Heute am Gründonnerstag stehen die Füße im Mittelpunkt unseres Beobachtens. Sie erzählen viel. Die Geschichte, in der sie vorkommen, verlangt eine Fortsetzung in unserem Leben.
Beim Abschiedsmahl Jesu mit seinen Jüngern setzt er zwei große Zeichen: Wie ein Diener wäscht er ihnen die Füße, damit sie Anteil haben an ihm. Im Mahl gibt er sich ihnen zur Speise. Auf diese Weise ist er aufs Innigste mit ihnen verbunden.
Mit dem Gründonnerstag treten wir in das "sacrum triduum", also in die österliche Dreitagesfeier einer "Symphonie aus Dunkel und Licht", wie ich erst kürzlich lesen konnte. Es spielen hier Trauer, Angst, aber auch Hoffnung und Zuversicht herein. Der "Hohe Donnerstag" eröffnet drei wichtige Gedanken:
1. Jesus hatte immer eine "offene Gesellschaft" um sich und grenzte nicht aus. Er pflegte Tischgemeinschaft mit Frauen, Reichen, Sündern, Sklaven, Dirnen, Zöllnern. Auch beim sogenannten "Letzten Abendmahl" waren Menschen unterschiedlichster Charaktere bei Tisch. Grenzen die Kirchenleitungen nicht auch heute noch immer allzu viele von dieser Tischgemeinschaft aus unterschiedlichsten Gründen aus?
2. Das Amt des Dienens, Begleitens und Helfens durch das Beispiel der Fußwaschung. Sie ist nichts anderes als praktische Umsetzung des Mahles hinein in den Alltag. Mangelt es nicht auch heute sehr oft an der Hilfestellung gegenüber unseren Nächsten in einer Gesellschaft, die starke Tendenzen zur Entsolidarisierung zeigt?
3. Jesus schenkt sich selber: "So oft ihr es tut, tut es zu meinem Gedächtnis." In der Eucharistie zeigt sich "das Osterfest Christi als das 'Lebens-Mittel' und die 'Lebens-Mitte' der Kirche. Manna-Brot vom Himmel für die pilgernde Kirche," (Philipp Harnoncourt), aber auch für unsere persönliche Lebens- und Pilgerreise als Stärkung auch für manche Wüstenwanderung, die wir durchzustehen haben.
Jesus nimmt also Abschied aus dem Kreis seiner Freunde. Aber was bleibt? Erinnerungen, die verblassen, Spuren, die sich verlieren? Nein, diese Freundschaft, dieser Bund mit den Menschen soll bestehen bleiben in ganz konkreten Zeichen, im Zerbrechen des Brotes und im Dienst aneinander. Auf diese Weise bleiben Freundschaft und tiefe Verbundenheit mit Gott und untereinander bestehen. Heute werden wir in besonderer Weise daran erinnert: Wie dieses Brot zerbricht, wird auch Jesus zerbrochen, aber nicht um zugrunde zu gehen, sondern um Nahrung für alle Menschen zu sein, die sich zum Tisch des Herrn eingeladen fühlen. Kein einsames Zerbrechen, sondern ein Ausgeteiltwerden, eine Lebensbegleitung für uns Menschen, kein Tod für sich selbst, sondern Vorankündigung für die Vollendung aller. Diese Freundschaft trägt die Nähe Gottes in sich.
Der Gründonnerstag mahnt aber auch, dieses große Geschenk des gemeinsamen Brotbrechens und Mahlhaltens nicht abzuschwächen in Ersatzformen vereinfachter Feiern, weil es immer weniger Vorsteher bzw. Priester gibt.
"Gut, dass es die Pfarre gibt", Motto der vergangenen Pfarrgemeinderatswahl in Österreich. Zu ergänzen: Gut, dass es Gemeinde gibt. Sie wird aber nur bestehen können, wenn dieses wichtige Element des Brotbrechens weiter garantiert bleibt, wenn sich die Buntheit und Vielfalt der Menschen auch in einer etwas breiteren Vielfalt der Zugangsbestimmungen in den Dienstämtern der Kirche zeigt, denn Brot ist ein lebenswichtiges Nahrungsmittel, nicht nur für unser irdisches Dasein, sondern auch "Brot des Lebens", von dem Jesus selber sagt, dass Er es ist.
Gründonnerstag: Jesus schenkt sich in den Gestalten von Brot und Wein. Brot öffnet jeden Mund. Möge dieses Brot auch unseren Mund öffnen, nicht nur, um zu essen, sondern auch, um Gutes zu sagen, um einzuladen, um zu verzeihen, um Brücken zu bauen, Freundschaften anzubahnen und zu festigen zu Gott, zum Nächsten, zum Frieden in uns selbst.
Allmächtiger, ewiger Gott,
am Abend vor seinem Leiden
hat dein geliebter Sohn der Kirche
das Opfer des Neuen und Ewigen Bundes anvertraut
und das Gastmahl seiner Liebe gestiftet.
Gib, daß wir aus diesem Geheimnis
die Fülle des Lebens und der Liebe empfangen.
Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus.
MB Gründonnerstag
Herr,
gib, daß wir das Geheimnis des Altares ehrfürchtig feiern;
denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen,
vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung.
Durch Christus, unseren Herrn.
MB Gründonnerstag
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater,
allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Als der wahre und ewige Hohepriester
hat er die Feier eines immerwährenden Opfers gestiftet.
Er hat sich selbst als Opfergabe dargebracht
für das Heil der Welt
und uns geboten,
daß auch wir diese Gabe darbringen zu seinem Gedächtnis.
Er stärkt uns,
wenn wir seinen Leib empfangen,
den er für uns geopfert hat.
