser der Taufe.
Darum preisen wir jetzt
und in Ewigkeit dein Erbarmen
und singen mit den Chören der Engel
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Fastensonntag 4
Mitten im Leben – das Scheitern
Mit all seiner Unbegreiflichkeit.
Mit all seiner Trauer und Wut.
Mit all seinen eigenen Anteilen.
Mitten im Leben ein Neuanfang.
Mit seinen Möglichkeiten.
Mit all seiner Lebendigkeit.
Mit all seinen Beziehungen.
Mitten im Leben Gott.
In der Chance, die neue gegeben wird.
In dem Menschen, der mir entgegenkommt
In Gott, der mich annimmt.
Allmächtiger Gott,
dein ewiges Wort ist das wahre Licht,
das jeden Menschen erleuchtet.
Heile die Blindheit unseres Herzens,
damit wir erkennen, was vor dir recht ist,
und dich aufrichtig lieben.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
MB 4. Fastensonntag
Barmherziger Gott,
schenke uns die Freude,
einem anderen Menschen zu begegnen,
ihn mit offenen Armen zu empfangen
und seine Lasten mitzutragen.
Bewahre uns vor der Angst,
uns zu übernehmen,
ausgenutzt zu werden oder
selbst nicht genug zu haben.
Wir bitten dich:
Geh mit uns und lass uns in deinem Wort
Kraft und Beistand finden, Gewissheit und Mut.
Wie wir es gehört haben
von unserem Herrn Jesus Christus.
Der Ewige, gelobt sei sein Name,
lasse dich in Frieden ziehen, wenn du das Leben entdeckst.
Der Treue, gelobt sei sein Name,
schenke dir gute Gefährten und Gefährtinnen, wenn du unten bist.
Der Barmherzige, gelobt sei sein Name,
gebe dir die große Freude, einem anderen Menschen Halt zu geben.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
BALLETT IN DREI SZENEN
Libretto von Boris Kochno, frei nach dem Lukas-Evangelium
URAUFFÜHRUNG: am 21. Mai 1929 am Théâtre Sarah-Bernhardt, Paris
CHOREOGRAPHIE: George Balanchine
AUSSTATTUNG: Georges Rouault
ENSEMBLE: Diaghilews Balletts Russes
TANZSOLISTEN: Serge Lifar - Félia Dubrowska - Michael Federow - Léon Woizikowski.
Personen
Der verlorene Sohn
Der Vater
Die beiden Schwestern
Zwei gute Freunde
Eine Verführerin namens Sirene
Zwei Diener
Zechkumpane
Das Geschehen spielt zu biblischen Zeiten, Dauer etwa 35 Minuten.
Man kann es auch positiv sehen, wenn es einen jungen Mann drängt, die weite Welt kennen zu lernen, anstatt lebenslang die Hammelherde seines Vaters zu hüten. Seine beiden Freunde haben ihm erzählt, dass in den Tempeln Kanaans hübsche Mädchen zur Liebe bereit sind und gegen Lohn geheime Wünsche erfüllen. Der Vater hat natürlich kein Verständnis für solchen Unsinn, weil der Junge als Arbeitskraft zu Hause gebraucht wird. Er soll eines Tages Hof und Herde übernehmen und in der weiten Welt kommt er nur auf dumme Gedanken. Die beiden Schwestern heulen Rotz und Wasser, weil sie am liebsten mitkommen möchten. Der Entschluss des jungen Mannes ist unabänderlich und dem Vater bleibt nichts anderes übrig, als ihn mit Barmitteln auszustatten, damit der Liebling einen guten Start hat, um etwas Eigenes aufzubauen. Den Ausreißer lockt eher das Abenteuer, um mit der Waffe in der Hand schnell zu Vermögen zu kommen. Der Abschied fällt schwer. Wird er hin und wieder zu Besuch kommen?