Er heiligt uns,
wenn wir sein Blut trinken,
das er für uns vergossen hat.
Darum singen wir mit den Engeln und Erzengeln,
den Thronen und Mächten und mit all den Scharen
des himmlischen Heeres
den Hochgesang von deiner göttlichen Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Eucharistie 1
In Wahrheit ist es würdig und recht,
dir, Herr, heiliger Vater, allmächtiger, ewiger Gott,
immer und überall zu danken
durch unseren Herrn Jesus Christus.
Denn er hat beim Lezten Abendmahl
das Gedächtnis des Kreuzesopfers gestiftet
zum Heil der Menschen bis ans Ende der Zeiten.
Er hat sich dargebracht als Lamm ohne Makel,
als Gabe, die dir gefällt,
als Opfer des Lobes.
Dieses erhabene Geheimnis heiligt
und stärkt deine Gläubigen,
damit der eine Glaube
die Menschen der einen Erde erleuchte,
die eine Liebe sie alle verbinde.
So kommen wir zu deinem heiligen Tisch,
empfangen von dir Gnade um Gnade und
werden neu gestaltet nach dem Bild deines Sohnes.
Durch ihn rühmen dich Himmel und Erde,
Engel und Menschen und
singen wie aus einem Munde
das Lob deiner Herrlichkeit:
Heilig ...
MB Eucharistie 2
Jesu Sicht auf seine Jünger war immer die Perspektive des Vaters.
Was er für die Jünger empfand, wollte er ihnen geben.
So lasst uns zu diesem Vater rufen:
Herr, in den Zeichen der Liebe bist du deinen Jüngern so nahe gekommen,
dass sie darin deinen Frieden in Fülle spüren konnten.
Bevor auch wir nun in der Eucharistie deiner Liebe begegnen,
bitten wir dich:
Schaue nicht auf unsere Sünde. . .
Allmächtiger Gott,
du hast uns heute
im Abendmahl deines Sohnes gestärkt.
Sättige uns beim himmlischen Gastmahl
mit dem ewigen Leben.
Darum bitten wir durch ihn, Christus, unseren Herrn.
MB Gründonnerstag
Du bist Brot -
als Leben selbst gegeben.
Brot, das satt macht
und mit Leben füllt.
Brot,
das tröstet,
das stärkt,
das Mut macht
für das ewige Leben.
Aus: Ilse Pauls, Worte am Weg. Gedichte. Wolfgang Hager Verlag, A-8852 Stolzalpe 70.
Das zentrale Sinnbild von Geborgenheit ist wahrscheinlich der Mutterleib. Da war ich geschützt, warm gehalten, wurde sanft vom Fruchtwasser hin und her gewiegt. So mancher Psychologe sagt, das sei der Ursprung jener Sehnsucht. Und eine Frau, die ein Kind in sich wachsen spürt, wird diese Geborgenheit wahrnehmen. Es hat sich auch im 21. Jahrhundert nichts daran geändert, dass dies immer noch ein Wunder ist - auch wenn die Schwangerschaft schwierig oder unerwünscht ist oder von Furcht begleitet. Ein Mensch geborgen in einem anderen Menschen - welch eine Erfahrung! Und wir haben sie alle gemacht...
[... ]
Geborgenheit meint ein Wohlgefühl, das nicht durch Sicherheit hervorgerufen wird, sondern die Erfahrung von Wärme, innerem Frieden, Ruhe und Nähe. Als ich versucht habe, einer Amerikanerin zu erklären, worüber ich in diesen Tagen schreibe, habe ich gemerkt: Es gibt im Englischen eigentlich gar keinen angemessenen Begriff dafür. Und so fand ich es auch gar nicht verwunderlich, dass der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut "Geborgenheit" 2004 im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache kürten. Eine Frau aus der Slowakei hatte den Begriff vorgeschlagen, weil er in ihrer Sprache nicht vorkomme ...
Der Begriff "Geborgenheit" scheint auf den ersten Blick vielleicht etwas romantisch oder emotional oder auch altmodisch. Auf dramatische und höchst aktuelle Weise wurde jedoch deutlich, was "bergen" bzw. "geborgen werden" bedeutet, als chilenische Bergleute im Sommer 2010 in einem Schacht tief unter der Erde eingeschlossen waren. Sie überlebten das Unglück, hausten nun aber weit unter der Erde. Zum Glück gab es nach zwei Wochen Kontakt zur Außenwelt. 69 Tage waren die 33 Männer eingeschlossen. Und endlich, am 12. und 13. Oktober, wurden sie geborgen, einer nach dem anderen. Eine Rettungskapsel machte die Bergung möglich. Fernsehsender aus der ganzen Welt berichteten über dieses Ereignis. Menschen fieberten mit, beteten, hatten Angst, und am Ende brach sich unter Tränen überschwänglicher Jubel Bahn. Ich denke, dass deshalb so viele Menschen rund um den Globus diese Ereignisse verfolgt haben, weil die Sehnsucht, jemanden zu bergen oder selbst geborgen zu sein, so groß ist. Und selbst wenn solch wundersame Bergung nicht gelingt, wollen wir doch die Toten bergen - damit sie einen Ort finden, an dem sie Ruhe finden, wir sie betrauern können.
Aus: Margot Käßmann, Sehnsucht nach Leben. Mit Bildern von Eberhard Münch. adeo Verlag in der Gerth Medien GmbH, Asslar 2011.
Warum hat Jesus sich mit Zöllnern und Sündern, mit Armen und Verlassenen an einen Tisch gesetzt? Viel leichter wäre doch gewesen, was alle anderen taten und tun: das Tischtuch zu zerschneiden und getrennt zu sitzen - die Armen in ihren Hütten, die Reichen im Schlemmerlokal, die Bürgerlichen beim Stammtisch, alle jeweils unter sich. Nein: Jesus durchkreuzt solche Abgrenzungen, er bildet eine neue Gemeinschaft. Er ist überzeugt, dass Gottes Reich angebrochen ist, die Weltherrschaft seiner zuvorkommenden Güte. Da ist jeder wichtig und deshalb sind die Ärmsten und Isoliertesten für ihn die ersten Adressaten.
Worum es ihm geht, das fasst er wie in einem Vermächtnis zusammen im Letzten Abendmahl: Noch in der Nacht des Verrates und angesichts des Todes - jeder andere wäre eher verzweifelt oder hätte gekniffen - bricht er das Brot, teilt er sich aus und mit. Alle sollen ein für allemal erkennen, wer er ist und wer Gott ist. Ausdrücklich heißt es ja im Kelchwort: »Für euch und für alle.« Das alles Entscheidende daran ist die Kraft seines Lebens für andere; dadurch stiftet er Versöhnung, schenkt er Vergebung, ermöglicht er Wandlung. Deshalb Eucharistie, deshalb das Fest der Danksagung.
Mutter Teresa sagte: Keiner darf so aus der Kirche herausgehen, wie er hineingegangen ist. Es ändert sich ja etwas. »Wandlung« sagen wir. Durch Gottes Heiligen Geist werden Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Er ist ganz da in unserer Mitte, er wird uns in die Hand gegeben. Wie geht er in uns ein? Wird er empfangen oder nur geschluckt? Wie wird er »verdaut«? Wenn wir ihn in Brot und Wein wirklich zu uns nehmen mit allem, was er ist und was ihn ausmacht, dann müsste sich das auswirken. Jedenfalls haben wir es mit in der Hand, ob wir uns durch ihn und in seinem Sinne wandeln lassen und durch uns die Welt gewandelt wird, ein Stück wenigstens.
Die Person Jesu ist nicht in gleicher Weise verfügbar, wie Brot und Wein verfügbar sind. Wer ihn nur einfach schlucken will, verschluckt sich.
Gegner können miteinander reden, geballte Fäuste können sich öffnen zum Friedensgruß. An einer alten Kirche steht zu lesen: »Hier tritt man ein, um Gott zu lieben. Von hier geht man fort, um die Menschen zu lieben.«
Leib Christi
»Das ist mein Leib für euch.« Das Wort der Wandlung! Indem Christus so mit Leib und Blut real präsent ist, ganz da für uns, geschieht etwas mit uns. Die Wandlung geht nicht über uns hinweg oder an uns vorbei, sie erfasst uns selbst. Wir werden Leib Christi.
Die Kirche ist der Leib Christi, sagen wir. Was heißt das? Es kommt nicht von ungefähr. Der Grund liegt im Abendmahl: »Das ist mein Leib für euch.« Bedenkt, was dieser Leib in sich hat, er schließt euch zum Leib Christi zusammen. »Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi« (Augustinus).
Von hierher wird deutlich, wer zum heiligen Mahl einlädt. Nicht wir laden ein; die Tischgemeinschaft erwächst nicht aus unserer gegenseitigen Sympathie, nicht einmal aus unserer »Würdigkeit«. Christus lädt ein; es geht an den »Tisch des Herrn«, zum »Mahl des Lammes«. Er und er allein steht in der Mitte, er und er allein will gehört und empfangen werden. Der Priester handelt in seinem Auftrag, »in persona Christi«.
Worauf alles ankommt, ist dies: Der Herr schenkt sich selbst in seinem Mahl. Alles andere, auch das Miteinander, bekommt von daher seine Begründung. Erst die Gemeinschaft mit dem Leib Jesu Christi bewirkt die Gemeinschaft im Christusleib der Kirche. Darum gibt es auch eine Unwürdigkeit gegenüber dem Leib Jesu Christi selbst. Das darf gerade heute bei dem häufigen Kommunionempfang nicht in Vergessenheit geraten. Der Altartisch, der Tisch des Herrn, darf nicht mit einem x-beliebigen Tisch verwechselt werden. Unterscheidung tut not. Wer nicht an die Gegenwart des Herrn glaubt, darf nicht zu seinem Tisch treten.
Aus: Franz Kamphaus, Hinter Jesus her. Anstöße zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010.
Vor etwa zwanzig Jahren fuhr ich mit einigen Freunden in die Wüste Sahara. Da man bei solchen Unternehmungen nicht sicher ist, wie sie ausgehen, habe ich vorher noch ein Testament gemacht. Für ein Testament ist zu überlegen, was im Fall des Todes mit dem angehäuften Mammon geschehen soll. Es stellt sich dabei aber auch die Frage, auf welchen Nenner ich mein Leben eigentlich bringen will, was tatsächlich im Angesicht des Todes wichtig geworden ist, was letztlich im Schmelztiegel des Sterbens noch Bestand hat. Was ist nämlich das Typische meines Lebens? Was möchte ich weitergeben und verschenken? Worin kann mein Leben zur Gabe werden? Was ist mein letzter Wille? Welche Texte der Heiligen Schrift sollen bei meinem Begräbnis verkündet werden? Welches Wort soll auf der Todesanzeige stehen? Jesus hat uns am Abend vor seinem Tod seinen letzten Willen kundgetan: "Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe (Joh 13,14)
Es gibt Handlungen im menschlichen Leben, die oberflächlich erledigt werden. Manche Geschäfte erschöpfen sich im augenblicklichen Vorgang. Es gibt aber auch Zeichen, Worte und Taten, von denen wir überzeugt sind: Diese sind mir ganz wichtig, da ist alles zusammengefasst, was mir bedeutsam ist, da stecke ich ganz drinnen, an dieser Geste bin ich selber zu erkennen. Das kann ein bestimmtes Wort sein, ein Händedruck, eine Geste, ein Kuss, eine Umarmung, ein Symbol. Jesus hat uns ein solches Zeichen geschenkt, das ganz typisch ist für ihn, ein Zeichen, das sein ganzes Leben symbolisch zusammenfasst und in dem er ganz drinnen steckt. "Und sie erkannten ihn, als er das Brot brach" (Lk 24,35).