Die drei Freunde begeben sich auf die Wanderschaft und treffen auf ein Zelt. Es handelt sich um ein getarntes Spielkasino mit bescheidener Ausstattung. Spielautomaten gibt es keine, nur Spielwürfel. Ein lautstarkes Orchester spielt zum Tanz auf und im Ausschank gibt es süffigen Wein. Die obskure Gesellschaft begegnet den drei Grünschnäbeln zunächst mit Argwohn. Doch das Misstrauen schwindet schnell, da die Ankömmlinge sich als ungewöhnlich gastfreundlich erweisen. Bald fließt der Wein für alle und es lockern sich die Beine zu orgiastischer Tanzlust. Eine Schöne, von allen Sirene genannt, tritt auf, um sich an den Fremdling, der das große Geld in der Tasche hat, heranzumachen. Sie tanzt lustbetont und beteuert dem unerfahrenen Jüngling ihre heiße Liebe. Um ihre erotischen Reize zu unterstreichen, hat der Kostümbildner der Zeltherrin zum roten Samtmantel noch einen hohen roten Hut aufgesetzt. Unser Ausreißer ist große Mengen von Alkohol nicht gewohnt - der Geist lässt nach und die Müdigkeit meldet sich an. Logisch, dass einem Schlafenden, der Vermögen mit sich herumträgt, die Taschen ausgeleert werden. Es ergeben sich Verteilungskämpfe unter den Räubern, bei der die Zelteinrichtung in Mitleidenschaft gezogen wird. Die beiden Freunde lassen sich nicht aussperren, mischen mit und Sirene will natürlich auch ihren Anteil. Im Dämmerzustand bekommt der Verprügelte noch mit, dass man ihm die Kleider auszieht, denn auch getragene Textilien lassen sich auf dem Markt gut verkaufen. Tatsächlich fühlt der Enttäuschte sich nun wie ein 'Verlorener Sohn'. Dabei wollte er nur Freunde gewinnen und hatte es gut gemeint. Sein erstes Abenteuer hat er hinter sich gebracht und die Erfahrung gemacht, dass die Welt böse ist. Sirenes Liebe hatte keinen Bestand, sie entschwindet ohne Abschied. Im geschützten Zelt des Vaters ist es immer noch am Schönsten. Der Reumütige gibt seiner Depression tänzerisch Ausdruck.
Das Geld ist alle und jetzt aber nichts wie nach Hause! Der Fußmarsch über Stock und Stein ist anstrengend und die Füße bluten. Nachts ist es in der Wüste lausig kalt und tagsüber brennt die Sonne unbarmherzig auf die nackte Haut. Bis zum Zelteingang der väterlichen Behausung reichen noch die Kräfte, dann sackt der unfreiwillige Wanderer zusammen.
Ja ist er es wirklich? Der Kleine ist zurückgekommen. So schnell hatte man ihn nicht erwartet. Die lieben Schwestern finden ihn in erbarmungswürdigem Zustand am Zelteingang. Der Vater kommt herbei und schließt den verzogenen Balg in seine Arme.
1. Der Abschied
2. Die Freunde
3. Die Sirene
4. Die Tänzer
5. Der verlorene Sohn und die Sirene
6. Das Trinkgelage
7. Plünderung
8. Erwachen und Reue.
9. Aufteilung der Beute
10. Die Rückkehr
Von der Erzählung der Bibel weicht der zweite Akt erheblich ab. Es wird nicht moralisiert, sondern die Handlung gerät zur Groteske, so wie es die russischen Komponisten in ihren Bühnenwerken lieben. Der Auftritt der Sirene ist in der Bibel nicht vorgesehen, für das Ballett aber zwingend notwendig. Die expressiven Klänge Prokofieffs zu den orgiastischen Tänzen faszinieren durch ihre Disharmonie ungemein. Den missgünstigen Bruder hat der Librettist aus dem Handlungsteil des dritten Aktes entfernt.
Das Werk entstand kurz vor Prokofieffs Rückkehr in die Heimat und wurde von Diaghilews Balletts Russes vor der Auflösung der Truppe noch einstudiert. Der Erfolg war immens.
Beim Stichwort Vergewaltigung schlagen normalerweise die Wellen der Empörung hoch. Nicht so bei Marco W., der bei seiner Rückkehr aus der Türkei fast wie ein Volksheld gefeiert wird. RTL sichert sich die Exklusivrechte und strahlt ein Interview aus, das einer Heiligenverehrung gleicht.