Von Pfarrern, Politikern und Wirtschaftsmanagern heißt es, dass sie sich gerne Denkmäler setzen. Waren es früher Triumphbögen oder Paläste, so sind es heute eher Straßen, Brücken und soziale Einrichtungen. Wichtig ist die Gedenktafel, deren Inschrift kommende Generationen an die großen Namen erinnern soll. Jesus hat uns ein solches Denkmal hinterlassen, eine Geste, mit der er über die Zeiten hinweg überliefert werden wollte. Die Eucharistie und die Fußwaschung sind Tradition im ursprünglichen Sinn Jesu. Sie sind die Weise, mit der das Gedächtnis an Jesus lebendig erhalten werden soll.
Jesus nahm Brot
Es gab Zeiten, in denen bei uns das Brot heilig war. Bevor ein Laib Brot angeschnitten wurde, wurde er gesegnet. Brot galt als Gabe Gottes, von der nichts verlorengehen durfte. Heute ist das Brot ein Wegwerfprodukt. Es landet - nicht bloß in den Schulen - in den Abfallkübeln. Millionen Tonnen Weizen werden ins Meer geschüttet. "Das Brot und das Wort sind Kleingeld geworden. Wir beten um tägliche Abfallkübel" (Christine Busta). Verloren ist der ehrfürchtige und aufmerksame Umgang mit Brot. Da nützt auch die sympathische Werbung für "das Körberl" nicht viel. Die Heiligkeit des Brotes ist auch nicht durch Bilder von hungernden Kindern in der Dritten Welt wiederzugewinnen, die uns ein schlechtes Gewissen einreden.
Was bedeutet Brot als sakramentales Zeichen? Das Brot ist transparent auf die Erde hin, wie es im Gabengebet der Eucharistie heißt: "Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde ...", auf den Humus hin. Im Brot steckt die ganze Mühe, der Schweiß der menschlichen Arbeit. Das Brot nimmt die glanzlose Alltäglichkeit mit hinein, in der es nichts Besonderes, keine Aktion, keine Show, keine Unterhaltung gibt.
Brot ist transparent auf das Du, auf das tägliche Miteinander hin. Das ist schon von den Arbeitsgängen her so. Arbeit muss ja nicht isolieren, sie kann auch eng miteinander verbinden. Ausdrücklich wird das Miteinander im gemeinsamen Essen, im Mahl. Es wäre schlimm, wenn wir "Eigenbrötler" würden.
Wenn Jesus dieses Brot zum Sakrament macht, so will er damit sagen: Ihr selbst, euer Leben, eure Arbeit, eure Gemeinschaft sollen zum Leib Christi werden. "Empfangt, was ihr seid, Leib Christi. Werdet, was ihr empfangt, Leib Christi", wie der Hl. Augustinus beschreibt. Heilige Messe und Leben sind nicht zwei Paar Schuhe. Wenn manchmal zu hören ist: Die Messe hat mir nichts zu sagen, die Eucharistie gibt mir nichts, oder wenn manche meinen, die Messe hätte nichts mit dem Leben zu tun, so kann das auch daran liegen, dass das Leben verkehrt, verblendet und entfremdet ist. In der Eucharistie wird gebündelt, was im Leben wichtig ist, ja, wie Leben gelingen kann.
Jesus nahm den Kelch mit Wein
"Das ist der Kelch des Neuen und Ewigen Bundes", heißt es dann im Hochgebet. Im Bund steckt die Verbindung, das Sich-Binden, die Verbindlichkeit. Das passt nicht zum Kult der Unverbindlichkeit, die alle Möglichkeiten offenhalten will. - Jesus ist das Ja Gottes in letzter, nicht mehr zurücknehmbarer Verbindlichkeit. Wenn er dieses Ja Gottes im Angesicht des Todes spricht und lebt, so ist es nicht mehr zerstörbar. Von Jesus her hat Gott nicht zwei Seiten: ein lächelndes, liebes und ein grausames Gesicht. Gott hat keinen Januskopf, er ist keine Chimäre. Im Kelch wird diese Treue der Liebe und des Bundes Gottes mit uns Menschen deutlich. Jedes Mal wieder.
Für euch ...
In den Wandlungsworten steckt das bedeutungsschwere Wort: "Für euch". Früher hat man dafür die Worte Stellvertretung und Sühne verwendet. Stellvertretung heißt bei der Eucharistie nicht, dass es da die billige Gnade ohne den Preis der Umkehr gäbe und wir uns die Wandlung, die Umkehr ersparen könnten. Im Gegenteil!
Stellvertretung heißt bei der Fußwaschung nicht, dass wir uns einen Vertreter, einen Ersatzmann suchen und uns so den Dienst, das Beugen auf den Boden, das Einatmen des Fußgeruches ersparen könnten. Im Gegenteil!
Jesus hat bei der Eucharistie und bei der Fußwaschung als Einzelner getan, was auf alle übergehen soll. Er will durch sein Tun die Freiheit des Dienstes und der Hingabe in uns freisetzen.
Christen müssen zu Stellvertretern werden, die die Stelle im Leben, in der Gesellschaft freihalten, die allein Gott gebührt. Christen müssen zu Stellvertretern werden auch in der Caritas, sie müssen den Platz für die Würde des Menschen freihalten, für den Armen, den Behinderten, den Fremden, gerade auch dann, wenn es heißt, dass das Boot -mit Ramsch! - voll ist. Stellvertretung üben heißt, dort Freiräume der Liebe zu schaffen, wo die Freiheit mit Füßen getreten wird. Jesus hat das "Für euch" gerade in einer Situation des Nicht-Verstehens, der Ablehnung und der Gleichgültigkeit gelebt, er hat es gratis, umsonst getan. An ihm konnte sich die Sünde totlaufen, er litt die Konsequenzen der Schuld aus.
Jesus hat uns seinen letzten Willen hinterlassen, er hat uns sein Testament gegeben. "Tut dies zu meinem Gedächtnis", sagte er, "damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe" (vgl. I Kor 11,24f bzw. Joh 13,15).
Aus: Franz Kamphaus, Hinter Jesus her. Anstöße zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010.
Unser Brot - Dein Brot
Dein Brot - unser Brot
Unser Wein - Dein Wein
Dein Wein - unser Wein
Unser Leben - Dein Leben
Dein Leben - unser Leben
Unsere Gedanken - Deine Gedanken
Deine Gedanken - unsere Gedanken
Unsere Welt - Deine Welt
Deine Welt - unsere Welt
durch Jesus Christus, unseren Herrn
Aus: Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt. Gebete des Lebens, Herder 1986.
Es gibt Menschen, die stecken andere an -
mit ihrer Fröhlichkeit, mit ihrem Optimismus,
mit ihrem Humor.
Es gibt Menschen, die strahlen etwas aus.
In ihrer Gegenwart fühlen wir uns wohl.
Ihr Reden ermuntert, ihr Schweigen ist beredt.
Sie meiden das Laute; sie lieben die Stille.
Es gibt Menschen, die wünscht man sich zu
Freunden. Sie sind uns sympathisch
vom ersten Augenblick unserer Begegnung an.
Sie wirken gelassen, herzlich, selbstlos.
Es gibt Menschen, die künden Freude
schon allein durch ihr Da- und Sosein.
Sie leben die Frohbotschaft...
Aus: Adalbert Ludwig Balling: Der Seele Flügel verleihen, Agentur des Rauhen Hauses Hamburg.
Die Apostel, vor allem Petrus, sind bestürzt. Das passt überhaupt nicht in ihr Konzept. Damit können sie nichts anfangen. Petrus ist entrüstet: "Herr, du willst mir die Füße waschen?" (...) Es ist gar nicht so leicht, die Liebe Jesu zuzulassen, weder in ihrer erhabenen Gestalt noch in ihrer Entäußerung. Es ist gar nicht so leicht, sich ganz von Jesus lieben zu lassen. Etwas in uns sträubt sich dagegen. Aber Jesus sagt: Wenn du diese Liebe bis zum Äußersten nicht zulässt, gehörst du nicht zu meinen Jüngern, zu meinen Geistesverwandten.
In Ehrfurcht wollen wir schauen, wie Jesus den Jüngern die Füße wäscht. Erst Petrus, der sich geschlagen gibt, denn zu Jesus will er gehören. Das geht ihm über alles.
Dann kommt Jesus [zu allen anderen Jüngern]. Dann komme ich an die Reihe. Jesus fragt mich: Soll ich dir die Füße waschen? Ich weiß, das bedeutet tiefes Anteilhaben an allem, was sein ist, an seiner Freude und seiner Trostlosigkeit, an seinen Siegen und seinen Qualen, an seinem Tabor und seinem Kalvarienberg, an seinem Leben und an seinem Tod. Bin ich bereit? Bin ich bereit, seine Kleider zu tragen? Bin ich bereit, in seinem Geist zu leben? Bin ich bereit zu lieben, wie er liebt? Auch das gehört zur Wahrhaftigkeit der Eucharistiefeier.
Aus: Piet van Breemen; Was zählt, ist die Liebe. Exerzitien für den Alltag. Herder Verlag Freiburg - Basel - Wien 1999.
Noch erstaunlicher ist, dass Jesus uns bei beiden Gesten aufträgt, wir sollten das Gleiche tun. Nachdem er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, sagt er: "Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe." (Johannes 13, 15) Und nachdem er sich selbst zur Speise und zum Trank gegeben hat, sagt er: "Tut dieses zu meinem Gedächtnis!" (Lukas 22, 19) Jesus beruft uns, seine Sendung, die vollkommene Liebe Gottes in dieser Welt zu offenbaren, fortzuführen. Er beruft uns zur völligen Selbsthingabe.
Wir wollen nichts für uns selbst behalten, sondern unsere Liebe soll so voll, so radikal, so umfassend sein wie seine. Er will, dass auch wir uns bis zum Boden beugen und einander die Stellen berühren, die es am meisten nötig haben, gewaschen zu werden. Er will, dass auch wir zueinander sagen: "Esst von mir und trinkt von mir." So sollen wir durch dieses umfassende wechselseitige Einander Ernähren ein Leib und ein Geist werden, geeint von der Liebe Gottes.