Er ist im Zielgruppen-relevanten Alter, er strahlt unerschütterlichen Optimismus aus, er lächelt auch in größter Pein - keine Frage: Marco W. ist ein Sieger-Typ, einer, dem man so leicht nichts krummnimmt. Einer, den die Leute mögen.
Dass ihm, fernab der Heimat, böse Vorwürfe das Leben schwermachen, dass er eine 13-jährige Urlauberin vergewaltigt haben soll, dass seine Unschuld noch nicht bewiesen ist - all das ist weit weg, wenn RTL den verlorenen Sohn in der Heimat empfängt. (. . . )
Über die Bedingungen dieses Vertrages, der dem Sender ermöglichte, ihm noch auf dem Heimflug einen Reporter zur Seite zu stellen und ihn seitdem konsequent von der Öffentlichkeit abzuschirmen, ihn weit weg von seinem Wohnort Uelzen in Nürnberg unterzubringen und als einziger Sender die erste - natürlich innige - Umarmung mit seinen Eltern zu filmen, ist hingegen nichts bekannt. (. . .)
Die Zeit sei ihm dort lang geworden, erzählt Marco W., nur einmal im Monat habe er seine Eltern für eine Stunde treffen dürfen, und nach fünf Monaten sei ihm zum ersten Mal aufgefallen, dass man aus der Situation auch lernen könne. Er sei nun netter zu seinen Eltern und würde sich andere Gedanken um seine Zukunft machen.
Sätze, die man einem 17-Jährigen, der gerade aus der Haft entlassen wurde, nicht vorwerfen kann. Von Journalisten allerdings, die offenbar viel Zeit und Gelegenheit hatten, den jungen Mann mit der umstrittenen Vergangenheit eingehend zu befragen, könnte man schon eine Prise mehr Esprit erwarten.
Es ist doch Weihnachten.
So aber plätschert das rund 20-minütige, von Werbung unterbrochene Gespräch dahin, verliert sich in Nichtigkeiten und findet seinen Höhepunkt in Marcos Wunsch, dass er nun wieder zur Schule gehen und sein altes Leben aufnehmen wolle. Ob er meine, dass das möglich sei, jetzt, wo er sich so verändert habe, muss Lanz doch noch mal nachhaken. Ja, das meine er, sagt Marco W., der ursprünglich vorgehabt hatte, nach dem Türkei-Urlaub seinen Schulabschluss zu machen und einen technischen Beruf zu erlernen.
Nur nach dem Tag "danach" wird er befragt, wie er die Verhaftung erlebt habe. "Wir dachten, das sei eine Verwechslung und es würde sich alles aufklären." Na, dann ist ja alles klar. Wenn Marco schon selbst nicht an seine Schuld glaubt, wer sollte es dann tun?
Die Boulevardpresse und das Publikum scheinen ihr Urteil gefällt zu haben. Wer so nett lächelt und wie ein Star gefeiert wird, der kann kein böser Mensch sein. Wozu braucht man da noch Richter?
Vor acht Monaten sei er ein ganz normaler Tourist gewesen, jetzt kenne ihn jeder, und er fliege im Privatjet nach Hause. "Ein Teenager, der überglücklich ist, und sich vielleicht ein wenig wie ein Star fühlt", umschreibt RTL den Eindruck. Wozu also Ausgewogenheit, wenn ein bisschen Stimmung so gut tut? A star is born, die Mischung ist perfekt. Marco W. ist blutjung, niemand mag ihm wirklich etwas Böses zutrauen, dazu ist er stets freundlich und bemüht. Dass der Anwalt der Gegenseite noch am Tag der Entlassung eine Expertise britischer Psychologen vorgelegt haben soll darüber, dass das Mädchen tatsächlich vergewaltigt worden sein soll, tut bei so viel Starrummel nun wirklich nichts zur Sache. Bei RTL hat man den Glauben an das Gute im Menschen wiedergefunden, das ist so kurz vor Weihnachten ganz viel wert.
Ruth Schneeberger in Sueddeutsche am 17.12.2007.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/13/427768/text/

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