Als Toni zu seiner Gemeinschaft von der Liebe Jesu sprach und als ich sah, wie er ihnen die Füße wusch und ihnen das Brot und den Wein gab, kam es mir vor, als erhaschte ich kurz einen Blick auf das neue Reich, das zu bringen Jesus gekommen war. Jeder und jeder im Raum wusste, wie weit sie oder er noch davon entfernt war, ein vollkommener Ausdruck der Liebe Gottes zu sein. Aber ebenso war jeder bereit, einen Schritt in die Richtung zu tun, die Jesus gewiesen hatte.
Das war ein Abend in Paris, den ich nicht so schnell vergessen werde.
Aus: Henri Nouwen, Jesus, Eine Botschaft, die Liebe ist, Freiburg, 2003.
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Bleibt hier - bleibt stehen
Bleib hier - halt inne
Bleib hier - komm zur Ruhe
Bleib hier und nimm deine Aufgekratztheit wahr
Bleib hier und spür die Unruhe
Bleib hier trotz Juckens und Hin- und Herrutschens
Bleib, statt dich zu verduften
Bleib, nicht, als gäbe es groß was zu tun
Bleib, weil du einfach hier gebraucht wirst
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Bleib, weil genau du gebraucht wirst
Bleib, wenn du ehrlich zu mir stehst
Bleib, wenn deine Solidarität mehr ist als ein Schönwetterspruch
Bleib, wenn der Rest der Welt sich aus dem Staub macht
Bleib, wenn du fürchtest, den Kürzeren zu ziehen
Bleib, wenn du Angst hast, allein zurückzubleiben
Bleib, um Zeichen zu sein gegen das schnöde Vergessen
Bleib - und entdecke den Raum der stillen Treue
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Bleib hier bei mir
Bleib, weil ich es bin
Bleib, ja was brauchst du sonst für Gründe
Bleib, ich bin es
Bleib, ich brauche deine Nähe
Bleib, ich brauche deine Gegenwart
Bleib, ich brauche Zeugen
Bleib, ich brauche Zeugen für den unerhörten Vorgang
Bleib, sonst wird man es uns nicht glauben
Bleib, steh ein für der Liebe Sinn
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Bleib, so sagen es die Augen der Kranken
Bleib, so sagt es uns das Kind
Bleib, fleht ein Einsamer
Bleib nah am Saum des Elends
Bleib solidarisch mit der Gottverlassenheit
Bleib am Rande des Scheiterns
Bleib, den Opfergang zu beherzigen
Bleib und trotze dem blinden Schicksal
Bleib dort, wo sich der Abgrund aufgetan hat
Bleib, den ewigen Gott in diesem Abgrund zu beschwören
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Wachet mit mir
Wachet, denn Schläfer gibt es genug
Wachet, denn das Heil ist schnell verschlafen
Wachet, denn das Himmelschreien der Geschundenen weckt
Wachet, denn die Verzweiflung der Kreatur braucht Zeugen
Wachet, denn Ablenkung und Unterhaltung schläfern die Liebe ein
Wachet, denn das will ausgehalten sein
Wachet, denn das erklärt sich nicht hoppla hopp
Wachet und fragt, Herr, wie lange noch
Wachet mit allen, die vor Schmerzen keine Ruhe finden
Wachet mit allen, deren Schlaf auf Lebenszeit zerstört ist
Wachet und beherzigt das himmelschreiende Grauen
Wachet und nehmt Maß an der größeren Liebe Christi
Bleibet hier und wachet mit mir,
wachet und betet, wachet und betet.
Quelle unbekannt
Vom menschlichen Hunger und dem Augenblick der Ewigkeit
»Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön!« Diese Worte pflegen Menschen zu sagen, wenn sie in einer Liebesbeziehung mitten im Strudel der Zeit Oasen der Ewigkeit erleben dürfen und deshalb wünschen, dass die Zeit stehen bleibt. Indem sie sich gegenseitig in die Augen blicken, möchten sie am liebsten den »Augenblick« - im tiefen Doppelsinn dieses Wortes - festhalten. Solche Oasen der Ewigkeit mitten in der Zeit brauchen wir Menschen auch im Leben des Glaubens. Die christliche Tradition nennt sie die Zeit der Anbetung Gottes. Diese ist eine qualifizierte Zeit, die Zeit Gottes mitten in der Weltzeit und auch gegen sie, nämlich als Unterbrechung des natürlichen Zeitenlaufs. Anbetung Gottes ist der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit der Welt, auch wenn es nur für die Zeitspanne eines »Augenblicks« ist.
Aufrechter Gang und Kniefall vor Gott
»Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön!« Diese Worte werden auch Glaubenden immer wieder im Herzen hochsteigen, wenn sie die eucharistische Anbetung pflegen. Hier erleben sie den Augen-Blick schlechthin, nämlich den Blick Jesu Christi, der uns ansieht und uns sein An-Sehen schenkt, ja der uns ein solches Ansehen schenkt, dass wir im Herzen froh werden dürfen. Was aber wäre in der Welt und Kirche heute Not-wendiger als die Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben? Diese Gegenwart Jesu Christi wird uns in besonderer Weise in der eucharistischen Anbetung geschenkt, in der wir Augen und Herzen ganz auf den richten, der uns auf eine so liebenswürdige Weise nahe sein will.
»Anbetung« ist freilich ein arg unmodernes Wort geworden. Auf das erste Zusehen hin ist dies sogar verständlich. Denn Anbetung bedeutet, dass Menschen vor Gott, und zwar im buchstäblichen Sinn, in die Knie gehen. In die Knie zu gehen empfinden Menschen heute aber weithin als Entwürdigung oder gar als Demütigung. Denn wir haben gelernt, den aufrechten Gang zu lieben, und haben Angst, das Rückgrat zu verlieren. Und dies mit bestem Recht! Denn in der Welt muss man »den Mann« und »die Frau stehen«, in der Welt darf man in der Tat vor niemandem in die Knie gehen, und in der Welt ist nichts und niemand anzubeten. Die Anbetung Gottes hingegen schenkt die heilsame Erfahrung: Nur wer ein starkes Rückgrat hat, kann sich so tief bücken, weil er dankbar erspürt, dass er seinen aufrechten Gang gerade dem verdankt, vor dem er in die Knie geht und den er anbetet. Den aufrechten Gang in der Welt lernt der Mensch im Kniefall vor Gott.
Solche Anbetung Gottes vermag nur im Lebensraum eines radikalen Vertrauens zu gedeihen. Denn Vertrauen bedeutet, sich selbst aus dem Gefängnis des eigenen Ich zu lösen und demjenigen, dem man begegnet, zu trauen und sich ihm anzuvertrauen. Da sich im Vertrauen aber die tiefste Sehnsucht des Menschen nach einer maßlosen Erfüllung seiner ebenso maßlosen Hoffnungen zum Ausdruck bringt, kann solches Vertrauen in der Welt nie aufgehen. Die Welt ist, um mit dem Dichter KURT TUCHOLSKY zu sprechen, »eine Nummer zu klein geraten, um die unendliche Sehnsucht eines Menschen stillen zu können«. Diese tiefe Wahrheit äußert sich sogar noch in der Sucht, die nicht zufälligerweise in der heutigen Zeit so weit verbreitet ist. Denn selbst noch die Sucht ist ein Zeichen eines maßlosen Hungers, der in dieser Welt nie befriedigt werden kann.
Es ist kein Zufall, dass wir in der biblischen Botschaft immer wieder den Bildern von Hungern und Dürsten begegnen, um die tiefste Sehnsucht des Menschen auszudrücken. Der christliche Glaube weiß von einem maßlosen Hunger; ja er selbst ist dieser Hunger. Denn »christlicher Glaube ist heiß auf das, was kommt. Er gibt sich nicht zufrieden mit dem, was ist. Er ist auf den richtigen Geschmack gekommen für das, was wahr ist und bewährt, auch wenn es noch nicht voll da ist« (BISCHOF FRANZ KAMPHAUS).
Aus: Kurt Koch, Bereit zum Innersten. Für eine Kirche, die das Geheimnis lebt. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.
Das Brot ist neben dem Kreuz das größte Symbol des christlichen Glaubens. Das ist nicht verwunderlich: Es gibt im Deutschen das Wort "Kumpan” für einen Menschen, der mir im Alltag verbunden ist, der die gleichen Erfahrungen mit mir macht, die gleiche schwere Arbeit zu leisten hat, der mit mir so vieles teilt, was der Tag bringt. Das Wort kommt vom Lateinischen: conpanis und bedeutet also ein Mensch, der mit mir durch das tägliche Brot verbunden ist, oder um es noch wesentlicher zu sagen: Er ist Mit-Brot, er ist mir Brot, ich bin ihm Brot.
Auch im Französischen gibt es dieses Wort: copain, es meint den Menschen, der sich aus allen anderen heraushebt und der mir in Freundschaft verbunden ist, einen Menschen, der mir viel bedeutet, der mir so notwendig ist wie das tägliche Brot.
Ich glaube, daß wir von daher einen neuen Zugang zur Eucharistie bekommen könnten: Wir sind alle einander "Kumpane”, "copains”, Menschen, die einander Brot sind, die einander in Glaube, Hoffnung und Liebe nötig haben wie das tägliche Brot. Und diese Erfahrung übersteigt eine bloß menschliche Annahme. Wir sind das füreinander, weil Jesus Christus unser Kumpan ist, unser copain, Gott und Mensch, der mit uns unser Leben teilt, der uns sein Leben mitteilt als Brot für das Leben der Welt.
Von dieser Brotfeier könnte sich eine neue Welt aufbauen: Zwei oder drei sind in Christus versammelt und lernen sich von Christus her neu verstehen, eben als "Kumpane". Um diesen kleinen Kreis herum können sich neue Kreise bilden, bis die ganze Welt erfaßt ist. Darum gehört die Offenheit für die ganze Welt zum Wesen dieser Feier. Darum nennt man im Gottesdienst auch die Namen des Papstes und verweist auf alle Bischöfe, Priester und Diakone, weil sich eben von dieser Feier her die ganze Welt neu aufbaut. Und darum hat man in der alten Kirche vor der Kommunion immer ein Stück der konsekrierten Hostie in den Wein gesenkt und dabei an andere Eucharistiegruppen der Stadt, des Landes, der Welt gedacht. Und darum hat man den Gottesdienstteilnehmern Hostienbrote mitgegeben, damit die Kranken und anderen, die nicht an der Feier teilnehmen konnten, mit in die neue Welt der "Kumpane” Christi einbezogen werden konnten.
An diese Überlegung möchte ich zwei faszinierende Gedanken des heiligen Franziskus anschließen. Zunächst einmal diesen: Franziskus hat das Symbol des Brotes bzw. die Feier der Eucharistie entgrenzt. Er bleibt nicht in der Kirche oder in einer bestimmten zeitlichen Dauer der Messe. Er sieht die Eucharistie überall auf der Welt. Am besten, ich erzähle aus der Lebensgeschichte des Heiligen: Franziskus erfährt in seiner Armut immer wieder die menschliche Not. Und nun umgibt er diese Not sozusagen mit einer eigenen Liturgie. Die Brüder sollen sich aufmachen und von Tür zu Tür gehen. Sie sollen dann sagen: "Gepriesen sei der gute Gott”, gleichsam als Eröffnungsspruch für eine eigenartige Kommunionfeier.
Dann folgt die Bitte: "Wegen der Liebe, mit der Gott liebt, helft mir in meiner Not.” Und das Brot, das man dann bekommt, soll wie eine Hostie ehrfürchtig entgegengenommen werden. "Denn es ist heiliges Brot, das durch das Lob und die Liebe Gottes geheiligt ist." Um das zu verstehen, muß ich hinzufügen, daß man damals schon, wie übrigens teilweise heute noch, die Hostie heiliges Brot nannte. Und "heiligen" war damals das Wort für konsekrieren.
Mit anderen Worten: Die Eucharistie vollzieht sich nicht nur als Feier in der Kirche, sondern auch in der Erfahrung von Hilfe, in der liebenden Begegnung der Menschen.
Ganz auf dieser Linie liegt, wenn Franziskus den Ausdruck "Tisch des Herrn" nicht für Kommunionbank oder Altar - wie wir vermuten würden - gebraucht, sondern eben für Caritas, spontane Hilfe, für das Teilen im Alltag.
Eucharistiefeier und Alltag gehören also zusammen. Sie verhalten sich wie das Symbol zur Wirklichkeit, auf die es hinweist: Wir sind Kumpane nicht nur in einem symbolischen Sinn, sondern wirklich. Wir müssen das Symbol umsetzen in die tägliche Praxis, in die gegenseitige Hilfe hinein, in Schenken und Empfangen.
So dürfen wir auch folgende Geschichten eucharistisch, als Wirklichkeit der Eucharistie im Alltag, deuten.
Einmal hatten sich Franziskus und seine Brüder ein strenges Fasten vorgenommen. Sie wollten mit Jesus in der Wüste solidarisch sein und so ganz Gott gehören. Vierzig Tage lang sollte dieses Fasten dauern. Und nun geschieht es, daß eines Nachts einen Bruder so der Hunger plagt, daß er es nicht mehr aushält und weint und schreit. Was tut Franziskus? Er hört das Weinen und Seufzen dieses Bruders, steht auf, schaut, was im Hause ist an Brot, Rüben, Trauben, Wein und bereitet ein festliches Mahl. Und damit der Bruder wegen seiner Schwäche sich nicht schämen muß, fängt Franziskus mit dem Essen und Trinken an.
Das ist Eucharistie im Alltag: Einfühlung, Solidarität, Teilen.
Ein anderes Mal sieht Franziskus, wie ein Bruder krank und schwach herumläuft. Er denkt sich, daß ihm vielleicht ein paar Trauben Freude bereiten und ihm neue Kraft geben könnten. Er lädt den Bruder zu einem kleinen Spaziergang in den Weinberg ein und setzt sich mit ihm unter eine Rebe, und sie geben sich nun gegenseitig köstlich süße Trauben.
Das ist Eucharistie im Alltag, die Kommunion der Aufmerksamkeit, der Geschwisterlichkeit und des Teilens.
Ein zweiter Gedanke, der mich bei Franziskus so fasziniert: Franziskus glaubt nun, daß Christus allgegenwärtig ist: im Wort, im Sakrament, in den Aussätzigen, in den Armen, aber auch - und das ist das Ungewohnte - in den Reichen. Franziskus unterscheidet nämlich zwei sich ergänzende Aspekte an Christus: Da ist einmal Christus, insofern er Not leidet, ohnmächtig ist, arm, abhängig, auf die Hilfe anderer verwiesen - und auf diese Weise ist er in den Armen, Kranken, Aussätzigen, Bettlern gegenwärtig bis ans Ende der Welt. Und dann ist da Christus, insofern er glücklich, mächtig und voll Kraft ist, reich, frei, großzügig im Schenken - und auf diese Weise ist er - aber nur so! - in den Gesunden und Erfolgreichen.
Was nun aber entscheidend ist: Christus ist nur dann im vollen Sinne gegenwärtig, nur dann wirklich ganz erfüllend da, wenn sich die beiden Gruppen geschwisterlich im Empfangen und Schenken entsprechen, was im lebendigen Hin- und Herfließen der Liebe erfahrbar wird. Nur im Teilen, in das alle einbezogen sind, ist Christus real präsent, mit Leib und Blut da - jetzt und in alle Ewigkeit.
Darum ist das Brot die Hoffnung der Welt - wie das Kreuz, an dem sich Jesus hingab für alle.
Aus: Anton Rotzetter, Gottes Leidenschaft ist Liebe. Der Sinn von Kreuz und Auferstehung. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1990.
Einen Tisch träume ich
unendlich in allen Dimensionen
ungezählten Menschen bietet er Platz
an dem Hände sich berühren
Blicke sich begegnen
Worte Wiederklang finden
Einen Tisch träume ich
der aller Gastgeber ist
jeder - so gewollt - wie Platz genommen
einfach willkommen
Einen Tisch träume ich
an dem kein Mund leer
kein Herz trocken bleibt
Worte werden gereicht
die nach Dank schmecken
Lieder gesungen
einfach zum Geschenk
Ein Stück Brot und ein Schluck Wein sättigen
auch für diesen Morgen
jenseits von Raum und Zeit
mit Dir
Ich träume ein Mahl das die Menschen vereint
von allen Gesichtern dieser Welt lebt
ein Krümel die Welt sättigt
und ein Schluck spüren lässt:
"Du bist aller Gastgeber"
Aus: Gemeinsam entdecken. Ökumenische Gebete und Meditationen, Herausgegeben von Marcus Leitschuh und Cornelia Pfeiffer. Bonifatius / Verlag Otto Lembeck, Paderborn / Frankfurt am Main 2003.

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